Es geht um Einfluss, Fallzahlen – und um sehr viel Geld: Universitätsspital Zürich.

I. Aufbruch

Wie ein Chirurg aus Mailand die Schweizer Herzmedizin weiter voranbringen soll. Und warum das in einem Konflikt gipfelt, der alle Ambitionen des grössten Universitäts­spitals im Land zunichtemacht. Dabei hatte doch alles so hoffnungsvoll begonnen. Zürcher Herzkrise – eine Trilogie.

Von Philipp Albrecht, Dennis Bühler, Brigitte Hürlimann (Recherche) und Goran Basic (Bilder), 03.03.2021

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Hunderttausendmal pro Tag schlägt das menschliche Herz. Bei Clemenz Jost schon über 90 Jahre lang tadellos und zuverlässig – mit einer einzigen, lebens­gefährlichen Ausnahme. «Ich war immer gesund, führe den Haushalt selber, mache lange Märsche und schwimme im Sommer regelmässig», sagt der ehemalige Aargauer Unter­nehmer und FDP-Einwohner­rat. Doch Mitte Dezember 2019 spürte er plötzlich: Da stimmt etwas nicht mehr. Er leidet an Atemnot, ist müde, deutlich weniger leistungs­fähig. Und sein Herzschlag ist anders als sonst; unregel­mässig, mit einem verdächtigen Flimmern.

Wie Jost ergeht es in der Schweiz jedes Jahr mehr als 100’000 Menschen, die wegen Herz-Kreislauf-Krankheiten ins Spital eingeliefert werden müssen. Jeder Fünfte von ihnen stirbt – keine Todesursache ist häufiger. Wenig erstaunlich deshalb, dass die Herzmedizin zu den hochgerüsteten Infra­strukturen des Schweizer Gesundheits­systems zählt. 17 Herzzentren leistet sich das Land, jedes von ihnen buhlt um Patientinnen, Umsatz und Prestige.

Clemenz Jost geht unverzüglich zum Hausarzt, als ihm die Beschwerden auffallen. Ebenso rasch schickt ihn dieser zum Kardiologen weiter. Dem Herz­spezialisten gefällt gar nicht, was er sieht und hört. Der Patient müsse sofort operiert werden, befindet er – und «sofort» war ernst gemeint. Jost erinnert sich: «Es war der 24. Dezember. Der Kardiologe rief im Universitäts­spital Zürich an. Er wollte wissen, ob der Direktor der Herzklinik im Haus sei. Zehn Minuten später war klar: Ich würde schon am nächsten Tag einrücken. Und der Chef höchst­persönlich würde die Operation durchführen.»

Francesco Maisano.

Ein knappes halbes Jahr später prangt der Name des Direktors der Klinik für Herz­chirurgie am Universitäts­spital Zürich (USZ) auf den Titelseiten der Schweizer Zeitungen und liefert Online­portalen eine Geschichte nach der anderen. Die grösste und wichtigste Herzklinik des Landes versinkt im Chaos eines öffentlich ausgetragenen Arbeits­konflikts, der die Leitung überfordert, das Spital lähmt und trotz Köpfe­rollen kein Ende nimmt.

Wie konnte es so weit kommen? Welchen Schaden richtet der «Fall Maisano» in der Herz­medizin an, für deren Exzellenz das USZ seit Jahrzehnten bekannt ist und die international als prestige­trächtigster Forschungs­zweig gilt? Was ist übrig geblieben von der Ambition des USZ, das Maisano 2014 nach Zürich holte, um einmal mehr Medizin­geschichte zu schreiben?

Und welche Rolle spielten die Medien?

Alles beginnt am 22. Mai 2020 mit der Schlag­zeile, Francesco Maisano habe Studien geschönt. Diesen schweren Vorwurf erhebt ein Whistle­blower am Zürcher Unispital in den Zeitungen der Tamedia. Doch damit nicht genug: Der Herzchirurg habe auch Interessen­konflikte verschwiegen, falsche Angaben gegenüber Behörden getätigt und – vor allem – das Patienten­wohl gefährdet. Es ist der schlimmste Vorwurf, den man gegen einen Arzt erheben kann: Maisano soll beim Implantieren medizinischer Geräte seine monetären Interessen über die Gesundheit der Patientinnen gestellt haben.

Rund 700 Artikel sind im vergangenen Jahr über den Mailänder Dottore erschienen. Fast ausnahmslos zeichneten Journalisten das Bild eines gierigen Mediziners, der in erster Linie seine eigenen Interessen verfolgt; präsentierten ihn als Chefarzt, Akademiker und Operateur, der für seine Karriere das Wohl seiner Patientinnen aufs Spiel setzt. Was ist da dran?

Welche Regeln gelten für die Zusammen­arbeit zwischen Ärzten und der Industrie? Wie entstehen Innovationen in einem derart hoch spezialisierten Medizinal­bereich wie der Herz­chirurgie? Gibt es tatsächlich Fehlanreize, die dazu führen können, dass das Patienten­wohl aus dem Blick gerät?

Nach monatelangen Querelen und unter dem Druck der medialen Lawine trennten sich Francesco Maisano und das Universitäts­spital im September 2020. Dennoch beschäftigen sich bis heute Dutzende Anwältinnen, mehrere Gerichte und parlamentarische Kommissionen mit dem Fall.

Was, wenn die Geschichte dieses Skandals nicht nur noch nicht wirklich erzählt, sondern auch noch gar nicht ausgestanden ist?

Die Öffentlichkeit kennt nur die halbe Wahrheit: Worum es in diesem Skandal in der Spitzen­medizin wirklich geht

Im vergangenen August werden wir von USZ-Mitarbeitenden kontaktiert. Sie bitten um ein vertrauliches Gespräch. Was sie uns mitteilen wollen: Die Affäre Maisano sei komplexer als öffentlich dargestellt, die Probleme lägen tiefer. Von Führungs­versagen ist die Rede.

Unser Interesse ist geweckt. Schliesslich brachte der Skandal – die Skandalisierung? – nicht bloss einen Klinik­direktor zu Fall, sondern erschütterte mit dem Universitäts­spital Zürich das renommierteste Spital der Schweiz, mit Auswirkungen über die Zürcher Kantons­grenzen hinaus.

Wie können Macht­kämpfe einen hoch professionellen Apparat wie das Universitäts­spital, das mehr als 8000 Angestellte beschäftigt und jährlich 700’000 ambulante Besuche verzeichnet, an den Rand des Betriebs­infarkts bringen? Geschieht dies auch zum Nachteil von uns – den Patienten?

Wir beginnen, Dokumente, Berichte, Gesetze, Verordnungen, Reglemente, Expertisen und Fachartikel zu lesen; eine Flut an Informationen. Wir sprechen mit Spezialistinnen aus dem In- und Ausland, mit Ärzten, Juristinnen, Politikern, Gesundheits­managerinnen, Pflegefachleuten.

Immer mehr Fragen tauchen auf. Wie reagiert eine Institution wie das USZ auf interne Konflikte? Hält sie verfahrens­rechtliche Standards ein? Behandelt sie Whistle­blower und Kritisierte angemessen?

Die Recherchen führen zu einer ersten wichtigen Erkenntnis: Der «Fall Maisano» ist tatsächlich anders verlaufen, als er medial dargestellt wurde.

Die Öffentlichkeit kennt bisher nur die halbe Wahrheit.

Es gab nicht bloss jenes Whistle­blowing, das die Zürcher Herzmedizin ins Chaos stürzt und Klinik­direktor Maisano am Ende den Job kosten wird, sondern ein ebenso umfang­reiches und mindestens so brisantes zweites Whistle­blowing – ausgerechnet gegen den Hinweis­geber, der gegen Maisano vorgegangen war. Dieses zweite Whistle­blowing liess die USZ-Leitung versanden. Und es generierte bis heute auch keine Schlagzeilen.

Am 14. Januar 2021 sagte der Whistle­blower, der Maisano schwer belastete, im SRF-Nachrichten­magazin «10 vor 10»: «Ich würde es wieder tun.»

Welche Rolle spielt er in diesem Skandal?

Noch wichtiger ist die zweite Erkenntnis, zu der wir im weiteren Verlauf der Recherchen kommen: Hinter den zwischen­menschlichen Konflikten verbirgt sich ein Macht­kampf zwischen Kardiologie und Herz­chirurgie; ein erbitterter Streit, der in der Herzmedizin weltweit brodelt, der das USZ aber besonders lähmt. Es geht um Einfluss, Fallzahlen – und um sehr viel Geld.

Der Aufstieg der Kardiologie

Um den Aufruhr am USZ richtig einzuordnen, muss man den revolutionären Wandel verstehen, der die Herzmedizin in den letzten 20 Jahren erfasst hat: den Aufstieg der Kardiologie. Bis zum Ende des 20. Jahr­hunderts war die Chirurgie die Königs­disziplin gewesen. Kardiologinnen beschränkten sich darauf, Patienten mit Herz­erkrankungen abzuklären, ihnen Medikamente zu verschreiben oder sie zur Therapie einem Herz­chirurgen zuzuweisen.

Heute ist alles anders. Die meisten Patientinnen werden nicht mehr von Chirurgen am «offenen» Herzen operiert, sondern von Kardiologen minimal­invasiv behandelt. Durch einen Stent, der mit einem durch die Leiste eingeführten Katheter an die richtige Stelle gebracht worden ist, wird ihnen ein Herzkranz­gefäss geöffnet; bei einer zu engen Herzklappe wird ihnen ein Aortenklappen­ersatz implantiert – beides ohne Vollnarkose und ohne an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen zu werden.

Offene Operationen, wie sie Chirurgen durchführen, werden vor allem noch bei schweren Herzklappen- oder Herzkranz­gefäss­erkrankungen gemacht, bei einem Infekt der Herzklappe sowie bei einer Erweiterung oder einem Einriss der Haupt­schlagader.

Dieser medizinische Fortschritt hat dafür gesorgt, dass viele Menschen viel älter werden als früher. Mit den neuen, minimal­invasiven Verfahren können selbst hochbetagte Patientinnen operiert werden, die eine konventionelle Herz­operation mit geöffnetem Brustbein möglicher­weise nicht überstehen würden. Patienten wie Clemenz Jost.

Wir erinnern uns: Der alte Herr («Schreiben Sie ja nicht Senior!») wurde von seinem Kardiologen im Dezember 2019 an USZ-Klinik­direktor Francesco Maisano überwiesen. Der Spezialist beherrscht sowohl minimal­invasive Eingriffe wie auch die klassische Herz­chirurgie. Als 89-jähriger Patient mit akuten Herz­problemen galt Jost als Hochrisiko­patient. «Einer stunden­langen Operation am offenen Herzen, angeschlossen an die Herz-Lungen-Maschine, hätte ich nicht zugestimmt», sagt er. «Ich hatte Kollegen, die waren deutlich jünger als ich, und die überlebten solche Eingriffe nicht.»

Am 27. Dezember 2019 operierte Maisano den Patienten. Der Herzchirurg ersetzte die defekte Aorten­klappe mit einem Katheter­eingriff durch die Leiste, die Operation dauerte eine knappe Stunde. Bereits einen Tag später konnte Jost auf die Normal­station verlegt werden. «Es ging mir bestens», erzählt Jost. «Ich habe noch im Spitalbett damit begonnen, meine neue Smartwatch in Betrieb zu nehmen. Sie war ein Weihnachts­geschenk. Die Uhr leistet mir bis heute wichtige Dienste. Sie zeigt meine Herz­frequenz an.»

Während Patient Clemenz Jost zweifelsfrei zu den Profiteuren des medizinischen Fortschritts gehört, gibt es in einem Spital wie dem USZ Gewinner und Verlierer. Denn Fortschritt wird nie reibungslos erzielt. Beginnt sich das Neue allmählich zu etablieren und finden die neuen Methoden und Herangehens­weisen Eingang in den Spital­alltag, führt dies zu Spannungen, Abgrenzungs­schwierigkeiten und Machtkämpfen.

Das ist – gepaart mit persönlichen Unverträglichkeiten einzelner Exponenten – der Nährboden des Dramas am Universitäts­spital Zürich. Es ist eine explosive Mischung, die eine ganze Organisation lähmen kann.

Bloss: Wo stünde die Medizin heute, wenn die Pioniere das Neue nicht gewagt hätten? Wenn sich der Südafrikaner Christiaan Barnard in den 1960er-Jahren nicht getraut hätte, die erste Herz­transplantation durchzuführen? (Sein erster Patient überlebte nur 18 Tage.) Oder sich Andreas Grüntzig in den 1970er-Jahren am USZ nicht daran­gemacht hätte, Ballon­katheter – die Vorläufer der heutigen Stents – zu entwickeln?

Ich will es genauer wissen: Wie Andreas Grüntzig, dem bekanntesten Pionier der Schweizer Herzmedizin, mit Neid und Missgunst begegnet wird

Ende der 1960er-Jahre kommt ein junger Arzt aus Dresden ans Zürcher Unispital, der sich nicht mit herkömmlichen Herz­operationen zufrieden­geben will, sondern für Innovationen brennt. Ist es möglich, fragt er sich, mit einem Katheter von wenigen Millimetern Durch­messer von der Leiste bis zum Herz vorzustossen – und dort Durch­blutungs­störungen mithilfe eines Ballons zu beheben? Andreas Grüntzig heisst er, acht Jahre später wird er Medizin­geschichte schreiben.

Am Unispital aber kommen seine originellen Ideen nicht gut an, was ihn seine Kollegen auch spüren lassen: Nicht nur teilen sie ihm eine kleine, dunkle Kammer im Keller des Unispitals zu; auch untersagt ihm sein Chef, während der Arbeits­zeit an seinen Innovationen zu tüfteln. Grüntzig ist gezwungen, abends und oft bis tief in die Nacht in der eigenen Küche zu experimentieren, mit einfachsten Mitteln wie heissem Wasser, Industrie­kleber und Nylonschnüren.

Zunächst pröbelt Grüntzig an Leichen und an Hunden, später versucht er sich an menschlichen Bein­arterien. Am 16. September 1977 schlägt seine grosse Stunde: Grüntzig schiebt beim ehemaligen Verding­kind und damaligen Versicherungs­vertreter Dölf Bachmann, der an akuter Angina Pectoris leidet, über eine kleine Öffnung bei der Leiste einen Katheter via Blutbahn bis zum Herzen; dort dehnt er das verengte Herzkranz­gefäss mit einem über den Katheter eingeführten Ballon auf, was dem erst 38-jährigen, aber schwer kranken Patienten eine mehrstündige Bypass­operation erspart. Die Operation ist ein voller Erfolg – und macht Grüntzig über Nacht zum Weltstar. Dölf Bachmann, der Patient Nummer eins, ist heute 82-jährig und lebt in Graubünden. Seit der Operation hatte er nie wieder Herzprobleme.

Grüntzigs Erfindung verändert die Herzmedizin für immer: Sie macht aus der alten Kardiologie, die diagnostizierte, Medikamente verschrieb und Patienten an die Herz­chirurgie überwies, eine invasive Disziplin. Heute ist die sogenannte Ballon­dilatation der häufigste medizinische Eingriff überhaupt, allein am Herzen führen ihn Ärztinnen weltweit jährlich weit über eine Million Mal durch.

Am Unispital allerdings schlägt Grüntzig nach der geglückten Welt­premiere nichts als Neid und Missgunst entgegen. Seine Kollegen mobben ihn, die Spital­leitung weigert sich, seine Abteilung zu vergrössern. Mit dem Ergebnis, dass Dutzende Patienten sterben, weil sie so lange auf einen Eingriff warten müssen.

Schliesslich wechselt Grüntzig entnervt an die Emory University nach Atlanta, wo man ihn begeistert empfängt und mit lukrativen Berater­verträgen medizin­technischer Firmen ausstattet. Grüntzig gewöhnt sich an den American Way of Life, kauft sich einen Porsche, ein Ferien­haus auf einer Insel im Atlantik – und ein Privat­flugzeug, das ihm 1985 den Tod bringen wird: Wäre Andreas Grüntzig nicht im Alter von erst 46 Jahren bei einem Absturz bei dichtem Nebel, um den sich bis heute Mythen ranken, ums Leben gekommen, er wäre nicht bloss noch reicher geworden – seine Erfindung wurde bis zum Ende des Jahr­hunderts zu einem Milliarden­geschäft –, der in Zürich Unverstandene hätte wohl auch den Nobel­preis erhalten.

Kooperation statt Konkurrenz

In dieser neuen Welt, nach dem Aufstieg der Kardiologie, ist eine gute Kooperation zwischen den beiden Disziplinen für das Patienten­wohl zwingend: Kardiologie und Herz­chirurgie gehören innerhalb eines Spitals unters gleiche Dach, unter die gleiche Organisations­struktur mit einer Führung und einem gemeinsamen Budget.

Darüber sind sich fast alle der gut zwei Dutzend Fachleute einig, mit denen wir im Verlauf dieser Recherche gesprochen haben. Im Idealfall, sagen viele, bilden Kardiologinnen und Chirurgen Teams. Denn wenn sie voneinander getrennt arbeiten, streiten sie sich aus monetären Gründen um Fälle – zulasten der Patientinnen, der Kranken­kassen und der Steuerzahler.

«Im idealen Herzzentrum sind persönliche, institutionelle und finanzielle Interessen ausgeschaltet, es geht nur um die bestmögliche Therapie des Patienten. Ein ideales Herzzentrum hat deshalb ein gemeinsames Budget für die Klinik, die Weiter­bildung und die Forschung. Die Betreuung der Patienten, auch die Aus- und Weiter­bildung findet gemeinsam statt. Ein Beispiel für ein solches ‹ideales› Herz­zentrum kann ich Ihnen leider nicht nennen», sagt Peter Matt, Chefarzt am Kantons­spital Luzern und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Herzchirurgie.

Im Herbst 2014 ernennt das USZ mit Francesco Maisano einen Spezialisten zum Klinik­direktor, der die neue Ära in der Herzmedizin verkörpert: weg von der klassischen Herzchirurgie, hin zu minimal­invasiven Eingriffen.

In der Medienmitteilung zu dieser Ernennung zeigt sich das Zürcher Spital euphorisch: «Mit minimal­invasiven Hybrid­eingriffen, an denen Kardiologen und Herzchirurgen beteiligt sind, lassen sich die besten Ergebnisse für Patientinnen und Patienten in inter­disziplinärer Zusammen­arbeit erreichen.» Ein Hybrid-Operations­saal stehe bereit. Maisano geniesse international höchste Anerkennung und habe mit eigenen Innovationen zur Entwicklung neuer, milderer Eingriffs­möglichkeiten beigetragen.

Kurzum: Es herrscht Aufbruchstimmung.

Mit dem damals 48-jährigen gebürtigen Florentiner Maisano, der in Rom Medizin studiert und danach in Mailand gearbeitet hat, bevor er im Herbst 2013 am USZ als leitender Arzt begann, befördert das Unispital einen Arzt und Innovator, der bei Stellen­antritt bereits über 3000 Herz­operationen durchgeführt hatte, 14 Patente eingetragen hat und als Experte für die gesamte Herzchirurgie gilt. Einen Wissenschaftler, der den Nachwuchs multidisziplinär ausbildet, an der Uni lehrt und eng mit der Industrie zusammen­arbeitet, um neue Geräte auf den Markt zu bringen.

Das wichtigste Organ am Unispital

Francesco Maisano übernimmt die Leitung der Klinik für Herz­chirurgie nicht unter idealen Voraussetzungen. Zum einen sind Kardiologie und Herzchirurgie in zwei separaten Kliniken und nicht in einem Herz­zentrum untergebracht; sie funktionieren wie zwei KMU (oder Fürstentümer, wie böse Zungen sagen), die auf eigene Rechnung wirtschaften müssen.

Zum anderen hat Volkmar Falk, Maisanos Vorgänger, mehrere Herz­mediziner an die Berliner Charité mitgenommen, an der er bis heute tätig ist. Auch von seinem leitenden Arzt Maisano hätte sich der international bekannte Falk gerne begleiten lassen. Doch der Italiener entschied sich für den Verbleib am USZ, wo er Gestaltungs- und Entwicklungs­potenzial sah. Eine Einschätzung, die sich als falsch erwies.

Das Universitäts­spital Zürich setzt pro Jahr 1,5 Milliarden Franken um. Die Kardiologie und die Herzchirurgie nehmen unter den total 43 Kliniken eine besonders wichtige Position ein: Ihr gemeinsamer Umsatz­anteil beträgt 12 bis 15 Prozent – sie sind ein big player. Oder ein Klumpen­risiko. Finanziell betrachtet, sagt Spitalrats­präsident Martin Waser, der inzwischen seinen Rücktritt in Aussicht gestellt hat, sei das Herz das wichtigste Organ am USZ.

Doch die Zürcher Herzmedizin ist noch mehr: das Aushänge­schild für die Schweizer Spitzen­medizin schlechthin. Das US-Nachrichten­magazin «Newsweek» hat die Herz­abteilungen des USZ im neuesten weltweiten Spitalranking auf Rang 18 gesetzt; im europa­weiten Vergleich nehmen sie Platz 6 ein, in der Schweiz liegen sie weit vor der Kardiologie des Berner Inselspitals an der Spitze.

Zu Beginn erfüllt Maisano seine Aufgabe als Klinik­direktor der Herzchirurgie zur allgemeinen Zufriedenheit. Das liegt nicht zuletzt an guter Zusammen­arbeit mit dem damaligen Direktor der Kardiologie, Thomas Lüscher. Die beiden Klinikchefs sind zwar nicht immer gleicher Meinung, gehen aber respektvoll miteinander um. Mitarbeitende werden gemeinsam geschult und stehen Schulter an Schulter im Operations­saal, Probleme werden zusammen besprochen, die Patientinnen und ihre Versorgung stehen im Mittel­punkt. So erzählen es sowohl Maisano als auch Lüscher, so bestätigen es auch mehrere damalige Mitarbeiter.

Die minimalinvasiven Operationen an der Herzklappe, die am USZ mit der Verpflichtung Maisanos stark zunehmen, sind nicht nur zukunfts­trächtig, sondern lohnen sich für die Spitäler auch finanziell. Denn während die Tarife hoch sind, die Kranken­versicherungen für Katheter­eingriffe am Herzen entrichten, bleiben die Operations- und Hospitalisations­kosten tief. Kein Wunder: Mit der neuen Methode müssen die Patienten meist nicht auf die Intensiv­station und können in der Regel schon nach zwei, drei Tagen statt erst nach zwei Wochen nach Hause.

So wie an Weihnachten 2019 der Aargauer Unter­nehmer Clemenz Jost, der Silvester bereits wieder daheim verbringen konnte.

«Maisano ist zwar Herzchirurg, aber allen Kardiologen eine Nasen­länge voraus, weil er zu hybriden Operationen fähig ist. Das bedeutet, dass er es in der Regel zuerst mit minimal­invasiven Methoden versucht, im Notfall aber auch sofort den Brustkorb öffnen kann», sagt eine Kardiologin zur Republik, die aus Angst um ihre Karriere nicht namentlich genannt werden will. Das Treffen mit ihr fand im Zürcher Landes­museum statt.

«Mit seiner Katheter­technik gehört Maisano der Generation der modernen Herz­chirurgen an. Wegen seiner Spezialisierung ist er der USZ-internen Kardiologie mit der Zeit wohl in die Quere gekommen. Er hat sozusagen über den Zaun gefressen. Die jüngere Generation ist schon einen Schritt weiter, die Graben­kämpfe lösen sich langsam auf», sagt ein Herzchirurg, der ebenfalls anonym bleiben möchte, in einem Telefongespräch.

«Einen Herzchirurgen mit der Expertise von Professor Maisano gibt es in der Schweiz nun nicht mehr: Er beherrscht sowohl die klassische Herz­chirurgie als auch die interventionelle Kardiologie. Maisano kann als Pionier und Experte der modernen invasiven Herzmedizin bezeichnet werden», sagt Peter Matt, Herzchirurgie-Chefarzt am Kantons­spital Luzern und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Herzchirurgie.

Das Ende der Zusammen­arbeit

Das gute Einvernehmen zwischen Kardiologie und Herzchirurgie nimmt ein abruptes Ende, als Chef­kardiologe und Klinik­direktor Thomas Lüscher Ende 2017 einem Ruf der Royal Brompton and Harefield Hospitals nach London folgt. Als Direktor der Klinik für Kardiologie am USZ ersetzt ihn Frank Ruschitzka, seit 2013 sein Stellvertreter.

Die Kliniken für Herzchirurgie und für Kardiologie sollen eng zusammenarbeiten: Gebäude des Zürcher Universitätsspitals.

Mitten in der Covid-19-Pandemie sorgt Ruschitzka im Sommer 2020 weltweit für Schlag­zeilen. Der Klinik­direktor und Professor für Kardiologie veröffentlicht gemeinsam mit drei Kollegen eine Studie, die kurz nach der Publikation in der renommierten Fachzeitschrift «The Lancet» wegen einer höchst zweifelhaften Daten­lage zurück­gezogen werden muss. Eine Blamage für die beteiligten Autoren, die für Frank Ruschitzka seltsamer­weise kaum Konsequenzen hat – wir kommen später in dieser Recherche darauf zurück.

Im Vorfeld seiner Ernennung zum USZ-Klinik­direktor im Herbst 2017 verspricht der Deutsche, den Weg fortzusetzen, den sein Vorgänger Lüscher Seite an Seite mit Maisano eingeschlagen hat: Kardiologie und Herzchirurgie sollen möglichst rasch in einem gemeinsamen Herzzentrum aufgehen, das diesen Namen auch verdient. Die beiden Ärzte scheinen sich gut zu ergänzen: Maisano könnte sich auf die interventionelle Patienten­versorgung und die Entwicklung neuer Geräte konzentrieren, Ruschitzkas primäre Aufgabe wäre die therapeutische Kardiologie und die Forschung im Arzneimittelbereich.

Kaum hat Ruschitzka am 1. Januar 2018 sein neues Amt angetreten, ist von einem Willen zur Zusammen­arbeit jedoch nichts mehr zu spüren. Sogleich beginnt er, die etablierte Kooperation der beiden Kliniken zu sabotieren. Monatelang äussert er sich nicht zu Vorschlägen von Maisano und Spital­direktor Gregor Zünd zur Organisations­struktur des geplanten gemeinsamen Herzzentrums, mehrfach lässt er anberaumte Sitzungen im letzten Moment platzen. Dies belegen mehrere E-Mails, Powerpoint-Präsentationen und Protokolle, die der Republik vorliegen.

Anders als Vorgänger Lüscher überweist Kardiologie-Chef Ruschitzka kaum noch Patienten an die Herz­chirurgie, sondern lässt sie dank im Nu aufgebauter Parallel­strukturen in der Kardiologie katheter­technisch behandeln; zudem kommt es wiederholt vor, dass er Patienten an auswärtige Kliniken statt an Maisano überweist. Auch hierfür liegen uns Belege vor.

Wir haben Frank Ruschitzka Mitte Dezember 2020 angerufen, um ihn zu seiner Sicht auf die Ereignisse zu befragen. Dabei betonte er seine Absicht, nach vorne zu schauen, und lud uns für Januar zu einem ausführlicheren Gespräch ins Unispital ein; drei Wochen später zog er die Einladung wieder zurück. Danach liess er via USZ-Medien­stelle ausrichten, seine Klinik habe «lediglich einzelne Patienten auf ausdrücklichen Wunsch der Zuweiser und in Absprache mit der Ärztlichen Direktion des USZ ins Triemli-Spital überwiesen». Darüber hinaus wollte er keine Stellung nehmen.

Ein externes Coaching, dem sich Maisano und Ruschitzka im Sommer 2018 unterziehen, verpufft wirkungslos. Das vergiftete Klima zwischen Kardiologie und Herzchirurgie ist ein wichtiger Grund dafür, dass die Fallzahlen in der Herzchirurgie zwischen 2017 und 2019 um 33 Prozent fallen, während sie in der Kardiologie um 8 Prozent steigen. (Ein kleiner Teil des Rückgangs ist auf eine organisatorische Aufsplittung zurück­zuführen, die 2019 erfolgt: Neu gibt es am Unispital eine Klinik für Herzchirurgie und eine für Gefäss­chirurgie. Zuvor waren beide Disziplinen unter dem Dach der Herzchirurgie.)

«Dann ist die Herz­chirurgie am USZ tot»

Was besonders auffällt: Die Spital­leitung um Direktor Gregor Zünd schaut der unerfreulichen Entwicklung in der hauseigenen Herzmedizin zu, ohne einzugreifen. Sie ist über die Vorgänge informiert – und handelt nicht.

Daran ändert sich nichts, als die Situation im Sommer 2019 vollends zu eskalieren scheint. «In diesem Umfeld kann ich nicht länger arbeiten», schreibt Francesco Maisano am 25. Juli 2019 in einer emotionalen E-Mail an Zünd. Auslöser des Ausbruchs ist, dass Kardiologie-Chef Ruschitzka einen Kardiologen aus München verpflichtet hat, ohne ihn zu konsultieren – einen Arzt, der wie der Mailänder auf katheter­basierte Klappen­interventionen spezialisiert, aber viel unerfahrener als dieser ist.

Die Kardiologie habe damit eine Barriere aufgebaut, die für ihn unmöglich zu überwinden sei, schreibt Maisano. «Gregor, ich bin sehr besorgt. Das Patienten­wohl steht nicht mehr im Mittel­punkt. (…) Es ist ein offener Krieg, der bald an die Öffentlichkeit gelangen wird. Wir werden alle Verlierer sein. Wenn du nicht intervenierst, ist die Herzchirurgie am USZ tot.»

Spitaldirektor Gregor Zünd reagiert auf Maisanos E-Mail mit der Antwort, er habe «eine Idee, die ich mit dir nach den Sommer­ferien anschauen möchte».

«Es fehlt dem USZ an Führungs­kompetenz. Ich habe nie verstanden, warum die Direktion einfach zugeschaut und den beiden Klinik­direktoren nie gesagt hat: Lasst uns doch einen Kompromiss finden», sagt ein hochrangiger USZ-Insider, mit dem wir uns via Zoom unterhielten.

«Es wäre die Aufgabe der USZ-Leitung gewesen, die beiden Kliniken zusammen­zuführen. Man kann nicht eine Person zum Chef­kardiologen ernennen, deren Hauptziel es ist, der Herz­chirurgie die Patienten abzujagen», sagt ein Kardiologe. Mit ihm sprachen wir via Skype.

Wer packt den Papierkram an?

Im Januar 2020 vermeldet das Universitäts­spital Zürich stolz, dass Klinik­direktor Maisano vom Ranking­institut Expertscape im weltweiten Vergleich als Nummer eins in seinem Fachgebiet – den Mitral­klappen – geführt wird. In einem zweiten Gebiet rangieren mit Maisano und seinem engsten Mitarbeiter Maurizio Taramasso gleich zwei USZ-Herzchirurgen unter den ersten vier. Der italienische Oberarzt wird Monate später zu jenen gehören, die das Unispital desillusioniert verlassen.

An Maisanos Fähigkeiten als Chirurg, Akademiker und Innovator zweifelt fast niemand, weder Freund noch Feind. Einhellig loben Gesprächs­partner für diese Recherche seinen Elan, seinen freundlichen Umgangs­ton und seinen unermüdlichen Einsatz.

Was ihm jedoch auch Wohlgesinnte nachsagen: dass Administration und Organisation nicht zu seinen Kern­kompetenzen gehörten. Es sind Defizite, die im Frühjahr 2020 auch bei der externen Untersuchung durch die Anwalts­kanzlei Walder Wyss festgestellt werden, die die USZ-Leitung nach dem Whistle­blowing von Ende 2019 in Auftrag gibt (dazu mehr in Teil 2 dieser Recherche). Vor allem in seinen Anfangs­zeiten hatte Maisano zudem Mühe mit der deutschen Sprache, er kannte weder die Spital­interna noch die Gepflogenheiten. Der italienische Chirurg war kein USZ-Insider.

Um diese Defizite wissend, entscheidet die Spital­direktion bereits im Jahr 2015, Maisano einen Stellvertreter zur Seite zu stellen, der das USZ und den Standort Zürich bestens kennt: den Tessiner Herz­chirurgen Michele Genoni. Es ist nicht das erste Mal, dass das Unispital in der Not auf ihn zurückgreift.

Schon 2004, als die Klinik für Herzchirurgie in schwere Bedrängnis geriet, nachdem einer Patientin vom langjährigen Chefarzt Marko Turina ein Herz mit einer falschen Blut­gruppe eingepflanzt worden war, vertraute die Zürcher Gesundheits­direktion Genoni die verwaiste Direktion für Herzchirurgie am USZ an. Genoni war bis dahin als Chefarzt im städtischen Triemlispital tätig.

Drei Jahre nach der missglückten Herztransplantation, die vom Schweizer Fernsehen gefilmt worden war, wurden Turina und zwei weitere Ärzte wegen fahrlässiger Tötung zu bedingten Geldstrafen verurteilt. Ohne Rückhalt in der Klinik und in der medizinischen Fakultät konnte sich Genoni nur knapp drei Jahre am USZ halten, bevor er wieder ans Triemli zurückkehrte.

Im Jahr 2015 bietet sich ihm nun eine zweite Chance; zunächst im Teilzeit­mandat neben seiner Arbeit als Klinik­direktor am Triemli, ab 2018 dann als USZ-Vollzeit­angestellter. Als Insider und «erfahrener Hase» soll er Maisano in der Administration und Organisation entlasten; so ist es im damaligen «Funktionen­diagramm» festgehalten, so steht es auch in der damaligen Geschäfts­ordnung. Es ist eine sinnvolle Arbeits­teilung, die Kombination zweier Kompetenzen: hier der international anerkannte Chirurg, Ausbildner, Forscher und Stratege Maisano, dort der operativ tätige Geschäfts­führer Genoni, der den Laden in Ordnung hält, die Prozesse und Abläufe optimiert, Qualitäts­standards umsetzt und ausbaut – ohne oft im Operations­saal zu stehen.

Michele Genoni ist damit für Bereiche zuständig, in denen Maisano im Frühjahr 2020 von der Anwalts­kanzlei Walder Wyss sowie von den Medien grobe Versäumnisse angekreidet werden. Umso mehr fällt auf, dass sein Name in der öffentlichen Aufarbeitung der Turbulenzen in der USZ-Herz­medizin kaum je fällt. Der von Maisano dafür umso mehr.

Michele Genoni wollte sich auf Anfrage der Republik nicht zu seiner Rolle in der Causa Maisano äussern.

Im Juli 2019 verlässt Genoni das USZ erneut – dieses Mal wohl für immer. Der inzwischen 63-Jährige ist heute Leiter der Bündner Rehaklinik in Seewis und Präsident des Chirurgen­dachverbands FMCH, der sich vor allem der Themen Qualitäts­sicherung und Patienten­sicherheit annimmt.

Überangebot in der Herzmedizin

Neben seinen administrativen, organisatorischen Aufgaben hatte Michele Genoni am USZ ab dem Jahr 2015 noch einen zweiten wichtigen Job. Als Führungs­kraft beider Spitäler sollte er die Zusammen­arbeit der Herz­kliniken des Stadtspitals Triemli und des Universitäts­spitals Zürich intensivieren.

Von einer Spitalallianz war die Rede, die jedoch nur halbherzig angepackt wurde, nur einiger­massen funktionierte – und nie in eine echte Kooperation mündete; zu beflissen verteidigten beide Spitäler ihre eigenen Fallzahlen, ihre eigenen Budgets. Niemand mochte ausgerechnet in der gewinn- und prestige­trächtigen Herzmedizin Kompetenzen an die Konkurrenz abgeben.

Dazu muss man wissen, dass in der Stadt Zürich – wie in der ganzen Schweiz – ein Überangebot an Herzmedizin besteht: 17 Herzzentren gibt es in diesem kleinen Land, davon 8 öffentliche Spitäler und 9 private. Alle konkurrenzieren sich, alle buhlen um Fälle.

Während sich die privaten Spitäler ihre Patientinnen und damit auch die Risiken aussuchen können, müssen die öffentlichen Kliniken alle aufnehmen; auch die Alten, die Kranken, die hoffnungslosen Fälle – sie haben einen umfassenden öffentlichen Leistungs­auftrag. Rosinen­pickerei ist ihnen nicht erlaubt, was sich ungünstig auf ihre Finanzen auswirkt.

«Die Vielzahl an Herzzentren in der Schweiz ist auch deshalb problematisch, weil man bestimmte Fallzahlen, eine bestimmte Anzahl an Operationen braucht, um gut zu sein. Wenn man eine Operation nur fünf Mal pro Jahr durchführt, reicht es nicht aus. Wenn man sie jährlich fünfzig oder hundert Mal vornimmt, dann ist man gut», sagt uns die Kardiologin, die wir im Landes­museum getroffen haben.

«Unser Gesundheits­system ist extrem finanz­gesteuert, das ist ein Grund­problem. Ohne zusatz­versicherte Patienten können sich die Spitäler nicht refinanzieren. Jedes Spital, das weniger als knapp 20 Prozent Privat­patienten hat, geht unter. Gewisse private Kliniken hatten phasen­weise bis zu 80 Prozent Privat­patienten», sagt Martin Waser, noch bis diesen Sommer Präsident des USZ-Spitalrats.

Bei den Universitäts­spitälern kommt erschwerend hinzu, dass sie in der Forschung tätig sind, ihre Kader­leute als Professorinnen lehren, was einen erheblichen zusätzlichen Personal­bedarf bedeutet – und eine nicht zu unterschätzende Komplikation.

Denn wer am Unispital Zürich zum Klinik­direktor ernannt wird, ist gleichzeitig Lehrstuhl­inhaber, wird zum Ordinarius ernannt. Die Kombination der beiden Funktionen führt zu einer Doppel­anstellung – und zu vielen Unklarheiten. Nur schon deshalb, weil sich die Anforderungen und das Regelwerk von Universität und Spital unterscheiden und der Informations­fluss zwischen den beiden Häusern ausbaufähig scheint.

«Bei klinischen Professorinnen sind die Universität und das universitäre Spital gleich­berechtigte Arbeit­gebende; das heisst, sie erhalten je eine Anstellung. Den Lohn bezahlt die Universität. Vom Spital kommen eine Funktions­zulage für die Klinik­direktoren und Einnahmen aus der klinischen Tätigkeit dazu», sagt Beat Müller von der Kommunikations­abteilung der Universität Zürich.

Die Doppelanstellung hat eine weitere Konsequenz: Im Kanton Zürich ist das Bildungs­departement für die Universität zuständig – und das Gesundheits­departement fürs Unispital. Ein Professor und Klinik­direktor ist auf der Ebene der kantonalen Verwaltung somit zwei Departementen unterstellt.

Allem voran führt die Doppel­funktion zu schier unmöglichen Anforderungen an die Stellen­inhaberinnen: Für den Lehrstuhl wird der motivierende Ausbildner gesucht, der kreative und auf dem neuesten Level forschende Akademiker – fürs Spital hingegen der zuverlässige, erfahrene, gut organisierte Arzt, der zusätzlich noch die Klinik leitet. Und zwar in allen Belangen: vom Budget über die Dokumenten­ablage bis zur Personalführung.

«Das Führungs­system an Schweizer Spitälern ist viel zu patriarchalisch. Amerikanische Kliniken werden ganz anders geführt, weniger hierarchisch, mit einem Rotations­system. Ich wünschte mir eine Kultur, in der Althergebrachtes neu beurteilt werden könnte. Übrigens auch, was die Zusammen­arbeit zwischen Kardiologie und Herz­chirurgie betrifft», sagt Martin Waser, Präsident des USZ-Spitalrats.

Krieg oder Neuanfang?

Clemenz Jost wird am 1. Mai 91-jährig. Alt werden, sagt er, sei nichts für Feiglinge.

Das vergangene Jahr war für ihn eine besondere Belastung. Nach dem gelungenen minimal­invasiven Ersatz seiner Aorten­klappe musste er zwei Monate später wegen der Verengung einer Herzarterie erneut ins Spital, dieses Mal ins Kantons­spital Aarau, wo man ihm zwei Stents setzte. «Schon im Unispital hatte man mich vorgewarnt, dass dieser Eingriff demnächst nötig werde», sagt Jost. Im gleichen Jahr folgten dann noch drei Augen­operationen, wegen des grauen Stars: «Es war ein schlimmes Jahr. Doch heute geht es mir wieder gut. Letzte Woche bin ich insgesamt 17 Kilometer gelaufen. Dank meiner Smartwatch weiss ich das ganz genau.»

Keine Besserung stellt sich hingegen bei der Herzmedizin am USZ ein.

Schon im Verlauf des Jahres 2019 vertiefen sich die Gräben zwischen der Klinik für Kardiologie und der Klinik für Herz­chirurgie immer mehr, die Zahl der Krisen­sitzungen und verzweifelten E-Mails an die Spital­direktion nimmt drastisch zu. «Ich frage mich, sind wir ein Herzzentrum?», schreibt Francesco Maisano im April 2019 an seinen Kontrahenten Frank Ruschitzka. Die E-Mail geht auch an Spital­direktor Gregor Zünd, sie liegt der Republik vor. «Was kommt? Mehr Krieg oder Potenzial für einen Neuanfang?»

Gross waren die Hoffnungen auf eine glanzvolle Zukunft der Zürcher Herzmedizin: Statue «Der Genesende» vor dem Unispital.

Drei Monate später kommt es zum endgültigen Bruch: An einer Leitungs­sitzung wird Maisano von Ruschitzka beschuldigt, sich nicht an die Regeln zu halten. Der Chef­kardiologe wirft Maisano vor, Herzklappen­implantate, sogenannte innovative Devices, einzusetzen, wo es gar nicht angebracht sei. Zudem gebe es Interessen­konflikte, die der Herzchirurg nicht lückenlos transparent mache. Solche mutmasslichen Konflikte erwähnt Ruschitzka deshalb, weil es um Erfindungen Maisanos geht. Und um Unter­nehmen, die Devices herstellen, an denen der Erfinder beteiligt ist oder war.

Wie reagiert der kritisierte Klinik­direktor auf die Vorwürfe seines Kardiologen­kollegen? Er veranlasst unverzüglich ein Audit, das heisst eine externe fachliche Überprüfung. Ein Herzchirurg aus Deutschland und einer aus einem anderen Schweizer Spital nehmen die Unter­suchung auf, studieren Dokumente, sprechen mit USZ-Mitarbeitenden und -Kader­leuten. Drei Monate später liegt ihr Bericht vor.

Das Fazit:

  • Von einem übermässigen Einsatz der Devices, an denen Maisano beteiligt ist, kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Es werden am USZ erstaunlich wenige davon implantiert. Die klinische Forschung verläuft regelkonform.

  • Maisano ist an 7 Firmen beteiligt. Das ist zwar eine stattliche Zahl, aber nicht verboten.

  • Mit 12 weiteren Firmen hat der Herzchirurg Berater­verträge abgeschlossen. Auch das ist nicht wenig, aber mehr als zwei Drittel der Einnahmen daraus fliessen ans USZ und an die Universität.

  • Bei einer beträchtlichen Zahl der untersuchten Publikationen und Vorträge wurden keine oder nur lückenhafte Interessen­bindungen angegeben. Das ist «deutlich verbesserungs­fähig», so die Auditoren.

Wie kann man sich nur derart täuschen?

Maisano und die Leitung des Unispitals atmen auf: Die Auditoren haben keine Hinweise auf eine Gefährdung des Patienten­wohls gefunden und keine Verletzung interner Regeln. Die erkannten Mängel werden akzeptiert, sie lassen sich ohne grossen Aufwand und ohne Zeit­verzögerung beheben.

Schon bald soll in der Herzmedizin wieder der Courant normal einkehren.

Doch das ist eine Annahme, die falscher nicht sein könnte.

Der Sturm geht nun erst richtig los.

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