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Chronologie der Schweizer Medienkonzentration

Die letzten 25 Jahre im Überblick.

Von Christof Moser, Dennis Bühler und Michael Kuratli, 17.05.2018 (aktualisiert am 15.11.2018)

Die 1990er-Jahre: Erste Grossfusionen in Luzern und in der Zentral- und Ostschweiz führen zu Monopolzeitungen

Nach frühen Fusionen in Bern und Basel erreicht die Medienkonzentration ihren ersten grossen Höhepunkt zu Beginn der 1990er-Jahre:

  • 1991: Die NZZ steigt beim «St. Galler Tagblatt» als Mehrheitsaktionärin ein. In Luzern schliessen sich «Vaterland» und «Luzerner Tagblatt» zur «Luzerner Zeitung» zusammen. In der Romandie fusionieren «Journal de Genève» und «Gazette de Lausanne» zum «Journal de Genève et Gazette de Lausanne».

  • 1994: Im Kanton Aargau arbeiten «Aargauer Tagblatt», «Zofinger Tagblatt» und «Oltner Tagblatt» unter dem gemeinsamen Titel «Mittelland-Zeitung» zusammen, im Kanton Bern «Thuner Tagblatt», «Berner Oberländer» und «Oberländisches Volksblatt» unter dem Titel «Berner Oberland Zeitung». Beides sind Vorboten späterer Fusionen. Im Jura fusionieren «Le Pays» und «Le Démocrate» zu «Le Quotidien Jurassien». Die Genfer Tageszeitung «La Suisse» wird aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt.

  • 1996: Aus Ringiers «Luzerner Neusten Nachrichten» und der 1991 fusionierten «Luzerner Zeitung» wird die «Neue Luzerner Zeitung». Das «Aargauer Tagblatt» und das «Badener Tagblatt» fusionieren zur «Aargauer Zeitung».

Innerhalb von nur fünf Jahren wird aus drei Luzerner Zeitungen nur noch eine. Das gleiche Szenario wiederholt sich kurz darauf in der Ostschweiz:

  • 1997: Zehn Blätter aus Graubünden, Glarus, St. Gallen und Schwyz bilden die Zeitung «Südostschweiz». Zur neuen Somedia gehören auch «Bündner Zeitung», «Bündner Tagblatt» und die romanische «La Quotidiana». In der Romandie fusionieren «Le Nouveau Quotidien» und «Le Journal de Genève» zu «Le Temps». Die «Berner Tagwacht» wird nach 105 Jahren eingestellt.

  • 1998: Die Zeitung «Ostschweiz» erscheint nach 125 Jahren zum letzten Mal. In Bern übernimmt die NZZ die Aktienmehrheit am «Bund».

Die 2000er-Jahre: Die Gratiszeitungen beschleunigen den Konzentrationsprozess, grosse Gewinnerin ist Tamedia

  • 1999: Die norwegische Schibsted und die schwedische Metro International S.A. lancieren in der Schweiz kurz nacheinander zwei Gratiszeitungen: «20 Minuten» und «Metropol». 2003 wird «Metropol» wieder eingestellt und Tamedia kauft «20 Minuten».

  • 2001: «Aargauer Zeitung», «Solothurner Zeitung», «Oltner Tagblatt» und «Zofinger Tagblatt» schliessen sich zur «Mittelland-Zeitung» zusammen.

  • 2003: Die Espace Media kauft die Aktienmehrheit der NZZ am «Bund».

  • 2004: Die NZZ-Gruppe übernimmt die Mehrheit an der LZ Medien Holding, der Herausgeberin der «Neuen Luzerner Zeitung».

  • 2005: Edipresse lanciert die Gratiszeitung «Le Matin Bleu».

  • 2006: Tamedia lanciert die Gratiszeitung «20 minutes». Ringier steigt mit «heute» und «Cash daily» ins Gratiszeitungsgeschäft ein. «heute» wird 2008 durch den «Blick am Abend» ersetzt, «Cash daily» 2009 wieder eingestellt.

Die Gratiszeitungen saugen die Werbegelder aus den Bezahlzeitungen, lassen den Lesermarkt erodieren und verschaffen Tamedia damit den Hebel, um die Konkurrenz in Bern und der Westschweiz endgültig in die Knie zu zwingen:

  • 2007: Tamedia kauft Espace Media und übernimmt damit «Berner Zeitung», «Bund» und Beteiligungen an «Berner Oberländer» und «Thuner Tagblatt». Dafür wird das Nachrichtenmagazin «Facts» geschlossen. Ringier schliesst «Cash». Die AZ Medien kaufen die «Basellandschaftliche Zeitung».

  • 2009: Tamedia übernimmt bis Ende 2011 die Westschweizer Edipresse und damit die Tageszeitungen «24 Heures», «Tribune de Genève» und «Le Matin» sowie die Sonntagszeitung «Le Matin Dimanche». «Le Matin Bleu» wird eingestellt. Im Aargau übernimmt die AZ Medien die Solothurner Vogt-Schild AG und deren «Solothurner Zeitung».

  • 2010: Tamedia übernimmt von der NZZ die Beteiligungen an «Zürcher Unterländer», «Zürichsee Zeitung» und «Zürcher Oberländer». Im Gegenzug übernimmt die NZZ von Tamedia die «Thurgauer Zeitung».

Minus drei Verlagshäuser in drei Jahren. Dafür steigt in den 2010er-Jahren ein neuer Typus ins Schweizer Verlagsgeschäft ein: der Oligarch.

Die 2010er-Jahre: Die Oligarchen übernehmen, die Parteipresse kehrt zurück – und die Tamedia siegt

  • 2010: Financier Tito Tettamanti und Medienanwalt Martin Wagner kaufen die «Basler Zeitung» («BaZ»). Erst 2013 bestätigt sich das Gerücht, dass Christoph Blocher hinter dem Deal steckt. 2014 übernehmen Blocher, der Journalist Markus Somm und der Medienmanager Rolf Bollmann die BaZ offiziell. In der Westschweiz übernimmt der französische Medienkonzern Hersant die Mehrheit am «Nouvelliste» und schliesst ihn mit «La Côte», «L’Impartial», «L’Express» und «Journal du Jura» zusammen.

Innerhalb von nur zwanzig Jahren sind in den Kantonen Aargau, Solothurn, Luzern, St. Gallen und Graubünden Monopolzeitungen entstanden. Der Aufstieg der Tamedia zum mächtigsten Medienkonzern geht weiter:

  • 27. August 2013: Tamedia übernimmt von der Winterthurer Ziegler Druck- und Verlags-AG die Mehrheit am «Landboten».

  • 11. April 2014: Ringier kauft die Mehrheit an «Le Temps».

  • 23. Januar 2017: Ringier Axel Springer stellt das Magazin «L’Hebdo» ein.

  • 16. August 2017: Die Basler BaZ Holding von Christoph Blocher, Markus Somm und Rolf Bollmann übernimmt rückwirkend auf Anfang 2017 den Ostschweizer Zehnder-Verlag mit 24 Gratiszeitungen.

  • 22. August 2017: Tamedia kündigt an, die Redaktionen von «20 minutes» und «Le Matin» zu fusionieren. Damit werden ab 2018 78 Prozent aller Leserinnen in der Romandie von nur noch einer Redaktion eines Konzerns informiert: Tamedia.

  • 23. August 2017: Tamedia fusioniert ihre zwölf Redaktionen in der Deutsch- und die vier Redaktionen in der Westschweiz zu je einer Einheitsredaktion. Drei sogenannte Kompetenzzentren in Zürich, Bern und Lausanne beliefern den «Tages-Anzeiger», den «Landboten», die «Zürichsee-Zeitung», den «Zürcher Unterländer», die «Berner Zeitung», den «Bund», den «Berner Oberländer», das «Thuner Tagblatt» und ein halbes Dutzend weitere Titel in beiden Landesteilen ab 2018 mit Inhalten zu Inland, Ausland, Wirtschaft, Sport, Wissen, Kultur und Gesellschaft.

  • 7. Dezember 2017: Die NZZ-Mediengruppe und AZ Medien kündigen an, ihr Regionalzeitungsgeschäft in ein Joint Venture zusammenzuführen. Eine gemeinsame Zentralredaktion soll mehr als zwanzig Titel – darunter die «Aargauer Zeitung», das «St. Galler Tagblatt» und die «Luzerner Zeitung» – in dreizehn Kantonen mit Inhalten beliefern. Am 16. August 2018 stimmt die Wettbewerbskommission dem Deal nach vertiefter Prüfung zu. Am 1. Oktober 2018 nimmt die gemeinsame Mantelredaktion die Arbeit auf.

  • 17. Januar 2018: Das Unternehmen Société Neuchâteloise de Presse SA gibt bekannt, dass seine beiden Zeitungen «L’Express» und «L’Impartial» künftig unter einem Titel erscheinen werden. Das neue Einheitsblatt trägt den Titel «ArcInfo», wie das schon seit 2008 gemeinsam geführte Online-Portal.

  • 18. April 2018: Tamedia kauft die «Basler Zeitung» von der Zeitungshaus AG um Christoph Blocher, die im Gegenzug von Tamedia das «Tagblatt der Stadt Zürich», den «Rümlanger» und den «Furttaler» übernimmt. Die «Basler Zeitung», um die auch die AZ Medien buhlte, soll nach der Übernahme sofort ins «Projekt 2020» der Tamedia integriert werden. «Allein wäre die ‹Basler Zeitung› zum Tode verurteilt», sagt Blocher. Die Wettbewerbskommission prüft die Übernahme vertieft, bewilligt sie am 10. Oktober 2018 jedoch ohne Auflagen.

  • 7. Juni 2018: Tamedia stellt «Le Matin» ein, die meistgelesene Tageszeitung der Westschweiz. «Le Matin» habe in den letzten zehn Jahren insgesamt 34 Millionen Franken Verlust gemacht, so die Begründung. Betroffen von der Einstellung sind 40 Mitarbeitende. Am 3. Juli treten die Redaktionen aller Tamedia-Publikationen in der Westschweiz in einen zwanzigstündigen Streik. Sie erreichen: nichts. Die Regierungen der Kantone Waadt und Genf versuchen zu vermitteln, doch die Mediation scheitert, weil Tamedia einseitig aussteigt. Am 21. Juli erscheint «Le Matin» zum letzten Mal.

  • 19. September 2018: Der SRG-Verwaltungsrat entscheidet auf Antrag der SRF-Geschäftsleitung, dass Ende 2020 ein Grossteil der Radio-Informationsabteilung von Bern nach Zürich umziehen muss. Betroffen sind rund 170 Mitarbeitende von «Echo der Zeit», «Rendez-vous» und anderen Infosendungen. Mit der Massnahme sollen ohne Abbau von Arbeitsplätzen jährlich fünf Millionen Franken gespart werden. Politiker mehrerer Parteien gehen auf die Barrikaden: Der Medienplatz Bern drohe zum Satelliten von Zürcher Verlagshäusern und des in Zürich domizilierten SRF zu verkommen.

  • 5. November 2018: Die Basler «Tageswoche» stellt ihren Betrieb ein. Die Stiftung für Medienvielfalt, die das Projekt zu grossen Teilen finanzierte, will die Defizite nicht länger decken. Gründe für die tiefroten Zahlen sind ein rückläufiger Inserateverkauf und sinkende Abozahlen. Nach sieben Jahren ist damit für knapp dreissig Angestellte Schluss.

  • 15. November 2018: CH Media, das Joint Venture von AZ Medien und NZZ-Regionaltiteln, kündigt einen Abbau von 200 Vollzeitstellen an. Betroffen vom Sparprogramm, das sich über zwei Jahre hinzieht, ist der ganze Betrieb. Dazu gehören etwa 60 Regionalzeitungen, Radios und Fernsehsender der Deutschschweiz mit einer Reichweite von etwa zwei Millionen Menschen sowie mehrere Druckereien. CH Media reduziert mit dem Stellenabbau 10 Prozent ihrer Betriebskosten und beschäftigt danach noch rund 2000 Personen.


Hier kommen Sie zum Hauptartikel «Die Tamedia-Bombe mit Zeitzünder».

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