Theorie & Praxis

Komm ins Laberinth!

Wörterbücher sind ein Spielplatz für poetische Raritäten und geistreiche Kritik. Nun ist ein besonders gewaltiges Exemplar erschienen, ein Lexikon nur für Wortspiele. Sein stolzer Name: «Thesaurus Rex». Aber taugt es zum König?

Von Daniel Graf (Text) und Nick Lobeck (Bild), 23.08.2019

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Bodybild mit Buchhantel: «Thesaurus Rex» ist ein Schwer­gewicht unter den Wörter­büchern, vollgepackt mit 16’000 Wortspielen. Foto: Nick Lobeck

Manchmal entsteht Poesie einfach aus einem Lesefehler. Oder einem Versprecher. Oder einer wutwilligen Manierpulation an den Buchstaben. Die macht dann vielleicht die globale Ökonomie zur Welk­wirtschaft. In der die einen gebannt auf die Retter­vorhersage warten, die die nächste Kauf­erstehung verkündet. Und die anderen ihnen zurufen: Kein Grund für Bruthochdruck, der Kapitalismus hat noch immer seine Inschand­haltung gesichert.

Oder die neuen Wörter machen etwas sichtbar: die ständige Grenz­überschreiung im Web, die Trittbrett­pfarrer und ihre Netzzwerge. Die sich vor lauter Trollwut mit ihrem Hetzset zur digitalen Blökflotte zusammen­rotten, eine Rohpost nach der anderen verschicken und sich kindlich an der eigenen Hämschwelle erfreuen – endlich ein Zufluchort!

Wer etwas unwillig über so manche Schreibwaise in den vergangenen Absätzen gestolpert ist oder überhaupt das Ganze hier nicht so wahnsinnig introversiert findet, wird an «Thesaurus Rex», dem Buch, aus dem all die schrägen Wörter in diesem Text stammen, wenig Freude haben. Das Dumme aber ist: Unter Umständen gilt das auch für diejenigen, die mit solchem Babeljau eigentlich sehr viel anfangen können. Dazu später. Nach einer:

Liebeserklärung ans Wörterbuch

Vermutlich sind Lexika von allen Buch­gattungen die am meisten verkannte. «Wörterbuch», das klingt für viele Ohren nach Regel­strenge und staubiger Gelehrsamkeit. Nach einem Werkzeug von Pedanten und Pädagogen. Und wem bei «Wörterbuch» als Erstes der Rechtschreib­duden einfällt, der versteht darunter womöglich so etwas wie das Straf­gesetzbuch für Sprach­vergehen.

Was für ein Missverständnis!

Wörterbücher sind der Adventure Park der Sprache, vielleicht sogar eine Gattung der Poesie. Es gibt unter ihnen welche, durch die man stundenlang flanieren kann, mit immer neuen Funden. Nur: Was jemand aufliest, wird jedes Mal und von Person zu Person verschieden sein. Von wegen Normierung! Und von wegen Strenge. Bei keiner anderen Lektüre kann man sich so ausgelassen und hemmungslos dem Zufall überlassen wie hier, wo man den unvermuteten Abzweigungen zwischen zwei Einträgen folgt, im Artikel davor oder danach auf etwas stösst, was man gar nicht gesucht hat – bloss weil die Nachbarschaft einen zur Aufmerksamkeit verführt. Wenn die Welt der Bücher eine Stadt ist, sind die Wörter­bücher der Basar.

Zum Beispiel der «Dictionnaire des intraduisibles». In ihm hat die Philosophin Barbara Cassin sogenannte unübersetzbare Wörter versammelt: Begriffe, hinter denen ein ganzes Gedanken­gebäude steht, die aber so sehr mit ihrer jeweiligen Sprache und Kultur verknüpft sind, dass sie sich nicht ohne weiteres in andere Sprachen überführen lassen. Weil «saudade» eben nicht dasselbe ist wie «Sehnsucht». Und das griechische Wort «logos» so viel mehr heisst als «Vernunft» oder «das Wort» (und doch ein bisschen was von beidem). Jeder Lexikon­eintrag des «Dictionnaire» ist ein tiefschürfender philosophischer Essay – aber auch hier ist das Flanier­prinzip nicht abgemeldet.

Oder – völlig andere Welt – «Watson’s Dictionary of Weasel Words»: ein Lexikon der Management­phrasen und Business­floskeln. Worthülsen eben, inhaltlich so leer wie Eier, wenn das titel­gebende Wiesel sie ausgesaugt hat.

Solche Wörterbücher sind Doppel­wesen: Sie enthalten eine Fülle an Raritäten und Skurrilem. Und sie sind selber ein Kuriosum, eine Pointe in sich.

Kein Wunder jedenfalls, dass die Schrift­steller immer schon ein besonderes Faible für die Gattung hatten – nicht nur, wenn sie gleich selber epochale Werke anschoben, wie Diderot mit der «Encyclopédie» oder die Brüder Grimm mit ihrem «Deutschen Wörterbuch». Es gibt auch das künstlerische Spiel mit dem Lexikon­prinzip, das den Spieltrieb ja geradezu auf sich zieht.

Gustave Flaubert hat den Klassiker unter den «literarischen» Lexika geschaffen, ohne den vermutlich auch Watson’s «Weasel Words» nicht zu denken ist: das «Wörterbuch der Gemein­plätze». Geplant als zweiter Teil seines Romans «Bouvard et Pécuchet», ist Flauberts «Dictionnaire des idées reçues» eine herrlich böse Satire auf die Spiesser­moral der bürgerlichen Klassen. (Noch die Ideologie­kritik von Roland Barthes’ «Mythen des Alltags» steht in dieser Tradition – auch das eine Art Lexikon.)

Jorge Luis Borges hingegen, Zeit seines Lebens selbst eine wandelnde Bibliothek, hat in seinen Erzählungen gleich ganze Enzyklopädien erfunden, samt den Fantasiereichen Uqbar, Tlön und Mlekhnas.

Und Eric Jarosinski, der vor einigen Jahren mit seinem Twitter-Account NeinQuarterly die altehrwürdige Kunst des Aphorismus auf Social Media neu erfand, hat der Buchversion seiner Texte ein Glossar mitgegeben. Scheinbar also auch ein Wörter­buch; in Wirklichkeit handelt es sich um eine Sammlung von Aphorismen in der Form einer Lexikon-Definition. Das klingt dann so:

Analytische Philosophie
Wenn Mathematiker sich an Lyrik versuchen.

NSA
Amerikanischer Geheimdienst, der die Welt vor Privatheit schützt.

Religion
Menge von Überzeugungen zu den Gründen, warum deine falsch sind.

Auszüge aus: Eric Jarosinski: «Nein. Ein Manifest». S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2015.

Offenbar dokumentieren Wörter­bücher nicht nur; sie provozieren auch das kreative Spiel mit den Wörtern und der Lexikon-Form.

Der Luzerner Künstler René Gisler, der sich als «Neologist», also Worterfinder bezeichnet, hat nun Ernst gemacht mit diesem Spass und im Verbund mit weiteren Mitstreiterinnen ein gewaltiges Lexikon für sogenannte Koffer­wörter heraus­gegeben: Wörter also, die aus mindestens zwei anderen Wörtern zusammen­geschraubt sind. Gut 16’000 davon versammelt «Thesaurus Rex» auf über 1000 grossformatigen Seiten. Ein Koloss von Buch, hervor­gegangen aus dem Kollektiv-Blog enzyglobe.net, den Gisler schon 2006 ins Leben gerufen hat und der mithilfe von insgesamt knapp 300 Beiträgern zu einem einzigartigen Wortspiel­fundus anwuchs.

Der will doch nur spielen

Also rein in dieses Laberinth, schon allein aus Sympathie für ein so megalomanes Bekenntnis zum sprachlichen Vernunft­überschuss.

Wie schnell allerdings macht sich da die Ernüchterung breit.

Nein, kein Mensch würde erwarten, dass sich bei dieser gigantischen Zahl an Einträgen hinter jedem ein Pointen­feuerwerk verbirgt. Aber muss die Freakquenz an wirklich gelungenen Bonmotz gar so niedrig sein?

Mit ihrem falsch verstandenen Verzicht auf qualitative Auswahl betreiben die Herausgeber tatsächlich Welkwirtschaft. Es gibt derart viel geistigen poverty slam in diesem Buch, dass man die Lust am Stöbern bald verliert. Überall kalauert die Sparwitz­falle, und vieles, was mit dem Gestus des Gags daher­kommt, ist allenfalls ein Phantomscherz. Die Herausgeber machen den Fehler, den Blog zu dokumentieren, statt ihn als Ideenpool zu verstehen. So bleibt zwar die Entstehung der Texte transparent – aber die ist ja im Netz schon nachzuvollziehen. Man denkt unwillkürlich an Kenneth Goldsmith und sein Projekt, das Internet auszudrucken. Das war damals Konzept­kunst. Gisler und Co. nehmen die Idee gewisser­massen beim Wort.

Was mancher Leserin wohl den Spass zusätzlich vergällt: Das Herausgeber- und Autoren­team zeigt bemerkens­wert wenig Interesse an der Frage, ob die Gags nun eine ideologie­kritische Stossrichtung haben oder vielmehr selbst an gängige Stereo­typen appellieren.

Da gibt es einerseits Einträge wie jenen zu «rheinrassig», bei dem die Definition der Autoren ganz klar in jener sprach­kritischen Tradition steht, die man vielleicht durchgängig erwarten würde:

nie erreichbare Eigenschaft als Wunschvorstellung rechtsorientierter politischer Gruppierungen, wurde fast beim echten Deutschen Schäferhund (s. → Nahgetier!) verwirklicht

Andererseits sind da aber auch etliche Wortspiele, die man, gelinde gesagt, als chauvial bezeichnen könnte – aus Musenwunder wird halt kein solches, sondern nur ein Herrenwitz. Dazu gibt es Einträge wie «aasiatisch», laut «Thesaurus Rex» eine Richtung in der «Kochkunst», die sich durch «die Zubereitung von Gammel­fleisch, meist süss-saure Gehschmacksricht-Dung, z. B. Leichklösschen» auszeichne. Wer wohlwollend liest, mag in den Klössen noch einen Versuch sehen, das Ganze auch auf die europäische Küche auszudehnen. Der «Gag» ist trotzdem nicht zu retten: kein Wortspiel, das aufklärerische Macht­kritik mit den Mitteln des Sprachwitzes betreibt; sondern ein Humor, der sich zum Komplizen von Ressentiment und Vorurteil macht.

So beeindruckt «Thesaurus Rex» zwar als hochwertiges Buchobjekt; seine grossartige Ausgangs­idee aber verliert durch die Umsetzung leider einen Gutteil ihres Charmes. Ein gewichtiges Werk ist «Thesaurus Rex» mit seinen knapp vier Kilo vor allem im ganz wörtlichen Sinn. Man könnte ihm den Schweizer Buchhantels­preis verleihen.

Alle kursiv gesetzten Wörter im Text sind – mit Ausnahme dieses Satzes hier – dem Buch «Thesaurus Rex» entnommen.

Zum Buch

René Gisler, Eva Braun, Petra Meyer, Armin Müller (Hrsg.): «Thesaurus Rex». Verlag Der gesunde Menschen­versand, Luzern 2019. 1064 Seiten, ca. 99 Franken. Weitere Informationen auf der projekteigenen Website.

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