Serie: «Im digitalen Rausch» – Teil 3

Ich sehne mich nach menschlicher Verbindung. Weil diese Sehnsucht so alt ist wie die Menschheit selbst. Und wir als Spezies nicht überlebt hätten ohne einander.

Tausendmal berührt, tausendmal nichts gespürt

Obwohl uns dieses kleine, leuchtende Rechteck aus Glas ständig miteinander verbindet, hat es uns seltsam fremd gemacht. Das Smartphone bedient unsere Sehnsucht, gesehen, gehört, geliebt zu werden. Warum degradieren wir uns dabei selbst zu Ware? Serie «Im digitalen Rausch», Teil 3.

Von Anna Miller (Text) und Peter Hauser (Bilder), 16.06.2021

Mai 2020. Ein Donnerstag, 14.52 Uhr, 56. Entsperrung, 3 Stunden 30 Minuten Bildschirm­zeit. Ich frage mich, ob es wahre Liebe noch gibt, verliere mich auf Wikipedia in ein paar Begriffs­definitionen und swipe dann auf Tinder weiter.

2579 Männer könnte ich heute theoretisch daten, ich darf mich durch­probieren, bevor ich mich binde, und sobald sich der hässliche Filter der Realität über meine Liebe legt, wische ich neu.

Ich muss die grosse Liebe finden und den perfekten Mann, ich lebe in einer Gesellschaft, die das Single­sein feiert und es gleichzeitig verbannt, und der Algorithmus errechnet mir innert weniger Minuten den vermeintlich perfekten Partner fürs Leben, also date ich und date ich und tindere und tindere und melde mich bei Parship an und bei Elite-Partner, auch wenn ich schon jemanden zu Hause habe, der für mich kocht oder das Geld nach Hause bringt, mit dem ich ein Fertig­bauhaus gekauft habe und bei dem ich weiss, dass er das Erdbeer­joghurt im Kühlschrank fertigisst.

Denn du, Smartphone, hältst noch die grossen Mysterien für mich bereit, den grossen Kick mit nur einem Klick, in dir kann ich abtauchen in eine Welt, die sich so viel mehr nach Rausch anfühlt als das, was ich zu Hause an mich rangelassen habe. Mit dir fühlen sich so viele Ehen nicht mehr wie ein Scheitern an, sondern nur wie eine Möglichkeit von vielen. Wir können uns als Vergebene noch begehrt fühlen, obwohl uns zu Hause niemand mehr anfasst, wir können als Getrennte in neue Augen schauen und uns sagen lassen, wie hübsch wir sind. Wir können als Singles Herz­schmerz fühlen, wenn wir geghostet werden, und können die Stille in unserer Einzimmer­wohnung besser überbrücken.

Selbst wenn ich Tinder lösche, hat sich Tinder doch unausweichlich in mein Gehirn gebrannt. Es wird mich grosse Überwindung kosten, meine Wahl für die beste Wahl zu halten, weil da immer das vermeintlich Bessere wartet, ich muss nur ein gutes Foto hochladen und zwei, drei gerade Sätze formulieren, ein bisschen meinen Po trainieren oder mich auf intellektuell trimmen, mit dem Hund spazierend posieren.

Und wenn ich dich endlich bei mir zu Hause auf dem Sofa sitzen habe und sich herausstellt, dass du gar nicht so perfekt bist wie das Bild von dir, das du ins Netz gestellt hast, macht das nichts, ich kann dich zurück­schicken wie ein Paket, das der Liefer­dienst vor der Haustür wieder abholen kommt, weil die Grösse nicht passte oder man sich doch im Stil geirrt hat, weil man dachte, mal was Neues ausprobieren.

Und will ich es doch versuchen, mit dir, habe ich Angst, dass du mich ablehnst. Dass du falsche Brüste gewohnt bist oder dachtest, ich sähe besser aus für mein Alter. Es tut mir leid, dass ich nicht so lustig bin, gar nicht kochen kann, ich wollte ein bisschen angeben, dein Glück sein, endlich das, wonach du so lange schon suchst.

Ich habe mich dargestellt, wie sich alle darstellen, so unglaublich klug, makellos und so heiter, so schwerelos, für alles zu haben, grenzenlos glücklich und erfolgreich, aber in Wirklichkeit ist alles ein bisschen anders.

Manchmal weiss ich nicht, wohin mit mir. Ich habe gute Freunde, aber oft reicht mir auch mein Feierabend­bier, ich geh nicht so oft tanzen, und so dünn war ich nur in diesem einen Sommer 2015, als mein letzter Freund mich verliess und ich nicht mehr viel ass, für eine Weile.

Im Grunde bin ich neurotisch und mag keine Hunde, ich möchte schon seit Jahren Gitarre spielen lernen, aber schaffe es nicht. Ach, schade, du musst weiter, alles klar, macht nichts, alles gut, ich bewerte dich mit fünf Sternen, ist doch klar, ist das Mindeste, danke für deine Zeit.

Serie: «Im digitalen Rausch»

Ständig vibriert, klingelt, pingt und leuchtet es. Smartphones ziehen uns in ihren Bann, von ihren Bildschirmen kommen wir nicht mehr los. Was macht die Always-on-Kultur mit uns? Zur Übersicht.

Teil 2

Kon­troll­ver­lust

Sie lesen: Teil 3

Tausendmal berührt, tausendmal nichts gespürt

Teil 4

Und nie ein Ende in Sicht

Teil 5

Das ewige Rauschen

Interview

«Je mehr Zeit wir vor Bild­schir­men verbringen, desto psychisch instabiler werden wir»

Und wenn ich sie dann gefunden habe, die grosse Liebe, lass ich die Dinge nicht mehr so gerne wachsen und sich langsam entwickeln. Ich schlafe dann mit ihm und schreibe meinen Freundinnen, wie gross sein Penis ist, ich schicke sofort Fotos und feiere unsere neue Beziehung auf Instagram, ich poste öffentlich, dass wir wandern waren, und wenn ich sehr viel Glück habe und schwanger werde, poste ich ein Foto von meinem dicken Bauch, und alle schreiben, wunderbar, herzlichen Glückwunsch, wow, wie schön!!!

Ich schreibe ihm jeden Tag, dass ich ihn liebe, ich schicke Herzen und Emojis und Sprach­nachrichten, und wenn ich anrufe und er geht drei Stunden nicht ran, mache ich mir Sorgen, und wenn ich schreibe, na, was machst du, und er schreibt nicht gleich zurück, denke ich: Schreibst du mit einer anderen? Du hast doch gesehen, dass ich dir geschrieben habe, die blauen Häkchen leuchten, du hast die Sprach­nachricht abgehört, warum gehst du nicht ran? Wo warst du, wer ist dieses Mädchen in deinem Feed, was machst du, wenn ich schlafe?

Dann dreht sich alles immer schneller, in meinem Kopf und in unserer Liebe, dann schreiben wir uns immer und schicken Fotos und melden uns, so schnell, dass wir öfter damit beschäftigt sind, uns unsere Liebe zu gestehen, als sie zu vermissen. Und jeder Versuch von mir, mal ganz bei mir selbst zu sein, ohne dass ich dir alles sofort kommunizieren muss, ohne mit dir über dieses Gerät in Dauer­kontakt zu sein, ist kein legitimer Versuch mehr. Meine digitale Abgeschiedenheit ist ein Verrat an der Liebe, ein Abbruch jeder Verbindung.

Bald bist du mir so langweilig wie eine Textnachricht an einem Dienstag, nichts, was ich nicht von dir wüsste, ich kenne alle deine Freunde, ich sehe auf Facebook, für welche Veranstaltungen du dich interessierst, und deiner Mutter gefallen meine Posts. Ich habe keine Geheimnisse mehr, und so schaue ich mir auf Social Media all die berauscht jung gebliebenen Paare an, die poly­amourös und in offenen Beziehungen lebend durch die Nacht wandern, und hasse es, dass wir schon wieder um halb sieben essen.

Jetzt sitzen wir an diesem Tisch, ich habe extra ein romantisches Wochen­ende für zwei gebucht, um mal wieder was zu erleben, ich habe mir ein Kleid angezogen und meine Haare nach hinten gekämmt. Du schaust kurz in die Karte und lächelst müde und starrst nun bei Kerzen­licht in dein Gerät, was soll ich denn tun, es dir verbieten? Soll ich dich darum bitten, deinen Blick auf mein Dekolleté zu legen oder mich zu fragen, wie mein Tag heute war? Es ist vielleicht besser, wenn ich die Antwort gar nicht kenne, wenn auch ich scrolle, wenn auch ich schreibe, ich mach kurz ein Foto von dir, schau mal her, hey, schau mal, bitte, lass mich hier nicht so stehen.

2012 verliebe ich mich in einen neuen Mann, er ist gross gewachsen und schlank, er kauft noch alles auf CD und sagt, manchmal überkomme ihn Traurigkeit, wenn er daran denke, dass keine jungen Leute mehr in die Oper gehen und die klassische Musik stirbt und alle sich nur noch irgendeinen Scheiss auf Youtube reinziehen, doch ich verstehe nicht so recht, was er damit meint.

Ich bin froh, dass er nicht ständig Selfies von sich macht und unseren Beziehungs­status nicht postet, weil ich froh bin um ein bisschen Privat­sphäre und Angst habe, dass wir uns so schnell wieder verlassen, dass ich den Status sofort wieder ändern muss und dann die halbe Welt mitbekommt, dass ich nicht bindungs­fähig bin. Wir fahren in den Urlaub, und ich sehe dabei zu, wie andere Männer ständig ihre Kameras auf ihre hübschen, jungen Freundinnen richten und sie abbilden, wie sie lachen und posen und halbe Tage dafür draufgehen, während meiner sich lieber die Landschaft anschaut. Sag mal, warum fotografierst du mich nicht? Warum willst du meine Schönheit nicht festhalten? Warum bewunderst du mich nicht? Woher soll ich wissen, dass ich was zähle, warum schaust du mich nicht an, warum bestätigst du mich nicht?

Juni 2020. Ein Sonntag, 11.56 Uhr, 63. Entsperrung, 4 Stunden 13 Minuten Bildschirm­zeit, diese Hitze, diese verdammte Hitze. Ist das nun der Klima­wandel? Diese verdammte, farblose, überreizte Zeit.

So viele Informationen, so viele Probleme. Und ich, die alles mitkriegt, sobald ich den Browser öffne. Eine Flut an Hilflosigkeit, und ich, die doch überall helfen könnte, alles ändern könnte. Ich habe doch die Macht, ich hätte eine Stimme, hat nicht jeder im Internet das Potenzial, eine Revolution anzuzetteln?

Corona, Klimawandel, Flüchtlings­krise und irgend­einer, der wieder durchdreht und ein Auto in eine Menge rasen lässt, jedes dritte Paar kriegt keine Kinder, bald sterben alle an Krebs oder werden dement und geistern in Alters­heimen rum und werfen Dinge um sich und werden dann sediert.

Ich habe doch die Macht, ich hätte eine Stimme, hat nicht jeder im Internet das Potenzial, eine Revolution anzuzetteln?

Also wechsle ich mein Profilbild, ich teile Artikel über den Klima­streik, ich trage feministische Argumente zusammen und schliesse mich virtuellen Gruppen an, zusammen schimpfen und posten wir und versuchen mit all unserer Kraft, die Welt zu ändern, sharing is caring, auch wenn wir uns in unseren eigenen Bubbles nur um uns selbst drehen. Und dabei alles, was so gut gemeint ist, eigentlich schon lange niemanden mehr erreicht, der anderer Meinung wäre. Aber das Ganze ist sicherer, als rauszugehen und sich dieses ganze Drama in echt anzuschauen.

Juli 2020. Ein Samstag, 13.18 Uhr, 45. Entsperrung, 2 Stunden 18 Minuten Bildschirm­zeit, ich habe eine halbe Stunde lang das perfekte Rezept für Gazpacho gesucht, dann aber einen Koch­löffel gekauft.

Ich laufe in der Unterführung zu einer Frau hin, sie hat schöne Haare, sie glänzen im Licht, ein Kupferrot, ich tippe ihr auf die Schulter und sage, du hast schöne Haare, sie bleibt verdutzt stehen und nimmt die Kopfhörer aus den Ohren. Du hast schöne Haare, wiederhole ich, sie lächelt, oh, vielen Dank, und ein paar Sekunden lang schauen wir uns an. Ich habe mir den Weg gebahnt in ihr Gehör, ich habe mich überwunden und sie angesprochen, obwohl sie dadurch Aufwand hatte. Sie musste stehen bleiben und sich die Airpods aus den Ohren nehmen und sie in der Hand halten und dann wieder schauen, welcher rechts ist und welcher links. Vielleicht wird ihr dann auffallen, dass sich Schmalz festgefangen hat, und sie wird sie kurz reinigen müssen, vielleicht verpasst sie sogar ihren Zug.

Ich laufe weiter und bin mir nicht sicher, ob ich richtig entschieden habe. Ob ich mich und mein Bedürfnis, ihr ein Kompliment zu machen, über ihr digitales Leben gestellt habe. Vielleicht hatte sie sich gerade die Sprach­nachricht ihrer Mutter angehört, oder sie war in Gedanken versunken. Vielleicht ist das, was ich ihr zu bieten hatte, im Gegenzug zu dem, was ihr die digitale Welt grad bot, gar nicht so gut.

Zur Debatte: Könnten Sie ohne Ihr Smartphone leben?

Wie stark prägt das Smartphone Ihren Alltag? Könnten Sie ohne leben? Und wenn Sie häufig online sind: Was macht das mit Ihnen? Hier gehts zur Debatte.

Manchmal wünschte ich, die Menschen um mich herum wären zugänglicher, ich wünschte, wir würden uns häufiger ansehen. Manchmal schaue ich von meinem Gerät auf, im Bus, auf der Rolltreppe, im Park, und merke, wie still der Raum geworden ist, in dem ich mich bewege. Dass es immer schwieriger wird, mir Zugang zu einem fremden Leben zu verschaffen. Ich wünschte, ich müsste mich nicht durch Airpods und Sonnen­brillen und Bildschirme hindurch­kämpfen, um in Kontakt zu kommen. Ich wünschte, unser Alltag wäre nicht so geschaffen, dass es uns anstrengender scheint, ihn bewusst zu erleben, als uns davon abzulenken.

Ich frage mich dann manchmal, ob das immer schon so war. Ob ich einfach im falschen Land lebe und die Digitalisierung dieses Einigeln verstärkt, das die Schweizer sowieso schon haben, dieses Neutralisieren. Dass man so tut, als hätte man die gleiche Farbe wie die Tapete, vor der man steht, ein Beige, ein Grau. Bloss kein Blau, kein Gelb, Farben sind für Verrückte, laut lachen ist für Verrückte. Ihren Emotionen freien Lauf lassen nur die Betrunkenen, die Arbeits­losen und die Kinder, alle anderen benehmen sich, wo kämen wir sonst hin? Wollen Sie etwa die Demokratie destabilisieren? Züge müssen pünktlich fahren können und wir alle aneinander vorbei­kommen, ohne gross Wirbel zu machen. Wirble ja keinen Staub auf. Und so ist es in den Zügen ganz still. Und jetzt, wo alle sich in ihre digitalen Welten zurück­ziehen, noch ein bisschen stiller, totenstill. Eine unsichtbare Absperrung vor jedem Menschen, ein unsichtbarer Glaskasten, über ihn gestülpt. Klopfst du?

Ich würde manchmal gerne mit Fremden darüber reden, dass wir uns alle so fremd geworden sind, an der Bushalte­stelle, im Zug. Mit all diesen Menschen, die neben und vor mir in der Öffentlichkeit sitzen und sie mit mir teilen und die gleiche Luft einatmen wie ich selbst, die mir aber so abgewandt sind, in ihre eigenen Welten verschwunden. Und ich, die sich abgewandt hat von ihnen. Dabei wäre doch da diese Sehnsucht, im gleichen Boot zu sitzen. Na, wie fühlen Sie sich gerade? Und Sie?

Dabei lege ich mir ja selbst gerne mit Spotify einen Sound­teppich unter mein Leben, weil dann habe ich wenigstens emotional das Gefühl, die Heldin eines Dramas zu sein, jemand, der Wände hochklettert wie Spiderman. Ich träume mich auf meiner Tramfahrt einfach in meinen eigenen Film, in eine sehr aufregende, lebendige Zeit, während ich in Wirklichkeit damit beschäftigt bin, mein E-Mail-Postfach von Werbe­mails und Koch-Newslettern zu befreien.

Und so sitzen wir alle stumm da, bis wir ausrasten und durch­rasten und mit Autos in Masten fahren, und wenn jemand in der Strassen­bahn plötzlich tanzt oder laut lacht ohne irgendeinen sehr guten Grund, Spass haben zu müssen, dann schütteln wir die Köpfe, halten ihn für übergeschnappt und filmen ihn, dann landet er im Netz und wird dafür gefeiert, das ist noch echte Lebens­freude, so viel Authentizität, geiler Typ!!

Warum also die Gehör­gänge und die Augen offenhalten? Es ist ja nicht so, als ob jemand schauen würde oder reden wollen oder lächeln oder sonst wie ein Miteinander erschaffen. Davor haben wir schon viel zu lange viel zu grosse Angst. Der Mensch neben uns stört oft nur noch. Der öffentliche Raum dient heute nicht mehr einer Öffentlichkeit, er ist nur noch ein Ort, an dem viele Menschen ihren privaten Angelegenheiten nachgehen.

Und wenn wir dann doch mal ins Ausland reisen, Tapeten­wechsel, mal was Neues, chatten wir in Hotel­zimmern und in Bars und in Cafés und in Flug­zeugen mit all denen weiter, die gar nicht da sind, mit denen wir jedoch keine Sprach­barrieren überwinden müssen und keine kulturellen Schwierigkeiten. Digitally remote ist sowieso die Zukunft, ortsungebunden arbeiten, den Kaffee von Starbucks an irgend­einem Strand, Essen nach Hause liefern lassen per Uber Eats, täglich skypen mit der besten Freundin. Gar nichts mehr da, was uns zwingen würde, vor die Haustür zu gehen und uns auf das einzulassen, was sich vor unseren Augen wirklich abspielt und überfordert, wir können in die Ferne reisen und uns ist nichts mehr je noch fremd.

Dabei tragen wir sie alle in uns, diese stille Sehnsucht nach einem echten Leben, nach Abenteuer, wo wir die Jahres­zeiten wieder auf der Haut spüren und die Arbeit in den Knochen, diese romantisierte Idee eines Land­lebens oder eines Aussteiger­jahrs, einer Weltreise auf einem Boot, all das, was wir in Wirklichkeit dann doch nie aushalten würden, weil es bedeutet, dass wir um fünf Uhr aufstehen und nach Mist stinken, dass es kalt und unbequem wird und wir vielleicht die Sprache nicht verstehen, Durchfall kriegen und keiner da ist, der uns Essen nach Hause liefert.

Doch wir sind hungrig nach Leben. Hungrig danach, uns zu spüren. Ecken und Kanten, nicht immer nur glatte Oberflächen. Wir haben so eine Sehnsucht nach dem Realen, dass die Google-Headquarters jetzt Bücher­regale an die Wände schrauben, in denen physische Bücher stehen, die keiner liest. Hipster in den Städten stellen sich alte Beizen­tische in die Wohnungen und bestellen atmungs­aktives Leinen und interessieren sich für Root-to-Table-Food­konzepte, wir haben die Nase voll davon, mit Scheisse vollgepumpt zu werden, die so sehr durchprozessiert ist, dass ihr jegliches Leben abhanden­gekommen ist. Wir Menschen spüren den Unterschied zwischen etwas, das lebt, und etwas, das nicht lebt, da können wir machen, was wir wollen.

Deshalb sehne ich mich nach menschlicher Verbindung. Weil diese Sehnsucht so alt ist wie die Menschheit selbst. Und wir als Spezies nicht überlebt hätten ohne einander. Und so kommt es, dass mich eine Traurigkeit befällt, wenn ich ein Problem mit meinem Mixer habe. Ich wünschte dann, ich könnte irgendwo anrufen und sagen, hallo, ich habe ein Problem mit meinem Mixer, und die Person am anderen Ende würde nicht nur wissen, was zu tun ist, sie würde auch mitfühlen, mich verstehen.

Sie würde mir mit ihrer Stimme signalisieren, dass sie ein Mensch ist und Gefühle hat und auch schon in einer ähnlichen Situation war. Sie würde mir vielleicht sogar jemanden anbieten, der mein Problem löst. Dieser Mensch würde bei mir zu Hause vorbei­kommen oder ich würde zu ihm laufen, Geh­distanz. Und ich wüsste wieder, dass die Welt in Ordnung ist. Oder dass zumindest, wenn alles zusammen­bricht und nichts mehr geht, da jemand ist, der hilft.

Oft aber sind da nicht mal mehr Menschen, es sind kalte, automatisierte Stimmen, auf weich getrimmt, ein bisschen Musik, eine Warte­schlaufe, ein Chatbot, der so tut, als sei er mein Freund. Irgendwelche Interaktionen, die befremdlich auf mich wirken, weil sie gar nicht existieren, weil ich nur mit einer Maschine kommuniziere und die Maschine nicht wirklich mit mir. Das kriegen wir auch noch gebacken, sagen die Zukunfts­forscher dann, die künstliche Intelligenz wird sich anpassen, immer menschlicher werden, bald werden wir gar nicht mehr merken, was Mensch ist und was Maschine.

Es gibt jetzt Gummi­puppen, die mithilfe von Artificial Intelligence individualisierte Blowjobs geben können, Roboter ersetzen in Alters­heimen das Pflege­personal, und die Katzen, die machen den Rest. Die sind da, um die Alten zu trösten, wenn sie ganz alleine sind und kein Mensch mehr da, Katzen­fell streicheln, haben Studien bewiesen, ist gut für das Nerven­system. Das beruhigt.

Es gibt jetzt Gummi­puppen, die mithilfe von AI individualisierte Blowjobs geben können, Roboter ersetzen in Alters­heimen das Pflege­personal, und die Katzen, die machen den Rest.

Wie schön dieses neue Leben sein muss für alle, denen menschliche Interaktion immer zu anstrengend war und der Mensch in seinem Mensch­sein zu unvermittelt chaotisch. Und während manche ein System entwickeln, in welchem urmenschliche, aber in den Augen der logarithmischen Effizienz unnütze Komponenten leider nicht viel zählen, buchen wir anderen Meditations­kurse oder Achtsamkeits­seminare, um mit diesem neuen System, das uns emotional überfordert, besser umgehen zu können. Wir packen dann unsere Woll­socken ein und fahren in die Berge und verkünden stolz auf Facebook, dass wir offline!! gehen, hey, nicht erreichbar, ok, keine Sorge, nur ein paar Tage!!, dann liken das noch ein paar Leute und einige schreiben, hey, viel Glück, und andere schreiben, würd ich auch gerne mal machen, sicher toll, beneide dich.

Mit dreissig sitzen wir dann zusammen in der Kneipe und denken laut darüber nach, auszusteigen und nochmals ganz von vorne zu beginnen, ein halbes Jahr auf Weltreise zu gehen oder eine alte Scheune zu renovieren, Hauptsache, weg von all dem Scheiss.

Hauptsache, in Welten abtauchen, in Gegenden dieser Welt, wo sich noch nicht eine 5G-Antenne an die nächste reiht, wo wir noch ohne WLAN sind und die Strassen noch staubig, die Leute noch ärmer und die technologischen Revolutionen noch weit weg, der Kapitalismus und die Industrialisierung und all die glänzenden Fassaden und die gemachten Gesichter und die Millennials und die neurotischen Lebens­modelle und die portable computers und die neusten Apps.

Dann hocken wir auf unseren Schlaf­matten in Kirgistan auf einem Berg, setzen uns neben eine Ziege und atmen mal durch und hoffen, dass wir uns nun endlich, nach all dieser Zeit, Momente und Gefühle des einfachen Lebens konservieren können, und hoffen insgeheim, dass unser Körper so klug ist, sich für immer an dieses Gefühl zu erinnern. Dass er gegen alles ankämpft, was diese Ruhe und diesen Frieden wieder kaputtmacht.

Wir hoffen, dass sich alles ändern wird, wenn wir in den Städten dieser Welt wieder in unseren eigenen Zimmern sitzen, wir kaufen uns ein Meditations­kissen oder ein gutes Buch am Flughafen und versprechen uns innerlich, uns selbst nie wieder zu verlassen.

2016, ich bin seit vier Jahren selbst­ständig, ich antworte bis kurz vor Mitternacht auf E-Mails, obwohl das niemand von mir verlangt, und fühle mich wichtig dabei, ich klappe im Zug und im Café und in irgend­welchen Landbeizen meinen Laptop von Apple auf und gehe über den Hotspot meines iPhones ins Netz. Ich schere mich nicht darum, ob Leute am Nebentisch gerade essen wollen und mein Hämmern auf der Tastatur sie davon abhält, sich einem netten Gespräch zu widmen.

Die ständige Erreichbarkeit ist mein neues Status­symbol, es soll meinen Auftrag­gebern suggerieren, dass ich immer liefere, dass ich potent bin, jung und willig, dass ich die Zukunft bin, eine Frau, die mühelos mit allem mithält und in einer Geschwindigkeit Beobachtungen abliefert, die jedem Online-Redaktor gefallen. Ich will einen Platz ergattern, sollen die Alten doch gehen. Sollen sie sich doch weigern, Videos zu drehen und sich eine Social-Media-Präsenz aufzubauen, sollen sie ignorant darauf bestehen, dass es nur um Inhalte geht und null um Egos, Namen und Identitäten. Derweil arbeite ich an meiner corporate identity – ich muss mich zur Marke machen, das ist mir längst klar.

Ich poste meine Artikel auf Social Media. Ich erhalte die ersten Likes für meine Arbeit, beginne, mir zu überlegen, was ich wann wie darstelle, damit es professionell wirkt. Wie es persönlich klingt, nicht zu abgehoben, wie lange ein Post sein soll und ob ich ihn besser an einem Dienstag oder an einem Sonntag poste, vor der Mittagszeit oder danach. Während­dessen stellen sich Chef­redaktoren in den Newsrooms vor die Belegschaft und raunen was von online first. Schaut auf die Klicks, sagen sie, seid schneller als die Konkurrenz, Anschlag auf «Charlie Hebdo», warum haben wir das nicht als Erste? Schreib was ins Internet, auch wenn wir noch keine Belege haben, besser irgendwas als gar nichts.

Niemand wartet mehr, bis alle Fakten gesichert sind. Und wenn wir es tun, dann schauen wir in die Röhre, sind die Idioten! Ladet Fotos hoch, verdammt noch mal! Wir brauchen Videos, wir brauchen schreiende Opfer, wir brauchen Blut, wir brauchen Angst, wir brauchen Terror, wir brauchen Leser­reporter! Print ist tot, sagen sie, Print ist tot, es lebe das Internet! Es lebe das Kurzfutter. Macht ein paar Quer­verweise, macht Videos rein, die Verweil­dauer ist das Wichtigste, lasst sie weiter­klicken. Der Klick bestimmt, ob wir überleben. Macht eine gute Mischung aus Information und nackten Ärschen, egal ob die Demokratie davon abhängt, die Masse verlangt nackte Ärsche, versteht ihr? Los.

Aber bitte nicht nur Katastrophen-News, kein doomscrolling mehr provozieren, sagen die Chef­redaktoren. Dieses endlose In-sich-Hinein­fressen von negativen Schlag­zeilen, Psychologinnen haben das als schädlich für die psychische Gesundheit eingestuft, deshalb, ab und an jetzt auch mal: good news, constructive journalism.

Aber bitte nicht nur Katastrophen-News, kein doomscrolling mehr provozieren, sagen die Chef­redaktoren. Ab und an jetzt auch mal: good news, constructive journalism.

Wenn ich in einen Club gehe, dann hoffe ich, dass ich nicht so betrunken bin, dass ich nicht mehr weiss, was ich tue. Nicht weil meine Eltern dann wütend wären. Sondern weil ich Angst habe, dabei gefilmt zu werden. Der Film dann im Netz. Mein Leben, digitalisiert und ausser Kontrolle. Und nichts, was ich tun könnte. Niemand, der das löscht. Jeder Moment der Unachtsamkeit könnte einer sein, der mich für immer an den Pranger stellt.

Manchmal bin ich kurz davor, meinem Freund ein Nacktbild zu schicken. Ich tue es nicht.

Ich mache die ersten Ausland­reisen, ich fahre nach Indien, ich fahre nach Marokko, ich fahre nach Italien, ich fahre nach Israel. Ich steige ins Flugzeug und muss den Flug­modus reinmachen, dann ist lange Zeit nicht viel los. Ich schaue mir an Bord ein paar Filme an und lese ein paar Seiten in einer Zeitschrift, ich betrete nach der Landung fremden Boden und schaue, dass ich an einem Taxistand ein Taxi kriege, verstehe kein Wort dieser Männer, die versuchen, mir die Welt zu erklären, und fahre erst mal ins Hotel.

Ich versuche manchmal, das WLAN-Passwort nicht mitzuschreiben, die Damen an der Rezeption strahlen mich dann immer an und sagen begeistert, schauen Sie, Gratis-WLAN, ganz schnelles, im Zimmer! Im Restaurant, auch am Pool! Auch am Strand! Wir wollen sichergehen, dass es Ihnen an nichts fehlt. Das Wasser kostet 2,50 Euro in der Minibar, das aus dem Wasser­hahn dürfen Sie nicht trinken, aber das Internet ist kostenlos, und auf Booking.com rühmen es alle als das schnellste weit und breit. Ich laufe an den Strand und atme die Luft ein, ich schaue mir an, wie die Leute auf ihren Mopeds an mir vorbeirasen, und weiss, jetzt hat mich für ein paar Wochen die Welt verschluckt, ich stehe am anderen Ende der Welt, und nichts von daheim, was mich erreicht. Nichts, was sich über das hier legt, was vor mir liegt. Keine E-Mails, keine Rechnungen, keine nervösen Updates, keine Nachrichten. Einfach verschluckt, einfach woanders.

Manchmal, wenn ich mein Handy absichtlich im Hotel­zimmer lasse und am Pool liege, wünschte ich mir plötzlich, ich könnte meine Beine fotografieren, sie sehen gerade so schlank aus, die Sonne steht günstig, golden hour, ich spanne die Haut an und ändere den Winkel, wenn ich jetzt ein Foto mache und es hochlade, bewundern mich die Leute und denken, so schlank bist du, Wahnsinn, guapa, schön!!!, dann werde ich zurück ins Hotel gehen und für ein paar Tage weniger essen. Manchmal gehe ich doch das Handy holen und versinke dann darin, Dutzende Bilder von meinen Beinen zu machen, ich mache so lange Bilder von ihnen, dass ich gar nicht merke, wie die Luft sich abkühlt, bis ich plötzlich aufschaue und um mich herum kein Mensch mehr, alle schon beim Essen. Ich lasse das Handy immer seltener im Zimmer liegen.

Wenn ich aus dem Haus gehe, nehme ich es immer mit, ich könnte in Gefahr geraten, mich verirren, Hilfe brauchen. Ich habe Angst, so ganz ohne Telefon, ich rede mir dann ein: Wenn dir jetzt was passiert, dann bist du selber schuld, hast ganz allein auf dich vertraut, wie töricht. Und ich muss erreichbar sein, für meinen Freund, da sein, wenn er mich braucht. Vielleicht stirbt auch plötzlich Opa, und ich war nicht da, als der Anruf kam. Das würde ich mir nicht verzeihen.

Und sowieso, mein Chef liest heute meinen Artikel, vielleicht sind noch Fehler drin, wer geht schon am helllichten Tag spazieren und macht Pause, ich sollte am PC sitzen, sollte am Handy kleben, sollte weitermachen, zu viel steht auf dem Spiel. Zu vieles von meinem Leben steckt schon in diesem kleinen Gerät. Ich muss eingekaufte Produkte bezahlen, ich muss Tickets vorweisen können, ich muss mir Notizen machen, ich muss Leuten antworten, ich muss Wege googeln, ich muss Verbindungen checken, ich muss Einkaufs­listen schreiben, ich muss Bilder machen, ich muss Musik hören, ich muss Schuhe bestellen, ich muss mein Leben managen.

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Teil 2

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