Das kleine Merkspiel für die nächste Epidemie

In Sachen Pandemie­vorsorge sah die Schweiz in den letzten Wochen ziemlich alt aus. Doch die Politik verspricht Aufarbeitung. Das merken wir uns – spielerisch.

Eine Glosse von Andrea Arežina, 05.05.2020

Unabhängiger Journalismus kostet. Die Republik ist werbefrei und wird finanziert von ihren Leserinnen. Trotzdem können Sie diesen Beitrag lesen.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!

Der Effekt dieser Krise: Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier hören wir weniger als sonst. Oft schweigen sie zu hausgemachten Problemen, und wenn sie sich äussern, fügen sie an: «Dieses Problem muss nach der Krise aufgearbeitet werden.»

Was da alles aufgearbeitet werden muss, man kann es sich kaum mehr merken, und bekanntlich vergisst der Mensch schnell. Aber Esels­brücken oder Merk­spiele können helfen.

Erinnern Sie sich noch an das Spiel mit dem Rucksack? Es geht so: Jede Spielerin packt der Reihe nach etwas in den gemeinsamen Rucksack und zählt dabei auf, was die Spieler vor ihr bereits eingepackt haben …

Ich packe in meinen Ruck­sack: Mehr Schutzmasken …

… und merke mir dazu den folgenden Satz des Bundes­amts für wirtschaftliche Landes­versorgung: «Das grosse Problem ist einfach, dass in normalen Situationen niemand bereit ist, wahnsinnig viel in Not­situationen zu investieren. Jetzt lernt man vielleicht daraus und kann am einen oder anderen Ort entsprechend reagieren.»

Wie es so weit kam: Vor vier Jahren entdeckte der Bund, dass nur 65 Prozent der für einen Notfall nötigen Masken vorhanden sind. Für den Vorrat sind die Spitäler verantwortlich, der Bund empfahl ihnen aufzustocken. Mit Betonung auf «empfahl». Weil niemand dafür sorgte, dass die Lager aufgefüllt wurden, und es in der Schweiz massiv an Schutz­masken mangelte, war das Tragen von Masken zu Beginn der Krise kein Thema. Es wurde nicht einmal darüber diskutiert, ob die Schutz­masken für den wöchentlichen Ausflug zum Lebens­mittel­laden getragen werden müssten.

Aber man kann unterdessen beruhigt sein: So hat beispiels­weise die Zürcher Gesundheits­direktorin Natalie Rickli früh reagiert und gemeinsam mit dem Bund eine Maschine gekauft, die Masken herstellt. Aus ihr schlüpfen jetzt täglich 32’000 Schutzmasken.

Da sollte man wahrscheinlich nach der Krise nicht zurückrudern.

Ich packe in meinen Ruck­sack: Mehr Schutz­masken und bessere Löhne für Pflegeberufe …

… und merke mir: In der Schweiz, da wird geklatscht für die Personen, die im Gesundheits­wesen arbeiten. Gleich zweimal im März, einmal am Abend, einmal am Mittag, von den Balkons, vom Fenster­sims, von der Dach­terrasse, vielen Dank, macht bitte weiter so.

Eine Pflegerin schrieb dazu: «Das Schlimmste gerade ist für mich, von allen ‹bemitleidet› zu werden und dass jeder ‹soooo dankbar› ist und für uns geklatscht wird ... wtf? Die Umstände sind schon sehr lange schwierig und werden immer schlimmer. Die Leute, die uns gestern kaputt­gespart haben, fordern heute die Bevölkerung dazu auf, zu klatschen.»

Ein bisschen Kontext zu diesen schwierigen Umständen: In der Langzeit­pflege arbeiten Angestellte im Durch­schnitt in einem 70-Prozent-Pensum und verdienen 2900 Franken im Monat. Hinzu kommt die Überzeit, die nicht immer entgolten wird. Das Pflege­personal ist besonders Burn-out-gefährdet. Weil die Belastung so gross ist, steigen so viele aus dem Beruf aus wie in keiner anderen Branche. Bereits 2017 konnten 6000 Stellen im Pflege­bereich nicht besetzt werden. Wenn es so weitergeht, könnten in zehn Jahren bis zu 65’000 Pflegende fehlen.

Um das zu vermeiden, müsste die Schweiz mehr Gesundheits­personal selber ausbilden. Und die Arbeits­bedingungen für die Pflegenden verbessern.

Darüber sollte man dann vielleicht sprechen nach der Krise, oder wenn es halt gerade gut passt.

Ich packe in meinen Ruck­sack: Mehr Schutz­masken, bessere Löhne und mehr Spitalbetten …

… und merke mir: Bereits Ende 2018 wusste man, dass mehr als 4000 Spitalbetten fehlen, die es bräuchte, um eine Epidemie zu bewältigen. So steht es in einem Gutachten, das für das Verteidigungs­departement erstellt wurde.

Auch an Armeespitälern für den Krisen­fall fehlt es. Die Schweiz hatte einmal neun davon, fünf hat sie verkauft, drei sind nicht einsatz­bereit. Bleibt noch das unterirdische Militär­spital in Einsiedeln. Doch das ist jetzt leider «für Einsätze im Rahmen einer Infektion nicht geeignet», wie der Militär­chef sagt. Macht null Armeespitäler.

Zu den fehlenden Spital­betten sagt Heidi Hanselmann, Präsidentin der schweizerischen Gesundheits­direktoren­konferenz: «Es ist klar, dass es Manöver­kritik braucht. Der richtige Zeitpunkt dazu ist aber nach der Krise

Das merken wir uns.

Ich packe in meinen Ruck­sack: Mehr Schutz­masken, bessere Löhne, mehr Spital­betten und genügend Medikamente …

… und merke mir, dass vor der nächsten Epidemie die Medikamenten­lager aufgefüllt werden müssen. Denn ebenfalls Ende 2018 war schon klar, dass in den Pflicht­lagern des Bundes lebens­wichtige Medikamente fehlen, die eigentlich für drei Monate reichen müssten. Weil die Vorräte angezapft, aber nicht wieder aufgefüllt wurden.

So weit hätte es nicht kommen müssen, sagt die National­rätin und Präsidentin der Gesundheits­kommission Ruth Humbel: Im Pandemie­plan gebe es klare Vorschriften. Jedoch zeige sich jetzt, dass sich niemand richtig daran gehalten habe: «Dieses Problem muss nach der Krise aufgearbeitet werden

Das behalten wir im Hinterkopf.

Ich packe in meinen Ruck­sack: Mehr Schutz­masken, bessere Löhne, mehr Spital­betten, genügend Medikamente und mehr Beatmungsgeräte …

… und merke mir, dass in Schweizer Spitälern für den Fall einer Pandemie auch genügend Beatmungs­geräte bereit­stehen müssen. Der Bund hat gleich zu Beginn der Corona-Krise bei einem Schweizer Unternehmen 900 zusätzliche Maschinen bestellt. Eine Firma in der Schweiz produziert die Geräte jetzt an sieben Tagen die Woche.

Die Armee könnte aushelfen, aber auch sie hat «nicht genug», wie ein Brigadier vom Stab Kommando Operationen sagte. Wie viele Geräte es sind? Man weiss es nicht. «Die Anzahl ist nicht öffentlich», lässt die «beste Armee der Welt» ausrichten.

Das könnte man dann vielleicht auch bei Gelegenheit zur Debatte stellen.

Ich packe in meinen Ruck­sack: Mehr Schutz­masken, bessere Löhne, mehr Spital­betten, genügend Medikamente und mehr Beatmungs­geräte. Wieso eigentlich?

Damit der Rucksack kein Leichensack wird.

Spielen Sie mit!

Wir haben den Anfang gemacht und möchten nun die Runde öffnen: Was muss aus Ihrer Sicht noch in den Rucksack? Was darf auf keinen Fall bei der Vorbereitung für eine nächste Epidemie vergessen gehen? Schreiben Sie uns im Debatten­forum, was Sie alles einpacken würden.

5252

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!

seit 2018

Republik AG
Sihlhallenstrasse 1
8004 Zürich
Schweiz

kontakt@republik.ch
Medieninformationen

Der Republik Code ist Open Source