Der, der du niemals sein wirst

Das Geheimnis

Folge 3 – Warum Sie eigentlich jemand ganz anderer sind. Und alle anderen auch.

Von Constantin Seibt, 27.02.2020

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«Das Wort ist wirklicher als der Gegenstand, den es darstellt. Das Wort ist die Wirklichkeit.»
Philip K. Dick

Kein Wunder, fasste ich den Plan, jemand völlig anderer zu werden.

Jeder echte Leser, jede echte Leserin weiss: Wenn du wirklich liest, spaltest du dich. Du bist, wer du bist. Und jemand völlig anderer.

Und eines Tages kommt der Tag, an dem du entscheiden musst, wer von beiden in Wahrheit existiert.

Aber zurück zum Start.

Kinder

Natürlich wirst du verfolgt, wenn du abweichst. Die Normalen riechen dich. Und dann gehen sie auf die Jagd.

Der, der die Sache am klarsten beschrieb, hiess, wenn ich mich korrekt erinnere: Rolf Häggi. Er ging so wie ich damals in den Kinder­garten, nur in die Nachbar­klasse. Drei seiner Freunde hielten mich fest, und Rolf sagte: «Du hast ein Gesicht, in das man einfach reinschlagen muss.» Dann trat er mir mit aller Kraft in den Hals.

Als Kind wird man, sobald es gefährlich wird, seltsam objektiv. Alles läuft in Zeitlupe, und man bekommt den Zur-Kenntnis­nahme-Blick. Ich weiss noch, dass kurz bevor sein brauner Halb­schuh mich traf, ich dachte: «Wieso redet er vom Gesicht und tritt mich dann in den Hals?»

Jedenfalls wurde Rolf viele Jahre später für einen Tag berühmt, als sein Foto auf der Titel­seite des «Blicks» erschien. Unter der Schlag­zeile: «Korporal hält Rekrut Pistole an den Kopf!»

Bassersdorf, wo ich aufwuchs, hatte ein miserables Karma. Es lag gerade neben dem Flughafen Kloten – und das Beste waren die Flugzeuge. Von Zeit zu Zeit grollte über dem Dorf der Himmel, als wäre er ein grosser, blauer Magen, der die Welt verdaut.

Ansonsten war Bassersdorf weder Stadt noch Land – und das Unglück hatte eine gut laufende Regional­filiale dort aufgebaut. Allein in meiner Primar­schul­klasse erlebten vier meiner Mitschüler nicht ihr 20. Alters­jahr. Sie starben alle am Platz­spitz; an einer Überdosis.

Im Rückblick scheint mir, als hätten sie gewusst, dass das Leben sie betrügen würde – sie waren voll unruhigem Zorn, verzweifelter Gemeinheit, so als wollten sie sich an den Überlebenden rächen.

Ich war sehr behütet aufgewachsen – und die anderen Kinder waren ein Schock. Ich war zwar einer der besten Schüler, aber das endete mit der Pausen­glocke. Dann wurde es gefährlich. Denn meistens waren einige der bald Toten zu zweit, zu dritt oder zu viert auf der Jagd.

Doch schlimmer als Würgen und Schläge war meine Verblüffung: Ich hatte keine Ahnung, was die anderen Jungs überhaupt wollten.

Das war nicht nur deren Schuld. Ich wusste als Kind nichts über die Menschen. Mir blieb etwa ein Rätsel, warum fast alle sich unter vier Augen fast freundschaftlich verhielten, aber sobald ein weiterer Junge dazukam, zum entschlossenen Feind wurden. Oder ich hielt die Frage «Rolling Stones oder Bay City Rollers?», bei der man eine Faust unter die Nase gehalten bekam, für eine inhaltliche Frage. Und verstand bis zum Schluss nicht, warum eine Antwort wie «Georg Kreisler» oder «Beide nicht» keine gute Antwort war.

Mir kam auch nie der Gedanke, was meine Mitschüler davon halten mussten, dass ich manchmal nach dem Unterricht mit der Lehrerin die Situation in der Klasse besprach. Ich war erfreut, ein erwachsenes Gespräch führen zu können. Darauf, dass die Sache – und das zu Recht – wie Petzerei wirkte, kam ich erst etwa 15 Jahre später.

Kein Wunder, wurde ich nie mitgenommen. Etwa als die gesamte Klasse (ausser ich) ins Lehrer­zimmer einbrach. Immerhin hatte ich dieses eine Mal den Instinkt, die Straf­arbeit mit allen mitzuschreiben.

Allerdings wäre ich auch nicht gerade eine Bereicherung gewesen. Ich war berüchtigt dafür, zu Hause, bei Besuchen bei anderen Familien, bei der Rast auf einer Wanderung mein Buch zu öffnen und mich irgendwohin zu verziehen, wo ich die Hoffnung hatte, nicht gestört zu werden.

Ich las, seit ich denken konnte. Ich las Donald-Duck-, Urmel- und Weltraum-Bücher, kindgerechte Biografien von Forschern, Erfindern, Entdeckern, griechische Sagen, fünf­bändige Seefahrts­schinken, später Kipling, Dickens, Jack London und – in einer schockierenden Nacht – auch einen Band Kurz­geschichten von Edgar Allan Poe. Ich las vor dem Frühstück, nach der Schule, auf dem Sofa, auf der Toilette – und wenn es ging, auch bei Tisch und unter der Bettdecke. Ich las, um zu verstehen, und las, statt zu denken.

Ich versank in Büchern. Bücher waren meine zweite Wiege – nicht ohne Grund hörte ich sie wie vorgelesen durch die Stimme meiner Mutter. Ich glaube, das Wichtigste über Literatur sagte Hannah Arendt: dass Schrecken und Freude für Menschen erst dann fassbar werden, wenn sie in Form einer Geschichte erzählt worden sind. Und dass der Zweck alles Erzählens letztlich der ist, den Hegel einmal für die Philosophie forderte: «die Versöhnung mit der Wirklichkeit».

Es geschah über die Bücher, dass ich ein Kind dieser Welt wurde. Nicht nur, weil ich die Welt über sie begriff. Sondern vor allem dadurch, dass ich ihr vertrauen lernte. Grausamkeit, Willkür, die eigene Fremdheit verloren ihren Schrecken. Denn was immer mir passieren würde, am Ende würde es eine Geschichte sein.

Wie bereits gesagt, kommt für jeden ernsthaften Leser, jede ernsthafte Leserin der Tag, an dem sie entscheiden müssen: Wer bist du wirklich – du selbst oder jemand ganz anderes?

Es war klar, welche Seite die Welt wählte: den Jungen mit Brille. Und es war klar, welche Seite ich zu wählen hatte, wenn ich nur einen Tropfen Leben im Leib hatte: die Überzeugung, dass die Welt sich irrte – und ich in Wahrheit jemand ganz anderer war. Wer genau, das veränderte sich von Buch zu Buch.

Klar war nur eines: Ich hatte ein Geheimnis.

Zauber

Zwar wies als Kind, aber auch später, kaum etwas darauf hin, dass ich etwas Besonderes gewesen wäre. Oder Besonderes getan hätte. Zu Anfang sass ich in einem Gitterbett herum, dann in Schulen, dann in Cafés und Büros. Aber das minderte nicht im Geringsten meine Gewissheit, ein Wesen des Abenteuers, des weiten Himmels und des Glücks zu sein.

Der Mangel an Beweisen beunruhigte mich nicht. Denn Banalität und Berufung waren kein Widerspruch. Tatsächlich war ich bis lange nach meinem 40. Geburtstag überzeugt, dass Auserwähltheit nichts Ungewöhnliches war, sondern ein Teil der menschlichen Natur. Keine Frage, ich war gebenedeit unter den Jungs. Aber irgendwie, irgendwo waren das alle – andere eben gebenedeit unter den Mädchen, den Buch­haltern, den Schurkinnen oder Punks – was immer.

Von Zeit zu Zeit überrollte mich etwa beim Betreten eines verstopften Trams eine Welle von Ehrfurcht vor der geballten Fracht an Sehnsucht, die jetzt gerade Richtung Bahnhof fuhr. Dass die Leute eher müde, grau, schlecht gelaunt aussahen, machte die Sache nur reizvoller – alle trugen ihr Geheimnis, dass sie in ihrem Herzen jemand weit Klareres und Kühneres gleichen Namens waren.

Ich konnte mir nicht vorstellen, wie man ohne Versprechen leben konnte. Und hielt man danach Ausschau, fand man überall die Zeichen dafür. Zwar behaupteten die meisten, dass nichts weiter Grossartiges in ihnen steckte. Dabei lieferten sie dauernd Beweise des Gegenteils. Ein kühner Blick, ein riskanter Witz, ein Moment von Mut oder Willkür, überraschende Freundlichkeit oder Lebens­gier genügte, um ihre wahre Natur zu enthüllen.

Leicht überzeichnet sah meine Lage so aus: Ich lebte in einem exotischen Universum, in dem die Gestalten der Welt­literatur plus die der griechischen Sagen zu Schweizerinnen und Schweizern verzaubert worden waren.

Wer ADHS hat (aber eigentlich auch jeder Mensch ohne), hat die Pflicht, sich das Leben interessant zu machen. Ohne Interesse flacht aller Kontakt ab. Die Theorie des Geheimnisses gab den Menschen meiner Umgebung Schwung und Würde. Sogar die schlimmsten Langweiler wurden zu einem Rätsel. Es zu knacken, brauchte zwar Arbeit: Aber irgendwann entdeckte man selbst in den seriösesten Dummköpfen den Schimmer des Möglichen.

Aussenseiter

Nicht, dass dieses Mögliche immer nur Gutes bedeutete. Ich zum Beispiel würde keine grosse Summe darauf wetten, dass ich besser war als der Rest meiner Klasse.

Ich erinnere mich etwa an einen Wintertag, als ich einen Schnee­ball mit Eiskern über den Schulhof warf. Ich war ein guter Werfer und traf in einem weiten Bogen ein braun­haariges Mädchen. Die Wucht des Aufpralls riss ihr die Mütze vom Kopf und verwandelte ihr Gesicht in eine Grimasse des Unglaubens, dann des Schmerzes. Ich flüchtete um die Schul­haus­mauer und zitterte vor Bösartigkeit.

Dass ich nicht das Schicksal meiner Klassen­kameraden teilte, verdanke ich weniger der Festigkeit meines Charakters als der Ungeschicktheit, mich ihnen anzuschliessen. Auch dass ich sie überlebte, verdanke ich nicht meiner Anders­artigkeit, sondern meiner Ähnlichkeit.

Bis zur vierten Klasse war ich ein einfaches Opfer. Ich war zu verblüfft, um mich zu wehren. Doch eines Tages, im Gang vor dem Lehrer­zimmer, griff mich ich weiss nicht mehr wer an. Und ich sah plötzlich ein weisses Licht. Und war entschlossen, den Kollegen umzubringen. Indem ich ihm ein Teil aus dem Gesicht biss. Oder mit den Fingern seine Augen aus den Höhlen drückte. Egal wie.

Auch wenn ich bei zwei von drei Schlägereien weiterhin friedlich blieb und nur bei jeder dritten das weisse Licht sah – es sprach sich schnell herum. Und mir blieb erspart, was dem dicken Thömmeli, dem verkrüppelten Manfred ein paar Mal passierte, wenn die Lehrerin im Werk­unterricht das Zimmer verliess: Vier packten ihn an Armen und Beinen, und Nummer fünf hieb ihm die Faust in die Geschlechtsteile.

Kurz: Meine Asozialität bewahrte mich vor den Asozialen, meine Brutalität vor ihrer Brutalität.

Wirklich verstand ich den Pausen­platz Bassersdorf erst 20 Jahre später, an einem verregneten Vormittag in der Universitäts­bibliothek. Ich las dort das Buch «Aussenseiter» des Literatur­wissenschaftlers Hans Mayer über «Frauen, Homosexuelle und Juden» in der deutschen Literatur.

Die Erkenntnis traf mich, als Mayer beschrieb, wie Aussen­seiter im Literatur­betrieb sich regelmässig gegenseitig angegriffen hatten – meist mit einer gezielten Attacke auf das Aussen­seitertum des Gegenübers. So etwa denunzierte der Dichter Platen seinen Kollegen Heine als Juden, Heine antwortete mit brutalem Spott gegen Platen als Schwulen.

Mir fiel siedend heiss ein, dass ich auf dem Pausen­platz nicht die Bullies gehasst hatte – sondern die anderen Aussen­seiter. Der grösste gegenseitige Abscheu verband mich mit dem schiefen, leicht verkrüppelten Manfred, dem Sohn einer Alkoholikerin. Wir prügelten uns aufs Blut, in der Hoffnung, dass der Sieger in den Kreis der johlenden Kameraden aufsteigen würde.

Was natürlich nie geschah.

Ich nahm mir an diesem Vormittag vor, dass mir das nie mehr passieren würde: andere Verwundbare anzufallen, um zur Meute zu gehören. Egal, welcher Unfug in Zukunft noch auf mich wartete – dieser nicht mehr.

Pflicht

Ich weiss noch, wie ich etwas nach 30 nach Japan flog. Auf der Karte auf dem Bord­monitor las ich die Namen der Wüsten, der Dschungel, der Flüsse und Städte, über die ich eine Kindheit lang gelesen hatte. Ich weinte, weil ich wusste, dass ich sie nie sehen würde. Ich hatte das Abenteuer verpasst.

Doch zurück zu Hause, wenn ich am Morgen ins Café ging, durchquerte ich Bangkok. Eine exotische Kolonie mit fremd­artigen Einwohnern, die seltsame Bräuche pflegten. Und ich hatte die Aufgabe, über dieses ferne Land zu schreiben.

Ich glaube, das Wichtigste, was man als Journalist über sein Publikum wissen muss, ist: dass es Leserinnen und Leser sind. Und dass man deshalb immer mit zwei Dingen rechnen kann: ihrer Neugier und ihrer Sehnsucht.

Eine Menge Journalisten glauben, dass es bei Journalismus zentral um Tatsachen, Nachrichten oder die Entlarvung von Missständen geht. Ich glaube das nicht. Ich bin überzeugt, jedenfalls nach meiner Kenntnis, dass kaum jemand liest, um die Welt nackt und nüchtern zu sehen.

Natürlich, die Tatsachen müssen stimmen – das gehört zum Spiel. Und ja, eine Gesellschaft ohne kritische Presse ist sehr schnell eine korrupte Gesellschaft. Doch die Reinheit der Fakten und öffentliche Hygiene sind nicht das Herz des Jobs.

Sondern man liest, um einen Platz in der Welt zu finden. Und hier spielt keine Rolle, ob irgend­jemand ADHS (oder weiss der Teufel was) hat: Man muss sich diesen Platz erarbeiten. Oder genauer gesagt: erträumen.

Selbst wenn Sie zu dem Zweck Nüchternheit vorziehen, ist das nur eine Frage des Stils. Sie träumen dann in Statistiken. Aber in Wahrheit erledigen Sie wie alle anderen Lesenden nur Ihre Pflicht: sich das Leben interessant zu machen.

Und am interessantesten macht das Leben die Sehnsucht. Ohne sie wird der Alltag verwirrend und wie eine Landschaft ohne Horizont. Man weiss nicht mehr, wohin.

Deshalb ist es kein schlechter Rat, wenn man in Bewegung bleiben will, in Wirklichkeit jemand ganz anderer zu sein.

Kein Wunder, erstaunte mich die Idee nicht, dass es für dieses Ziel diesmal eine kleine Dosis Psycho­pharmaka brauchen würde.

PS: Das ausführliche Hannah-Arendt-Zitat finden Sie hier.

Illustration: Alex Solman

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