Sie glauben, dass Meinungsvielfalt darin besteht, dass es linke und rechte Medien gibt? Die dann im Schützengraben aufeinander schiessen? Wir glauben das nicht. Die Aufgabe des Journalismus ist, eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, auf der man um seine Interessen kämpft. Dafür arbeitet die Republik.

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Dunkler Hass

Von Adrienne Fichter, 15.02.2018

Gewiss: Wer in die Politik geht, braucht Ellbogen. Aber diese Strategie, den politischen Gegner fertigzumachen, ist hinterhältig und feige – und primitiv.

Gemeint sind Dark Ads. Das sind politische Werbeanzeigen auf Facebook, die nur manche sehen. Sie werden nur an ausgewählte Zielgruppen ausgespielt. Eine Anzeige in der Zeitung sieht jeder. Dark Ads sehen nur manche.

Gerne werden sie dabei angereichert mit Halbwahrheiten, Diffamierungen und Fake News.

Sie sind die feigste Art einer politischen Kampagne. Feig, weil sie flüchtig sind und verschwinden, wenn man ihre Absender anklickt. Feig, weil sie Personen verunglimpfen, diese aber nichts davon erfahren und sich daher nicht wehren können. Und feig, weil sie oft anonym sind.

In der Schweiz ist diese Form von aggressivem Negative Campaigning kaum bekannt. Dachten wir zumindest.

Seit neuestem kursieren auf Facebook Dark Ads von einer gewissen «Kampagne 19». Sie beschimpfen darin die Jusos, die Medien, die #MeToo-Bewegung, die FDP. Und loben SVP und FPÖ. Dabei setzt man neue Massstäbe in Sachen Aggressivität – und Grammatik.

So hetzt die «Kampagne 19» beispielsweise:

  • «Trinken und herum machen ist menschlich. Insbesondere bei Journalisten, wo nebst Alkohol und Koks gerne auch noch Prostitution ins Spiel kommt.»

  • «Politiker von FDP und CVP lügen, täuschen und zerstören mit den Sozialisten Stück für Stück unsere schöne Schweiz! Jeder eingeworfene Wahlzettel für FDP und CVP, ob auf Bundes- Kantonal- oder Gemeindeebene, ist eine Stimme für das linke Lager. Wann ziehen endlich SIE die Notbremse und wählen SVP?»

  • «Unglaubliche Weiber. Sie wissen offenbar nicht mehr wie blöd sie sein wollen, die Linken. (...) Offenbar hat die Pinkel-Aktion gegen die No-Billag Erfolg und findet immer wie mehr Nachahmerinnen.»

  • «Während die Linken über Demokratie stänkern, regieren in Österreich endlich die Richtigen! Eine der ersten vorbildlichen Massnahmen: Die Senkung der Leistungen für Flüchtlinge. (...) Bravo! Gratulation! Viva! Und für uns gilt: SVP wählen! SVP wählen! SVP wählen!»

Die Facebook-Fanpage hat kein Impressum. Im Infobereich steht lediglich: «Gegen das neosozialistische Bündnis von SP, FDP und CVP». Das Titelbild zeigt das SVP-Logo, und bei «Info» wird das Wahlvideo der SVP aus dem Jahr 2015 (in der DJ-Antoine-Adaption) angezeigt.

SVP-Generalsekretärin Silvia Bär sagt, sie kenne die Administratoren der Fanpage nicht. Der Name «Kampagne 19» (vorher hiess die Fanpage «Kampagne 15», sie existiert also schon länger) könnte auf die eidgenössischen Wahlen 2019 anspielen.

Gut möglich, dass wir auch in der Schweiz bald mehr von diesen Anzeigen sehen werden. Beziehungsweise nicht sehen werden. Falls wir nicht zur Zielgruppe gehören.

Political Ad Collector

Dass wir über verdeckte Werbeanzeigen schreiben können, verdanken wir unseren Verlegerinnen und Verlegern, die den Political Ad Collector installiert und die Anzeigen der «Kampagne 19» als politisch klassifiziert haben. Merci.

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Sie glauben, dass Meinungsvielfalt darin besteht, dass es linke und rechte Medien gibt? Die dann im Schützengraben aufeinander schiessen? Wir glauben das nicht. Denn in einem gespaltenen Mediensystem debattieren die Leute nicht über zwei Blickwinkel auf die Wirklichkeit. Sondern sie debattieren in zwei Wirklichkeiten. Die Aufgabe des Journalismus ist, eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, auf der man dann um seine Interessen kämpft. Eine Gesellschaft ist nur so gut wie ihre Debatten. Dafür arbeiten wir in der Republik.


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