«Den Menschen ist bewusst: Mit dieser sprachlichen Änderung müssen sie auch ihr Weltbild ändern»

Warum schiessen sich rechte Parteien so auf das Gender­sternchen ein? Ein Gespräch mit dem Sprach­wissenschaftler Anatol Stefanowitsch darüber, wie eng Sprache und Identität verzahnt sind und wie man damit Politik macht.

Von Marie-José Kolly (Text) und Lucy Jones (Illustration), 27.06.2023

Vorgelesen von Jonas Rüegg Caputo
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Anatol Stefanowitsch ist der wohl profilierteste deutsch­sprachige Experte zu diskriminierungs­freier Sprache. Früher sehr engagiert auf Twitter, hat sich der Professor der Freien Universität Berlin kürzlich von der Plattform verabschiedet: «Hier endet diese Reise also», schrieb er. «Die Liebenden hoffe ich, anderswo wieder­zusehen, den Hassenden wünsche ich, nicht länger hassen zu müssen.»

Menschen mögen es nicht, wenn man ihnen sagt, dass sie anders sprechen oder schreiben könnten als bisher. Auch dann nicht, wenn man vorschlägt statt vorschreibt, sauber argumentiert und methodisch sicher, wie der Sprach­wissenschaftler in seinem 2018 erschienenen Buch «Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen».

Herr Stefanowitsch, im neuen Partei­programm der SVP steht, sie kämpfe «entschieden» gegen das Gender­sternchen. Und eine neue Volks­initiative will es in der Stadt Zürich aus amtlichen Dokumenten verbannen. Woher kommt diese Aufregung?
Die rechten Parteien in ganz Europa haben ja Gender als das Thema entdeckt, auf das sie versuchen, das gesellschafts­politische Unwohlsein zu beziehen, das bestimmte Teile der Bevölkerung haben: das Unwohlsein mit der modernen Welt, mit der Tatsache, dass die Gesellschaft diverser wird und dass alte Hierarchien nicht mehr unhinterfragt stehen bleiben.

Okay, Gender. Aber warum arbeiten sie sich am Sternchen ab?
Ich glaube, sie tun es aus zwei Gründen. Erstens können sie damit so tun, als ob sie über Sprache redeten. Aber in Wirklichkeit reden sie natürlich darüber, dass sie sich an bestimmten geschlechtlichen Identitäten oder auch sexuellen Orientierungen stören. Denn das haben sie mitbekommen: dass es sich nicht gehört, sich hierüber zu beschweren. Indem sie es auf die Sprache projizieren, können sie über Ästhetik reden oder über Logik oder über alle möglichen Eigenschaften, die Sprache zugeschrieben werden. Unter­schwellig signalisieren sie: In Wirklichkeit stört uns natürlich tatsächlich die Gleich­berechtigung. Oder die Vielfalt. Sie müssen es dadurch aber nicht aussprechen.

Und der zweite Grund?
Sprache ist etwas, zu dem wir alle eine Meinung haben. Wir haben zum Beispiel Vorstellungen davon, was gute Sprache ist. Wenn die hinterfragt werden, zum Beispiel durch Sprach­wandel, löst das immer Unwohlsein aus. Gendern ist ein solcher Wandel: Es stellt diese Vorstellungen infrage und kratzt an unseren Sprach­gewohnheiten. So hoffen Parteien wie die SVP auch Leute einzufangen, denen es tatsächlich um Sprache geht, und sie dann auch für die Homogenitäts­ideologie zu gewinnen, die die europäische Rechte derzeit trägt.

Diesen Leuten geht es also nicht nur um inklusive Sprache, sondern generell um Sprach­wandel?
Denken Sie an die vergangene Rechtschreib­reform, die identitäts­politisch völlig harmlos war. Das Ziel war nur eine einheitliche Recht­schreibung. Trotzdem hat sie in allen deutsch­sprachigen Ländern heftige Diskussionen ausgelöst. Es war zum Beispiel undenkbar, dass die Schweiz im Namen der Vereinheitlichung ein neues orthografisches Zeichen, das ß  das scharfe S –, einführt. Genauso hätten es Deutschland und Österreich nie akzeptiert, dass man es abschafft, obwohl es nur ein Buchstabe ist. Ein Buchstabe, der eigentlich nichts anderes ist als ein doppeltes S, typografisch anders dargestellt. Wenn hier schon quasi eine Identitäts­krise entsteht – wenn wir in einer Reform, mit der wir uns an vielen Stellen radikal von dem verabschiedet haben, was vorher war, sagen: beim ß müssen wir die Idee einer Einheitlichkeit aufgeben –, dann kann man sich vorstellen, was das Gender­sternchen, das ja vor 2014 überhaupt keine Tradition hatte, für Irritationen auslöst. Erst mal tatsächlich nur bezogen auf die Sprache.

Sprache ist uns nah.
Sie durchdringt unseren Alltag, wir verwenden sie ständig, sind davon umgeben. Und wir wissen aus der Forschung, dass mit Sprache von der frühen Kindheit an sehr starke Gefühle verbunden sind. Sprache ist nicht nur Kommunikations­mittel, Sprache ist auch Identifikations­punkt.

Woher weiss man von diesen Gefühlen?
Experimente zeigen, dass kleine Kinder ein Spielzeug oder eine Süssigkeit eher von einer Person akzeptieren, die denselben Dialekt spricht wie sie. Auch wenn die Person vielleicht ganz anders aussieht als die Menschen in ihrer nahen Umgebung. Leuten dagegen, die ähnlich aussehen, aber einen anderen Dialekt oder mit ausländischem Akzent sprechen, begegnen sie misstrauischer. Wir nutzen Sprache, um zu ermitteln, wer zu unserer Gruppe gehört. Das wird unglaublich früh verankert. Und bildet einen unglaublich tiefen Teil der Identität.

Weil Sprache – anders als Aussehen – schon Monate vor der Geburt durch die Bauch­decke der Mutter zum Fötus dringt?
Ich vermute, dass das tatsächlich eine der intensivsten Erfahrungen ist. Ein neugeborenes, wenige Stunden altes Kind erkennt seine Mutter­sprache – im Wortsinn: Es erkennt die Sprache, die seine Mutter gesprochen hat, während es selber noch im Uterus war. Neugeborene Babys kriegen für Experimente – das ist unglaublich niedlich – einen Schnuller mit Messgerät. Wenn das Baby aufmerksamer ist, nuckelt es schneller. Man spielt ihm also Sätze aus der Sprache seiner Mutter vor und dann aus einer anderen Sprache. Und es erkennt den Übergang, weil es irritiert ist. Selbst wenn es dieselbe Stimme ist, die beide Sprachen spricht. Wir werden geboren mit der Idee, dass die Personen, denen wir am meisten vertrauen – weil sie uns Nähe geben, uns schützen, wärmen, füttern –, auf eine bestimmte Art klingen.

Nun betrifft das Gender­sternchen in erster Linie die Schrift­sprache.
Und damit kommt eine zweite Ebene ins Spiel: Schrift­sprache ist extrem normiert, extrem standardisiert. Sie steht weniger für Vertrauen, dafür umso mehr für Kompetenz. Wir wurden darauf trainiert, sie auf eine ganz bestimmte Weise zu verwenden. Haben gelernt, dass ein falsch geschriebenes Wort ein Fehler ist. Der rot angestrichen wird.

Wehren sich Gegner inklusiver Sprache gegen das Gefühl, sie hätten ihr Leben lang etwas falsch gemacht mit ihrem generischen Maskulinum oder mit den Wörtern, die sie für Schwarze, Schwule, Frauen benutzten?
Natürlich. Und nun ist schon interessant, dass es Leuten ja nicht grund­sätzlich schwerfällt, unabsichtlich begangenes Unrecht anzuerkennen. Wenn ich jemandem aus Versehen auf den Fuss trete in einer vollen S-Bahn, dann entschuldige ich mich und sage: Das habe ich nicht mit Absicht gemacht, das war wegen des Gedränges hier und völlig unbewusst. Ich käme nicht auf die Idee, zu sagen: Auf Füsse treten ist eigentlich ganz normal, das haben wir schon immer so gemacht und es bedeutet nicht, dass ich ein unaufmerksamer Mensch bin, sondern das ist ganz neutral. Also könnte man ja auch sagen: Mir war nicht bewusst, dass Frauen nicht mit wahrgenommen werden, wenn ich von «Bürgern» spreche, und dass nonbinäre Personen sich nicht mitgemeint fühlen, wenn ich von «Bürgerinnen und Bürgern» spreche. Die Verletzung war völlig unabsichtlich und deshalb werde ich in Zukunft versuchen, sie zu vermeiden.

Könnte man sagen, tut aber kaum einer. Sind wir damit wieder bei der Identität?
Wenn man sich so entschuldigte, müsste man nicht nur zugeben, dass man bisher unabsichtlich sexistisch war. Sondern auch, dass man von dieser Situation profitiert hat. Das beginnt schon bei der Doppelform, denn von «Bürgerinnen und Bürgern» zu reden und nicht mehr nur von «Bürgern», stellt ein Privileg infrage, das bis dahin nur die Männer genossen haben: Bisher haben wir über die Welt geredet, als bestünde sie nur aus ihnen. Männer wurden nie als Mann behandelt, sondern immer nur als Mensch. Als der typische Mensch, das typische Gesellschafts­mitglied, nach dessen Bedürfnissen alles ausgerichtet werden muss. Und nun müsste ich als Mann plötzlich erkennen, dass dieses Privileg, von dem ich bisher dachte, dass es mein Privileg als Individuum ist, tatsächlich mein Privileg als Zugehöriger einer bestimmten Gruppe war. Bequemer ist es, zu sagen: Nein, diese ganzen Leute, die das generische Maskulinum nicht mehr akzeptieren wollen, die sind bloss verwirrt, die verstehen nicht, dass das eine neutrale Form ist, dass Genus nicht gleich Sexus ist, die verstehen die deutsche Grammatik nicht.

Die Politikerin, die sagt, das Gender­sternchen nehme Menschen etwas weg, liegt also nicht ganz falsch?
Den Menschen ist bewusst: Mit dieser sprachlichen Änderung müssen sie auch ihr Weltbild ändern.

Und das ist der Unterschied zwischen Rechtschreib­reform und gender­gerechter Sprache.
Zeitungen wie die FAZ haben die Reform zunächst nicht mitgemacht und gehofft, die Leserschaft würde sich mit der alten Recht­schreibung identifizieren. Das hat nicht funktioniert: Den Leuten war bald egal, ob vor erweiterten Infinitiv­sätzen ein Komma steht oder nicht. Denn Vereinheitlichung ist ein Wert, der auf der Ebene der sprachlichen Logik bleibt. Gendern dagegen berührt für alle Beteiligten einen ganz essenziellen Teil der eigenen Identität.

Die politische Offensive geht gegen den Stern, der auch nonbinäre Menschen sichtbar macht. Ist der Widerstand stärker als früher gegen Doppelform und Binnen-I, die – nebst Männern – nur Frauen nennen?
Auch während der ersten Welle des Feminismus musste sich erst einmal das Weltbild ändern. Man musste verstehen, dass Frauen vollwertige Menschen sind, dass sie dasselbe Gehirn haben und zu denselben Denk­leistungen fähig sind. Aber das war lange vor der sprachlichen Inklusion. Und als schwarze Menschen oder Menschen mit Behinderungen begannen, für ihre sprachlichen Rechte einzutreten, war gesellschaftlich längst anerkannt, dass diesen Menschen dieselben Rechte zustehen. Natürlich müssen wir über die weitere Gleich­stellung dieser Gruppen sprechen, aber dass sie gleich sind, ist weithin akzeptiert. Und hier haben wir eine Gruppe, nonbinäre Menschen, bei der haben weite Teile der Gesellschaft noch gar nicht akzeptiert, dass sie existiert.

Sie gleichzeitig mittels Genderstern sichtbar zu machen, bereitet Menschen Mühe?
Ja, weil es etwas Besonderes nach sich zieht, und das finde ich an dieser Gruppe so interessant für die Diskussion um geschlechter­gerechte Sprache. Damit wir dieser Gruppe Sichtbarkeit zugestehen können, müssen wir eine gesellschaftliche Übereinkunft, die nie hinterfragt wurde, hinterfragen: dass es zwei Geschlechter gebe. Um zu akzeptieren, dass es nonbinäre Menschen geben kann, müssen wir infrage stellen, dass die Einteilung der Gesellschaft in Männer und Frauen jemals richtig war.

Das kratzt an der Identität von Männern und Frauen.
Die bisherigen Geschlechter­gruppen müssen beide Platz machen. Wir können nicht sagen, ihr nonbinären Personen habt die gleichen Rechte, aber wir möchten gerne die Binarität auf symbolischer Ebene und auf gesellschaftlicher Ebene und überall sonst weiterhin aufrecht­erhalten. Das geht nicht.

«Ich bin doch als Mann nach wie vor gemeint, auch wenn jetzt ein Gender­sternchen in dem Wort steht.»
Anatol Stefanowitsch

Frauen und Männer stellen nach wie vor die überwiegende Mehrheit. Warum ist vielen Menschen so wichtig, dass es nur die zwei Geschlechter geben soll?
Ich glaube, weil weitere Gruppen die Symmetrie zwischen diesen beiden Kategorien stören. Und die Symmetrie ist die Voraus­setzung für Asymmetrien, etwa dafür, dass eine der Gruppen, Männer, traditionell die andere, Frauen, unterdrückt hat.

Warum?
Macht­verhältnisse kann man besser begründen, wenn man sagt: Das ist so ein Yin und Yang, die Frauen haben eine Rolle, die Männer eine andere, natürlich haben wir die gleichen Rechte, wir haben nur unter­schiedliche soziale Aufgaben. Das ist schwerer zu rechtfertigen, je stärker die Kategorien selbst infrage gestellt werden und je stärker man sagt: Das, was am Ende übrig bleibt, sind bestimmte körperliche Verfasstheiten, über die müssen wir reden können, für die brauchen wir ein Vokabular. Zum Beispiel für Probleme, die nur Cis-Frauen haben. Indem nonbinäre Menschen sprachliche Sichtbarkeit einfordern, kämpfen sie nicht nur für sich, sondern auch dafür, dass wir die Kategorie Geschlecht und die Macht­verhältnisse, die wir mit ihr verbunden haben, radikaler infrage stellen als bisher.

Auch Sie kennen Leute, die sich gegen den Genderstern wehren. Was sagen Sie ihnen?
Ich verstehe dein Unwohlsein. Hier wird an der Sprache gerührt, die du bisher als selbst­verständlich wahrgenommen hast. Aber verstehst du auch, dass auf der anderen Seite dasselbe Unwohlsein herrscht gegenüber der Sprache, die für dich so selbst­verständlich ist? Die Verknüpfung von Sprache und Identität ist bei allen gegeben: bei Menschen, deren Identität das Gender­sternchen infrage stellt, und bei jenen, deren Identität es erst sichtbar macht. Dieses Bewusstsein, dass man nonbinäre Menschen sprachlich sichtbar machen kann, ist erreicht. Dahinter zurück­fallen: Ich glaube, das geht nicht. Der Aufwand für diese Personen, ständig ihre Identität und die Wirklichkeit, in der diese Identität ignoriert wird, in Einklang zu bringen, wäre sehr viel grösser als für mich, zu sagen: Ich bin doch als Mann nach wie vor gemeint, auch wenn jetzt ein Gender­sternchen in dem Wort steht. Ich muss doch gar keine Angst haben, ich war vorher gemeint und bin es auch weiterhin. Und an dieses Sternchen muss ich mich halt gewöhnen.

Ist das neu, dass man mit Sprache Politik macht?
Dass man mit Sprache definiert, wer zu einer Gruppe gehört, kennen wir aus der Bibel, wo die Redewendung mit dem Schibboleth herkommt: Damit nicht Fremde ins Lager eindringen können, sollten sie ein schwieriges Wort aussprechen. Wer die Sprache als Fremd­sprache gelernt hatte, sprach es vielleicht falsch aus und blieb draussen. In dem Sinne wurde mit Sprache wahrscheinlich schon immer Politik gemacht. Dass die Verwendung der Sprache politisiert wird, geschah meines Wissens im deutschen Sprachraum erstmals in den späten 1960er-Jahren mit der Studenten­bewegung. Dort kritisierte eine Generation, dass bestimmte Sprach­gebräuche des National­sozialismus unreflektiert weiterverwendet werden. Damit kritisierte sie natürlich auch die Denk­weisen, die genauso unreflektiert weiter vorhanden waren. Ungefähr zur selben Zeit begann man im deutschen Sprachraum über das N-Wort zu diskutieren und überhaupt über die Idee, dass sprachliche Ausdrücke herab­würdigend sein können. Wenige Jahre zuvor waren mit dem Sieg über das national­sozialistische Deutschland bestimmte sprachliche Auswüchse der Nazi­ideologie sofort verschwunden, weil sie zu eindeutig erinnert hätten an das, was gerade war. Vielleicht war damit zum ersten Mal die Grundlage gelegt worden für ein Bewusstsein, dass Sprache und Weltsicht viel miteinander zu tun haben.

Gelingt es rechten Parteien, aus dem Genderstern politisches Kapital zu schlagen?
Ich glaube, diese Parteien überschätzen die Stärke der Irritation, die das Gender­sternchen auslöst. Weil sie in ihrer eigenen Wahrnehmungs­blase gefangen sind und weil sie sich häufig auf irgendwelche Umfragen berufen, die nahelegen, dass so etwas wie 80 Prozent der Leute dagegen seien. Aber wenn man sich die Umfragen näher anguckt, stellt man erstens fest, dass sie nach dem Gender­sternchen gar nicht gefragt, sondern die Frage viel allgemeiner formuliert hatten. Und zweitens waren so etwas wie je 10 Prozent total dafür oder dagegen, 40 Prozent eher dafür oder dagegen. Die, die eher dagegen sind, werden kaum eine Partei wählen, die gegen das Gendern ist, wenn ihnen ihre sonstigen politischen Ideen nicht gefallen.

In Deutschland behauptet der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz, durchs Gendern habe man die AfD erst gross gemacht.
Ich glaube das nicht. In Regionen, wo Gendern kaum Thema ist, weil deren Sprache anders funktioniert, haben die rechten Parteien genau denselben Erfolg, indem sie einfach über andere Dinge reden. Das konservative Feuilleton ist besessen vom Gendern, in der Schweiz wie in Deutschland. Diese Besessenheit reflektiert nicht die Leidenschaft, die in der Bevölkerung herrscht für dieses Thema. Der grösste Teil der Bevölkerung sieht es, egal ob positiv oder negativ, vor allem sehr viel gelassener, als es sich das konservative Feuilleton und die dazugehörenden politischen Parteien einreden.

Ihre Professur beschäftigt sich mit System­linguistik. Dem deutschen Sprach­system stehen grad ziemlich viele mehr oder weniger gendergerechte Varianten zur Verfügung. Wie schreibt und spricht die Mehrheit in fünfzig Jahren?
Für eine Prognose müssen wir uns erst eine vergangene Entwicklung anschauen.

Bitte.
Robin Lakoff, die Urmutter der feministischen Linguistik, schrieb noch 1973, sie glaube, das generische Maskulinum werde sich nie abschaffen lassen. Es sei in der Gesellschaft viel zu tief verankert, als dass man da Zeit damit verschwenden sollte. Es ging um das Englische und damit hauptsächlich um Pronomen, also dass man immer he sagt, wenn man über Menschen allgemein redet. Heute, fünfzig Jahre später, tut das in den USA niemand mehr. Der generische Gebrauch der männlichen Personal­pronomen ist komplett verschwunden aus dem öffentlichen Sprach­gebrauch. Ohne diese ganze Gender­debatte.

Im Deutschen geht es aber um viel mehr als um Pronomen.
Und deshalb wird uns die Diskussion noch eine Weile begleiten. Aber ich glaube, sie wird weiter in Richtung der Frage gehen, wie man Inklusion erreichen kann. Ich kann mir vorstellen, dass der Rat für Recht­schreibung in den nächsten zehn Jahren eine der neuen Varianten als Kann-Regelungen in die amtliche Recht­schreibung aufnimmt. Aber die Idee, dass man zum generischen Maskulinum zurückkehrt, die wird mit jedem Jahr oder mit jedem Jahrzehnt absurder klingen und aus der Debatte verschwinden. Die wird jetzt eigentlich auch nur noch von einer bestimmten Alters­kohorte mit dieser Vehemenz vertreten.

Und dort auch von Sprach­wissenschaftlern.
Auch in der Linguistik sind es mehrheitlich pensionierte, ältere Herren, die sich voll auf die Anti-Gender-Ebene begeben und dabei jede Art von fachlicher, disziplinärer Kompetenz aufgegeben haben. Sie reden in diesem Bereich wie jede andere hetzende Stimme.

Sterben die Gender­sternchen-Gegner aus?
Mittelalte Linguisten meiner Generation glaubten lange auch, dass sich das Sternchen nicht durchsetzen kann, dass Sprach­wandel nicht so funktioniert: von kleinen Communitys aus über die Institutionen in den allgemeinen Sprach­gebrauch. Und die merken jetzt: Doch, da passiert was, womit sie nicht gerechnet haben. Vielleicht wird das Gender­sternchen in fünfzig Jahren genauso selbst­verständlich sein wie heute das Gendern via Pronomen in den USA. Und wir werden alle zurück­blicken von jenseits unserer Gräber und sagen: Warum dachten wir eigentlich damals, dass sich so was nicht durchsetzen kann?

Wird das auch die ausser­sprachliche Realität verändern?
Was sich leicht sagen lässt, das lässt sich auch leicht denken. Ausserhalb davon zu denken, ist schwierig. Indem wir eingeschliffene Sprach­muster aufbrechen, schaffen wir also Räume, in denen unser Denken mal die gewohnten Bahnen verlassen kann. Natürlich lässt sich durch formale sprachliche Veränderung nicht vorgeben, wie man die Räume dann füllt. Das sieht man am Gender­sternchen ganz schön: Wenn Probandinnen lesen «Nennen Sie fünf Musiker*innen», dann nennen sie mehr weibliche Personen, als wenn sie «Nennen Sie fünf Musiker» lesen. Das Sternchen öffnet also den Raum, und der wird auch gefüllt. Aber in diesem Experiment wurden keine nonbinären Personen genannt. Denn das Gender­sternchen bedeutet nicht im linguistischen Sinne «nonbinär». Es signalisiert einfach meine Intention, diese Personen mit anzusprechen.

Kann das Gender­sternchen diese Bedeutung künftig erhalten?
Das hängt davon ab, mit welchen gesellschaftlichen Diskursen und mit welchen Veränderungen in der materiellen Wirklichkeit wir diesen sprachlichen Prozess begleiten.

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