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Was mich von Ihrer Seite als Leser_innen interessieren würde, wenn das nicht zu neugierig ist: Haben Sie ein Lieblings-Wörterbuch? Gibt es Fundstücke aus einem Lexikon, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind? (E. L. hat ja schon ein paar Internetseiten genannt - tolle Online-Lexika gibt es natürlich auch.)

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Lieber Daniel, mein Lieblingswörterbuch ist "The meaning of Tingo" - wohl vergleichbar mit dem "Dictionnaire des intraduisibles", den du im Text erwähnst. Und, so viel ich weiss, leider vergriffen. Eine Sammlung von Wörtern aus Sprachen der ganzen Welt, die sich nicht in einem Wort ins Englische übersetzen lassen. Ein Beispiel: Age-otori, aus dem Japanischen, bedeutet, nach einem Coiffeurbesuch schlechter auszusehen als davor.

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Vielen Dank, liebe Bettina, das ist tatsächlich eine Fundgrube! Und in der Tat von der Grundidee her sehr verwandt mit dem Cassin-Lexikon. Allerdings ist der "Dictionnaire" dann doch ein ziemliches philosophisches Schwergewicht. "The meaning of Tingo" oder auch "Lost in Translation" von Ella Frances Sanders sind viel offensiver dem Stöbern und auch den Kuriositäten verpflichtet, das funktioniert deutlich voraussetzungsärmer. Dennoch ist das Tolle bei Cassin, dass es, obwohl echte "Hardcore-Philosophie", doch auch den spielerischen Zugang zulässt.

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Schön fand ich auch Roland Barthes' Fragmente einer Sprache der Liebe, das sogar alphabetisch geordnet ist. Da stehen Szenen drin, wie:

Die Welt ist voller indiskreter Nachbarn, mit denen ich den anderen teilen muss. Die Welt ist mein Rivale. Ich werde unaufhörlich von lästigen Dritten gestört: Eine vage Bekanntschaft, die man zufällig trifft und die sich gewaltsam an unseren Tisch drängt; Restaurantnachbarn, deren Vulgarität den anderen sichtlich fasziniert, sogar ein Buch, in das der andere vertieft ist.

Es ist also ein Liebender, der hier spricht und sagt: (...) ERWARTUNG. Angstaufwallung, die durch das Warten auf das geliebte Wesen ausgelöst wird, nach Maßgabe kleiner Verspätungen (Verabredungen, Telefonanrufe, Briefe, Heimkehrverzögerungen). Ich erwarte eine Ankunft, eine Rückkehr, ein versprochenes Zeichen. Das kann belanglos oder enorm pathetisch sein: in der Erwartung harrt eine Frau ihres Geliebten, nachts, im Walde; ich erwarte lediglich einen Telefonanruf, aber die Angst ist die gleiche.

Im Leben des Liebenden ist das Gewebe der Begebenheiten von einer unglaublichen Belanglosigkeit (...). Wenn ich mir ernsthaft ausmale, mich wegen eines Telephonanrufes, der nicht kommt, umzubringen, ergibt sich daraus eine ebenso große Obszönität, wie wenn der Papst bei de Sade einen Truthahn sodomisiert.

Das klingt wie ein ironischer Seitenhieb zu Sartres Szene des wartenden Mannes am Tisch in einem Café aus Das Sein und das Nichts.

Ein weiteres Kuriosum ist Niklas Luhmanns Zettelkasten, das - wie man heute sagen würde - durch ihre Tagging- und Linkstruktur (vgl. die App) nachvollziehbar macht, weshalb viele Stellen seines Werkes so zirkulär redundant und insgesamt wie eine eigene Thesaurus-Welt so hermetisch und esoterisch werden kann.

Witz zeigt er, wenn er an Wittgensteins Leiter oder Borges Bibliothek erinnernd einen Zettel hat, in dem steht:

Im Zettelkasten ist ein Zettel, der das Argument enthält, das die Behauptungen auf allen anderen Zetteln widerlegt. Aber dieser Zettel verschwindet, sobald man den Zettelkasten aufzieht. D.h. er nimmt eine andere Nummer an, verstellt sich und ist dann nicht zu finden. Ein Joker.

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Das Luhmann-Zitat ist natürlich grossartig! Und danke auch für den Hinweis auf die «Fragmente einer Sprache der Liebe». Es ist schon bemerkenswert, wie sehr dieser Text immer noch fasziniert und neue Texte anregt. Maggie Nelson zum Beispiel beruft sich in den "Argonauten" ja auf "Roland Barthes, par Roland Barthes", aber in Wirklichkeit sind die "Fragmente" die Vorlage für ihren Text. Oder auch Annette Pehnt mit ihrem "Lexikon der Liebe" – schon sind wir wieder beim Wörterbuch...

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Da fällt mir noch L'abécédaire de Gilles Deleuze (1996) ein. Zwar kein Buch, sondern ein Film. Lakonisch wie erschütternd - für mich zumindest - "W comme Wittgenstein":

Non, je ne veux pas parler de ça. Pour moi, c'est une catastrophe philosophique, c'est le type même d'une école, c'est une régression de toute la philosophie, une régression massive de la philosophie. C'est très triste [...].

Wer cineastisch in diese Richtung weiter gehen will, sehe sich auch The Falls (1980) von Peter Greenaway (hier ein Trailer) oder The Alphabet (1968) von David Lynch an (auch auf YT).

Philosophisch-literarisch das Buch von Deleuzes Kollegen Michel Tournier Von Abel bis Zwilling. Ein Lexikon des Lebens (1992), sowie das Kritische Wörterbuch von Georges Bataille et al.

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Die Erschütterung kann ich nachvollziehen :-) Und würde Deleuze hier doch vehement widersprechen. Was den Film kein bisschen weniger interessant macht!

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Mein Lieblingswörterbuch ist der tiefere Sinn des Labenz von Douglas Adams, John Lloyd und Sven Böttcher.
Absolut köstlich zu lesen und für mich sprachspielerisch unübertroffen.
Mehr nostalgisch ist für mich die Beziehung zu einem alten Synonym-Wörterbuch namens "das treffende Wort", welches mir früher bei Schularbeiten wertvolle Dienste geleistet hat und mich gleichzeitig Stunden gekostet hat, weil ich mich regelmässig beim Stöbern verloren habe. Keine Ahnung warum, aber irgendwie war es immer eine abenteuerliche Wortschatzsuche.

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Hach, grossartig, liebe Frau L., vielen Dank! Den Adams kannte ich noch nicht – das werd ich mir sofort bestellen.

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Vielen Dank für diese erheiternde Rezension. Insbesondere für den Schlusssatz. Goldig.

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Herzlichen Dank, lieber Herr Langhart.

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· editiert

Danke für die Besprechung!
Wörterbücher mag ich sehr, Wortspiele sowieso. Das Ganze erinnert ein bisschen an Internetseiten wie Kamelopedia oder Stupidedia (inzwischen ruhend). Auch im Sinne der Ausrichtung auf reine Spielfreude ohne Gedanken an Qualität. Da liegt Lachen eben neben Flachem....
Das als gedrucktes Buch herauszubringen, ist sehr mutig.
Hoffen wir, dass die verkauften Exemplare dann wenigstens nicht nach flüchtigem Durchblättern ungeliebt im Bücher-egal verstauben.
(Der Buchhantelpreis gefällt mir. :-) )

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Vielen Dank für diesen sehr lesenswerten Artikel. Mein erstes ähnliches Lexikon war übrigens das 1971 erschienene kleine Büchlein von Kurt Marti: "Abratzky oder die kleine Brockhütte. Lexikon in einem Band" (Sammlung Luchterhand). "Lexifiction" pur!

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Toller Artikel! Was mich auch fasziniert sind Dialektwörter die sich nicht übersetzen lassen. Zum Beispiel das Wort "sinä" das es meines Wissens nur im Flumserdialekt gibt. Es wird vorangestellt, eingeschoben oder alleine als Ausdruck des Erstaunens, der Ablehnung etc. verwendet und ist durch kein anderes Wort zu ersetzen. Der Mundartforscher Alois Senti übersetzt es mit "wollen schauen", aber das trifft es auch nicht.

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Lieber Herr Gadient, haben Sie vielen Dank. Das ist sehr interessant – man kann das Wort sowohl für ein (positives) Erstaunen verwenden, als auch um Ablehnung auszudrücken? Ähnlich, wie "krass" positiv und negativ eingesetzt wird? Als ich eben das Wort googelte, um zu sehen, ob man vielleicht auf die Schnelle irgendwo weitere Übersetzungsvorschläge findet, stiess ich übrigens als erstes auf ein Finnisch-Lexikon, das mir verriet, dass "sinä" auf Finnisch "du" heisst. Auch das ein typischer Wörterbuch- oder eben Suchmaschinen-Effekt: Homographie führt zu Zufallsfunden. Nur die Aussprache, vermute ich, dürfte ziemlich unterschiedlich sein :-)

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Herr Graf, jemandem der Freude an Sprachspielereien hat möchte ich das witzige Buch von Robert Gernhardt empfehlen: "Bilden sie mal einen Satz mit..." (Ein Dichterwettstreit). Das geht dann etwa so: "Bilden sie mal einen Satz mit pervers." - "Ich bin ein Dichter, heisse Meier - per Vers bekomm ich zwanzig Eier." (Überhaupt Gernhardt - ein Sprachakrobat)

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Oh, ich auch, trotz oder gerade weil ich nicht unmittelbar mit solchen aufgewachsen bin. Am Gymnasium begegnete ich dem regalfüllenden Idiotikon, weshalb ich auch erstmals die Etymologie des Wortes "Idiot" nachschlug (Was haben Idioten mit Dialektsprechenden zu tun?).

Ich mag auch die Sachen von Christian Schmid und Konsorten. Etwa Botzheiterefaane, Wortgeschichten aus Mailbox und Schnabelweid (2007).

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Danke für die schöne Besprechung, aber 4kg Buch kaufe ich nun nie im Leben mehr! Höchstens vielleicht Nietzsches Gesamtwerk oder dasjenige von Robert Walser. Beide
Worttüftler. Die Encyclopédie war ein frühes Meisterwerk. Sie, die englische Enyclo-
pedia und die englische Wörterbuch-Tradition schufen die Grundlage für moderne Wörterbücher: Samuel Johnson's Dictionary und Roget's Thesaurus (T Rex=auch der
Name einer früheren englischen Rock-Band) und der Oxford Dictionary neben Merriam Webster. Glück aber ist es, dass die Wikipedia in so vielen Sprachen existiert, obwohl viele Konsultierende dafür nie bezahlt haben).

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Herzlichen Dank Ihnen allen für die Rückmeldung und die vielen tollen Buchhinweise!

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auch zu empfehlen ist das lesikon der visuellen kommunikation: http://www.lesikon.net/

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