Serie «Reise in Schwarz-Weiss» – Folge 1

Die Erinnerung an Mike Ben Peter, der nach einem Polizeieinsatz ums Leben kam, ist allgegenwärtig: Aladin Dampha, Aktivist, in Lausanne.

George Floyd nach helvetischer Art

Mike Ben Peter stirbt in Lausanne, nachdem sechs Polizisten minutenlang auf ihn knien. Drei Jahre später ist der Fall noch immer ungeklärt. Warum in der Schweiz der Schwarze Mann Angst hat vor der Polizei. «Reise in Schwarz-Weiss», Folge 1.

Von Carlos Hanimann (Text) und Niels Ackermann (Bilder), 25.05.2021

Es war ein eisig kalter Februar­abend, und in der Avenue Sainte-Luce, einer kleinen Nebenstrasse nahe des Lausanner Bahnhofs, stand ein Polizist zwischen gefrorenen Matsch­haufen und beobachtete, wie ein Mann etwas auflas, das hinter einem Auto versteckt war.

Drogen vielleicht?

Dafür war er an jenem Abend mit seinen Kolleginnen ja auf der Strasse: um Dealer zu schnappen.

Gemeinsam mit zwei Kollegen ging er auf den verdächtigen Mann zu, der auf der Veranda eines Hotels stand, direkt beim Parkplatz. Sie wollten ihn kontrollieren. Aber Mike Ben Peter, ein 40-jähriger Familien­vater aus Nigeria, weigerte sich, die Arme auszustrecken und sich festnehmen zu lassen.

Was ganz genau geschah, ist Gegenstand einer seit drei Jahren anhaltenden Straf­untersuchung gegen Lausanner Polizisten. Sicher ist: Es kam zu einem Handgemenge, die Polizisten rangen Mike Ben Peter zu Boden, mehrere Kollegen eilten zu Hilfe, um den grossen und kräftigen Mann festzuhalten und ihm Handschellen anzulegen. Dabei schlugen sie ihn mehrmals und setzten Reizgas ein – «um ihn zur Besinnung zu bringen», wie der Anwalt eines beschuldigten Polizisten einmal sagte.

Schliesslich schafften es die Polizisten, Mike Ben Peter in Bauchlage zu bringen. Sechs Polizisten warfen sich auf ihn und drückten seinen Schwarzen Körper auf die eiskalte Strasse. Während rund sechs Minuten sassen und knieten und lagen die Polizisten auf dem Mann in Bauchlage, in einer Position, die selbst in Polizei­handbüchern als lebens­gefährlich beschrieben wird.

Mike Ben Peter rang um Luft. Dann muss er einen Herzinfarkt erlitten haben. Hektik. Reanimationen. Blaulicht. Ambulanz.

Ein paar Stunden später wurde Mike Ben Peter im Universitäts­spital von Lausanne für tot erklärt.

Serie «Reise in Schwarz-Weiss»

Was hat George Floyd mit der Schweiz zu tun? Was heisst Schwarz sein in der Schweiz? Was verbindet People of Color ausser der gemeinsamen Erfahrung des Ausschlusses? Reicht das? Wofür? Und welchen Einfluss hat das koloniale Erbe der Schweiz? Fünf Stationen, fünf Reportagen. Zur Übersicht.

Sie lesen: Folge 1

Lausanne: George Floyd nach hel­ve­ti­scher Art

Folge 2

Neuenburg: Der sonderbare Fall der Tilo Frey

Folge 3

Trogen: Das Ver­mächt­nis des Hans Fässler

Folge 4

Leukerbad: Mit Nativ auf James Baldwins Spuren

Folge 5

Alpnach: Black Lives What? Der letzte Halt der Reise

Der Tod Ben Peters erinnert stark an den von George Floyd vor einem Jahr in Minneapolis. Aber während Floyds Qual auf Video festgehalten wurde und die ganze Welt sehen und hören konnte, wie der sterbende Mann unter dem Knie eines weissen Polizisten mindestens 16-mal «I can’t breathe» sagte, lag Mike Ben Peter in jener eisigen Winter­nacht in Lausanne allein in einer dunklen Nebenstrasse. Wie so viele andere Opfer von Polizei­gewalt auch, starb Ben Peter ohne die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit.

Aber es gab eine Zeugin.

Die Quartier­bewohnerin Nathalie Caruel spazierte am späten Abend jenes 28. Februar 2018 mit ihrem Hund durch die Avenue Sainte-Luce. Dabei beobachtete sie zufällig, wie die Polizei Ben Peter festnahm. Caruel sagt, was sie damals sah und hörte, lasse ihr bis heute keine Ruhe.

«C’était la barbarie», sagt sie. La barbarie.

Caruel hörte Schläge, schweres Atmen, Schreie. «Es war mehr ein Heulen denn ein Schreien.» Zuerst sei sie wie angewurzelt stehen geblieben, dann aber wegen des Hundes, der völlig ausser sich geriet, schnell nach Hause gegangen.

Begleitet von den Schreien des Mannes, der um sein Leben kämpfte.

«Nirgends so unsicher wie hier»

In den Debatten rund um rassistische Polizei­gewalt, die nach dem Tod von George Floyd losbrachen, wurde immer wieder davor gewarnt, den Anti-Schwarzen-Rassismus in der Schweiz mit dem in den USA zu vergleichen.

Tatsächlich ist die Gewalt in den USA geprägt von der über Jahrhunderte andauernden Verschleppung, Versklavung und Vergewaltigung afrikanischer Menschen, die bis heute in viele Lebens­bereiche fortwirkt. Die Schweiz hingegen war auf andere Arten in das trans­atlantische Geschäft mit versklavten Menschen verwickelt. Ihre Schwarze Bevölkerung besteht auch nicht – wie in anderen europäischen Ländern – aus Bürgerinnen ehemaliger Kolonien, sondern ist vor allem das Ergebnis jüngerer Migration ab den 1980er-Jahren.

Und dennoch. Dass hierzulande zwar gern über den Namen einer Süssigkeit gestritten wird, aber nicht über Polizei­gewalt gegenüber Schwarzen und People of Color, liegt nicht daran, dass es diese Gewalt nicht gäbe. Sondern daran, dass Rassismus als etwas Ur-Böses gilt, das also nur in der Ferne existieren darf.

«In den USA», sagt Aladin Dampha, «kennt die Öffentlichkeit wenigstens die Namen der Toten.»

Dampha war mit Mike Ben Peter befreundet. Nicht besonders eng, aber sie hatten einiges gemein: Sie besetzten und bewohnten während drei Jahren gemeinsam mit anderen Migranten Häuser in Lausanne, organisierten sich gegen die Verfolgung durch die Polizei, die sie oft bedrängte und misshandelte.

Dampha ist 25 Jahre alt und stammt aus Gambia. 2012 kam er über die mauretanische Wüste, Libyen und das Mittelmeer nach Europa. Zuerst nach Sizilien, später nach Rom. 2014 landete er in Lausanne. Ein Jahr später lernte er Mike Ben Peter kennen. Beide übernachteten jeweils in einem Sleep-in am Rande Lausannes, einer beliebten Anlauf­stelle für Geflüchtete ohne legalen Aufenthaltsstatus.

Zeitweise lebten über 100 Menschen dort und schliefen unter freiem Himmel, bis sie weiterziehen mussten – erst besetzten sie ein Haus im Norden der Stadt, dann die stillgelegte und mittlerweile abgerissene Heineken-Fabrik im Westen.

Dampha hat über diese Zeit, in der sich Geflüchtete in Lausanne zusammen­taten und politisch aktiv wurden, mit Freunden den Film «No Apologies» gedreht. Darin sagt ein Mann, er habe in Deutschland, Frankreich, Italien gelebt: «Aber nirgends habe ich mich so unsicher gefühlt wie hier in der Schweiz.»

Prügel, Pfefferspray und Personenkontrollen

An einem warmen Frühlings­morgen wartet Dampha in der Unterführung des Lausanner Bahnhofs. Als wir uns begrüssen, kommen drei Polizisten auf uns zu. Sie taxieren erst Dampha, dann mich. Ein kurzer Blickwechsel, dann gehen sie weiter.

Heute sind solche Begegnungen für Dampha kurze Momente der Ungewissheit. Vor wenigen Jahren aber musste er sich davor fürchten. Denn Dampha hatte keine Papiere. Eine Polizei­kontrolle konnte rasch auf dem Posten enden oder hinter Gittern.

Oder gar im Spital.

Als wir wenig später über die Place Chauderon im Zentrum Lausannes gehen, fasst mich Dampha am Arm und zeigt auf eine Treppe, die unter die Erde führt.

«Manchmal brachten die Polizisten die Leute da runter und misshandelten sie.» Er benutzt das englische Wort dafür: torture.

Ich schaue ihn fragend an.

«Sie hielten die Leute an, führten sie runter zu den Toiletten und verprügelten sie. Dann gingen sie wieder.»

Aladin Dampha sagt das mit einem Lächeln im Gesicht, als würde er über einen Streich von Jugendlichen sprechen, nicht über die Arbeit einer Institution, die über das Gewalt­monopol verfügt.

«Nenn mich naiv», sage ich. «Aber wir befinden uns in der Schweiz. Es gibt einen funktionierenden Rechtsstaat, die Polizei steht nicht über dem Gesetz. Sie kann doch nicht willkürlich Leute rausnehmen und verprügeln, ohne dass das Folgen hat?»

Dampha zuckt mit den Schultern. Er kennt viele solche Geschichten.

Einige hat er selbst erlebt. Immer wieder warteten Polizisten vor den Häusern, die er bewohnte, um ihn oder Freunde abzufangen, auf den Posten zu bringen und nach einer Nacht wieder zu entlassen. Einmal sollen Polizisten Freunde von ihm festgenommen, an den Stadtrand gefahren und sie dort ausgesetzt haben. Ein anderes Mal hielten Polizisten einen voll besetzten Bus in der Rushhour an, zogen Dampha raus und führten ihn ab. Das vorgeworfene Delikt war fast immer dasselbe: illegaler Aufenthalt.

Als ich ihn frage, ob er nie daran gedacht habe, sich über die Polizisten zu beschweren, lacht Dampha laut. «I was running from the police all the time», sagt er. «Ich dachte nie daran, sie nach ihrem Namen zu fragen.»

Ich frage Dampha, wie er sich die regelmässigen Kontrollen erkläre.

«Wenn ich an der Bushalte­stelle stand, wenn ich im vollen Bus sass, holten sie immer nur mich raus. Niemanden sonst. Ich kann daraus nur etwas schliessen: Sie kontrollierten mich, weil ich Schwarz bin.»

Wer kommt als Nächstes dran?

Zwischen Ende 2016 und Anfang 2018 kam es in Lausanne und Umgebung zu drei tödlichen Polizei­einsätzen, die für viel Trauer, Verunsicherung und grosse Empörung sorgten. Dabei kamen drei Schwarze Menschen ums Leben.

Im November 2016 erschoss ein Polizist den in der Schweiz aufgewachsenen Kongolesen Hervé Mandundu im Treppen­haus vor seiner Wohnung in Bex im Kanton Waadt. Ein Nachbar hatte die Polizei gerufen. Mandundu kam nach anfänglicher Weigerung mit einem Küchen­messer in der Hand aus seiner Wohnung. Ein Polizist floh, der andere fühlte sich so bedroht, dass er gleich drei Schüsse auf Mandundu abfeuerte.

Im Oktober 2017 wurde der gambische Geflüchtete Lamine Fatty tot in einer Zelle gefunden. Die Polizei hatte ihn zuvor bei einer Kontrolle verwechselt und in Gewahrsam genommen, obwohl Fatty wegen einer kürzlichen Hirn­operation in schlechtem Gesundheits­zustand war.

Und am späten Abend des 28. Februar 2018 überwältigten sechs Polizisten den Nigerianer Mike Ben Peter in der Nähe des Lausanner Bahnhofs. Bei der Festnahme verlor er das Bewusstsein, kurz darauf wurde im Spital sein Tod festgestellt.

«Der Mann schreit wie ein Tier, und sie schlagen immer weiter auf ihn ein»: Nathalie Caruel war Zeugin des Vorfalls mit Mike Ben Peter.
Den Opfern einen Namen geben: Eine Liste auf dem Bauzaun des selbstverwalteten Espace Autogéré in Lausanne, einem offenen Ort.

In Damphas Film erzählen junge Männer von ihren Erfahrungen als Schwarze Menschen in Lausanne, in der Schweiz, in Europa. Es ist eine Art Stammtisch­runde in einem selbst­verwalteten Lokal in Lausanne, aufgenommen über mehrere Tage, inszeniert als ein grosses, gemeinsames Abendmahl.

Die Männer berichten, wie über sie geredet wird, wie sie als Dealer und Kriminelle abgestempelt werden, wie sie sich immer wieder aufs Neue als «good people» beweisen sollen. Sie erzählen, wie die Polizei sie täglich von der Strasse holt, kontrolliert und einsperrt, wie sie die Männer in ihren Nachtlagern in Wäldern und Parks überfällt, Tränengas in die Schlafsäcke sprüht und Schuhe der Schlafenden klaut.

Bei Zigaretten und Bier reden die Männer über die Träume, die sie hatten, als sie Gambia und Nigeria verliessen – und über die Ernüchterung, die in Europa auf sie wartete. «Irgendwann», sagt der beste Freund des getöteten Mike Ben Peter im Film, «weisst du nicht mehr, ob die Zukunft, für die du gekommen bist, nicht doch schlechter ist als die Zukunft, die für dich bereitgelegen hätte.»

Natürlich reden die Männer auch über ihre Ängste – über die Gefahren, die Europa für den Schwarzen Körper bereithält – und über den Tod von Mike Ben Peter. Sein bester Freund sagt, er fühle sich verloren. Er habe Angst, ihm könnte dasselbe widerfahren wie seinem «Bruder».

«A qui le tour?» – «Wer kommt als Nächstes dran?» Mit diesem Slogan gingen in den letzten Jahren immer wieder Hunderte von Menschen in Lausanne auf die Strasse und protestierten gegen rassistische Polizeigewalt.

Die Namen der Toten

«Oh ja», sagt Aladin Dampha, als wir vor dem selbst­verwalteten Espace Autogéré stehen. «Es gibt sehr viele Unterschiede zur Situation in den USA. Allein schon statistisch. Aber es gibt eben auch einen Unterschied in der Wahrnehmung des Problems.» In den USA kursierten in der Öffentlichkeit wenigstens die Namen der Toten, man spreche und streite über rassistische Polizei­gewalt. «In der Schweiz redet niemand darüber, die Todesfälle werden noch nicht mal als Verbrechen angesehen.»

Wir blicken auf eine schwarz gestrichene Wand, auf die jemand sieben Namen und dazu jeweils eine Jahreszahl gesprüht hat. Darüber steht: «Auch in der Schweiz tötet die Polizei.»

Die kurze Liste ist bei weitem nicht vollständig.

Die Menschenrechts­gruppe Augenauf hat in den letzten zwanzig Jahren zahlreiche Todesfälle in der gesamten Schweiz dokumentiert. Der Autor und Bibliothekar Mohamed Wa Baile versammelte sie 2019 in einem Gedicht. Er nannte es: «Helvetzid».

Die Toten heissen: Samson Chukwu, Cemal G., Hamid Bakiri, Claudio M., Yaya Bakayoko, Anthony, Ousman Sow, Alhusein Douto Kora, Abdi Daud, Joseph Ndukaku Chiakwa, Medina Yassin Suleyman, Oleg N., Ilhan O., Sara Jneid, Hervé Mandundu, Subramaniam H., Lamine Fatty, Mike Ben Peter, Khaled Abuzarifa, Mariame Souaré, John Wallas und Osuigwe Christian Kenechukwu. Sie alle und etwa ein Dutzend andere, deren Namen nicht bekannt sind, starben in den letzten zwanzig Jahren in den Händen von Schweizer Polizisten.

Dampha sagt: «Die Schweizer Medien berichten gern über Todesfälle im Ausland. Aber was passiert, wenn hier in Lausanne mehrere Polizisten auf einen gefesselten Mann knien, er keine Luft mehr kriegt und stirbt? Wo bleibt die Gerechtigkeit für Mike Ben Peter? Warum wurde niemand verhaftet und vor Gericht gebracht? Drei Jahre ist Mike tot. Und die Polizisten sind immer noch da draussen unterwegs, als hätten sie nichts Falsches getan.»

«They don’t give a shit»

An diesem Frühlings­tag, an dem mich Aladin Dampha durch Lausanne führt und von seinen Erlebnissen mit der Lausanner Polizei berichtet, sind die Zeitungen und Online­portale voll mit Berichten und Analysen über den Mord­prozess gegen Derek Chauvin, den weissen Polizisten, der George Floyd tötete.

Aber darüber, dass in Renens, am Stadtrand von Lausanne, zur gleichen Zeit der Mord­prozess gegen einen weissen Polizisten läuft, der vor vier Jahren den kongolesisch­stämmigen Familienvater Hervé Mandundu mit drei Schüssen tötete, erscheint – in der Deutsch­schweiz – kein einziger Artikel.

Ich sage Dampha deshalb, dass in der Schweiz wohl auch die wenigsten Menschen wüssten, wer Mike Ben Peter war.

«Ich weiss», sagt Dampha. «They don’t give a shit. Es sind sicher mehr Artikel darüber erschienen, dass Schwarze dealen, als dass Schwarze getötet werden. Mike Ben Peter ist ja nicht der Einzige, der starb. Was ist mit Hervé Mandundu, Lamine Fatty und den anderen? Die Polizei sollte den Menschen dienen und sie beschützen. Aber das tut sie nicht immer. Und darüber müssen wir reden: Die Polizisten halfen Mike nicht. Sie schlugen ihn. Es kostete ihn das Leben. Manchmal habe ich das Gefühl, es gibt hier keine Gerechtigkeit für Schwarze Menschen.»

Der Mordprozess in Renens dauert drei Tage. An Tag eins treffen die Eltern von Hervé Mandundu zum ersten Mal auf den Polizisten, der ihren Sohn erschoss. An Tag zwei zieht der Staats­anwalt die Anklage gegen den Polizisten zurück: Statt auf Mord plädiert er nun auf Freispruch. An Tag drei folgt ihm das Gericht: Der Polizist habe in Notwehr gehandelt. Er habe nichts falsch gemacht.

Der Fall von Mike Ben Peter ist derweil noch weit von einer öffentlichen Gerichts­verhandlung entfernt. Bereits letzten Sommer entstand eine Kontroverse um die Schluss­folgerung im Autopsie­bericht. Simon Ntah, der Anwalt der Opfer­familie, warf der Chefin des rechts­medizinischen Instituts Befangenheit wegen ihrer engen Beziehungen zur Polizei vor. Der Befangenheits­antrag wurde Ende Januar zwar abgelehnt, allerdings verlangte das Gericht, dass ein neues medizinisches Gutachten erstellt werde. Dieses soll klären, welche Bedeutung die gefährliche Bauchlage hatte, in der die Polizisten Ben Peter brachten, um ihm Handschellen anzulegen. Doch die Anwälte der Polizisten wehren sich derzeit gegen ein neues Gutachten. Auf Anfrage der Republik sagt der Anwalt Ntah, er rechne nicht damit, dass die öffentliche Verhandlung im Fall Mike Ben Peter vor Ende dieses Jahres beginne.

In einem Interview bekannte die nigerianische Schrift­stellerin Chimamanda Ngozi Adichie einmal, sie sei erst Schwarz geworden, als sie in die USA kam. In Nigeria habe sie sich keine Gedanken zu race gemacht, weil das kein vordringliches Problem gewesen sei. Das habe sich für sie erst in den USA geändert. Ich frage Aladin Dampha, ob es ihm ähnlich ergangen sei: «Wann merkten Sie, dass Sie Schwarz sind?»

«Ich glaube, als ich in Sizilien angekommen war: Ich ging durch eine enge Gasse und sah, dass Leute, die mir entgegenkamen, plötzlich umkehrten und wegliefen. Mir dämmerte, dass diese Leute Angst hatten. Da dachte ich zum ersten Mal: Shit, die rennen weg, weil sie sich vor mir fürchten. Weil sie Angst vor einem Schwarzen haben. Das machte mich unfassbar wütend.»

Aladin Dampha hat heute eine Aufenthalts­bewilligung. Er hat geheiratet und einen kleinen Sohn. Die Papiere bieten ihm heute ein Mindest­mass an Schutz vor Polizeigewalt.

Aber er erlebt nach wie vor Racial Profiling. Auch sein legaler Aufenthalts­status bewahrt ihn nicht davor, dass ihn die Polizei willkürlich und aufgrund seiner Hautfarbe anhält und kontrolliert.

Im Film «No Apologies» sagt Dampha einmal, er werde nicht weiss, nur weil er jetzt in einer weissen Gesellschaft lebe. «Ein Stein», sagt er, «kann 1000 Jahre in einem Fluss liegen, er wird niemals zu einem Krokodil.»

Er starb, weil er Schwarz war

Die Avenue Sainte-Luce liegt parallel zur Avenue Agassiz, benannt nach dem Schweizer Natur­forscher und Rassisten Louis Agassiz, der im 19. Jahr­hundert in den USA Schwarze Sklaven ablichtete, um auf diese Weise ihre Minder­wertigkeit zu belegen.

Aladin Dampha geht durch die Avenue Sainte-Luce, vorbei an der Veranda des Hotels, wo Mike Ben Peter in jener Nacht vor drei Jahren stand, als die Polizisten auf ihn zugingen. Auf einem leeren Parkplatz vor einer hüfthohen Mauer bleibt Dampha stehen.

Einst hatte hier jemand mit schwarzer Farbe «R. I. P. Mike» hingesprüht. Und: «ACAB», die Abkürzung für «All Cops Are Bastards».

Die Wand wurde mittlerweile rosa gestrichen, die Botschaften wurden übermalt. Als könnte ein bisschen Farbe die Erinnerung daran übertünchen, was an diesem Ort geschah. Nur an einer Strassen­laterne steht in krakeliger Schrift noch die gleiche Botschaft.

«Als Mike Ben Peter starb», sage ich, «verlautete die Polizei, man habe neben ihm abgepackte Kokain­kügelchen gefunden. Sie implizierten, er sei an einer Überdosis gestorben. Und sie behaupteten, er habe gedealt.»

«Ich glaube das nicht», sagt Dampha. Die Autopsie habe gezeigt, dass Ben Peter kein Kokain im Blut hatte. «Und selbst wenn die Drogen ihm gehört hätten, selbst wenn er gedealt hätte: Was würde das ändern? Wäre es dann in Ordnung gewesen, ihn zu töten?»

«Warum musste Mike Ben Peter sterben?», frage ich.

«Weil er Schwarz war.»

«Sie sagen das, ohne eine Sekunde zu zögern.»

«Weil ich nicht den geringsten Zweifel daran habe. Wäre Mike weiss gewesen, hätten sie ihn anders behandelt.»

«Was heisst das für Sie als Schwarzer Mann in einer weissen Gesellschaft?»

«Ich lebe schon lange mit diesem Bewusstsein. Mike ist nicht der Erste, der so stirbt. Es ist für mich als Schwarzer und auch als Schwarzer Aktivist keine Überraschung. Es geschah schon früher. Und es wird immer wieder geschehen.»

Rest in Peace: An dieser Laterne ist die Botschaft noch zu lesen, andernorts wurde sie übertüncht.

Die Zeugin

Plötzlich taucht eine Frau neben uns auf und mischt sich in das Gespräch ein. «Was tun Sie hier?», fragt sie. «Sind Sie wegen Mike hier?»

Die Frau, die uns überrumpelt und überrascht, heisst Nathalie Caruel. Sie ist die Zeugin im Todesfall Mike Ben Peter.

Sie sagt, sie habe gesehen, wie wir just an jenem Ort gestanden hätten, wo auch sie vor drei Jahren gestanden habe. An jenem Abend, den sie bis heute nicht vergessen kann, beobachtete sie, wie die Polizei Mike Ben Peter festnahm.

Nur ein paar Meter trennten sie vom Tatort, wo erst zwei, dann drei Polizisten über Mike Ben Peter herfielen und ihn zu Boden rangen, ihm immer wieder in die Genitalien traten und ihn mit Pfeffer­spray einnebelten. Am Ende waren sechs Polizisten auf ihm.

Es war kurz vor elf Uhr abends, Caruel führte ihren Hund um die Häuser. «Ich tat nichts Ausser­gewöhnliches», sagt sie jetzt, als müsste sie entschuldigen, dass sie die Polizei bei ihrem nächtlichen Einsatz ertappte. Der Hund habe getobt wie verrückt, sagt Caruel.

Caruel lädt uns in ihre Wohnung ein, um von jenem Abend zu erzählen. Sie steht auf dem Balkon, schaut über den Lac Léman, das Gesicht hinter einer grossen Sonnen­brille versteckt.

Zunächst sei sie wie angewurzelt stehen geblieben, sagt Caruel. Die Festnahme habe sie an einen Rugby­haufen erinnert. «Aber Rugby ist Gewalt mit Regeln», sagt Caruel. «Was ich an diesem Abend sah, war Gewalt ohne jede Regel.»

Dann ging sie rasch nach Hause, den aufgeregten Hund an ihrer Seite, die Schreie von Mike Ben Peter im Ohr. «C’était l’agonie», sagt Caruel.

Die Erlebnisse jenes Abends nahmen sie schwer mit. Tagelang bunkerte sich Caruel ein, verliess die Wohnung nicht. Nach einer Woche raffte sie sich auf und ging zum Briefkasten. Darin fand sie ein Flugblatt, datiert auf den 2. März, zwei Tage nach der Verhaftung von Mike Ben Peter.

«Am Mittwoch­abend gegen 23 Uhr», stand darauf, «starb mein Freund in Folge einer Polizeikontrolle.»

Nathalie Caruel kontaktierte die Frau, die das Flugblatt unterschrieben und die Quartier­bewohnerinnen um Hilfe gebeten hatte. Caruel meldete sich auch bei der Staats­anwaltschaft, gab schriftlich und mündlich eine Zeugen­aussage ab. Danach hat sie nie wieder etwas von den Behörden gehört.

Das ist zwar üblich. Aber Nathalie Caruel macht es ganz verrückt, dass sie nicht weiss, ob und wann der Fall verhandelt wird. Ob sie als Zeugin vor Gericht aussagen muss. Ob sie noch einmal von den Anwälten der Polizisten gelöchert werden wird. Ob die Familie von Mike Ben Peter eine Entschuldigung hört, eine Entschädigung erhält, vielleicht so etwas wie Gerechtigkeit erfährt.

Als Mike Ben Peter starb, war seine Frau, die heute in Valencia lebt, mit dem dritten Kind schwanger. «Kein Kind sollte so aufwachsen», sagt Aladin Dampha. «Niemand will, dass die einzige Geschichte über seinen Vater die ist, dass er in den Händen der Cops starb, weil sie ihn für einen Dealer hielten.»

Nathalie Caruel sagt: «Ich habe keine Worte für das, was ich bezeugen musste. Wie könnte ich die richtigen Sätze finden, die richtigen Wörter?»

Es gibt nur den einen Ausdruck, den sie treffend findet: la barbarie.

«Ich kann nicht richtig darüber reden», sagt sie. «Könnten Sie das? Kennen Sie das Vokabular der Barbarei?»

«Nein», sage ich.

«Es macht mich ganz verrückt.»

«Weil es Ihnen nicht gelingt, zu beschreiben, was geschehen ist?»

«Ich versuche es, so objektiv wie möglich zu sehen: Was bringt diese Polizisten dazu, auf einen regungslosen, sterbenden Körper einzuschlagen? Warum machen sie minutenlang weiter? Der Mann schreit wie ein Tier, und sie schlagen immer weiter auf ihn ein. Wie soll ich so etwas erzählen? Mein Hund wusste, wie: Er brüllte sich die Seele aus dem Leib. Ich habe gelesen, dass Hunde so aufheulen, weil sie den Tod einer Person ahnen.»

Seit jener Nacht sei sie völlig blockiert, sagt Caruel. «Es zerreisst mich. Das bisschen Kind, das noch in mir steckte, ist für immer gestorben.»

Nathalie Caruel hat viel über den Abend nachgedacht. In einem Ordner hat sie alle Zeitungs­artikel über den Tod von Mike Ben Peter aufbewahrt. In einem anderen sammelt sie Flugblätter, Notizen, Unterlagen zum Fall.

Sie hat versucht zu vergessen. Sie hat darüber geredet, das Gesehene und Gehörte aufgeschrieben, um es zu verarbeiten. Mit blauer Tinte schreibt sie manchmal ihre Gedanken in ein Notizbuch. An einem Ort steht: «Mike a été l’injustice de trop» – «Mike war die eine Ungerechtigkeit zu viel».

Hinweis: Wir haben einen Namen aus der ursprünglichen Version der Liste der Menschenrechts­gruppe Augenauf entfernt. Dies, weil die betreffende Person nicht in Polizei­gewahrsam umkam, sondern erst danach Suizid beging.

Zur Schreibweise

Der Autor schreibt «Schwarz» in dieser Serie gross. Es meint keine vermeintliche Haut­farbe, sondern ist eine politische Selbst­bezeichnung. Sie drückt Zugehörigkeit zu einer Gruppe Menschen aus, die auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen wird und gewisse Erfahrungen teilt.

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Sie lesen: Folge 1

Lausanne: George Floyd nach hel­ve­ti­scher Art

Folge 2

Neuenburg: Der sonderbare Fall der Tilo Frey

Folge 3

Trogen: Das Ver­mächt­nis des Hans Fässler

Folge 4

Leukerbad: Mit Nativ auf James Baldwins Spuren

Folge 5

Alpnach: Black Lives What? Der letzte Halt der Reise

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