Spurensuche: Historikerin Jovita dos Santos Pinto auf dem Espace Tilo-Frey bei der Universität Neuenburg, nahe am See.

Der sonderbare Fall der Tilo Frey

Sie war die erste Schwarze Parlamentarierin der Schweiz. Doch kaum jemand kennt sie. Was ändert die Tatsache, dass ein Platz nach Tilo Frey benannt wurde? «Reise in Schwarz-Weiss», Folge 2.

Von Carlos Hanimann (Text) und Sébastien Agnetti (Bilder), 02.06.2021

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Im Jahr 1959 führte der Kanton Neuenburg das Frauen­stimmrecht ein, und Tilo Frey, eine damals 36-jährige Lehrerin, stieg sogleich in die Politik ein. Sie trat der FDP bei, schaffte bei den Wahlen 1964 den Sprung ins Stadt­parlament. 1969 wurde sie als erste Frau ins Neuenburger Kantons­parlament gewählt, und zwei Jahre später gehörte sie zu den ersten elf Frauen, die in den National­rat zogen: Im Herbst 1971 war Tilo Frey die erste Schwarze Frau im Bundeshaus.

Im Sommer 2008 starb Tilo Frey. Die Deutsch­schweizer Presse würdigte das Leben dieser Schwarzen Pionierin mit zwei Kurzmeldungen: fünf Sätze in der «Basler Zeitung», sechs Sätze in der «NZZ am Sonntag».

Und das fasst ganz gut zusammen, warum die Historikerin Jovita dos Santos Pinto an einem eisigen Januartag auf einem kleinen Platz am Ufer des Neuenburger­sees steht, die Bise im Gesicht, die Kälte in den Knochen, den Pappbecher mit Tee in der Hand, und mir aus dem Leben dieser Frau erzählt, die einst für grosse Aufregung sorgte in diesem kleinen Land – und bald darauf vollständig vergessen ging.

Zur Serie

Was hat George Floyd mit der Schweiz zu tun? Was heisst Schwarz sein in der Schweiz? Was verbindet People of Color ausser der gemeinsamen Erfahrung des Ausschlusses? Reicht das? Wofür? Und welchen Einfluss hat das koloniale Erbe der Schweiz? Fünf Stationen, fünf Reportagen. Hier geht es zum Auftakt zur Serie.

Der Platz, auf dem wir stehen, trug bis vor kurzem den Namen eines verdienten Natur­forschers und glühenden Rassisten aus dem 19. Jahr­hundert. Seit Sommer 2019 aber ist es der wohl einzige Platz in der Schweiz, der nach einer nicht weissen Person benannt ist: «Espace Tilo-Frey» – so steht es in silbernen Buchstaben auf der blauen Tafel. «Erste Neuenburgerin im Parlament, Politikerin, Schweiz-Kamerunerin, 1923–2008.»

Schwarze Frau verdrängt weissen Rassisten – das könnte eine tolle Geschichte mitten aus der Gegenwart sein.

Die Wirklichkeit ist komplizierter, anstrengender, schmerzhafter. Das hat mit der Schweiz zu tun und ihrem Umgang mit «dem Anderen». Aber auch mit der Geschichte von Tilo Frey. Und die kennt niemand besser als Jovita dos Santos Pinto.

«Es ist wichtig zu verstehen, wer warum ins Rampen­licht gelangt», sagt dos Santos Pinto. «Und wer wieder aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet.»

Wie ein Gespenst in der Geschichte

Jovita dos Santos Pinto, 36 Jahre alt, ist eine aufstrebende Wissenschaftlerin. Sie doktoriert am inter­disziplinären Zentrum für Geschlechter­forschung, derzeit schreibt sie an ihrer Dissertation über «Schwarze Frauen in der Öffentlichkeit» und reist für längere Forschungs­aufenthalte nach Lissabon und Berkeley.

Dank ihrer Umtriebigkeit hat sie es in jüngster Zeit auch ausserhalb der akademischen Zirkel zu einiger Bekanntheit gebracht. Sie ist Mitgründerin von «Bla*Sh», einem Netzwerk Schwarzer nicht binärer Menschen und Frauen, sie führt mit «Histnoire» eine Website, auf der sie Geschichten Schwarzer Frauen dokumentiert, und sie ist eine gefragte Expertin in Sachen Rassismus und Postkolonialismus.

Ich habe sie gebeten, mit mir nach Neuenburg zu fahren, in die Stadt, in der Tilo Frey ihr Leben verbrachte und wo seit Sommer 2019 ein Platz ihren Namen trägt. Neuenburg ist seit einigen Jahren auch Schauplatz heftiger Auseinander­setzungen mit dem kolonialen Erbe der Schweiz. Denn der herrschaftliche Pomp, den man in dieser Stadt bisweilen sieht, gründet auch auf dem Reichtum des Bankiers und Kaufmanns David de Pury, der im 18. Jahr­hundert als Sklaven­händler in London und später in Lissabon reich wurde. Von Portugal aus, der zweit­grössten Sklaverei­nation der Welt, handelte er später auch mit Rohstoffen aus Brasilien, etwa mit Diamanten und Holz. Bei seinem Tod vermachte er der Heimat­stadt Neuenburg ein Vermögen in der Höhe von umgerechnet rund 600 Millionen Franken.

In Neuenburg also will ich mit Jovita dos Santos Pinto über Tilo Frey reden: Wer sie war, wie sie wahrgenommen wurde und warum sie so radikal aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist. Aber ich will auch wissen, was es über dieses Land sagt, dass die erste nicht weisse nationale Politikerin aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen wurde. Was es für Schwarze Menschen und People of Color bedeutet, in diesem Land zu leben. Und auch: Warum wir Tilo Frey nicht besser in Erinnerung behalten haben.

Dos Santos Pinto hat vor einigen Jahren mit ehemaligen Freundinnen und Weggefährten von Tilo Frey gesprochen und die wenigen Akten studiert, die Frey als Parlamentarierin dem Bundes­archiv übergeben hatte. Daraus entstand eine Lizenziats­arbeit. Es ist bis heute die einzige fundierte Auseinander­setzung mit der Neuenburger Politikerin.

«Sie ist wie ein Gespenst, das durch die Geschichte geistert», sagt dos Santos Pinto. Immer wieder stiess sie bei ihrer Forschung auf lose Enden, häufig verloren sich die Spuren von Tilo Frey im Nirgendwo.

Blumen für die Pionierinnen: Tilo Frey (Mitte) und Liselotte Spreng für die FDP beim ersten Sessionstag der Legislaturperiode am 29. November 1971, als erstmals überhaupt Frauen im Parlament sassen. Keystone

Frey sass nur vier Jahre im Nationalrat, danach verschwand sie von der nationalen Bühne, zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück und verbrachte viel Zeit in ihrem Haus in Südfrankreich. Sie war nicht verheiratet, hatte keine Kinder und keine Geschwister, keine bekannten Cousinen oder andere Verwandte, ihr Leben beendete sie mit Exit. Schriftliche Aufzeichnungen hinterliess sie wenige. Die Anekdoten aus ihrem Leben sind rar und vage, verbürgt ist kaum etwas.

Was dos Santos Pinto trotzdem berichten kann: Tilo Frey wurde 1923 in Maroua, im Norden des heutigen Kameruns, geboren, als Tochter einer Schwarzen Mutter und eines weissen Vaters. Er hatte an der ETH Mathematik und Physik studiert, zumindest ein paar Semester lang, weshalb er oft als Ingenieur bezeichnet wird. In Wahrheit musste er das Studium abbrechen, nachdem ihm im Ersten Welt­krieg das Geld ausgegangen war. Er reiste in das kolonisierte West­afrika, arbeitete einige Jahre als Händler und lernte in der Region um Maroua Tilo Freys Mutter kennen: Fatimé Bibabadanna, die dem Volk der Fula (oder französisch: Peul) angehörte.

Über die Umstände und die Beziehung von Tilo Freys leiblichen Eltern weiss auch Historikerin dos Santos Pinto wenig. Als sicher gilt, dass die beiden nicht verheiratet waren, wie das hin und wieder kolportiert wird.

Als Tilo Frey fünf Jahre alt wurde, nahm der Vater sie mit in die Schweiz und adoptierte sie gemeinsam mit seiner Schweizer Ehefrau. Freys Mutter liess er in Kamerun zurück. Der Tochter erklärte er später, er habe gehofft, dass sie in der Schweiz eine bessere Zukunft habe als in Afrika. Was genau er damit meinte und was die Mutter darüber dachte, ist nicht bekannt.

In Neuenburg wuchs Frey in einem bürgerlichen Haus auf. Nach der Schule wurde sie Lehrerin und unterrichtete Stenografie. Später übernahm sie die Direktion der Höheren Töchtern­schule. Wie es sich für das Bürgertum gehörte, trat Frey der FDP bei, nachdem sie 1959 das kommunale Stimm- und Wahlrecht erhalten hatte.

Knigge war Frey wichtig: Eine Frau hatte hausseitig zu gehen, der Mann am Trottoir­rand; Männer mussten Türen öffnen und Frauen stets ein zweites Paar Strümpfe in der Handtasche tragen, um gegen die Peinlichkeit einer Laufmasche gerüstet zu sein.

«Tilo Frey scheint viel Wert auf solche Dinge gelegt zu haben», erzählt Jovita dos Santos Pinto, als wir durch Neuenburg gehen. Sie habe andere darauf aufmerksam gemacht, wenn sie diesen Regeln nicht folgten. Das könne man mit dem bürgerlichen Habitus erklären. «Aber es gibt noch eine andere Lesart», sagt dos Santos Pinto. «Dass es für Frey als Schwarze Frau besonders wichtig war, diese Regeln zu befolgen, um Zugehörigkeit zu einem weissen Bürgertum zu zeigen.»

Black Lives Matter in der Schweiz

Am 25. Mai 2020 tötete ein weisser Polizist den Afro­amerikaner George Floyd und löste damit erst in den USA, dann weltweit wochen­lange Proteste aus. Auch in der Schweiz führten die Black-Lives-Matter-Demonstrationen zu breiten Debatten: Plötzlich wurde zur Primetime über Rassismus­erfahrungen Schwarzer Menschen und People of Color diskutiert. Jede halbwegs interessierte Bürgerin erfuhr, dass auch Schweizer am trans­atlantischen Sklaven­handel beteiligt gewesen waren und davon profitiert hatten.

Kurz darauf verschwand das Thema wieder aus den Schlag­zeilen. Bis zu einer vertieften Auseinander­setzung mit Racial Profiling und ungerechtfertigten Polizei­kontrollen kam man nicht. Auch nicht bis zur Frage, ob die bewaffnete Verteidigung des europäischen Grenz­regimes und das Sterben­lassen von Geflüchteten auf dem Mittel­meer auch etwas damit zu tun haben könnte, dass es nicht weisse Menschen sind, die man ertrinken lässt oder gar tötet.

War es das?

Erschöpfte sich Black Lives Matter in der Schweiz in ein paar Kundgebungen in Schwarz und einer schwarzen Kachel auf Instagram?

Nicht für viele Schwarze Menschen und People of Color.

Für sie konnte die Sache aus ganz praktischen Gründen nicht erledigt sein: Ungerechtfertigte Polizei­kontrollen und Diskriminierungen im Alltag hatte es schon vor dem Tod von George Floyd gegeben – und der Rassismus in diesem Land hat sich auch nach zwei «Arena»-Sendungen nicht in Luft aufgelöst.

«In den medialen Debatten wurde sehr viel über Statuen und Symbole geredet», sagt Jovita dos Santos Pinto. «Auf der Strasse hingegen standen Polizei­gewalt und Rassismus im Zentrum. Sprach man diese Themen öffentlich an, kam sofort die Abwehr: Die Schweiz ist nicht wie die USA.»

«Ist die Kritik denn falsch?», frage ich.

«Sie zeigt vor allem, wie man hierzulande über Rassismus denkt und wie man sich Rassismus vorstellt. Rassismus ist etwas, das weit weg von hier geschieht.»

«Es gab doch zahlreiche Berichte über Rassismus in der Schweiz.»

«Die Menschen, die in erster Linie eingeladen wurden, um von ihren Rassismus­erfahrungen zu erzählen, waren Leute wie wir: In der Schweiz aufgewachsen, sicherer Aufenthalts­status, eher über­durchschnittlicher Bildungs­hintergrund. Aber wenn wir über Analogien zu den USA nach­denken wollen, über Rassismus und das Schwarz­sein in der Schweiz und anderswo, dann müssen wir auch über das institutionelle Sterben­lassen und Töten von Menschen reden, über Flucht­geschichten, über Grenzen. Meine Lebens­realität und der Rassismus, den ich als Wissenschaftlerin erfahre, ist in wesentlichen Belangen anders als jener, den diejenigen erfahren, die während der Pandemie in Asyl­camps eingesperrt wurden.»

Die grossen Demos letzten Sommer hatten für viele Schwarze und People of Color eine Bedeutung, die über das Schleifen alter Statuen hinausging. Es scheint, dass bei vielen ein neues Bewusstsein für Identitäten erwacht ist. Inspiriert von Schwarzen Bewegungen in den USA oder Südafrika hat damit auch die Suche nach einer anderen Geschichte dieses Landes begonnen.

«Unsere Generation ist mit rassistischen Bildern aufgewachsen, ohne sie zu hinter­fragen. Auch wir rannten, wenn ein Kind rief: ‹Wer het Angscht vorem schwarze Maa?›»: Jovita dos Santos Pinto.
Generöser Spender: Neuenburg ehrt David de Pury mit einer Statue und einem Platz. Das Geld, das er der Stadt vermachte, hatte er auch seinen Geschäften mit der Sklaverei zu verdanken.

Wir stehen auf der Place Pury, als wir auf die Demos vom letzten Sommer zu sprechen kommen. Seinen Namen verdankt der Platz dem spendablen Stadt­vater David de Pury, dessen Sklaverei­beziehungen schon seit Jahren für Kontroversen sorgen. Letzten Sommer tränkten Aktivistinnen eine Statue von de Pury in blutrote Farbe. Die Stadt beeilte sich zwar, ihren Stadt­vater mit Hoch­druck davon zu reinigen. Aber noch heute kleben neben dem Tauben­dreck Über­reste roter Farbe an seinen Schultern.

«Wir sind alle in einer Schweiz aufgewachsen, in der es kaum kolonialismus­kritische und rassismus­kritische Diskurse gab», sagt dos Santos Pinto. Es fehlte – anders als etwa in den Amerikas – an zugänglichen Schwarzen Geschichten, an gemeinsam erlebten oder erzählten Ereignissen in der Vergangenheit, an denen man sich entlang­hangeln könnte, wenn man eine Schwarze Geschichte der Schweiz zu erzählen versucht. Und es fehlte auch an Schwarzen Vorbildern.

Tilo Frey hätte vielleicht so ein Vorbild sein können.

Als hätte sie nie existiert

Als Tilo Frey im Herbst 1971 für den National­rat kandidierte, sorgte das für Gesprächs­stoff. Die NZZ veröffentlichte im Vorfeld der ersten Parlaments­wahlen mit Frauen­beteiligung ein Porträt über die freisinnige Kandidatin mit dem Titel: «Die Nationalrats­kandidatur aus Kamerun.» Natürlich war Frey nicht von Afrika aus in den Wahl­kampf gestartet, sondern nur dort geboren worden – 48 Jahre zuvor.

Doch auch nach über vier Jahrzehnten in der Schweiz galt sie als die faszinierend Fremde, als Andere: eine Schwarze, die in ein weisses (und männliches) Parlament eindringen wollte.

Es ist also nicht so, dass die erste Schwarze Frau unbemerkt ins Bundes­haus geschlichen wäre. Und doch ging sie nach ihren vier kurzen Jahren im National­rat auf eine sonderbare Weise vergessen.

An ihrem Lebens­abend war es fast so, als hätte Tilo Frey nie existiert: Ein Jahr vor ihrem Tod schaffte der Bieler Sozial­demokrat Ricardo Lumengo den Sprung in den National­rat, und fast alle Medien im In- und Ausland bezeichneten ihn als «ersten dunkel­häutigen Parlamentarier» der Schweiz.

Von Tilo Frey nicht die geringste Spur.

Schwarze Vorbilder

Dos Santos Pinto erzählt, dass sie selbst über ihren Bruder politisiert worden sei. Er war Mitglied bei Colours, einem Verein von People of Color, der über die ganze Schweiz mehrere hundert Mitglieder hatte. So sei sie auch mit der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland in Kontakt gekommen und machte dort eine völlig neue Erfahrung: «Da waren nur Schwarze Menschen, aber alle redeten Deutsch. So erhielt ich relativ früh Zugang zu einem Ort, wo viel über das Schwarz­sein geredet wurde.»

«In meiner Kindheit fand ich die einzigen solchen Vorbilder nicht in der Schweiz, sondern in den USA», sage ich. «Das waren zuerst Fernseh­figuren wie Theo Huxtable

«Ich finde es interessant, dass es immer wieder die USA sind, die den Rahmen bieten, um über das Schwarz­sein nachzudenken», sagt dos Santos Pinto.

«Ist es nicht problematisch», wende ich ein, «dass stets die USA als kulturelle Referenz herangezogen werden, wo sie doch eine ganz andere Geschichte haben als Europa?»

«Aber wir müssen doch auch sagen: Zum Glück gab es die Familie Huxtable und nicht immer nur Kasperli und Susu und den Häuptling Krambambuli.»

Dos Santos Pinto beschäftigt noch eine weitere Frage: Warum etwa «Die Bill Cosby Show» in Erinnerung geblieben sei, nicht aber zum Beispiel der Schwarze Fernseh­moderator Bernard Senn. «Er ist seit den Neunzigerjahren am Bildschirm zu sehen», sagt dos Santos Pinto. «Es gab auch Kristin T. Schnider oder Serena Dankwa am Fernsehen. Aber trotzdem präsentierte das SRF Angélique Beldner als erste Schwarze Moderatorin.»

Beldner wurde 2015 «Tagesschau»-Sprecherin, die Presse feierte sie als erste Schwarze Frau im Fernsehen. Vergangenen Herbst drehte sie einen viel beachteten und kontrovers diskutierten Dokumentar­film: «Der Sommer, in dem ich ‹Schwarz› wurde.» Darin erzählt Beldner von ihrer persönlichen Erweckung durch die Black-Lives-Matter-Bewegung. Sie reist filmisch durch ihre Biografie und konfrontiert in schmerzhaften Begegnungen die Diskriminierungen, die sie jahre­lang hingenommen hatte, ohne sie zu hinterfragen.

Als 2015 etwa weisse Polizisten Eric Garner vor einem Super­markt in New York würgten, bis er nicht mehr atmen konnte, und die SRF-Sendung Kulturplatz dem Thema «Schwarzer Protest» eine Sendung widmete, sagte Fernseh­frau Beldner einer weissen Moderatorin noch, sie habe in ihrem Leben kaum Rassismus erfahren. «Mit mir persönlich hat das eigentlich nichts zu tun», sagt Beldner etwa über die polizeiliche Praxis des Racial Profilings.

Fünf Jahre später aber, als auch George Floyd nicht mehr atmen kann, bemerkt Beldner, dass Rassismus und Exotisierung in ihrem Leben sehr wohl allgegenwärtig waren – nur dass sie sie nicht als solche erkannte und benannte.

Wie kann das sein?

Warum glauben selbst Betroffene das Märchen, dass Rassismus kein Rassismus sei, wenn er nicht rassistisch gemeint sei, wo sie doch ein Leben lang genau das Gegenteil erlebt haben? Was macht diese Gesellschaft mit uns, dass wir lächeln, wenn wir konfrontieren sollten, dass wir wegschauen, wenn wir hinsehen sollten? Und wie lässt sich das ändern?

Jovita dos Santos Pinto sagt, der Wandel, den Beldner in ihrem Film beispielhaft verkörpert, habe auch mit anti­rassistischer Aufklärungs­arbeit zu tun, die in den vergangenen Jahren von Schwarzen und migrantischen Gruppen geleistet wurde. «Plötzlich begnügt sich Beldner nicht mehr mit der einfachen Erklärung, dass ihr diese Diskriminierungen widerfahren, weil sie halt ‹ein bisschen exotisch› sei. Sondern sie ordnet die Exotisierung als Ausdruck rassistischer Strukturen ein. Black Lives Matter und die damit verbundenen Diskussionen haben ihr diesen neuen Rahmen gegeben.»

Das zeige, wie wichtig es ist, welche Themen in der Öffentlichkeit diskutiert, welche Geschichten erzählt und welche Personen im Rampen­licht stehen. Und welche aus dem kollektiven Gedächtnis wieder gestrichen werden.

Nur ein Kaminfeger

Als Jovita dos Santos Pinto Anfang der Nullerjahre zu studieren begann, kam in der Schweiz gerade die post­koloniale Forschung auf. Das bot ihr einen völlig neuen Deutungs­rahmen, wie sie sagt. Heute gelte die Erkenntnis, dass es in Schweizer Kinder­geschichten wie Kasperli oder Globi von kolonialistischen und rassistischen Bildern wimmle, fast als banal. Aber als Patricia Purtschert, ihre Doktorats­betreuerin, vor ein paar Jahren die Globi-Geschichten mit diesem neuen Blick untersuchte, war das ein radikaler Forschungs­ansatz, der damals wie heute auf einigen Wider­stand stösst.

«Unsere Generation ist mit rassistischen Bildern aufgewachsen, ohne sie zu hinter­fragen», sagt die 36-jährige dos Santos Pinto. «Auch ich hörte in meiner Kindheit Kasperli­theater rauf und runter, wir spielten Schwarzer Peter und rannten, wenn ein Kind rief: ‹Wer het Angscht vorem schwarze Maa?›»

«Als Kind hat man mich beschwichtigt: Gemeint sei ein Kaminfeger.»

«Das sagt man über den Schwarzen Peter auch», antwortet dos Santos Pinto. «Aber wenn man sich die verschiedenen Ausgaben des Karten­spiels anschaut, dann ist die Entwicklung völlig offensichtlich. Der Schwarze Peter wird erst in jüngerer Zeit zum Kamin­feger. Es gibt noch andere Beispiele: Immer wieder gibt es grosse Kontroversen zum ‹Zwarte Piet› in Holland. Aber niemand redet über den Schmutzli in der Schweiz. Dabei steht Schmutzli eindeutig in der rassistischen Tradition des Blackfacings.»

«Schmutzli ist Schwarz?», frage ich. Dann fällt mir eine Begegnung ein, die ich vor ein paar Jahren hatte: «Als ich den Miet­vertrag für eine Wohnung unterzeichnen sollte, sagte mir der Vermieter, dass bald ein Weihnachts­fest in der Siedlung stattfinde. Ich wollte mich gerade höflich für die Einladung bedanken, da sagte er, einen Samichlaus hätten sie schon, es fehle aber noch ein Schmutzli.»

«Schmutzli ist ein armer, dunkler, verlumpter Diener des Samichlaus», sagt dos Santos Pinto. «Vielleicht ist er wirklich einfach ein schmutziger Diener, wie die Leute sagen. Vielleicht ist er aber auch ein Schwarzer Sklave.»

Folge man Frantz Fanon, werde in Europa das Schwarze stets mit Negativität assoziiert. Das Weisse sei rein und positiv, das Schwarze schmutzig und negativ, sagt dos Santos Pinto. «Es mag also sein, dass gewisse Leute in diesen Spielen einen Kamin­feger imaginiert haben. Dann wäre es klassistisch. Aber zu der Zeit, als wir als Kinder Schwarzer Mann spielten, gab es so gut wie keine Kamin­feger mehr. Die viel nähere Assoziation waren Schwarze Menschen, die diskriminiert und kriminalisiert wurden.»

Lächeln gegen Neonazis

Als Tilo Frey in der Schweiz aufwuchs, war auf dem Schwarzer-Peter-Spiel noch kein Kamin­feger abgebildet, sondern ein Schwarzer Mann mit wulstigen, roten Lippen. Wie ging Frey damals mit Rassismus und Diskriminierung um? Was hat uns diese Frau, über die wir in der Schule nie etwas erfahren haben, heute im Umgang mit Rassismus zu sagen?

Tilo Frey berichtete kaum von den Schikanen, mit denen Schwarze Menschen im Europa der Dreissiger­jahre leben mussten. Man weiss nicht, ob auch ihre Pubertäts­zeit «aus Ducken, Verkriechen, Nicht­auffallen» bestand wie beispiels­weise die des gleichaltrigen afrodeutschen Berliners Theodor Wonja Michael, der als Kind auf sogenannten Völker­schauen auftreten musste, den National­sozialismus überlebte und später für den deutschen Geheim­dienst BND arbeitete. Fand auch sie Trost im «Beten und Singen», wie Michael es rückblickend in seiner Autobiografie beschrieb?

Man weiss nicht, wie die heran­wachsende Afro­schweizerin nach Norden blickte, wie sie vom Kriegs­ausbruch erfuhr, was sie dachte und wovor sie sich fürchtete, wenn sie die Nachrichten über Hitler-Deutschland las. Sie muss sich damals zweifellos Gedanken über die Sicherheit ihres Schwarzen Körpers gemacht haben. Sie muss überlegt haben, wie Schwarze Menschen in einer weissen Gesellschaft leben können. Aber Tilo Frey trug das Schwarz­sein nicht vor sich her, ihre Gedanken und ihre Gefühle behielt sie für sich.

Alle Menschen mit Rassismus­erfahrung entwickeln früher oder später Strategien, um mit Diskriminierungen fertigzuwerden. Sie finden sie von sich aus oder schauen sie sich ab. Manche werden schlag­fertig und wütend, andere verstecken sich und machen sich klein. Manche reagieren stoisch, andere gleich­gültig. Wieder andere wollen sich nichts anmerken lassen und lachen darüber hinweg, zumindest über die kleinen, alltäglichen Verletzungen, an die man sich irgend­wann gewöhnt. Viele von uns kennen den späten Geistes­blitz, den die Französinnen mit esprit d’escalier beschreiben: Der treffende Satz fällt einem erst beim Gehen auf dem Treppen­absatz ein.

Tilo Frey ging einen ganz anderen Weg. Sie tat, was dieses Land von allen verlangt, die es nicht zu den eigenen zählt: Sie passte sich an. Sie gab sich «weiss wie eine Lilie». So hatte es ihr der Vater geraten.

Die Assimilation von Tilo Frey klingt nach schmerzhafter Selbst­verleugnung. Und als Frey den Rat ihres Vaters 2007 dem nächsten ersten dunkel­häutigen Nationalrat Ricardo Lumengo weitergab, wirkte das komplett aus der Zeit gefallen: Sie riet Lumengo nach dessen Wahl, er solle sich nicht um rassistische Vorurteile kümmern und einfach lächeln.

Lächeln, nachdem er im Wahlkampf von Neonazis angegriffen und verfolgt worden war, sich an einem 1.-Mai-Fest von Rassisten mit Bananen bewerfen lassen musste und selbst im lokalen Parlament übelsten rassistischen Aktionen ausgesetzt war.

Tilo Frey setzte sich in ihrer politischen Laufbahn für die Gleich­stellung von Frau und Mann ein, für die Entkriminalisierung der Abtreibung und für eine stärkere Zusammen­arbeit mit Entwicklungs­ländern. Aber eine anti­rassistische Vorkämpferin war Tilo Frey nicht.

Diese Geschichte, dieses Schweigen, diese Abgrenzung vom eigenen Schwarz­sein – all das macht es schwer, Tilo Frey als Identifikations­figur zu sehen. Andererseits: Tilo Frey war als kleines Kind in ein Europa gekommen, in dem der Faschismus grassierte, in eine Schweiz, in der Schwarze Menschen in Völker­schauen ausgestellt wurden. «Rester toute la vie blanc comme un lys» – ihr ganzes Leben lang weiss wie eine Lilie zu bleiben, war für ein Mädchen, das in ihrem Schwarz­sein sehr alleine gewesen sein muss, womöglich der einzige Weg, um den Alltag zu überstehen. Jovita dos Santos Pinto zitiert dazu die Schrift­stellerin Audre Lorde, die sagte, es sei nie vorgesehen gewesen, dass Schwarze Menschen überleben. Insofern sei jedes Überleben an sich widerständig.

«Als ich acht Jahre alt war, tat es mir weh, wenn mir Kinder ‹Negerin› nachriefen», erzählte Tilo Frey 1971 kurz vor ihrer Wahl in den National­rat der NZZ. Nun geschehe das «natürlich nicht» mehr. «Und heute liesse es mich kalt.»

Womöglich war diese Aussage eher Behauptung denn Wirklichkeit. Denn tatsächlich erlebte Frey auch als National­rätin ständig Exotisierungen durch die Presse. Sie musste Journalisten Auskunft über ihre Mutter geben, eine Fula, die sie kaum kannte, und von ihrem Geburts­land Kamerun erzählen, einem Ort, an den sie sich kaum erinnerte. Frey vertiefte sich dafür in anthropologischer Literatur über die Fula und verinnerlichte diese.

«In der Anthropologie sagte man, die Fula seien nicht richtig Schwarz, sie hätten europäische Züge und seien schön – nicht wie die anderen Afrikaner», sagt Jovita dos Santos Pinto. Tilo Frey habe diese Erzählungen über­nommen, wenn sie über ihre Herkunft sprach.

Wenn Frey Journalisten empfing, sagt dos Santos Pinto, habe sie gerne ein Bild ihrer Mutter gezeigt, auf dem sie mit Schleier und Nasenring abgelichtet war. «Sie beschrieb die Mutter immer gleich: Sie sei eine schöne, stolze und reservierte Frau gewesen. Und wenn man in der anthropologischen Literatur von damals nachliest, findet man genau diese Beschreibungen über die Fula: ein schönes, stolzes, reserviertes Volk.»

Neuenburg als weltoffene Stadt

Als im Juli 2019 der Espace Tilo-Frey eröffnet wurde, war das ein bedeutendes Ereignis. Erstmals wurde ein öffentlicher Ort in der Schweiz nach einer nicht weissen Person benannt. Noch dazu ersetzte sie den als Rassisten in Verruf geratenen Louis Agassiz. Es hätte eine beispielhafte dekoloniale Umbenennung sein können: Weg vom Rassen­theoretiker Agassiz, der mit Daguerreo­typien von versklavten Menschen versuchte, ihre Minder­wertigkeit zu belegen, hin zur Frau, die sich dem Rassismus wider­setzte und es bis ins nationale Parlament schaffte.

Neuenburg gab sich denn auch als welt­offene, moderne Stadt. Zugleich betonte man, dass dies kein Präzedenz­fall sei, und passte das Gesetz so an, dass es künftig fast unmöglich sein dürfte, Strassen oder Plätze umzubenennen.

Glückliche Siegerin: Tilo Frey am 1. November 1971, am Tag ihrer Wahl in den Nationalrat. Aber es mussten danach 38 Jahre vergehen … Photopress Archive/Keystone
… ehe ein Platz in Neuenburg nach ihr benannt wurde. «Dieser Platz», sagt Jovita dos Santos Pinto, «ist mehr als ein Symbol.»

Dass Tilo Frey überhaupt zu dieser Ehre kam, war nicht dem historischen Bewusst­sein der Stadt geschuldet, sondern dem Engagement Schwarzer Aktivistinnen – und dem Zufall, dass die Forderung nach einer Ehrung von Tilo Frey fast gleichzeitig kam wie die Forderung nach der Entehrung von Louis Agassiz.

Und so richtete sich der Fokus bei der Umbenennung nicht auf die Schwarze Frau, sondern auf den weissen Mann und die Frage, wo man denn hinkomme, wenn man jetzt anfange, in der Vergangenheit zu wühlen und alles umzukrempeln.

Trotz allem gibt es nun diesen Platz auf dem Universitäts­gelände am See. Und an der Wand der Schule, die Tilo Frey einst besuchte und leitete, hängt eine Tafel, die an die erste Schwarze Politikerin der Schweiz erinnert.

Liegt darin also die Bedeutung von Tilo Frey? Im Symbolischen?

«Sie ist mehr als nur Symbol», sagt Jovita dos Santos Pinto, als wir den Platz verlassen und uns auf den Heimweg machen. «Viele Frauen haben in den Siebziger­jahren in der Politik verschiedene Formen öffentlicher Demütigung erlebt. Die von Tilo Frey waren zudem noch rassistisch und exotisierend. Sie musste damit umgehen, allein, auf eine sehr private Art und Weise. Ohne Unterstützung der Partei. Ohne Unterstützung durch das Parlament. Deshalb ist sie nicht nur Symbol. Sie stand das ja alles tatsächlich durch. Als Politikerin. Als Frau. Als Schwarze noch dazu. Daran erinnert dieser Platz.»

Die Schriftstellerin Toni Morrison wurde einmal gefragt, warum sie alte Wunden aufreisse und über Schwarze Geschichte schreibe. Sie antwortete: «Es gibt keinen Ort, den Sie oder ich aufsuchen können, um der Sklaven zu gedenken, um uns Gedanken über sie zu machen oder auch nicht, um uns ihre Anwesenheit zu vergegenwärtigen oder ihre Abwesenheit zu spüren. Ich habe keine feste Vorstellung. Ich habe einfach diese Sehnsucht nach einem festen Ort. Es braucht kein riesiges, in einen Berg gehämmertes Gesicht zu sein. Es kann etwas ganz Kleines sein, ein Platz, an dem man die Füsse hochlegen kann.»

Tilo Frey war die erste Schwarze Frau im Bundes­haus. Und seit einiger Zeit gibt es einen Ort, an dem man ihre Abwesenheit spüren kann. Einen Platz, an dem man die Füsse hochlagern und darüber nachdenken kann oder auch nicht, warum sie bis heute die einzige geblieben ist.

Zur Schreibweise

Der Autor schreibt «Schwarz» in dieser Serie gross. Es meint keine vermeintliche Haut­farbe, sondern ist eine politische Selbst­bezeichnung. Sie drückt Zugehörigkeit zu einer Gruppe Menschen aus, die auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen wird und gewisse Erfahrungen teilt.

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