«Dritte Gewalt» – Folge 14

Florian Kalotay

Der Straftäter, die Medien & und die Journalistin

Ungewollt wurde Brian Keller zum Medien­phänomen. Brigitte Hürlimann war als Gerichts­reporterin nahe dran. Wie entwickelt sich eine Beziehung zu einem Straftäter? Der Justiz-Podcast «Dritte Gewalt» rollt den Fall in mehreren Teilen auf. Teil 3.

Von Brigitte Hürlimann, Vivienne Kuster und Boas Ruh, 08.04.2024

Der Straftäter, die Medien und die Journalistin
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Brigitte Hürlimann pflegt über Jahre den Kontakt zu Brian Keller, seinem Vater und dessen Anwälten. Als Journalistin interessiert sie sich zunächst nicht direkt für Keller selbst oder dessen Straftaten, sondern für die Haft­bedingungen: Sie sieht sich in der Pflicht, Missstände im Justiz­vollzug aufzudecken.

Im Gespräch mit Boas Ruh erzählt sie, wie sie den Fall selbst begleitet hat und wie trotz ihrer Aufgabe als Journalistin, in der sie eine professionelle Distanz bewahrt, eine Beziehung zwischen Bericht­erstatterin und Straftäter entstanden ist.

Das Gespräch von Boas Ruh und Brigitte Hürlimann zum Nachlesen

Weil es zu dieser Podcastfolge keinen vorgängig veröffentlichten Text gibt, ist das Gespräch hier in Schriftsprache nachzulesen.

Boas Ruh: Brigitte, wie war dein erstes Zusammentreffen mit Brian Keller?

Brigitte Hürlimann: Das erste längere Gespräch hat im Gefängnis Pöschwies stattgefunden, im Hochsicherheits­gefängnis. Er sass damals in einem sehr restriktiven Haftregime unter schlimmen Bedingungen. Später wurden sie auch als Verletzung der Menschenrechts­konventionen taxiert.

Boas: Und da kann man sich anmelden als Journalistin?

Brigitte: Ja, aber das war nicht einfach, ehrlich gesagt. Es ist von Gefängnis zu Gefängnis anders, aber das Gefängnis Pöschwies macht es einem wirklich nicht einfach. Man muss sich schriftlich anmelden. Und je nachdem, in welchem Haftregime sich der Insasse befindet, wechseln die Zuständigkeiten. Mal ist der Staatsanwalt zuständig, mal ist es das Gericht oder mal das Gefängnis selbst, das entscheiden darf, ob man besuchen darf oder nicht. Aber beim Gefängnis Pöschwies hat es ewig gedauert, bis ich eine Antwort bekam.

Boas: Nimm uns mal mit, als du hingegangen bist. Wie hat es da ausgesehen?

Brigitte: Ehrlich gesagt etwas unheimlich. Ich bin schon oft in der Pöschwies gewesen, und mir läuft es jedes Mal kalt den Rücken hinab. Man steht vor dem massiven Betontor und muss eine Klingel drücken und dann geht das Betontor auf. Dann steht man in einer Schleuse, dann geht eine Panzertür auf, und es gibt ganz viele Schritte mit ganz vielen verschlossenen Türen und Kontrollen. Man schliesst seine Sachen ein, zieht seine Schuhe aus und geht durch eine Schleuse.

Boas: Wie am Flughafen?

Brigitte: Genau. Man muss sich also immer überlegen, was für ein Kleidungs­stück man trägt, dass es nichts anzeigt. Ich finde es immer ein bisschen entwürdigend. Man wird also nicht sehr gastlich empfangen als Besucherin. Wenn man dann das alles mal überwunden hat, all die Schranken und Türen, dann landet man im Besuchs­zimmer. Aber im Fall von Brian Keller habe ich noch einen Schritt mehr machen müssen, weil Brian Keller derart speziell behandelt worden ist.

Boas: Musstest du zu ihm in die Zelle?

Brigitte: Schön wärs! Ich wäre gern zu ihm in die Zelle gegangen. Dann hätte ich diese endlich einmal gesehen. Das habe ich tatsächlich ein paarmal probiert und Gefängnis­leitung und auch das Amt für Justizvollzug angefragt. Aber beim Besuch von Brian Keller musste man in einen speziellen Raum. Sehr stickig, sehr unangenehm. Ich sass auf der einen Seite, er auf der anderen. Zwischen uns eine grosse Panzerglas­scheibe. Was besonders schlimm war, und daran habe ich mich nie gewöhnt, dass er sogar hinter der Panzerglas­scheibe an Händen und Füssen gefesselt war. Man konnte sich nicht die Hand geben und man verstand sich schlecht.

Boas: Waren auch Sicherheits­leute da? Wurde euch zugehört?

Brigitte: Die Sicherheits­leute waren nicht im Raum. Aber wenn das Gespräch beendet war – das wusste ich –, kamen sechs uniformierte Männer, die ihn zurück in die Zelle führten. Ich hätte das gerne einmal gesehen, aber man hat mich immer vorher aus dem Raum gejagt.

Boas: Wie lief das ab, dass du ihn überhaupt treffen konntest?

Brigitte: Ich habe irgendwann entschieden, dass ich diesen Brian Keller kennenlernen muss. Aber erst, nachdem ich schon wochenlang oder monatelang über seinen Fall recherchiert hatte. Das habe ich bewusst nicht am Anfang gemacht, weil mich eigentlich sein Fall interessierte, die Umstände seiner Inhaftierung. Der Mensch dahinter stand für mich zuerst nicht im Mittelpunkt. Aber irgendwann war klar: Ich kann nicht über jemanden schreiben, den ich nicht kennenlerne. Ich glaube, ich habe dann Brian über den Vater oder den Anwalt fragen lassen, ob er mit einem Besuch von mir einverstanden ist. Er hat sofort zugesagt. Ich glaube, es war ihm auch wichtig, die Journalistin kennenzulernen, die sich so für seinen Fall interessiert.

Boas: Weisst du noch, was du zu ihm gesagt hast?

Brigitte: Ich weiss, dass wir beide recht verlegen waren. Wir haben über banale Sachen gesprochen. Für ihn war es wichtig zu erfahren, was draussen hinter den Gefängnis­mauern geschieht. Ich habe aber auch versucht, ihm immer Hoffnung zu machen. Denn ich haderte damit, ihm von unserem bewegten Leben draussen zu erzählen – und gleichzeitig zu wissen, dass er jetzt dann wieder in seine Zelle zurückgeführt wird, wo er nach einer Stunde Gespräch die restlichen 23 Stunden am Tag verbringt.

Boas: Du bist zu einer Art Bezugsperson geworden? Wie oft habt ihr euch getroffen?

Brigitte: Ich habe es nie gezählt. Es waren jedenfalls sehr viele Gesuche. Aber ich habe ihn nicht nur in der Pöschwies getroffen, sondern auch später im Gefängnis in Zürich. Dort war es viel angenehmer und eine Erleichterung, ihm auch einmal die Hand geben zu können. Das war berührend, und die Gespräche haben auch eine neue Qualität angenommen. Aber es war schon eine spezielle Beziehung. Er hat gewusst, ich bin Journalistin und schreibe über ihn. Gleichzeitig bin ich vom Alter her in der Nähe seiner Mutter, und ich hatte das Gefühl, dass ich eine Art Mutter­figur für ihn war. Das hat die Beziehung zwischen uns einfacher gemacht. Ich konnte mir deshalb wohl viel mehr erlauben. Ich konnte ihm auch widersprechen, wenn er mir von Fantasien oder Vorstellungen erzählt hat, wenn es ihm schlecht ging.

Boas: Aber ihr habt euch immer gesiezt?

Brigitte: Ja und ich fand das gut. Aufs Du haben wir erst gewechselt, als wir uns das erste Mal in Freiheit getroffen haben. Aber ab und zu falle ich immer noch ins Sie zurück.

Boas: Wie viele Gedanken machst du dir zu Nähe und Distanz? Seid ihr euch nicht zu nahe gekommen in deiner Rolle als Journalistin?

Brigitte: Zu nahe kommen ging gar nicht, weil ich ihn ja praktisch nur im Gefängnis gesehen habe. Seit er in Freiheit ist, habe ich ihn nur zwei Mal gesehen. Da soll er sich ohne die Journalistin nebendran ein neues Leben aufbauen. Aber im Gefängnis ging es mir auch immer darum, dass er diese sehr schwere und psychisch aussergewöhnlich anspruchsvolle Zeit gut übersteht und überlebt. Ich habe mir nach einem Besuch manchmal Sorgen gemacht und gehofft, dass er die kommende Nacht übersteht. Ich habe gewusst und erlebt, wie schlecht es ihm geht, und da konnte ich mich nicht einfach bequem in meine Journalistinnen­rolle zurückziehen. Ich fand es nur menschlich, bei Besuchen empathisch zu sein und etwas dafür zu tun, dass er diese Zeit besser übersteht.

Boas: Hattest du nie die Sorge, dass es zu viel Nähe ist?

Brigitte: Nein. Wir haben so andere Lebens­realitäten, andere Interessen und dann kommt noch der Alters­unterschied dazu. Ich denke, wir beide haben eine Distanz gewahrt.

Boas: Angefangen hat die ganze Medien­berichterstattung mit dem Pseudonym Carlos als der gewalttätige Straftäter. Wie blickst du auf diese Zeit zurück?

Brigitte: Ich erinnere mich genau an den Moment: Es war Sommer 2013, ich stand am Flughafen und habe zum ersten Mal die Schlagzeilen zum Sondersetting und dem zu hoch empfundenen Preis gelesen. Bevor ich ins Flugzeug gestiegen bin, dachte ich noch: Hoffentlich gelingt es den Zürcher Behörden, die Wogen zu glätten. Hoffentlich können sie schnell und sorgfältig informieren, sodass die Medien merken, dass das ziemlich sicher nicht so ein grosser Aufreger ist, wie die Schlagzeilen vermuten lassen.

Boas: Der «Blick» hat viel darüber berichtet und es wurde eine Art Schlamm­schlacht. Wie sind die anderen Medien damit umgegangen?

Brigitte: Leider überhaupt nicht, wie ich mir das erhofft habe. Die meisten sind auf die Empörung aufgesprungen. Und ich hatte den Eindruck, die Behörden hatten kein Gegensteuer ergriffen, frühzeitig und eindringlich genug zu informieren, weshalb es keinen Grund gibt, sich über die ganze Sache aufzuregen. Im Gegenteil: Man hätte betonen sollen, dass dieses Sonder­setting sein Geld wert wäre und es gut funktioniert hat und es viel mehr gekostet hätte, ihn einzusperren. Das hat der «Blick» tunlichst verschwiegen. Mir war das klar, aber ich bin nicht nur Journalistin, sondern als Juristin kenne ich das Jugend­strafrecht und seine Möglichkeiten und Ziele. Die sind vor allem Erziehung und damit eine Prävention von kriminellen Karrieren. Und bei «Carlos» hatte das gut funktioniert.

Aber der «Blick» und die meisten anderen waren interessiert an Klicks. Aber es gab eine Journalistin – die erste in diesem Fall –, Liliane Minor vom «Tages-Anzeiger», die sich wirklich informiert hat und sich um Fakten gekümmert hat. Sie hat Grautöne zugelassen, recherchiert und informiert über Jugend­strafrecht und Sondersetting.

Boas: Wann bist du in diesen Fall eingestiegen?

Brigitte: Relativ spät, als ich angefangen habe, das Medien­phänomen zu thematisieren. Irgendwann wurde es dann insgesamt auch differenzierter, nicht mehr nur von Liliane Minor. Und ich wollte wissen, wie es zu diesem Umschwung kam.

Boas: Wie kam es dazu?

Brigitte: Ein Bundesgerichtsurteil. Als das höchste Gericht des Landes sagte, dass man ihn nicht hätte inhaftieren dürfen nur aufgrund des Medien­skandals. Da wurde es etwas ruhiger, aber Teile der Empörung blieben. Man sprach sogar darüber, welches Deo er benutzen dürfe. Ich finde, es hatte auch persönlichkeits­verletzende Züge angenommen.

Boas: Der Fall hat so viele Stationen und Wendungen. Wie hast du in diesem ganzen Fall den Überblick behalten?

Brigitte: Das war extrem schwer. Ich habe viel mit den Anwälten geredet und mit seinem Vater. Aber was man nicht vergessen darf: Brian Keller selbst wusste immer genau, was läuft. Aber es liefen immer mehrere Verfahren parallel, da er ja auch als Kläger aufgetreten ist, als er angefangen hat, sich gegen die Ungerechtigkeiten zu wehren.

Boas: Es war wirklich bemerkenswert kompliziert. Und trotzdem hatten die meisten Leute ja eine klare Meinung, für oder gegen Brian.

Brigitte: Ich fand diese Team­bildung extrem überflüssig. Wir müssten viel bescheidener sein, denn niemand weiss allumfassend Bescheid. Selbst ich als Juristin, die mehr als 1000 Seiten in diesem Fall gelesen hat – Urteile, psychiatrische Gutachten, wissenschaftliche Aufsätze –, auch ich kenne nicht den ganzen Fall. Es würde uns allen guttun – Journalistinnen und Bevölkerung – anzuerkennen, dass wir nicht alles wissen und es nicht schwarz oder weiss ist. Brian selbst sagt ja auch selbst von sich: «Ich habe Fehler gemacht, sonst wäre ich nicht in dieser Situation.» Er differenziert, und das sollten wir alle tun.

Boas: Stört dich die Vereinfachung in der Gerichts­berichterstattung generell?

Brigitte: Ja, das ist ein Problem. Nicht nur bei Brian Keller. Wir müssen auch über Grautöne sprechen.

Boas: Aber es ist die Aufgabe des Journalismus, Komplexität zu vereinfachen und gleichzeitig keinen Sachverhalt zu verfälschen.

Brigitte: Das ist nobel, aber wenn du eine knackige Schlag­zeile generieren willst, die schlussendlich zum Kauf einer Zeitung führen soll, dann entsteht das Problem. Wie viel Information sind wir den Klicks zuliebe bereit zu opfern? Wer ausgewogen und informativ schreibt, läuft Gefahr, unter den schrillen Tönen unterzugehen.

Teil 1 «Ein Jugendstraftäter wird berühmt» ist hier nachzuhören.

Teil 2 «Der berühmteste Häftling der Schweiz wird erwachsen» ist hier nachzuhören.

Den Fall von Brian Keller arbeiteten Brigitte Hürlimann und Elia Blülle in der Serie «Am Limit» in drei Teilen auf. Im Republik-Archiv finden Sie auch alle anderen Beiträge des Briefings «Am Gericht». Das Konzept des Podcasts stammt von Stefanie Müller-Frank und Vivienne Kuster. Die Titel­musik ist komponiert von Daniel Hobi.

Folge 15

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Sie lesen: Folge 14

Der Straftäter, die Medien und die Jour­na­li­stin

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