«Der grosse Tag des göttlichen Zorns» von John Martin, 1851–1853. Tate Britain

Erlösung durch Zerstörung

Der in Wien und Zürich aufgewachsene jüdische Religions­philosoph Jacob Taubes war einer der Meister­denker der deutschen 68er-Bewegung. Bis heute faszinieren Leben und Werk des «Professors der Apokalypse».

Von Daniel Strassberg, 13.02.2024

Vorgelesen von Magdalena Neuhaus
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Es gab eine Zeit, da gingen von Zürich noch Ideen aus. Der Grund dafür war hässlich: Der Zweite Weltkrieg hatte grosse Geister an die Ufer der Limmat gespült. Doch das Ergebnis liess sich sehen. In Zürich wurde für einige Jahre Geschichte geschrieben. Und Geschichten.

Eine der Geschichten beginnt im Zürcher Enge­quartier. Sie handelt von Jacob Taubes, einem verwirrten und verwirrenden Menschen, der für die politische Umwälzung, die als 68er-Bewegung in die Geschichte eingegangen ist, eine prägende, wenn auch kaum bekannte Rolle spielen sollte.

Heute sticht an der Tödistrasse 66 ein anonymes, hässliches Büro­gebäude mit einer gerippten Fassade ins Auge. Ein Nicht-Ort, wie er für die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts typisch ist. In der Nachkriegs­zeit aber stand da eines jener neo­klassizistischen Wohnhäuser, die das Bild der Nachbarschaft noch immer prägen.

In diesem Haus, in Gehdistanz zur Synagoge, wohnte Zwi Taubes, der Rabbiner der Israelitischen Cultus­gemeinde (ICZ). Taubes entstammte einer hoch angesehenen ost­europäischen Rabbiner­familie und war kurz vor dem Ausbruch der Katastrophe – die wörtliche Übersetzung von Shoa – von Wien nach Zürich gezogen. In Zürich kam seine Tochter Myriam zur Welt. Sie blieb in Zürich, heiratete später einen jüdischen Kaufmann und gebar ihm zwei Töchter. «Sie gebar ihm zwei Töchter»: Diese schreckliche Formulierung beschreibt das konservativ-jüdische Milieu treffend, in das Jacob Taubes hinein­geboren wurde. Er kam schon 1923 in Wien auf die Welt und war der ältere Bruder von Myriam.

Über diesen Jacob Taubes ist unter dem Titel «Professor der Apokalypse» vor gut einem Jahr eine kenntnis­reiche und psychologisch differenzierte, aber etwas zu detail­versessene Biografie erschienen. So genau die schillernde Persönlichkeit von Taubes erfasst wird, so wenig wird dem Leser und der Leserin deutlich, worum es ihm intellektuell ging und wie ein Philosoph, der kaum Texte veröffentlichte, weder wissenschaftliche noch populäre, eine derart zentrale Stellung in den intellektuellen Debatten der Nachkriegs­zeit einnehmen konnte.

Jacob Taubes, 1978. Klaus Mehner/ullstein bild

Jerry Z. Muller, der Autor von «Professor der Apokalypse», ist von der ambivalenten Faszination, die von Taubes’ Persönlichkeit ausging, derart geblendet, dass er seinen Einfluss allein auf sein Charisma zurückführt. So ergeht sich die Biografie über weite Strecken in einer schier endlosen Aufzählung der wichtigen Frauen und Männer, mit denen Taubes befreundet, verfeindet oder intim war. Tatsächlich ist die Liste eindrücklich: Susan Sontag, Martin Buber, Gershom Scholem, Hans Blumenberg, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno, um nur einige zu nennen. Allerdings verschwinden die Inhalte, mit denen sich Taubes befasste, im Schatten seiner komplexen Persönlichkeit – und seiner bevorzugten Sexual­praktiken.

Hier soll es um Inhalte seines philosophischen Denkens gehen. Und darum, weshalb sie die ausser­parlamentarische Opposition in Deutschland in den 60er- und 70er-Jahren so entscheidend beeinflussen konnten. Heute, in Zeiten der Klima­katastrophe, gewinnen sie wieder an Aktualität.

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Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass sich Taubes ein Leben lang mit einem einzigen Thema befasste, mit der Gnosis – und mit ihrer ungebrochenen politischen Virulenz. Um diese Faszination zu verstehen, müssen wir in ihre Geschichte zurück­blicken.

Durch die Ausbreitung des Römischen Reiches nach Osten unter Kaiser Augustus und später Trajan, Hadrian und Marc Aurel prallten zwei diametral entgegen­gesetzte Welt­sichten aufeinander. Auf der griechisch-römischen Seite stand eine Welt, in der im Grunde eine voll­kommen harmonische Ordnung herrschte. Allerdings konnten nur wenige diese Ordnung sehen, wurde sie doch durch den ober­flächlichen Schein des alltäglichen Chaos verdeckt. Die Aufgabe der Philosophen war es demnach, den Menschen die Wahrheit der göttlichen Ordnung zu offenbaren.

Auf der anderen Seite standen die östlichen Religionen: Sie stellten das Leiden ins Zentrum. Nicht wie man die göttliche Ordnung erkennt, war ihr philosophisches Problem, sondern wie man Leiden vermeidet, vermindert oder beseitigt. Die Frage nach der Wahrheit spielte angesichts des realen Unglücks in der Welt eine nur unter­geordnete Rolle. Im Gegenteil: Da Unterscheidungen als eine der Quellen des Leidens betrachtet wurden, galt auch die Suche nach der Unter­scheidung von wahr und falsch eher als schädlich denn als nützlich.

Vor unserer Zeitrechnung entstanden im östlichen Mittelmeer­raum zahllose jüdische, christliche und hellenistische Sekten mit merkwürdigen Namen – Orphiker, Mandäer, Manichäer, Valentinianer, Therapeuten, Borboriten und viele andere –, die es sich zur Aufgabe machten, diese beiden Welt­sichten zu vereinen. Gnosis, vom griechischen Wort für Wissen, ist ein Sammel­begriff für ihre gemeinsamen welt­anschaulichen Züge. Lange Zeit kannte man ihre Ansichten beinahe nur aus den Entgegnungen ihrer christlichen Kontrahenten, vor allem des Bischofs Irenäus von Lyon. Erstaunlicher­weise bestätigte die Entdeckung einer gnostischen Geheim­bibliothek, einer Genisa im ägyptischen Nag Hammadi, im Dezember 1945 die Rekonstruktionen früherer Gnosis-Forscher wie Hans Jonas weitestgehend.

Die Frage, die alle gnostischen Sekten umtrieb, war das Problem der sogenannten Theodizee, eines der tiefsten und ältesten Probleme der Menschheits­geschichte: Wie kann ein Gott gerechtfertigt werden, der zulässt, dass die Welt ein Jammertal voller Leid ist? Die Antwort der Gnostiker war so beunruhigend wie geistes­geschichtlich wirkmächtig – auch wenn uns heute weitgehend das Bewusstsein fehlt, wie prägend das gnostische Erbe bis in die Moderne geblieben ist.

Aus der Tatsache des Leidens folgte für die Gnosis notwendigerweise, dass unsere Welt von einem bösen Gott erschaffen worden ist. Wäre sie lediglich ein Missgriff, eine Montags­version von Welt, wäre Gott nicht allmächtig, und das ist undenkbar. Nein, der biblische Schöpfer­gott, der Gott, den die Bibel beschreibt, ist alles andere als gütig. Er brachte, als er Materie erschuf, Leid, Schmerz und Unglück in die Welt, denn ohne Materie gäbe es kein Leiden, keinen Schmerz und keinen Tod, ja überhaupt keine Grenzen. Daraus folgt: Der biblische Gott JHWH ist böse.

Doch es gibt Erlösung.

Hinter dem bösen Schöpfer­gott (über, unter, neben, wo immer man will) verbirgt sich nämlich ein höherer Gott, ein Gott des Lichts und des reinen Geistes. Um dem Jammertal, das unsere Erde ist, zu entkommen, muss man sich von dieser Welt ab- und dem guten Gott des reinen Geistes zuwenden. Der Mensch muss danach streben, seine materielle Existenz abzuwerfen und ein rein geistiges Leben zu führen. Dies ist möglich, weil ein Funke des Göttlichen, das Pneuma, in jedem Menschen steckt. Geeignete asketische Übungen und Haltungen können die Pneumata aus dem Gefängnis des Körpers und der Materie befreien. Akkommodierte Versionen des gnostischen Gedankens der Welt­abwendung finden sich heute als Buddhismus light in der Selbsthilfe- und Lebens­beratungs­szene.

Die radikale Gnostik ging einen Schritt weiter: Ihr genügte es nicht, dass sich einzelne Individuen von der Welt abwenden, um sich asketisch von der Materie zu lösen, sie forderte nichts weniger als die Zerstörung der materiellen Welt. Aus ihren Trümmern werde eine bessere, eine rein geistige Welt erstehen, davon waren die Gnostiker überzeugt.

Die Materie schafft Leiden, weil sie begrenzt ist und weil sie Grenzen setzt. Jenseits der materiellen Welt herrscht aber eine grenzen- und gesetzlose Fülle, die Fülle des wahren Lebens: die pleroma. Aus diesen Überlegungen folgen die drei ideologischen Grund­pfeiler der Gnostik: Welt­abgewandtheit, Apokalyptik und messianische Erlösung.

In diesen Gedanken fand Taubes Trost und Geborgenheit. Er hoffte, wie viele andere grosse und grössen­wahnsinnige Geister vor und nach ihm, seine tief wurzelnde Unbehaustheit und Welt­entfremdung zu überwinden, indem er die Welt überwindet – um jenseits dieser begrenzten und begrenzenden Welt das wahre Leben zu finden.

Wäre die Gnostik nur eine alte, überholte Theorie, die Jacob Taubes half, mit seiner inneren Zerrissenheit besser zurande zu kommen, wäre sie nicht von allgemeinem Interesse. Doch die Gnosis ist noch heute wirksam, wirksamer, als die meisten ahnen: Sie ist die Mutter aller politischen Theorien, die das Bestehende radikal vernichten wollen, um Platz für eine gerechte und friedliche Welt zu schaffen. Und dies ein für alle Mal. Es gibt kaum eine radikale politische Bewegung, die nicht mehr oder weniger gnostisch eingefärbt ist.

Zugleich steht die Gnostik am Ursprung der seit dem Ende des 19. Jahr­hunderts in der sogenannten Lebens­philosophie (wieder) aufkommenden Vorstellung, das wahre Leben fände jenseits unserer traurigen, von den Gesetzen der Vernunft und der Gesellschaft eingeengten Wirklichkeit statt.

Der Preis für den gnostischen Welt­entzug ist allerdings ein Gefühl der Entfremdung, der grundlegenden Fremdheit in dieser Welt, unter dem auch Taubes litt. «Das Leben ist in der Welt fremd, die Heimat des Lebens ist jenseits der Welt», schreibt Taubes im einzigen Buch, das er je veröffentlicht hat, seiner Promotions­schrift «Abend­ländische Eschatologie». Er fährt fort: «Die Fremde ist das erste grosse Urwort der Apokalyptik, und es ist völlig neu in der Geschichte menschlicher Rede überhaupt. Das Urwort von Fremde und das Thema der Selbst­entfremdung durchzieht die ganze apokalyptische gnostische Literatur.»

Dass die Welt gleich ganz untergehen muss, damit das Leiden an der Welt verschwindet, ist das wohl verbreitetste Erbe der Gnostik. Doch wie soll das in einer Welt gehen, die noch keine nuklearen Waffen und keine CO2-Emissionen kennt?

Ganz einfach: Die Menschheit kann die bekannte Rachsucht des bösen Schöpfer­gottes ausnutzen und auf die eigenen Mühlen lenken. Wie viele Male berichtet doch die hebräische Bibel, wie ein rachsüchtiger Gott nur ganz knapp davon abgehalten werden kann, der Sünde der Menschen wegen eine Stadt, sein auserwähltes Volk oder gar die ganze Welt zu vernichten. Wenn die Menschen die Sünde nun auf die Spitze treiben, so die Logik der radikalen Gnostik, zwingen sie Gott, den Messias, zu senden, um dem Übel ein Ende zu bereiten.

Gnostische Strömungen, die die Sünde, den Abfall und den Verrat zum Gottes­dienst erklärten und sich davon Erlösung versprachen, erfassten im 17. und 18. Jahrhundert auch das Judentum, als den falschen Messiassen Schabbatai Zwi und Jakob Frank nicht nur einfache Juden massenhaft zuliefen. In dieser Tradition sah sich Taubes.

Der anarchische Gedanke, nur die Überschreitung oder die Abschaffung des Gesetzes führe die Menschheit in die Freiheit, hat wenig mit einem platten Hedonismus zu schaffen, der die reine Lust­befriedigung mit Freiheit gleichsetzt. Es ist vielmehr der Versuch, die materielle Existenz, den Körper und die Materie, zu überwinden. Weil die materielle Welt Natur­gesetzen unterliegt, so wie die soziale Welt menschlichen Gesetzen, führt der Weg aus der Fremdheit für die radikale Gnosis über die Missachtung oder die Abschaffung des Gesetzes.

Die Überwindung des Gesetzes durch die Sünde ist eine der Möglichkeiten, das Ende dieser Welt herbei­zuführen, indem sie die Erlösung erzwingt. Nach dem Kalkül der Gnostiker kann Gott, wenn er auf diesen Sünden­pfuhl, der die Welt ist, hinunterblickt, gar nicht anders, als den Erlöser loszuschicken. Zudem beweist der fromme Sünder durch seine Taten, dass ihm an dieser Welt und ihrer Moral nichts liegt, dass es ihm nur noch um seine pleura, um seine Seele geht. Wie kann man die Seele besser als durch Partnertausch – eine bei Gnostikern beliebte Praxis – reinigen und ehren, beweist man doch dadurch, dass man weit über den sozialen Konventionen steht.

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Nicht seine zahlreichen sexuellen Abenteuer sind Taubes’ Kardinal­sünden, sondern seine Rückkehr ins Herz der Finsternis, nach Deutschland. 1966 gibt Taubes die langersehnte Stelle an der Columbia University in New York auf und siedelt nach Berlin über, in das Land, das sechs Millionen seiner Glaubens­genossen auf dem Gewissen hat. Das ist für seine Eltern eine unvorstellbare Provokation, in einer Zeit, in der selbst der Kauf eines deutschen Autos in jüdischen Haushalten ein absolutes No-Go war.

Jacobs Vater war ein hochgebildeter, weltweit angesehener und politisch einfluss­reicher Rabbiner, der einer Dynastie von ost­europäischen Rabbinern entstammte. Es konnte keinen Zweifel daran geben, dass Jacob die Fackel eines Tages weiter­tragen würde, zumal seine intellektuelle Begabung schon früh auffiel. Nach dem Holocaust, als das jüdische Volk und die jüdische Kultur beinahe ausgelöscht worden waren, kam es einem Hochverrat gleich, die Kette der Überlieferung zu unterbrechen. Als Jacob seine Kopf­bedeckung ablegte, die Speise­gesetze und den Schabbat nicht mehr heiligte, verriet er nicht nur Gott, die Bibel, seinen Vater und seine Familie, er verriet jeden einzelnen Juden, der in den Gaskammern sein Leben gelassen hatte.

Jacob war sich seines Verrats in jedem Moment seines Lebens bewusst, sonst hätte er seinen Gästen nicht Spanferkel serviert, an Jom Kippur nicht ein Schinken­sandwich gegessen, nachdem er den Gottesdienst in einer ultra­orthodoxen Synagoge von Williamsburg, einer Gemeinde Brooklyns, besucht hatte, oder, schwerwiegender als alles andere, keine schikse, also eine Nichtjüdin, geheiratet, und erst noch aus adeligem deutschem Geschlecht.

Ein Leben lang versuchte Jacob, sich vom Joch des himmlischen Gesetzes – und von seinem Vater – zu befreien, doch jede Übertretung, jeder Verrat band ihn nur noch stärker ans Judentum, genauer: an die gnostische Tradition innerhalb des Judentums. Noch als er den jüdischen Gesetzen längst abgeschworen hatte, sah man ihn bisweilen mit den Gebets­riemen das Morgen­gebet sprechen, das sich zum Glauben an den Messias bekennt. Gnostisches Gedanken­gut erlaubte es Jacob, als Sünder zugleich innerhalb als auch ausserhalb der jüdischen Gemeinschaft zu existieren.

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Gnostisches Denken hat sich in den messianischen und apokalyptischen Elementen der politischen Theorien durch all die Jahrhunderte erhalten. Zu Recht bemerkt Peter Sloterdijk in seinem Buch «Welt­revolution der Seele», dass es keine eigentliche Geschichte der Gnostik gebe, dass vielmehr gnostisches Gedanken­gut, ihre Vorstellung von Apokalypse und endgültiger Erlösung, immer wieder an die politische Oberfläche durchbreche. Die Studenten­bewegung nach 1968 trug zweifellos gnostische Züge.

Just in den Jahren nach Taubes’ Rückkehr aus den USA begann es in Europa zu gären. Um die Verhältnisse radikal zu verändern, sollte das bestehende Recht abgeschafft werden. Das herrschende Gesetz sei das Gesetz der Herrschenden, hiess es, deshalb garantiere nur eine Revolution, die die alte Ordnung wegfege, eine vollständig neue und gerechte Gesellschaft. Die auf ewig Bestand habe.

Das Wirtschaftswunder hatte Deutschland einen gewissen Wohlstand beschert, aber die gesellschaftlichen Strukturen blieben verkrustet wie eh und je. Der Justiz­apparat, das Parlament und die politische Führung waren von Alt­nazis durchsetzt, der Kalte Krieg und die DDR verboten jede gesellschaftliche Öffnung, weil jede Kritik an den Zuständen als Landes­verrat ausgelegt wurde. «Moskau einfach» war damals auch in der Schweiz die übliche Reaktion auf Kritik.

Die Kinder der Generation, die Deutschland in den Abgrund gestürzt hatte, wollten aufräumen, und zwar gründlich. Es genügte ihnen nicht, den alten Strukturen ein neues, (pseudo-)demokratisches Mäntelchen umzulegen, sie wollten ein neues Leben, ein Leben, das sich nicht an materiellen Gütern und an Konsum orientierte, sondern an geistigen Werten, an Freiheit und Gerechtigkeit – und an Spass. Und sie glaubten, dies nur ausserhalb der legalen Institutionen erreichen zu können. Einige hielten sogar den bewaffneten Kampf für die einzige Lösung und schreckten auch vor Mord nicht zurück. Man erkennt das volle gnostische Programm: Zerstörung des Bestehenden, Abwendung vom Materiellen, Hinwendung zum Geistigen, Abschaffung des Gesetzes – und am Ende wartet die messianische Erlösung.

Auf diese Morgenröte hatte Jacob Taubes ein Leben lang gewartet.

An drei konkreten politischen Themen arbeiteten sich die 68er ab: am Vietnam­krieg, an den Notstands­gesetzen und später dann am Nato-Doppel­beschluss. Hinter diesen konkreten Themen standen allgemeinere Fragen: Wie nahe ist der nächste Krieg, der ein Atomkrieg sein dürfte? Hat sich tatsächlich etwas verändert oder sind Demokratie und Freiheit nur dünne Fassaden, hinter denen der Faschismus bald wieder hervorkriecht?

Vietnam und die Nato zeigten in den Augen der ausser­parlamentarischen Linken, wie weit wahrer Friede noch entfernt war, und die Notstands­gesetze stellten die demokratischen Errungenschaften ganz grundsätzlich infrage. Diese Gesetze, die das Kabinett des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Kurt Georg Kiesinger 1968 verabschiedet hatte, sollten der Regierung im «Spannungsfall» und im Verteidigungs­fall besondere Vollmachten erteilen. Die Erfahrungen der Weimarer Zeit machten eine solche Ausnahme­gesetzgebung in den Augen der Grossen Koalition zwingend notwendig.

Die Gegner waren eher an das «Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich», auch bekannt als Ermächtigungs­gesetz, erinnert, mit dem Hitler am 24. März 1933 das Parlament ausschaltete und eine Diktatur errichtete. Bereits im Jahr 1922 hatte Carl Schmitt, ein Rechts­gelehrter, der ein aktiver und überzeugter National­sozialist und Antisemit gewesen ist, die Ermächtigungs­gesetze in einem Büchlein mit dem Titel «Politische Theologie: Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität» vorbereitet. Schon mit dem berühmt-berüchtigten ersten Satz – «Souverän ist, wer über den Ausnahme­zustand entscheidet» – trat er für die Aufhebung des Gesetzes, die Ausschaltung des Parlaments und die Errichtung einer Diktatur ein, wenn der Souverän, der bei ihm immer noch ein König ist, seine Macht bedroht sieht.

Hitler war gleichsam auf Vorrat legitimiert. Die Argumentation Schmitts lautete: Wie Gott Natur­gesetze ausser Kraft setzen kann, wenn er Wunder wirkt, kann, ja muss der König, sein Stellvertreter auf Erden, die Gesetze des Staates suspendieren, wenn er die allgemeine Ordnung oder seine Macht bedroht sieht – notfalls mit Gewalt.

Taubes war von Schmitt fasziniert. Er soll ihn für den einzigen ernst zu nehmenden Intellektuellen Deutschlands gehalten haben, korrespondierte mit ihm und besuchte ihn an seinem Wohnort in Plettenberg in Nordrhein-Westfalen. Damit trieb er die Provokation auf die Spitze. Tiefer konnte er die Gefühle der jüdischen Gemeinschaft nicht verletzen, als indem er dem Juristen, der dem Genozid an den Juden einen legalen Anstrich verpasst hatte, seine Reverenz erwies.

Taubes war nie ein Linker gewesen, obwohl er sich an der Freien Universität Berlin länger als die meisten seiner Kollegen mit der linken Studentenschaft solidarisierte. Zeitweise galt er in der Presse sogar als deren Wortführer und Aushänge­schild. Die soziale Frage, die Gerechtigkeit oder der Kampf der Arbeiter interessierten ihn viel zu wenig, um als Linker durchzugehen. Allerdings war er, trotz seiner engen Beziehung zu Carl Schmitt und seiner Freundschaft mit Armin Mohler, einem rechts­extremen Schweizer Publizisten und Sekretär von Ernst Jünger, auch nie ein Rechts­extremer. In seiner radikalen Ablehnung des Liberalismus traf er sich mit Schmitt.

Taubes’ politische Rolle bestand darin, die Idee des Ausnahme­zustands den Linken schmackhaft zu machen, indem er sie umkehrte: Während Schmitt mit dem Ausnahme­zustand die bestehenden Macht­verhältnisse um jeden Preis schützen wollte, strebte Taubes die vollkommene Zerstörung der bestehenden Gesellschaft an. Das Gesetz musste abgeschafft, das Bestehende zerstört und die messianische Zeit, in Gestalt einer freieren Lebensform, erzwungen werden.

Taubes verpasste der 68er-Bewegung einen apokalyptischen und messianischen Anstrich, eine gnostische Färbung, die möglicher­weise eine Voraussetzung für den Deutschen Herbst 1977 gewesen ist, als Teile der ausser­parlamentarischen Opposition in offene und brutale Gewalt abrutschten. Dies war sein nicht zu unterschätzender Beitrag zur deutschen Nachkriegs­geschichte. Allerdings muss man betonen, dass Taubes sich von der RAF, als sie die so heiss ersehnte Zerstörung in die Tat umzusetzen begann, erschreckt und angewidert abwandte. Die physische Gewalt widersprach zutiefst der gnostischen Forderung nach Zuwendung zum Geistigen. Er sah sich lieber als Nachfolger Paulus’, der an die Stelle des Gesetzes die Liebe setzte.

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Ob Jacob Taubes ein grosser Denker war oder ein Scharlatan, ein Weiser oder ein Wahnsinniger, ein Heiliger oder ein Psychopath, ein Verführter oder ein Verführer, scheint mir heute unerheblich. Wahrscheinlich war er von allem etwas. Aber er brachte nach dem Zweiten Weltkrieg, wie Walter Benjamin nach dem Ersten, die gnostisch-apokalyptische Perspektive in die Politik ein.

Mit dieser Perspektive müssen wir uns heute wieder auseinander­setzen, allerdings in einer neuen, beinahe diametral entgegen­gesetzten Weise. Die Apokalypse wird nicht mehr durch eine Revolution herbeigeführt, sondern sie widerfährt uns einfach, als Folge von früherem und noch andauerndem Fehlverhalten. Die Klima­katastrophe ist eine Apokalypse ohne Apokatastasis, ohne Wieder­herstellung eines paradiesischen Urzustandes. Am Ende des Klima­wandels wartet nicht die Erlösung, sondern bloss die Verwüstung. Die Möglichkeit, dass die Erlösung ausbleiben wird, haben weder Taubes noch andere Apokalyptiker je in Betracht gezogen. Die Klima­bewegten sind heute aber mit dieser Möglichkeit konfrontiert.

Von ihrer versteckt apokalyptischen Haltung zeugt nicht nur die Terminologie wie Katastrophe oder Kollaps, sondern auch die Namen verschiedener Gruppierungen: «Extinction Rebellion», oder «Last Generation». Die Fakten geben ihnen recht: Wir stehen nicht kurz vor, wir stehen mitten in der Katastrophe. Die rasante Beschleunigung der Erwärmung – der September war letztes Jahr 4 Grad Celsius wärmer als der Mittelwert der letzten Jahrzehnte – lässt ernsthafte Zweifel an der Fähigkeit liberaler und demokratischer Systeme aufkommen, die Zerstörung der Erde noch aufzuhalten.

Der Gnostiker Carl Schmitt scheint recht bekommen zu haben: Die Rettung der Welt verlangt nach der Ausrufung des Ausnahme­zustandes und nach der Aufhebung demokratischer Gesetze. Jedenfalls schlug dies der Philosoph Hans Jonas vor einigen Jahrzehnten vor: Die Demokratie muss ausgesetzt werden, bis die Klima­katastrophe abgewendet ist. Es dürfte kein Zufall sein, dass Jonas das bis heute gültige Standard­werk über die Gnosis geschrieben hat.

Am Ende der Welt steht das Vergessen: «Sadak in Search of the Waters of Oblivion» von John Martin, 1812. Saint Louis Art Museum

Doch im apokalyptischen Sprach­duktus steckt, neben dem Verdacht, dass manchmal auch eine klamm­heimliche Lust an der Zerstörung mitschwingt, noch eine andere Gefahr. Zweitausend Jahre gnostische Prägung haben uns gelehrt, die Apokalypse als einmaliges Ereignis zu begreifen. Wir erwarten einen Riesen­chlapf, ein Feuerwerk der Zerstörung. Mit Pauken und Trompeten werden die vier apokalyptischen Reiter Feuer und Schwefel über den Erdball tragen und eine blutige Spur der Verwüstung hinter sich lassen. Doch diese Erwartung verstellt uns die Sicht auf schleichende Prozesse. Noch immer sprechen wir deshalb von der bevorstehenden Klima­katastrophe, die es zu verhindern gilt, als ob sie nicht längst eingetreten wäre, zwar nicht weniger dramatisch, aber doch weniger pompös als erwartet. Und die Biodiversitäts­krise, in ihren Auswirkungen kaum weniger gravierend als die Klima­erwärmung, entgeht der öffentlichen Wahrnehmung deswegen fast vollständig.

Dieser Schlenker zur ökologischen Krise ist nicht dem journalistischen Zwang geschuldet, das Porträt eines seit fast vierzig Jahren toten Religions­philosophen mit ein wenig Aktualität zu würzen, er soll vielmehr die überraschende Lehre vermitteln, die sich aus der Beschäftigung mit Taubes und der Gnosis ziehen lässt: wie stark unsere Wahrnehmung und unser Welt­verständnis bis zum heutigen Tag von einer zweitausend Jahre alten Geheim­lehre aus dem Nahen Osten geprägt sind.

Hinweis: Kurt Georg Kiesinger war nicht «Nazirichter», wie in der ursprünglichen Version stand, aber ehemaliges NSDAP-Mitglied. Wir bitten um Entschuldigung und danken für den Hinweis aus der Leserschaft.

Die Biografie

Jerry Z. Muller: «Professor der Apokalypse – Die vielen Leben des Jacob Taubes». Aus dem Englischen von Ursula Kömen. Suhrkamp, Jüdischer Verlag Berlin, 2022. 927 Seiten, ca. 70 Franken.

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