«FDP und Mitte wollen, dass sich SP und Grüne auf die Rübe hauen»

Wieso greifen die Grünen keinen der frei werdenden Bundesrats­sitze an? Wieso wirkt die Partei so plan­los? Was ist ihre Strategie für das kommende Wahl­jahr? Und wieso sind die Grünen immer so anständig? Partei­präsident Balthasar Glättli nimmt Stellung.

Ein Interview von Dennis Bühler, Priscilla Imboden (Text) und Anne Gabriel-Jürgens (Bilder), 12.11.2022

Vorgelesen von Magdalena Neuhaus

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Lieber Teamplayer als Philosophenkönig: Balthasar Glättli.

«Grün, harmlos, naiv», titelte die NZZ, und die «SonntagsZeitung» fragte: «Wofür braucht es eigentlich die Grüne Partei?» Weil sich die grösste Oppositions­partei des Landes weder für die Nach­folge von SVP-Bundesrat Ueli Maurer noch für jene von SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga bewirbt, prasselt seit Wochen Kritik auf sie ein.

Bisher hat Grünen-Präsident Balthasar Glättli dazu geschwiegen. Doch als die Republik ihn Anfang Woche per SMS um ein Inter­view bittet, schreibt er sofort zurück: «Nachdem sich alle Kommentato­r:innen ausgetobt haben, ist nun ein ‹jetzt rede ich› vielleicht an der Zeit.»

Zum Termin in dem von ihm vorgeschlagenen Restaurant les halles in Zürich-West erscheint Glättli eine Viertel­stunde zu früh. «Wollen wir gleich los­legen?», fragt er.

Herr Glättli, Sie sind sehr nett mit der SP. Warum?
Weil ich ein netter Mensch bin. Ich teile die Überzeugung des Staats­theoretikers Carl Schmitt nicht, dass das Wesen der Politik der unerbittliche Kampf gegen Feinde sei.

Das heisst?
Ich habe in Bundes­bern gelernt, dass man sich im politischen Leben nicht bloss zwei­mal sieht, wie es die Rede­wendung besagt, sondern tausend­mal. Will man als Politiker Erfolg haben, muss man fähig sein, mit möglichst allen 245 anderen National- und Stände­rätinnen Allianzen zu schmieden. In erster Linie natürlich mit jenen, mit denen man sehr grosse politische Über­schneidungen hat.

Mit der SP könnten sie grösser fast nicht sein.
Das stimmt. Aber es gibt durch­aus unterschiedliche Sensibilitäten zwischen der SP und den Grünen und ihren Wählerinnen und Wählern. Und wenn ich das letzte SRG-Wahl­barometer anschaue, bin ich über ein Ergebnis enorm glücklich: Wir sind diejenige Partei mit der grössten Anzahl an Wählern, die ihren Wahl­entscheid aus vollster Überzeugung treffen. Das zeigt mir, dass wir eine politische Seele – eine DNA – haben, mit der sich viele Menschen identifizieren können.

Zur Person

Seit elf Jahren politisiert Balthasar Glättli (50) für die Grünen im Nationalrat. Von 2013 bis Juni 2020 war er Fraktions­chef, seither ist er Partei­präsident. Seine Polit­karriere gestartet hatte Glättli 1998 im Gemeinde­rat der Stadt Zürich. Daneben arbeitete er zunächst als politischer Sekretär der migrations­politischen Organisation Solidarité sans Frontières und dann als Leiter Kampagnen und Werbung beim Schweizerischen Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD). Heute ist er Präsident des Mieterinnen- und Mieter­verbands Deutsch­schweiz. Glättli ist verheiratet mit SP-Nationalrätin Min Li Marti, die erst gerade bekannt gegeben hat, nicht für den Bundes­rat zu kandidieren. Das Politiker­paar hat eine vierjährige Tochter und lebt in der Stadt Zürich.

Welche inhaltlichen Differenzen oder Sensibilitäten, wie Sie sagen, gibt es denn mit der SP?
Die ökologische Frage, die Sorge um die Natur als Lebens­grundlage für alle Menschen, das ist die Perspektive, die die Grünen vereint. Wir treiben den Ausbau der erneuerbaren Energien voran, fordern aber gleich­zeitig eine Effizienz­offensive – damit Klima­schutz nicht auf Kosten der Biodiversität geht. Denn das Arten­sterben ist dramatisch. In der Steuer­politik sind wir nicht nur gegen den überschiessenden Steuer­wettbewerb innerhalb der Schweiz, sondern auch gegen das internationale Steuer­dumping. In der Europa-Frage schliesslich hoffen alle Bundesrats­parteien und die GLP auf Bundes­rat und Parlament. Wir hingegen wollen zusammen mit der Zivil­gesellschaft vorwärts­machen und arbeiten deshalb mit bei der Erarbeitung der Europa-Initiative.

Gemäss dem von Ihnen erwähnten, kürzlich veröffentlichten Wahlbarometer sind Sie derjenige Partei­präsident, der am wenigsten Einfluss hat. Ist das ein Problem für Sie?
Auch wenn mein Stolz einen leichten Kratzer erlitten hat: Nein. Ich bin lieber Chef einer Partei, die als Team funktioniert.

Ist das in anderen Parteien nicht der Fall?
Wenn ich die Philosophen­könig-Attitüde meines Kollegen Gerhard Pfister betrachte, muss ich neid­los anerkennen, dass er sich selbst wohl besser verkauft als ich. Aber seine Partei folgt ihm dann in vielen wesentlichen Fragen nicht. So war es bei den Geschäfts­mieten während der Pandemie, so war es in den letzten Monaten bei den Sanktionen – Pfister kündigt etwas an, seine eigene Fraktion versenkt es wieder.

Analysieren kann Mitte-Präsident Gerhard Pfister aber schon. So sagte er neulich, ein Bundesrats­sitz für die Grünen sei noch nie so realistisch gewesen wie jetzt. Sehen Sie das anders?
Ja. Die Anzahl Partei­präsidenten, die sich als Politik­berater bei uns andienen, wächst von Tag zu Tag. Auch FDP-Chef Thierry Burkart hat behauptet, wir verpassten eine grosse Chance, weil wir den Sitz von SP-Bundes­rätin Simonetta Sommaruga nicht angreifen – nur um im nächsten Atem­zug zu betonen, seine Partei würde aktuell keine einzige Stimme einer grünen Kandi­datin geben, weil die SP als zweit­stärkste Kraft Anrecht auf zwei Sitze habe.

Weshalb kritisieren Pfister und Burkart Ihre Zurück­haltung?
Sie versuchen, die Aufmerksam­keit von ihren Parteien weg­zulenken. Denn eigentlich müsste es bei den Diskussionen um die Zusammen­setzung des Bundes­rats ja primär um die Mitte und die FDP gehen.

Weshalb?
Wir Grünen haben die damalige CVP bei den Wahlen 2019 überholt, weshalb man mit Fug und Recht den Stand­punkt vertreten könnte, wir gehörten anstelle der Mitte in die Regierung. Und die FDP ist mit ihren zwei Bundesrats­sitzen stärker über­vertreten als die SP, hat sie vor drei Jahren doch einen um 1,7 Prozent­punkte tieferen Wähler­anteil erreicht.

Vor zwei Monaten sagten Sie in einem Interview, es sei Ihre Aufgabe, sich auch auf einen vorzeitigen Rücktritt eines Bundesrats­mitglieds vorzu­bereiten. «Wir haben geeignete Persönlich­keiten. Wir haben Schlacht­pläne in der Schub­lade.» Wo waren diese in den letzten Wochen?
Die Fraktion fällte den Entscheid, die SP im Falle eines vorzeitigen Rück­tritts von Simonetta Sommaruga oder Alain Berset nicht anzugreifen, vor längerem – und bestätigte ihn nun. Umgekehrt beschloss die Fraktion, dass wir die Ausgangs­lage in Ruhe analysieren würden, falls ein SVP-Bundesrat vor den Gesamterneuerungs­wahlen 2023 zurück­treten sollte. Das taten wir, als Ueli Maurer Ende September seinen Abschied ankündigte. Und kamen nach Gesprächen mit Vertretern anderer Parteien zum Schluss, dass unsere Chance, der SVP einen Sitz abzujagen, gleich null wäre.

Für diese Erkenntnis wäre aber keine langwierige Analyse nötig gewesen.
Wenn man rein arithmetisch argumentiert, sind zwei Sitze für die SVP ja auch gerecht­fertigt – auch wenn der Anspruch der Grünen auf einen Sitz rechnerisch grösser ist als derjenige der SVP auf ihren zweiten. Insofern haben Sie recht: Das Ergebnis der Sondierungs­gespräche war nicht überraschend. Aber Konkordanz war nie nur Arith­metik, es ging immer auch um Inhalte. Darum wollten wir nichts unversucht lassen, das Macht­kartell der Bürgerlichen zu durch­brechen.

Gerhard Pfister hat neulich gesagt, von den Grünen hätte gar niemand das Gespräch mit ihm gesucht.
Der Mitte-Fraktionschef Philipp Matthias Bregy hat uns deutlich zu verstehen gegeben, dass eine Unter­stützung einer Grünen-Kandidatur nicht infrage komme. Bei der FDP und der GLP sind wir genauso aufgelaufen: Do the math.

Nach dem Sieg bei den Parlaments­wahlen 2019 kandidierte Ihre Vorgängerin Regula Rytz für den Bundes­rat – und scheiterte krachend. Nun agierten die Grünen erneut planlos.
Nein.

So sah es aber aus. Denn eigentlich wären Sie gerne gegen die SVP angetreten, um Ihren Anspruch zu unter­mauern, früher oder später in den Bundes­rat einzuziehen – doch Sie fanden niemanden, der oder die sich für ein derart aussichts­loses Unter­fangen zur Verfügung stellen wollte.
Das stimmt nicht. Über Namen hätten wir erst in einem zweiten Schritt beraten. Doch die Fraktion stoppte den Prozess schon zuvor: Als wir zum Schluss kamen, dass eine Kandidatur für die Nach­folge Maurers keinen Sinn ergibt, weil das Boll­werk der Bürgerlichen auf Gedeih und Verderb zusammen­hält.

Noch einmal: Sie hatten keine Kandidatin.
Das wissen Sie selbst besser: Wir haben etliche Papabili in unseren Reihen – männliche und weibliche –, die fähig wären, die Schweiz zu regieren. Unsere Fraktion zählt 35 National- und Stände­rätinnen. In den Kantonen sind wir mit 9 Personen in 8 Regierungen vertreten. In den Städten dasselbe Bild.

Warum hoben Sie dann niemanden davon auf den Schild?
Klar hätten wir eine Kandi­datur lancieren und so während ein paar Wochen Applaus einiger Zuschaue­rinnen und Zuschauer erhalten können, die sich an einem solchen Polit-Unterhaltungs­programm vielleicht erfreut hätten. Doch wir wollen echte Verant­wortung, nicht Profilierung und Show. Das wäre auch der Ernst­haftigkeit der gegen­wärtigen Lage nicht angemessen – die Schweizer Politik ist seit drei Jahren ständig mit Krisen konfrontiert.

Da ist sie wieder, Ihre zelebrierte Anständig­keit.
Was wäre schlecht daran? Ich würde das aller­dings eher als Ernsthaftig­keit bezeichnen: Klimakrise und Arten­sterben sind kein Spiel.

Die Grünen sind die grösste und wichtigste Oppositions­partei des Landes, wirken aber staats­tragender als die meisten Bundesrats­parteien. Warum?
Wie wir wirken, können Sie besser beurteilen als ich. Ich kann nur sagen, wie wir wirken wollen: Wie eine Oppositions­partei, die Laut­stärke nicht mit Stärke verwechselt.

Auf wen spielen Sie an?
Wir wollen keine krakee­lende Opposition sein wie die mit zwei Bundesrats­sitzen ausgestattete SVP, die dennoch laut­hals «Diktatur» schreit, wenn das demokratisch gewählte Parlament – in dem sie nota­bene die meisten Abgeordneten stellt – ein Gesetz verabschiedet.

In der Politik werden knallharte Macht­spiele gespielt. Wir haben den Eindruck, dass Sie das ent­weder nicht verstanden haben – oder zu nett sind, um mitzu­spielen.
Sie täuschen sich. Wir Grünen wissen, dass wir mehr Einfluss brauchen, um unseren Ideen zum Durch­bruch zu verhelfen – auch in der Regierung. Wir lassen uns die Spiel­form aber nicht von Thierry Burkart und Gerhard Pfister aufzwingen. Zum Macht­spiel gehört auch, sich keine falschen Kämpfe aufzwingen zu lassen: Choose your battles wisely!

Wie meinen Sie das?
Die Präsidenten der FDP und der Mitte versuchen, einen Keil zwischen die SP und die Grünen zu treiben, damit wir uns gegen­seitig öffentlich auf die Rübe hauen. Ihr Kalkül: Wir Linken sollen uns mit uns selbst beschäftigen, damit wir weniger Zeit und Energie haben, um unsere politischen Ideen einzubringen und für die Wahlen zu mobilisieren.

Selbst wenn Sie mit dieser Analyse recht haben sollten: Was lässt Sie glauben, dass die drei bürgerlichen Parteien SVP, FDP und Mitte in einem Jahr freiwillig einen ihrer Bundesrats­sitze abgeben könnten?
Dass sich Politiker und Parteien beharrlich an die Macht klammern, auch wenn sie aufgrund der Wahl­ergebnisse nicht mehr legitimiert ist, sehen wir welt­weit immer wieder. Gilt das auch für die Schweiz? Ich hoffe es nicht und setze auf die demokratische Tradition unseres Landes. Lassen Sie mich dazu etwas klar­stellen.

Bitte.
Nach unserem überwältigenden Wahlsieg 2019 sagten viele: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Als damaliger Fraktions­präsident der Grünen hörte ich diesen Satz natürlich nicht gerne – aber ich konnte dieses Argument bis zu einem gewissen Punkt nachvoll­ziehen. Drei Jahre später stehen wir nun aber an einem völlig anderen Punkt: Inzwischen ist es sonnen­klar, dass wir in die erste Liga gehören.

Woran machen Sie das fest?
Wir spielen im National- und im Stände­rat eine wichtige Rolle. Und wir konnten bei sämtlichen kantonalen Wahlen zulegen.

Was ist denn die Strategie der Grünen für das Wahl­jahr 2023?
Es wird immer klarer: Die Wahlen 2023 werden entscheidend, die nächsten vier Jahre zur Schlüssel­legislatur für die Klima­krise. Die ökologische Wende ist die dringlichste Aufgabe des kommenden Jahr­zehnts, und wir müssen den Wandel unbedingt schneller voran­treiben. Die Klima­krise schlägt sich ja immer konkreter in unserem Alltag nieder. Die Wissen­schaft mahnt uns mit immer mehr Dringlich­keit.

Das neueste SRG-Wahlbarometer hat Ihnen jüngst allerdings Verluste prognostiziert. Ihre Chance, in den Bundes­rat einzuziehen, wäre jetzt womöglich besser gewesen als in einem Jahr.
Die Entscheidung, am 7. Dezember nicht anzutreten, fusst nicht auf der Überlegung, dass wir später etwas geschenkt erhalten, wenn wir jetzt brav sind. Ausschlag­gebend war das Bewusst­sein, dass es eine Allianz über das linke Lager hinaus braucht, um mit einer Kandidatur Erfolg zu haben: entweder mit der FDP, um die Mitte aus der Regierung zu kegeln. Oder mit der Mitte, um einen der beiden FDP-Sitze zu ergattern.

Unterstützung bräuchten Sie auch von der GLP. Deren Präsident Jürg Grossen skizzierte in einem Interview kürzlich seine Wunsch­formel für den Bundesrat: «Alle Parteien erhalten einen Sitz, ausser der SVP, die erhält zwei.» Warum schliessen Sie sich ihm nicht an?
Im Gegen­satz zu anderen Partei­präsidenten widerstehe ich der Versuchung, mich als Politik­berater und Hobby­politologe zu inszenieren. Mein Ansatz ist ein anderer: Ich mache Politik, weil ich zu wissen glaube, welche Veränderungen der Schweiz gut­tun würden.

Was denn?
Wir können es uns nicht länger leisten, die beiden grössten Heraus­forderungen dieses Jahr­hunderts zu behandeln, als wären es unwichtige Neben­aspekte: Wir müssen nun endlich Wirksames tun gegen die Klima­erwärmung und den Verlust der Bio­diversität.

In den letzten Jahren stand eher die Corona-Pandemie im Zentrum, die für die Grünen kein einfaches Thema war: Immer wieder kritisieren grüne Impf­skeptiker die von der Politik beschlossenen Mass­nahmen.
Ja, einige haben sich in dieser Zeit von uns abgewandt. Das ist aber kein Verlust, der mich allzu fest schmerzt. Denn es sind noch viel mehr zu uns gestossen. Unsere Mitglieder­zahl ist gerade auch in den Pandemie­jahren stark weiter­gewachsen.

Glättli will weg von einer Wegwerf­gesellschaft hin zu einer Zeit-Wohlstands­gesellschaft.

Die Austritte beschäftigen Sie nicht?
Natürlich musste man gewisse Einschränkungen der Versammlungs­freiheit kritisch sehen. Das tat ich auch selbst. Aber wer mit Verschwörungs­theorien oder anti­semitischen Äusserungen kommt, hat bei uns nichts zu suchen. Dann ist es besser, wenn man geht.

Inzwischen dominieren der Krieg in der Ukraine sowie Ängste vor einer Strom­mangellage und hoher Inflation die politische Agenda. Auch das ist nicht gerade ein guter Themen­mix für die Grünen.
Einspruch. Die Inflation ist eine direkte Folge der Energie­preise, die wegen der fossilen Abhängigkeit explodieren. Viele Menschen in der Schweiz haben zudem im vergangenen Sommer gemerkt, welche Auswirkungen es hat, wenn es nicht mehr regnet und es eine Dürre gibt – und ich spreche nicht von links-grünen Stadt­bewohnerinnen, sondern beispiels­weise von den Bauern. Die Strom­mangellage hängt zudem direkt mit dem Klima­wandel zusammen: Deshalb hat es nämlich zu wenig Wasser in den Stau­seen, was unsere Sicher­heit schmälert, es mit Strom durch den Winter zu schaffen.

Um gewählt zu werden, muss Ihre Partei aber auch zeigen, was sie in den letzten drei Jahren erreicht hat. Welche Erfolge haben Sie vor­zuweisen?
Wir haben in dieser Legislatur ganz Konkretes erreicht: zum Beispiel die Annahme der parlamentarischen Initiative von Bastien Girod zum weiteren Ausbau der Erneuer­baren. Ohne diese gäbe es ab dem 1. Januar 2023 keine Förderung mehr von neuen erneuerbaren Energien wie Wind- und Solar­kraft. Das wird über die Zeit so viel neue erneuerbare Energie schaffen wie die Hälfte der Leistung des Schweizer AKW-Parks. Wir haben auch den indirekten Gegen­vorschlag zur Gletscher­initiative angestossen, der nun verabschiedet wurde.

Mit diesem Vorschlag erreicht die Schweiz ihre Verpflichtungen aber nicht, die sie mit dem Klimaschutz­abkommen von Paris eingegangen ist. Weshalb sind Sie trotz­dem dafür?
Weil es besser ist, einen Schritt in die richtige Richtung zu machen, als stehen zu bleiben. Mit dem indirekten Gegen­vorschlag zur Gletscher­initiative gehen wir sogar zwei Schritte in die richtige Richtung: Zum einen enthält er Förder­mittel, um fossile Heizungen rasch zu ersetzen und Effizienz­massnahmen zu ergreifen. Zum anderen setzt er verbindliche Ziele für einzelne Branchen und den Bund – so müssen die Bundes­verwaltung und bundes­nahe Betriebe wie die Swiss­com, die Post und die SBB bis 2040 CO2-neutral sein.

Sie wirken zufrieden.
Das bin ich tatsächlich. Es kommt selten vor, dass ein indirekter Gegen­vorschlag zu einer Volks­initiative weiter geht als das ursprüngliche Ansinnen. Hier ist das der Fall, und deshalb bin ich als Mitinitiant glücklich.

Gleich­zeitig kam es in der letzten Parlaments­session zu einem Kompromiss: In den Alpen werden grosse Solar­anlagen ermöglicht, dafür müssen auf Infra­strukturen des Bundes und auf grossen Gebäuden im Tal Solar­zellen platziert werden. An diesem Kom­promiss waren auch die Grünen beteiligt. Weshalb hat sich danach mehr als die Hälfte Ihrer Fraktion der Stimme enthalten?
Es stimmt, dass unsere Stände­rätin Lisa Mazzone diesen Kom­promiss mit ihren Mitte- respektive FDP-Rats­kollegen Beat Rieder und Ruedi Noser ausgehandelt hat. Ich selbst habe mit Über­zeugung Ja gestimmt. Aber ich kann nach­vollziehen, dass sich einige Fraktions­kollegen schwer­getan haben mit diesem Kom­promiss, weil er – was in der Natur der Sache liegt – auch Nach­teile mit sich bringt: Die Solar­pflicht auf den Dächern wurde am Schluss massiv abgeschwächt. Und: Der in der Bundes­verfassung verankerte Umwelt­schutz wird damit mehr als nur geritzt. Dennoch stört mich ein anderer Aspekt in der Energie­debatte der letzten Wochen stärker.

Welcher denn?
Der grösste Fehler, den die Schweizer Politik derzeit macht, ist, dass sie die günstigste, schnellste, wirtschaftlichste Mass­nahme nicht eben­falls mit einer Offensive vorantreibt: Sie müsste die Verschwendung reduzieren.

Wie viel wäre damit zu gewinnen?
Würden überall die effizientesten Geräte eingesetzt, die es gibt, liessen sich ohne jeden Komfort­verlust zwischen 25 und 40 Prozent des in der Schweiz verbrauchten Stroms einsparen. Das hat der Bund in einer eigenen Studie festgestellt. Solches Sparen wäre viel, viel billiger, als neue Kraft­werke zu bauen. Und es gäbe einen weiteren Vorteil.

Und zwar?
Wenn weniger Strom produziert werden muss, weil weniger verschleudert wird, kommt man um eine schwierige Entscheidung herum: Machen wir für die Strom­produktion lieber ein Hoch­moor, eine geschützte Land­schaft oder einen Berg­bach kaputt? Mehr Effizienz schützt die Natur und die Bio­diversität.

Nach der verlorenen Abstimmung über das CO2-Gesetz im Sommer 2021 war Ihre Partei frustriert. Welche Lehren zogen Sie aus diesem Debakel?
Wir kamen zum Schluss, dass es einen Paradigmen­wechsel braucht: Klima­schutz muss zur öffentlichen Aufgabe werden, wie es die Strassen­infrastruktur oder die öffentliche Sicher­heit sind. Lenkungs­abgaben, wie sie das CO2-Gesetz vorgesehen hatte, sind ein tolles Instrument, um Investitionen über die Zeit in die richtige Richtung zu lenken: Wenn es etwa darum geht, den Verbrauch fossiler Energie von 100 auf 80 Prozent zu senken. Aber wenn man auf null reduzieren muss, wie es jetzt nötig ist, muss man radikaler sein. Es braucht überall neue Infra­struktur. Deshalb haben wir gemeinsam mit der SP die Klimafonds-Initiative lanciert. Dieser Green New Deal ist elementar.

Weshalb sollte eine solche Klima­politik bei der Stimm­bevölkerung mehr Chancen haben?
Weil die SVP nicht mehr mit dem Argument mobilisieren kann, dass das Benzin teurer wird. Ich bin zuversichtlich. Denn immer­hin hat die Vox-Analyse nach der CO2-Abstimmung gezeigt, dass eine klare Mehrheit der Stimm­berechtigten der Meinung ist, die Schweiz müsse mehr tun für den Klima­schutz – bloss anders, als es im CO2-Gesetz vorgesehen war.

Das CO2-Gesetz scheiterte auch an der Parole des Bauern­verbands, der Stimm­freigabe erklärt hatte, weil er sich an den Pestizid- und Trinkwasser-Initiativen störte, die gleichzeitig zur Abstimmung kamen und vom links-grünen Lager unterstützt wurden.
Das stimmt.

Früher waren die Bauern ab und zu Verbündete der Grünen gewesen, etwa bei der Fair-Food-Initiative. Haben Sie die Unter­stützung dieser mächtigen Branche endgültig verloren?
Wir haben immer versucht, eine Brückenbauer-Rolle zu spielen zwischen dem Umwelt­schutz und den Interessen der Bauern, was uns etwa in der Frage der Gen­technologie auch lange Zeit gut gelang. Und unsere National­rätin Meret Schneider hat soeben das Landwirtschafts­forum initiiert, einen runden Tisch mit allen Akteuren aus der Land­wirtschaft. Doch der Bauern­verband kooperiert je länger, desto weniger mit uns.

Inzwischen scheint ein endgültiger Bruch voll­zogen: Der Bauern­verband ist eine Wahlallianz eingegangen mit dem Wirtschafts­dachverband Economie­suisse.
In dieser Geld-und-Gülle-Allianz, die sich irre­führend «Perspektive Schweiz» nennt, sehe ich eine klare Kampf­ansage. Allerdings bin ich überzeugt, dass sich der Bauern­verband damit immer stärker von seiner eigenen Basis entfernt.

Was lässt Sie darauf hoffen?
Sehr oft kommen Bauern auf uns zu und sagen: «Danke, dass ihr Grünen eine alternative Position vertretet! Wir wollen Sorge tragen zu Boden, Land und Natur, weil wir wissen: Das sind die Grund­lagen, damit wir überhaupt Nahrungs­mittel in der Schweiz produzieren können.»

Was bieten die Grünen den Bauern an?
Unsere grüne Landwirtschafts­politik hat zum Ziel, dass die Bäuerinnen und Bauern entschädigt werden für die Mehr­kosten, die eine pestizid­freie, klima­freundliche und tier­gerechte Produktion verursacht. Wir wollen, dass die finanzielle Unter­stützung auf den Höfen ankommt, statt gross­mehrheitlich im Zwischen­handel zu versickern. Bäuerinnen und Bauern müssen von ihrem Beruf leben können.

Wofür stehen die Grünen heute?
Wir stehen für einen tief­greifenden Wandel der Gesellschaft: Wir hinter­fragen das grenzenlose Wachs­tum, wollen ein Bewusst­sein schaffen für Gerechtigkeit und die Endlich­keit der materiellen Ressourcen. Die Mensch­heit überschreitet die natürlichen Grenzen in sehr vielen Bereichen – das ist Physik, nicht Politik. Es gibt unterschiedliche Strategien, dem entgegen­zuwirken. Technischer Fort­schritt und Innovation ist eine davon. Aber das allein reicht nicht.

Was braucht es denn?
Es braucht eine neue Frage­stellung: Welche Art Wohl­stand streben wir in Zukunft an? Solange die Grund­bedürfnisse gedeckt sind, sollte das Materielle nicht länger im Mittel­punkt stehen. Ich will weg von einer Wegwerf­gesellschaft, hin zu einer Zeit-Wohlstands­gesellschaft, in der man mehr Zeit hat für das, was einen glücklich macht: mit Menschen zusammen zu sein. Menschen, die sich gegen­seitig helfen. Eine solch post­materialistische Vision ist in der grünen Bewegung stark vertreten.

Wir kommen zurück zum Beginn des Interviews: Sie sind nicht nur sehr nett zur SP, Sie sind sogar mit SP-National­rätin Min Li Marti verheiratet. Wäre die Linke nicht stärker, wenn beide Parteien zusammen­gehen würden?
Wir sind ja auch als Paar nicht fusioniert! Wir sind zwei eigen­ständige Persönlichkeiten, und das ist gut so. Wir setzen die Prioritäten anders, geben Voll­gas für unterschiedliche Themen. Das Gleiche gilt für die SP und die Grünen. Parteien­fusionen rechnen sich höchstens auf dem Papier. Wir erreichen mehr Menschen getrennt als vereint, für die Umwelt­fragen erreichen wir auch mit der separaten GLP mehr Wählerinnen und Wähler als ohne.

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