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Das ist er also jetzt. Der Moment, der Jeannette Seiler schon den ganzen Tag leicht nervös gemacht hat. Sie verlässt den Zuschauerraum und eilt mit der Stoppuhr in der Hand hinter die Bühne.

Vier Minuten. Und keine Sekunde länger …

Wenige Stunden zuvor sass Seiler im Bistro neben dem Opernhaus und diktierte ihre Funktionsbezeichnung: künstlerische Produktionsbetreuerin. Und dann griff sie auch schon nach meinem Notizbuch und stellte ihr Problem bildlich dar: «Hier sind 42 Leute des Chors Babylonier, und vier Minuten später sollen sie wieder als Hebräer auf der Bühne sein.»

Chorumzüge gibt es in «Nabucco» diverse. Aber keiner ist so kurz wie dieser: Die Sängerinnen und Sänger müssen ihre grünen Babylonier-Kostüme gegen die sandfarbenen der Hebräer austauschen. Inklusive Schuhen, Perücken, Kopfbedeckungen. Dass die Damen in der grünen Variante üppige Unterröcke tragen, macht das Vorhaben nicht unbedingt einfacher.

Es ist das erste Mal, dass auf der Hauptbühne mit Kostümen und Maske geprobt wird, rund anderthalb Wochen vor der Premiere. Ohne Orchester. Dirigent Fabio Luisi steht etwas einsam im Graben, vor einem Flügel. Ohne Taktstock, den sehen die Sängerinnen von der Bühne aus eh kaum. Im Zuschauerraum haben sich um die zwanzig Leute eingefunden, Regisseur, Assistenten, Hospitantinnen, Bühnenbildner, Beleuchter, Dramaturg, Kostümverantwortliche.

Klavierhauptprobe heisst diese Form der Probe. Sie ist so ziemlich das Gegenteil der bereits besprochenen Orchestersitzprobe. Hier geniesst das Auge, das Ohr hingegen kann sich ausklinken. Natürlich wird gesungen, aber eben nicht ausgesungen. Die Klavierhauptprobe ist eine technische Probe. Abläufe, Licht, Veränderungen des Bühnenbildes – und eben Umzüge.

Vor rund einem Jahr hat Jeannette Seiler von den Kostümbildnern Wolfgang Gussmann und Susana Mendoza die ersten Entwürfe erhalten. Und sie mit den Leuten ihrer Abteilung angeschaut, die für die Umsetzung zuständig sind: Gewandmeister, Stoffeinkäuferinnen, Hutmacher, Schuhmacherin, Maske. Seither war Seiler an ungezählten Anproben dabei und hat mitgeholfen, Problem um Problem zu lösen.

«Manchmal können wir die gewünschten Stoffe nicht auftreiben», sagt Seiler. «Aber wir finden immer eine Lösung.» Für die «Nabucco»-Inszenierung hiess eine solche Lösung: ein paar hundert Laufmeter mit Marmormuster bemalen, damit die Röcke dieselbe Optik haben wie Wand und Boden.

Wolfgang Witt und ich suchen eine Garderobe, in der gerade niemand einsingt. Sein Arbeitsort liegt unmittelbar neben den Räumen der Solisten, die Maske. Seit 27 Jahren ist er am Opernhaus Zürich, seit 15 leitet er das Team, das Perücken knüpft, Glatzen herstellt und Vorstellung für Vorstellung die Darstellerinnen mitunter so herrichtet, dass man sie nicht mehr wiedererkennt.

Bei «Nabucco» steht Witt vor einer zusätzlichen Herausforderung: die Kameras des Kultursenders Arte, der die Premiere filmt. Die Figuren müssen so geschminkt sein, dass sie aus der Nähe auf dem HD-Fernseher vernünftig aussehen – aber auch der Zuschauer im 2. Rang oben noch Gesichtszüge erkennt.

In der Maske wimmelt es von Pinseln, Schwämmchen, Bürsten, Töpfchen mit allen möglichen Hauttönen – und Holzköpfen, auf denen alle möglichen Frisuren auf Trägerinnen warten. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Bald werden die ersten Sänger Platz nehmen. Beim 90-köpfigen Chor ist das Schminken Akkordarbeit, innerhalb weniger Minuten kommt der Nächste dran. Viele der Damen machen ihr Make-up weitgehend selber, bei einigen der Herren ist Wolfgang Witt froh, wenn sie das nicht tun. Für die Solisten steht etwas mehr Zeit zur Verfügung als für den Chor, rund 25 Minuten. Hohepriester Zaccaria bekommt eine Halbglatze aufgeklebt, er verbringt rund zehn Minuten länger auf dem Stuhl vor dem Spiegel. «Einige Darsteller sind nervös und gehen dabei im Stillen ihre Partie durch», erzählt Wolfgang Witt, «andere sind durchaus in Plauderlaune.»

Ein bisschen nervös sind am Nachmittag vor der Klavierhauptprobe die einen oder anderen im Team. Es werden Momente der Wahrheit folgen: Funktioniert das Geprobte auch mit den breiten Röcken? Wirken die kreierten Bilder so wie in der eigenen Vorstellung?

Und passen die breiten babylonischen Röcke durch die schmalen Abgänge hinter der Bühne?

Zweiter Akt des Werks. Die 42 Babylonier haben ihren letzten Ton gesungen und sind hinter der Bühne verschwunden. Der halbe Chor zieht sich nun im Eiltempo um, assistiert von einem knappen Dutzend Ankleiderinnen. Jedes Chormitglied hat bloss einen Stuhl mit seinem Namen drauf, Garderoben gibt es keine. Derweil nimmt die Handlung auf der Bühne ihren Lauf. Die Uhr tickt.

Michael Rüegg

«Andreas Homoki hat versprochen, dass er an dieser Stelle nicht unterbricht», sagt Jeannette Seiler. Und der Regisseur hält sich daran. Nachdem der Chor voll kostümiert zurück auf der Bühne steht, kehrt auch Seiler mit einem Lächeln auf den Lippen zurück aufs Zuschauerparkett: vier Minuten. Auf Anhieb geschafft.

Fast fünf Stunden dauert diese Probe. Homoki unterbricht immer mal wieder. Weil etwa Darsteller am falschen Ort stehen. Gelegentlich wechselt die Lichtstimmung, es wird ausprobiert. Da und dort haperts bei den Abgängen, weil die 90 Chormitglieder sich durch enge Durchgänge quetschen müssen.

Gegen halb zehn Uhr abends ist Schluss. Prinzessin Abigaille musste am Ende zweimal sterben.

«Das war doch ganz prima, vielen Dank», spricht Homoki in sein Mikrofon. Auf die Detailkritik verzichtet er, die wird am kommenden Morgen nachgeholt. Denn in zwölf Stunden stehen bereits alle wieder auf der Bühne. Ohne Kostüme. Dafür mit Orchester.

«Eine Sache», kündigt Homoki noch an: «Den toten Oberpriester in der Ecke bitte an den Armen hinausziehen, nicht an den Beinen.»

Zur Operation Nabucco

Michael Rüegg besucht bis zur Premiere am 23. Juni über mehrere Wochen die Proben für «Nabucco» am Zürcher Opernhaus und spricht mit zahlreichen Beteiligten. In der nächsten Folge lesen Sie, was sich hinter der Bühne tut, während vorne gesungen und gespielt wird. Hier finden Sie alle erschienenen Beiträge.

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