Darum hat die reiche Schweiz eine der niedrigsten Impfquoten Westeuropas

Sechs Gründe. Keiner davon ist Impfskepsis.

Eine Recherche von Elia Blülle, Lukas Häuptli, Marie-José Kolly, Olivia Kühni (Text) und Klaas Verplancke (Illustration), 15.11.2021

Unabhängiger Journalismus kostet. Die Republik ist werbefrei und wird finanziert von ihren Leserinnen. Trotzdem können Sie diesen Beitrag lesen.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!

Zwei Drittel.

Zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung sind mit zwei Dosen gegen das Corona­virus geimpft.

Am letzten Donnerstag waren es etwas über 5,6 Millionen Menschen, am vorletzten etwas unter 5,6 Millionen, dazwischen lag eine Woche, in der der Bundesrat die Impfquote nochmals spürbar erhöhen wollte. Der Erfolg blieb überschaubar. In sieben Tagen stieg die Quote lediglich um 0,58 Prozent­punkte; sie liegt jetzt bei 64,7 Prozent.

Das ist ein schlechter Wert, ein sehr schlechter gemessen an den anderen Staaten in Zentral-, West- und Nordeuropa. In Portugal sind heute 88 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, in Spanien 80 Prozent, in Dänemark 76 Prozent. In Italien sind es 73 Prozent, in Frankreich 69 Prozent, in Deutschland 67 Prozent. Hinter der Schweiz liegt in dieser Rangliste mit 63 Prozent nur noch Österreich (Stand 13. November). Doch da lassen sich dieser Tage Zehntausende impfen – weil die Behörden nur noch Geimpften und Genesenen, nicht aber negativ Getesteten Covid-Zertifikate ausstellen.

Eigentlich hatte alles ganz gut angefangen. Die Schweiz schaffte es, sich als kleines Land im Alleingang genug Impfstoff zu sichern. Seit Anfang Sommer ist so viel hochwirksamer mRNA-Impfstoff verfügbar, dass jeder, der will, sofort einen Termin bekommt. Das ist respektabel.

Aber eben. Zwei Drittel.

So ist sie halt, die Schweiz. Ein Volk der Freiheits­liebenden, Aufrechten und Unbeugsamen, die sich gegen den behördlichen Imperativ des Impfens wehren, die sich nichts vorschreiben lassen und alles am liebsten selbst entscheiden. Die Schweiz – wieder einmal – als Sonderfall. Das ist die Erzählung, die in diesen Tagen viele gern bemühen.

Doch stimmt diese Erzählung? Dagegen sprechen die hohen Quoten bei den Kinder­impfungen, etwa gegen die Masern; sie liegen teils bei über 90 Prozent. Auch der Medizin­historiker Flurin Condrau sagte im Interview mit der NZZ: «Historisch gesehen gibt es in der Schweiz (…) keine so ausgeprägte Impf­skepsis, die den grossen Impf­rückstand erklärt.»

Die Recherche der Republik zeigt, dass andere, handfeste Gründe für die tiefe Impfquote in der Schweiz ausschlag­gebend sind.

Es sind im Wesentlichen sechs.

1. Es hätte ein klares Impfziel gebraucht

«Bis Ende Juni sollen alle, die es wünschen, gegen das Virus geimpft sein», sagt Bundesrat Alain Berset im Februar.

«Bis Ende Juni können sich alle impfen lassen, die das möchten», sagt er im März.

«Unser einziges Ziel ist, die Wahlmöglichkeit zu geben: Wer sich impfen lassen will, muss einen Zugang zur Impfung haben», sagt er im April zu SRF.

Monat um Monat sprechen Bundesrat und Kantons­vertreter zurück­haltend vom «Impfangebot». Erst seit Mitte Oktober kennt die Schweiz ein offizielles, konkretes Impfziel: Wenn 80 Prozent der 18- bis 65-Jährigen und 93 Prozent derjenigen über 65 gegen Covid-19 geimpft sind, könnten die noch geltenden Massnahmen fallen.

Trotzdem verwahrte sich der Gesundheits­minister Anfang November auch an der Medienkonferenz zur nationalen Impfwoche gegen konkrete Ziele für diese Woche. Es gehe nicht darum, den Erfolg oder Misserfolg der Veranstaltungen anhand von Eckwerten zu messen: Jede zusätzliche Impfung sei ein Erfolg.

Ganz anders planten etwa Frankreich oder die USA ihren Ausgang aus der Pandemie:

Frankreich setzte Ziele und erhöhte sie Schritt für Schritt: Am 15. Mai zum Beispiel erreichte man wie geplant 20 Millionen Erstgeimpfte und legte gleich das nächste objectif fest: 30 Millionen Erstgeimpfte bis Mitte Juni. Und US-Präsident Joe Biden gab persönlich konkrete Zahlen aus, an denen sich seine Regierung dann freilich auch messen lassen musste: Die USA verpassten etwa das am 4. Mai gesetzte Ziel, dass bis zum 4. Juli 70 Prozent der Erwachsenen mindestens eine Impfdosis erhalten haben sollten, um 3 Prozentpunkte.

Dennoch hatte die Vorgabe bewirkt, dass die involvierten Akteure ihre Planung und ihre Anstrengungen daran ausrichteten. Nachdem Präsident Joe Biden das Ziel der 70 Prozent verkündet hatte, passierten mehrere Dinge: Grosse Impfzentren übergaben immer mehr Impfdosen an kleinere Kliniken und mobile Impfteams. Apotheken verstärkten ihre Aktivitäten bei Covid-gebeutelten Bevölkerungs­gruppen. Und das Weisse Haus informierte die Bevölkerung verstärkt über lokale Impf­möglichkeiten.

Wer ein Ziel hat, passt seine logistischen und kommunikativen Efforts an, um es zu erreichen. Er baut sein Angebot so, dass die Leute es auch wollen.

In der Schweiz dagegen hat man zwar eine bestimmte Impfstoff­menge bestellt – dann aber die Leute kommen lassen und geschaut, was passiert. «Sich kein Ziel zu setzen – es ist absurd», sagt die Kommunikations­wissenschaftlerin Suzanne Suggs von der Universität Lugano, die auch Mitglied der Science-Taskforce ist: Das gelte beim Organisieren einer Impfkampagne wie beim Betreiben eines Restaurants. «Sie müssen wissen, wie viele Tische im Lokal stehen und wie gut besetzt sie am Donnerstag-, Freitag- und Samstag­abend sein werden, um die richtigen Mengen einzukaufen – und am Ende auf schwarze Zahlen zu kommen.»

Bei anderen Impfungen definieren die Schweizer Gesundheits­behörden durchaus konkrete Ziele. Bei den Masern etwa: «Elimination». Bei Hepatitis B gemäss dem diesjährigen Schweizerischen Impfplan: «95% der 16-Jährigen bis 2030 vollständig (…) geimpft».

Weshalb nicht für das Virus, das seit bald zwei Jahren die gesamte Gesellschaft lähmt?

Ein Ziel zu kommunizieren bedeutet auch, dass man offen zugibt: Man möchte etwas von der Bevölkerung. Man möchte die individuelle Entscheidung, die jede und jeder eigen­verantwortlich fällen darf, lenken. Hierfür hätten Schweizer Politiker, die die Pandemie lange mit Appellen an die Eigen­verantwortung begleitet haben, etwas zurück­rudern und stattdessen auf kollektive Ziele verweisen müssen.

Nun ist das mit der Eigenverantwortung so eine Sache, wie die Epidemiologin Julia Marcus vor einem Jahr zur Republik sagte: Der Begriff werde von Regierungen gebraucht, «die sich ihrer Verantwortung entledigen wollen».

Besonders sichtbar wird das etwa, wenn die Medien­stelle des Kantons St. Gallen – einer der Kantone mit einer der niedrigsten Impfquoten der Schweiz – auf Anfrage der Republik schreibt: «Um 80% zu erreichen, müssen sich somit nochmals sehr viele Menschen in unserem Kanton impfen lassen. Ob dies gelingt, liegt ganz in der Hand der noch ungeimpften Personen. Ob das Ziel somit realistisch ist oder nicht, können wir Ihnen nicht sagen.»

Oder wenn Bundesrat Alain Berset sagt: «Ab dem Moment, wo alle Impfwilligen geimpft sind, ist das Ziel nicht mehr, die Impfunwilligen zu schützen. Ma foi.»

Dahinter steckt aber auch etwas noch viel Grund­sätzlicheres. Die Schweizer Politik betont nicht nur die Eigen­verantwortung, sie fährt auch tatsächlich und bewusst eine eigene Strategie der Pandemie­bekämpfung.

Anders als viele andere Staaten will die Schweiz nicht primär Ansteckungen verhindern, sondern schwere Verläufe bei Personen aus Risiko­­gruppen und damit eine Überlastung des Gesundheits­wesens. Sie schützt also nicht jeden, sondern in erster Linie vulnerable Menschen. Das wirkt sich auch auf die Impfstrategie und das wiederum auf die Impfquote aus: «Im Januar 2021 haben wir nicht eine Massen­impfung, sondern eine Risiko­personen-Impfung geplant», sagt Christoph Berger, der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (Ekif).

Mit der damals zirkulierenden Alpha-Variante hätte auch die aktuelle Impfquote gereicht, um die Spitäler zu schützen, sagt er. Aber Delta, die seit dem Sommer 2021 dominierende Variante, ist ein anderes Kaliber: sehr viel ansteckender als Alpha. Damit steigt auch die Quote, die es zur Eindämmung braucht.

Ob man sie nun kommuniziert oder nicht.

2. Logistische Probleme

«Vertraulich» steht über dem Schreiben, welches das Bundesamt für Gesundheit (BAG) am 30. März 2021 an die Kantone verschickt. Darin kündigt das Amt an, dass Moderna am nächsten Tag fast 370’000 Dosen mRNA-Impfstoff in die Schweiz liefern wird.

Es ist die erste grosse Impfstoff­lieferung und faktisch der Start­schuss für das Massen­impfen in der Schweiz. Oder besser: Es könnte der Startschuss sein. Denn der Liefertag ist der Mittwoch vor Ostern, und damit fangen die Probleme an. Die Verteilung des Impfstoffs vom Bund auf die Kantone erfolgt nämlich nicht automatisch, sondern nur auf Bestellung. Längst nicht alle Kantone aber haben die ihnen zustehenden Kontingente bestellt. Deshalb bleibt ein grosser Teil des Impf­stoffs beim Bund liegen.

Der Grund dafür: Zahlreiche Kantone können – oder wollen – den bereit­stehenden Impfstoff über die Feiertage nicht verimpfen. Manche haben ihre Impfzentren noch nicht in Betrieb genommen, unter ihnen Zürich und St. Gallen. Andere haben sie über die Festtage grössten­teils geschlossen, etwa Bern, Aargau oder Uri. Dritte suchen noch nach geeignetem Fach­personal. Und vierte wollen den Impfstoff von Hausärzten verimpfen lassen. Nur arbeiten die über die Festtage nicht.

Das alles ist aus zwei Gründen schlecht: Erstens verschärft sich just über Ostern die epidemiologische Lage in der Schweiz. Am 31. März 2021, dem Tag der erwähnten Moderna-Lieferung, meldet das Bundesamt für Gesundheit rund 2100 Corona-Infektionen.

Zweitens weist die wissenschaftliche Taskforce seit Wochen darauf hin, dass der Weg aus der Pandemie nur übers Impfen führt. Und sie hat ausgerechnet, dass jeder weitere Tag in der Pandemie einen volks­wirtschaftlichen Schaden von täglich 50 bis 100 Millionen Franken beschert. Auch deshalb ist es entscheidend, ob ein Tag früher oder später geimpft wird.

Gut zwei Wochen später passiert das Gleiche mit umgekehrten Vorzeichen. Das BAG kündigt den Kantonen (die ihre Zentren mittlerweile in Betrieb genommen haben) für Freitag, den 16. April 2021, eine Lieferung von gut 350’000 Moderna-Dosen an. Doch geliefert wird am besagten Freitag nichts, vielmehr verschickt das Amt am Abend ein weiteres Schreiben. Dessen Inhalt: Moderna kann erst am Wochenende liefern, und zwar viel weniger als angekündigt: lediglich rund 70’000 Dosen. Die Kantone müssen deshalb einen Grossteil ihrer Impf­termine absagen.

Die beiden Episoden sind symptomatisch für die logistischen Probleme beim Corona-Impfen in der Schweiz.

Dazu passt, dass sich weder der Bund noch die Kantone rechtzeitig um ergänzende Impf­angebote bemühen. Mit diesen könnten einzelne Bevölkerungs­gruppen ausserhalb der Zentren angesprochen werden, etwa Betagte, Fremd­sprachige, sozial Randständige oder Personen, die unschlüssig sind, ob sie sich wirklich impfen lassen sollen. Alternative Impforte können Arzt­praxen sein, Apotheken, Impfbusse, Firmen, Schulen oder Impfstände an Gross­veranstaltungen wie Musik­konzerten oder Fussball­spielen. Ziel: das Impfen möglichst nieder­schwellig anzubieten.

Schliesslich kommt es zu weiteren – mal kleineren, mal grösseren – Logistik­pannen, die das Impfen zusätzlich verzögern:

So funktioniert die Impftermin-Software anfänglich nur mangelhaft – was das Vertrauen in die ganze Kampagne erschüttert.

So kauft der Bund Spritzen, die fürs Corona-Impfen ungeeignet sind.

Und so halten sich längst nicht alle Kantone an die Impf­vorgaben des Bundes, die in den ersten Monaten gelten.

«Das Zusammenspiel zwischen Bund und Kantonen verlief nicht immer reibungslos», sagt Rudolf Hauri. Er ist Kantonsarzt von Zug und Präsident der Schweizer Vereinigung der Kantons­ärztinnen und Kantons­ärzte. Er räumt auch ein, dass zahlreiche Kantone ihre Impf­zentren spät in Betrieb nahmen. «Zuerst war ich wie viele andere Kantons­ärzte ein Verfechter davon, dass wir die Corona-Impfungen über die bestehenden Strukturen machen. Doch wir merkten schnell, dass das wegen der Logistik nicht mit der erforderlichen Geschwindigkeit geht. Rückblickend muss ich sagen: Man hätte früher auf Impfzentren setzen müssen.»

Aber selbst die beste Logistik nützt nichts, wenn niemand kommt. Man kann Menschen zur Impfung motivieren – oder sie sogar unbewusst davon abhalten.

Je nachdem, was man sagt.

3. Die Impfung ist da, wenn Sie mögen, aber nur, wenn Sie wollen

«Man hat in der Schweiz sehr neutral kommuniziert und die Impfung nie optimal beworben», sagt die Kommunikations­wissenschaftlerin Suzanne Suggs. Das werde dann besonders sichtbar, wenn man sich Reden von Politikern systematisch ansehe: «Der Begriff ‹individuelle Entscheidung› kommt dort unglaublich häufig vor.»

Und das stehe in krassem Gegensatz dazu, wie das Bundesamt für Gesundheit etwa während der HIV-Krise Kondome beworben habe, «auch in gewagteren Statements», sagt Suggs. Eine der Nachrichten habe im Prinzip gesagt: «Benutze ein Kondom, oder du liebst das Leben nicht.»

Diese Zurückhaltung bei der Covid-19-Impfung: Möglicher­weise hat sie damit zu tun, dass auch die Behörden an die Erzählung vom Schweizer glauben, der sich nichts sagen lässt. Und damit, dass sie eine laute, impfskeptische Minderheit nicht verärgern wollten.

Christoph Berger von der Impfkommission sagt, man tue sich in diesem Land schwer mit der Frage, wie konsequent man eine Massnahme einfordern solle, die man für richtig halte. Aber er habe teilweise auch sehr kritische E-Mails erhalten, wenn er sich dezidiert positiv zu einer bestimmten Massnahme geäussert habe.

Symptomatisch hierfür ist auch das, was der Immunologe Daniel Speiser von der Universität Lausanne sagt: «Oft scheut man sich, das als Erstes zu sagen, ich tue es jetzt aber: Die Datenlage ist klar, sich nicht zu impfen ist unvernünftig. Impfen ist das Beste, was wir tun können, um die Pandemie zu beenden. Leider ist es heute eine Art Provokation, das zu sagen.»

Ängste vor Widerstand aus wissenschafts­skeptischen Ecken seien verständlich, aber schädlich für den Impf­fortschritt, sagt Kommunikations­wissenschaftlerin Suggs. Und bei Politikern macht sie einen Mangel an Führung aus. «Wenn man dieser lauten Minderheit nicht entschieden entgegentritt und die wissenschaftlichen Erkenntnisse bekräftigt, gibt ihr das eine gewisse Legitimation.»

Die Bevölkerung also drängen? Darum gehe es nicht, sagt Suggs. «Aber gute Leader sind mutige Leader, sie sind gewissenhaft und kommunizieren das, von dem sie wissen, dass es für die Bevölkerung das Beste ist. Dieser Job ist schwierig. Und manchmal gefährlich. Aber es ist der Job, und er muss gemacht werden.»

Wer Angst davor hat, dass ihre politische Kommunikation auf sie zurückfällt, kann auf die Expertise von Kommunikations­wissenschaftlern zurückgreifen. «Wie man ein Statement so positioniert, dass es das Publikum zu überzeugen vermag und dennoch präzise und ehrlich bleibt und keinen Raum für Mehr­deutigkeiten zulässt: Das ist wissenschaftlich erforscht», sagt Suggs.

Im vergangenen Winter präsentierte Suggs vor Mitarbeitern des BAG und der Ekif den wissenschaftlichen Konsens dazu, wie man Desinformation am besten kontert. Die Zuhörerinnen vom Bundesamt schätzten den Vortrag der Kommunikations­wissenschaftlerin: Sie arbeiten an einer Publikation, die gängige Mythen als solche entlarven soll.

Als diese auf der Website des BAG erscheint, weicht sie stark von der Evidenz aus der Kommunikations­­wissenschaft ab. Und tut etwas, wovon man weiss, dass es Desinformation aufrecht­erhält: Sie nennt die jeweils falsche Aussage ganz explizit. Falsche Sätze in fetten Lettern stehen zwischen diskreteren, kleiner gedruckten Textblöcken, die sie widerlegen. Auch Erklär­videos betitelt das Amt wiederholt mit der jeweils falschen Behauptung, anstatt die richtige Aussage in den Vorder­grund zu stellen, etwa: «Impf-Mythos #4: Unfruchtbarkeit».

Wer die Texte ganz liest, wer die Videos anklickt, lernt natürlich, dass die Impfung weder unfruchtbar macht noch Gene verändert. Dennoch, das ist bekannt aus der Kommunikations­wissenschaft: Die Falsch­aussage wird hängen bleiben. Deshalb nennt ein guter Faktencheck keine Unwahrheiten, und schon gar nicht im Titel: Er teilt nur mit, was auch wirklich stimmt.

Suggs trifft sich heute in einer beratenden Rolle regelmässig mit dem Bundesamt für Gesundheit. Sie betont auch, dass der Austausch mit denjenigen, die dort für Kommunikation und Kampagnen zuständig sind, häufig viel positiver ausfalle. Manchen im BAG sei es sehr wichtig, Erkenntnisse aus der Kommunikations­wissenschaft umzusetzen. Anderen weniger.

Einer der grössten Fehler der Impfkampagne waren vermutlich die Videos, die sich im Herbst an junge Leute richteten: Sie hätten die Zielgruppe als dumm, als irrational und als verantwortungslos hingestellt, sagt Suggs. «Wer steckt sich schon einen Feuerwerks­körper in die Hose

Und die guten Beispiele fänden oft zu wenig Verbreitung: «Sie werden zu wenig gepusht», sagt Suggs. Wer die Chance erhöhen will, dass er Unentschiedene überzeugt, geht auf sie ein: «Sag nicht nur, dass die Impfung wichtig ist, sondern auch, warum sie wichtig ist. Warum sie für Maria wichtig ist und warum für Stefan», sagt Suggs, die auf die hervor­ragende Kommunikation der französischen Gesundheits­behörden verweist: Diese ist fakten­getrieben, sie ist freundlich und sie spricht verschiedene Zielgruppen an. Und bei aller Präzision und Ehrlichkeit transportiert sie auch Emotionen.

Doch nicht nur in der Kommunikation mit der Bevölkerung machen die Behörden Fehler. Auch intern läuft sie alles andere als reibungslos.

4. Zu wenig Ärzte impfen, wegen Macht­spielen ums Geld

Impfzentren waren das Rückgrat der Schweizer Impfstrategie. So viele Menschen in so kurzer Zeit zu impfen, das geht fast nicht anders. Im Frühling setzte das Gesundheits­personal täglich fast 100’000 Spritzen. Zudem musste der Pfizer-Impfstoff bei so vielen Minusgraden gelagert werden, dass er für Arztpraxen keine realistische Möglichkeit war. Und die Pharmafirma lieferte ihn in so grossen Paketen, dass man sie hätte umpacken müssen – oder sie nur in grösseren Praxis­gemeinschaften schnell genug den nötigen Absatz gefunden hätten. Keine Frage: Es gab und gibt gute Gründe für die Schweiz, prioritär auf grosse Impf­zentren zu setzen.

«Aber dass man die Hausärztinnen nicht gleichzeitig auch ins Boot geholt hat, war nicht gut», sagt Christoph Berger von der Impf­kommission. Denn für viele Menschen – ältere Leute, skeptische Patientinnen oder unsichere, die vor dem Ja zur Impfung ein Vorgespräch möchten – ist der Hausarzt eine wichtige Vertrauens­person. Und mit der Moderna-Impfung und dem Willen zum Umpacken der Impfstoff­pakete in Armee- oder Kantons­apotheken wäre es immer noch aufwendig, aber zu schaffen gewesen. «Diese Möglichkeit wurde leider nicht gut genug genutzt», sagt Berger.

Warum eigentlich?

«Es war ein politisches Machtspiel.»

Im Schweizer Gesundheits­wesen bleibt jeder Franken zwischen den Akteuren hart umkämpft – auch wenn dabei teure Zeit und noch teureres Vertrauen verloren geht. Dabei verhindern 150 verhältnis­mässig günstige Impfungen eine richtig, richtig teure Hospitalisation auf der Intensivstation.

Ein Beispiel.

Bei den ersten Verhandlungen dazu, wie viel Geld denn die Hausärzte fürs Impfen erhalten sollen, sitzen verschiedene Akteure am Tisch. Es fehlen: die Hausärzte. «Man hat uns einfach nicht mit an den Tisch geladen», sagt Felix Huber, Präsident der Medix-Praxiskette. «Obwohl wir klare Angebote gemacht haben.»

Stattdessen verhandeln hauptsächlich die Kantone (in Form von Vertretern der Gesundheits­direktoren­konferenz, GDK) sowie die Kranken­versicherer und teilweise das BAG, das die Verhandlungen begleitet. Am einfachsten wäre gewesen, man hätte die Zeit für den Impfakt so vergütet wie bei anderen Impfungen auch: Bei der Masern­impfung zum Beispiel rechnen Ärzte die Kosten für eine Konsultation mit Beratung und Spritze über das übliche Tarif­system ab, die obligatorische Kranken­versicherung bezahlt.

Stattdessen wird ausgehandelt: Die Kosten für den Impfstoff übernimmt hauptsächlich der Bund, die Kranken­versicherer beteiligen sich nur mit fünf Franken pro Dosis. Hart umkämpft bleibt allerdings die Frage, wer wie viel vom Rest bezahlen soll: die Zeit für den Impfakt an sich – und der kann aufwendig sein, wenn es darum geht, Leuten allenfalls noch Ängste zu nehmen.

Hier zeigen sich die Krankenversicherer besonders hart, wie mehrere Quellen der Republik bestätigen. Schliesslich einigt man sich auf eine Pauschale von 14.50 Franken. Für Tausende Ärzte im Land bedeutet dies: Für Impfungen zahlen sie drauf. Der erboste Ärzteverband FMH erreicht schliesslich, dass der vergütete Betrag für Impfungen in Arztpraxen auf eigentlich immer noch nicht kostendeckende 24.50 Franken erhöht wird – allerdings auch nur befristet bis Mitte Jahr, dann sollen es wieder nur 16.50 Franken sein. Schliesslich muss die GDK den Kantonen notfallmässig empfehlen, in die Bresche zu springen und die Differenz von 8 Franken zu schultern, um «einen Ausstieg vieler Arzt­praxen aus der Impfkampagne» zu verhindern. Was einige auch tun – wiederum befristet bis Ende September.

Erst unlängst, haarscharf vor Beginn der nationalen Impfwoche, lenkten die Kranken­versicherer ein – sie bezahlen künftig für Arztpraxen eine Pauschale von 29 Franken pro Impfung.

Warum eigentlich sind Verhandlungen zwischen den Parteien im Gesundheits­wesen so zäh, sogar in einer Pandemie?

Unter dem Stichwort «New Public Management» wurde in der Schweiz seit den 1990ern auch das öffentliche Gesundheits­wesen nach den Grundsätzen privatwirtschaftlicher Unternehmen umgebaut, und man versuchte es mit künstlichem Wettbewerb auf Effizienz zu trimmen. Kein Wunder, verhandeln die Kranken­versicherer so hart: Es ist ganz offiziell ihr Job.

Ob die volkswirtschaftlichen Gesamt­kosten am Schluss gar höher sind und der Bürokratie­aufwand immens, darf nicht ihr Problem sein: Sie werden lediglich daran gemessen, ob ihre Erfolgs­rechnung stimmt.

Auch die Gesundheitsbehörden haben sich immer stärker auf eine kurzfristige Kosten­kontrolle fixiert – statt auf Sinn und Qualität des Angebots. «Dabei ist schlechte Qualität das teuerste, wenn es um Medizin oder Pflege geht», sagt Felix Schneuwly, Kranken­versicherungs­experte bei Comparis und früherer Leiter Politik und Kommunikation bei Santésuisse. Und zwar wegen der Folgekosten, die dadurch entstehen. Aber Tarife seien halt einfacher zu überprüfen als Qualität. «Das hat den Dialog erodiert und die Kultur zerrüttet: zwischen Politik und Kassen auf der einen und den medizinischen Leistungs­erbringern sowie der Pharma- und Medtech­industrie auf der anderen Seite.»

Mit anderen Worten: Hier wird in der Krise etwas sichtbar, was schon länger im Argen liegt.

Man hätte die Ärzteschaft stärker fürs Impfen gewinnen können, sagt Berger von der Impfkommission, und der Ärzteverband hätte stärker signalisieren können, dass die Ärzte auch impfen wollen. Wenn er aus dieser Pandemie etwas gelernt habe, sagt er, dann dies, «dass man aufeinander zugehen sollte – auch wenn man findet, der andere sei ein ‹Tubel›».

Apropos verhärtete Fronten …

5. Auf die politische Instrumen­talisierung der Impf­gegner muss der Staat eine Antwort haben

Das Café Brändle liegt mitten im Dorf. Unterägeri, Kanton Zug, 9000 Einwohner. Keine zehn Minuten ists zu Fuss bis an den See, keine zehn Minuten mit dem Auto bis zum Denkmal, das an die Morgarten­schlacht erinnert.

Thomas Brändle ist Geschäfts­führer des Cafés und schreibt fürs Leben gern. Kolumnen zum Beispiel, die er auch auf die Internet­seite seines Café geladen hat. Thema: Corona. Da heisst es etwa: «Dass die fragwürdigen, weltweiten Massnahmen Dutzende Millionen Kinder zusätzlich mit dem Hungertod bedrohen, steht im Katalog der Moralisten unter ferner liefen – wenn überhaupt.» Oder: «Sehr viele finden es grossartig, dass ich mich diesem Apartheid­regime verweigere.»

«Sich dem Apartheidregime verweigern», das heisst im Café Brändle: Der Besitzer verlangt von seinen Gästen keine Covid-Zertifikate (obwohl es das Gesetz vorschreibt). Und er erstattet Straf­anzeigen gegen Polizisten, die im Café die Covid-Zertifikate der Gäste kontrollieren wollen.

Auf Telegram, dem Social-Media-Kanal von Corona-Leugnern und Massnahmen­kritikerinnen, wird Brändle dafür gefeiert. So schreibt ein «Anonymous» am 11. Oktober 2021: «Je mehr sich wehren, desto schneller hört dieser Irrsinn auf, denn es geht schon lange nicht mehr um unsere Gesundheit, sondern um die schrittweise Umsetzung der neuen Weltordnung.»

Brändle ist nicht der Einzige in der Gegend, der offen gegen Corona-Massnahmen, -Zertifikate und -Impfungen opponiert. Marco Rima, der Vorzeige­komiker unter den Massnahmen­gegnern, wohnt im Nachbardorf Oberägeri. Ein Restaurant­betreiber, der wegen Verstössen gegen das Covid-Gesetz bereits gebüsst worden ist, hat sein Lokal nicht weit entfernt auf dem Raten.

«Wir haben im Kanton Zug grössere Vereinigungen, die gegen Impfungen sind», sagt Kantonsarzt Rudolf Hauri. Und er ergänzt: «Wenn zu offensiv für eine Impfung geworben wird, läuft man Gefahr, Personen in die Ecke zu drängen. Das wollen wir nicht. Es könnte zu einer unnötigen Politisierung der Corona-Massnahmen und der Corona-Impfungen führen.»

Die Politisierung von Corona, Corona-Massnahmen und Corona-Impfungen läuft allerdings längst – weil die Gegenseite sie vorantreibt. Schon an den ersten Demonstrationen im Frühling 2020 behaupteten die Teilnehmerinnen, dem Staat gehe es bei der Corona-Bekämpfung nicht um die Gesundheit der Bevölkerung, sondern um die Ausweitung der eigenen Macht. Und um die Einschränkung der Freiheit der Bürger.

Was damals als ausserparlamentarische Politisierung von Corona und Corona-Massnahmen beginnt, erreicht spätestens im Frühling 2021 die institutionelle Politik. Bei der ersten Abstimmung über das Covid-Gesetz beschliesst die SVP Stimmfreigabe, jetzt, bei der zweiten Abstimmung, die Nein-Parole. Mittlerweile hofiert die Partei offen die Massnahmen- und Impfgegner. Wie nahe sich diese und die SVP in der Zwischenzeit gekommen sind, zeigt sich auch an den politischen Kampf­ausdrücken, die im Gleich­klang da wie dort verwendet werden.

«Auffallend ist, dass es im Frühling 2020 noch keinen Zusammen­hang zwischen der politischen Ausrichtung und der Frage gab, ob jemand für oder gegen Corona-Massnahmen ist», sagt Polit­geograf Michael Hermann dazu. «Das hat sich spätestens im Herbst letzten Jahres geändert. Seither gibt es am meisten Massnahmen- und Impfkritiker in den Reihen der SVP.»

Der letzte Grund hingegen ist nicht neu, er ist so alt wie die Eidgenossenschaft selbst.

6. Föderalismus ist Gift für die Bekämpfung dieser Krise

Föderalismus gilt als Teil der Schweizer DNA: geteilte Macht, geteilte Aufgaben, geteilte Verantwortung. Was die Staats­gründer bereits 1848 in die Verfassung geschrieben hatten, bewährte sich jahrzehntelang – mehr oder weniger jedenfalls. Deshalb sind in der Schweiz noch heute zahlreiche Staats­aufgaben (wie Technokraten es nennen) Verbund­aufgaben von Bund, Kantonen und Gemeinden.

Eine Idee dahinter: Leute vor Ort wissen oft besonders gut, was für Leute vor Ort am besten ist. Auch bei der Bekämpfung einer Pandemie? Nein, ist der Bundesrat überzeugt, als er am 16. März 2020 die «ausserordentliche Lage» ausruft und faktisch einen Shutdown für die Schweiz beschliesst.

Am 19. Juni 2020 – 14 Wochen später – ist aber wieder alles anders: Die Landes­regierung hebt die «ausserordentliche Lage» wieder auf. Seither herrscht in der Schweiz ein wildes Hin und Her zwischen Bund und Kantonen. Die Frage: Wer kann soll muss wann was wie anordnen? Die Vernehmlassungs­antworten, welche die Kantons­regierungen zu Vorschlägen des Bundes verfasst haben, füllen mittlerweile Ordner.

Der föderalistische Wirrwarr beeinträchtigt auch das Impfen in der Schweiz.

Am Anfang zeigt sich das vor allem darin, dass sich längst nicht alle Kantone an den Impfplan des Bundes halten, der in einem ersten Schritt lediglich Impfungen für besonders gefährdete Personen vorsieht. Einzelne Kantone impfen nämlich bald auch andere Bevölkerungs­gruppen und lösen so einen Impftourismus und Impfwettbewerb aus, der dem Impffortschritt der gesamten Schweiz abträglich ist.

Ganz gut sah man das Problem während der nationalen Impfwoche. Einzelne Kantone boten in dieser Woche zahlreiche zusätzliche Impf­gelegenheiten an. Der Kanton Zürich beispiels­weise richtete im Zürcher Haupt­bahnhof ein eigenes Impfdorf ein und offerierte Impfwilligen Raclette und Berliner. Ganz anders etwa der Kanton Obwalden: Er verzichtete fast vollständig auf zusätzliche Impf­angebote. Dabei ist gerade dort die Impfquote besonders tief: Lediglich 57 Prozent der Bevölkerung sind bis jetzt doppelt gegen Corona geimpft.

«Beim Impfen hatten wir kein gemeinsames Konzept», sagt Kantonsarzt Rudolf Hauri. «Grundsätzlich waren sich die Kantone einig – in der Umsetzung aber nicht.» Und er kommt zum Schluss: «Ich bin kein Gegner des Föderalismus, aber es gibt Punkte, die wir hinter­fragen sollten. Wir müssen die Zusammen­arbeit zwischen Bund und Kantonen neu definieren. Und für eine brauchbare Zusammen­arbeit braucht es ein übergreifendes nationales Organ, das in einer solchen Krise die Verantwortung trägt.»

Und jetzt?

Das alles bleibt wichtig, weil das Impfen noch lange nicht aufhören wird: Nun stehen die ersten Auffrischungs­impfungen an. Oder auf Neudeutsch: die Booster.

Auch hier haben sich bereits altbekannte Muster gezeigt: Verschiedene Dokumente des Bundesamts für Gesundheit widersprechen einander, was die Definition der «besonders gefährdeten Personen» betrifft, die eine Auffrischungs­impfung bekommen sollen. Die Medien­konferenz zum Thema war auch für gestandene Journalisten verwirrend. Und schon zeichnen sich logistische Schwierigkeiten ab: Eigentlich wollte man Booster vermehrt über Apotheker und Hausärzte verabreichen, nun scheint das aber zumindest für das Jahr 2022 nur in Einzel­fällen möglich zu sein, wie es in einem vertraulichen Papier des Bundesamts für Gesundheit heisst.

Sprechen wir dann in ein paar Monaten über die Booster-Skeptiker, die sich nach den ersten zwei Spritzen partout der dritten verweigern?

Teil der eingangs erwähnten Erzählung ist auch dieser Dreisatz: Die Schweiz ist ein Sonderfall. Die impfskeptischen Schweizer sind ein Sonderfall. Die Impfskeptiker sind ein Sonderfall – und damit im Recht. Sie haben sich nicht zu rechtfertigen.

Diese Erzählung mag zur Politisierung von grundsätzlich wenig politischen Bevölkerungs­gruppen taugen – nicht aber als ernsthafte Erklärung für die tiefe Impfquote im Land.

«Dass Schweizerinnen empfindlicher auf Aufforderungen zum Impfen reagiert hätten, halte ich für einen Mythos», sagt die Kommunikations­wissenschaftlerin Suzanne Suggs. Natürlich müsse man verstehen, wie die Dinge in einem Land funktionieren, und das dann verwenden, um Kommunikation, Logistik, Dialog­kultur zu verbessern.

Wie?

Das sei wissenschaftlich gut erforscht. «Und wir sind ja nicht nur Schweizerinnen. Wir sind auch Menschen.»

Diesen Menschen muss man Ziele nennen, damit sie sich daran orientieren können. Man muss sie aktiv informieren und ihnen den Zugang zur Impfung möglichst leicht machen. Und man muss sie ernst nehmen: Die etwas kitschige Erzählung von der freiheits­liebenden Schweizerin, die auf gut begründete Impf­kampagnen betupft reagieren würde, tut das nicht.

In einer früheren Version schrieben wir von einer Steigerung der Impfquote um 0,58 Prozent – korrekt sind es 0,58 Prozentpunkte. Wir entschuldigen uns für den Fehler.

314314

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!

seit 2018

Republik AG
Sihlhallenstrasse 1
8004 Zürich
Schweiz

kontakt@republik.ch
Medieninformationen

Der Republik Code ist Open Source