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«Wir haben jede Nacht zweihundert Kilo Crack gekocht»

Besuch bei Freeway Rick Ross, dem Mann, der in den Achtzigern von Los Angeles aus Amerikas Innenstädte mit Crack und Kokain flutete und so das Land veränderte – mit Duldung der CIA. Teil 2 der Serie «Let’s Talk About Drugs».

Von Daniel Ryser, Olivier Würgler (Text) und Serge Hoeltschi (Bilder), 08.10.2018

«Plötzlich setzten wir täglich mehrere Millionen Dollar um»: Freeway Rick Ross.

Wir stehen in South Central und suchen die «Freeway Auto Group». Was wir finden, ist ein kleiner Schrottplatz und eine Hütte mit einem Blechdach. Sie ist das Büro der Gruppe. «Lasst mich den Ventilator anstellen», sagt Freeway Rick Ross, als wir eintreten. «Ich kann mir im Moment noch keine Klimaanlage leisten. Aber nächstes Jahr – nächstes Jahr kann ich es.»

Nach insgesamt fünfzehn Jahren Haft in verschiedenen Bundesgefängnissen ist nicht viel übrig geblieben vom einstigen grössten Kokainimperium der USA. Immerhin ist der Glaube an den amerikanischen Traum omnipräsent. Gelbe Post-its mit Motivationssprüchen kleben an den Wänden: «Scheitern ist keine Option!», «Arbeite härter!» oder «Hingabe!». «Die Regierung hat mir alles weggenommen», sagt Rick Ross. «Die Häuser, die Autos, die Waffen, die Motorräder, das Geld. Und was mir die Regierung nicht nahm, nahmen mir die Frauen.»

Eigentlich hätte der junge Rick Ross in den Siebzigern Tennisprofi werden sollen. Der Jugendliche mit Jahrgang 1960 galt als einer der besten Spieler in Los Angeles. «Ich bin als Teenager den ganzen Tag Bällen hinterhergejagt», sagt er. Doch weil Ross, aus armen Verhältnissen in South Central stammend, Analphabet war und nicht einmal seinen eigenen Namen schreiben konnte, verweigerte ihm das College ein Stipendium. «Also jagte ich bald den ganzen Tag Kokain hinterher», sagt er.

«Ich war komplett pleite, hatte nichts in meinem Leben. Ich war gefangen in einem Niemandsland. Zwanzig Blocks von hier sass ich den ganzen Tag auf der Veranda vor dem Haus meiner Mutter und fragte mich: ‹Was willst du bloss mit deinem Leben anfangen?› Das Telefon klingelte. Es war mein Freund Michael. Er sagte: ‹Ich habe da was, was du dir unbedingt ansehen musst. Da liegt eine Menge Geld drin.› Ich fuhr zu seinem Haus. Er zeigte mir Kokain. Das war der Moment, wo mir klar wurde: ‹Ich werde reich.›»

Warum ist Ihnen das klar geworden?
Wegen der Filme.

Der Filme?
In den Schwarzenvierteln war Kokain 1979 noch kein Thema. Es war ein Hollywood-Ding, eins der Weissen. Ich wusste praktisch nichts darüber. Nicht, dass es süchtig macht, nicht, dass es dich komplett abfucken kann. Das Einzige, was ich über Kokain wusste, wusste ich aus meinem Lieblings­film «Super Fly»: Ein schwarzer Mann verkauft Kokain und wird reich. Ich wollte so sein wie Super Fly. Wenn das nur mit Kokain möglich war – scheiss drauf.

Und dann?
Ich kaufte für dreihundert Dollar Kokain, kochte es mit Backpulver und Wasser zu Crack. Das Crack verkaufte ich auf der Strasse in kleinen Portionen für insgesamt neunhundert Dollar. Alles Geld, das ich machte, investierte ich wieder. Ich kaufte mir einen Eightball, eine Achtelunze. Bald kaufte ich mir eine halbe Unze, dann eine ganze, dreissig Gramm auf einmal. Immer mehr kaufen war meine Devise. Es ist eine einfache Regel: Je mehr du auf einmal kaufst, desto billiger wird es, desto grösser ist dein Gewinn beim Verkaufen. Ich wurde reich wegen einer strengen Arbeitsdisziplin.

Wer waren Ihre Kunden?
Ausschliesslich Schwarze. Ich habe nie an Weisse verkauft. Ich brachte das Crack ins Viertel. Die Nachfrage nach den billigen Portionen war riesig. Die Leute hatten noch Jobs, verdienten einen Tausender pro Woche. Meine ersten Kunden waren Industriearbeiter, Postboten. Mein allererster Kunde war ein Zuhälter.

Da taucht plötzlich ein junger Mann auf und verdient eine Menge Geld mit Kokain – gibt das keine Probleme?
Es funktionierte, weil ich hier aufgewachsen bin. Man kannte mich, respek­tierte mich. Ich war kein Opfer, das man übers Ohr hauen konnte. Hinzu kam: Ich habe den Leuten im Viertel ja geholfen.

Wie meinen Sie das?
Ich gab ihnen billigen, guten Stoff, und sie liebten mich dafür.

Ihr Viertel ist bekannt für Gangrivalitäten vor allem zwischen den Bloods und den Crips, die ganze Häuserblocks kontrollieren. Gehörten Sie selbst einer Gang an?
Gangrivalitäten interessierten mich nicht. Ich war in erster Linie Geschäfts­mann. Ich verkaufte an alle. An die Bloods. Die Crips. Ich wurde reich, die Gangs wurden reich.

Im Buch «Dark Alliance», das unter anderem Ihre Geschäftswege nachzeichnet, heisst es, dass diese Praxis zu einer Aufrüstung der Gangs geführt hat: Die Gangs kauften sich mit dem Drogengeld Waffen, und so eskalierten die Auseinandersetzungen.
Amerika ist das Land der Waffennarren, Drogen hin oder her. Überall lieben die Leute Waffen. Das ist in den Schwarzenvierteln nicht anders. Was passiert also, wenn ein paar Ghettokids mit Drogen viel Geld verdienen? Sie kaufen sich krasse Waffen. Ganz einfach. Unterschätzen Sie den Einfluss von Filmen auf die Gangs nicht. In wie vielen Zimmern in diesem Land hängt ein Plakat von Al Pacino als Scarface? Er mit dieser riesigen Kanone? «Scarface» kam 1983 heraus. Ich wollte so sein wie er. Die Gangs wollten so sein wie er. Wir alle rüsteten auf. Kauften Knarren. Viele Knarren, grosse Knarren. Aber die Waffen sind nur ein Aspekt. In den Sechzigern war South Central noch eine schöne Gegend. Man konnte mit dem Fahrrad überall durchfahren, ohne erschossen zu werden. Ich kann mich sogar noch an die erste Person erinnern, die im Viertel erschossen wurde. Gleich hier um die Ecke. In den Achtzigern kam dann viel Scheisse zusammen: Reagans Politik, keine Jobs, Crack und diese Gangsterfilme.

Woher haben Sie das Kokain bezogen?
Zuerst durch einen Dealer aus dem Viertel, und dann, als die Sache gross wurde, von Nicaraguanern. Sie brachten die Ware mit Autos zu unseren Blocks.

Sie gelten als einer der ersten Westküsten-Drogendealer, die einen direkten Draht nach Südamerika hatten. Wie kam dieser Kontakt zustande?
Mein alter Dealer stellte 1982 den Kontakt her zu einem Mann namens Danilo Blandón. Allein für die Vermittlung bezahlte ich 60’000 Dollar. Doch das war es wert. Denn durch diesen Kontakt ging es erst richtig los. Plötzlich setzten wir täglich mehrere Millionen Dollar um. Wir konnten im wahrsten Sinne das Geld gar nicht mehr zählen.

Von welchen Mengen sprechen wir jetzt?
250 Kilogramm pro Tag. Ich belieferte das halbe Land von Los Angeles bis Ohio.

Wie sieht der Tag eines Mannes aus, der pro Tag 250 Kilogramm Kokain verkauft?
Ich stand morgens um sechs Uhr auf. Ich ging in all meine Drogenhäuser, um nach dem Rechten zu schauen. Um sicherzugehen, dass der Laden lief. Dann ging ich frühstücken. Nach dem Frühstück traf ich mich mit meiner Crew. Wir besprachen allfällige Probleme, Lieferengpässe, setzten Verkaufsziele fest, bestellten neue Ware, und den Rest des Tages verbrachte ich damit, zu schauen, dass die Drogen verkauft wurden.

Was ist das, ein Drogenhaus?
Ein Haus, in dem man Drogen kaufen kann. Die Leute kommen zur Tür, geben Geld durch einen Spalt und bekommen dafür Crack. Je nachdem, wie so ein Haus läuft, kannst du dort zwanzig-, fünfzig- oder hunderttausend Dollar an einem Tag umsetzen. Wir hatten immer mindestens sieben, acht Häuser gleichzeitig am Laufen, über die ganze Stadt verteilt. Neben den Drogenhäusern, wo wir viele Kleinmengen verkauften, verschoben wir aber auch grosse Mengen am Stück. Ich spreche hier von Kilos. Manchmal zwanzig, fünfzig oder hundert auf einmal. Wir verpackten den Stoff in Taschen, versteckt in Autos in schönen Nachbarschaften, wo sich die Polizei nie blicken lässt. Für die Übergabe hatte ich vierzehnjährige Kids angestellt. Sie nahmen die Taschen aus den Wagen, wenn die Kunden in ihren Wagen angefahren kamen, und übergaben sie.

Sie mussten jeden Tag Hunderte Kilogramm Kokain in Crack umwandeln. Das erfordert eine enorme Logistik. Wie haben Sie das gemacht?
Wir kochten in der Nacht. Jede Nacht haben wir zweihundert Kilo Crack gekocht. Das war die gefährliche Zeit für mich, da war ich mittendrin, umgeben von all den riesigen Mengen.

Obwohl Sie ein Drogenimperium beherrschten, haben Sie das Crack immer noch selbst gekocht?
Ja, Mann. Das war wichtig für die Moral. Wenn die Leute denken, du lässt sie Dinge machen, die du selbst nicht tätest, bricht alles zusammen. Die Leute kochen besser, wenn du auch da bist. Sie fühlen sich nicht als Sklaven.

Aber war – je grösser Sie wurden – das Risiko, erwischt zu werden, nicht enorm?
Ehrlich gesagt: Lange Zeit hatte ich das Gefühl, die Polizei interessiere sich nicht für mich. Die haben sich in den Vierteln gar nicht blicken lassen. Zudem waren die Häuser, in denen wir gekocht haben, regelrechte Festungen. Wir haben die Wände mit dicken Stahlplatten verstärkt. Die Polizei hätte unmöglich einfach so reinkommen können. Wir hatten einen Notfallplan. Leute mit Walkie-Talkies in den Strassen. Wenn die Polizei gekommen wäre, wären wir durch ein kleines Fenster geflüchtet, den einzigen Ein- und Ausgang, und hätten das Haus und den ganzen verdammten Stoff abgefackelt. Lieber ein Haus und zweihundert Kilo Kokain verlieren als mit so viel Stoff von den Bullen erwischt werden.

«Wisst ihr, was die Leute machen, wenn sie mich sehen? Sie wollen, dass ich ihr Baby halte.»

Im Dezember 1985 publizierte die Nachrichtenagentur AP eine Geschichte über die Iran-Contra-Affäre. Ein paar Monate zuvor war bekannt geworden, dass die US-amerikanische Regierung illegal Waffen in den Iran verkauft und mit dem Erlös die rechtsgerichteten Contras in Nicaragua in ihrem Kampf gegen die linken Sandinisten unterstützt hatte. Laut AP hatte die CIA den Contras auch eine andere Finanzierungsquelle ermöglicht, indem sie zuliess, dass nicaraguanische Drogenhändler über San Francisco Schiffsladungen voller Kokain in die USA schmuggelten.

Der spätere US-Aussenminister John Kerry führte für den Senat die darauf folgenden Untersuchungen, gegen enormen Widerstand der Reagan-Regierung. «Es steht ausser Frage, dass Leute, die auf der Lohnliste der CIA standen oder direkte Angestellte von ihr waren, in den Kokainhandel involviert waren, um die Contras zu unterstützen», sagte John Kerry 1996 gegenüber der «Washington Post», zehn Jahre nachdem er in seinem Untersuchungsbericht zum selben Schluss gekommen war.

In einer vertraulichen Anhörung des Senats hatte Kerry 1988 gesagt: «Wir können Ihnen mehrere Drogenermittler präsentieren, die Ihnen glaubhaft darlegen werden, wie sie von Ermittlungen gegen Kokainschmuggel abgezogen wurden, weil die CIA darin verwickelt war oder mit Verweis auf die nationale Sicherheit.» Einer dieser Ermittler war Dennis Dayle, Chef der DEA-Sonder­ermittler­gruppe Centac, die für den Kampf gegen den grossen, organisierten Kokainhandel zuständig war. «In meiner dreissigjährigen Karriere in der DEA», sagte Dayle 1991, «stellten sich die Hauptziele meiner Ermittlungen ausnahmslos als Mitarbeiter der CIA heraus.»

1996 verband der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Journalist Gary Webb in einer Serie in der Zeitung «Mercury News» die Karrieren von zwei grossen Drogenhändlern miteinander und rollte damit die Geschichte aus den Achtzigern und die Kerry-Ermittlungen neu auf: jene von Danilo Blandón und Freeway Rick Ross. Blandón sei nicht nur ein Drogenbaron gewesen, sondern ein Konterrevolutionär und Angestellter der CIA. Seine Gewinne aus dem Drogenhandel seien es gewesen, die in den Krieg der Contras gegen die Sandinisten geflossen seien.

Gary Webb wurde 2004 tot aufgefunden. Er war durch zwei Kopfschüsse gestorben. Die Behörden stuften seinen Tod als Selbstmord ein.

Wussten Sie damals, dass Ihr Kokainlieferant Blandón ein nicara­gua­nischer Konterrevolutionär war?
Mann, ich war jung und dumm und aus dem Ghetto. Ich konnte nicht lesen, schaute keine Nachrichten. Ich wusste nicht einmal, was Nicaragua war. Es interessierte mich nicht. Und ich wusste auch nicht, dass es mich hätte interessieren sollen. Ich war nur daran interessiert, Geld zu machen.

Sie hielten ihn für einen Geschäftsmann?
Ja. Und bald war er ein Vertrauter von mir. Er gehörte zu meinem engsten Kreis. Heute heisst es, er habe das alles getan, um die Contras zu unter­stützen. Und dass die CIA die Augen vor seinen Schiffsladungen geschlossen habe. Ich weiss nichts darüber. Alles, was ich weiss, ist, dass er mir Hunderte Tonnen Kokain verkauft hat.

Der Rapper Mos Def sagt in seinem Song «Mathematics»: «Nearly half of America’s largest cities is one quarter black – that’s why they gave Ricky Ross all the crack.» Beinahe die Hälfte der US-Grossstädte bestehe zu einem Viertel aus Schwarzen, und deshalb habe «man» Rick Ross all das Crack gegeben. Um diese Städte, die Armenviertel, zu überfluten. Eine Theorie, die auch aufgrund der Ermittlungen von John Kerry auf ziemlich breite Resonanz stiess. Was halten Sie von dieser Theorie?
Ja, Mann. Mos ist ein geiler Typ. Ich mag Mos.

Aber dieser «geile Typ» sagt, Sie hätten die schwarzen Innenstädte mit Crack geflutet als Teil einer politischen und rassistischen Strategie.
Das ist es, was passiert ist.

Wie meinen Sie das?
Dass ich die Innenstädte mit Crack geflutet habe, ob die CIA das nun geplant oder geduldet hat oder nicht und mit welchen Absichten. Mein Zulieferer war ein Angestellter der CIA. Das ist alles, was ich weiss.

Gab es eigentlich auch Leute aus der Community, die Ihnen vorgeworfen haben, dass Sie mit dem Crack die Viertel zerstören?
Geht mit mir mal durch das Viertel. Wisst ihr, was die Leute machen, wenn sie mich sehen? Sie wollen Fotos mit mir machen. Sie wollen, dass ich ihr Baby halte.

Aber wie stehen Sie dazu, dass so viele Leute von Ihrem Crack abhängig wurden?
Es war nicht mein Crack.

Sie haben es gekocht und verkauft.
Ja, aber ich habe es nicht erfunden. Ich habe es nur verkauft.

Sie wurden wirklich nie von jemandem damit konfrontiert?
Nein, Mann. Die Leute, die Crack rauchen, verstehen meinen Standpunkt.

Ihren Standpunkt?
Ich bin in völliger Armut aufgewachsen. Manchmal gab es tagelang nur Biskuits zum Essen. Diese Erfahrung weckte in mir einen ungeheuren Antrieb. Ich wollte nie mehr arm sein. Ich war acht Jahre lang im Geschäft, und ich liebte es. Ich war ein König. Ich hatte einen Typen, der mich durchs Viertel fuhr, und regelmässig verteilte ich bis zu vierzigtausend Dollar in bar an arme Leute. Leute kamen zu mir mit ihren Alltagsproblemen: «Ich kann meine Miete nicht bezahlen» – «Mein Sohn ist im Gefängnis, und wir sind verschuldet» – «Mein Auto ist kaputt». Ich wurde die Person im Viertel, die Probleme lösen konnte. Und viele Leute im Viertel wurden reich, weil ich sie am Handel teilnehmen liess. Ich war in der Position, das Leben von Menschen zu verändern, selbst wenn viele Leute leiden mussten, damit ich in dieser Position sein konnte. Letztlich hat mich die Community respektiert. Das kann man schwer nachvollziehen, wenn man nicht von hier kommt.

Erklären Sie es?
Hier versteht man, was es heisst, hier zu leben, nichts zu haben. Jeden Tag dachte ich: «Das könnte der Tag sein, wo du jemanden töten musst.» Du stehst am Morgen auf, steckst dir eine Pistole in die Tasche und wirst heute womöglich jemanden umbringen. Gleichzeitig ziehst du dir eine kugelsichere Weste an, weil du weisst, dass jemand anderes dich umbringen möchte. So ging das jeden Tag. Die ganze Zeit. Oder das Gefühl: «Heute könnte der Tag sein, an dem ich für lange Zeit in den Knast wandere.» Das ist South Central Los Angeles. Was bei euch gut ist, ist bei uns schlecht. Und umgekehrt. Wir hassen die Polizei.


Im Oktober 2013 schrieb das Magazin «Esquire», Freeway Rick Ross habe nach Schätzung der Staatsanwaltschaft von Los Angeles zwischen 1982 und 1989 Kokain mit einem heutigen Dollarwert von 2,7 Milliarden Dollar gekauft und mit einem Profit von 900 Millionen Dollar weiterverkauft.

Die Folgen der sogenannten Crack-Epidemie wirken bis heute nach: 1986 war in Eile das «100-zu-1-Gesetz» verabschiedet worden, welches Crack­konsum hundertmal härter bestrafte als jenen von Kokain, obwohl es sich bei Crack und Kokain um die identische illegalisierte Substanz handelt. Der Entscheid steht bis heute massiv in der Kritik. Der Vorwurf: versteckter Rassismus. Das Gesetz unterscheide zwischen Crack und Kokain, weil Crack mit Schwarzen assoziiert werde und Kokain mit Weissen.

In der Dokumentation «Freeway: Crack in the System» sagt Eric Sterling, Verfasser des Gesetzes: «Ich wusste schon, als wir sie schrieben, dass diese Gesetze falsch waren. Es steht ausser Frage, dass Zehntausende Schwarze viel zu hohe Gefängnisstrafen absitzen, teilweise jahrzehntelange. Ihre Familien wurden zerstört wegen eines Gesetzes, für das ich verantwortlich bin.»

Nachdem die «Freeway Rick Ross Taskforce» jahrelang nicht einmal gewusst haben soll, wie Ross aussah, gelang es den Fahndern 1988, ihn mit einer Ladung Kokain in Verbindung zu bringen. Ross wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Korruptionsskandal im LAPD – es ging um schwere Misshandlung von Verdächtigen, Abzweigen von Drogengeld, untergejubelte Beweise – wurde für den Drogenhändler zum Glücksfall: Ross sagte als Zeuge vor Gericht gegen die beschuldigten Polizisten aus. Seine Strafe wurde halbiert. Mit 34 war er ein freier Mann.

Das Geld, das ihm geblieben war, gab er schnell aus: hier 900’000 Dollar in Koffern für die Miete eines Theaters, aus dem er einen Jugendclub machen wollte, dort 600’000 Dollar in Kleidersäcken für die Produktion eines Albums der Sängerin Anita Baker. Das Drogengeschäft hatte er hinter sich gelassen.

Dann, im März 1995, erhielt Rick Ross einen Anruf. Es war sein ehemaliger Geschäftspartner Danilo Blandón.

«Danilo rief mich an, mein alter Geschäftspartner und Freund. Er machte mir ein unglaubliches Angebot: 100 Kilogramm, fast geschenkt. Er habe Schulden bei den Kolumbianern und brauche dringend Geld, sagte er. Ich sagte zu. Wir verabredeten einen Treffpunkt, um Geld und Drogen zu tauschen, und bevor ich wirklich realisierte, was passierte, war die Polizei überall. Danilo arbeitete inzwischen als Informant für die DEA. Und vor Gericht hiess es, dass er die ganze Zeit auf der Gehaltsliste der CIA gestanden hatte. Da habe ich erstmals von den CIA-Zusammenhängen erfahren.»

Ross erhielt lebenslänglich und Blandón die Green Card.

Der Mann, dem das College-Stipendium als Tennisspieler wegen seines Analphabetismus verweigert worden war, brachte sich im Gefängnis das Lesen bei, studierte Gesetze und realisierte, dass bei seiner Verurteilung ein Fehler passiert war, dass man ihn nicht zu lebenslanger Haft hätte verurteilen dürfen. 2007 kam Ross erneut frei.

Sie waren der grösste Kokainhändler der Westküste. Wie hat sich Ihre Verhaftung auf den Markt ausgewirkt? Kam es zu einem Crack-Engpass?
Nein. Als ich ins Gefängnis ging, hat sofort jemand meinen Platz eingenommen. Und die Drogen wurden billiger. Denn ich hatte eine Art Monopol. Du kannst gegen den Schwarzmarkt nicht gewinnen. Selbst wenn die Polizei gute Arbeit machen und es schaffen würde, 75 Prozent des Kokains von der Strasse zu bringen, würde der Preis für die anderen 25 Prozent einfach dramatisch explodieren. Man könnte mit wenig Kokain unglaublich viel Geld machen. Das würde wiederum neue Leute in den Markt treiben, angelockt von den massiven Gewinnen. Wo es eine Nachfrage gibt, wird immer jemand das passende Angebot liefern. Ende der Geschichte.


Zu Beginn seiner Karriere wollte Freeway Rick Ross so sein wie Super Fly und dann wie Scarface. Während der echte Rick Ross im Gefängnis sass, eignete sich Mitte der Nullerjahre ein ehemaliger Gefängnisaufseher aus Miami seinen Namen an. Wie Scarface und Super Fly war Freeway Rick Ross inzwischen selbst zur Ikone geworden. Der «falsche» Rick Ross, ein Rapper, schmückte sich mit den Geschichten, die er selbst nie erlebt hatte, und verdiente mit seiner Musik Millionen.

Who the fuck you think you fuckin’ with?
I’m the fuckin’ boss
745, white-on-white, that’s fuckin’ Ross
I cut ’em wide, I cut ’em long, I cut ’em fat
I keep ’em comin’ back, we keep ’em comin’ back
I’m into distribution, I’m like Atlantic
I got them motherfuckers flyin’ across the Atlantic
I know Pablo, Noriega
The real Noriega, he owe me a hundred favors
I ain’t petty nigga, we buy the whole thang
See most of my niggas really still deal cocaine

Rick Ross, ehemaliger Gefängnisaufseher und Rapper im Song «Hustlin»

«Die USA sind ein heuchlerisches Land», sagt der echte Rick Ross, der den Rapper erfolglos verklagt hatte. «Öffentlich verurteilen sie Drogendealer. Aber im Geheimen wollen sie Drogendealer sein. Ein Gefängniswärter hat mir meinen Namen geklaut, meinen Ruf, während ich selbst im Gefängnis sass.»

Während des Gesprächs trägt Freeway Rick Ross ein T-Shirt. Er hat es selbst gedruckt mit einer Siebruckmaschine, die nebenan steht, im Haus seiner Mutter. Die T-Shirts verkauft er für zwanzig Dollar. Damit bestreitet er heute einen Teil seines Lebensunterhalts. Den Rest verdient er als Motivations­trainer und Gebrauchtwagenhändler. Auf dem T-Shirt steht: «The Real Rick Ross is not a Rapper».

Wir wollen eins von seinen T-Shirts kaufen. Ross unterbricht sofort das Interview.

«Was für eine Farbe willst du?», fragt er.

«Pink, Grösse L.»

Er beginnt, in Kisten zu wühlen. «Fuck, kein Pink in L.»

Er stürmt aus dem Büro, vorbei an den Schrottwagen, öffnet vorsichtig die Tür zum Garten des Hauses, damit die beiden kläffenden Pitbulls nicht auf die Strasse stürmen.

Dann stehen wir im Wohnzimmer, das zugleich eine improvisierte Siebdruckerei ist.

Seine Mutter schaut den Wetterkanal.

Der Hurrikan komme, sagt sie, während Ross neben der Siebdruckmaschine Stapel von T-Shirts durchwühlt. «Aber nein, Rick, kein Pink in Large», sagt sie.

«Fuck, ich könnte die zwanzig Dollar wirklich gut gebrauchen», sagt Rick Ross.

Serie: Let’s Talk About Drugs

Wie könnte man in der Drogenpolitik – analog zur regulierten Abgabe von Heroin zu Beginn der 1990er-Jahre – Fortschritte erzielen, die der organisierten Kriminalität schaden und den Konsumenten sauberen Stoff garantieren? Über solche Fragen sprechen wir mit Fachleuten in der Schweiz und den USA.

Was ist Ihre Meinung zur Drogenpolitik?

Gibt es Alternativen zum Krieg gegen die Drogen? Hat Repression eine Chance? Was halten Sie von einer regulierten Abgabe von Kokain? Wir freuen uns auf Ihren Beitrag!

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Dieser Beitrag ist Teil einer Serie. Wollen Sie die ganze Geschichte? Dann kommen Sie an Bord! Wir sind die Republik – ein neues Modell im Schweizer Journalismus. Unser digitales Magazin arbeitet unabhängig: keine Werbung, keine Klick-Wirtschaft, keine Kompromisse in der Qualität.


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