Willkommen im Fledermausland

Satiriker Andreas Thiel wähnt sich in einer Stasi-Diktatur, weil wir wegen Covid-19 Masken tragen müssen. Gilbert Furian, einst Stasi-Gefangener, weil er ein Punk-Fanzine druckte, hat da ein paar Fragen. Serie «Eyes Wide Shut», Folge 1.

Von Daniel Ryser, Olivier Würgler (Text) und Matthieu Bourel (Illustration/Animation), 05.01.2021

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Stellen Sie sich vor, Sie sind Wein­sammler. Sie sind durch die ganze Welt gereist, von den Wein­hängen Mendozas bis nach Südafrika, vom kalifornischen Napa Valley bis in die Toskana, um die feinsten, edelsten Tropfen zu degustieren. Und dann, nach Jahrzehnten der Wein­liebhaberei, stellt sich heraus, dass es einen Wein gibt, der noch viel spektakulärer ist als der erlesenste Château Mouton Rothschild, den Sie je in Ihrem Leben getrunken haben, und den Sie als Normal­sterblicher niemals probieren werden können, weil er einer kleinen, eingeweihten Elite aus Hollywood­stars, Politikerinnen und Wirtschafts­grössen vorbehalten ist.

So ist es uns in diesem Sommer ergangen, als die Wunder­droge Adrenochrom zum Thema wurde. Wir hatten zwar schon vorher von dieser Droge gehört, im Jahrhundert­werk «Angst und Schrecken in Las Vegas» des Journalisten Hunter S. Thompson ist davon die Rede. Adrenochrom, gewonnen aus der menschlichen Adrenalin­drüse, ist laut Thompson eine Droge, die Meskalin wie einen Kinder­geburtstag aussehen lässt. Doch bis zu diesem Sommer haben wir die Ausführungen aus Thompsons Buch von 1971 für eine journalistische Zuspitzung gehalten und die Sache nicht weiter ernst genommen.

Der Journalist Thompson reist mit seinem Anwalt Dr. Gonzo nach Las Vegas, um den amerikanischen Traum zu ergründen, und wird irgendwann von keiner der bekannten Drogen mehr high. In dieser akuten Krisen­situation beruhigt ihn sein Anwalt und weist ihn ins Badezimmer.

«Hau dir was aus der kleinen braunen Flasche rein, die bei meinem Rasier­zeug ist.»

«Und was ist das?»

«Adrenochrom», sagte mein Anwalt. «Du brauchst nicht viel. Nur ein winziges Bisschen.»

Ich holte die Flasche und tauchte den Kopf eines Papp­zündholzes hinein.

«Das kommt ungefähr hin», sagte er. «Im Vergleich mit dem Zeug ist reines Meskalin wie Ginger Beer. Du wirst total verrückt, wenn du zuviel nimmst.»

Ich leckte an dem Zündholz. «Wo hast du das her?», fragte ich. «Das kann man doch nicht kaufen.»

«Ist doch egal», sagte er. «Jedenfalls ist das Zeug absolut rein.»

Ich schüttelte traurig den Kopf. «Jesus! Was für einen ausgefreakten Klienten hast du diesmal aufgetan? Es gibt nur eine Möglichkeit, an dies Zeug zu kommen …»

Er nickte.

Dann, an einem dieser wirren Tage des Jahres 2020, lesen wir einen Artikel über die QAnon-Bewegung (hier in der deutschen Übersetzung in der Republik): Es gibt Millionen Menschen, überwiegend Anhänger des inzwischen abgewählten US-Präsidenten Donald Trump, die an eine Welt­verschwörung einer geheimen Elite glauben, die Kinder entführt und diesen Kindern die Adrenalin­drüse heraus­schneidet, um sich mit dem Adrenochrom zu verjüngen und zu berauschen.

Wir realisieren, dass all die Menschen, die womöglich noch gar nie von Hunter S. Thompson gehört haben, seine Erzählung aus dem Jahr 1971 tatsächlich glauben. Aber was, wenn an der Sache was dran ist?

Zur Serie «Eyes Wide Shut»

Wieso ist Verschwörungs­glaube während der Pandemie plötzlich allgegen­wärtig? Woher kommt er, wie wirkt er, was richtet er an? Zum Auftakt der Serie.

Nicht dass uns die Gewinnungs­methode dieser Substanz besonders sympathisch gewesen wäre, aber als Journalisten, die bereits eine dreissig­seitige Reportage über den Kokainkonsum in Zürich verfasst haben, ist es unsere welt­historische Aufgabe, dieser Substanz nachzuforschen.

Wir verfassen ein wutentbranntes Mail an Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie am Arud Zentrum für Sucht­medizin – ein Mann, der uns bei unseren früheren Drogen­recherchen immer treue Dienste erwiesen hatte.

«Lieber Thilo», schreiben wir. «Wir sind beim Thema Verschwörungs­theorien der Substanz Adrenochrom begegnet, die uns bisher nur aus ‹Angst und Schrecken in Las Vegas› bekannt war und welche die Eliten anscheinend trinken, um sich zu verjüngen. Uns empört daran vor allem, dass man uns einfachen Leuten dieses offenbar Wunder wirkende Mittel vorenthält, und wir wollten Dich fragen: Weisst Du, was Adrenochrom ist? Ist das verwandt mit Adrenalin? Wir hoffen, diese Anfrage wirkt nicht zu ratlos. Weisst Du etwas? Beste Grüsse, Daniel Ryser und Olivier Würgler.»

Becks Antwort folgt noch am selben Tag.

«Lieber Daniel und Olivier, Adrenochrom ist ein Abbau­produkt von Adrenalin, wird chemisch einfach hergestellt durch die Oxidation von Adrenalin», schreibt der Sucht­psychiater. «Wissenschaftlich ist keine der ihm zugeschriebenen Wirkungen bekannt. Irgendwann in den Fünfzigern ist mal eine Adrenochrom-Hypothese postuliert worden (psychedelische Wirkung, Einfluss auf Schizophrenien), die dann aber nie bestätigt worden ist. Denke nicht, dass da viel vorenthalten wird, no worries … LG Thilo.»

Seine Antwort ernüchtert und beruhigt uns zugleich. Einerseits stellen wir konsterniert fest, dass wir wohl in unserem Leben keine weitere Wunder­droge mehr kennen­lernen dürfen, andererseits sind wir doch sehr froh, dass nicht Tausende Kinder sterben müssen, damit sich irgendwelche reichen Arschlöcher den ultimativen Kick holen können.

Weitere Nachforschungen und Experten­gespräche bestätigen Becks Aussagen: Adrenochrom ist erstens völlig wirkungslos und zweitens chemisch sehr einfach herzustellen.


Um unsere Recherche jetzt abzubrechen, sind wir jedoch bereits viel zu tief im Thema drin: Wie können Millionen Menschen auf einen derartigen Kinderblut-Blödsinn reinfallen? Zudem haben wir heraus­gefunden, dass ein Teil der Leute, die von der Adrenochrom-Theorie überzeugt sind, ebenfalls glaubt, dass die Covid-19-Pandemie inszeniert sei, um die Welt­bevölkerung zu dezimieren und unter Zwang zu impfen, und so finden wir uns an einem Samstag­nachmittag im September auf dem Zürcher Turbinen­platz wieder an einer Platz­kundgebung mit dem Titel «Corona-Massnahmen-Kritik». Sie wird unterstützt von zahlreichen Gruppen mit vielversprechenden Namen wie «Bürger für Bürger», «Freunde der Verfassung» oder «Befreit die Kinder».

Der Veranstalter der Kundgebung rechnete mit mehreren tausend Teilnehmern, aber es kommen nur fünfhundert. Der Veranstalter sagt durch das Mikrofon, wir sollen doch alle unsere Freundinnen und Freunde anrufen, damit die auch kommen, und wir Anwesenden sollen uns doch ein wenig besser auf dem Turbinen­platz verteilen, nicht wegen der Ansteckungs­gefahr, sondern damit wir nach ein bisschen mehr Leuten aussehen.

Aber die meisten Menschen stehen weiterhin nahe zusammen, und Masken tragen sie auch nicht, stattdessen verteilen sie Bundes­verfassungen, die wir als Verfassungs­patrioten natürlich gerne entgegen­nehmen, und Flugblätter für die sogenannte Begrenzungs­initiative der SVP, die wir, nun mal, gelinde gesagt, nicht so geil finden, und bald beginnt die Polizei über Lautsprecher mitzuteilen, dass es nun wirklich an der Zeit sei, Masken anzuziehen, weil sonst die Veranstaltung aufgelöst werde. Das sei immerhin eine zentrale Auflage für die Bewilligung der Kundgebung, sagt der Polizei­sprecher, und Grenadiere riegeln alle Zugänge zum Platz ab, weil die Antifa einen Gegen­protest angekündigt hat.

Aber die Teilnehmerinnen lächeln die Durchsagen weg, und die Polizei schreitet nicht weiter ein, obwohl wir offenbar in einer fürchterlichen Diktatur leben. Das sagen uns zumindest die Redner an der Kundgebung. Die zwei bekanntesten Gäste auf der Bühne sind der Satiriker Andreas Thiel, landesweit bekannt geworden durch hoch qualifizierte Aussagen zum Koran in der TV-Sendung «Schawinski», und Spassmacher Marco Rima, neben René Rindlisbacher unser Lieblings­komiker, der uns in schweren Stunden schon viel zum Lachen gebracht hat.

Andreas Thiel betritt die Bühne und erzählt von einem Erlebnis in einem Zürcher Bioladen, wo man ihn rausgeschickt habe, weil er keine Maske habe tragen wollen, und das sei wie in der DDR, sagt der Satiriker. «Die Masken­pflicht ist Ausdruck eines totalitären Systems», sagt Thiel.

«Man ist nicht mehr Rechenschaft schuldig für das, was man selber macht, sondern für das, was der Nachbar macht», sagt Thiel. «Das gibt es nur in totalitären Systemen. Das hat man in der DDR so gehabt. Wenn ich ohne Maske zum Coiffeur gehe, dann werde nicht ich bestraft, sondern die Coiffeuse muss den Salon zutun. Das ist totalitär. Das Bundesamt für Gesundheit macht alle Coiffeusen zu Informellen Mitarbeitern.»

Der Informelle Mitarbeiter (oder eigentlich: Inoffizielle Mitarbeiter) war in der DDR jener, der dem sogenannten Ministerium für Staats­sicherheit Informationen über Mitbürgerinnen zukommen liess, worauf diese, im schlimmsten Fall, lange in Gefängnissen verschwanden.

Wenn er sich heute in der Schweiz umschaue, sagt Thiel, dann glaube er gar nicht, dass die Stasi irgendwelche Leute habe erpressen müssen, damit diese für sie arbeiteten. Die Leute hätten andere ganz einfach freiwillig denunziert. Die Informellen Mitarbeiter seien der Stasi nur so zugelaufen, und wer eine andere Meinung gehabt habe, man könne es im «Stasi-Handbuch» nachlesen, der sei mit «gesellschaftlichen Zersetzungs­massnahmen» verunmöglicht worden, man habe die Leute in ein derart schlechtes Licht gestellt, dass niemand mehr mit ihnen habe zu tun haben wollen, und in der Schweiz sei das heute nicht anders. Wer sich gegen Corona äussere, werde gleich als Rechts­extremer verunglimpft.

Die Polizei sagt über Lautsprecher, man bitte vielmals um Entschuldigung für die Unter­brechung, aber man bitte die Teilnehmer der Kundgebung nun wirklich, Masken anzuziehen, da der Mindest­abstand nicht eingehalten werde, und der Veranstalter sagt, ihr habt es gehört, macht bitte mit dieser Information, was ihr wollt, und Andreas Thiel sagt, er wisse nicht, was Alain Berset für eine politische Bildung habe, aber seine Politik erinnere ihn an das «Stasi-Handbuch».

Dann, nach der gefühlt zwanzigsten Durchsage, betreten ein paar Polizistinnen den Platz und verteilen einige Bussen wegen Verstosses gegen die Corona-Bestimmungen, und wir fragen uns, ob man in der DDR auch wie Andreas Thiel hätte auftreten können, an einer vom Amt bewilligten Kundgebung, und die DDR als Diktatur hätte bezeichnen können. Während­dessen entrollen antifaschistische Aktivisten vom Dach eines angrenzenden Gebäudes ein Transparent, auf dem steht, wer mit Nazis marschiere, marschiere mit Nazis, und Marco Rima mögen wir uns dann gar nicht mehr anhören und spazieren die Josef­strasse entlang durch den Kreis 5 und setzen uns in einen indischen Imbiss und trinken kühles Bier.

Wir fragen uns, ob wir was verpasst haben. Sind wir im vergangenen Jahr wirklich innerhalb von wenigen Monaten in eine ganz üble Diktatur geschlittert?

In der Tat kann man ja seit zwanzig Jahren in diesem Land eine Zunahme von autoritären Tendenzen feststellen, eine ständige, zum Teil massive Verschärfung von Gesetzen und einen Abbau von Bürger­rechten. Von Rayon­verboten und Schnell­gerichten über Wegweisungs­artikel, ein Verbot für eine ganze Religions­gemeinschaft, Glaubens­häuser gemäss ihrer Tradition zu bauen, über all die in Herrliberg ausgedachten Initiativen, welche die Menschen­rechte mit Füssen treten, die Abschaffung des Botschafts­asyls bis zu Karin Keller-Sutters Wahl in den Bundesrat, wo sie als Justiz­ministerin ein Gesetz durch die Räte gepeitscht hat, das bereits auf 12-jährige Kinder abzielt und gegen das nun immerhin das Referendum angestrebt wird.

Interessanterweise haben wir weder von Marco Rima noch Andreas Thiel jemals gehört, dass sie mit all diesen Gesetzes­verschärfungen ein Problem hätten. Aber dass sie nun vom Staat gezwungen werden, in geschlossenen Räumen eine Maske zu tragen, die sie davor schützen soll, ihre Mitmenschen mit einem Virus zu infizieren, das geht den beiden Spass­vögeln dann doch zu weit.


Weil wir den Jetset lieben, besteigen wir umgehend ein Flugzeug nach Berlin-Tegel, wo wir ein Taxi nehmen, das uns nach Lichtenberg bringt zur Gedenk­stätte Berlin-Hohenschön­hausen, zu einem ehemaligen Stasi-Gefängnis, und Gilbert Furian, ein ehemaliger Stasi-Gefangener, führt uns durch das Gelände.

Furian, Bürger der ehemaligen DDR, war 1985 zu 26 Monaten Haft verurteilt worden, weil er ein Magazin namens «Punk» gedruckt hatte. Auflage: 100 Stück. Inhalt: eine Dokumentation der Ostberliner Punkszene. Seine Mutter, als Rentnerin durfte sie hin und wieder in den Westen reisen, wurde dabei erwischt, wie sie sechs Ausgaben des Magazins in den Westen bringen wollte, worauf Furian drei Monate rund um die Uhr überwacht und dann verhaftet und wegen staats­gefährdenden Verhaltens zu Gefängnis verurteilt wurde.

Es habe geheissen, er habe dafür gesorgt, dass potenzielle Leserinnen und Leser im Westen hätten mitkriegen können, «dass es in der DDR Jugendliche gibt, die nicht so sind, wie man sie gerne hingekriegt hätte», sagt Furian. Heute führt er hauptberuflich durch das Gefängnis, in dem er selbst gesessen hat: «Keine Geräusche machen, kein Singen, kein Klopfen, kein Pfeifen, kein Rufen, eine vorgeschriebene Schlaf­position, auf dem Rücken liegend, Gesicht frei und nach oben, Hände ausgestreckt auf der Decke. Die Schlaf­position wurde nachts alle fünf Minuten kontrolliert.»

Die Gedenkstätte sei für ihn eine gute Gelegenheit, anhand eines komplett erhaltenen Gefängnisses, von noch ein paar lebenden ehemaligen Inhaftierten, «vor allen Dingen der Jugend zu zeigen, was passiert, wenn es keine Demokratie mehr gibt».

Die Mitgefangenen sassen im Gefängnis, weil sie der Tante in Köln einen Brief geschrieben hatten. Oder ein Telefonat geführt hatten, das mitgehört worden war. Ein Buch hatten veröffentlichen wollen. Oder das Land ohne Genehmigung hatten verlassen wollen. Er selbst sei 1990 rehabilitiert worden, was ihm viel mehr bedeutet habe als die paar tausend Deutsch­mark Genugtuung, und seine Richterin sei schliesslich wegen Rechts­beugung und Freiheits­beraubung verurteilt worden.

Wir lesen Gilbert Furian Andreas Thiels Rede vor – Thiel, der im Gegensatz zu Furian kein Punk war, der etwas riskiert hat, sondern sich als solcher in den vergangenen Jahren mit Irokesen­schnitt und Champagner­glas inszeniert hat, um auf den sicheren Comedybühnen dieses Landes gegen den Schweizer Staat zu wettern. Die Rede am Turbinen­platz, wo Thiel sagt, die Schweiz sei heute ein DDR-Spitzel­staat. Eine Diktatur, in der man nicht mehr frei sprechen dürfe, und dass die Masken­pflicht die Menschen in Informelle Mitarbeiter der DDR-Staats­sicherheit verwandle und dass der Schweizer Bundesrat agiere wie die Führung der Sozialistischen Einheits­partei Deutschlands.

Gilbert Furian schaut uns an, als hätten wir ihm eine Ohrfeige verpasst oder einen sehr schlechten Witz erzählt. Und lacht trocken.

«Es werden hier zwei völlig voneinander verschiedene Welten miteinander vermischt», sagt er dann. «Das eine ist eine weltweite Bedrohung durch eine Krankheit. Das andere war eine stalinistische Geheim­polizei. Ich sehe da beim besten Willen – ich kann mich anstrengen, wie ich will – keinerlei Vergleichsmöglichkeiten.»

«Ich kann verstehen, dass es Leute gibt, die sich durch das Tragen von Masken gegängelt fühlen. Aber mit dem, was ich in der DDR erlebt habe, hat das nicht das Mindeste zu tun», sagt Furian. «Das läuft ja alles rechts­staatlich ab. Man kann sich vielleicht fragen: War diese Massnahme nötig? Ist das wirklich erforderlich? Darüber kann man debattieren. Darüber kann man auch Witze machen. Aber den ernsthaften Vergleich zu ziehen mit einer DDR-Geheim­polizei, das ist albern. Die Frage, ob man eine Maske tragen muss oder nicht, hat schon deswegen nichts mit der DDR zu tun, weil es nicht um eine politische Einstellung geht, nicht um die Frage geht, ob jemand seine Meinung frei äussern darf oder nicht, ob er das Land nur mit Genehmigung des Staates verlassen darf oder nicht, ob er die Bücher lesen darf, die er will. Sondern es ist eine vom Staat verordnete medizinische Schutz­massnahme, die für alle gilt. Deshalb ist der Vergleich intellektuell so weit unter der Gürtel­linie, dass es sich eigentlich nicht lohnt, zu debattieren.»

Und trotzdem halte er es für unbedingt notwendig, dass man Leute wie Andreas Thiel kontere, sagt der 75-jährige Ostberliner und willkürlich verurteilte Stasi-Gefangene.

«Leute wie Herr Thiel dürfen nicht unwidersprochen bleiben», sagt Furian. «Ich erlebe es öfter, dass die Leute heute sagen: ‹Ich darf ja meine Meinung gar nicht mehr sagen.› Da sage ich immer: ‹Du hast doch deine Meinung gerade gesagt. Aber du musst halt mit Gegen­wind rechnen, wenn du derartige Vergleiche ziehst!› Diese Leute wissen gar nicht, was es heisst, wenn man seine Meinung nicht mehr sagen darf.»

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