Das Beste von anderswo

Krieg in der Ukraine: Was es zu lesen, zu hören, zu schauen lohnt

Eine Auswahl an Beiträgen, die ein bisschen Klarheit schaffen – und ein Bonustipp.

Von Marco Di Nardo, Oliver Fuchs, Sven Gallinelli, Daniel Graf, Theresa Hein, Lucia Herrmann und Katrin Moser, 03.03.2022

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Vor zwei Wochen fragten wir an dieser Stelle: Was ist eigentlich los an der Grenze zwischen Russland und der Ukraine? Was passiert dort? Nun wissen wir es: Russische Truppen sind in die Ukraine einmarschiert, Präsident Wladimir Putin hat einen breiten Angriff auf das ganze Land angeordnet. Die ukrainische Regierung hat zum Wider­stand aufgerufen, in der Haupt­stadt bauen Bürgerinnen Molotow­cocktails und blockieren Strassen. Mehr als eine halbe Million Ukrainer sind aus dem Land geflüchtet.

Die Welt sei eine andere, also müsse auch die Politik eine andere sein, sagte am vergangenen Wochen­ende die deutsche Aussen­ministerin Annalena Baerbock. Deutschland und andere europäische Staaten haben der Ukraine Waffen­lieferungen zugesichert. Es ist eine politische Kehrt­wende. Eine von vielen. Weitreichende Sanktionen setzen die russische Wirtschaft seit Tagen enorm unter Druck. Und nach anfänglichem Zögern hat sich auch die Schweiz entschieden, diese Sanktionen mitzutragen.

Wie geht es weiter? Was passiert als Nächstes? Eine Nachrichten­meldung jagt die andere – Meinungen, Analysen und Einschätzungen. Aber wenn die vergangenen zwei Wochen etwas gezeigt haben, dann das: Viele Expertinnen hatten die Gefahr eines grossen Krieges auf europäischem Boden falsch eingeschätzt. Die Situation bleibt unübersichtlich, chaotisch, komplex.

Hier sind 10 Empfehlungen, die uns auf der Redaktion ein bisschen weiter­geholfen haben. Sie erläutern Hinter­gründe zum Geschehen in der Ukraine, zu den feder­führenden Politikern und auch zu unserem Umgang mit Medien in diesem Krieg.

Vorab: Auch in dieser Zusammen­stellung sind wieder einige Beiträge in englischer Sprache verlinkt. Hier finden Sie eine Anleitung, wie Sie sich die entsprechende Seite im Firefox-Browser übersetzen lassen können. Und hier sind die Anleitungen für Chrome, für Safari und für Edge.

1. Was ist der beste Podcast, um mich zu informieren?

Wenn Sie eine treue Hörerin von Her Royal Majesty’s British Broadcasting Corporation sind – dann dürfte dieser Podcast für Ihre stiff-upper-lip-geübten Ohren ziemlich ungewohnt klingen. Ukrainecast ist aktuell, emotional, roh – und wahrscheinlich das Beste, was es in der englisch­sprachigen Welt derzeit täglich zu hören gibt. Die Hosts und viele ihrer Gäste sind BBC-Journalisten. Das merkt man an der Fakten­kenntnis und den exzellenten Hinter­grund­informationen. Gleichzeitig nutzen sie die Freiheiten eines Podcasts, sprechen über ihre Verwirrung, Ängste und vor allem: mit vielen Menschen, die in Kiew und anderswo im Land um ihr Leben fürchten.

– I was just looking at the clip, where [Putin] ordered the nuclear … is this the right way of phrasing it? «Putting the nuclear deterrent on special alert»? Is that the correct phraseology?

– I believe that this is the literal translation, yeah … but this is not a «deterrent», right … this is a threat.

Aus: «Nuclear Reaction. Putin Moves Russia’s Nuclear Forces to ‹Special Alert›», vom 27.02.2022.

2. Kennen Sie die (wahre) Geschichte der Ukraine?

Als Wladimir Putin der Ukraine in einer Rede das Existenz­recht absprach, stützte er sich auf die Vergangenheit. Die Ukraine gebe es bloss dank der Sowjet­union. Wie so oft in Kriegen muss die Geschichte als Legitimation für militärische Entscheide herhalten. Und wie so oft wird die Geschichte so erzählt, dass das politische Narrativ passt. Wer sich nicht intensiv mit der ukrainischen Vergangenheit beschäftigt hat, kann solche Behauptungen nur schwer einordnen. Anders Timothy Snyder. Der Historiker lehrt an der Yale University und forscht seit Jahr­zehnten zur Geschichte Osteuropas. In dieser Folge des Podcasts «Today, Explained» gibt er einen kurzen Abriss über die vergangenen 100 Jahre und erklärt die komplizierte Beziehung zwischen Russland, der Sowjet­union und der Ukraine. Dabei deckt Snyder die Fehler in Putins Erzählung auf und warnt gleichzeitig davor, diese Erzählung als historisches Argument ernst zu nehmen.

Several years of watching people being willing to fight and die for Ukraine convinced the Communists who founded the Soviet Union that there was a real question here, and they had to have a real answer for it. So in that sense, it would be truer to say, ‹Ukraine created the Soviet Union› because without the general acknowledgment of a Ukrainian question, the Soviet Union wouldn't have been set up the way that it was.

Aus: «The Real and Imagined History of Ukraine», vom 25.02.2022.

3. War denn jetzt die Nato schuld?

Hätte der Krieg verhindert werden können, wenn sich die Nato früh genug von der Ukraine distanziert hätte? Wenn eine mögliche Nato-Mitgliedschaft der Ukraine, so wie es der russische Präsident Putin gefordert hatte, ausgeschlossen worden wäre? Diese und ähnliche Fragen werden seit Wochen immer wieder in Meinungs­beiträgen formuliert. Interessant daran ist, dass die These sowohl von Vertreterinnen der politischen Rechten wie von Angehörigen der politischen Linken vorgebracht wird. Der Autor im «New Yorker» zeichnet die Argumentations­linien differenziert nach, schildert, auf welchen Überzeugungen sie gründen und wer sie vertritt. Die Analyse bezieht sich zwar auf Akteure in den USA. Bei der Lektüre fallen aber deutliche Parallelen zur Diskussion in Europa auf.

If this is the alternative to the path that the Biden Administration is pursuing, a strategic step back, a public renunciation of Nato’s formal but faint plans to expand to Ukraine, then it hinges on certain assumptions, too: that a neutral Ukraine would not lead to further Russian pressure on Nato members that would require America to intervene directly, and that limiting Nato expansion is not just one feature of Russian designs on Ukraine but their extent.

Aus: «The New Doves on Ukraine», vom 11.02.2022.

4. Und hat der Westen seine Versprechen gebrochen?

Es ist eines der Standard-Narrative von Wladimir Putin: Der Westen habe versprochen, die Nato nicht nach Osten zu erweitern. Unter anderem diese Behauptung ist es, die Putin in seinen Reden als Recht­fertigung für Völkerrechts­bruch und Angriffs­krieg instrumentalisiert. Was ist dran an Putins Vorwürfen? Der deutsche Journalist und Sachbuch­autor Michael Thumann berichtet seit Jahrzehnten über Russland und Osteuropa. In seinem Text «Der Geschichts­vollzieher», erschienen unmittelbar vor dem russischen Überfall auf die Ukraine, zeichnet Thumann nach, wie Putin mit seiner ganz eigenen Version der post­sowjetischen Geschichte Politik macht – und Krieg führt. Minutiös zeigt Thumann auf, dass nicht nur die Verträge, Dokumente und Augenzeugen­berichte Putins Geschichts­deutung klar widersprechen. Sondern auch Putins eigene frühere Rolle in dem Prozess.

Wladimir Putin beruft sich auf die Geschichte, aber Geschichte liefert niemals eine moralische Legitimation für einen Krieg. Putins Radikalisierung hat nichts mit vermeintlichen Versprechen von 1990 zu tun, sondern zeigt, in welcher bedrückenden Realität Russland unter seiner 22-jährigen Führung angekommen ist.

Aus: «Der Geschichtsvollzieher», vom 23.02.2022.

5. Wie stark ist das russische Militär überhaupt?

Seit Wochen ist bekannt, dass das russische Militär eine massive Anzahl an Truppen und Waffen an der ukrainischen Grenze stationiert hat. Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie das ganze militärische Material überhaupt dort hingekommen ist? Und was es ganz praktisch bedeutet, mit Panzern über eine Grenze zu fahren, wie diese Panzer mit Treibstoff versorgt und wie Soldaten jenseits der Grenze mit Munition ausgestattet werden? Kriegs­führung ist auch eine logistische Heraus­forderung. Dieser Kommentar gibt einen Überblick über die Ausstattung des russischen Militärs – und hat noch vor dem Einmarsch in die Ukraine anhand von Szenarien ausgerechnet, vor welchem Dilemma die russische Kriegs­führung in Osteuropa aufgrund dieser materiellen Voraus­setzungen steht.

The Russian government has built armed forces highly capable of fighting on home soil or near its frontier and striking deep with long-range fires. However, they are not capable of a sustained ground offensive far beyond Russian railroads without a major logistical halt or a massive mobilization of reserves.

Aus: «Feeding the Bear: A Closer Look at Russian Army Logistics and the Fait Accompli», vom 23.11.2021

6. Steht wieder ein Weltkrieg bevor?

Sie haben Angst, dass der Dritte Weltkrieg ausbricht? Nun, wir befinden uns schon mittendrin, sagt die britisch-amerikanische Russland­expertin Fiona Hill im Interview. Was im ersten Moment reisserisch klingen mag, wird nach den klugen und fundierten Ausführungen nachvollziehbar, wenn die Historikerin die Logik und die Methodik aufzeigt, die in Putins Vorgehen stecken. Hill warnt davor, die Geschichte zu wiederholen, und stellt klar, dass es noch nicht zu spät sei, den russischen Präsidenten in die Schranken zu weisen. Dabei spricht sie auch über die Fehler, die der Westen in den letzten Jahren gemacht hat, und die reale Gefahr des Einsatzes von Nuklear­waffen.


Reynolds: The more we talk, the more we’re using World War II analogies. There are people who are saying we’re on the brink of a World War III.

Hill: We’re already in it. We have been for some time. We keep thinking of World War I, World War II as these huge great big set pieces, but World War II was a consequence of World War I. And we had an interwar period between them. And in a way, we had that again after the Cold War.

Aus: «‹Yes, He Would›: Fiona Hill on Putin and Nukes», vom 28.02.2022.

7. Wie meistern die Menschen in Kiew ihren Alltag?

Was bedeutet eigentlich Krieg für die Menschen, die ihn nicht gesucht haben, die es nun ertragen müssen, wenn Welt­politik plötzlich ihr eigenes Schicksal bestimmt? Eine Antwort auf diese Frage liefert die neue Republik-Bild­kolumne «Leben in Trümmern». Unser Fotograf Lesha Berezovskiy dokumentiert seinen Alltag und schreibt seine Gedanken auf: Was beobachtet er in den Bunkern? Wie sieht es auf der Strasse aus? Was geht ihm und seiner Frau Agata durch den Kopf? Ein eindrückliches Zeugnis aus den Strassen von Kiew, welches die Grausamkeit eines solchen Krieges ungeschönt aufzeigt.

Ich kehre ins Schlaf­zimmer zurück und sehe, dass meine Frau Agata immer noch friedlich schläft. Sie hat nichts gehört, sie hatte schon immer einen tiefen Schlaf. Ich gönne ihr diesen noch für eine weitere Stunde.

Danach wecke ich sie auf, und wir packen unsere Rucksäcke mit dem Notwendigsten. Wir sind gefasst. Während wir frühstücken, starren wir unentwegt auf unsere Handys, folgen den News.

Aus: «Aufwachen», vom 26.02.2022.

8. Ist es normal, jetzt ängstlich zu sein, obwohl man nicht in der Ukraine lebt?

Ja, total normal. Schliesslich sind wir nicht jeden Tag mit Bildern von Panzern in Europa konfrontiert oder damit, dass der russische Präsident die Atom­streitkräfte in Alarm­bereitschaft versetzt. Was der älteren Generation gerade besonders Angst macht, ist die Erinnerung an den Kalten Krieg; die Jüngeren sorgen sich dagegen eher um ihre Zukunft und die wirtschaftlichen Auswirkungen des Ukraine-Krieges. In diesem Bezahl­interview auf «Zeit online» erklärt die Psychiaterin Angelika Erhardt nicht nur, was es mit unserem Angst­gedächtnis auf sich hat. Sie spricht auch davon, wann Angst gut sein kann: wenn sie biologisch angelegte Schutz­systeme im Körper aktiviert. Angst könne helfen, schwierige Situationen zu meistern, und man könne sogar lernen, seine Angst­zentren zu beruhigen, sagt Erhardt. Zum Beispiel so:

Wenn man sich darauf konzentriert, was man tun kann, und sich nicht darauf konzentriert, welche Katastrophen maximal passieren können, kann man die Angst­reaktion reduzieren.

Aus: «‹Es ist okay, wenn man sich jetzt Sorgen macht›», vom 26.02.2022.

9. Wie berichtet eine unabhängige russische Zeitung über die Ukraine?

Im Dezember 2021 wurde Dmitri Muratow mit dem Friedens­nobelpreis ausgezeichnet. Die internationale Anerkennung galt seiner Arbeit als Chef­redaktor der Zeitung «Nowaja Gaseta», die sich als unabhängiges Medium in Russland für die Presse­freiheit und das Recht auf freie Meinungs­äusserung einsetzt. Wie hat sich die Arbeit der Journalistinnen mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine verändert? Im Interview erzählt Muratow vom wachsenden politischen Druck auf die Redaktion, wie er die Stimmung in der russischen Gesellschaft einschätzt und was er in den kommenden Wochen erwartet.

The pressure on Novaya Gazeta and other media began immediately. It’s got to the point of absurdity. We received an order to ban the use of the words «war», «occupation», «invasion». However, we continue to call war war. We are waiting for the consequences.

Aus: «How Russias Nobel-Winning Newspaper Is Covering Ukraine», vom 28.02.2022.

10. Wie erkenne ich Falsch­nachrichten?

Was Kriegs­herren besonders gerne tun, heisst es in Bob Dylans Anti-Kriegs-Hymne «Masters of War», sei, sich zurück­zulehnen und einfach nur zuzuschauen. Zum Beispiel dabei, wie andere für sie die Abzüge drückten. Nun muss man kein Kriegs­herr sein und kann dennoch in diesen Tagen bei Kriegs­geschehen und vermeintlichen Helden­taten zusehen, in Videos und Bildern; wer seinen Feed durchscrollt, muss nicht einmal bewusst danach suchen. Das Material ist überall. Twitter, Tiktok, Yotube und Facebook ziehen tief und schnell in den Sog der Desinformation. Aber man kann ja schlauer sein als die Kriegs­herren: wenn man sich eben nicht zurück­lehnt. Überlegen Sie, wer das Video gepostet hat, das Sie gerade sehen. Schauen Sie nach, von wann es stammt. Der «Spiegel» liefert eine gute Hand­reichung dafür, wie man Falsch­nachrichten entlarvt, und weist darauf hin, dass neben dem eigentlichen Krieg noch ein Informations­krieg tobe.

Als jemand, der nicht regelmässig mit Kriegs­aufnahmen zu tun hat, sollte man sich keine Illusionen machen: Ohne Vorkenntnisse und allzu viel Umgebungs­analyse ist es oft schwer einzuschätzen, aus welchem Konflikt oder von welchem Ort ein womöglich auch verwackeltes oder stark verpixeltes Video stammen könnte.

Aus: «So entlarven Sie falsche Bilder und Videos», vom 25.02.2022.

Und ein Bonus: Selenskis TV-Serie «Diener des Volkes»

Wolodimir Selenski spielte in «Diener des Volkes» einen Geschichts­lehrer, der über Nacht Präsident der Ukraine wird. 2015 wird die Serie im ukrainischen Fernsehen ein voller Erfolg. Knapp vier Jahre später gewinnt Selenski mit seiner nach der TV-Serie benannten Partei die Parlaments­wahlen und wird Präsident der Ukraine. Die Polit-Comedy-Serie hat 23 Folgen und ist bei Arte in Original­sprache mit deutschen Unter­titeln zu sehen.

Wolodimir Selenski ist eine Satire geglückt, in der das Feinsinnige und das Brachiale bestens nebeneinander existieren. Und die immer und immer wieder den realen Kern trifft.

Aus einer Rezension in der «Süddeutschen Zeitung», vom 22.11.2021

Wie informieren Sie sich über diesen Krieg? Welche Beiträge haben Ihnen in den vergangenen Tagen geholfen, die verworrene Situation besser verständlich zu machen? Mit der Über­forderung und dem vielen Unwissen umzugehen? Lassen Sie es uns im Dialog wissen!

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