Auf lange Sicht

Ihr persönlicher Platz im Reichtums­ranking

Wir nehmen Ungleichheiten anders wahr, als sie tatsächlich sind. Wie stark? Testen Sie es anhand des eigenen Vermögens.

Von Felix Michel und Simon Schmid, 13.09.2021

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Dieser Beitrag beginnt mit einem Selbst­experiment. Beantworten Sie dazu die folgende Schätzfrage:

Stellen Sie sich vor, alle Schweizer Steuer­zahlerinnen stünden in einer Reihe – ganz links die Ärmsten, ganz rechts die Reichsten, aufgeteilt in hundert gleich grosse Menschen­gruppen. In welcher dieser hundert Gruppen wären Sie vertreten?

Ob Sie wirklich richtig stehen, sehen Sie – wenn Sie als Nächstes Ihr Vermögen angeben. Also Ihren Besitz­stand, so wie Sie ihn in der Steuer­erklärung angegeben haben: Geld auf dem Konto, Wert­schriften, Immobilien. (Falls Sie in der Schweiz keine Steuern bezahlen: Geben Sie einfach einen Betrag an, der ungefähr Ihrem Vermögen entspricht.)

Wie viel ist all das wert?

Im Abgleich mit Daten der Eidgenössischen Steuer­verwaltung können wir Ihnen anschliessend sagen, zu welcher der hundert Gruppen Sie tatsächlich gehören. Oder, um an dieser Stelle gleich etwas statistischen Jargon einzuführen: in welchem Perzentil der Vermögens­verteilung Sie sind.

Wenn sich die Erfahrungen aus unserem Testlauf für diesen Beitrag bestätigen, dann werden Sie mit Ihrem Tipp vermutlich leicht daneben­liegen. Und womöglich werden Sie überrascht sein, dass Sie doch näher am Rand der Perzentil­skala stehen, als Sie dachten – also weiter links von der Mitte (bei den Armen) oder weiter rechts von der Mitte (bei den Reichen) als erwartet.

Ein solches Muster wäre jedenfalls auch konsistent mit Studien, in denen Zeitungs­leser ähnliche Schätzungen abgeben mussten. Doch bevor wir dazu kommen, hier die Gegenüber­stellung: wie Sie sich selbst einschätzen (blau), und an welcher Stelle Sie im Reichtums-Ranking tatsächlich stehen (rot).

Wie bereits erwähnt: Wahrscheinlich haben Sie sich um ein paar Perzentile verschätzt. Doch komplett auf der falschen Seite der Skala lagen Sie wohl kaum – auch diese Tendenz haben wir im Vorfeld beim Testen gesehen. Und auch sie ergibt intuitiv Sinn. Denn die meisten von uns haben ein gutes Gespür, ob wir eher zu den Armen oder zu den Reichen zählen. Wir wissen in ganz groben Zügen, zu welcher sozio­ökonomischen Schicht wir gehören.

Doch damit hat es sich mit der Intuition bereits. Denn unser Gefühl ist kein zuverlässiger Gradmesser, wenn es darum geht, die Vermögens­ungleichheit auch quantitativ einzuschätzen. Also in Zahlen auszudrücken, wie gross die Vermögens­spannweite ist oder wie sie sich über die Zeit entwickelt hat.

Und spätestens an diesem Punkt wird klar, wo hier die Brisanz liegt. Denn, und das ist wissenschaftlich gut untersucht: Unsere verteil­politischen Einstellungen – die etwa anlässlich der sogenannten 99-Prozent-Initiative zum Ausdruck kommen, über die am 26. September abgestimmt wird – hängen nur in den seltensten Fällen davon ab, wie der Reichtum in der Gesellschaft tatsächlich verteilt ist. Nein, entscheidend ist unsere Wahrnehmung der Verhältnisse. Wer glaubt, dass der Reichtum gleichmässig verteilt sei, spricht sich seltener für Umverteilung aus als wer glaubt, der Reichtum sei sehr einseitig verteilt.

Wer ein falsches Bild der Verteilung hat – oder sich selbst auf der Skala ganz falsch verortet –, läuft also Gefahr, gegen die eigenen Interessen zu stimmen.

Das führt uns zur entscheidenden Frage: Wie ist der Wohlstand wirklich verteilt? Und welche (teils falschen) Vorstellungen machen wir uns davon?

Verteilung und Wahrnehmung

Hier einige stilisierte Fakten dazu, eingeteilt in zwei Bereiche (Achtung: Die nächsten fünf Leseminuten erfordern eine erhöhte Konzentration).

Erstens: die Einkommen (also die monatlichen Einnahmen von Personen, die sie durch Lohnarbeit, Kapital­erträge oder Transfers erzielen – das ist zwar nicht der Fokus dieses Textes, aber verteilpolitisch ebenfalls relevant).

Hier zeigen Studien, dass die Ungleichheit in der Schweiz leicht überschätzt wird. Die Einkommens-Mittelschicht ist etwas breiter, als die Leute in Befragungen denken; die Einkommens­spitze ist dagegen etwas schmaler.

Leicht anders nuanciert fallen Befragungen in Deutschland und Frankreich aus: Hier glauben die Leute, es gäbe eine viel grössere Unterschicht, als sie wirklich in diesen Ländern existiert. Umgekehrt ist es in den USA: Hier unterschätzen die Menschen das wahre Ausmass der Einkommens­armut.

Ich will es genauer wissen: Wie steht es um die Einkommens­ungleichheit?

Wie in vielen Ländern wird auch in der Schweiz Geld umverteilt. Arbeitslosen- und Sozialhilfegelder, AHV-Renten, subventionierte Krankenkassen­prämien, Mindestlöhne und generell Steuern tragen so dazu bei, dass die verfügbaren Einkommen, mit denen Menschen Konsumausgaben tätigen können, im internationalen Vergleich verhältnismässig eben verteilt sind. In den Vereinigten Staaten ist die Einkommens­ungleichheit beispielsweise deutlich ausgeprägter.

Die Einkommensungleichheit hat im grossen Ganzen auch nicht zugenommen. Egal, welche Ebene man betrachtet (Stundenlöhne, Arbeitseinkommen, Gesamt­einkommen, Einzelpersonen oder Haushalte): Die Verteilung ist seit zwanzig Jahren ziemlich stabil. Bewegungen gab es allerdings an der Spitze: Topverdiener erfuhren über die vergangenen vier Jahrzehnte einen starken Einkommenszuwachs. Ihr Anteil am Gesamt­einkommen ist gestiegen.

Unklar ist das Bild bei den Vermögens­einkommen. Dazu zählen etwa Zinsen, Dividenden oder Einnahmen aus der Vermietung von Immobilien. Aus manchen Statistiken geht hervor, dass sie in der jüngeren Vergangenheit deutlich langsamer gewachsen sind als die Einkommen, die aus Arbeit erzielt werden. Allerdings, und im Widerspruch dazu, hat ihr Anteil an den Haushalts­einkommen etwas zugenommen. Sicher ist: Gestiegen ist der Wert von Vermögens­anlagen wie etwa Aktien oder Immobilien. Das führt aber nicht zwingend zu höheren Einkommen.

Zweitens: die Vermögen (das Kernthema dieses Textes, zu dem Sie auch Ihre Schätzung abgegeben haben – der Reichtum, den Leute durch angespartes Einkommen oder durch Schenkungen und Erbschaften angesammelt haben).

Hier ist die Ungleichheit deutlich ausgeprägter als bei den Einkommen. Und sie wird typischerweise nicht über-, sondern unterschätzt. Statistiken zeigen:

  • Leute mit höherem Einkommen haben in der Regel auch ein grösseres Vermögen. Dadurch wird die Ungleichheit doppelt akzentuiert. Dazu ein Ergebnis aus Deutschland: Beim untersten Viertel bewirkt das Vermögen einen rechnerischen (also hypothetischen) Einkommens­zuwachs von bloss 10 Prozent, beim obersten Perzentil aber eine glatte Verdopplung.

  • An der Spitze sind die Vermögen am schnellsten gewachsen: Das oberste Perzentil besitzt heute einen grösseren Anteil am Vermögenskuchen als zur Jahrtausend­wende. Besonders stark angestiegen ist der Anteil des obersten Zehntausendstels: Dieses hat seinen Anteil beinahe verdoppelt.

In Befragungen wird die Vermögens­ungleichheit häufig unterschätzt. So sagten Probanden etwa in den USA, dass die obersten 20 Perzentile einen Anteil von 59 Prozent des Gesamt­vermögens besässen. Tatsächlich sind es ganze 84 Prozent. Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine Studie in Australien.

Auch in der Schweiz vereinen die obersten 20 Perzentile sehr viel Vermögen auf sich (zwischen 74 und 88 Prozent). Befragungen dazu gibt es nicht, doch die Vermutung liegt nahe, dass der Anteil auch hierzulande unterschätzt würde.

Kleine Nebenbemerkung: Das Resultat solcher Studien hängt auch etwas vom Forschungs­design ab. Typischerweise geben Befragte zu hohe Werte an, wenn sie nach dem Vermögens­anteil des Top-1-Perzentils oder der Top-10-Perzentile gefragt werden. Und sie geben zu tiefe Werte an, wenn man sie bittet, den Anteil der Top-30- oder Top-50-Perzentile zu schätzen. Es ist also enorm schwierig, sich ein akkurates Bild von Verteilungen zu machen.

Zwei verschiedene Hälften

Wenn Sie bis hierhin aufmerksam mitgelesen haben: Gratulation! Sie wissen nun mehr als die meisten und dürfen Ihre Gesprächs­partner bei der nächsten Diskussions­runde gern mit differenzierten Fakten belehren, wenn wieder mal jemand behauptet, die Gesellschaft werde einfach immer ungleicher.

Trotzdem wagen wir die Behauptung: Auch als abgebrühte Ungleichheits­expertin werden Sie die folgenden zwei Grafiken beeindrucken. Sie illustrieren, wie weit die Vermögens­schere in der Schweiz effektiv offen ist.

Die erste Grafik ist eigentlich nur eine halbe Grafik. Sie zeigt die untere Hälfte der Vermögens­verteilung – Perzentil 0 bis 50. Und sie führt (vertikal nach unten laufend) das Vermögen auf, das zu diesen Perzentilen jeweils gehört.

Man sieht: Ganze 23 Prozent der Steuer­zahlerinnen weisen überhaupt kein Vermögen aus. Diese Personen konnten (abgesehen vom Geld in der 2. und 3. Säule) also bisher nichts auf die Seite legen oder sind so stark verschuldet, dass unter dem Strich kein Vermögen mehr übrig bleibt.

Wer nur schon 1 Franken Vermögen deklariert, ist also bereits reicher als fast ein Viertel der restlichen Steuerzahler. Und wer ein Vermögen von 35’000 Franken besitzt, der hat bereits die Hälfte der Steuer­bevölkerung hinter sich gelassen. Das unterstreicht, wie wenig Vermögen insgesamt in der unteren Verteilungs­hälfte vorhanden ist (übrigens: Zu den «Steuerzahlern» zählen Einzel­personen sowie Verheiratete, die ihre Steuern gemeinsam bezahlen).

Ganz anders sieht es in der oberen Hälfte aus. Wie viel Vermögen ist oberhalb der Mitte, bei den Top 10 und im obersten Perzentil konzentriert? Und ab welcher Vermögens­schwelle kann man sich in diesen Gruppen einreihen?

Hier ist die visuelle Antwort in unserer vervollständigten Verteil­grafik von oben. Sie bedarf keiner weiteren Ausführungen mehr.

Zu den Daten

Die Eidgenössische Steuer­verwaltung publiziert jährlich eine Vermögens­statistik der natürlichen Personen. Diese basiert auf Angaben der Kantone und enthält bedauerlicher­weise nur ein grobes Raster: Aufgeführt ist beispiels­weise, wie viele Personen ein Vermögen zwischen 0 und 50’000 Franken haben, zwischen 50’000 und 100’000 Franken, zwischen 100’000 und 200’000 Franken und so weiter.

Um aus diesen Klassen eine Perzentil­verteilung zu erhalten, muss eine sogenannte Interpolation durchgeführt werden. Das Standard­verfahren dazu heisst «gpinter» und wird beispiels­weise von der Daten­plattform World Inequality Database verwendet. Ursina Kuhn, Forscherin am Schweizer Kompetenz­zentrum Sozial­wissenschaften Fors, hat die Berechnungen für die Republik durchgeführt.

Um die Vermögens­verteilung zu schätzen, gibt es neben der Steuer­verwaltung noch andere Quellen. Diese haben den Vorteil, dass sie auch Komponenten wie die 2. und 3. Säule berücksichtigen, sind allerdings weniger umfangreich. Die Ungleichheit fällt etwas geringer aus, wenn man sie mit diesen Quellen auswertet.

Für diesen Beitrag haben wir unter anderem deshalb mit Steuer­daten gearbeitet, weil die 99-Prozent-Initiative explizit darauf Bezug nimmt. Das Initiativkomitee schlägt vor, dass Kapital­einkommen ab einer Schwelle von 100’000 Franken zu einem höheren Satz besteuert werden. Um ein solches Einkommen zu erzielen, sei ein angelegtes Vermögen von rund 3 Millionen Franken notwendig.

Anmerkung: Da es in einigen Kantonen Freibeträge bei der Vermögens­steuer gibt, sorgte dieser Satz in einer früheren Textversion für Verwirrung: «Wer nur schon 1 Franken Vermögen versteuert, ist also bereits reicher als fast ein Viertel der restlichen Steuer­zahler.» Da in der Statistik die Freibeträge nicht berücksichtigt sind, haben wir die Formulierung angepasst: «Wer nur schon 1 Franken Vermögen deklariert, ist also bereits reicher als fast ein Viertel der restlichen Steuer­zahler.» Eine analoge Anpassung wurde beim folgenden Satz vorgenommen.

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