Der Triumph

Acht Monate nach dem Attentat auf Salman Rushdie erscheint sein neuer Roman auf Deutsch. Das Buch ist ein Ereignis – und seine Botschaft wesentlich komplexer, als die bisherige Rezeption suggeriert.

Von Daniel Graf, 19.04.2023

Vorgelesen von Patrick Venetz
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Schreibt in seinem typischen Genremix aus Märchen, Satire, Farce, Fantasy, Epos und Parodie: Salman Rushdie. Rachel Eliza Griffiths

Natürlich wird der Titel nun als Pointe gelesen. «Victory City» heisst das neue Buch von Salman Rushdie, das morgen auf Deutsch heraus­kommt, und weil es Rushdies erste Buch­veröffentlichung seit dem Attentat auf ihn im vergangenen Sommer ist, wirkt das Erscheinen dieses Romans selbst wie ein Sieg gegen den Hass der Fundamentalisten, die Rushdie und seine literarischen Verbündeten schon seit Jahrzehnten tot (oder zumindest mundtot) sehen wollen. Eine «symbolische Wiedergeburt» hat der indische Autor Somak Ghoshal das Buch genannt.

Tatsächlich lässt sich über «Victory City» nicht sprechen ohne die Vorgeschichte. Sie beginnt 1989 mit dem Mord­aufruf, den der iranische Macht­haber Ayatollah Khomeini in Form einer Fatwa gegen Rushdie und sein literarisches Umfeld erlässt, weil dieser mit seinem Roman «Die satanischen Verse» angeblich den Propheten beleidigt habe.

Um es noch einmal in Erinnerung zu rufen: Es haben als Folge dieser Fatwa Menschen ihr Leben verloren oder sind von Fanatikern lebens­gefährlich verletzt worden. Rushdie selbst musste jahrelang im Untergrund und unter permanentem Polizei­schutz leben, ehe in den vergangenen Jahren die akute Gefahr gebannt schien und er wieder ein beinahe normales Leben führen konnte.

Bis ihn im August letzten Jahres bei einer Lesung im US-Bundes­staat New York ein Mann auf offener Bühne mit einem Messer attackierte, mutmasslich um 33 Jahre später dem Mord­aufruf von 1989 zu folgen, den die iranischen Herrscher bis heute nicht widerrufen haben. Weil einige Mutige aus dem Publikum dem Autor sofort zu Hilfe eilten, überlebte Rushdie den Angriff mit schweren Verletzungen. Er verlor ein Auge, eine Hand bleibt gelähmt.

Dass sein neues Buch nun international in den Buch­läden steht, er vereinzelt Interviews gibt, zumindest ansatzweise wieder schreiben kann und nicht zuletzt: dass er sich seinen Witz und seine literarische Entschlossenheit bewahrt zu haben scheint, lässt sich tatsächlich als Triumph über den Hass begreifen. Und diese Realität schreibt sich in die Lesarten von Titel und Roman­text ein, selbst dann, wenn man weiss, dass Rushdie das Manuskript von «Victory City» samt Korrekturen bereits vor dem Anschlag auf ihn abgeschlossen hatte.

Da scheint es nur zu gut zu passen, dass «Victory City» vom Titel einen Bogen zum letzten Satz des Romans schlägt: «Worte sind die einzigen Sieger.»

Es ist der Satz, der nun überall zitiert wird und gefühlt auch in so ziemlich jeder Rezension als Schluss­wort herhalten muss. Am Ende, so lautet der Tenor, siegt eben doch die Literatur über alle Unbill. Was für eine wohltuende Botschaft.

Man mag dieses Deutungs­begehren angesichts der Umstände verstehen. Nur: An der Pointe des Romans und an Rushdies erzählerischer Virtuosität schrammt das gerade vorbei.

Aber vielleicht gehen wir dann doch mal an den Anfang.

Wir befinden uns im 14. Jahrhundert, «im Süden dessen, was wir heute Indien nennen». Das Waisen­mädchen Pampa Kampana hat mit ihren neun Jahren schon Schreckliches gesehen. Nun aber spricht die gleichnamige Göttin Pampa zu ihr, verkündet, sie sei auserkoren, in einem neu entstehenden Reich, das über zwei Jahrhunderte währen wird, die Fackel der Emanzipation hoch­zuhalten und die Chronik dieses Imperiums zu schreiben. Nur läuft es dabei anders als bei Sheherazade – aufs Erzählen folgt der Tod:

«… du wirst lang genug leben, um Zeugin deines Erfolgs und deines Scheiterns zu werden, um alles sehen und die Geschichte erzählen zu können, doch hast du sie einmal erzählt, wirst du auf der Stelle sterben, und vierhundert­fünfzig Jahre lang wird sich niemand mehr an dich erinnern.» So erfuhr Pampa Kampana, dass die Grosszügigkeit einer Gottheit stets ein zweischneidiges Schwert ist.

Immerhin: Pampa Kampana wird zur Halbgöttin befördert, mit der Fähigkeit zu Wunder­taten versehen – und mit jener Handvoll Samen, die sie später an zwei gewöhnliche Vieh­hirten verteilt, lässt sich die Stadt erschaffen, aus der ein grosses Reich und die Utopie einer gleich­berechtigten Gesellschaft erwachsen soll.

Der Schöpfungsakt allerdings gestaltet sich schwierig. Hukka und Bukka, die beiden verbrüderten Vieh­hirten, die zu den ersten Königen des neuen Imperiums werden wollen, brauchen vor allem eines: eine Geschichte von ihrer Auserwähltheit, an die ihre künftigen Untertanen glauben. Hukka, «der ihre Abstammung im Erzählen ersann», zeigt zum Himmel und sagt: «Da ist unser Vater, der Mond.» Aber Bukka schüttelt nur den Kopf: «Das kauft uns keiner ab.»

So dauert es ein paar Rushdie-typische Dialoge und skurrile Episoden lang, bis die Gründungs­erzählung des neuen Reiches ausgeknobelt, die Botschaft unter die Leute gebracht und mithilfe eines stammelnden Portugiesen der Name der wundersam gegründeten Stadt gefunden ist: Bisnaga, «Stadt des Sieges». Allerdings: Pampa Kampanas Idee von einer friedlichen und gleich­berechtigten Gesellschafts­ordnung bleibt aufgrund begrenzter Wunder­kräfte von Beginn an eher nur work in progress. Und dass die «drei anrüchigen Brüder» von Hukka und Bukka namens Pukka, Chukka und Dev ihre eigenen Vorstellungen von Macht­verteilung haben, verheisst auch nichts Gutes.

Das Reich Bisnaga hat es tatsächlich gegeben. Zumindest so ähnlich.

Ohne die Verballhornung, die Rushdie dem Namen andichtet, hiessen das Reich und seine Hauptstadt Vijayanagara: Sanskrit für «Stadt des Sieges». Und tatsächlich war das südindische Reich, das vom 14. bis zum 16. Jahrhundert bestand, wie von der Göttin bei Rushdie prophezeit, jahrhunderte­lang fast vergessen. Bis es vor allem V. S. Naipaul in den 1970ern mit dem Buch «Indien. Eine verwundete Kultur» wieder ins Bewusstsein rückte – allerdings in einer letztlich hindu­nationalistischen Perspektive, gegen die Rushdie hier anschreibt.

«Victory City» steckt voller literarischer Anspielungen und Verweise, ohne dass man für das Lese­vergnügen auf deren Entschlüsselung angewiesen wäre. Zu den grossen indischen National­epen, dem «Mahabharata» und dem «Ramayana», erfindet Rushdie kurzerhand ein weiteres: eben jene 24’000 Verse lange Erzählung von Pampa Kampana, die den Namen «Jayaparajaya» trage (Sanskrit für «Sieg und Niederlage») und die der geneigte Leser hier «in schlichterer Sprache nacherzählt» bekomme. Und zwar «von einem Autor, der weder Gelehrter ist noch Poet, nur jemand», der zwecks Unterhaltung der heutigen Leserschaft «gerne Fäden spinnt».

Rushdies wichtigster Kniff, um die Geschichte Bisnagas zu bündeln: Er personifiziert sie in seiner Heldin Pampa Kampana.

247 Jahre alt wird die fiktive Dichterin, lebt also gerade lang genug, um Aufstieg und Fall sowie sämtliche Zwischen­stufen der wechsel­vollen Geschichte als Chronistin fest­zuhalten – und selbst zu durch­leiden. Die Halb­göttin Pampa Kampana ist nämlich mit ausgesprochen menschlichen Zügen ausgestattet, kennt die Eifersucht, die Liebe und ein sexuelles Begehren, das «Jahr für Jahr wuchs» (besonders wenn wieder portugiesische Händler durchs Land streiften).

So erzählt also Rushdies Nacherzähler, wie Pampa Kampana die Geschichte Bisnagas erzählt: als Wimmel­bild ständig wechselnder Macht­verhältnisse. Die Progressiven rangeln mit den Reaktionären, die Utopistinnen einer «Was-solls-Toleranz» mit den unterschiedlichsten Dogmatikern restriktiver Moral. Neben dem Historischen kommen auch das Magische, Surreale und Fantastische zu ihrem Recht, und inmitten dieser epischen Erzählung aus vermeintlich fernen Zeiten leuchtet immer wieder Gegenwart auf.

Da halten Anti-Regime-Protestlerinnen weisse Plakate hoch wie zuletzt in China oder im März 2022 in Russland. Da sinnieren Herrschende, man sollte Menschen wie Süss­kartoffeln züchten können, damit es egal sei, «wie viele Soldaten wir in einer Schlacht verlieren». Da scheinen im Ringen um eine gerechte Gesellschafts­ordnung die identitäts­politischen Debatten von heute auf. Und da sind, immer wieder, auch kleine Anspielungen auf Rushdies eigenes Leben seit dem Mord­aufruf.

Blasphemie-Vorwürfe von Fanatikern gibt es auch in Rushdies Bisnaga. Einer der Tyrannen droht Pampa Kampana:

«Wenn ich Euch selbst schon nicht verbrennen kann (…), kann ich doch wenigstens Euer Buch verbrennen, das ich gar nicht zu lesen brauche, um zu wissen, dass es voll unangemessener und verbotener Gedanken steckt.»

Und spätestens wenn der Verfasserin des Bisnaga-Epos «mit glühenden Eisen­stangen die Augen ausgestochen» werden, sind die Parallelen zu dem Angriff auf Rushdie geradezu unheimlich.

Wie die «Stadt des Sieges» aus einer Handvoll Samen erschaffen wird und fortan unzählige Geschichten hervorbringt, so türmt auch Rushdie Story um Story aufeinander, weil das Erzählen neues Erzählen speist. Und so tauchen sie nach und nach vor uns auf: die Herrscher, die aus Ennui oder sexueller Frustration Kriege führen lassen; die Menschen, die «die Wahrheit» verkünden, «womit sie ihre Religion meinten»; die Paläste, wo in «rivalisierenden Schwangerschaften» um dynastische Linien gewetteifert wird.

So geht das durch die Seiten und Jahrzehnte, in Rushdie-typischem Genremix aus Märchen, Satire, Farce, Fantasy, Epos und Parodie von alledem, gespickt mit meta­fiktionalen Spielchen und jeder Menge selbst­referenzieller Jokes. Bis Bisnaga untergeht, Pampa Kampana ihre 24’000 Verse umfassende Chronologie abschliesst und mit ihren buchstäblich letzten Worten den Geschichten­erzählern des Literatur­betriebs schon deren eigene Story zu «Victory City» liefert:

Ich selbst werde nun auch zu nichts. Was bleibt, ist die Stadt der Worte.
Worte sind die einzigen Sieger.

Kursivierung original.

Dass die Worte am Ende überdauern, das hätte schon vor dem Attentat von letztem Sommer gute Chancen gehabt, feierlich zitiert zu werden. Nun scheint es auf den ersten Blick umso passender. Am Ende triumphiert die Kunst, das ist ein uralter Topos.

Aber es ist, mit Verlaub, auch ein bisschen schlicht.

Was Rushdie in «Victory City» vorführt, ist nämlich ungleich ambivalenter, hochaufgelöster, unsentimentaler, und genau das macht das Kunstvolle dieses Romans aus.

Gegen einen allzu simplen Fortschritts­glauben formuliert bereits der Erzähler ein paar triftige Einwände. Bisnaga, heisst es da, sei «zu einem dynamischen Ort mit einer gewaltigen, zukunfts­orientierten Energie» geworden – «aber auch zu einem Ort, der an dem Problem aller Vergesslichen krankte, nämlich daran, dass die Abkehr von der Geschichte die zyklische Wiederkehr ihrer Verbrechen möglich werden lässt».

Vor allem jedoch tritt dieser Roman in seiner ganzen Machart der einseitigen Sichtweise entgegen, die das Geschichten­erzählen automatisch auf­seiten des Guten verortet.

«Was ist der Mensch?», fragt Bukka, der zum König auserkorene Vieh­hirte, zu Beginn. Das ist auch die zentrale Frage des Romans.

Auf den Vorschlag der klassischen Philosophie vom Menschen als vernunft­begabtem Tier würde Rushdie wohl entgegnen: My dear, schau mal in die Geschichte! Die alternative, postmoderne Antwort, die dieser Roman auf gut 400 Seiten entfaltet, lautet: Der Mensch ist das erzählende Tier – und das klingt höchstens harmlos für den, der die Macht von Erzählungen nicht kennt.

Was Rushdie mit «Victory City» in Szene setzt, ist, wie Macht­streben immer auch mit Story­telling einhergeht – und wie Herrschafts­ansprüche nur mithilfe erfolgreicher Geschichten durchsetzbar sind. Dafür braucht er nicht einmal den postmodernen Grund­gedanken zu bemühen, dass die grossen Ideologien der Welt nichts anderes sind als grosse, viral gehende Erzählungen (was im Übrigen selbst eine grosse Erzählung ist). Vielmehr führt er – siehe Hukka und Bukka – von Beginn an in kleinen, zur Farce gesteigerten Episoden vor Augen, dass Geschichten eben nicht nur in Form beglückender Kunst daher­kommen, sondern seit jeher auch zur Durch­setzung und Erhaltung von Macht­ansprüchen instrumentalisiert werden.

«Victory City» ist ein Roman über das Erzählen selbst. Darauf lenkt nicht nur die Rahmen­konstruktion mit der angeblichen Nach­erzählung eines Epos die Aufmerksamkeit.

Wir schauen hier ständig jemandem beim Stricken der eigenen Geschichten zu. Wir sehen die Herrschenden Gründe für ihre Kriege vorschieben, die Gurus und Sekten­führer ihre Erlösungs­narrative fabrizieren, die Macht­aspirantinnen ihre Legitimations­erzählungen formulieren, die Intriganten ihre verbalen Winkelzüge tun. Es geht um Lügen­geschichten, Fälschungen und ideologisch motivierte Konstruktionen von dem, was die natur- oder gottgegebene Ordnung sei.

Wenn «Victory City» eine Botschaft hat, dann die, dass Geschichten das mächtigste Instrument sind, das Menschen zur Verfügung steht – for the good and the bad.

Nur weil Rushdie diese Ambivalenz mithilfe von Fabulier­lust, Witz, Satire, Schalk und überbordender Fantasie erfahrbar macht, kann «Victory City» emphatisch hochhalten, was Literatur als Kunst im Gelingens­fall leisten kann: einen Lese­prozess in Gang setzen, der noch in Momenten der Wieder­verzauberung schonungslos aufklärerisch ist.

Das schliesst die Erkenntnis mit ein, wie der Mensch als erzählendes – und den Erzählungen verfallendes – Tier vor lauter Sinngebungs­eifer immer wieder bereitwillig in Vereinfachungen hineinläuft, wie sie jetzt auch die Lesart von «Victory City» prägen. Man darf sich Salman Rushdie als jemanden vorstellen, der all das mit nachsichtigem, zutiefst menschen­freundlichem Lächeln quittiert.

Als Rushdie kürzlich der «Zeit» ein Interview gab, nahm er übrigens von selbst den Ball aus Pampa Kampanas Schluss­worten auf – und spielte das mediale Spiel einfach mit: «Es sind die Worte, die überleben», sagte er da, und: «Der Künstler hat eben das letzte Wort.»

Beides, richtig betont, ist ja gar nicht falsch. Nur etwas eindimensional. Und damit das genaue Gegenteil von Rushdies vielschichtigem literarischen Weltenbau.

Zum Buch

Salman Rushdie: «Victory City». Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Penguin, München 2023. 416 Seiten, ca. 37 Franken.

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