In diesen Zeilen bricht der Krieg aus

Yevgeniy Breyger hat den vielleicht wichtigsten Gedichtband des Jahres geschrieben. Es geht um den Krieg gegen die Ukraine, das Ringen um Worte und Breygers eigene Familien­geschichte.

Von Daniel Graf (Text) und Marc Krause (Bilder), 31.05.2023

Vorgelesen von Patrick Venetz, Danny Exnar, Yevgeniy Breyger
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In «Frieden ohne Krieg» bricht Yevgeniy Breyger radikal mit seiner bisherigen Schreibweise.

Nicht dass es sie scheren würde, aber Wladimir Putin und seine Schergen haben im Februar 22 auch einen Gedicht­band in Deutschland zerstört. Sie haben allerdings auch damit nicht das letzte Wort.

Yevgeniy Breyger, 1989 in Charkiw geboren und zehn Jahre später mit seiner Familie nach Deutschland gekommen, gehört spätestens seit seinem zweiten Buch «Gestohlene Luft» (2020) zu den bedeutenden und vielfach ausgezeichneten Stimmen der deutsch­sprachigen Gegenwarts­dichtung. Im Februar 2022 hatte er gerade sein Manuskript für einen neuen Lyrikband abgeschlossen, dann fiel die russische Armee in die Ukraine ein – und das soeben erst beendete Werk schien Breyger auf einen Schlag sinnlos geworden. Was sollten nun diese formvollendeten Gedichte, wenn sie ein paar Monate später erscheinen würden, aber kein Wort zu diesem Krieg enthielten? Einem Krieg, der alles veränderte und von dem jener Teil von Breygers Familie, der noch in der Ukraine lebte, unmittelbar betroffen war?

Breyger verwarf das ganze Buch. Und schrieb, in ungleich kürzerer Zeit, ein neues. Ein Buch, das zwar in Breyger-typischen Langversen steht, aber einen radikalen Bruch mit seiner bisherigen Schreib­weise vollzieht. Das die ersten Kriegswochen fast tagebuchartig dokumentiert und in vermeintlich alltags­sprachlicher Direktheit politisch Stellung bezieht. Das die Geschichte seiner ukrainisch-jüdischen Familie wie im Zeitraffer erzählt und damit von zwei Kriegen sprechen muss, vom russischen Angriffs­krieg gegen die Ukraine und vom Zweiten Weltkrieg, als die Deutschen das Land überfielen und das grösste Menschheits­verbrechen auch dort verübten.

«Frieden ohne Krieg» heisst dieser Band, der vor kurzem erschienen ist. Es ist vielleicht der wichtigste Lyrik­band des Jahres. Und er enthält auch noch einmal selbst die Geschichte seiner Entstehung.

1

Vor dem Anfangskapitel steht eine beinah leere Seite. Wie um zu zeigen: Eine grosse weisse Fläche ist das Einzige, was vom ursprünglich geplanten Buch übrig ist. Nur im unteren Drittel steht, wie die Fussnote zu einem leer geräumten Blatt, der eine Satz:

* Nach dieser Zeile bricht der Krieg aus

«Heimkern» heisst dieses erste und mit Abstand umfangreichste Kapitel, in dem Breyger von Beginn an die beiden Hauptsujets des Bandes engführt: die Geschichte seiner Familie vom 20. Jahrhundert bis heute. Und sein Erleben der ersten Kriegsmonate nach dem 24. Februar 2022.

Es sind Zeilen, die auf den ersten Blick im krassen Kontrast zu den klanglich durchgeformten, bildlich hochverdichteten Versen seiner ersten beiden Lyrikbände stehen. In geradezu Social-Media-hafter Schärfe kommentieren sie die Diskurse, die in der deutsch­sprachigen Öffentlichkeit die ersten Kriegs­wochen begleiten.

Breyger rechnet ab mit den Verharmlosern des Putinismus, den Russland­versteherinnen in Talkshows, den offenen Briefen «von irgendwelchen deutschen / die sich ernsthaft ‹intellektuelle› nennen», den Empathie­losen, die sich zuallererst um den eigenen Heizungstank sorgen. Er gibt seinen Versen eine Sprache, in der Wut, Verzweiflung, Bitterkeit und Trauer ungeschönt ihren Ausdruck finden.

Auf derart direkte Weise hat Lyrik selten weltpolitische Aktualität aufgenommen – und war zugleich so verankert im Geschichts­bewusstsein. Denn Breyger macht in diesen Texten auch die historischen Traumata sichtbar, die der gegenwärtige Krieg mit aufwühlt.

«charkiw soll evakuiert werden»: So beginnt der grosse erste Zyklus des Buchs. Aber derselbe Vers macht deutlich, hier ist noch nicht der aktuelle Krieg gemeint. Und den zweiten Ortsnamen, der dann fällt, kann man sich vielleicht auch ohne Kyrillisch-Kenntnisse als Babyn Jar erschliessen.

charkiw soll evakuiert werden, weil die deutschen kommen
die ganze familie geht, bis auf Мина, Мина ist schwanger von Вася
der ist ukrainer und will sie beschützen, familie geschockt
die deutschen kommen, Вася verrät sie und sie kommt nach Бабин Яр
mit den anderen jüd*innen, jaja, alte und junge
ihre nachbarin ist auch dabei, wie die hiess, weiss ich nicht

Atemlos und assoziativ geht es durch die Familien­geschichte, und einige Zeilen später sind wir dann in der Gegenwart:

(…) und dann natürlich der krieg
erst kommen sie zu viert nach magdeburg, Виталик fährt aber zurück
weil Ираs mutter und oma (95) aus charkiw nicht mitkommen können

Dass Breyger die Namen seiner Familie auf Russisch wiedergibt, ist natürlich kein Zufall und deutet bereits vorsichtig die sprach­reflexive Dimension an, die für dieses Buch ebenfalls zentral ist.

«Frieden ohne Krieg» bildet Breygers Ringen um eine Sprache für das Unsägliche ab. Und die Geschichte und die Gegenwart, von denen er spricht, müssen unweigerlich auch in einen Konflikt mit den eigenen Mutter­sprachen führen.

abends sitz ich im restaurant und sprech ein wenig russisch
da fällt mir ein, 2 sprachen sprech ich jetzt
deutsch, russisch, einmal die, die meine leute massengemordet
einmal die, die in deren fussstapfen treten wollen und meine andren leute
umbringen

2

Es wäre ein gewaltiger Irrtum, das Ungekünstelte und Umgangs­sprachliche dieser Gedichte für «kunstfern» zu halten.

Und zwar, erstens, schon weil sie gerade dort, wo aus ihnen der Furor spricht, ein genuines Feld der modernen Lyrik bearbeiten: Sprachkritik als Ideologiekritik.

Breyger vollzieht seine Intervention exemplarisch vor allem anhand jenes Bereichs der deutsch­sprachigen Öffentlichkeit, den er am besten kennt: den Literatur­betrieb.

Schonungslos verweist Breyger auf die Taktlosigkeit von Literatur­veranstaltern, die zur Eröffnung ihres Festivals «erstmal paar geiger mit russischer klassik» auf die Bühne schicken und den prominenten Platz der Eröffnungsrede ausgerechnet im Frühjahr 2022 an einen russischen Autor vergeben. Der dann, so Breyger, viel von russischer Kultur rede, aber «kein wort vom krieg» verliere, «kein wort von russischen dreckssoldaten / kein wort von toten / kein wort von müttern, die vergewaltigt werden vor den augen der kinder».

Im Wissen um die Verhärtung und Verhärmung der eigenen Worte fordert Breyger hier eine unmissverständliche Anklage der Verbrechen und eine Sprache der unverstellten Klarheit – auch von seiner eigenen Lyrik, die sonst vollkommen andere Töne anschlägt. Nun setzt er sich darin mit den Mitteln der Polemik zur Wehr, um der Empörung Luft zu machen über all die Wider­sprüche und sprachlichen Fahrlässigkeiten, die es selbst im Diskurs der Wohlmeinenden gibt.

Anderer Anlass, anderer Ort:

zuerst rede vom festivalchef, superfreundlich, alle kennen sich
natürlich «im zeichen der ukraine» usw.
der UKRAINEkrieg hat uns alle hart getroffen – ok, nicht russlands krieg, ja?
uns alle, are you sure? aber klar:
wir werden die auswirkungen anhand der steigenden energiepreise sehr spüren (…)

in solchen harten zeiten ist es am wichtigsten, dass die russische kultur
(hier schalte ich komplett ab, rein in den selbsterhaltungs­modus)
die grosse russische kultur nicht boykottiert werde, das sagt auch der ukrainische PEN-CHEF, jaja
summary: krieg=teuer heizen in D + boykott dostojewski

Das klingt sehr anders als die landläufige Vorstellung von Poesie. Aber es speist sich alles aus grundlegenden lyrischen Tugenden: der Aufmerksamkeit fürs Sprach­detail und der sprachlichen Verdichtung.

Zweitens, und das klang bereits an: Breyger schreibt hochgradig selbstreflexiv. Radikal befragt er auch die eigene Sprecher­position. In einer Art Motto, das den drei Kapiteln des Buches vorangestellt ist (und später wiederholt wird), heisst es:

es ist ein krieg in mir, der will mich ziehn
zieht aber andre
und ich denk mich nur
denk hin

Darin steckt eine komprimierte Ethik für die Kriegs­beobachtung aus der Ferne. Sie besagt nicht weniger als: Wie sehr wir auch immer von Mitteleuropa aus Anteil nehmen, in ganz unterschiedlichen Graden von persönlicher Betroffenheit, wir sind nicht selbst die Haupt­leidtragenden dieses verbrecherischen Krieges. Wir leben nicht in einem angegriffenen Land; wir denken uns nur hin. Vielleicht darf man den Gedanken weiterspinnen: Aus diesem, nun ja, «Privileg» des Davon­gekommen­seins erwächst eine Verantwortung. Und wenn selbst Breyger, der familiär von diesem Krieg betroffen ist, seinen Band mit einem ethisch feinsinnigen Hinweis auf dieses «nur» eröffnet – wie sehr viel mehr gilt das darin enthaltene Postulat für einen Grossteil seiner potenziellen Leserinnen, für die meisten hier von «uns»?

Es ist gerade die Selbst­reflexion, die bei Breyger jedes Um-sich-selber-Kreisen verhindert, den Blick weitet und aufs Solidarische hin öffnet. Und inmitten der Zeilen über Krieg und Verheerung entstehen immer wieder Momente, in denen Kritik und Humor zusammen­finden.

«kleiner exkurs» heisst ein kurzer Abschnitt im ersten Kapitel, in dem es um die Situation von Geflüchteten in Deutschland geht. Es beginnt mit einer Rückblende ins Jahr 2000: «meine freundin Julia kommt 2000 aus der ukraine nach D». Ihrem Diplom als Chemikerin wird von einem «beamtchenlein» (sic) hochmütig die Anerkennung verweigert, und wie Breyger nun diese Episode weiter­erzählt, vor allem aber, wie er sie enden lässt, ist ein diplomreifer Nachweis für die emotionale Klugheit dieses Bandes:

Julia darf in ihrem beruf nicht mehr arbeiten, herzlichen dank!
macht erstmal aushilfsjobs im labor, dann frustriert, depression
heirat, 2 kinder, weiter depression, scheidung
geht ins weinbusiness, schreibt gedichte, weiter depression
wollt ihr wissen, wer zu den top 5 coolste menschen auf der welt gehört:
Julia Grinberg
spoiler, ihr seid nicht dabei, ich auch nicht

In dieser Schlusswendung steckt auch ein ganzes Solidaritäts­konzept. Das Ich, das hier spricht, weiss: Solidarität ist nicht immer das 100 Prozent akkurate Argument. Solidarität heisst, sich im richtigen Moment vorbehaltlos und demonstrativ hinter jemanden zu stellen.

Damit ist aber der «kleine exkurs» nicht zu Ende. Blättert man um – und das Buch ist an dieser Stelle so gesetzt, dass man eben erst nach dem Umblättern auf die überraschende Fortsetzung stösst –, folgt ein komplementärer zweiter Teil. Hier wird dann die Situation geflüchteter Ukrainerinnen damals und heute in Bezug gesetzt, etwa zu den Geflüchteten aus Syrien:

seit 2015 mit den syrer*innen ganz normal
oh, du warst ärztin? mach erstma putzkraft.

Nirgendwo wird der Humanismus dieses Buches verengt aufs Eigene. Nirgendwo ist die Sprach­reflexion dieser Gedichte bloss ästhetischer Selbst­zweck. Aber die Kritik und die Pointen sind mit ästhetischen Mitteln gesetzt.

3

Breygers Auseinander­setzung mit der Sprache lässt sich nur adäquat verstehen, wenn man die Bewegung durch den Band hindurch verfolgt – und nachvollzieht, welche Entwicklung das Ringen um literarischen Ausdruck bereits im grossen Anfangs­kapitel durchläuft.

In dessen letztem Viertel eröffnet Breyger noch einmal einen in sich abgesetzten Teil, der zwischen Langgedicht und Zyklus changiert: 6 Seiten mit je 17 Versen, exakt dieselbe Form wie zuvor. Jede Seite, so scheint es, enthält ein für sich stehendes Gedicht, diese sind dann aber wieder untereinander stark verknüpft.

Selbstbehauptung und das Ringen um die eigene lyrische Sprechfähigkeit sind bei Breyger ein und dasselbe.

Es geht um die Provokationen im russischen Fernsehen, um gehaltene und verschobene Propaganda­reden, um die hemmungslose Instrumentalisierung des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg.

Dann der Gegenschnitt, die Gegenwart in Deutschland, die eigene Suche nach Worten. Und in dem Moment, als das Wort «MUTTERsprache» fällt, geschieht auch etwas mit der Form des Gedichts:

nichts kann mich schockieren, aber alles bringt mich zum weinen
alles ist zum heulen, aber ich kann nicht verneinen
dass ich glücklich bin
ich reit in gedanken in meine gedanken, ich lieb mich schrecklich
ich ziehe mich an meiner längsten feder aus dem tief
ich sag, woher ich komm:
OH DU BIST ABER KEINER
VON DEN FLÜCHTLINGEN?

Bevor das Wort «glücklich», fernab von sonstiger Emphase, ein weiteres Mal das Glück formuliert, diesen Krieg nur gedanklich ausfechten zu müssen und in den eigenen Gedanken Zuflucht zu finden; bevor das Ich nach kurzem Aufatmen einmal mehr auf ignorante Kommentare stösst; bevor der, der da spricht, gleich bekennen wird, «wie ein zicklein am fliessband» zu zittern, bilden ausgerechnet die Worte «weinen» und «verneinen» zum ersten Mal in diesem Zyklus einen Reim.

Nun muss man wissen, dass Breyger dieses klassischste und heikelste Mittel der Lyrik in seinen früheren Gedichten so virtuos und subtil eingesetzt hat, wie das nur wenige sonst beherrschen. Und es ist wohl keine besonders gewagte Vermutung, dass er den Reim angesichts der Kriegs­realität als unangemessen aus den Anfangs­gedichten seines Bandes verbannt hat. Bevor er dann an dieser Stelle eintritt wie ein Schock.

Natürlich weiss Breyger, dass es in der deutsch­sprachigen Lyrik ein anderes Gedicht gibt, das an einer einzigen Stelle einen Endreim aufweist und so bekannt ist, dass die Assoziation hier geradezu unvermeidlich ist: Paul Celans «Todesfuge». Es spricht für das Sprach- und Geschichts­bewusstsein von Breygers Lyrik, dass er nicht mit mimetischem Celan-Ton oder plumpen Zitaten Parallelisierungen schafft, die das jeweils historisch Spezifische eher verdecken als erhellen. Sondern durch den formalen Anklang an Celan daran erinnert, dass literarische Zeugenschaft immer ein Ringen um das sprachlich Angemessene bedeutet. Und die Frage aufruft, welchen Abdruck die unmittelbar zeithistorischen Ereignisse in der eigenen literarischen Ausdrucks­weise hinterlassen.

Breyger stellt sich diesen Fragen mit aller Schonungs­losigkeit auch gegen sich selbst. Selbstbehauptung und das Ringen um die eigene lyrische Sprech­fähigkeit sind hier ein und dasselbe.

«risse muss man sich zuallererst ERARBEITEN», heisst es einige Zeilen nach dem Schock-Reim, und in gewisser Weise ist es da schon umgekehrt: Nachdem die Anfangstexte wie ein Riss durch Breygers bisheriges Schreiben gegangen sind, setzt nun sukzessive so etwas wie die Neugewinnung früherer poetischer Verfahren ein. Ganz zaghaft kommen wieder die Breyger-typischen, fast im Unsichtbaren wirkenden Binnen­reime zurück. Der Text wendet sich thematisch wieder Putins Propaganda­reden zu. Doch das Wort «umkippen» markiert nun tatsächlich einen Kipp-, einen Wende­punkt im Gedicht:

(…) morgen wird die rede gehalten
und ich werd dazu kein wort denken, ich kipp UM
entrücken oder verzücken, gleicher preis

Es folgt einer der zentralen Abschnitte dieses Buches. «wie bei jeder rede bebt die erde wenig» lautet der Vers ganz oben auf der Seite. Will heissen: Auf die Ungeheuerlichkeiten von Propaganda­reden folgt – fast nichts. Keine Proteste, kein Aufschrei in Russland, kein gesellschaftliches Beben. Aber das Gedicht selbst lehnt sich auf, auch indem es sich, noch ungleich stärker als zuvor, dem dichterischen Sprechen überantwortet.

Denn «wie bei jeder Rede» ist hier gar nichts – sondern lyrisch verdichtet. Die e-Vokale treten zu einer Klangkette zusammen, während sich aus den Elementen der «rede» buchstäblich das Wort «erde» formen lässt. Was Breyger hier sprachgestisch vor Augen führt, ist die Eigen­dynamik der Poesie, die sich ihren Weg zurückkämpft:

wie bei jeder rede bebt die erde wenig
löcher graben sich von selbst und tiere
putzen das fell im rhythmus grundsätzlichen wachsens
ich wasch mir die hände 8 mal am tag

Aus «wachsen» erwächst «waschen»: Ein Wort speist das andere. Der subtile Zeilensprung, ebenfalls ein breygerscher signature move, kehrt sogar kurz als Pointen­lieferant zurück:

ich habe kein recht, meine empfindungen zu verallgemeinern
(sagt immer genau der oder die s tut)

Und wenn sich jetzt in der Bildsprache des Gedichts eine dezidiert poetische Wahrnehmung Bahn bricht, dann fängt diese bar jeder poetisierenden Verharmlosung noch immer den Schrecken der Gegenwart ein:

das bettlaken ist verrückt geworden, das kissen dreht durch
das ganze bett schreit wie ein irrer
leg dich
trenn dich vom balsam der wünsche

schreit ganz leis, dass ichs kaum hör
und die innre stimme setzt nix dagegen, wie eingefroren
wie angegorene verwitwung

Dann ein Schlüsselsatz:

falsch ist das bittre, weil s zum himmel stinkt

Breygers lyrisches Ich registriert, dass es die eigene Bitterkeit, wenn die Wahrheiten einmal unmissverständlich ausgesprochen sind, auch wieder überwinden und um seiner selbst willen andere Töne finden muss. Aber es weiss auch, dass es zum Klartext, der dieses Buch bestimmt, angesichts der Kriegs­schrecken keine Alternative gibt. Eine Wieder­gewinnung poetischer Sprech­weisen, wie sie den verworfenen, ursprünglich geplanten Band bestimmt hätten, gibt es nicht als «Rückkehr». Sie ist nur mit einem poetischen Sprechen zu haben, das den Riss, die Zäsur im eigenen Schreiben, sichtbar macht.

Yevgeniy Breyger: Ausschnitt aus dem Binnenzyklus «ich musste mich noch nie bei so vielen menschen entschuldigen» im Kapitel «Heimkern», gelesen vom Autor.

Yevgeniy Breyger: Weiterer Ausschnitt aus dem Kapitel «Heimkern», gelesen vom Autor.

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Es liesse sich allein über die soeben zitierten Seiten noch stundenlang sprechen. Über die reale Begebenheit, die Breyger in Kapitel 2 wie eine Novelle in Versen erzählt. Über die Mehrsprachigkeit im dritten und letzten Kapitel, wo Breyger ein Langgedicht auf Deutsch, Englisch und Russisch schreibt und mit T. S. Eliot einsetzt: «april is the cruellest month». (Das Kapitel trägt übrigens den Namen «Aprillen» – nach dem Berner Lesefest, bei dem Breyger 2022 Teil eines internationalen Lyrikdialogs war.)

Yevgeniy Breyger: Schluss des dreisprachigen Zyklus «Aprillen», gelesen vom Autor.

Aber vielleicht braucht es stattdessen, mit einem Breyger-Titel gesprochen, einen «kleinen exkurs».

Wie seine ersten beiden Gedicht­bände ist auch «Frieden ohne Krieg» bei Kookbooks erschienen, dem Berliner Verlag von Daniela Seel, deren Bedeutung als Verlegerin manchmal vergessen liess, dass sie auch eine ausgezeichnete Lyrikerin und Übersetzerin ist. In diesem Jahr feiert Kookbooks sein 20-Jahr-Jubiläum und man müsste vielleicht treffender sagen: sein 20-jähriges Bestehen.

Denn dass es diesen Verlag trotz widrigster finanzieller Rahmen­bedingungen, trotz notorisch geringer Verkaufs­zahlen für Lyrik, trotz zahlreicher Buchmarkt­krisen in den letzten Jahren noch immer gibt, ist ein kleines Wunder. Man kann es annäherungs­weise mit dem heroischen Durchhalte­vermögen der Verlegerin (und ihres brillanten Illustrators Andreas Töpfer) erklären und mit der Tatsache, dass Kookbooks für alle, deren Herz für die Gegenwarts­lyrik schlägt, eine Institution ist. Oder weniger nüchtern: ein Glücksfall. Jedenfalls ist die Geschichte der deutsch­sprachigen Lyrik (und der Lyrik­übersetzung ins Deutsche) in den letzten zwei Jahrzehnten ganz massgeblich auch eine Geschichte dieses Verlags und seiner Autorinnen.

Dass im Jubiläums­programm von Kookbooks nun Breygers «Frieden ohne Krieg» erschienen ist, passt bestens. Weil dieser Band Sprach­bewusstsein und emotionale Wucht zusammen­bringt, wie es in der Weise nur Dichtung kann.

Zum Buch

Yevgeniy Breyger: «Frieden ohne Krieg». Gedichte. Kookbooks, Berlin 2023. 80 Seiten, ca. 35 Franken.