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Alle kennen «Carlos», den Täter. Doch hinter dem Pseudonym steckt auch ein Opfer. Wie ein junger Intensivtäter den Strafvollzug an die Grenzen bringt – und darüber hinaus

Von Elia Blülle, Brigitte Hürlimann (Text) und Alexandra Compain-Tissier (Illustrationen), 04.06.2019

Er wolle mit Journalisten reden – unbedingt und so schnell wie möglich. Es sei dringend.

Als wir Herrn K. kurz vor Weihnachten 2018 zurückrufen, redet er sofort drauflos, als würden wir uns seit Jahren kennen. Er berichtet von Hand­schellen, Fuss­fesseln, vermummten Polizisten und Schikanen. Von einem Justiz­skandal, der einfach kein Ende nehme, im Gegenteil, der immer schlimmer werde, immer groteskere Formen annehme.

Es gehe um seinen Sohn, der seit bald zwei Jahren in Untersuchungs­haft sitze und daran zugrunde gehe. Er werde schlechter behandelt als jeder Mörder oder Vergewaltiger. Unverhältnismässig und zu Unrecht.

Der Vater ist verzweifelt, das ist offensichtlich.

Sein Sohn sei kein Schwer­verbrecher. Das müssten wir ihm glauben.

Mit diesem Telefonat beginnt eine monate­lange, intensive Auseinander­setzung mit Herrn K., seinem Sohn und mit dem Justiz­vollzug, mit vielen Gesprächen und Begegnungen, mit nieder­schmetternden Neuigkeiten und Enthüllungen aus der Vergangenheit.

I. Aus «Carlos» wird Mike

Das ganze Land kennt «Carlos», seinen Sohn. Oder glaubt ihn zu kennen.

«Carlos» ist das schweizweit bekannte Pseudonym für einen jungen Mann, der angeblich allen auf der Nase rumtanzt, immer wieder auf die schiefe Bahn gerät. «Carlos» steht auch für einen aus dem Ruder gelaufenen Medien­skandal. Vor allem aber ist «Carlos» ein Stigma, eine Last.

Hinter dem Pseudonym steckt ein 23-Jähriger, unter schwierigen Umständen aufgewachsen, der sich von klein auf im übertragenen und im wörtlichen Sinn durchs Leben boxen musste; selten als freier Bub, Jugendlicher oder Mann, meistens in Anstalten, Institutionen, Gefängnissen, Heimen, Settings. Im In- und Ausland. Viel zu oft, viel zu lange und viel zu früh in Einzelhaft.

Wir wollen ihn nicht länger «Carlos» nennen, geben ihm ein anderes, ein neues Pseudonym. Wir wollen das Stigma tilgen, mit dem er seit Jahren durch die Medien getrieben wird.

In dieser Recherche heisst er Mike.

Die Treffen mit Herrn K. dauern mal Minuten, mal Stunden. Fast immer bringt er ein dickes Bündel Dokumente mit, um die neusten Entwicklungen aufzuzeigen und das Geschehene akkurat zu belegen.

Die Situation ändert sich fast täglich. Doch eines bleibt stets gleich: Es gibt kaum Hoffnungs­volles, Positives zu vermelden, über Monate hinweg.

Es wird alles immer schlimmer.

«All das Unrecht, das meinem Sohn angetan wird», wie der Vater sagt.

Herr K. hat weissgraues, kurzes Haar, Bürsten­schnitt. Den Kaffee trinkt er schwarz und stark, ohne Zucker; die filterlosen Zigaretten habe er sich mehr oder weniger abgewöhnt, sagt er. Wenn er uns mit festem Hände­druck begrüsst, wir ihm einen Espresso anbieten und ihn nach seinem Befinden fragen, winkt er ab. Lieber redet er von seinem Sohn.

Mike gehe es miserabel. Er dürfe im Gefängnis nicht einmal Fach­bücher über das Boxen lesen, weil sie zu gewalttätig seien. Auch nicht «Krieg und Frieden» von Leo Tolstoi, das er sich aus der Gefängnis­bibliothek bestellt habe. Herr K. sagt, sein Sohn sei seit Monaten isoliert, er dürfe nur mit Hand- und Fuss­fesseln eine Stunde pro Tag im Hof spazieren – wenn er denn überhaupt Hofgang bekomme.

Wie solle das ein Mensch aushalten?

II. Das Gutachten

Ist Mike der hochgefährliche, unbelehrbare und unberechenbare Intensiv­täter, als der er in den Medien dargestellt wird?

«Ja», sagt der Justizvollzug.

«Nein» seine Familie.

Mike hat in seinem bisherigen Leben Anzeigen gesammelt wie andere Leute Brief­marken. Zwei gravierende Vorstrafen und Dutzende kleinerer Delikte, die zu Verurteilungen, Strafen und in erster Linie zu Massnahmen geführt haben; das meiste innerhalb des Jugend­strafrechts. Als Kind und Minder­jähriger beging er viele typische Jugend­sünden: Kiffen, Diebstähle, Entwendungen, Sach­beschädigungen, Hausfriedens­bruch und so weiter.

Kurz vor Weihnachten und wenige Tage bevor wir uns erstmals mit Herrn K. treffen, veröffentlicht die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) eine Artikelserie über «Carlos». Sie thematisiert ausführlich seine Lebensgeschichte, die Haft­bedingungen und eine angeblich drohende Verwahrung – ein folgenschweres Stichwort, das von der Staats­anwaltschaft 2017 in die Runde geworfen wird. Ein neues Gutachten solle sich zur Frage einer allfälligen Massnahme äussern, lässt Staats­anwalt Ulrich Krättli gegenüber der NZZ verlauten.

Die Zeitung titelt: «‹Carlos› versus die Justiz – ‹Am Ende wird das System ihn brechen›».

Inzwischen liegt das Gutachten vor. Verfasst hat es der Basler Forensiker Henning Hachtel.

Der Gutachter äussert sich darin nicht explizit zur Verwahrung, schreibt aber, dass aufgrund der langjährigen Erfahrungen mit Mike die Anordnung einer therapeutischen Massnahme ohne dessen Therapie­bereitschaft nicht als Erfolg versprechend empfohlen werden könne.

Würde vom Gericht tatsächlich eine Verwahrung angeordnet, würde Mike für unbestimmte Zeit hinter Gitter geschickt. Mit 23 Jahren.

Ist das die einzige Antwort, die einzige Lösung für einen wie Mike?

Und was im Vordergrund steht: Gelingt es dem Straf­vollzug, angemessen, menschlich und fair mit einem schwierigen Häftling umzugehen?

Einem Häftling, der Zellen beschädigt, Gefängnis­mitarbeiter bespuckt, beleidigt und bedroht, der nicht kooperiert, sondern aufbegehrt, angibt?

Fairness und Professionalität im Umgang mit einem, der seit dreizehn Jahren die Straf­justiz an ihre Grenzen bringt, überfordert – ist das überhaupt möglich?

Das sind die Fragen, die uns im Fall Mike interessieren.

III. Die Recherche

Wir lesen Hunderte von Seiten an Gerichts­akten, Gutachten, Gesuchen und Verfügungen. Wir sprechen mit Anwältinnen, mit Angestellten des Justiz­vollzugs, mit Professoren, Politikerinnen, Vertretern von NGOs.

Die Einschätzungen zu Mike gehen diametral auseinander.

Was uns allerdings rasch klar wird: Die Art und Weise, wie der 23-jährige Häftling immer wieder eingesperrt, isoliert und behandelt wird, ist schweiz­weit einzigartig – und eines modernen Justiz­vollzugs unwürdig. Mit einem humanen, auf Resozialisierung ausgerichteten Vollzug oder mit Deeskalation hat das nur wenig zu tun.

Drei Beispiele:

  1. Als 10-Jähriger wird Mike in Hand­schellen abgeführt, vor den Augen seiner Eltern. Die Vorwürfe erweisen sich später als haltlos. Mit 12 Jahren landet er zum ersten Mal im Gefängnis. Acht Monate ist er eingesperrt, zeitweise in Einzelhaft.

  2. Nach einem Suizid­versuch wird Mike dreizehn Tage lang ans Bett fixiert, vollgepumpt mit starken Medikamenten. Seinen 16. Geburtstag verbringt er vollständig bewegungs­unfähig. Ein aktuelles Gutachten – beantragt von der Staats­anwaltschaft – spricht von «Misshandlung».

  3. Im Bezirks­gefängnis Pfäffikon muss Mike über zwei Wochen auf dem kalten, nackten Boden schlafen. Ohne Decke. Er darf nicht duschen – und sich tagelang nicht die Zähne putzen. Ein Gutachten kommt später zum Schluss: Mikes Menschen­rechte wurden verletzt.

Wie konnte es so weit kommen?

Und vor allem: Wie soll das enden?

  • In Teil 1 der Recherche erfahren Sie, wie ein Zwischenfall in der Straf­anstalt Pöschwies Mikes Situation dramatisch verschlechtert hat. Was genau vorgefallen ist – umstritten. Die Anklage gegen ihn ist happig. Was er bereits alles auf dem Kerbholz hat, auch. Doch sein Vater schlägt Alarm.

  • In Teil 2 der Recherche erfahren Sie, warum Mike den Behörden misstraut. Wie der Staat viermal krass versagt hat in seinem Fall. Und wie sich jetzt zum fünften Mal eine Katastrophe anbahnt im Leben von Mike.

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