Licht und Schatten über Kiew.

Leben in Trümmern

Rückkehr

Lesha und seine Frau Agata können gemeinsam Geburtstag feiern. Bei einem Auftrag trifft unser Fotograf zudem den Schweizer Botschafter.

Von Lesha Berezovskiy (Text und Bilder) und Annette Keller (Übersetzung und Bildredaktion), 16.08.2022

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Seit Anfang August ist Agata endlich wieder zu Hause. Die Heimreise verlief nicht ganz ohne Probleme. Bis Warschau klappte alles, aber wie ich befürchtet hatte, wurde es danach, an der Grenze, kompliziert für sie. Es gibt zwar einen direkten Zug von Warschau nach Kiew, aber weil dieser nur einmal am Tag fährt, ist es fast unmöglich, dafür Tickets zu bekommen. Agata ist es gelungen, eines aufzutreiben, leider hat ihr dieses nur bis zur Grenze etwas genützt.

Dort hielt der Zug für mehrere Stunden an, mitten in der Nacht. Agata rief mich um 3 Uhr morgens an, sie war offenbar die einzige Russin im Zug und hatte Angst, dass man sie nicht einreisen lässt. So war es dann auch; sie musste aussteigen, der Zug fuhr ohne sie weiter. «Warten Sie hier auf den obersten Zoll­beamten», hiess es. «Nur er kann entscheiden, ob Sie einreisen dürfen oder nicht.» Den Rest der Nacht verbrachte Agata besorgt auf einer unbequemen Holzbank.

Morgens um 8 Uhr erhielt sie den Bescheid, dass sie über die Grenze darf. Aber nun fuhr kein Zug mehr. Zu Fuss gelangte sie zur nächsten Schnell­strasse und reiste per Autostopp weiter bis ins gut 100 Kilometer entfernte Luzk. Dort erwischte sie einen Bus, zwei Stunden vor ihrem Geburtstag kam sie hier in Kiew an. Es war ein aufreibender Tag, vor allem für sie, aber auch ich war wie auf Nadeln. Und umso glücklicher waren wir, dass sie dann heil angekommen ist und wir ihren Geburtstag gemeinsam feiern konnten.

Wieder zu Hause.
Abendstimmung in Kiew.
Nach dem Sommerregen.

Ich war die letzten Wochen sehr umtriebig und freue mich nun auf ein paar ruhigere Tage oder sogar Wochen mit Agata. Für ein Magazin fotografierte ich ein grösseres Projekt; zahlreiche Porträts von Politikern, Beamtinnen, Botschaftern und ihr ganzes Drum­herum. Auch der Schweizer Botschafter, Claude Wild, war unter den Protagonisten. Ich habe ihm von dieser Kolumne erzählt, er kannte sie nicht – die Republik hingegen schon. Vielleicht zählt auch er bald zu unserer Leserinnenschaft.

Auf der Rückreise aus Lwiw habe ich im Zug eine junge Frau mit ihrem Kind kennengelernt. Auch sie war auf dem Weg nach Hause, nach Butscha. Ich nahm an, dass sie eine rückkehrende Flüchtende ist, aber sie berichtete mir, dass sie mit ihrer Tochter in Lwiw ein paar Tage Urlaub gemacht hatte, wie andere Jahre auch. Sie will ihrem Kind ein kleines Stück Normalität ermöglichen – etwas, an dem uns allen so viel liegt.

Durch Butscha bin ich kürzlich auch gekommen und war überrascht von der geschäftigen Atmosphäre; die vielen Menschen, die unterwegs waren, spielende Kinder. Richtig voller Leben, trotz der offensichtlichen Zerstörung. Das hat mich irgendwie beeindruckt. Weil ich am Steuer sass, konnte ich das Gewusel nicht dokumentieren. Dafür habe ich beim «Friedhof der zurück­gelassenen Autos» im benachbarten Irpin kurz angehalten, das erste Mal. Es sieht aus wie ein Haufen verrosteter Autos, die schon lange herumliegen, doch dieser Eindruck täuscht: Es sind Autos, die während der ersten Kriegs­monate durch Bomben zerstört oder in den Gefechten angezündet wurden und nach dem Rückzug der russischen Truppen von städtischen Diensten hierher­gebracht wurden. Es sind aber auch Flucht­autos darunter, mit Schuss­löchern in den Karosserien; auf einigen ist die Aufschrift «Kinder» zu lesen – damit war die Hoffnung verbunden, bei der Evakuation verschont zu bleiben.

Als wäre alles wie immer.
Schweizer Vertretung in der Ukraine.
Schatten im Fluss.
Der Autofriedhof von Irpin.

In meiner letzten Kolumne hatte ich mich ja auch zum Thema Sprache geäussert, und dazu gab es von den Republik-Leserinnen einige Kommentare und Überlegungen. Ich würde daher gerne ein paar Ergänzungen machen, die vielleicht etwas Klarheit schaffen.

Vom ersten Schuljahr an lernen die Kinder in der Ukraine alle Russisch und Ukrainisch. Wir beherrschen also beides fliessend und können jederzeit switchen. Die Sprachen scheinen recht ähnlich, sind es aber nicht, was vor allem an der Aussprache liegt. Für Russinnen, die nur eine Sprache lernen – nämlich Russisch – ist es schwierig, die Ukrainer zu verstehen, weil die Betonung ganz anders ist, selbst für Wörter, die visuell gleich aussehen. Wir haben eigene Töne für bestimmte Buchstaben.

Zwei Sprachen zu können, ist für uns also normal, und wir bevorzugten lange weder die eine noch die andere Sprache, es gab sie einfach beide. Ich bin im Donbass geboren und aufgewachsen, und ich wurde nie dazu aufgefordert, nur noch Russisch zu sprechen oder nur noch Ukrainisch. An der Uni zum Beispiel hatte ich einige Kurse auf Russisch, andere, am gleichen Tag, wurden dann auf Ukrainisch durchgeführt. Es ist ein Neben­einander, auch heute noch.

Es kursieren Gerüchte, dass wir aufgefordert sind, nur noch Ukrainisch zu sprechen, diese ordne ich aber der russischen Propaganda zu. Wir können uns nach wie vor auf Russisch unterhalten, das ist ziemlich normal. Auch an den Schulen wird weiterhin auf Russisch unterrichtet, wir beschäftigen uns mit russischer Literatur.

Der einzige Grund, warum wir uns neuerdings öfter für die ukrainische Sprache entscheiden, ist unser Bedürfnis nach Abgrenzung von Russland, die Reduktion von Gemeinsamkeiten mit dem Aggressor. Eine erste Welle gab es bereits 2014, nach der Annexion der Krim und der Invasion im Süden.

Heute hat sich dieses Bedürfnis natürlich noch mal verstärkt durch den Krieg. Und die Wahl, vermehrt Ukrainisch zu sprechen, ist gleichzeitig ein stolzer Ausdruck von Unabhängigkeit.

Zum Fotografen

Lesha Berezovskiy arbeitet als freier Fotograf in Kiew. Er ist 1991 im ostukrainischen Bezirk Luhansk geboren. Als dort 2014 der Krieg ausbricht, zieht er in die Haupt­stadt, wo er heute mit seiner Frau Agata lebt.

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