Autorin Joana Osman: «Mit einem Bein stehe ich immer mitten im Krieg, den ich von ferne beobachte.» Mica Zeitz

Der Schmerz der anderen

Joana Osman ist Schriftstellerin mit palästinensisch-deutscher Familien­geschichte und engagiert sich seit Jahren für Frieden im Nahen Osten. Ein persönlicher Essay, weshalb sie auch in der furchtbaren Gegenwart nicht aufhören will zu hoffen.

Von Joana Osman, 29.02.2024

Vorgelesen von Danny Exnar
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Zuerst habe ich nicht begriffen, was passiert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es jetzt begreife. Ob wir es alle begreifen.

Ich erinnere mich an einen Fach­artikel, den ich vor längerer Zeit gelesen habe, es ging um das, was man Schock­zustand nennt. In einem Schock­zustand, so hiess es da, erlebt man das Geschehen oft in Zeitlupe, oft aus einer beobachtenden Perspektive heraus, gewisser­massen abgespalten.

Meine Erinnerungen an den 7. Oktober und an die Tage danach sind sowohl verschwommen und nebelhaft als auch glasklar und präzise, ähnlich wie ein Fieber­traum, in dem einige Sequenzen sich mit messer­scharfer Klarheit ins Gedächtnis graben. Ich erinnere mich daran, dass mein Handy zu vibrieren begann und nicht mehr aufhörte, denn mit Bekannt­werden des Massakers erreichten mich die Nachrichten von Freundinnen und Freunden von überallher. Ich erinnere mich an die Bilder. Ich sehe ausgebrannte Autos. Ich sehe das Gelände des Nova-Festivals von oben. Ich sehe Männer mit Maschinen­gewehren im Anschlag. Ich sehe eine Frau in einer blut­befleckten grauen Jogging­hose. Ich sehe eine Frau mit zwei kleinen Kindern im Arm, in ihrem Gesicht das pure Entsetzen, und ich sehe, wie sie auf die Lade­fläche eines Lasters gezerrt wird.

Zur Autorin

Joana Osman (* 1982) ist die Tochter eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter. Die Geschichte ihrer Familie erzählt sie in ihrem auto­fiktionalen Roman «Wo die Geister tanzen» (2023). Ihr Debüt­roman «Am Boden des Himmels» erschien 2019. Zusammen mit dem Israeli Ronny Edry gründete sie 2012 die Friedens­initiative «The Peace Factory». Osman arbeitet als Autorin, Dozentin und Storytelling-Coach und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von München.

Ich sehe den entblössten Unterleib einer Frau, ihr Gesicht ist von einem Tuch bedeckt. Ich weiss nicht, ob sie noch lebt. Ich sehe all das in sehr kurzer Zeit und ich verstehe nicht, was das bedeuten soll. Mein Gehirn – das fühle ich deutlich – kann oder will das Gesehene nicht realisieren, kann es nicht als etwas Reales einordnen, als etwas, das in jenem Augenblick, in dem ich es aus der Sicherheit meines Wohn­zimmers in Deutschland betrachte, in Echtzeit passiert.

Ich nehme mein immer noch vibrierendes Handy und öffne der Reihe nach alle Messenger-Kanäle. Ich versuche, mich an alle Menschen zu erinnern, die ich in Israel kenne. Es sind viele. Ich suche ihre Namen in meinen sozialen Netz­werken und dann schreibe ich ihnen, um zu fragen, ob sie okay sind. Noch während ich den Satz eintippe, kommt er mir unendlich dumm vor, aber ich schreibe ihn trotzdem, weil ich schliesslich wissen muss, ob sie okay sind. Okay, im Sinne von «am Leben». Okay, im Sinne von «körperlich unversehrt». Okay, den Umständen der Weltlage entsprechend: Dieser Satz wird in den folgenden Monaten zu meiner Antwort, wenn man mich fragt, wie es mir geht.

Ich schreibe meinem Freund Ronny und seiner Frau Michal. Ich habe in ihrem Haus in Tel Aviv gelebt, während all meiner Reisen nach Israel. Ronny und ich haben in den vergangenen zehn Jahren viel Zeit damit verbracht, Friedens­kampagnen zu entwerfen, um möglichst viele Menschen damit zu erreichen. Gemeinsam sprachen wir in Schulen, Universitäten und Parlamenten darüber, dass Freundschaften zwischen Menschen, die auf verschiedenen Seiten eines Konfliktes stehen, der Schlüssel zu einem Friedens­prozess seien. Freundschaften wie unsere. Wir glaubten wirklich daran, ich vielleicht noch mehr als Ronny. Als ich ihm schreibe, kommt die Antwort sofort: Wir sind okay. Wir wissen beide, was gemeint ist. Gott sei Dank, schreibe ich.

Mein Daumen schwebt über der Tastatur meines Handys, zögert. Ich will noch mehr sagen, will sagen, wie schrecklich das alles ist, was gerade passiert, ich will mein Mitgefühl und mein Entsetzen zum Ausdruck bringen, aber ich finde buchstäblich keine Worte dafür. Entsetzlich, schockierend, schrecklich, furchtbar, abartig, bestialisch, grausam, unvorstellbar … Mein Gehirn probiert verschiedene Worte und Formulierungen aus und je länger ich nachdenke, umso abstrakter und bedeutungs­loser kommen mir die Wörter vor.

Ich tippe drei Punkte in das Eingabe­feld und drücke auf Senden. Das Wort «Fuck» schicke ich noch hinterher. Ronny wird wissen, was ich meine. Er und ich denken ähnlich, fühlen ähnlich, drücken uns auf ähnliche Weise aus. Yeah, schreibt er.

Ich sitze eine Weile da, mit dem Handy in der Hand, und dann weine ich.
Mechanisch arbeite ich die Liste meiner Freunde und Bekannten in Israel und im Westjordan­land ab und ich ahne, dass das erst der Anfang sein wird.

Wobei – eigentlich liegt der Anfang ja schon viel, viel länger zurück. Der aktuelle Krieg ist Teil desselben Konfliktes, vor dem meine Grosseltern 1948 aus dem damaligen Mandats­gebiet Palästina in den Libanon geflohen sind, zusammen mit 700’000 anderen Palästinenserinnen und Palästinensern, die damals zu staaten­losen Flüchtlingen wurden. Mein kleiner Sohn, noch keine zwei Jahre alt, ist die vierte Generation, die diesen Konflikt erlebt, doch jetzt hat er eine völlig neue Dimension erreicht, das ist mir klar, als ich die Bilder des Massakers und des darauf­folgenden israelischen Einmarschs in den Gaza­streifen sehe.

Nie zuvor hat es in diesem Jahrzehnte dauernden Konflikt eine solche Brutalität gegeben. Das von der Hamas so systematisch und präzise geplante Massaker an Israelis mit mehr als eintausend Toten, unzähligen Verletzten und 230 als Geiseln verschleppten Frauen, Kindern und Männern markiert eine Zäsur in diesem Konflikt. Genau wie es der darauf­folgende militärische Gegenschlag der israelischen Armee im Gaza­streifen tut, bei dem in kürzester Zeit so viele Menschen ums Leben kamen wie in kaum einem anderen Krieg zuvor. Das hier wird alles verändern, und nichts wird mehr so sein wie vorher.

Ich schalte den Fernseher aus und versuche heraus­zubekommen, wie es meinen Bekannten im Gazastreifen geht. Ich denke an A., einen palästinensischen Friedens­aktivisten, den ich vor einigen Jahren kennen­gelernt habe. Seine Freundschaft zu ein paar Israelis brachte ihn in Gaza für mehrere Monate ins Gefängnis. Er wurde stiller nach diesen Monaten, und irgendwann löschte er alle seine Profile in den sozialen Netzwerken und ich verlor ihn aus den Augen. Ich denke an S., eine junge Frau aus Khan Younis, die ich einmal in London getroffen habe. Ich denke an M., einen weiteren Friedens­aktivisten, der es geschafft hat, aus Gaza zu fliehen, aber seine Familie lebt noch dort. Ich schreibe ihm: Wie geht es deiner Familie? Hast du von ihnen gehört?

In den folgenden Wochen erlebe ich virtuell mit, wie M.s Verwandte, einer nach dem anderen, sterben. Zuerst der Onkel, dann die Cousins bei einem Bomben­angriff. Schliesslich eine Schwester und deren Kinder. Der Rest von M.s Familie flieht – zuerst in die eine Ecke des Gaza­streifens, dann in die andere. Sie fliehen immer noch, aber es gibt nicht mehr viele Ecken, in denen sie sicher sind. Die Menschen des Gaza­streifens flüchten wie Tiere, die in einem Gehege eingesperrt sind: Es gibt keinen Ausweg.

Eine Woche nach Beginn des Krieges bekomme ich eine Nachricht von Y. aus Israel. Was er schreibt, löst in mir das blanke Entsetzen aus. Seine Frau und seine beiden Töchter, zwei und vier Jahre alt, wurden von der Hamas in den Gazastreifen entführt.

Y. weiss, dass ich Friedens­aktivisten aus Gaza kenne. Ob es wohl Möglichkeiten gibt, mehr über den Verbleib seiner Familie zu erfahren? Wieder fehlen mir die Worte. «I am so sorry, this is horrible», schreibe ich. Gefolgt von dem Emoji des gebrochenen Herzens. Ein Online-Chat ist das denkbar schlechteste Medium, um sein Entsetzen und sein Mitgefühl über die schrecklichste Grausamkeit, die Menschen anderen Menschen antun können, zum Ausdruck zu bringen. Thank you, schreibt Y.

Ich schreibe M. aus Gaza und erzähle ihm von Y. und seiner Familie.
M. ist besorgt und bekümmert. Er sagt, er würde für Y. und seine Familie beten und auch für alle anderen Geiseln. «Mehr kann man nicht tun», sagt er. Auch Y. betet: Für seine Kinder und seine Frau, aber er betet auch für die Menschen im Gaza­streifen, vor allem für die Kinder. Ich sitze am Küchen­tisch, lese all die Nachrichten und breche in Tränen aus.

Die nächsten Tage und Wochen verbringe ich wie in der Mitte auseinander­gerissen. Ich bin ein Splitscreen, ein zwei­geteiltes Filmbild, in dem zwei unterschiedliche Handlungen parallel ablaufen: In meinem Alltag funktioniere ich. Ich stehe morgens auf, ziehe mich an, arbeite, kümmere mich um meinen Sohn und falle abends wie ein Stein ins Bett. Doch mit einem Bein stehe ich immer mitten im Krieg, den ich von ferne beobachte. Nur, dass er gar nicht so fern ist: In den Wochen und Monaten nach dem 7. Oktober nehmen auch in Deutschland und anderswo sowohl der Anti­semitismus als auch der Rassismus gegenüber Palästinensern erschreckende Ausmasse an.

Palästinensische und jüdische Menschen in Deutschland und überall auf der Welt werden beleidigt, bedroht, angegriffen und manchmal sogar auf offener Strasse zusammen­geschlagen – und besonders gefährdet sind im Moment diejenigen, die sich für Frieden einsetzen.

Es ist, als ob sich ein zweites Schlachtfeld gebildet hätte, ein Schlachtfeld, auf dem der Hass gedeiht wie in einem Treibhaus. Die Spaltung unserer Gesellschaft – nun ist sie noch grösser geworden, das spüre ich deutlich.

Plötzlich scheint jedermann sich krampfhaft auf die eine oder andere Seite schlagen zu wollen – oft ohne jegliches politisches Hintergrund­wissen, aber mit dem Anspruch, unbedingt «bei den Guten» sein zu wollen. Die traurige Ironie bei der Sache ist, dass viele, die sich nun so selbst­gefällig mit einer Seite solidarisieren, das Leid der anderen Seite meist konsequent ausblenden, rechtfertigen, ignorieren, kleinreden oder sogar völlig leugnen.

Über Nacht wurden, wie mir scheint, unzählige Menschen vor ihren Bildschirmen zu Nahost­expertinnen – ausgebildet von sozialen Medien wie Youtube und Tiktok. Es ist schrecklich ermüdend, diesen Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich in ihrem Aktionismus binnen kürzester Zeit radikalisieren und damit Öl in ein Feuer giessen, das bereits lichterloh brennt. Die Verzweiflung, die Friedens­aktivisten aus Israel und Palästina angesichts dieser Radikalisierungen befällt, ist kaum in Worte zu fassen.

Ronny schreibt mir und schickt Videos von sich, in denen er und seine Familie bei Raketen­alarm im Treppenhaus ihres Tel Aviver Wohnhauses Schutz suchen. Meine Verwandten im Libanon schreiben und sagen, dass sie Angst haben, dass der Krieg bald auch zu ihnen kommt. Von Bekannten aus dem Westjordan­land erfahre ich, dass es zu eskalierender Gewalt zwischen rechts­radikalen israelischen Siedlern und Palästinensern kommt – es habe bereits Tote gegeben und die Situation sei angespannt wie nie. Dann gibt es Gerüchte über einen Waffen­stillstand und ein Abkommen zwischen Israels Regierung und der Hamas. Geiseln sollen freikommen, im Austausch gegen palästinensische Gefangene. Während der sieben Tage dauernden Feuer­pause sitze ich jeden Abend bangend vor den Nachrichten.

Y.s Familie, seine beiden kleinen Töchter und seine Frau, werden freigelassen. In ihr Glück mischen sich Entsetzen über das erlebte Trauma, Trauer um die vielen Toten und Angst um die noch in Geiselhaft gehaltenen Menschen.

Dann geht der Krieg weiter und bald wird klar: Die nächste Runde wird noch brutaler als die erste. Mit unvorstellbarer Gewalt wird der Gaza­streifen in eine Todes­zone verwandelt.

Ich bringe meinen Sohn zu Bett, und bevor er einschläft, machen wir noch Tier­laute nach. Wir probieren alle Tiere, die uns einfallen, und mitten in unser Muh und Mäh und Miau schiebt sich ein Bild aus den Nachrichten in meinen Kopf: Eine tote Katze liegt neben den Trümmern eines zerbombten Hauses in Gaza und daneben sitzt ein von Kopf bis Fuss mit Blut bedecktes kleines Mädchen und weint.

Meine Brust wird eng und mein Herz zieht sich zusammen und ich muss den Kopf abwenden, damit der kleine Junge neben mir meine Tränen nicht sieht, denn er soll unbelastet und glücklich ins Bett gehen. Ich küsse ihn auf den Kopf und auf die geschlossenen Augen­lider und wünsche ihm eine gute Nacht in der Gewissheit, dass er eine gute Nacht haben wird, verglichen mit den Nächten, die die Menschen anderswo haben. Mein Herz ist schwer von den herunter­geschluckten Tränen, aber ich straffe die Schultern und gehe ins Wohnzimmer, um noch ein wenig aufzuräumen und fernzusehen. Ich bin ein Splitscreen.

Wenn ich in diesen Wochen Vorträge halte oder Interviews gebe, erzähle ich davon, wie ich Ronny und seine Frau Michal im Internet traf und wie wir Freunde wurden. Ich erzähle davon, wie wir eine Facebook-Seite erstellten, um noch mehr Menschen dazu zu bringen, Freunde zu werden, statt Feinde zu bleiben. Ich erzähle davon, wie gut das funktioniert hat, damals, vor zehn Jahren, als Social Media noch der grosse Hoffnungs­träger waren, als wir noch glaubten, dass durch die Grenzen­losigkeit des Internets auch die Grenz­mauern in den Köpfen der Menschen bröckeln könnten. Es war die Zeit des Arabischen Frühlings und es war eine Zeit, in der der Begriff «alternative Fakten» noch nicht erfunden war. Hoffnung lag in der Luft.

Wir glaubten wirklich daran. Wir alle. Ronny, Michal und ich genauso wie A. und M. aus Gaza und Hunderte und Tausende andere, die wir mit unseren Kampagnen und unseren Workshops erreicht haben. Deswegen sind wir ja Freunde geworden, alle miteinander. Wir sind es immer noch.

Kürzlich schrieb mir meine Freundin Chloé aus Tel Aviv und erkundigte sich nach M. und seiner Familie. Sie verhungern dort, schrieb sie. Wir müssen etwas tun.

Chloé ist eine Frau, die die Dinge in die Hand nimmt, also erstellte sie eine Crowdfunding-Kampagne für M.s Familie, um genügend Geld zu sammeln, damit sie Brot und ein paar warme Decken kaufen können, denn sie leben inzwischen alle unter ein paar Plastik­planen und die Preise für Nahrungs­mittel und Wasser steigen im Gaza­streifen täglich ins Unermessliche. Dann erstellt sie noch weitere Kampagnen für andere Familien aus Gaza und sie geht los, um gemeinsam mit anderen Aktivisten für Frieden zu demonstrieren. Das ist nicht leicht dieser Tage, denn wer sich derzeit öffentlich zu Verständigung, zum Dialog, zu Frieden bekennt, wird schnell als Verräterin gebrandmarkt. Das gilt für Israelis und Palästinenserinnen gleichermassen.

Ich denke an Chloé und an M., die einander mögen und einander beistehen, und an all meine israelischen und palästinensischen Freundinnen und Freunde, die sich jeden Tag aktiv gegen den Hass entscheiden. Das gibt mir Hoffnung. Dann werfe ich einen Blick in die Nachrichten und in die Kommentar­spalten der sozialen Netzwerke und möchte meinen Kopf gegen eine Wand schlagen, weil alles zum Verzweifeln ist.

Ronny hat vor einigen Jahren einen klugen Satz gesagt, der mir seither nicht aus dem Kopf geht: Die führen Krieg gegen uns, sagte er. Mit «die» meinte er die Extremisten beider Seiten, die radikalen Ultra­nationalistinnen, die Terroristen, diejenigen, die der Ideologie von Sieg und Unterwerfung anhängen. Mit «uns» meinte er nicht nur uns Friedens­aktivisten, sondern jeden einzelnen Menschen, der vom Krieg die Nase voll hat, also so gut wie jeden halbwegs fried­liebenden und vernunft­begabten Menschen hüben und drüben. Leute, die wissen, dass man Hass nicht mit Hass und Gewalt nicht mit Gewalt besiegen kann. Menschen, die Frieden wollen.

Der Krieg wird nicht zwischen Israelis und Palästinensern geführt, erklärte Ronny mit einer ausschweifenden Hand­bewegung, sondern er wird von Extremisten gegen friedliebende Menschen geführt. Beide Arten von Menschen gibt es auf beiden Seiten, und es liegt in unserer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die moderaten Kräfte auf beiden Seiten gestärkt werden, damit der Extremismus nicht die Oberhand behält.

In den folgenden Wochen und Monaten zitiere ich diese Sätze in jedem Interview, auf jeder Lesung und bei jedem Vortrag. Wie ein Gebet wiederhole ich sie, immer und immer wieder, hoffend, dass sie auf fruchtbaren Boden fallen, hoffend, dass sie verstanden werden. Diese Sätze werden zu meinem Mantra, zu meinem Morgen- und Abend­gebet. Manchmal ernte ich tosenden Applaus dafür, manchmal Unverständnis und manchmal unverhohlene Aggression, vor allem im Internet.

In den sozialen Netzwerken werden Bilder und Meinungen in rasender Geschwindigkeit verbreitet. Meinungen, die sich als erstaunlich fest und haltbar erweisen, ganz gleich, ob sie auf Fakten basieren oder nicht.
Mir scheint, wir haben es verlernt, Gleich­zeitigkeit auszuhalten. Beispiels­weise die Gleich­zeitigkeit des Leidens im Gazastreifen und in Israel. Die Tatsache, dass es auf beiden Seiten unschuldige Opfer, aber auch fanatische Täter gibt. In der kleinen, engstirnigen Welt der Echo­kammern, ob digital oder analog, gibt es keine Gleich­zeitigkeit, gibt es keine Zwischentöne.

Dort ist alles entweder schwarz oder weiss. Dort wird die Welt eingeteilt in Gut und Böse und natürlich wähnen sich alle bei den Guten, ist ja klar. Die andere Seite ist folglich böse, und zwar uneingeschränkt und ausnahmslos. Aus «die verdammten Juden» ist «die verdammten Zionisten» geworden, denn das klingt differenzierter (ist es aber nicht). Und natürlich: «Die Palästinenser» sind in vielen Köpfen allesamt Hamas-Anhänger, Islamisten und gewalt­bereite Fundamentalisten, die nichts anderes verdient hätten, als in Grund und Boden bombardiert zu werden. Allenthalben wird versucht, die eigene Position zu verteidigen, indem man die «andere Seite» konsequent entmenschlicht.

Auf einem meiner Vorträge machte ein Zuhörer eine sehr einfache Rechnung auf: Es gebe zwei Körbe mit Äpfeln, erklärte er, womit er sich auf Israelis und Palästinenser bezog. Der eine Korb sei voller guter, süsser und saftiger Äpfel, nur ein fauler befände sich darin. Der andere Korb sei voller fauliger und verschimmelter Äpfel, in dem man, mit viel gutem Willen, vielleicht einen guten Apfel finden könne.

Ich starrte ihn eine Weile an, auf eine morbide Art fasziniert von der Selbst­verständlichkeit, mit der er seine Dehumanisierung betrieb, und dann dachte ich darüber nach, warum solche menschen­verachtenden Thesen einfach nicht totzukriegen sind.

Vielleicht liegt eine kranke Art von Trost in dieser Absolutheit, mit der viele Menschen ihre Feind­bilder konstruieren. Ähnlich wie im Märchen kämpft in den Köpfen dieser Menschen das Gute gegen das Böse. Eine Welt, klar eingeteilt in Schwarz und Weiss, wirkt berechenbarer und damit sicherer als eine Welt, in der es eine Menge Grautöne gibt und in der die Sachlage unendlich viel komplexer ist, als sie auf den ersten Blick scheint. Ich verstehe das. Mit Gefühlen von Ohnmacht und Unsicherheit kenne ich mich aus.

Und ja: Realistisch betrachtet wird dieser Krieg, dieser Konflikt auf absehbare Zeit nicht enden, doch es macht einen riesigen Unterschied, wie wir damit umgehen.

In dem Moment, in dem wir das Leid einer Seite benennen, zugleich aber das Leid der anderen Seite ausblenden oder negieren, sind wir Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. Wenn wir Rassismus mit Anti­semitismus zu bekämpfen versuchen und umgekehrt, sind wir das Problem und nicht die Lösung.

Dennoch bleibt eine unumstössliche Wahrheit: Am Ende wird es Frieden geben, wird es Frieden geben müssen, wollen wir uns nicht alle miteinander auslöschen. Doch Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg, Frieden beginnt mit einer Haltung. Frieden bedeutet, die andere Seite nicht länger als eine gesichtslose Masse zu betrachten, die eine Bedrohung darstellt, sondern die Menschen auf der anderen Seite wieder als Individuen mit einer Geschichte und mit Gefühlen zu betrachten.

Frieden, das bedeutet, den Schmerz und das Trauma der jeweils anderen Seite anzuerkennen – jedoch ohne beides gegeneinander aufzuwiegen. Ein einfacher Satz würde als Anfang genügen: «Wir sehen euren Schmerz.»

Meine Freundinnen und Freunde aus Israel und Palästina sehen das Trauma der anderen, es ist ihr eigener Schmerz, es ist unser aller Trauma, das wir miteinander teilen, weil wir befreundet sind.

Und während der Krieg in eine neue, noch apokalyptischere Phase eintritt, schreibt mir Ronny: «Über Frieden zu reden ist so schwer in diesen Tagen, weil im Moment fast niemand dafür bereit ist.» Dann fügt er hinzu: «Es ist fast, als wäre Frieden ein Traum aus der Vergangenheit. Aber was wir tun, hat immer noch Relevanz. Jetzt mehr denn je.»

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