Verschwörungs­glaube – woher er kommt, wie er wirkt, was er anrichtet

Wieso sind Verschwörungs­theorien während der Covid-19-Pandemie plötzlich allgegenwärtig? Wie entstehen sie, was verbindet sie? Und wie umgehen damit? Auftakt zur Serie.

Von Daniel Ryser, Olivier Würgler (Text) und Matthieu Bourel (Illustration/Animation), 05.01.2021

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2020 war das Jahr, in dem sich offenbarte, wie weitverbreitet magisches Denken in der Bevölkerung ist: Die Wissenschaft liege falsch, Covid-19 sei nicht schlimmer als eine Grippe. Es war das Jahr, in dem der Präsident der Vereinigten Staaten mutmasste, vielleicht müsse man Bleich­mittel trinken, um das Virus zu besiegen. Es war das Jahr des Verschwörungsglaubens.

Das Jahr, in dem viele Menschen überzeugt waren, die Pandemie sei eine Erfindung, um eine Diktatur einzuführen. Oder um uns mit der Impfung einen Chip einzupflanzen.

Was sind Verschwörungs­theorien eigentlich? Warum haben so viele Menschen das Bedürfnis zu glauben, dass der Lauf der Dinge einem geheimen Plan folgt? Und ist das überhaupt schlimm? Gibt es Elemente, welche die Gläubigen in ihrer Unter­schiedlichkeit verbinden? Und wann kippt man selbst von der kritischen Bürgerin zur Verschwörungsgläubigen?

Diesen Fragen sind wir in den letzten Monaten nach­gegangen. Und wir haben in den nächsten Wochen Antworten für Sie.

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Sei kritisch! Hinterfrage alles! Glaube nichts! Ausser du siehst es auf Youtube. Oder Facebook

Können Sie sich keinen Reim darauf machen, wie das zusammen­geht? Grüne Hippies und Neonazis, die Seite an Seite für Frieden und gegen Faschismus demonstrieren? Fragen Sie sich, wie Sie damit umgehen sollen, wenn ein Familienmitglied oder eine Bekannte plötzlich davon überzeugt ist, dass die Ermordung des schwarzen US-Bürgers George Floyd durch einen weissen Polizisten eine Inszenierung gewesen sei, um einen Rassen­krieg in Amerika zu entfachen?

Unsere Reporter Daniel Ryser und Olivier Würgler waren für Sie unterwegs, so gut das Virus dies zuliess: an Demonstrationen. In Wohn­zimmern von Verschwörungs­gläubigen. Sie trafen Experten, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, Historikerinnen, Psychologen und Psychiater, Journalisten und Forscherinnen für Medien, Rechts­extremismus, Esoterik, Antisemitismus.

Und sie liessen sich von einem führenden Exponenten der radikalen Rechten in Europa darlegen, wie er die Corona-Proteste ganz gezielt nutzen will, um die Demokratie zu stürzen.

«Manchmal», sagen die beiden Reporter, «kamen wir uns dabei vor wie in einer postmodernen Kunst­installation: demonstrierende Neonazis, welche die heutige Situation wütend mit jener von 1933 vergleichen, als wäre das nicht genau der Ort, wo sie hinwollten. Oder Verschwörungs­gläubige, die jegliche wissenschaftliche Erkenntnis zum Virus ablehnen und gleichzeitig an Kund­gebungen Schilder hochhalten, auf denen Sapere aude steht» – Immanuel Kants Leitspruch der Aufklärung, der Hinwendung der Menschen zur Wissenschaft: «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.»

Mut haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen – und gleichzeitig alles ungeprüft aufsaugen, was Youtube serviert: flat earth, Chemtrails, Hohlerde, Kinderblut trinkende Eliten und Bill Gates, der uns Chips implantieren will.

Die Augen weit geschlossen.

Eyes wide shut.

Serienübersicht

  • Folge 1: Willkommen im Fledermausland. Die Teilnehmer einer Anti-Corona-Massnahmen-Demonstration wähnen sich in einer Stasi-Diktatur, weil sie in geschlossenen Räumen eine Schutz­maske tragen müssen. Das löst bei einem, der in den Achtziger­jahren in der DDR im Gefängnis sass, weil er ein Punk-Magazin gedruckt hatte, ein paar Fragen aus.

  • Folge 2: Und plötzlich all diese Helikopter am Himmel. Dass radikale Verschwörungs­theoretikerinnen öffentlich beteuerten, sie wollten bloss Frieden und ihre Meinung frei äussern dürfen, und dass sie gleichzeitig Hass verbreiteten, sei nur auf den ersten Blick erstaunlich, sagt eine Historikerin. Einer der erfahrensten Fachleute auf dem Gebiet erklärt, wieso sich bei Verschwörungs­glaube immer gleiche Muster wiederholen.

  • Folge 3: Wir töten die halbe Menschheit. Bauer Urs Hans, im letzten Frühling aus der Grünen Partei ausgeschlossener Zürcher Kantonsrat, ist überzeugt, dass man unsere Gedanken und Körper kontrollieren will. Und dass hinter all dem ein Pharma­kartell steckt, das die Welt regiert.

  • Folge 4: True Lies. Ein Kommunikations­wissenschaftler, der sich selbst einst heftig mit dem sogenannten Medien-Mainstream angelegt hat, erklärt, wieso viele den Medien nicht mehr trauen. Und warum daran nicht nur die Medien schuld sind, sondern auch jene, die Medien nutzen. Und was der Begriff «Lügenpresse» mit Adolf Hitler zu tun hat.

  • Folge 5: Satan in Hollywood. Für Jürgen Elsässer, einst Vordenker der radikalen Linken in Deutschland und heute rechts­extremer Publizist mit einem Flair für Kriegs­rhetorik, ist klar, dass es jetzt eine Revolution braucht. Seine Hoffnung: dass aus den Corona-Protesten eine Querfront aus linken und rechten Kräften entsteht, die bereit ist für den Umsturz.

  • Folge 6: We Are the World. Wie damit umgehen, wenn der Bruder, die Arbeits­kollegin, der Nachbar in die Welt des Verschwörungs­glaubens abtaucht? Eine Sekten­beraterin, eine Psychologin, ein Journalist und ein Chefarzt für Psychiatrie geben Tipps.

  • Folge 7: Entspannt in die Barbarei. Wie kommt es eigentlich, dass an Anti-Corona-Demonstrationen Hippies neben Neonazis marschieren, dass in Esoterik­läden rechtsradikale Verschwörungs­literatur verkauft wird und natur­verbundene Grüne sozial­darwinistisch auf die Pandemie reagieren? Alles überhaupt nicht erstaunlich, sagt Jutta Ditfurth, die Anfang der Achtziger­jahre die Grüne Partei Deutschlands mitgegründet hat: Esoterik sei menschen­feindlich und antisozial – und viele Grüne seien diesem Denken nicht abgeneigt.

  • Folge 8: Same Shit, Different Age. Von Kinderblut trinkenden Eliten und dem Finanz­kapital an der US-Ostküste: Eine jüdische Journalistin erzählt, was das Revival antisemitischer Verschwörungs­theorien bei ihr auslöst. Und eine Historikerin erklärt, dass der Antisemitismus das verbindende Element der meisten Verschwörungs­theorien ist: Antisemitismus, der früher offen zur Schau gestellt wurde und seit 1945 in Codes weiterlebt.

  • Folge 9: Der Untergang des Abendlandes. Ein Experte erklärt, woher der Eindruck stammt, dass Verschwörungs­theorien heute so populär sind wie nie zuvor. Und warum dieser Eindruck nicht stimmt. Und was das alles mit Thomas Mann zu tun hat.

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