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Triaden-Mitglied Bin (Liao Fan) und seine Freundin Qiao (Zhao Tao) in «Ash Is Purest White». Xstream-Pictures

Film

Nichts musste so kommen

Jia Zhangke: «Ash Is Purest White»

Niemand fasst den Wandel des Lebens in China in so fiebrig-erratische Bilder wie Jia Zhangke. Sein neuster Film beeindruckt auch durch seine Hauptdarstellerin.

Von Ekkehard Knörer, 03.05.2019

Die Filme von Jia Zhangke sind stets und immer auf neue Weise Zeugnisse der ungeheuren Umwälzungen, die China in den vergangenen Jahrzehnten erlebte. Zeugnis heisst: Sie beschreiben, sie analysieren, mal in dokumentarischen Formen, mal in Fiktion. Mal im grösseren historischen Rahmen wie «Platform», der Film aus dem Jahr 2000, der Jia Zhangke international berühmt gemacht hat. Mal episodisch, selbst wie in Stücke gerissen durch eine Zeit, die in Stücke reisst, was ihr unterkommt. Immer rauer, immer erratischer werden diese Filme.

Es gehört zu den grossen Verdiensten dieses Regisseurs, dass er Zeitläufen, die brutal mit Menschen und ihren Biografien verfahren, nicht den Willen zur Geschlossenheit entgegenhält. Stattdessen unterwirft er seine Figuren, aber auch sein Werk so bewusst wie selbstbewusst einer radikalen Offenheit für die Kontingenz. Die Geschichte von «Still Life», dem Film von 2006, mit dem er in Venedig den Goldenen Löwen gewann, ist im Flutungs­gebiet des Drei-Schluchten-Damms angesiedelt und mit ihren verschiedenen Erzähl­strängen zerklüftet genug; immer wieder fügt sich die Gegenwart der sterbenden Stadt Fengjie hier aber noch mit fast majestätischen Kamera­bewegungen zu Tableaus.

Davon ist in Jia Zhangkes neuestem, soeben in der Schweiz angelaufenem Film, «Ash Is Purest White», wenig übrig (was im Grunde auch schon für die Vorgänger galt, «A Touch of Sin» und «Mountains May Depart»). Die Kamera von Eric Gautier, bekannt unter anderem für seine Arbeit mit Alain Resnais und Olivier Assayas, ist mitunter fast fiebrig, die Kontraste zwischen kalten und warmen Farben sind hart.

Man könnte die Geschichte dieses Films, die am Beginn des Jahrtausends ihren Anfang nimmt und am Ende die Gegenwart erreicht, im grossen epischen Bogen erzählen.

Nichts liegt Jia Zhangke ferner.

Er wirft uns in die Zeiten und Orte hinein, wieder heraus, macht kaum markierte Zeitsprünge, nur eines hat er dabei fest im Blick: seine beiden heftig gebeutelten Protagonisten. Ganz zu Beginn, geradezu desorientierend: Menschen im Bus, Handkamera, enges Bildformat (es wird sich später weiten). Wie beiläufig kommt Qiao in den Blick, die Heldin des Films. Es wird ihre Geschichte erzählt. Es könnten statt ihrer auch tausend andere sein.

Die Kamera irrt von Szene zu Szene – und behält doch die Protagonisten im Blick: Liao Fan als Bin. Xstream-Pictures
Eine Meisterin der kleinen Gesten: Schauspielerin Zhao Tao. Xstream-Pictures

Qiao (Zhao Tao) und Bin (Liao Fan) sind ein Paar. Sie leben in Datong, einer Millionen­stadt 300 Kilometer westlich von Peking. Bin ist Mitglied der Triaden, des weit verzweigten Netzes organisierter Kriminalität in China. Das einheimische Wort dafür, jiang hu, trägt der Film im Original­titel, der sehr viel weniger poetisch ist als der für den internationalen Markt. Bin ist keine grosse Nummer, die genaue Natur seiner krummen Geschäfte bleibt unklar. Klar sind dagegen die Schwierigkeiten, in die er gerät. Eben sieht man ihn noch im Gespräch mit seinem Boss, der Tierfilme und den Gesellschafts­tanz liebt. Letzteres scheint nebensächlich, aber es sind diese manchmal bizarren Details, die Jia Zhangkes Filmen ihren sehr eigenen Ton geben. Weil sie zu Szenen führen können wie der Beerdigung dieses Bosses, der einem Mord zum Opfer gefallen ist. Bei seiner wenig zeremoniellen Beerdigung tritt ein hoch virtuoses Tanzpaar, das man zuvor in der Disco gesehen hat, nun denkbar deplatziert noch einmal auf.

Auch Bin wird attackiert, erst mit einer Stange gegen das Schienbein, dann gerät er auf offener Strasse in einen Hinterhalt. Die Schläger­truppe, die das Auto aufhält, würde ihn vermutlich auch töten, wäre da nicht Qiao, die seine Waffe nimmt und mit Schüssen in die Luft den Schlägern Einhalt gebietet. Die Waffe, die sie benutzt, gehört Bin. Ihr Besitz ist illegal, und weil Qiao jede Auskunft verweigert, kommt sie fünf Jahre in den Knast. Kein einziges Mal wird Bin, den sie geschützt hat, sie dort besuchen. Als sie rauskommt, begibt sie sich auf seine Spur.

Qiao rettet ihren Freund – und muss dafür ins Gefängnis. Xstream-Pictures

Wie sie rauskommt, sieht man aber nicht. Und wie viel Zeit vergangen ist, erfährt man erst später. Der Übergang ist ein Schnitt von einer Bewegung in die nächste. Qiao wird im Gefangenen­bus vom alten Knast in einen weit entfernten Neubau transportiert. Der Film nimmt das Busmotiv des Beginns wieder auf, man erhascht ein paar wenige Blicke von Datong, die Bilder zeigen die schon nach den wenigen Jahren stark veränderte Stadt. Ein Schnitt, die Kamera bleibt in Bewegung, sie schwenkt aber nun vom Wasser auf eine Fähre, an deren Reling Qiao steht, den Blick in eine unbestimmte Ferne gerichtet.

Aller Glamour ist aus ihrer Erscheinung verschwunden, fast unscheinbar steht sie da in hellgelber Bluse. Es ist kaum zu fassen, wie Zhao Tao, die Jia Zhangke vor zwanzig Jahren für «Platform» entdeckt hat (heute ist sie seine Frau), diesen Gestalt­wandel hinbekommt. Sie macht gar nicht viel. Dass die Schau­spielerin auch als Tänzerin ausgebildet ist, hilft ihr sicher bei dieser Verwandlung: Es sind Nuancen der Haltung, des Blicks, ein kaum spürbares Zögern, das verlorenes Selbst­bewusstsein markiert. Sie ist nun eine Frau, die keinem mehr auffällt; von der ein Würstchen von Mann glaubt, er könne sie haben.

Das wird sich bald wieder ändern, ein Teil der Erscheinung ist auch Performance. Auf einen letzten Abweg gerät Qiao noch mit einem, der ihr ein Leben in ruhigen Bahnen verspricht, fern, sehr fern von Datong.

Das aber ist nichts für sie.

Die Selfmadewoman Qiao weiss mit dem Unverfügbaren umzugehen. Xstream-Pictures

Den Zug verlässt sie. Entschlossen, verbissen, kriminell aus Verzweiflung erkämpft sie sich ihr Leben zurück, oder jedenfalls ein Leben, in dem sie sich nicht vollkommen fremd ist. Es taucht auch Bin wieder auf, seinerseits sehr verändert. Die Kräfte­verhältnisse zwischen den beiden haben sich mächtig verschoben.

«Ash Is Purest White» will nicht auf eine Moral von der Geschichte hinaus. Oder nur die: Nichts musste so kommen.

Qiao ist am Ende eine Selfmade­woman, aber wenn etwas daran, dass ihre Geschichte fürs Erste halbwegs gut ausgeht, sich ihr selbst und nicht dem Zufall verdankt, dann ist es ihr grosses Geschick im Umgang mit dem Unverfügbaren. Als fast vollständig fremdbestimmt zeichnet Jia Zhangke das Leben in einem China, in dem sich beinahe alles der Kontrolle durch den Einzelnen widersetzt und entzieht. Qiao aber greift zu, wo sie zugreifen kann. Oder sie zögert im rechten Moment.

Das grosse Bild für die gewaltigen Kräfte, denen sie dennoch ausgesetzt ist, bleibt in Jia Zhangkes Werk das ungeheure Jangtse-Staudamm-Projekt mitsamt seiner Zerstörung von Städten und den von oben verfügten Umsiedlungen. Hier masst sich das Regime einen Eingriff in die Natur an, der das menschliche Mass übersteigt.

Es ist mehr als nur ein Selbstzitat, wenn die Heldin auch in «Ash Is Purest White» dort vorbeikommt. Das Projekt verkörpert den Strudel der Kräfte in der hoch beschleunigten kapitalistischen Gegenwart Chinas. Denn dass das existenzielle Ausgesetzt­sein des Einzelnen, das Jia Zhangke mit so grosser Beharrlichkeit schildert, historische, ökonomische und politische Bedingungen hat, daran lässt auch sein neuester Film keinen Zweifel.

Zum Autor

Ekkehard Knörer ist Kultur­wissenschaftler, Literatur- und Film­kritiker. Er ist Mitgründer, Heraus­geber und Redaktor der Zeit­schrift «Cargo», Redaktor und seit 2017 Mitherausgeber der Zeit­schrift «Merkur». Unter anderem schreibt er für die TAZ, für «Kolik» sowie für wissenschaftliche Zeit­schriften und Sammel­bände. Zuletzt schrieb Ekkehard Knörer in der Republik über das skandalumwitterte Kunstprojekt «Dau» und über Yishai Sarids Roman «Monster».

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