Der, der du niemals sein wirst

Drogen

Folge 4 – Auf fehlende Chemie ist Chemie keine schlechte Antwort.

Von Constantin Seibt, 12.03.2020

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«Mit Recht ist gesagt worden: Das Gehirn denkt, wie der Magen verdaut.»
Arthur Schopenhauer

Es war etwa drei Wochen vor Beginn des Crowd­fundings. Wir lagen nach­lässig bekleidet im Bett. Sie las den «New Yorker», ich Kahnemans Buch «Schnelles Denken, langsames Denken».

Wie der Zufall wollte, las ich gerade das Kapitel «Selbst­überschätzung». Und dort über die verzerrte Wahr­nehmung von Firmen­gründern. Fast alle Start-up-Unternehmerinnen schätzten ihre Chancen auf deutlich über 70 Prozent. Ein Drittel war sogar überzeugt, unter keinen Umständen zu scheitern.

Während die Statistik sagte, dass nach nicht einmal drei Jahren bereits zwei Drittel aller Start-ups pleite waren.

Der Grund für den realitäts­freien Optimismus waren zwei massive Fehl­einschätzungen. Zum Ersten waren fast alle Gründer überzeugt, der Konkurrenz intellektuell weit überlegen zu sein.

Zum Zweiten überschätzten sie massiv den Einfluss der eigenen Entscheidungen. Sie konzentrierten sich nur auf das eigene Unter­nehmen und ignorierten den Rest der Welt. Und vermieden so schwer zu beantwortende Fragen wie: Wohin entwickelt sich der Markt? Was benötigen die Kunden? Was plant die Konkurrenz? Und ersetzten sie durch einfache Fragen wie etwa: Mag ich mein Produkt?

«Oh-oh», machte ich.

«Was ‹oh-oh›?», sagte meine Freundin.

Ich sagte, was Kahneman gesagt hatte.

«Das hab ich dir schon die ganze Zeit versucht mitzuteilen», sagte sie.

Sie hatte in St. Gallen studiert und war absurd besser qualifiziert als ich, ein Unter­nehmen zu gründen. Ich dachte längere Zeit nach.

Dann sagte ich: «Und was sollen wir jetzt tun?»

«Gar nichts», sagte sie. «So etwas reisst man nur mit Grössen­wahn durch oder gar nicht.»

Fünftagejahr

Ich erinnere mich an dieses Gespräch, weil es einer der wenigen friedlichen Abende in diesem Jahr war.

Ich hatte vollkommen unter­schätzt, was es hiess, eine Firma zu gründen. Natürlich hatte ich gewusst, dass es heftig werden würde. Aber ich dachte: erst ab Januar 2018, wenn die Republik die ersten Artikel veröffentlichen würde.

Doch 2017, dachte ich, würde ein Zwischen­jahr. Denn die Last der Arbeit lag nach dem Crowd­funding vor allem auf der Informatik, die das Redaktions­system programmierte. Ich dagegen würde nichts tun, als ein paar Konzepte zu schreiben. Also plante ich, jede Woche ein Buch zu lesen, meine Freunde nach ein paar Jahren Pause wiederzusehen und meiner Frau ein aufmerk­samer, gelassener Partner zu sein.

Das Zwischenjahr dauerte exakt fünf Tage. Am 5. Januar möblierten wir drei Zimmer im Hotel Rothaus – und ab da zog die Arbeit heftig an und steigerte sich, als drehe jede Woche an einer Schraube. Ich entdeckte verblüfft, dass sich ein Unter­nehmen auch ohne Produkt bestens beschäftigen konnte.

Nie zuvor musste ich schneller lernen, mehr wegstecken, härter arbeiten. 2017 wurde in seiner Wildheit nur von 2018 übertroffen, das wiederum nur von 2019 gedeckelt wurde.

Deshalb kann ich auch nicht sagen, wie die Psycho­pharmaka bei mir wirkten. Mein Leben änderte sich derart radikal, dass kein Vergleich mit davor möglich war.

Ritalin

Mein erstes Ritalin war eine Offenbarung. Ich nahm es an einem Samstag, und eine halbe Stunde später sah ich Dinge, die ich noch nie im Leben gesehen hatte: Staub­flusen in der Ecke, Kaffee­spritzer auf dem Kühl­schrank, Spinn­weben über dem Schrank – ich tat meinen ersten (und leider letzten) Blick in das tausend­teilige, tausend­äugige Universum des Perfektionismus.

Gleichzeitig füllte unerbittliche Tatkraft meine Adern. Ich sah die Spritzer, Flecken und Spinn­weben nicht nur, ich putzte sie sogar weg.

Beeindruckt warf ich am Sonntag die doppelte Dosis ein. Mein Blick katapultierte sich in eine neue Dimension – er war nun nicht mehr nur unfehlbar, sondern auch klebrig, als trüge er einen Saugnapf an der Spitze. Egal, was ich ansah, meine Augen liessen sich nur mit voller Kraft wieder entfernen. Die nachmittägliche Tram­fahrt ins Kino war spektakulär. Ein Plakat für eine Uhren­messe. Ich zog den Blick mit einem angestrengten Plopp! wieder ab. Der geriffelte Boden. Plopp! Der Hintern einer Teenagerin in Jeans. Plopp! Die Ampel vor dem Fenster. Plopp!

Doch das war es bereits mit Ritalin. Am Montag ging ich wie ein gedopter Boxer ins Büro. Ich war sicher, die Zauber­pille für laser­scharfe Konzentration in meiner Jacke dabeizuhaben. Nur stellte sich heraus: Meine Konzentration war zwar laser­scharf, nur leider nicht lenkbar. Ich spielte fehlerfrei drei Tage auf dem Handy Tetris – und bekam sofort Ärger in der Firma. Das auch, weil mich Ritalin aggressiv machte.

Nach zwei Wochen warf ich meine Schachtel Magie in den kleinen Badezimmer­kübel. Ich konnte mir keinen weiteren Unfug leisten.

Chemie

Falls Sie jetzt denken: Happy End! Gut, wenn der Herr hier seine Psycho­pharmaka wegschmeisst! Und sich der Wirklich­keit stellt! Dann haben Sie (nur dieses eine Mal) wenig Ahnung.

Denn so ziemlich jede empirische Studie kommt zum Schluss, dass Medika­mente die mit Abstand wirksamste Behandlung bei ADHS sind. Einer der führenden Forscher, Thomas E. Brown, begründete das trocken mit: «Wenn es an Chemie fehlt, musst du Chemie nachfüllen.»

Denn ADHS ist im Kern ein Mangel an Dopamin. Fliesst zu wenig davon im System, kommunizieren die Nerven­zellen im Neocortex quasi mit Wackel­kontakt. Dadurch wird so ausgerechnet die zentrale Steuer­einheit sabotiert: die exekutiven Funktionen. Diese sind zuständig für Prioritäten, Planung, Strategien, Selbst­kontrolle und Selbstwahrnehmung.

Kurz: Zu wenig Dopamin sabotiert ausgerechnet den Teil des Gehirns,
der Sie als Erwachsenen von einem Sieben­jährigen unterscheidet. Oder eben: unterscheiden sollte.

Medikamente reparieren daran zwar nichts. Aber sie sabotieren die Sabotage. Die beiden wichtigsten Typen verstopfen die winzigen Staub­sauger in den Synapsen am Ende der Nerven­zellen. Damit wird das Dopamin weit langsamer in die sendende Zelle zurückgesaugt. Und hat länger Zeit, an den Rezeptoren der Empfangs­zelle anzudocken.

Was die Signale von Zelle zu Zelle verstärkt – und dadurch stabilisiert. Kurz, Medikamente sorgen für mehr Verlässlich­keit in der Kommunikation.

(Übrigens: Der Vorgang des Ausstossens, Andockens und Aufsaugens von Dopamin findet in rasender Geschwindig­keit statt: Mit bis zu zwölf möglichen Impulsen pro Tausendstel­sekunde. Sie denken also weit schneller, als Sie denken.)

Beide bei ADHS wirksamsten Medikamenten­familien sind in grösseren Mengen ein Grund für Ihre Verhaftung als Drogen­dealer. Es sind Methylphenidate (wie etwa: Ritalin) und Amphetamine (also: Speed). Beide erhöhen den Dopamin­spiegel. Und wirken deshalb im Fall von ADHS paradox: Sie werden nicht nervöser, sondern ruhiger, geduldiger, berechenbarer.

Auf einer Drogen­party können Sie quasi einen illegalen Schnelltest machen: Mit neurotypischem Gehirn werden Sie durch Speed aufgeregter, fahriger, schneller. Mit ADHS werden Sie kühl, überlegt, zurückgelehnt – kurz: Unter lauter Geistes­gestörten sitzen Sie wie ein Bürger in Anzug und Weste.

DISCLAIMER: Dieser Test wird in keinem Ratgeber empfohlen und ersetzt keine professionelle Abklärung!

Das Obige ist übrigens auch der Grund, warum (nicht zuletzt untherapierte) Menschen mit ADHS deutlich öfter von Kokain und sonstigen Drogen abhängig werden: Sie benutzen sie als Selbstmedikation.

Doch am populärsten ist Nikotin. Auch dieses lähmt für ein paar Minuten die Staub­sauger und sorgt für eine Welle an Dopamin. Ich war 18 Jahre gegen das Rauchen. Dann probierte ich meine erste Zigarette an einem trüben, regnerischen Abend unter dem Dach einer Bushalte­stelle: Ich sah in den sich kräuselnden Rauch und spürte tiefe Klarheit. Und wusste: Robert Musil hatte Recht, als er schrieb: «Ich lebe, um zu rauchen.»

Noch heute könnten Sie als Chef erstaunlich präzis meine Leistung in Filtern messen. An den Tagen, an denen ich nur simuliere, zu denken, und stattdessen das Internet durchlese, finden Sie gegen Abend drei oder vier Zigaretten­stummel. Sobald ich ernsthaft recherchiere, denke, schreibe, gleicht der Aschen­becher einem Igel.

Das Ausprobieren von Medikamenten ist bei ADHS jedenfalls eine gute Idee. Schon, weil sie jederzeit absetzbar sind.

Ja, ich weiss, Psycho­pharmaka haben eine schlechte Presse. Ja, es gibt Fehl­diagnosen. Ja, es gibt die These, dass Kinder damit nur ruhig­gestellt werden. Oder die Erwachsenen zu funktions­tüchtigen Robotern werden. Ja klar, es gibt Nebenwirkungen.

Aber es gibt auch Statistiken.

Und die zeigen fast alle, dass die Risiken einer Nicht­behandlung mit Medikamenten bei ADHS weit höher sind als die einer Behandlung: Kinder ohne haben später deutlich mehr Schul­abbrüche, Drogen­probleme, Auto­unfälle, Depressionen und Scheidungen – und die Gefängnisse sind angeblich voll mit uns.

Bei Erwachsenen mit einer späten Diagnose um die 50, so Thomas Brown in seinem Buch «Outside the Box», setzten ein Drittel die Medikamente wieder ab, die restlichen zwei Drittel hatten das Gefühl, mit ihnen klarer und entschiedener zu sein als in den zehn Jahren davor.

Und es gibt die Biografien wie diese eines jüngeren Herren im «Guardian». Oder die einer entfernten Cousine. Sie wurde für nicht sehr hell erklärt, machte die Realschule, dann das KV, arbeitete als Sach­bearbeiterin, nahm Medikamente, heiratete einen serbischen Assistenz­professor, machte die Matur nach und ist seit drei Jahren Doktorin der Chemie und Beraterin der britischen Regierung in Westminster.

Zugegeben: Sie ist durchaus kühler als früher. Und ist überzeugt, dass nur Spitzen­wissenschaftler wirkliche Menschen sind – und der Rest Dumm­köpfe, die in einer idealen Welt als Labor­tiere arbeiten würden.

Aber Sie ist offen­sichtlich glücklich dabei. Was würden Sie wählen?

Ein Anzug aus Fleisch

Natürlich können Sie argumentieren, dass Doping nicht nur im Sport, sondern auch im Privat­leben unfair ist. Und dass man dasselbe Resultat mit etwas mehr Liebe, Anstrengung oder was immer erreichen könnte. Was besser wäre, weil man nicht in die Natur eingreifen sollte.

Das Natur-Argument erinnert mich immer an Etienne, einen untersetzten, lockigen Informatik­studenten. Wir tranken zusammen vor vielen Jahren eine halbe Nacht in der Bodega durch. Etiennes Theorie war, dass wir seit 10’000 Jahren von den Macht­habern gezähmt werden: Dadurch, dass wir Fleisch kochen oder braten. Denn so zähmt man auch aggressive Hunde: Man füttert ihnen gekochtes statt rohes Fleisch.

Etiennes Plan, um in den Urzustand zurückzukehren, war, eine Woche in einem verriegelten Bunker zu verbringen – mit keinen anderen Nahrungs­mitteln als Champagner und rohen Steaks. Aus den Steaks wollte sich Etienne einen Anzug aus Fleisch schneidern. Den er am siebten Tag – sonst splitternackt – tragen würde, um darin seine ebenfalls nackte Freundin zu empfangen.

Ich sah Etienne nie wieder. Aber immer, wenn jemand von natürlicher Lebens­weise redet, frage ich mich, was aus seinem Plan geworden ist.

Die rosa Kapsel

Nachdem es mit Ritalin nicht geklappt hatte, wechselte meine Psychiaterin die Medikamenten­familie – von Methylphenidat zu Amphetamin.

Sie verschrieb mir Elvanse: eine feenhaft rosa Kapsel mit einer winzigen Portion Speed.

Das Raffinierte an Elvanse ist die Verzögerung. Der Wirk­stoff Lisdexamfetamin ist sozusagen langsamer Speed – er zerfällt erst im Magen in Lysin und Dexamfetamin. Und nur Letzteres haut rein.

Der Nachteil daran ist: kein Kaffee-Morgenkick. Dafür hält die Wirkung zwischen acht und zwölf Stunden an.

Ich nahm am Anfang die rosa Kapsel weiter und wechselte erst beim Ausbruch des Wahnsinns vor dem Republik-Start auf die blaue – von 30 auf 50 Milligramm.

Um ehrlich zu sein, ich merke von der Wirkung persönlich wenig. Ich fühle mich enttäuschend unverändert. Wer die Wirkung stark merkt, sind alle anderen Leute. Vergesse ich die Kapsel am Morgen, fragt mit Garantie jemand: «Was ist denn mit dir heute los?»

Was, wie ich glaube, mit Chemie besser läuft, sind die Übergänge. Man hat mit ADHS die Trägheit eines Öltankers. (Manchmal auch: eines auf Grund gelaufenen Öltankers.) Egal, was zu beginnen ist, ein Text, ein Telefon, ein Meeting, es braucht albern viel Überwindung. Manchmal passiert es auch nie: Jedes Fitnessabo birgt die Gefahr, dass man zwar nicht trainiert, es aber lebens­länglich zahlt.

Mit Elvanse läuft das Umschalten im Allgemeinen schneller – glaube ich. Und der Glaube an ein Medikament ist bereits die Hälfte seiner Wirkung. (Glaube ich.)

Vorteilhaft war auch die Neben­wirkung. Anfang Februar hatte ich bemerkt, dass die undefinierte Zone um die Hüfte sich endlich wieder definiert hatte – leider in die falsche Richtung. Die Gefahr wurde akut, den Rest meines Lebens ein nie benutztes Fitnessabo zu zahlen.

Elvanse löste dieses Problem in drei Wochen.

Doch letztlich ersparen die Psycho­pharmaka dir nichts – du bekommst nur mehr Profil unter die Räder, sie greifen schneller. Doch dieser Unter­schied kann je nachdem den Unter­schied machen.

Das weit gespenstischere Problem bei Psycho­pharmaka kommt, wenn sie funktionieren. Wenn du plötzlich tatsächlich etwas klarer, schneller, besser organisiert bist. Und deutlich seltener der Sieben­jährige unter den Erwachsenen.

Denn dann machst du zwei unerfreuliche Entdeckungen:

  1. Wie unerwachsen die Erwachsenen sind.

  2. In welchem Ausmass sie dich herum­kommandiert haben. Und weiter herumkommandieren.

Dann hast du wirklich Ärger.

Illustration: Alex Solman

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