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Ein Journalist sitzt in einem kleinen Raum vor einem Mikrofon und liest von einem Blatt
Ein Journalist und Nachrichtensprecher der Schweizerischen Depeschenagentur SDA in Bern, aufgenommen im Jahr 1939. Photopress/Keystone

Sabotage am Förderband der Realität

Jeder gegen jeden und alle gegen sich selbst: Der Streik bei der Nachrichtenagentur SDA zeigt die ganze Misere der Schweizer Verlage. Und erzählt die Geschichte eines Totalversagens.

Von Anja Conzett, Simon Schmid, Christof Moser und Constantin Seibt, 02.02.2018

+++ Bern, 29.01.: Dame mit Hündchen +++

«SDA – nicht für Gewinne da», ruft der Anführer des Umzugs, eine ältere Passantin zieht verstört ihren Schosshund weg. «SDA?» sagt sie. «Nie gehört.»

1. Die (sda)

Nein, kaum jemand kennt die Schweizerische Depeschenagentur, aber gelesen hat sie jeder und jede Tausende Male. Es sind die Stillen einer sonst so lauten Branche, die an diesem grauen Dienstagmorgen vor dem Bundeshaus vorbeiziehen. Der erste unbefristete Streik von Schweizer Journalistinnen seit zehn Jahren wird von uneitlen Chronisten gemacht: von pflichtbewussten Faktensammlern, deren Namen nicht über ihren Artikeln stehen, sondern dahinter, unter dem schlichten Kürzel (sda).

2. Der CEO spricht

Am 30. Oktober werden von der SDA-Unternehmensleitung drei Dinge bekannt gegeben:

  • Die SDA fusioniert mit der Fotoagentur Keystone. (Von der sie bereits die Hälfte besitzt.)

  • Der langjährige Chefredaktor der SDA, Bernard Maissen, wird per sofort verabschiedet.

  • Der langjährige Finanzchef Markus Schwab ist ab sofort alleiniger Geschäftsführer.

Markus Schwab hatte bereits 15 Jahre in der Geschäftsleitung der SDA gesessen, war aber für die Redaktion weitgehend unauffällig geblieben. Der «Tages-Anzeiger» schilderte ihn später als «freundlich wirkenden Herren» mit einem Pullover mit «zwei Eisbären» darauf.

Anfang Januar gab Schwab den grössten Abbau in der Geschichte der SDA bekannt: 35 bis 40 Stellen, gestaffelt über zwei Jahre. Er begründete das damit, die Kunden der SDA seien unzufrieden, seine Gespräche mit ihnen hätten einem «Stahlbad» geglichen. Ausserdem habe man im letzten Jahr ein Defizit geschrieben, im nächsten erwarte man 1,9 Millionen.

Auf die Frage der Redaktion, ob es dabei Grenzen gebe, sagte Schwab: Wer bei seinen Plänen «rote Linien» ziehen wolle, «der lebt beruflich nicht lang».

Eine Woche später teilte Schwab mit, dass der Abbau nicht innert zweier Jahre, sondern bis Monatsende stattfinde.

Die Konditionen sind teils brutal: Mitarbeiter über 60 Jahre etwa – egal, wie gut vernetzt, egal, wie lang bei der SDA – werden pauschal entlassen. Nicht etwa frühpensioniert, sondern entlassen.

Insgesamt erhalten 83 Leute Entlassungen, Pensenreduktionen oder den Befehl zum Ortswechsel.

Am 23. Januar trat die SDA-Redaktion fast geschlossen (bis auf 6 streikbrechende Sportredaktoren und alle Kader) in einen dreistündigen Warnstreik. Schwab kommentierte am Radio, Streikdrohungen seien eben die unvermeidbare «Begleitmusik» bei einem solchen Prozess.

Am 28. Januar erschien von Schwab in der «NZZ am Sonntag» ein Interview, das schon beinahe einem Kunstwerk glich. Er sagte unter anderem:

  • Zur öffentlichen Grundversorgung mit Nachrichten: «Die SDA ist nur ihren Aktionären etwas schuldig. Wir sind keine Non-Profit-Organisation.»

  • Zur Frage, warum die SDA auf ihrer Webseite das Gegenteil schrieb: «Diese Broschüre ist veraltet.»

  • Zur Frage, warum er nach 15 Jahren bei der SDA erst im letzen Herbst festgestellt habe, dass die Kunden unzufrieden seien: «Der Chefredaktor und ich hatten eine klare Arbeitsteilung.»

  • Zur Frage, ob er beim Abbau eine publizistische Strategie habe: «Nach der Restrukturierung erarbeiten Arbeitsgruppen Vorschläge.»

  • Zur Frage, warum er Journalisten über 60 zum Arbeitsamt schicke: «Wir haben jahrelang in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt. Jetzt müssen wir dieses Geld in der Not halt beanspruchen.»

  • Zur Frage, wie es mit seinem eigenen Lohn stehe: «Ich habe schon früher zweimal meinen Lohn reduziert. Die Redaktion wurde weitgehend geschont. Jetzt muss auch sie Opfer bringen.»

Es war ein Interview, mit dem er es schaffte, sämtliche politischen Lager und die halbe Medienbranche gegen sich aufzubringen, von links bis rechts.

Der ehemalige NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann kommentierte auf Facebook: «Eigentlich ein klarer Fall: Mit einem solchen Chef wird das nicht gut ausgehen. In keiner Weise.»

Der CVP-Parteichef Gerhard Pfister schrieb auf Twitter: «Der CEO der SDA verdient sich eine goldene Nase auf dem Buckel des Journalismus.»

Ein Verwaltungsrat gab sich in der «Aargauer Zeitung» entsetzt, der Warnstreik in der Redaktion habe seine Kollegen völlig überrascht. Schwab habe mehrfach versichert, er «habe die Sache im Griff».

Am Montagabend debattierte die versammelte Redaktion. Nach vier Stunden, kurz vor Mitternacht stimmte sie ab. Das Ergebnis war klar. Mit 124 zu 8 Stimmen beschloss die SDA-Redaktion, am nächsten Morgen in den unbefristeten Streik zu treten.

Seitdem schweigt Schwab.

(Auch auf Fragen der Republik wollte er nichts sagen. Ebenso wenig sein Kommunikationsberater von der Agentur Viaduct, den ihm der Somedia-Verleger und SDA-Verwaltungsrat Hanspeter Lebrument für eine reibungslose Kommunikation des Abbaus empfohlen hatte.)

+++ Bern, 29.01.: Die Stimmung kippt +++

«Ich hätte einen Streik nie für möglich gehalten», sagt (sda), männlich, 16 Jahre dabei, Pensum 20 Prozent reduziert, zwangsversetzt. Aber dann kam Schwabs Interview. Diese «Arroganz», diese «unwürdige Abfertigung langjähriger Mitarbeiter» habe die Stimmung kippen lassen.

3. Die Institution SDA

Um den allgemeinen Zorn zu verstehen, muss man wissen, was die SDA bisher bedeutete: für die Schweiz, die Medien, die Politik.

Die SDA ist eine Institution. Ihre erste Meldung lieferte sie am 1. Januar 1895. Die Schweizer Verleger hatten die Schweizerische Depeschenagentur als Selbsthilfeorganisation gegründet – nicht zuletzt, weil ausländische Agenturen Fantasiepreise verlangten. Die SDA wuchs rasant. Schon Ende 1895 arbeiteten über die ganze Schweiz verteilt 50 Korrespondenten für die Nachrichtenagentur.

Zu Anfang telefonierten die Korrespondenten alle Meldungen den Redaktionen durch. Nach dem Ersten Weltkrieg führte die SDA als erste kleine Nachrichtenagentur die Funktelegraphie ein: Für Jahrzehnte ratterten und quietschten die Meldungen in die Redaktionen. Die SDA blieb ein Jahrhundert lang eine Pionierin bei der Übermittlungstechnik: 1976 war sie die erste Redaktion der Schweiz, in der an Bildschirmen gearbeitet wurde, 1994 stellte ihr gesamtes Netz auf Satellit um.

Ihre glorreichsten Zeiten hatte die SDA während und nach dem Zweiten Weltkrieg: Im Krieg war sie die meistgehörte Nachrichtenagentur in Europa; sie war (trotz Zensur) die einzige neutrale. Später wurde sie bis in die 60er-Jahre hochpopulär, da sie dem Radio fixfertig gesprochene Nachrichten lieferte. Eine ganze Generation empfing Neuigkeiten mit der Einleitung: «Sie hören die Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur.»

In ihren 123 Jahren überlebte die SDA zahlreiche Konkurrentinnen. Anfang der 80er-Jahre stritten sich noch vier parallel berichtende Agenturen um den besten Service der Schweiz. 2010 warf die SDA ihre letzte verbliebene Konkurrentin, die kleinere AP, aus dem Markt. Sie tat das nicht ohne faule Tricks. Denn die SDA hatte mehreren Kunden im Geheimen Rabatte gegeben – unter der Bedingung, dass diese die AP boykottierten. Die Wettbewerbskommission büsste die SDA dafür mit 1,88 Millionen Franken.

Die SDA, noch immer im Besitz der Schweizer Verleger, hat heute 180 Mitarbeiter (davon 30 bei der Sportinformation), 15 Büros, ist in allen Landesteilen aktiv. Am besten beschrieb ihre Tätigkeit der ehemalige Bundesrat Kaspar Villiger: «Ein Förderband der Realität.» Und das ist sie auch: Die Agentur liefert rund 230’000 Meldungen im Jahr, 365 Tage, rund um die Uhr.

Ihre erste Meldung lieferte sie am 1. Januar 1895 – in ihrem ersten Jahr verbreitete die SDA total 365'700 Worte. Die Millionengrenze wurde um 1900 überschritten. 1994 waren es in allen drei Sprachen zusammen rund 75 Millionen Worte. Photopress/Keystone

Alle 230’000 Meldungen kommen uniformiert: in schmuckloser Sprache, ohne Schnörkel, dafür recherchiert und gegengecheckt. Kein Wunder, gehört auch der Bund zu den grössten Kunden: Jedes einzelne Geschäft, egal wie langweilig und unbedeutend, erhält eine eigene SDA-Meldung. (Die SDA ist vollständiger als die Aufzeichnungen des Bundes selber.) Dazu deckt die SDA Tausende Pressekonferenzen, Jahresbilanzen, Unfälle ab.

SDA-Stücke sind Journalismus ohne Bullshit: Fakten, Zahlen, Zitate – ohne Kommentar.

Damit ist die SDA de facto das aktuelle Archiv der Schweiz. Ohne SDA wäre enorm viel von dem, was passiert, als wäre es nie geschehen. Etwa im Parlament, wo SDA-Journalistinnen bleiben, wenn die Kollegen anderer Medien bereits gegangen sind. Weil die SDA seit ihrer Gründung einen grossen Ehrgeiz, ein klares Ziel, eine klare Strategie hat: Vollständigkeit.

Genauer gesagt: Die SDA hatte den Ehrgeiz und die Strategie exakt 123 Jahre und 28 Tage lang. Bis letzten Sonntag. Denn mit seinen Aussagen im «NZZ am Sonntag»-Interview ersetzte CEO Markus Schwab den Anspruch auf Vollständigkeit durch den Aktionärsnutzen.

Das erklärt den allgemeinen Aufstand, auch bei bürgerlichen Politikerinnen.

Selbst unsentimentale Verleger wie Peter Wanner von den AZ-Medien gingen bisher davon aus, dass die SDA eine Non-Profit-Organisation sei und Service-public-Leistungen erbringt. CEO Schwab vermochte mit seinem Interview selbst jene, die tiefere Kosten für SDA-Leistungen verlangen, gegen sich aufzubringen. (Wobei bei Wanner noch ein weiterer Punkt dazukommt: Der Aargauer Verleger realisierte erst bei der Auflösung der Reserven, dass die SDA in den letzten Jahren 20 Millionen Franken Gewinn angehäuft hat.)

Das Vorgehen von Schwab lässt sich nur erklären, wenn man zwei Ereignisse unter die Lupe nimmt, die sich im Verlauf des Jahres 2017 parallel abspielten: die Fusion mit Keystone und ein Projekt namens «Bulgaria».

+++ Bern, 30.01.: Im Hotel National +++

Im Hotel National gibt es Kaffee und Solidaritätsadressen. Doris Leuthard sagt auf nau.ch: «Es gehört zur Schweiz, dass Arbeiter sich wehren können.» Es liege aber an den Verlegern und Aktionären, mit den Gewerkschaften eine Lösung zu finden. Verhaltener Applaus.

(sda), weiblich, 42 Jahre im SDA-Dienst, seit 5 Jahren pensioniert, hat seit Beginn des Jahres Albträume. Ihr Traum geht so: (sda) kommt auf die Redaktion, muss dringend einen Artikel schreiben, aber alle Schreibtische sind besetzt von Marketingleuten. Man weist ihr eine Ecke und einen Schnipsel Papier zu, auf den sie schreiben soll.

4. Die Drohung

Rückblende in die Nullerjahre.

Lange Zeit läuft vieles rund bei der SDA. Es ist die Zeit der Gratisblätter: Phasenweise stehen drei verschiedene Zeitungsboxen an Schweizer Bahnhöfen und Bushaltestellen. Der Ertrag der Nachrichtenagentur steigt: Die Tarife sind an die Auflage gebunden. 2008 gibt es einen Rekordgewinn. Die SDA hat einen Mitarbeiterbestand von 175 Stellen.

Die Nachrichtenagentur glaubt sich gut aufgestellt. Sogar als der Gratismarkt auf einen Titel zusammenschrumpft («20 Minuten»), wähnt sie sich auf der sicheren Seite.

«Unsere wichtigsten Kunden ... sehen keine Anzeichen einer Verschlechterung», bilanziert Verwaltungsratspräsident Hans Heinrich Coninx 2011. «Dies stimmt uns zuversichtlich, dass die Nachfrage nach den Dienstleistungen der SDA wieder anziehen wird.»

SDA-Texte blieben tatsächlich gefragt. Doch die Redaktionen haben immer weniger Geld. «Der strukturelle Sparbedarf ist unbestritten», sagt ein Insider.

Die Verlagsmanager setzen ihre Chefredaktoren unter Druck. Und die Redaktionen geben den Druck an die Depeschenagentur weiter.

Gespart wird auch mit schmutzigen Tricks – auf Kosten der SDA. Manche Redaktionen aus dem AZ-Verlag sparen sich die Nachrichtenagentur. Sie lassen Praktikanten SDA-Kurzmeldungen von anderen Medienportalen abschreiben.

Die SDA ist abhängig vom Erfolg ihrer Kunden. Seit die goldene Zeit der Gratisblätter vorüber ist, gehen die Auflagen jedoch jedes Jahr um 4 bis 5 Prozent zurück. Print ist out, immer mehr Leserinnen wandern ab ins Internet. Das schmälert die Einnahmen.

Als Reaktion darauf führt die SDA ein neues Tarifmodell ein. Die Sache ist ein Riesenknorz, man will alles austarieren. Als neue Richtgrösse gilt die «Total Audience»: Jetzt zählen nicht nur die gedruckten Zeitungsexemplare, sondern auch die Klicks im Internet. Das neue Tarifmodell wird auf 1. Januar 2018 eingeführt.

Die Chefredaktoren werden nun nervös. Sie merken: Wenn sie digital wachsen, werden sie der SDA mehr bezahlen müssen. Schon lange vorher bekommt die Agentur Klagen zu hören: Zu teuer sei sie, zu gross – es ist der gleiche Sound, mit dem die Verleger die SRG angreifen.

Chefredaktor Bernard Maissen ist das gewohnt, verteidigt die SDA. Betont, dass man die Kosten senken könne, aber dann auch das Angebot kleiner werde. Und warnt davor: Weniger zahlen heisse weniger gutes Angebot heisse weniger Einnahmen. Die klassische Abwärtsspirale.

Im Sommer 2017 bauen die NZZ-Regionalmedien und die AZ-Medien eine Drohkulisse auf: Sie wollen eine billigere Alternative zur SDA aufbauen. Das Projekt läuft unter dem Namen «Bulgaria». Federführend bei diesem Projekt ist Balz Brupbacher, bis 2010 Chef der SDA-Konkurrenz Associated Press.

Er arbeitet heute für die NZZ-Regionalmedien, vor allem für die «Luzerner Zeitung», die wie kein anderes Medium im Land ihr Angebot auf SDA-Meldungen abstützt – und deshalb extrem unzufrieden über die Preise ist.

Mit «Bulgaria» wollen die NZZ und die AZ-Medien die SDA zu einem Rabatt von 30 Prozent zwingen. Der damalige SDA-Chefredaktor Maissen geht darauf nicht ein. Erst als Tamedia als grösster Aktionär ebenfalls Rabatte verlangt – das Projekt heisst jetzt «Exit SDA» –, knickt die Agentur ein. Vereinbart wird ein Rabatt von zehn Prozent. Unbeteiligt bleibt die SRG, die dem Treiben zuschaut.

Hintergrund der Rabatt-Aktion war, dass NZZ und AZ-Medien irgendwann auffiel, dass sie den Übersetzungsdienst der SDA auf Französisch und Italienisch mitfinanzierten, obwohl sie nichts davon hatten. Einzig Konzerne wie Tamedia profitierten davon, mit ihrer Agenturmeldungsschleuder «20 minutes». Die Sprachdienste auf Französisch und Italienisch kosten die SDA rund 2,5 Millionen Franken im Jahr.

+++ Bern, 30.01.: Warten +++

Seit einer Stunde tut sich nichts mehr am Nachmittag des ersten Streiktags im Hotel National. Streiken ist Warten. Es sei ein Pendeln zwischen Euphorie und Ernüchterung über die Lage, die das alles nötig gemacht habe, sagt (sda), männlich, fünf Jahre auf der Redaktion, Pensum 30 Prozent reduziert. Was ihn so wütend mache, sei die Strategielosigkeit der Chefetage, mit der (sda) schon am Verhandlungstisch sass. Die Stellen seien gestrichen worden, ohne einen Plan für die Zukunft zu haben. Während des Gesprächs kontrolliert (sda) regelmässig die Meldungen, welche die SDA mit knapp 10 Prozent der Besatzung rauslässt: Es sind knapp ein Drittel dessen, was die SDA an einem gewöhnlichen Dienstag liefert, fast alle tragen den Stempel «nicht verifiziert».

5. Der Deal

So hart erkämpft und erfreulich der Generalrabatt von 10 Prozent für die Verleger ist: Bei der Fusion mit Keystone bringt die Kostenreduktion ernste Probleme: Welcher Partner will schon mit einer Firma fusionieren, die kein Geld verdient?

Das sagen auch die Berater von PricewaterhouseCoopers (PwC), welche die Fusion begleiten. Eine Firma mit negativem Cashflow ist rechnerisch eigentlich nichts wert. Sparen ist also angesagt.

Was sich erst im November und im Dezember zeigt: Die Situation ist schlimmer, als CEO Schwab und die SDA-Aktionäre gedacht haben. Für 2018 bahnt sich ein grösseres Defizit an. Der Entzug der Mittel durch die Verleger rächt sich nun brutal. Sie realisieren, dass sie im Vorfeld der Fusion ihre eigene Firma abgewirtschaftet haben – und diese nun im Eilzugstempo sanieren müssen.

Plötzlich muss es nun schnell gehen. Die Fusion, die zwar geplant, aber noch nicht vollzogen ist, könnte platzen. Auf der anderen Seite des Tisches sitzt nämlich die Austria Press Agentur (APA). Sie ist bereits zu 50 Prozent Mitbesitzerin der Keystone – von der fusionierten Firma soll sie gemäss Abmachung 30 Prozent erhalten. Aus Sicht der Österreicher ist jedoch klar: Sie werden sich nicht mit einer ausgeweideten Firma zusammentun. So muss die SDA dringend aufgehübscht werden. Die Kosten müssen raus, bevor die Fusion von der Wettbewerbskommission bewilligt wird.

So kommt es zum Notfallkahlschlag. Fast ein Viertel der Kernredaktion soll abgebaut werden. Inland- und Auslandressort sollen zusammengelegt, die Wirtschaft wird komplett in die Tochterfirma AWP (Agentur für Wirtschaftspresse) verlagert, die auf die Bearbeitung und Verbreitung von Konzernmitteilungen spezialisiert ist.

Mit dem Streik der SDA-Redaktion kommen neue Probleme. In der Höhe von 2 Millionen Franken: Mit diesem Hilfsbeitrag durch den Bund rechnete die SDA ab 2019. Von dieser Summe ist in der Teilrevision der Radio- und Fernsehverordnung die Rede, die zurzeit in Vernehmlassung ist – Bundesrätin Doris Leuthard informierte darüber im Oktober.

Ob die Politik auch einer zusammengestutzten Nachrichtenagentur so viel zahlen will, ist allerdings unklar. Zumal die SDA-Chefs ihren Service nun markant herunterfahren. Und weit mehr Geld einsparen, als nötig wäre: Geht man von Personalkosten von 120’000 Franken pro Stelle aus, so ergibt sich bei 35 bis 40 Stellen ein Sparbetrag von 4 bis 5 Millionen Franken. Das Defizit von knapp 2 Millionen würde damit zu einem satten Gewinn.

Bekommt die geschrumpfte SDA obendrein noch Bundesgelder, so würden damit letztlich die österreichischen Aktionäre sowie die Schweizer Verleger subventioniert.

Viel Sympathie dürften die Verleger – allen voran Tamedia und die NZZ-Gruppe – in Bern jetzt nicht mehr haben. Denn die SDA-Hauptaktionäre langten zum Schluss noch einmal kräftig zu. Vor der Fusion mit Keystone lassen sie sich einen bedeutenden Teil der Gewinnreserven von 20 Millionen Franken auszahlen.

+++ Bern, 30.01.: Im Hotel National +++

Kurz vor vier, erster Streiktag. Eine (sda), die am Morgen um 6 Uhr am Streikposten stand, ist neben der Heizung eingeschlafen.

6. Die Strategielosigkeit

Was sich wie ein roter Faden durch die jüngere SDA-Geschichte zieht: die Konzept- und Strategielosigkeit der Verleger. Und taktische Fehler. Im Verwaltungsrat konnte man sich nie auf eine gemeinsame Strategie einigen.

«Mehr Multimedia» wurde bereits 2006 zum Ziel erklärt. Verwirklicht wurde der Video-Dienst dann erst zehn Jahre später, Ende 2016.

Den grössten Fehler machten die Verleger Anfang der 1990er-Jahre. Damals hätten sie Keystone spottbillig kaufen können. Die Verträge waren schon unterschriftsreif – dann wollten die Verleger plötzlich nicht mehr. Ihre Begründung: Angst, die SDA werde zu gross, zu stark dann die Abhängigkeit der Verlage. Und sie wollten auch das nötige Geld nicht aufbringen.

Stattdessen kauften die zwei Investoren Keystone. Und bestraften die Verleger gleich doppelt für ihr Zaudern. Zuerst lieferten sie Keystone-Bilder 15 Jahre lang zu hohen Preisen. Und dann, 2007, als sich die SDA an Keystone beteiligte, mussten die Verleger für eine 50-Prozent-Beteiligung an Keystone mehr investieren, als sie 17 Jahre davor für den ganzen Laden bezahlt hätten. Und auch da machten die Verleger wieder einen Fehler: Sie waren nur zu einer 50-Prozent-Beteiligung bereit. Weil sie das nötige Geld für die angebotene Aktienmehrheit nicht aufbringen wollten.

Gebremst haben die Verleger auch, wenn es darum ging, die SDA moderner aufzustellen. In der Strategie 2008/09 der Geschäftsleitung wollte die SDA Datenjournalismus anbieten. Und Sportticker, damit das nicht jede Redaktion selber machen musste. Die grossen Verlage aber fanden: Das machen wir selber. Das lässt sich gut vermarkten. Und so lief es auch Ende der Nullerjahre wie auch schon die Jahrzehnte davor: Alles, was nicht wirklich ein Geschäft war, überliess man der SDA. Alles, womit sich Redaktionen profilieren konnte, machten die Redaktionen selbst.

Ihre Mühe hatte die Nachrichtenagentur auch mit der Informatik. 2010 holte man die österreichische APA ins Boot – als Partner in der neu gegründeten IT-Tochterfirma «sda Informatik». 2012 übernahm die SDA diese Firma ganz, fuhr die Mitarbeiterzahl in den Folgejahren jedoch herab, und eliminierte sie schliesslich wieder. Mit der Fusion ist die APA wieder im Spiel – als Aktionärin und zusätzlich als Technologielieferantin. Die APA besitzt eine umfassende IT-Plattform für Redaktionen. Eine ähnliche Lösung selbst auf die Beine zu stellen, schafften die Schweizer Verleger nie.

Fast schon als letzter Strohhalm bleibt das Corporate Publishing, also die Produktion von Texten als Auftrag. Parallel zum Umsatzrückgang mit dem Medien-Basisdienst wuchs dieser so genannte Spezialdienst über die Jahre. Inzwischen macht er 30 Prozent der Einnahmen der SDA aus.

+++ Zürich, 31.01.: An der Werdstrasse +++

Es ist sonnig, frisch, vor der Tamedia. «Wir brauchen euch», sagen einige Journalistinnen. Dazu kommen Solidaritätsbekundungen von Depeschenagenturen aus Berlin, Brüssel, Wien. «Wer hätte gedacht, dass nicht arbeiten so anstrengend ist», sagt eine (sda).

7. Die Bedeutung der SDA

Letzten Samstag schrieb Somedia-CEO Andrea Masüger*, die SDA sei schlicht zu gross. So werde etwa die WEF-Berichterstattung der SDA von den Zeitungen gar nicht gebraucht.

Worauf ihn der Twitteraccount «@inside_sda» darauf hinwies, dass am Vortag Lebruments Zeitung «Die Südostschweiz» zwei komplette Seiten mit SDA-Texten über das WEF gefüllt hatte.

Wie viel SDA steckt tatsächlich in den Schweizer Medien – Print wie online? Dieser Frage ist das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich nachgegangen, exklusiv für die Republik.

Die brandaktuellen Zahlen zu den Jahren 2016 und 2017 zeigen den Stellenwert der Agentur für die Schweizer Medien. 33 Prozent aller Artikel auf Onlineportalen stammen direkt aus der Feder von SDA-Journalisten. Im Printbereich sind die Anteile kleiner, die Agenturmeldungen dienen eher zur Recherche.

In der Romandie wird die Nachrichtenagentur stärker genutzt als in der Deutschschweiz. Fast die Hälfte der Beiträge auf «20 Minutes» besteht aus SDA-Meldungen. Bei «Le Matin» sind es sogar mehr als 50 Prozent. Beide Plattformen gehören der Tamedia, die in der Westschweiz praktisch News-Monopolistin ist. Auch das Westschweizer Fernsehportal RTS.ch verwendet viele SDA-Texte.

In der Deutschschweiz sind die NZZ-Regionalmedien die intensiven Nutzer. Rund 60 Prozent des Inhalts auf den Webplattformen der «Neuen Luzerner Zeitung» und des «St. Galler Tagblatts» bestehen aus SDA-Material. Stark genutzt werden Agenturtexte auch bei «Watson», das den AZ Medien gehört.

NZZ-Regionalportale stützen sich auf SDA

Anteil der Onlineartikel mit SDA-Content, in Prozent.

luzernerzeitung.ch
tagblatt.ch
lematin.ch
rts.ch
20minutes.ch
watson.ch
rsi.ch
20minuten.ch
baslerzeitung.ch
tagesanzeiger.ch
srf.ch
blick.ch
nzz.ch
0
50
100%
Quelle: fög

Bei den gedruckten Zeitungen schwingt «20 Minuten» obenaus. Über 50 Prozent der dortigen Texte sind SDA-Material. Der Anteil im «Blick am Abend» ist schwer zu eruieren, weil dort das Kürzel oft weggelassen wird. Ein ähnliches Problem gibt es möglicherweise mit «20 minutes».

Schwer auf die Nachrichtenagentur stützen sich auch die Regionalzeitungen wie die «Basler Zeitung» (41 Prozent SDA-Anteil, Basler Zeitung Medien), die «Berner Zeitung» (37 Prozent SDA-Anteil, Tamedia), die «Südostschweiz» (37 Prozent SDA-Anteil, Somedia) und die «Neue Luzerner Zeitung» (35 Prozent SDA-Anteil, NZZ-Regionalmedien).

20 Minuten druckt viele Agenturtexte

Anteil der Printartikel mit SDA-Content, in Prozent.

20 Minuten
Basler Zeitung
Berner Zeitung
Südostschweiz
Luzerner Zeitung
Le Nouvelliste
Tages-Anzeiger
24 heures
St. Galler Tagblatt
NZZ
Aargauer Zeitung
20 Minutes
0
50
100%
Quelle: fög

Unter einem Qualitätsabbau bei der Nachrichtenagentur dürften vor allem die kleinen Titel leiden, sagt Daniel Vogler, Forschungsleiter beim FÖG. «Lokal- und Regionalzeitungen sind bei nationalen und internationalen Themen stark auf die SDA angewiesen», sagt er.

Man wird der SDA jedoch nicht gerecht, wenn man sie nur mit Zahlen beschreibt.

Journalisten brauchen die SDA als:

  • Selektion (welche Nachrichten sind überhaupt relevant)

  • News (kleine und grössere Textblöcke aus aller Welt)

  • Archiv (um die Entwicklung einer Story nachzuvollziehen)

  • Check (zum Vergleich für eigene Recherchen)

  • Back-up (falls der Redaktionskollege gerade krank ist)

Wie Öl im Getriebe der Redaktionen sei die SDA, sagt ein langjähriger Kadermann der Nachrichtenagentur.

+++ Zürich, 31.01.: Im Volkshaus +++

Im Volkshaus gibt es Sandwiches. Noch immer arbeitet auf der Hauptredaktion in Bern niemand bis auf das Kader. 8 von 21 Mitarbeitern brechen dort den Streik, einer jagt zum Trotz wie wild Meldungen heraus. Auch er habe gestern Nein zum Streik gestimmt, sagt (sda), männlich, wie fast alle Sportredaktoren erst seit einem Jahr der SDA angeschlossen. «Doch ein Mehrheitsbeschluss ist ein Mehrheitsbeschluss.» Noch immer keine Meldung vom Verwaltungsrat, morgen geht es nach Lausanne.

8. Das Mediensystem crasht

Die SDA ist nicht irgendein Medienunternehmen. Sie liefert den Rohstoff für die gesamte Industrie. Und war folgerichtig auch ihr gemeinsames Unternehmen. Der Crash der SDA ist deshalb auch nicht der Crash einer Firma, sondern einer ganzen Branche: Das Schweizer Mediensystem bricht mit erstaunlichem Tempo zusammen. Und damit auch die SDA.

Mehr als ein Jahrhundert lang waren Schweizer Zeitungen eine geschützte Branche. Die enormen Kosten der Druckmaschinen schützten vor Neulingen, die Unterschiede der Mentalität vor Konkurrenz aus dem Ausland.

Als dann das Internet kam, die Werbung zu Google und Facebook verschwand und die jüngeren Leser weiss Gott wohin, waren die Verleger hilflos: Hundert Jahre Geldregen hatte sie reich, satt und mittelmässig gemacht. Ihre wichtigste Antwort war: Kostenreduktion. Das ging zunächst gut. Man hatte Fett, um es wegzuscheiden. Doch dann machte man weiter. Mit Muskeln und Blutbahnen.

Die Agileren flohen: Tamedia und Ringier positionieren sich im Internet als Handelsplattform für Immobilien, Autos, Haushaltswaren. Was den schrumpfenden Markt betrifft, wurden sie aggressiver: Je kleiner der Kuchen, desto härter wird um die Krümel gekämpft. Sowohl zwischen, als auch in den Verlagen.

Nichts am Fall SDA ist untypisch:

  • Die Massnahme, Buchhalter zu Chefs zu machen. Die weder etwas von der Arbeit der Redaktion verstehen, noch sich dafür interessieren.

  • Sparen ohne Strategie. Wohin die Reise geht, wird in den Medienhäusern so gut wie nie thematisiert, geschweige denn gesagt. (Es bleibt meist bei Nichtideen wie: «Mehr Multimedia!»)

  • Die Technologie wird als Kostenblock betrachtet, nicht als Motor des ganzen Geschäfts. Und oft ohne grosse strategische Überlegung importiert wie im Fall SDA – mit allen Abhängigkeiten, die das bringt.

  • Journalistinnen werden ebenfalls als Kostenblock betrachtet: Nicht selten mit Verachtung, die man gegenüber Versagern empfindet. (Gefragt, wohin sich das Unternehmen entwickeln könnte, werden sie nie.)

  • Das Koppeln von Medien an ein festes Renditeziel: Kurzfristig lassen sich durch Aushöhlung garantiert Gewinne ausschütten – nur wird dafür auf Investitionen verzichtet. Das nächste Quartal zählt. Die Zukunft nichts.

  • Die Korrektur von Managementfehlern, wenn es bereits zu spät ist. (Im Fall der SDA etwa: der verpasste Keystone-Kauf.) Dafür lässt man andere zahlen: Die klammen Verleger machen Druck auf die SDA, die klamme SDA auf ihre Angestellten.

  • Die miserable Kommunikation. Verlage meinen, weder nach innen noch nach aussen ehrlich und aufrichtig über ihre Ideen Auskunft geben zu müssen (falls sie welche haben).

  • Eine Hand weiss nicht, was die andere macht. Chefredaktoren machen Budgets, sparen Kosten, disponieren ihre Teams neu – ohne zu wissen, dass die Verlagsmanager bereits die nächste Sparrunde planen (oder eine Fusion des wichtigsten Zulieferers aufgleisen).

Das Resultat auf dem Markt ist: Machtballung, Verdacht, Zwietracht.

Zwar nützt die SDA bei Licht besehen allen – nur will keiner mehr dafür bezahlen. Ökonomisch gesehen ist die SDA ein klassischer Fall einer Allmend. Es ist dasselbe Phänomen wie bei Strassen oder Plätzen. Jeder profitiert von der Infrastruktur, aber könnte per Trittbrettfahren noch mehr profitieren. Mit dem Resultat, dass verfällt, was alle wollen.

Auf der Strecke bleibt die Publizistik. Als SDA-Chef Markus Schwab sagte, dass er nur den Aktionären verpflichtet sei, folgte er nur dem Trend in der gesamten Medienbranche. Der Abschied von der Öffentlichkeit erklärt auch die aggressive Haltung gegenüber dem Schweizer Fernsehen und Radio.

Die SDA ist ein Dienst an der Öffentlichkeit. Die Erfahrung zeigt, dass in Ländern mit starkem Service public das Publikum nicht nur allen Medien mehr vertraut – öffentlichen wie privaten. Sondern dass die Flut auch alle Boote hebt: dass mit mehr Vertrauen mehr für Medien gezahlt wird.

Aber die Zukunft der Medien ist nicht das, was das Management der Medienhäuser interessiert. Fasst man zusammen, was sie tun (nicht, was sie sagen), so ist die Strategie klar: Sie spielen das Endspiel.

Die Symptome: Sparen ohne Strategie, ohne Leidenschaft und Investitionen. Ausdünnung der eigenen Produkte und Marken. Auflösung der Reserven. Angriff auf die eigenen Grundlagen wie Redaktionen, Glaubwürdigkeit, systemrelevante Institutionen wie SRG oder SDA. Und dann der erbitterte Kampf aller gegen alle um ein paar Franken, Vorteile oder Werbeanteile.

Die Schweizer Verlage haben die Hoffnung aufgegeben, in Zukunft mit Journalismus Geld zu verdienen.

Und stürzen sich auf die Reste des sterbenden Geschäfts.

Momentan ist das die SDA.

+++ Lausanne, 01.02.: Zukunftsangst +++

Sie sehe eine ungewisse Zukunft vor sich, sagt (sda), weiblich, seit 24 Jahren im Betrieb. Jahrzehnte von Vernetzung und Erfahrung gingen nun den Bach runter, sagt (sda). Mit dem Abbau würden der SDA drei Regionen verloren gehen. Alle Berichte mit Leerlaufrisiko würden eingespart. «Das ist vor allem für die Gerichtsberichterstattung fatal.»

9. Was nun?

Sicher ist: Die SDA-Führung wird sich mit der Belegschaft treffen. Ab dem 13. Februar wird verhandelt: um die soziale Abfederung, um Kündigungsfristen, um Lösungen für die über 60-Jährigen.

Vermutlich aber nicht ums Grundlegende: ob die SDA mit einem Viertel weniger Mitarbeiter nach wie vor einen adäquaten Service bieten kann.

Wie die Mediengrundversorgung des Landes künftig aussieht, werden die Verleger nicht mit den Journalisten besprechen, sondern unter sich ausmachen. So, wie es seit der Gründung der SDA immer war.

Im Zweiten Weltkrieg war die SDA die meistgehörte Nachrichtenagentur in Europa. Photopress/Keystone

Die Politik wird sich allerdings einmischen. Edith Graf-Litscher, Präsidentin der nationalrätlichen Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen, hat die Streitparteien bereits einbestellt. Es wird um Fördergelder gehen.

Stand heute gilt, was Schwab seinen versammelten Mitarbeiterinnen bereits im Dezember sagte: «Mit den Bundesmillionen sieht alles gut aus.»

Zu erwarten ist, dass das Geld – egal, ob es schlussendlich aus den Billag-Töpfen, aus der Sprachenförderung oder über ein anderes Gesetz läuft – an Bedingungen geknüpft wird: an einen Leistungsauftrag, den die künftige SDA-Keystone bei der Abdeckung der Aktualität erfüllen muss.

Man könnte auch noch weiter gehen. Und fordern, dass sich die SDA aufteilen muss: in eine Service-public-Firma, die nicht profitorientiert ist und vom Bund unterstützt wird, und in eine kommerzielle Firma, die sich aufs Zusammenfassen von PR-Mitteilungen und Auftragsjournalismus konzentriert.

Man könnte auch verlangen, dass die SDA diese beiden Bereiche in ihrer Betriebsrechnung intern klar abgrenzt: mit separatem Kontoposten für den Informations- und für den Unterhaltungsteil. Ähnlich, wie es die konzessionierten Regionalradios bereits heute tun müssen.

Man könnte das tun, wird aber vermutlich davon absehen.

Sicher ist auch, dass viele SDA-Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz wechseln. In Zürich zieht die Redaktion vom Sihlquai an die Grubenstrasse, ins Gebäude, wo bereits Keystone haust. Auch in Bern und Lausanne steht ein Umzug bevor (was, so wird gemunkelt, ein weiterer Grund für die Hast ist: Man will keine Mitarbeiter umziehen lassen, die später sowieso entlassen werden).

Ganz vom Tisch ist auch die Gründung einer billigeren Konkurrenzagentur nicht. AZ-Verleger Peter Wanner rechnet intern vor, dass er mit den 1,5 Millionen Franken, die er 2017 an die SDA überwiesen hat, einen eigenen Agenturdienst finanzieren könnte.

Die Weko wird ihrerseits aller Voraussicht nach die Fusion der SDA und von Keystone im zweiten Quartal durchwinken. Sodass der Zusammenschluss, wie geplant, per 1. Januar 2018 vollzogen werden kann.

Rückwirkend.

Fast so, als hätten das Kommunikationsdebakel, die Entlassungen, der Streik, die ganze Schweizer Medienkrise gar nie stattgefunden.

+++ Lausanne, 01.02.: Wie weiter? +++

Es ist kurz vor 16 Uhr. Die Delegation, die mit Verwaltungsrat und CEO am Tisch sass, gibt per Telefon Meldung. Konstruktive Vorgespräche, Bereitschaft für Verhandlungen ist da – sofern der Streik währenddessen ausgesetzt wird. Kein Jubel, niemand klatscht, nur Konzentration in den Gesichtern. Ohne Beisein der Delegation will man nicht entscheiden. Der Streik geht also in den vierten Tag: Am Freitag, 10 Uhr, wird der Entscheid gefällt, ob man Streikpause macht.

Zur Transparenz: Mitautorin Anja Conzett ist Co-Präsidentin des Branchenverbands der Mediengewerkschaft Syndicom.

*In einer ersten Version des Artikels wurde das Zitat fälschlicherweise Somedia-Verleger Hanspeter Lebrument zugeordnet.





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