Der Journalismus stirbt im Kleinen – und mit ihm die Demokratie

Die Flucht aus den Medien geht weiter – auch im Lokal­journalismus. Dort ist sie besonders schädlich, weil niemand mehr der Politik auf die Finger schaut.

Von Philipp Albrecht, Dennis Bühler (Text) und Lucy Jones (Illustration), 22.04.2024

Vorgelesen von Dominique Barth
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Ohne Journalismus keine Demokratie, mit dieser Überzeugung ist die Republik vor gut sechs Jahren angetreten. Mit Beiträgen, die möglichst im ganzen Land auf Interesse stossen.

Ebenso wichtig wäre ein kritischer, der Aufklärung verpflichteter Journalismus auf tieferer staats­politischer Ebene: in den Gemeinden und Regionen. Dort sind die Folgen von politischen Entscheidungen für alle Bürger direkt spürbar. Zudem fällt es immer schwerer, Kandidatinnen für politische Ämter zu finden. Und schliesslich zeigen Studien, dass Korruption und Intransparenz wachsen und die Kluft zwischen Arm und Reich grösser wird, wenn es vor Ort keine Journalistinnen mehr gibt.

Doch der Lokal- und Regional­journalismus steckt in einer schweren Krise. Es fehlt den meisten Medienverlagen an Geld, um die digitale Transformation zu schaffen, und es fehlt an journalistischem Nachwuchs. Kein Wunder, ist die Zahl an Abgängerinnen beim MAZ, der wichtigsten Schweizer Journalisten­schule, doch weiter rückläufig und eine Karriere im Lokal­journalismus für die meisten nicht das vorrangige Ziel.

28 schliessen dieses Jahr beim MAZ ab

Anzahl Abgänger der Diplom­ausbildung Journalismus

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Quelle: MAZ

In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind in der Schweiz rund siebzig Zeitungen verschwunden, die meisten davon im lokalen oder regionalen Bereich – vom «Alttoggenburger» bis zum «Wolhuser Boten», vom «Anzeiger Degersheim» bis zur Kleinbasler Zeitung «Vogel Gryff». Obwohl es gemäss einer kürzlich erschienenen Studie der Fach­hochschule Graubünden nach wie vor 489 Lokalmedien gibt (darunter 347 Print­zeitungen) und in den letzten Jahren einige Online-Redaktionen hinzugekommen sind, verkündete die NZZ Anfang Jahr zu Recht und nur vermeintlich despektierlich den Tod des «Käseblatts». Sie warnte, die Geringschätzung des Lokal­journalismus könne die Demokratie teuer zu stehen kommen. Denn der schweizerische Föderalismus könne nur funktionieren, wenn sich alle Bürger auf allen Staats­ebenen umfassend und kritisch informieren könnten.

Die Krise im Lokalen wirkt sich auch auf das dortige journalistische Personal aus. Das ist eine der Erkenntnisse unserer Recherchen für die Aussteiger­liste, die wir nach 2021, 2022 und 2023 jetzt zum vierten Mal veröffentlichen. Erneut haben wir gezählt, wie viele unserer Berufs­kolleginnen sich in letzter Zeit aus dem Journalismus verabschiedet haben. Und wir haben einige von ihnen nach den Gründen für ihren Ausstieg gefragt.

Der seit langem feststellbare und nur durch die Pandemie kurz unter­brochene Trend hält an: Weiterhin kehren mindestens zwei Journalisten pro Woche der Branche den Rücken. Konkret zählten wir im Jahr 2023 96 Aussteigerinnen – und in den ersten knapp vier Monaten dieses Jahres weitere 23. Viele von ihnen wurden Sprecherinnen von Unternehmen, Verwaltungen und Sportclubs, machten sich als Kommunikations­beraterinnen selbstständig oder schreiben heute für Verbands­publikationen.

96 stiegen 2023 aus

Anzahl Journalistinnen und Journalisten, die den Beruf verlassen haben

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2024 = bis 19. April 2024
Quelle: eigene Auswertung

Wie schon in den Vorjahren können wir auch dieses Mal keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben (mehr zur Methodik der Erhebung lesen Sie am Ende dieses Beitrags). Rund ein Drittel der Aussteigerinnen, die wir 2023 gezählt haben, haben über die Geschehnisse in den Gemeinden und Kantonen berichtet. Doch gerade dort dürfte die Dunkel­ziffer erneut gross sein, weil Abgänge oft nicht kommuniziert werden.

Umso mehr haben wir uns die Frage gestellt, wie es den Schweizer Lokal- und Regional­journalistinnen geht. Mit welchen Schwierigkeiten haben sie zu kämpfen? Weshalb flüchten so viele aus dem Beruf? Und was sind die Folgen für die Demokratie, wenn sich der Niedergang des Journalismus fortsetzt?

1. Mangelnde Wertschätzung

Als René Weber Anfang 2023 aus den Ferien in Südafrika zurückkehrte, fand er sein Pult nicht wieder. Man hatte ihn während seiner Abwesenheit umplatziert. Unmittelbar vor seiner Abreise hatten ihn seine Vorgesetzten nach zehn Jahren als Sportchef der «Südostschweiz» abgesetzt – ohne vor dieser Entscheidung ein einziges Mal mit ihm darüber zu sprechen.

Kein Wunder, spricht der 54-Jährige im Rückblick von einer «toxischen Atmosphäre», in der er es viel zu lange ausgehalten habe. Als Sport­journalist war er es gewohnt, oft bis spätabends zu arbeiten und fast an jedem Wochenende im Einsatz zu sein, an Spielen des EHC Arosa in der dritt­höchsten Eishockey­liga, an Schwingfesten oder auch mal an einem Match der Fussball­nationalmannschaft. «Ich war in dieser Mühle gefangen und merkte gar nicht, wie sehr mich die ständige Anspannung und der omni­präsente Zeitdruck auslaugten», sagt er. «Wie viel ich geopfert und verpasst habe, fällt mir erst jetzt auf.»

Wenige Wochen nach seiner Degradierung reichte Weber die Kündigung ein. Als er seinem direkten Vorgesetzten schrieb, er habe sich entschlossen, der Redaktion nach insgesamt fast einem Viertel­jahrhundert den Rücken zu kehren, habe ihm dieser per Whatsapp geantwortet, 23 Jahre seien ja auch sehr lang. Und als er dem Personal­chef des Verlags beim Kündigungs­gespräch im Detail erzählte, was aus seiner Sicht schiefläuft im Unternehmen, habe dieser versprochen, allen Vorwürfen auf den Grund zu gehen und sich wieder bei ihm zu melden. «Ich hörte nie wieder von ihm.»

Seit Juni 2023 verantwortet Weber die Kommunikation beim Bündner Gewerbe­verband. Im neuen Job sei er «in einer anderen Welt gelandet», sagt er. Im achtköpfigen Team mache man gemeinsam Znüni­pause, erzähle sich von der Familie und Erlebnissen am Wochen­ende, spare nicht mit Lob und Wertschätzung. Bereut habe er den Abgang aus dem Journalismus noch keine Sekunde.

2. Ständiger Spardruck

Wie Weber rieb sich auch der langjährige «Bund»-Journalist Markus Dütschler je länger, desto mehr am eigenen Unternehmen. Mit dem Unterschied, dass dessen Spitze nicht im selben Redaktions­gebäude präsent war, sondern ihre Entscheide im fernen Zürich traf.

«Tamedia ist nicht irgendjemand», sagte Dütschler 2017 in einer Rede, die er als Co-Präsident der Personal­kommission vor der versammelten Berner Belegschaft hielt und in der er vor weiteren Spar­übungen warnte. «Tamedia ist der Platzhirsch. Von diesem Marktführer darf man erwarten, dass er Publizistik nicht nur mit dem Rotstift betreibt, sondern auch investiert.» Von der Protest­aktion erhoffte sich Dütschler das Signal, «dass wir uns nicht wie Schafe zur Schlacht­bank führen lassen».

Vier Jahre später verkündete der grösste Medienverlag des Landes, was sich längst abgezeichnet hatte: Er legte die Lokal­redaktionen von «Bund» und «Berner Zeitung» zusammen. Als Dütschler «trotz lobender Worte» eine Änderungs­kündigung erhielt, mit der sein Pensum von 90 auf 60 Prozent gekürzt wurde, war für ihn klar: «Hier gehöre ich nicht mehr hin.»

Nach der Unterzeichnung eines Arbeits­vertrags ausserhalb von Tamedia habe er die Kündigung beim «Bund» mit einem «sauguten Gefühl» abgeschickt, erinnert sich der heute 62-Jährige. Dass er selbst über den Moment des Abgangs entscheiden konnte, habe sich angefühlt wie ein Sieg.

Seit zwei Jahren kommuniziert Dütschler nun für die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Und er sagt wie Weber: «Es geht mir viel besser als in den letzten Jahren als Journalist.» Denn bei Tamedia habe es stets geheissen, man müsse mit weniger Personal mehr Output generieren, der erst noch besser werden müsse. «Der Spardruck war wie eine dunkle Wolke, die nie verschwand.»

3. Zusätzliche Aufgaben

Auch bei Nadja Sutter kamen ständig neue Aufgaben hinzu. Im Jahr 2021 lancierten die «Freiburger Nachrichten», bei denen sie als Lokal­redaktorin arbeitete, eine neue Website und eine neue App. Die Zeitung wollte auf Social Media Präsenz markieren und auf «digital first» umstellen. Heisst: Seither erscheinen alle Artikel zuerst und so schnell wie möglich online, in der Print­ausgabe werden die Beiträge alle 24 Stunden gebündelt.

Im Zuge dieses Digitalisierungs­prozesses kam Sutter in die erweiterte Redaktions­leitung. Sie stellte rasch fest, dass sie den Anforderungen nicht gewachsen war, und auch die Arbeitslast für das Team stieg. «Wir mussten zwei neue zusätzliche Kanäle bespielen, waren aber gleich viele Personen wie zuvor – und bald sogar weniger, weil die Verantwortlichen Abgänge nicht ersetzten.» Zwar habe sie ihren Job als Lokal­journalistin geliebt. «Aber ich wurde immer erschöpfter. Die Arbeit erforderte mehr Energie, als ich geben konnte.»

Im Frühling 2022 wechselte Sutter zum Schweizerischen Gemeinde­verband, dessen zehnmal jährlich erscheinendes Magazin «Schweizer Gemeinde» sie nun verantwortet. Mit ihrer neuen Aufgabe sei sie happy, sagt sie. Und werde deutlich besser bezahlt als bei den «Freiburger Nachrichten».

Der Zustand des Lokal­journalismus bereitet der 36-Jährigen Sorgen. In diesem Bereich sei das private und berufliche Netzwerk besonders wichtig, weshalb die hohe Fluktuation ein grosses Problem darstelle. Wenn die für eine Gemeinde zuständige Redaktorin alle zwei, drei Jahre wechsle, gehe der Redaktion nicht nur ständig Wissen verloren, sie werde von Dritten auch kaum auf Geschichten hingewiesen. Sie begnüge sich deshalb notgedrungen damit, Veranstaltungen zu besuchen und Medien­mitteilungen umzuschreiben. «Doch damit ist es nicht getan. Es braucht auch auf dieser Staatsebene kritischen Journalismus, der den Mächtigen als Korrektiv dient.»

4. Problematische Nähe

Die Frage, inwieweit Lokal­journalisten imstande sind, die Mächtigen in ihrer Gemeinde zu kontrollieren, hat allerdings nicht nur mit dem Netzwerk und nicht nur mit ihren redaktionellen Ressourcen zu tun. Sondern auch mit dem Verhältnis zu eben diesen Mächtigen.

Womit wir bei einer grundsätzlichen Schwierigkeit des Lokal­journalismus sind: der Frage nach Nähe und Distanz. Ein Problem, das sich verschärft, wenn Verlage Stellen auf den Redaktionen streichen, statt den Journalistinnen den Rücken zu stärken, wenn es Druck von aussen gibt.

In den 2010er-Jahren war Melanie Marday-Wettstein Redaktions­leiterin des «Zolliker Boten». Zu jener Zeit habe die Zürcher Gemeinde Zollikon der Kommunikation keinen hohen Stellenwert eingeräumt, erinnert sich die 39-Jährige. Die Gemeinde­schreiberin sei damals nebenher dafür verantwortlich gewesen. «Ich stiess bei ihr eher auf eine abwehrende Haltung», sagt Marday-Wettstein. «Sie gab mir schon auch mal zu verstehen, ich bescherte ihr unwillkommenen Zusatz­aufwand, wenn ich irgendwelche Informationen wollte.»

Schlimmer aber sei gewesen, dass Lokal­politiker versucht hätten, für eine wohlwollende Bericht­erstattung zu sorgen, indem sie bei der Verlegerin intervenierten. Oft mit dem Verweis, der «Zolliker Bote» sei doch das offizielle Amtsblatt der Gemeinde – und im Wissen, dass die Wochen­zeitung auf die Einnahmen angewiesen ist, die mit dem Abdruck von Mitteilungen der Gemeinde verbunden sind. Im Jahr 2023 flossen so mehr als 100’000 Franken.

Dass sich auf lokaler Ebene fast alle kennen, sei manchmal eben auch ein Nachteil, sagt Marday-Wettstein. «Ich fand diese Nähe nicht unproblematisch.» Aus dem Journalismus ausgestiegen sei sie letztlich aber nicht nur deshalb, sondern auch wegen der hohen Arbeits­belastung und der grossen Verantwortung, die man in einer Miniredaktion mit nur gerade zwei Redaktorinnen habe.

Seit vier Jahren arbeitet Marday-Wettstein nun auf der anderen Seite: als Kommunikations­verantwortliche von Zollikon. Die Goldküsten­gemeinde hatte diese Stelle neu geschaffen.

Auch Livia Häberling, die einzige Person in diesem Artikel, die nach wie vor im Journalismus arbeitet, kann von versuchter Einflussnahme bis zu Einschüchterungen berichten. Die 32-Jährige ist stellvertretende Redaktions­leiterin des «Anzeigers aus dem Bezirk Affoltern», einer zweimal wöchentlich erscheinenden Zeitung im Zürcher Säuliamt, die für sämtliche 14 Gemeinden im Bezirk das amtliche Publikations­organ ist.

Häufig werde sie von Behörden­mitgliedern und hochrangigen Angestellten der Verwaltung behandelt, als sei sie ihr verlängerter Arm, sagt Häberling. Zwei Beispiele: Einmal habe sie eine Person zusammen­gestaucht, weil sie sich erlaubt habe, einen von ihrer Gemeinde eingesandten Bericht zu kürzen. Ein anderes Mal habe sich ein Gemeinde­vertreter beim Chef­redaktor beklagt, nachdem sie ein Thema auf Bitten seiner Gemeinde zwar aufgegriffen, es aber anders gewichtet und bewertet habe. Mit den Worten: «Die müsst ihr dann nie mehr schicken!»

Häberlings Fazit: «Kaum ein Politiker in unserem Einzugs­gebiet wünscht sich kritischen Journalismus.» Dennoch unbequem und kritisch zu bleiben, erfordere grosse Anstrengung.

5. Die Gefahr der «Nachrichtenwüsten»

Früher hatten der «Tages-Anzeiger» und die NZZ je einen Redaktor, der sich speziell um das Säuliamt kümmerte, in dem heute knapp 57’000 Menschen wohnen. Die Redaktion des «Affolter Anzeigers» stand in Konkurrenz zu ihnen, sie wollte schneller sein und möglichst oft mit exklusiven Geschichten aufwarten. «Heute berichten die grossen Verlage höchstens noch über Themen, die über die Region hinaus von Bedeutung sind», sagt Häberling. «Etwa eine Spital­schliessung oder den Bau eines neuen Autobahn­zubringers.»

Dieser Befund deckt sich mit einer Studie, die Wissenschaftler des Forschungs­zentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich vor einem Jahr veröffentlichten. Dazu untersuchten sie die Bericht­erstattung der sechs Titel «Aargauer Zeitung», «Luzerner Zeitung», «St. Galler Tagblatt», «Basler Zeitung», «Berner Zeitung» und «Tages-Anzeiger». Ihr Fazit: «Wir finden erste Anzeichen für eine Verödung der Nachrichten­landschaft.»

Dies zeige sich sowohl beim Output als auch bei der Leistung. So habe sich die durchschnittliche Anzahl lokaler Artikel, die die sechs untersuchten Zeitungen pro Tag veröffentlichen, von 37 im Jahr 2016 auf 20 im Jahr 2021 reduziert. Weil weniger Platz und redaktionelle Ressourcen vorhanden seien, stünden lokale Nachrichten zudem in härterem Wettbewerb miteinander – mit der Folge, dass auf die Veröffentlichung von Informationen verzichtet werde, die zwar für die Bewohner einer Gemeinde von grundlegender Bedeutung seien, darüber hinaus aber nicht.

Noch gibt es in der Schweiz keine eigentlichen «Nachrichten­wüsten», keine Landstriche ohne jede mediale Versorgung auf regionaler und lokaler Ebene. Anders in den USA, wo die Verhältnisse längst prekär sind: Dort machten in den letzten zwanzig Jahren rund ein Drittel der zuvor etwa 9000 Zeitungen dicht; die Anzahl Journalistinnen nahm im selben Zeitraum um fast zwei Drittel ab. Jede fünfte US-Amerikanerin lebt heute in einer der 204 news deserts, in Bezirken, in denen es keine Zeitungen, keine lokalen digitalen Websites und keine Redaktionen des öffentlichen Rundfunks gibt. In weiteren 228 der insgesamt gut 3000 Bezirke könnte es gemäss Fachleuten bald so weit sein.

Die Vermutung liegt nahe, dass dieser Miss­stand die erfolgreiche Verbreitung von Fake News befeuert, der Polarisierung Vorschub geleistet und den Aufstieg Donald Trumps zum Präsidenten erleichtert hat. Eine Vielzahl von Studien hat sich weltweit mit den Folgen der Krise des Lokal­journalismus befasst. Eine Auswahl der Erkenntnisse: In «Nachrichten­wüsten» kommt es zu mehr Fällen von Korruption und Betrug. Verstösse gegen Umwelt­bestimmungen und Arbeitsschutz­gesetze nehmen zu. Die Armuts­rate liegt substanziell höher als im Landes­schnitt, und das mittlere Einkommen fällt deutlich geringer aus.

Jüngst erhielt auch eine Masterarbeit aus Baden-Württemberg viel Aufmerksamkeit: Deren Verfasser untersuchte den Zusammenhang zwischen Lokal­journalismus und dem Wahlerfolg der AfD. Er konnte zeigen, dass die nationalradikale Partei in Gemeinden ohne eigene Zeitung bei den Landtags­wahlen 2021 um durchschnittlich 1,6 Prozentpunkte besser abgeschnitten hatte. Selbst als der Verfasser weitere Einflüsse wie die Höhe der Arbeitslosigkeit, der Anteil von Menschen mit Migrations­hintergrund oder das Geschlechter­verhältnis berücksichtigte, blieb «der Effekt der Präsenz einer Lokal­zeitung bestehen».

6. Die Folgen für die Demokratie

In der Schweiz befinden die Stimmbürgerinnen alle paar Monate auf kommunaler und kantonaler Ebene über konkrete Sachfragen. Damit sie informierte Entscheidungen treffen können, braucht es qualitativ hochwertigen Lokal- und Regionaljournalismus.

Die Zürcher Politikwissenschaftler Daniel Kübler und Christopher Goodman zeigten bereits 2018 auf, dass die Wahl­beteiligung sinkt, wenn die Auflage der lokalen Zeitungen abnimmt und Medien weniger über lokale Politik berichten. «Der Niedergang kommt schleichend», sagt Kübler im Gespräch mit der Republik. «Doch die Folgen sind gravierend.» Die Öffentlichkeit entpolitisiere sich, die Menschen interessierten sich nicht mehr für kommunale Vorlagen, man finde keine Kandidatinnen mehr für die Ämter. Am schlimmsten sei es in mittelgrossen, anonymen Schlaf­gemeinden. «Dort ist die Lokalpolitik manchmal bereits dysfunktional.»

Doch die Medienhäuser setzten in den letzten Jahren genau dort den Rotstift an.

Als Markus Dütschler noch Redaktor beim «Bund» war und der Gürtel wieder einmal enger geschnallt werden musste, kam die Vorgabe von Tamedia aus Zürich, man müsse ja keine Artikel mehr über Parlaments­sitzungen in den mittelgrossen Berner Agglomerations­gemeinden schreiben. Stattdessen solle man allgemein­gültige Geschichten machen, die man auch im Rest der Schweiz lesen wolle. Für Dütschler war die Ansage symptomatisch für die Krise des Lokal­journalismus: «Da spürte man, wo es hingehen soll.»

Zur Liste: Wer den Journalismus seit Januar 2023 verlassen hat

Im Folgenden sehen Sie die Namen von 119 Journalistinnen. Davon haben sich 96 im letzten Jahr und 23 seit Anfang 2024 aus dem Beruf verabschiedet. Die Namen sind gruppiert nach aktuellem Berufs­feld (zum Beispiel Sprecherin oder Berater). Nähere Informationen zu Daten und Methodik finden Sie weiter unten. Sie haben einen Fehler oder eine veraltete Information gefunden? Melden Sie uns das unter philipp.albrecht@republik.ch. Vielen Dank!

Sprecherin
Kommunikation für Firmen oder Institutionen

Massimo Agostinis (SRF): Sprecher Präsidialdepartement Basel-Stadt
Rahel Bains («Tages-Anzeiger»): Kommunikation Theater Gessnerallee
Roseline Betschart («Surseer Woche»): Kommunikation Gemeinde Adligenswil
Philipp Breit (Pilatus Today): Sprecher Kanton Luzern
Pauline Cancela (frei): Kommunikation Kanton Waadt
Simon Dick («Bieler Tagblatt»): Kommunikation Bernexpo Group
Christian Dorer («Blick»): Kommunikation Migros-Genossenschafts-Bund
David Eichler («Südostschweiz»): Online-Kommunikation Kantonsspital Graubünden
Denise Erni («Südostschweiz»): Sprecherin Kanton Graubünden
Laura Ferrari («BZ Basel»): Kommunikation und Marketing kHaus
Tim Frei («Persoenlich.com»): Sprecher Swisscom
Fabrice Gaudiano (RTS): Sprecher Kanton Freiburg
Fredy Greuter («Finews»): Kommunikation Schweizerischer Pensionskassenverband ASIP
Joël Hoffmann (Konsumenteninfo AG): Kommunikation Spital Aarau
Sophie Hostettler (Gassmann Media): Kommunikation und HR Espace Chirurgie
Gabriela Jordan (CH Media): Kommunikation Polarstern AG
Niels Jost («Luzerner Zeitung»): Sprecher Caritas
Adrian Krebs («Bauernzeitung»): Kommunikation FiBL
Erica Lanzi («Corriere del Ticino»): Investor Relations Manager Innoterra
Sébastian Lavoyer (CH Media): Sprecher Migros Aare
Christoph Lenz (Tamedia): Co-Kommunikationschef EDI
Silvio Liechti (SRF): Kommunikation klimabauern.ch
Philipp Lustenberger («Zentralplus»): Kommunikation Kanton Aargau
Miriam Margani (Keystone-SDA): Kommunikation Kunstmuseum Thun
Gian Andrea Marti (NZZ): Kommunikation Swiss Life
Charles Martig («Kath.ch»): Kommunikation römisch-katholische Landeskirche Kanton Bern
Caterina Melliger (Miss Moneypenny): selbstständig Kommunikation
Nico Nabholz (TeleZüri): Kommunikation Helsana
Franziska Pfister (NZZ): Sprecherin Sunrise
David Scarano («Appenzeller Zeitung»): Kommunikation Kt. Appenzell Ausserrhoden
Zora Schaad («20 Minuten»): Sprecherin Schauspielhaus Zürich
Yves Schott («Bärner Bär»): Kommunikation Auto Gewerbe Verband Schweiz
Sandro Späth («20 Minuten»): Kommunikation Comparis
Carmen Stalder («Bieler Tagblatt»): Kommunikation Swiss Wine Promotion
Alexandra Stühff (NZZ): Sprecherin Swiss Re
Cornelia Suter (TeleZüri): Kommunikation Hirslanden Klinik Aarau
Michel Sutter (energate): Kommunikation Energie-Agentur der Wirtschaft
Fabian Vogt (NZZ): Kommunikation Ruag
Oliver Washington (SRF): Kommunikation EJPD
René Weber («Südostschweiz»): Kommunikation Bündner Gewerbeverband
Seraina Zinsli (Radio Südostschweiz): Kommunikation Fachhochschule Graubünden
Simon Zumbach («Bote der Urschweiz»): Kommunikation Nidwaldner Kantonalbank

Aussteiger
Beschäftigung ausserhalb der Branche, zum Beispiel Hotelier oder Geschäftsführerin

Cédric Adrover (RTS): Persönlicher Mitarbeiter von BR Baume-Schneider
Stéphane Benoit-Godet («L’illustré»): Dozent HES-SO, Genf und AJM, Neuchâtel
Dominique Bitschnau (SDA): Theaterzirkus Wunderplunder
Sarah Buchmann («20 Minuten»): Studium Angewandte Psychologie
Carin Camathias (CH Media): Learning & Development Specialist Meier Tobler AG
Gian-Andri Carl (Radio Südostschweiz): Lehrer EMS Schiers
Gieri Cavelty («SonntagsBlick»): Geschichtslehrer
Luca De Carli (Tamedia): Fachspezialist Staatssekretariat für Migration
Nadja Ehrbar («Reformiert»): Bewerbungssupporterin SAH und Kursleiterin Miduca AG
Anna Selina Ehrensberger («20 Minuten»): Nachhilfelehrerin für Mathematik
Christoph Eisenring (NZZ): Senior Fellow Avenir Suisse
Karin El Mais (Top Medien): selbstständig
Daniel Fuchs (CH Media): Lehrer Berufsfachschule Bern
Nadja Guetg-Simmen (Radio Südostschweiz): Weiterbildung Pflege
Angelika Gurtner (Tamedia): Nachhaltigkeitsabteilung Flughafen Zürich
Stefan Häberli (NZZ): Ökonom Bundesamt für Kommunikation
Lea Haller (NZZ): Generalsekretärin Schweizerische Akademie der Sozial- und Geisteswissenschaften
Elisa Häni (SRF): Berufs- und Laufbahnberaterin BIZ Kanton Bern
Stephan Hille (frei): Fallverantwortlicher Bewährungs- und Vollzugsdienste (BVD) Kanton Zürich
Marc Iseli («Handelszeitung»): betriebswirtschaftlicher Mitarbeiter Kanton St. Gallen
Gianna Jäger («Südostschweiz»): Praktikantin im grafischen Bereich
Elisa Jeanneret-Grosjean («Nau»): Studium Politikwissenschaft
Stephanie Jungo («Berner Zeitung»): Dissertation
Noemi Landolt («Aargauer Zeitung»): Studentin
Nina Leuenberger («Finanz & Wirtschaft»): Marketing und Einkauf Zweifel 1898 AG
Simone Luchetta (Tamedia): Redaktorin Staatskanzlei Kanton Zürich
Martin Lüscher («Watson»): Prozessentwicklung Livingdocs
Bianca Lüthy (Tamedia): Content-Managerin Schweizer Hotelfachschule
Christoph Meier («Medinside»): Projektleiter Kanton Aargau
Gabriela Mennel (SRF): Musikerin
Melanie Möhr (TV Südostschweiz): Marketing Grand Resort Bad Ragaz
Michael Nyffenegger (SDA): Deutschlehrer HEKS
Franziska Pahle («Blue News»): Operative Leitung Atelier Miah
Jonas Projer («NZZ am Sonntag»): Generalsekretär FDP
Fabian Sangines (Tamedia): Fussballtrainer Cayman Islands
Danny Schlumpf («SonntagsBlick»): Kommunikations- und Projektmanager Admicasa Management AG
Flurin Spescha (Radio Energy): selbstständig Storymedia
Thomas Stamm («NZZ am Sonntag»): Head Editorial Innovation Livingdocs
Alexandra Stäuble (Tamedia): Content Managerin Mobility Genossenschaft
Nicola Steiner (SRF): Leiterin Literaturhaus Zürich
Noëlle Steiner («Nau»): Mitarbeiterin Betreuung Eintritts- und Integrations­abteilung Justizvollzugs­anstalt Grosshof
Pascal Tischhauser («Blick»): Generalsekretär Grünliberale
Maurice Velati (SRF): Veranstaltungstechniker
Thomas Wehrli («Aargauer Zeitung»): Pfarreiseelsorger
Raphael Wyder («Nau»): Model und Assistent Kursbetreuung Schweizer Gastronomiefernschule

Auftragsschreiberin
Texte verfassen für Unternehmen oder Organisationen

Martin A. Bartholdi (Ringier): Redaktor Streetlife Media AG
Carmen Baumann (TV Südostschweiz): Kommunikation St. Moritz Tourismus
André Bissegger (CH Media): Wirtschafts- und Finanzredaktor VZ Vermögenszentrum
Simona Boscardin (SRF): Content-Produzentin Haylandt / Pas Mal
Silja Hänggi (CH Media): Digital Content Specialist Helsana
Michelle Ineichen («20 Minuten»): Junior Content Writer Vontobel
Salvatore Iuliano («20 Minuten»): Videoverantwortlicher Streetlife Media AG
Melchior Kall («20 Minuten»): Content-Creator Kimi Krippen AG
Lars Gabriel Meier (Swiss Regiomedia AG): Redaktor/Projektleiter Storyhub
Dayan Pfammatter («Nau»): freier Autor Digitec Galaxus
Céline Reichmuth («Bote der Urschweiz»): Kommunikation Verkehrsbetriebe Zürich
Barbara Scherrer («Handelszeitung»): Online-Redaktorin Migros-Genossenschafts-Bund
Darina Schweizer («Wiler Nachrichten»): Senior Editor Digitec Galaxus
Dan Urner («Südostschweiz»): Redaktor moneyland.ch

Berater
PR- oder Kommunikations­beratung

Mattia Bütikofer («20 Minuten»): selbstständig
Benjamin Steffen (NZZ): Gecko Communication
Flurina Valsecchi («Bote der Urschweiz»): Stabsstelle Digitale Verwaltung Kanton Graubünden
Jeffrey Vögeli («Finanz und Wirtschaft»): Unternehmensberater FGS Global

Hybrid
Journalistisch tätig mit Einkommen ausserhalb des Journalismus

Alexander Blunschi (SRF): selbstständig
Gabriella Coronelli («Bock»): frei und Grundschullehrerin
Denise Donatsch (CH Media): selbstständige Autorin, Schauspielerin und Sängerin
Andreas Hirstein (NZZaS): selbstständiger Physiker und Journalist
Nicole Meier (SDA): Polizei Flughafen Zürich
Felix Michel (Republik): frei und Ausbildung zum Gymnasiallehrer
Theodora Peter (SDA): selbstständige Texterin und Beraterin
Rachel Richterich («Le Temps»): frei und selbstständige Ernährungsberaterin
Natacha Rossel («24 Heures»): frei und Observatoire romand de la culture
Franziska Streun («Thuner Tagblatt»): selbstständig
Frédéric Nejad Toulami (frei): Kommunikation Unicef und selbstständig
Susanne Witzig (SRF): Verwaltungsrätin Witzig The Office Company und Podcast Coach NZZ
Olivier Wurlod (Tamedia): selbstständig

Zu Daten und Methodik

Wie viele Journalisten haben sich aus der Branche verabschiedet, seit die Republik dieser Frage vor rund zwölf Monaten letztmals nachgegangen ist? Erneut konsultierten wir folgende Quellen: das Magazin «Schweizer Journalist:in», die Websites von «Persönlich.com», «Klein Report» und «Edito», das Karriere­portal Linkedin, die Schweizer Medien­daten­bank SMD sowie die Impressen zahlreicher Medien­titel. Zudem fragten wir Journalistinnen, insbesondere im Tessin und in der Romandie. Jede Angabe haben wir nach dem 2-Quellen-Prinzip geprüft.

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wir publizieren sie, weil wir unsere Recherche transparent machen wollen. Die Namen teilten wir in die fünf Kategorien Sprecherin, Berater, Auftrags­schreiberin, Aussteiger und Hybrid auf. Letztere bezeichnet Personen, die ein Einkommen ausserhalb des Journalismus gefunden haben, daneben aber weiterhin journalistisch tätig sind. Bei Ex-Journalisten, die in ihrem neuen Job nicht nur Aufgaben in der Kommunikation, sondern etwa auch im Marketing oder in der Geschäfts­führung wahrnehmen, erwähnen wir der Einfachheit halber nur die Kommunikation. Wir vermelden jeweils den aktuellsten Arbeitgeber, den wir ausfindig machen konnten. Nicht aufgeführt sind Aussteigerinnen, die zurzeit auf Arbeitssuche sind oder noch nicht wissen, wie es konkret weiter­gehen soll. Ebenso fehlen Fotografinnen, Bildredaktoren und Layouterinnen.