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Vielen Dank für die interessanten Überlegungen, die mir sehr helfen, die gegenwärtigen gehässigen "Debatten" nicht nur mit zunehmender Verzweiflung zu sehen, sondern als Zeichen dafür, dass sich die Dinge tatsächlich auch in Richtung mehr Gerechtigkeit verändern.
Ja, dass die Mächtigen Privilegien abgeben müssen, damit die anderen auch am Rezept mitarbeiten können (tolles Bild übrigens!) scheint logisch und zwingend.
Wenn ich das jetzt mal auf's Materielle übertrage, bedeutet das natürlich ebenfalls, dass die Wohlhabendsten ein Stück ihres Reichtums aufgeben müssten zugunsten der Armen. Innerhalb einer Gesellschaft, aber irgendwann auch global gesehen.
Doch da, fürchte ich, wird der Widerstand noch viel grösser sein. Und dass in dieser Hinsicht noch kaum je einmal diskutiert wird, kann man auch als Zeichen sehen, dass da noch überhaupt nichts in Bewegung geraten ist. Wir glauben noch immer daran, dass es eine auch materiell gerechtere Welt geben kann ohne dass wir unsere Privilegien abgeben müssen.

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Danke für Ihren Beitrag, ich bin mit den meisten Ihrer Äusserungen einverstanden. Ausser mit der letzten. Mir ist bewusst, dass wir materielle Privilegien abgeben müssen. Und ich bin bereit dazu.

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Wer nach Denkverboten schreit und anderen vorschreibt, was sie zu sagen haben, ist nicht progressiv. Sondern diejenigen haben die Macht, andere zu unterdrücken, und nutzen sie auch dafür. Das Ziel ist immer dasselbe: den Status quo aufrecht zu erhalten und die eigene Machtposition auszubauen. Dabei spielt es keine Rolle, ob Fortschrittsdenken geheuchelt wird. Es ist eine zutiefst konservative Haltung, die notwendig ist, um das zu tun.

Das Verfälschen von historischen Werken zeigt die Unfähigkeit, historisch zu denken. Wer das macht, ist in seinem eigenen, engen rezenten Denkmodell gefangen, und möchte es rückwirkend auch allen historischen Personen aufzwingen. Es soll nicht mehr sichtbar sein, dass jene anders gedacht haben. Unerwünschtes Denken wird so aus der Geschichte eliminiert. Es geht also um Geschichtsrevisionismus. Auch der Geschichtsrevisionismus ist keinesfalls progressiv, sondern ganz im Gegenteil ausschliesslich bei stark konservativen Personen festzustellen.

Verabreden sich Personen, um eine dritte Person öffentlich unmöglich zu machen, mit der klaren Absicht, die Karriere jener Person zu zerstören und sie öffentlich zu erniedrigen und aus allen Ämtern zu entfernen, so gibt es kein besseres Wort als Hexenjagd dafür.

Die Autorin irrt übrigens darin, dass es bei einer emanzipatorischen Bewegung immer um den “Verlust” von Privilegien gehen müsse. Eine emanzipatorische Bewegung kann gar nicht erfolgreich sein, wenn sie nicht dieselben Rechte einfordert, die die anderen auch haben, sondern stattdessen sich selbst Privilegien einräumt, sie aber nun den anderen abspricht. Dann handelt es sich nicht um Emanzipation, sondern ausschliesslich um einen Machtkampf, um die Gegenseite abzulösen und die Unterdrückung umzudrehen.

Wer also Emanzipation negativ definiert, ist nur der nächste Unterdrücker.

Das Frauenwahlrecht wäre kein Teil der Emanzipation gewesen, hätte es das Männerwahlrecht abgelöst. Es ist deshalb ein wesentlicher Schritt in der Emanzipation, weil das Privileg, wählen zu dürfen, nun allen Bürgern unabhängig von ihrem Geschlecht zusteht.

Der Irrweg, auf den hauptsächlich ehemals progressive und nun im Denken erstarrte Kräfte in den USA geraten sind, zeigt vor allem eines:

Menschen sind tatsächlich alle gleich.

Hoffentlich können wir einen solchen Irrweg in Europa im Wesentlichen vermeiden. Die “Neue Rechte”, die ausschliesslich eine altbekannte Rechtsextreme ist, benötigt eine völlig andere Antwort.

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"Privilegien" habe ich verstanden, zB. Frauenstimmrecht, dass die Männer ihr Privileg, alleine zu bestimmen verlieren, nicht ihr eigenes Stimmrecht.
Insofern geht's eben tatsächlich nicht ohne Verlust von Privileg, was aber nicht gleichbedeutend ist mit Verlust der eigenen Rechte.

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Veilleicht sehen wir die Dinge verschieden, weil ich selbst einmal eine Person erlebt habe, die der Ideologie der Cancel Culture verfallen ist. Die Person war sachlich im Unrecht, aber das spielte nur eine Nebenrolle, denn ein Gespräch war gar nicht mehr möglich. Sie war völlig von ihrer Aggression beherrscht, und die wendete sich nicht nur gegen aussen, sondern auch gegen sie selber. Sie hätte vorher alles in Stücke geschlagen, bevor sie auch nur zugehört hätte, was denn die Gegenargumente überhaupt sind. Und ja, die Person ist in der US-Kultur verhaftet. Es ging um ein typisches Cancel-Culture-Thema.

Für mich war das ein Aha-Erlebnis. Ich hatte mir das nicht derart extrem vorstellen können.

Man kann sich das hierzulande (vielleicht glücklicherweise) nicht immer vorstellen, was in den USA passiert, und wie es zu dem von der Autorin verlinkten offenen Brief gekommen ist. Ich wünsche mir sehr, dass das in Europa, insbesondere auch in der Schweiz, so nicht möglich sein wird, und beobachte die ersten Auswüchse, dass das auch hierher kommen soll, mit grosser Sorge.

Die Gesellschaft in den USA ist nicht nur tief gespalten. Sie ist auch allerseits derart durchideologisiert und extrem, dass ich nicht mehr erkennen kann, wie man das jemals auflösen soll. Stimmen der Vernunft wie die im offenen Brief sind die Minderheit.

Auch deshalb habe ich bewusst von einem Machtkampf gesprochen, wer wen unterdrücken kann. Es geht um nichts anderes mehr.

Es wird ja leider nie darüber gesprochen, weshalb eine wirklich unmögliche Person wie Donald Trump in das Spitzenamt der US-Exekutive gewählt wird. Ich höre immer, dass das ein Unfall gewesen sei. Nein, der Mann wurde gewählt. Und für die Wahl gibt es Gründe. Diese gälte es zu analysieren und zu beseitigen, damit das nicht mehr passieren kann.

Niemand fragt z.B., wie sich arbeitslose Eltern im “Rust Belt” fühlen (und was alleine diese entwertende Bezeichnung ihrer Lebenswelt in ihnen bewirkt). Können solche Menschen mittels Gender Diversity- und White Privilege-Diskussionen überhaupt erreicht werden?

Was sind denn die Probleme in der Lebenswelt der Leute, die die Mehrheit der Wähler stellen?

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Die Autorin irrt übrigens darin, dass es bei einer emanzipatorischen Bewegung immer um den “Verlust” von Privilegien gehen müsse. (...) Das Frauenwahlrecht wäre kein Teil der Emanzipation gewesen, hätte es das Männerwahlrecht abgelöst. Es ist deshalb ein wesentlicher Schritt in der Emanzipation, weil das Privileg, wählen zu dürfen, nun allen Bürgern unabhängig von ihrem Geschlecht zusteht.

Sorry, aber das ist nicht logisch konsistent. Das Männerwahlrecht wurde abgelöst – bloss nicht durch das Frauenwahlrecht, sondern das Wahlrecht aller SchweizerInnen. Das bedeutet bereits rein rechnerisch ein Verlust für alle Männer, denn das Elektorat hat sich damit auf einen Schlag verdoppelt. Das heisst, jeder Mann verlor dadurch im Schnitt die Hälfte seines Stimmengewichts[1].

Sie machen mit einem solchen Statement gewissermassen genau das, wovor Frau Schutzbach die Progressiven warnt:

Oder zugespitzt formuliert: Der Verlust von bestimmten Privilegien ist kein unangenehmer Neben­effekt, sondern ein Kern emanzipativer Politik (Schubert). Man sollte das nicht verharmlosen oder beschönigen. Es reicht deshalb auch nicht, Political Correctness als konservativen Kampf­begriff, als reine Erfindung oder Konstruktion abzutun.

[1]: Okay, de facto war es anfangs weniger, weil die Frauen einige Jahrzehnte brauchten, um beteiligungsmässig aufzuholen. Das Interessante: Bei den u30-Jährigen hat sich das mittlerweile ins Gegenteil verkehrt: Junge Frauen beteiligten sich bei den letztjährigen NR/SR-Wahlen häufiger als junge Männer

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Wie man sieht, kann man “Verlust” hier auf zwei Arten interpretieren. Ich wollte vor der rein negativen Interpretation warnen.

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Tobias F.
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Wer also Emanzipation negativ definiert, ist nur der nächste Unterdrücker.

Das ist alles nur Definitionssache: was bedeutet es, ein Privileg zu verlieren?

Wenn die Männer ihr Privileg verlieren, alleinig stimmberechtigt zu sein, dann ist das ein Verlust von Privilegien. Es gibt seither ein neues Privileg für alle Bürgerinnen, stimmberechtigt zu sein. Aber selbst das ist ein Privileg, denn es enthält (berechtigt oder nicht wäre Teil einer anderen Diskussion) Nichtbürgerinnen das Stimmrecht.

Zu sagen, dass nur "positive Emanzipation" nicht konservativ sei, würde dann auch etwa heissen, dass neben den Männern auch alle anderen das Privileg gewinnen sollten, ungestraft davon zu kommen im Club anderen an den Hintern zu fassen. Wenn ich Ihre Definition richtig verstehe, dann wäre der Verlust solcher Privilegien höchstkonservativ.

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Sehr interessant, danke 🖖

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Ich finde diese Überlegungen von Franziska Schutzbach sehr differenziert und fundiert. Dieser Text bietet einem eine ganz konkrete Hilfe, wie wir uns kritisch und selbstkritisch in diesen emotional aufgeladenen und oft auch verwirrenden Diskussionen besser zurechtfinden können.
Konkret beherzige ich die folgenden Erkenntnisse:

  • Hitzig, emotional und auch übers Ziel hinaus schiessende Auseinandersetzungen sind Ausdruck von emanzipatorischen Veränderungen in unserer Gesellschaft.

  • Der Gewinn an Gerechtigkeit von unterprivilegierten Gruppen führt in den privilegierten Gruppen logischerweise zu Verlustängsten und den entsprechenden Gegenreaktionen.

  • Gewisse als bedrohlich wahrgenommene Entwicklungen (wie zum Beispiel das Erstarken des Rechtsextremismus) können durchaus auch als Ausdruck positiver gesellschaftlicher Veränderungen gewertet werden. Wobei natürlich die Gefahren extremistischer und totalitärer Tendenzen nicht klein geredet werden sollen.

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Urs Fankhauser
Citoyen
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Als Individuum mit einem lustvollen Hang zu Sarkasmus und Polemik muss mich dieser Text natürlich interessieren. Ich habe ihn mit Gewinn gelesen und etliche Denkanstösse mitgenommen. Die zentrale Forderung zur Debattenkultur: "All das entlässt progressive Kräfte (...) nicht aus der Verantwortung, selbstkritisch immer wieder neu die Wahl der eigenen Mittel zu reflektieren" versuche ich nach Kräften einzuhalten. Dies gelingt mir in einem zivilisierten Forum wie diesem hier in aller Regel recht gut.
Viele meiner Kommentare schreibe ich jedoch nicht hier, sondern ausserhalb der gesitteten Republik-Blase, auf den Kommentarseiten von tamedia-Blättern beispielsweise. Wer weiss, was dort abgeht, reibt sich dann doch ein wenig die Augen ob der hier geübten Selbstkritik und Selbstreflektion. Ich erlebe kaum, dass sich "Progressive" bei der Wahl der Mittel vergreifen. Die unqualifizierten, niveaulosen, sexistischen, rassistischen oder "auf den Mann zielenden" Posts kommen zu 95% von rechts oder extrem rechts. Es ist natürlich freiwillig, sich dort mit argumentierenden Beiträgen abzumühen. Ich tue es in der Regel, um mich mit anderen zu solidarisieren, die sich in diesen Sümpfen gegen den alltäglichen Stumpfsinn wehren.
Weshalb dieser Exkurs? Ich habe zuweilen etwas Mühe mit unserem Hang, die Korrektheit der eigenen Debattenkultur mit Hingabe zu pflegen, währenddem sich die "Grenzen des Sagbaren" stetig nach noch weiter rechts verschieben. Das soll jetzt bitte niemand als Aufruf dazu interpretieren, ebenfalls die Grenzen des Respekts zu überschreiten. Aber den Opferdiskurs, der hinter dem Begriff "Cancel Culture" steckt, mag ich nicht unterstützen.
Die Autorin macht leider einen Bogen um allenfalls relevante Schweizer Beispiele, die diskutierten Vorfälle stammen mehrheitlich aus anderen Ländern und Diskussionszusammenhängen. Erst in ihrem PS erwähnt sie ein Beispiel, wie infam dieser Kampfbegriff von den vermeintlichen Opfern eingesetzt wird. Schweizer Beispiel gefällig? Andreas Thiel: Viele Jahre Hofkünstler des Rechtspopulismus, der keine Verunglimpfung des imaginierten "linken Meinungsterrors" ausliess. Aushängeschild für kruden Antiislamismus und Fremdenhass. Maskottchen von SVP und Weltwoche... Kurz: Hofnarr der Mächtigen. Neuerdings: Opfer.
Mein Mitgefühl hält sich in Grenzen: Hat er jemals bedacht, wen er auf seinen Kreuzzügen verletzen würde?

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Kann es denn hier nicht sowohl echte wie als auch vermeintliche Opfer geben? Zu den mir bekannten Opfern gehören auch Leute die zu progressiv waren, sowie Leute, die dafür angeprangert wurden, dass sie zuvor andere angeprangert hatten. (Aber das sind Fälle aus Amerika.)

In der Schweiz gab es ja noch diesen womöglich relevanten Fall: https://www.republik.ch/2019/03/19/…en-der-eth

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Ja, OK. Ist wohl wirklich zu pauschalisierend, alle in die Schublade der "vermeintlichen" Opfer zu stecken.

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jaap achterberg
schauspieler aus holland
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Ausgezeichnet, hoffnungsvoll! besten Dank.

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Mir fällt schon eine Weile auf, dass jene, welche am lautesten nach Transparenz schreien, es selbst mit derselben nicht so genau nehmen. Demokratie ist ein ständiger Dialog aller existierenden Meinung, und dass muss auch jene Meinungen einschliessen, welche man selbst als "ewiggestirg" einstuft.

Gerade wenn "verbote" von Büchern verlangt werden - oder diese umgeschrieben werden - macht sich ein flaues Gefühl in der Magengegend breit. Kommt schon Leute: Bücher verbrennen? Hatten wir doch schon in Der Geschichte. Hat das jemals etwas gebracht?

Und wo, wenn nicht genau in der Schule, ist der Ort, wo man sich kritisch mit den Werken vergangenen Epochen beschäftigen könnte und sollte? Unser Lehrer hat immer darauf bestanden, dass wir uns in die Zeit (und Ort) aus der das Werk entstand eindenken, und danach wurde das das Werk kritisch aus verschieden möglichen Weltsichten durchleuchtet. Hat damals für mich überhaupt keinen Sinn gemacht. Heute erkennen ich, dass unser Lehrer uns kulturelle Vielfalt beigebracht hat.

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Tobias F.
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Gerade wenn "verbote" von Büchern verlangt werden - oder diese umgeschrieben werden - macht sich ein flaues Gefühl in der Magengegend breit. Kommt schon Leute: Bücher verbrennen? Hatten wir doch schon in Der Geschichte. Hat das jemals etwas gebracht?

Haben Sie Belege für solche Forderungen?

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Der Artikel, den sie gerade kommentieren, erwähnt Forderungen nach der Entfernung gewisser Bücher aus dem Unterricht. Die Quellen erhalten vermutlich bei der Autorin. Und wie kann man Bücher aus dem Unterricht entfernen? Eben - läuft auf ein Verbot hinaus.

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Und doch ist es doch selten ein "Verbrennen". Es wird gefordert, dass das Buch nicht mehr im Lehrplan von Schulen ist, nicht dass die Bücher vollständig verboten werden. Und auch da tendieren viele zu Übertreibungen: So sind viele Bücher bereits heute "verboten", aber meistens bedeutet das, dass kein Verlag sie drucken will/darf oder ihr Verkauf verboten wird. Verbrennen zieht solche Bücher total aus dem Verkehr, heutzutage mit Scanningtechnologie und PDFs natürlich eh nicht mehr wirksam.

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Der Punkt geht natürlich an sie. Das mit dem Verbrennen war natürlich eine stilistische übertreibung. Das Ziel dürfte aber wenigstens ähnlich sein: abweichendes Gedankengut aus der Literatur "entfernen". Und doch, ich sehe schon einen Unterschied darin ob Werke einfach nicht mehr gedruckt werden (dass müsste ja meistens Finanzielle Gründe haben) oder ob die Politik Nachhilftn

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Für die Behauptung "Mir fällt schon eine Weile auf, dass jene, welche am lautesten nach Transparenz schreien, es selbst mit derselben nicht so genau nehmen." gibt es keinen Beleg – er wäre auch nicht zu erbringen. Ein Trugschluss der besonderen Art. Deshalb wohl auch die Anonymität.

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Der Beitrag ist aus meiner Perspektive geschrieben, und daher offensichtlich Subjektiv. Eine Objektivität wurde an keiner Stelle suggeriert, wie kommen sie darauf, diese anzunehmen.

Und damit sind wir schon wieder beim Thema. Die Bundesverfassung garantiert mir das Recht auf Meinugsäusserung. Punkt. Von Belegen steht da nichts. Sie müssen diese Meinung eifach akzeptieren (aber selbstverständlich nicht Teile) eifach nur unter dem Verweis auf meine subjektive Wahrnehmung.

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· editiert

Die in der Überschrift "Ein Verlust ist ein Verlust" auf den Punkt gebrachte Vorstellung, dass die Emanzipation einer unterprivilegierten Gruppe für andere, privilegiertere Gruppen immer zwingend gewisse Verluste, Einschränkungen und somit handfeste Nachteile mit sich bringt, und dies naturgemäss zu einer Art ewigen Macht- und Verteilungskampf führt, finde ich problematisch. Auch wenn emanzipatorische Bewegungen von den privilegierteren Bevölkerungsgruppen tatsächlich oft als Bedrohung empfunden werden, ist dies objektiv gesehen nicht unbedingt immer der Fall. Unsere Gesellschaft ist kein Nullsummenspiel, bei dem eine Gruppe ihre Situation immer nur auf Kosten einer anderen Gruppe verbessern kann. Oft profitiert letztendlich die ganze Gesellschaft davon, wenn es ihr gelingt, Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu reduzieren. Oft bringt das mehr Wohlstand und Frieden. Die Frauen haben sich in den letzten 100 Jahren enorm viele Rechte, Möglichkeiten, Freiheiten und Ressourcen erkämpft, die sie vorher nicht hatten, und Männer können heute tatsächlich etliche Dinge nicht mehr tun oder haben, die sie früher selbstverständlich tun oder haben konnten. Sind die Männer heute dadurch schlechter gestellt oder ärmer dran als früher? Wohl kaum. Wie viele Männer blicken nostalgisch auf die gute alte Zeit zurück, in der sie noch die absoluten Herren in der Gesellschaft und im Haus waren? Wie viele von uns wünschen sich diese Zeit zurück? Ich glaube, das ist eine sehr kleine Minderheit. Und welcher weisse Mann oder Frau wünscht sich heimlich die Sklaverei zurück? Wohl kaum jemand. Auch für den "weissen alten Mann" ist das Leben heute eindeutig viel besser als in der gloriosen alten Zeit, in der er noch all die tollen "Privilegien" hatte.

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Auf einer objektiv-materiellen Ebene haben sie wohl Recht – die Männer heute sind kaum "schlechter gestellt oder ärmer dran" als ihre Vorfahren.

Auf einer subjektiven Ebene hingegen würde ich Ihnen klar widersprechen. Wenn wir über Status sprechen, dann haben heutige Männer gegenüber heutigen Nicht-Männern wohl deutlich weniger "Vorschusslorbeeren" (zumindest in der hiesigen Gesellschaft).

Sozialer Status ist immer relativ und muss daher immer ein Nullsummenspiel sein, befürchte ich. Das Problem beginnt daher wohl bereits beim Wunsch nach höherem Status – sofern mit Erfüllung dieses Wunsches der "Median-Status" der jeweiligen Vergleichsgesellschaft überschritten würde. Denn dies ist indirekt immer auch der Wunsch nach einer (zu eigenen Gunsten) ungleicheren Gesellschaft.

(Praktische Fragen, die bleiben: Wie misst man Status? Ist sozialer Status (im Wesentlichen) eindimensional? Wenn nicht, wieviele Dimensionen gibt es? 🤪)

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Da man von “hohem” und “niedrigem” sozialen Status spricht, gibt es eine Ordnung. Ich bezweifle jedoch, dass es eine Totalordnung gibt. Wer hat den höheren Status, der erfolgreiche Unternehmer oder der Professor? Der soziale Status hat noch eine Eigenschaft: er ist subjektiv. Das bedeutet, er ist nicht objektivierbar, somit nicht messbar.

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Dazu fällt mir das Stichwort Verlustaversion ein. Psychologisch gesehen fällt ein Verlust deutlich stärker ins Gewicht als ein Gewinn. Es kommt noch hinzu, dass man in der Regel ja genau weiss oder zumindest zu wissen meint, was man verliert. Das was man in der Zukunft möglicherweise dazu gewinnt, ist jedoch in der Regel unklar.

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aus Zürich
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Wie wäre es, wenn man weiterhin mit Kindern Pippi Langstrumpf und all die Klassiker liest - sie sind so schön - und gerade dies als Anlass nimmt, bestimmte Aussagen, Bilder, Verzerrungen, Vorurteile zu besprechen und zu zeigen, dass man genau so nicht denken sollte, und auch diskutiert, warum nicht? Damit würde man auch gleich das kritische Denken fördern. Hat bei mir genau so funktioniert, und nicht anders.
Ausserdem muss man das ansprechen; meiner Erfahrung nach sind gerade kleinere Kinder sehr konservativ, und zeigen mit dem Finger auf anders Aussehende, sich liebende Männer, und abstrakte Kunst.

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Diskutierer
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Was mich stört ist die schlechte und gefühlt schlechter werdende Diskussionskultur. Ich gehöre wohl zu den wenigen die regelmässig inklusive Stammtisch den Stadt-Land Wechsel machen und dabei auch gerne einmal die Argumente der anderen Einbringt. Ich werde regelmässig wegen banalen Statements als Nazi und als Linke Sau abgetan. Ich treffe nur ganz selten Menschen, die gerne den ganzen Möglichkeitsraum der Meinungen und Ideen diskutieren und deren Konsequenzen bedenken, ohne das man dies persönlich nimmt. Man wird fast immer automatisch in ein paar wenige Schema's gedrückt. Ein unpassende nicht angenehme Aussage und gleich ist alles dahin. Die Republik ist da nicht besser, schreibt einen grossen Kommentar bei dem euch 99% zu stimmen sollten aber schreibt nur eine kleine rechte Anekdote und schon wird der Gesamttext zerrissen. Wo bleibt da die Möglichkeit um Fehler zu sehen und einzugestehen? Wo bleibt da die Möglichkeit Fehler zu machen? Mich wundert die Polarisierung unserer Gesellschaft ehrlich gesagt überhaupt nicht, diese wird von allen Seiten vorangetrieben.

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Dozentin, Politologin
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Sie sprechen an, was mir auch auffällt. würde gerne den gesamten Möglichkeitsraum an Meinungen diskutieren. auch würde mich interessieren, ob sie Ideen haben, wie man diese Entwicklung aufhalten könnte - haben Sie ein Gegenmittel? Wenn Interesse an einem Austausch schreiben Sie mir doch bitte eine E-mail.

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Tobias F.
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Ein interessanter Beitrag!

Und noch etwas anderes ist von grund­legender Bedeutung: Diejenigen, die mit ihren Deutungs­ansprüchen, Perspektiven und Millionen Followern lange Zeit relativ unwidersprochen blieben, neigen manchmal dazu, heftige Kritik und Kontroversen vorschnell als Ausdruck von Zensur abzutun. Dabei sind Kontroversen gerade ein notwendiger Bestand­teil pluraler Gesellschaften.

Gerade dass hier sollten sich viele ganz dick mit rotem Markierungsstift anstreichen und einrahmen.

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Michel Rebosura
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
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Neben dem Tocqueville-Paradoxon ist auch das Toleranz-Paradoxon des liberalen Philosophen und kritischen Rationalisten Karl Popper relevant:

Das Toleranz-Paradoxon wird wirksam, wenn eine tolerante Macht aufgrund ihrer Toleranz intoleranten Kräften erlaubt oder ermöglicht, die eigene Toleranz einzuschränken oder abzuschaffen.

Als intolerant definiert Karl Raimund Popper einen Menschen oder eine Gruppe nach folgenden Eigenschaften:

  • Verweigerung eines rationalen Diskurses

  • Aufruf und Anwendung von Gewalt gegen Andersdenkende und Anhänger anderer Ideologien

Bei intoleranten Menschen unterscheidet Popper zwei Kategorien:

  • Intoleranz des ersten Grades: intolerant gegenüber den Sitten und Gebräuchen eines Menschen, weil sie fremd sind.

  • Intoleranz des zweiten Grades: intolerant gegenüber den Sitten und Gebräuchen eines Menschen, weil diese intolerant und gefährlich sind.

Konsistent vertretene Meinungen und Haltungen, die Menschen diskriminieren und ausschliessen, weil sie "anders" oder eben "fremd" sind - etwa wegen Race, Class and Sex - sind nun erstgradig intolerant und müssen deshalb - wenn ein rationaler Diskurs nicht möglich ist - nicht toleriert werden.

Es ist also legitim zweitgradig intolerant zu sein, wenn man den rationalen Diskurs anbietet und nicht zu Gewalt aufruft oder sie - auch in Form von hate speech - anwendet.

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Ich stimme zwar Popper zu, intoleranz darf nicht toleriert werde, aber nicht ihrer Wahl der Mittel. Die Linke versucht nun seit einfm guten Vierteljahrhundert ihr Glück mit rationalem Diskurs. Gebracht hat es nur einen generellen und punktuell, wie in den USA, drastischen Rechtsruck.
Es gilt zu bedenken, dass sich rechtsautoritäre Kräfte noch NIE um gute Argumente oder gesitteten Diskurs bemüht haben (mal abgesehen von Gelegenheiten, in denen dieser von progressiven Kräften eingefordert wird. Weiter gilt es zu bedenken, dass die politische und wirtschaftliche Elite naturgemäss und primär an der Erhalzung des Status Quo interessiert und sekundär ängstlich ist. Diesem establishment liegt appeasement im Blut, und das begünstigt nun mal die lautesten und bedrohlichsten Spieler.

Ich sage also es ist nicht nur legitim, zwetgradig intolerant zu sein, man kann und soll dies auch mit allen Mitteln sein. Rassismus, Faschismus und so weiter müssen mit allen Mitteln bekämpft werden, die in der jeweiligen Situation Zielführend sind. Und wenn diese Mittel am Ende nur noch Gewalt erlauben, so muss auch dieses Mittel genutzt werden. Zum Glück sind wir in der Schweiz nicht in einer solchen Lage. Aber es ist wichtig, sich dieser Option selber bewusst zu sein und sie auch im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.

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Gerne empfehle ich hierzu die etwas ausführlichere Argumentation von Michael Schmidt-Salomon in Die Grenzen der Toleranz oder entsprechende Rezensionen im Internet.

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Danke für etwas mehr Popper in meinem Leben! :)

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Studi
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Ich denke, es bestehen hier oft 3 (+?) Ebenen, die miteinander verbunden sind.
Als Beispiel: Person/Firma XY möchte nicht mit den Ideen/Äusserungen von Person/Firma XZ in Verbindung gebracht werden, da sie das Gefühl hat, dies schade ihrem Image/Brand. Sie lassen sie fallen wie eine heisse Kartoffel.
Man kann nun über verschiedene Sachen reden:

  • Die Ideen/Äusserungen: Wie steht es um diese Inhalte? Sind sie etabliert oder hart umkämpft? Gibt es etwas Neues? Lohnt sich eine gesellschaftliche Debatte oder sind es Scheinprobleme? Sind sie so gesagt überhaupt "cancel-würdig"?

  • Cancel Culture selbst: Ist es überhaupt ok, dass eine Person/Firma dies tut? Wo sind die genannten Limite und Freiheiten der Meinungsäusserung? Sollte eine Firma das Recht haben, das zu tun? Sollte die NASA auch überzeugte Flat Earthers beibehalten müssen, oder die UBS eine Person, die in der Freizeit "eat the rich" an Fassaden sprayt? Wie sieht dies mit politischen Ämtern aus? Braucht es Litmus Tests, oder ein Gelübde, sich an die Normen zu halten? Was, wenn diese überschritten werden?

  • Meta: Man redet über "Cancel Culture", aber nicht darüber, was dahinter liegt. Shitstorms entstehen, die grob auf die vorherigen Punkte eingehen. Artikel wie dieser hier folgen dann, die das ganze Problem einordnen; werden aber von denen, die es nötig hätten, wohl nicht gelesen.

Wie die Autorin es im letzten Absatz anführt: Es wird oft mit zweierlei Mass gemessen. Leider sind nicht alle, die sich dieser Debatte anschliessen, auch an einem ernsthaften, sachlichen Dialog interessiert. Es geschieht oft das, was in einem Cartoon von Barry Deutsch so schön veranschaulicht wird - nur geht es dann noch weiter und es wird viel "Outrage porn" generiert. Am Schluss sind alle wütend aufeinander, und das Problem ist ungelöst. Beim nächsten Mal wiederholt sich das Ganze.

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Michel Rebosura
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
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· editiert

Ich finde noch wichtig, was Franziska Schutzbach zu den Handlungsweisen der "progressiven Seite" sagt:

Gleichzeitig sollten diese Tendenzen aber auch nicht dazu verleiten, Fortschritte zu übersehen und Durch­brüche kleinzureden. Auf progressiver Seite wird manchmal eine Art Katastrophismus gepflegt, ein Pessimismus, der keinerlei emanzipatorischen Fortschritt zu honorieren bereit ist, solange nicht der ganz grosse Umschwung eintritt. So aber macht man die bereits erzielten Erfolge unnötig klein.

Dieser Katastrophismus ist sozusagen die Kehrseite des Perfektionismus. Mit diesem besteht die Gefahr der perfect solution fallacy (dt. Nirvana-Fehlschluss), der begeht:

wer etwas Wirkliches oder Realisierbares mit einem unrealisierbaren modellhaften Ideal vergleicht und auf dieser Basis – ohne die Realitätsferne des Ideals zu berücksichtigen – ein Urteil fällt oder eine Entscheidung trifft.

Wie beim Klimaschutz auch, kann man von niemandem - erst recht nicht von der ganzen Gesellschaft - erwarten, dass man bereits nach dem ersten Schritt gehen, geschweige denn auf dem Gipfel stehen kann. Sondern das Wichtigste ist, dass man sich überhaupt auf den Weg gemacht hat und und lernt sowie, dass man die Fortschritte kritisch, d. h. auch wertschätzend würdigt.

Dies ist aber auch eine Frage der Haltung, Orientierung und der Perspektive:

Sich aus der marginalisierten Perspektive einseitig auf einen Stand­punkt der Ohnmacht, der Diskriminierung oder der Unter­drückung zu berufen, hiesse am Ende, genau die Position zu reproduzieren und zu akzeptieren, die einem von den herrschenden Verhältnissen zugewiesen wird: eine Position der Marginalität.

Zum Schwierigsten gehört wohl die Transformation hin zu etwas Anderem ohne Reproduktion des Bisherigen. Individuell - wie man von Neujahresvorsätzen weiss - und erst recht kollektiv. Die Perspektive, die wir einnehmen müssten, wäre die der (kollekiven) Handlungsfähigkeit, Gleichheit und des Empowerments. Eine Position also der post-souveränen Solidarität, in der die Vulnerabilitäten berücksichtigt, ja sogar als Resilienz-Ressourcen für nachhaltive Allianzen eingesetzt werden.

Gerade aufgrund der eigenen Vulnerabilitäten und Erfahrungen von Verletzungen gibt es nur einen Weg, um diesen ewigen Kreislauf, ja diese Gewaltspirale zu durchbrechen: In dem man die rote Linie nicht übertritt:

Hate-Speech oder Beschimpfungen sind widerwärtig und falsch. Egal, von wem sie kommen, und egal, gegen wen sie gerichtet sind.

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Sehr hilfreich. Jetzt verstehe ich besser, weshalb die NZZ der Kritik an der Genderdebatte so viel Platz einräumt. Bis jetzt fand ich das irgendwie kurios. Sie hat das Privileg verloren zu bestimmen, wie über die Beziehung der Geschlechter geschrieben und geredet wird.

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Oder es geht einer der Freiheit verpflichteten Zeitung (?) darum, für die Freiheit des eigenen Ausdrucks einzustehen und einer allfälligen "Sprachpolizei" präventiv entgegenzuwirken?

Das sog. Gendern oder Entgendern der Sprache und ähnliche Vorhaben sind im Zusammenhang dieser Diskussion gute Beispiele, da den Gegnern dieser Vorhaben gerne die wildesten Motive oder Unverständnis der Thematik unterstellt werden, was von ebendiesen als totalitär wahrgenommen werden kann.

Edit: Rechtschreibung

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Thomas Eckloff
Kann ein kleiner Teufel sein.
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Rückblickend können wir nur aus der Vergangenheit lernen und mit diesem Wissen in der Gegenwart dann auch die Zukunft gestalten. Was fehlt? Respekt vor dem Leben anderer Menschen. Nicht eine einzige Regierung hält sich an das was sie mal selbst unterzeichnet haben. Es sind die Menschenrechte. Wer zieht Grenzen auf dieser Welt namens Erde. Ich habe als Deutscher in der Schweiz einen Ausländerausweis, ne ist klar, ich dachte schon seit meiner Kindheit wir Leben auf einem Planeten namens Erde. Dieser ist bewohnt von Menschen, stimmen Sie mir zu. Und sind wir dann nicht alle Menschen dieser Erde? Die Menschenrechte werden mit Füßen getreten und ich denke, ich bin kein Ausländer sondern ein Ausserirdischer. Jeder sieht nur sich selbst in dieser Welt. Solange dieses denken in den Köpfen der Menschen steckt, kann keine Regierung der Welt auch nur gerecht Regieren.
Alles andere ist Pillepalle.

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Thomas Eckloff
Kann ein kleiner Teufel sein.
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Ach hab ich vergessen, für mich gibt es keine Grenzen auf dieser Erde, wenn dann kann es nur unterschiedliche Völker geben und sonst nix.

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Skeptiker
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Was hindert uns daran, eine offene, faire und vor allem zielführende Diskussionskultur zu haben? Meiner Meinung nach ist es unser Ego, unsere Ängste, Wünsche, Erfahrungen, welche uns allzuoft im Wege stehen. Es braucht Mut zur Ehrlichkeit. Und Vertrauen in das Gegenüber, denn Offenheit birgt das Risiko, verletzt zu werden. Im Grunde genommen sind alle Menschen gleich. Alle haben wir die gleichen Bedürfnisse: Geborgenheit, Zugehörigkeit, Anerkennung, Sinn, Sicherheit, Liebe. Aber jeder Mensch wächst unter anderen Bedingungen auf, wird auf andere Art und Weise geprägt, fühlt sich unterschiedlichen Gruppen zugehörig.
Ist der Mensch fähig, sein Ego beiseite zu schieben und sich zu öffnen für die Welt seines Gegenübers?

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Thomas Eckloff
Kann ein kleiner Teufel sein.
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Selbst wenn man es erkannt hat das es um das eigene Ego geht, so tabt man immer wieder in seine eigene Falle, ich sage im Zweifel immer zu mir selbst, frag dein Herz nur das weiß die Wahrheit.

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Ein Beitrag, der einen guten Überblick zum Themenkomplex gibt. Das Plädoyer für Differenzierung in der Debatte höre ich, doch irritiert mich, dass die Verwendung des Begriffs "Mohrenkopf" (ohne, dass ich die Vetwendung des Begriffs zu einem unveräusserlichen Menschenrecht hochstilisieren möchte) in die gleiche Kategorie fällt, wie wenn sich ein Mann heraus nimmt, einer Kellnerin an den Hintern zu fassen. Differenzierung?

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Michel Rebosura
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
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Wo fehlt Ihnen die Differenzierung in der Passage:

Gemeint ist, dass bei der Umsetzung von Gleich­stellung fortbestehend informelle Privilegien und Freiheiten, die die Freiheit anderer einschränken und strukturelle Diskriminierung verursachen, aufgegeben werden müssen.

Wenn mehr Frauen in Chef­positionen oder Parlamente kommen sollen, dann heisst das, dass weniger Männer solche Positionen innehaben können. Wenn Menschen, die vorher unbescholten «M***kopf» sagten oder Frauen im Club an den Hintern fassten, das nun nicht mehr unbescholten tun können, wird ihnen tatsächlich etwas weggenommen: nämlich die Möglichkeit, allein zu bestimmen, welche Begriffe adäquat sind und welche nicht, welches Verhalten angemessen ist und welches nicht.

Meines Erachtens wird hier klar und deutlich zwischen der Gattung "informelle Privilegien und Freiheiten, die die Freiheit anderer einschränken und strukturelle Diskriminierung verursachen" und den unterschiedlichen Arten z. B. "Sexismus" und "Rassismus" sowie Ausdrucksweisen wie "Begriffe" und "Verhalten" differenziert.

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Bei der einen Verhaltensweise liegt der Tatbestand des Sexismus klar auf der Hand, ev sogar der Straftatbestand der sexuellen Belästigung. Bei der ominösen Süssspeise ist der Begriff nicht a priori rassistisch konnotiert. (Was sich allerdings verändert hat, seit die SVP daraus einen rassistisch grundierten Kampfbegriff gemacht hat).
Soviel zu der von mir gewünschten Differenzierung.
Sollte es Anzeichen geben, dass sich von Rassismus Betroffene durch den Begriff M... verunglimpft fühlen, habe ich keine Mühe auf dieses Wort zu verzichten oder mich allenfalls zu entschuldigen.

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Ergänzend zu diesem Artikel empfehle ich, hier mal reinzuhören: https://www.srf.ch/sendungen/kontex…gsdiktatur
Meiner Meinung nach ein guter Ansatz, wie über das Thema konstruktiv debattiert werden kann, ohne dabei in allzu eloquenter Selbstbeweihräucherung zu verfallen :-)

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Ok, ich versuch die Diskussion wieder mal kurz zusammen zu fassen . . . das PERFEKTE ist der Feind des GUTEN . . . ich beobachte mich aktuell, dass ich fast jeden Abend bei der Durchsicht der verschiedenen Tagesschauen, regelmässig den Fernseher anschreien muss und ich muss dazu sagen, dass ich nur schon aus Zeitgründen eine strenge qualitative Auswahl der Medien treffe . . . insbesondere auch die SRF-Tagesschau bringt mich regelmässig zur Weissglut, seit die neue Fernsehchefin im Amt ist - ich weiss der Chefredaktor ist ein Mann - trotzdem . . . die Berichterstattung ist oft dermassen oberflächlich, dass sie sich im Endeffekt bei genauer Betrachtung, als falsch erweist, nicht nur weil gerade das BAG geschlampt hat . . . mein Wutausbruch gegen den Fernseher schadet niemandem und meine Seele ist etwas beruhigt durch die emotionale Entspannung, sodass ich bei der Diskussion mit meinen Freunden, die Sache etwas cooler, also GUT angehen kann . . . ich bin aber extrem privilegiert, sogar für Schweizer Verhältnisse . . . ich denke auch, wir machen uns zu viele Sorgen um die Gesprächskultur, wenn ich auch den Ansatz unterstütze, dass wir um guten öffentlichen Debattenraum streiten müssen und die inszenierten Gesprächsrunden als das an den Pranger stellen, was sie tatsächlich auf dem Hintergrund der extremen Machtmonopole in der Medienwelt sind: Manipulationsmaschinen, auch und besonders wenn sie im öffentlich rechtlichen Fernsehen stattfinden, denn auch da hat es marktmächtige Werbemonopole und Beratungsfirmen im Hintergrund, über die Transparenz hergestellt werden muss . . . dennoch wäre es dringender, diese Machtstrukturen direkt zu attackieren und aufzuzeigen, wie viel besser unsere gesellschaftliche und wirtschaftliche Organisation aufgestellt wäre, wenn die Macht intelligent verteilt ist, wie viel besser wir uns gegen klimatische und gesundheitliche Bedrohungen schützen könnten, wieviel besser sich das menschliche Leben gestalten lässt . . . ich als alter weisser Mann möchte auf keinen Fall in die siebziger Jahre zurück, als wir auch schon von struktureller Gewalt gesprochen haben . . . leider wurde dieser Begriff jahrzehntelang aus dem politischen Diskurs gestrichen.

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Thomas Eckloff
Kann ein kleiner Teufel sein.
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Das kenne ich mit den Sachen schmeissen. Heute bin ich etwas ruhiger geworden, weiß ich doch es ist bei anderen Ihre Beschränkung. Sie können nicht sehen was sie nicht sehen wollen, auch wenn man sie mit der Nase drauf stupft. Nur wer im Herzen rein der auch sieht, so sieht's aus.

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Wenn Leute für ihre tatsächlichen Meinungen angeprangert werden, ist das ja eine Sache. Etwas anderes ist es, wenn Leute für Meinungen angeprangert werden, die sie nie vertreten haben oder welchen sie sogar explizit widersprochen haben. Das unterwandert dann die entsprechende progressive Bewegung, aber ich bin mir nicht im Klaren, ob das das Ziel solcher übertriebener Darstellungen wirklich diese Unterwanderung ist. Ich muss jedenfalls regelmässig antifeministische YouTube-Kanäle aus meinen Empfehlungen entfernen lassen, die alle eine ähnliche Formel zu verwenden scheinen: Sie finden Instanzen, wo jemand von einem Mob unfair behandelt wurde und schliessen dann, es existiere gar kein Problem, da man sonst ja nicht auf diese Weise übertreiben müsste.

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Michel Rebosura
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
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Das Problem ist, wie wir vom emotionalen Streit der vereinfachenden Meinungen zu einer vernünftigen Debatte der differenzierten Argumente kommen. Erst recht, wenn man aufgrund der bestehenden Machtasymmetrie von Oben/Unten schnell, ja allzuschnell die Entscheidung zwischen Freund/Feind fällt.

Was not täte, wäre der "Schleier des Nichtwissens". Denn ist nicht ein Wesensmerkmal der Vernunft, dass alle als Vernunftbegabte gleich sind und unabhängig von den jeweiligen Interessen argumentieren?

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Ich will Sie ja gar nicht von meiner Haltung überzeugen (wie kommen Sie darauf?). Geben Sie sich doch einen Ruck und überzeugen mich, dass Ihre Aussage (siehe meinen ersten Post) nicht einfach aus der Luft gegriffen ist, sondern Hand und Fuss hat.

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Leser
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Sehr differenziert, danke! Ich tu mich jeweils schwer mit der Priorisierung einzelner Vorstösse. Die "Mohrenkopf"-Debatte ist zwar laut. Aber wieso wichtig?

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Peter Schlegel
Lehrer i. R.
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https://www.youtube.com/watch?v=B17lAVteRKk

Wo ist der prinzipielle Unterschied?

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Roland Wagner
Autor, Künstler, Manager, Aktivist
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Der Text tritt an, um die Debattenkultur zu verbessern. Erreicht er das?

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Chefredaktion
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Wenn ich hier im Dialog mitlese, würde ich sagen: ja. Sehr interessante Perspektiven und Gegenargumente. Mir persönlich erschien der Beitrag vor allem ein Beitrag zur Deeskalation (alle Seiten übertreiben), ohne die Illusion zu wecken, Veränderung gehe ohne Konflikte.

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die Herstellung tatsächlicher – nicht bloss formaler – Gleichheit ist ein Kernauftrag demokratischer Verfassungen.

Ist dem so? Ich denke nicht.

Hier werden wohl die Ideen von Prozess- und Ergebnisgerechtigkeit angesprochen.

Im ökonomischen Kontext der Einkommensverteilung würde die Aussage der Autorin wohl heissen: maximale Um-/Rückverteilung der Mittel, sodass alle exakt gleich viel Einkommen haben; also etwa wie im Kommunismus, soweit ich das verstanden habe. Das wäre dann vollkommene Ergebnisgerechtigkeit.

Offenbar ist dies aber kein "Kernauftrag [aller] demokratischer Verfassungen"!

Ergo hat die Autorin ihrer Sichtweise ein, angeblich allgemein anerkanntes, normatives Fundament untergeschoben, das es so nicht gibt.

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Ach die Freiheit! Liberale möchten sie immer gerne rein, unbefleckt, edel und gut. Und vorallem unbegleitet. Die Cousine Fraternité: eine moralinsaure Betschwester. Aber die definitive Spassbremse ist die laute und vulgäre Tante Égalité !
Liberale werden nie zugeben, dass so etwas wie "formale Gleichheit" ein Phantom ist. Was nützt Gleichheit vor dem Gesetz, wenn eine Partei teure Rechtsanwälte ins Spiel bringt und die andere evtl. schon gar nicht klagt, weil sie sich die Kosten einer Niederlage nicht leisten kann? Was nützen formal gleiche Bildungschancen, wenn die einen Kinder notfalls mit Nachhilfeunterricht oder einer teuren Privatschule gedopt werden, wenn die anderen Eltern haben, die das Wort "Gymnasium" nicht korrekt buchstabieren können?
Mehr Gerechtigkeit wäre durchaus erstrebenswert und möglich, ohne dass man gleich den feuchten Traum von Tante Égalité bemüht...

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Da bin ich voll bei Ihnen, aber das ist wohl eine andere Diskussion.

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aus Zürich
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Es geht in diesem Artikel eindeutig um Gleichheit im Sinne der Gleichbehandlung aller Menschen, und diese ist durchaus Kernaufgabe des demokratischen Staates.

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Da stimme ich Ihnen zu, aber darunter verstehen nicht alle dasselbe!

Wenn ich aber nun z. B. an Geschlechterquoten denke, die die Autorin wohl eher als gerechtfertigt denn nicht ansieht, dann geht es um genau diese Frage: Ergebnis- oder Prozessgerechtigkeit?

Und wie wir wissen, sind weder Geschlechterquoten noch uniforme Einkommen (als Beispiele für Ergebnisgerechtigkeit od. "tatsächliche Gleichheit") Teil unserer Verfassung, geschweige denn deren Kernauftrag.

Eher das Gegenteil trifft zu: Meiner (auf sehr dünner Datenbasis fussender) Einschätzung nach wird z. B. in der Schweizer Verfassung eher das Prinzip "Prozessgerechtigkeit", also ca. gleiche Rechte und Möglichkeiten für alle, bevorzugt.

Daher kam mein Einwand, die Autorin könne sich nicht auf ein allgemein anerkanntes, d.h. in der Verfassung verankertes, Prinzip der Ergebnisgerechtigkeit beziehen, auch wenn sie sich dies vielleicht als allgemeines Leitprinzip wünscht.

Im Kern geht darum, dass persönliche Meinungen zu Normativem gerne mit allgemein anerkannten Prinzipien unterfüttert werden, da dies einfacher ist, als sein persönliches Werturteil rational zu begründen. Gibt es diese Grundlage nicht, verlieren solche Wünsche deutlich an Gewicht. Darauf wollte ich hinweisen

So weit am Thema vorbei ist mein Beitrag daher nicht. Denn es geht ja gerade darum, inwiefern von Leuten, die sich gerne im Recht fühlen, andere Meinungen toleriert werden.

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Simon Reber
Software Entwickler, Familienvater
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Mich stört ein wenig, die verschiedenen Benennungen der Diskriminierung.
Ob es Antisemitismus, Islamismus, Rassismus oder Frauenfeindlichkeit ist, es geht immer darum, aus einer Position der Stärke die Schwächeren zu entrechten, erniedrigen, auszubeuten, und ihnen ihr Menschsein abzuerkennen.
Kluge, selbstbewusste Frauen sind für dumme Männer eine Bedrohung ihres überhöhten Selbstbildes.
Kluge und selbstbewusste Schwarze sind für dumme Weisse eine Bedrohung ihres überhöhten Selbstbildes.
Kluge, selbstbewusste Untertanen, waren der Untergang des überheblichen Adels.
Diese Lektion gedenken die heutigen Machthaber in autoritären Staaten und Konzernen nicht zu lernen, weshalb sie dumme Männer und Rassisten in grosser Zahl um sich scharen, um all die gefährlichen Frauen und Andersartigen, mit der stumpfen Gewalttätigkeit der Dummen niederzuhalten.
Dieser Mechanismus kann offenbar ausserordentlich wirkmächtig sein, denn wir sehen riesige Gesellschaften in islamischen Ländern, wo die Frauen erfolgreich unterdrückt und ausgebeutet werden, obwohl die Frauen den Grossteil der Arbeiten verrichten, sahen riesige Kolonialreiche, wo einige wenige Rassisten sehr viele Eingeborene unterdrückt und ausgebeutet haben und dies bis heute tun, obwohl diese Eingeborenen den Grossteil der Arbeiten verrichteten, und verrichten.
Und wir sehen auch bei uns, dass einige wenige Reiche, den Rest der Menschen ausbeuten und unterdrücken, obwohl dieser Rest den Grossteil der Arbeiten verrichtet.
Alle diese Diskriminierungen basieren darauf, die Solidarität der Betroffenen mit allen Mitteln zu verhindern, indem sie isoliert oder gegen einander ausgespielt werden.
Dazu wird im Endeffekt immer, rohe, plumpe Gewalt angewendet. Aber oft reichen auch die subtileren Methoden der Propaganda, um den Menschen klarzumachen, dass ein Zuwiderhandeln in die Anwendung von roher, plumper Gewalt münden wird.
Diese Entsolidarisierung rückgängig zu machen, unwichtigere Differenzen zu ignorieren und den Reichen und Mächtigen die Deutungshoheit des Alltags zu entreissen, muss das grosse Ziel sein, um zu einer friedlicheren, zukunftsträchtigeren und angenehmeren Gesellschaftsform zu finden.

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(durch User zurückgezogen)
Michel Rebosura
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
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· editiert

Jede und jeder kennt aus eigener Erfahrung, wie es ist, seit der Geburt "gecancelt" zu sein und erlebte das Tocqueville-Paradox - zumindest zeitweilig (andere lebenslänglich). Denn in der Adoleszenz unternahmen wir selbst eine Emanzipation (lat. emancipatio, "Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt"). Als Kinder waren wir alle eine marginalisierte subalterne Stimme, welche gegenüber der autoritären dominanten Stimme der Eltern "gecancelt" worden ist.

Wir alle erkämpften auf unserem emanzipatorischen Weg zur Selbstbestimmung und Gleichberechtigung unser nicht nur formelles, sondern vor allem auch informelles Stimmrecht. Und dies nicht ohne Kontroversen und Konflikte.

Welches Canceln ist nun gravierender, welches gar grenzüberschreitend: Das "Du hast mir nichts mehr zu sagen!" des Adoleszenten oder das "Noch ein Wort und es gibt Haue!" der Eltern?

Allein diese Tatsache, sollte die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Aushandlungen über die sozial sanktionierten Normen und Werte nachvollziehbar machen.

Doch leider vergessen wir allzuschnell unsere eigene Kindheit und Jugend - oder zumindest die schwierigen und negativen Aspekte davon - und werden dann oft selbst zu den autoritären Eltern, die wir nie sein wollten.

Und so beginnt der Kreislauf von Neuem.

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Meine persönliche Erfahrung betreffend Adoleszenz war in etwa so wie die Ihre, Herr Rebosura. Ich erlebe aber in meinem Umfeld auch das umgekehrte, Kinder und und junge Erwachsene die keine Empathie für andere Menschen entwickeln weil sie ihre Bedürfnisse immer durchsetzen können.

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Simon Reber
Software Entwickler, Familienvater
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Das ist wohl immer eine Frage des 'Augenmasses'.
Es ist für Menschen nicht gut, wenn sie keine Grenzen haben, das sieht man unter anderem bei sehr reichen und sehr mächtigen Leuten.
Es ist aber auch nicht gut, wenn man ständig fremdbestimmt wird. Daraus können sich so fatalistische Gesellschaften wie in russland, china oder nordkorea entwickeln.
Erstaunlicherweise, hat sich die iranische Bevölkerung eine gewisse Selbständigkeit bewahrt. Ich führe das darauf zurück, dass die Macht der religiösen Eiferer vor der Haustüre endet, während das Denunziantentum der Einparteienherrschaften die Gesellschaft bis in die intimsten Bereiche entmündigt und bedroht.

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