Die Alleskönnerin

Spätestens seit den diesjährigen Filmfest­spielen in Cannes wird die Schau­spielerin Sandra Hüller international gefeiert – und das völlig zu Recht. Eine Begegnung.

Von Jana Avanzini (Text) und Julia Ishac (Bild), 11.11.2023

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Vorgelesen von Danny Exnar
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Sandra Hüller lächelt, wenn etwas sie amüsiert, und nicht, weil sie meint zu müssen.

Wie Sandra Hüller dasitzt, in ihrem Oversized-Anzug aus grüngelber Naturseide, aufmerksam und doch distanziert, ist theatralisch wohl das letzte Wort, das einem zur Schauspielerin in den Sinn käme.

Und doch: Der elegante Salon im Zürcher Hotel Baur au Lac scheint ihr zu klein. Auch wenn sie in Filmen höher gewachsen wirkt als live. Hier begrüsst sie nun eine Journalistin nach der nächsten, posiert professionell, aber klar pflicht­schuldig für die Fotografinnen, antwortet auf eine Frage nach der anderen, trinkt Kaffee mit Hafermilch, gähnt, geht ein paar Schritte, bevor sich ihr die nächste Person mit Stift und Block gegenübersetzt.

Es ist recht offensichtlich, dass diese Interview-Marathons nicht Sandra Hüllers liebste Beschäftigung sind. Doch sie gehören zum Job. Und es freue sie natürlich das Interesse, das die Leute an den beiden Filmen zeigen, die bald im Kino anlaufen, und mit denen sie dieses Jahr nach Cannes reiste. Im Siegerfilm der Filmfest­spiele, «Anatomie d’une chute» (Anatomie eines Falls) von Justine Triet, spielt sie die Hauptrolle – eine Autorin, die als Angeklagte für den Mord ihres Partners vor Gericht steht. Eine Rolle, die die Drehbuch­autorin und Regisseurin Triet, mit der Hüller bereits 2019 zusammen­arbeitete, extra für sie geschrieben hat.

Ebenso in Cannes ausgezeichnet, mit dem grossen Preis der Jury, wurde Jonathan Glazers Auschwitz-Drama «The Zone of Interest», in dem Sandra Hüller als Hedwig Höss vor der Kamera stand, Ehefrau des SS-Verbrechers Rudolf Höss, Lager­kommandant von Auschwitz-Birkenau.

Es ist eine überraschende Rollen­wahl, da Hüller bereits mehrfach betonte, sie habe keine Lust, bei einem Projekt mitzuarbeiten, das Faschismus darstelle. Was sie dennoch überzeugt habe, bei «The Zone of Interest» mitzuwirken, sagt Hüller, sei der Brücken­schlag in die Gegenwart: Wie das perverse Wegschauen vor dem Leid anderer aufgezeigt werde, das finde man als Haltung auch heute wieder. Die Herausforderung, eine historische Figur zu spielen, sei für sie hingegen kein Thema gewesen: «Ich wollte ihr nicht gerecht werden. Es ist mir absolut egal, was die von ihrem Grab aus über den Film oder meine Darstellung denken würde.»

Ausgezeichnet

Die beiden aktuellen Filme machen Sandra Hüllers ganzes Können in all seinen Facetten fast physisch erlebbar. In Cannes war um die deutsche Schauspielerin ein regelrechter Medien­hype entstanden. «Eine Wucht», fanden Kritikerinnen.

Sandra Hüller gilt als furchtlos, als souverän. Sie strahlt eine Ruhe aus, die nervös macht. Passend dazu zeigt sie sich vom wachsenden Ruhm vollkommen unbeeindruckt. Sie schätze natürlich den Respekt, der ihr entgegen­gebracht werde. Mit Blick auf all die euphorischen Schlagzeilen, in denen sich die Kritikerinnen gegenseitig überbieten, zuckt sie nur lächelnd mit den Schultern. Es ist beinahe beruhigend zu erfahren, dass ihr Dinge tatsächlich peinlich sein können, FKK zum Beispiel. Oder die Frage, bei welcher Musik sie nicht stillhalten könne (keine Antwort).

Dass Hüller zu einer der meistgefeierten Schauspielerinnen ihrer Generation werden würde, lässt sich schon früh in ihrer Karriere erahnen. Nachdem sie 2002 als festes Ensemble­mitglied am Theater Basel einsteigt, wo sie als Shakespeares Julia oder Goethes Gretchen brilliert, zeichnet die Fach­zeitschrift «Theater heute» sie 2003 als Nachwuchsschauspielerin des Jahres aus, für die Darstellung der Dora in «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern».

So geht es weiter. Für ihr Spielfilm­debüt als Studentin in Hans-Christian Schmids «Requiem», die sich aufgrund ihrer Epilepsie von Dämonen besessen glaubt und nach einem Exorzismus stirbt, gibt es 2006 gleich den Deutschen Filmpreis für die beste weibliche Hauptrolle. Auf der Berlinale erhält sie ausserdem den Silbernen Bären als beste Darstellerin. Zehn Jahre später geht Maren Ades «Toni Erdmann» unverhofft durch die Decke und gar für den Oscar in der Kategorie bester fremdsprachiger Film ins Rennen; Hüller räumt weiterhin die Preise für die weiblichen Haupt­rollen ab – egal ob im Theater oder im Film.

Ihre Figuren faszinieren mit einer oft offenen und doch unergründlichen Verletzlichkeit, andererseits mit eigensinniger Komik, wie im «Tatort­reiniger». Als mehrfach ausgezeichneter Hamlet steht sie seit 2019 auf der Bühne des Bochumer Schauspiel­hauses.

Doch ihre Karriere, die heute so perfekt vorgespurt aussieht, sei gar nicht so zielgerichtet verlaufen, sagt Hüller. Geboren wurde sie 1978 in Thüringen, sie wuchs in Oberhof auf und in Friedrichroda, wo sie Abitur machte. Sandra Hüller war elf Jahre alt, als die Mauer fiel, auch nach ihrer Ausbildung hielt es sie erstmal im Osten.

Sein sollen

Die Idee, Schauspielerin zu werden, sei vor dem Fernseher entstanden, sagt Hüller. Nicht aus der Motivation heraus, einem Vorbild nachzueifern, sondern aus einem inneren Drang heraus. Sie habe vielen Menschen in Kino und Fernsehen die Tränen nicht abgekauft, wollte es selbst versuchen. Also besuchte sie den schulischen Theaterkurs, und schnell war klar, was ihre erste Wahl für die berufliche Zukunft war. Ihren Eltern jedoch versprach Sandra Hüller, dass sie eine Ausbildung machen würde, wenn es beim ersten Vorsprechen nicht klappen sollte.

«Ich war mir sicher, dass ich nicht die Tour mache und es überall versuche. Es soll sein oder nicht», sagt Hüller, schlägt die Beine über und nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee. Keine Geste, keine Mimik zu viel. Hebamme wäre sie geworden, hätte es nicht geklappt zu der Zeit mit dem Schauspiel – in den Jahren vorher hätte Archäologin oder Tierärztin ganz oben auf der Liste gestanden.

Es brauchte dann keinen Plan B. Schon mit 17 wurde sie zum Berliner Jugendtheater­treffen eingeladen. 1996 bis 2000 studierte sie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, an der sie sich bereits vor dem Abitur beworben hatte. Es folgten Engagements in Jena, Leipzig, Basel, Berlin und München. Heute lebt sie wieder in Leipzig.

«Ist dort Heimat?», frage ich sie.

«Ich denke sehr viel darüber nach, wo ich zu Hause bin. Und klar gibt es Gemeinschaften von Menschen, in denen ich mich wohl und verstanden fühle – das muss auch gar nicht die Herkunfts­familie sein. Aber mittlerweile kann ich sagen, dass ich mich in mir drin am ‹zuhausesten› fühle.»

Vier Jahre lebte Sandra Hüller in Basel. Was sie an der Schweiz verwundert habe, möchte ich wissen.

«Besonders interessant fand ich, dass Basel in der Schweiz als Gross­stadt gilt, Jena hingegen nicht, obwohl die Städte ähnlich viele Einwohner haben. Mit diesem Begriff und Bild verbunden ist dann natürlich auch eine Annahme über sich selbst, die eigene Relevanz und Welt­gewandtheit, die damit zusammen­hängt. Sehr geschätzt habe ich an der Schweiz die Vielsprachigkeit. Nicht so sehr hingegen die Regel­hörigkeit und ein dazugehöriges Denunziantentum, das mich wirklich erstaunte. Wenn der Müllsack wenige Stunden zu früh auf der Strasse stand, kamen bereits die Nachbarn, einen zu mass­regeln.»

Und hat sie die Wahlen in der Schweiz diesen Oktober mitverfolgt?

Ja, sagt Hüller, das Ergebnis habe sie «erschreckt und ehrlicherweise auch traurig gemacht. Dass eine derart menschen­feindliche Haltung in der Politik wirklich funktioniert.»

Dann holt sie etwas weiter aus: «Wir müssen uns doch damit auseinander­setzen, dass weiterhin Menschen kommen werden, die Hilfe suchen, und ich kann nicht verstehen, dass man sagt: Nö, ihr nicht. Ich als Nicht-Schweizerin darf das ja auch eigentlich nicht sagen, aber finde es wirklich schlimm, dass so wenige Leute wählen gehen. Und da frage ich mich immer wieder, ob die Menschen einfach politik­müde sind, oder ob es ihnen einfach zu gut geht.»

Anatomie

Nun also ist «Anatomie d’une chute» in den Schweizer Kinos, und wer nicht schon Hüller-Fan ist, kann sich jetzt vor Augen führen, warum der Hype seine Berechtigung hat. Und das gilt auch für den Film.

«Anatomie eines Falls» ist ein Gerichtsfilm und ein beklemmendes Beziehungs­drama. Das französisch-deutsche Schriftsteller­paar Sandra und Samuel (Samuel Theis) lebt mit dem elfjährigen Sohn Daniel (Milo Machado Graner) abgelegen in den französischen Alpen. Nachdem Samuel bei einem Sturz aus dem oberen Stock des verschneiten Chalets stirbt, kommt die Autorin wegen Mord­verdacht auf die Anklagebank. Der einzige wichtige Zeuge des Falls: der seit einem früheren Unfall sehbehinderte Sohn.

Sandra engagiert einen befreundeten Anwalt (Swann Arlaud), der ihr rät, sich weniger um die Wahrheit, sondern mehr um den Eindruck zu kümmern, den sie vor Gericht macht. Die Schuld­frage, die hier zur Verhandlung kommt, ist immer auch eine Frage um die Verantwortung für das Scheitern dieser komplizierten Ehe. Der elfjährige Sohn bleibt über die Vorgeschichte zunächst genauso im Dunkeln wie das Publikum. Auf Audio­aufnahmen muss er sich anhören, wie seine Eltern über den Unfall damals, über berufliche Konkurrenz, über Seiten­sprünge streiten, bis es zu Gewalt kommt.

Sandra Hüller zeigt in diesem Film einmal mehr ihre aussergewöhnliche Intensität und ihr vielfältiges Spiel – und das in mehreren Sprachen. Wie sie flirtet, streitet, kämpft, ihren Sohn zu schützen versucht, ohne Grenzen zu überschreiten. Wie sie vor Gericht überzeugen, nichts falsch machen will, während intimste Details ihrer Ehe an die Öffentlichkeit gezerrt werden. Es würde nicht wundern, wenn sie am Ende dafür auch einen Oscar bekäme.

Verstehen wollen

Um es freiheraus zu sagen: Sandra Hüller macht mich fertig. Nicht wegen der Preise und ihres beeindruckenden Portfolios. Eher weil sie so offensichtlich in sich ruht und sich nicht darum schert zu gefallen. Wer Sandra Hüller konkrete Fragen stellt, erhält konkrete Antworten, reflektierte und sorgfältige Antworten. Doch wer von Sandra Hüller im Gespräch eine Show erwartet, kann lange warten. Sie versucht auch nicht, dem Gegenüber ein gutes Gefühl zu geben. Sie lächelt, wenn etwas sie amüsiert, und nicht, weil sie meint zu müssen.

Tatsächlich ist das ein Punkt, den Hüller nennt, wenn sie nach etwas sucht, das sie mit der Figur der Ines Conradi verbindet, ihrer Rolle in «Toni Erdmann». Sie habe sich zu Beginn so gar nicht mit ihr identifizieren können, fand es dann aber im «Verweigern von Nettigkeiten». Dass sie in dieser Rolle, aber auch in vielen anderen keine Angst vor Nacktheit hat, erklärt sie in logischer Schluss­folgerung.

Sandra Hüller weigert sich, Objekt zu sein, das hat sie etwa im Interview mit der «NZZ am Sonntag» betont. Sie sexualisiere ihren Körper einfach nicht, ziehe sich nicht aus, um sexy zu sein. Was sie wolle, sei das Publikum herauszufordern, selbst zu denken und eigene Impulse zu hinterfragen. Ihre Arbeit ist ihr Handwerk, das sie genauso oft hasse wie liebe.

Wenn Hüller über das Schauspiel, die Theater­arbeit spricht, dann von Hochleistungs­sport, von Körperarbeit, von technischen Mitteln oder davon, wie und von wem sie lernt. Und wie viel es noch zu lernen gibt. In ihren Ausführungen hört man Bescheidenheit und Pragmatismus heraus, aber auch eine leidenschaftliche Beharrlichkeit. Einen «Angst-Überwinde-Beruf», nennt sie die Schauspielerei, einen Beruf des Verstehen­wollens und der ständigen Selbstüberprüfung.

Was ihr wichtig ist, wenn sie sich ein Drehbuch aussucht?

«Ich mag Dinge, die ich erforschen kann, die ich noch nie gesehen habe, auf die ich keine Antworten habe. Ich mag, wenn ich etwas lerne und an Orte komme, an welchen ich noch nie war – in der Geschichte, in der Welt, aber vor allem auch in mir drin. Nach diesen Kriterien suche ich aus.»

Ob sie die emotionalen Herausforderungen ihrer Rollen mit in ihren Alltag nimmt?

«Meine Arbeit beginnt am Set und endet da. Ich ziehe mir ein Kostüm an, werde frisiert und versuche der Figur gerecht zu werden. Doch ich bin auch am Set noch immer ein soziales Wesen und bleibe als Sandra, wie auch als Mutter ansprechbar, für Dinge, die zu Hause passieren, und über meine Rolle hinaus. Natürlich gibt es ganz unterschiedliche Spannungen und Anspannung in Dreharbeiten, die sich über die Zeiten der Dreharbeiten legen und bei welchen ich jeweils eine Weile brauche, um wieder aus ihnen herauszufinden.»

Ich frage sie, ob ihr der Sinn nicht trotzdem zur Abwechslung mal nach einem weniger schweren Stoff stehe – einer romantischen Komödie vielleicht?

Hüller winkt ab. «Ich habe Schwierigkeiten mit Klischees – und diese Filme funktionieren nur mit Klischees.»

Wenn man dieses Klischee immer wieder durchreite, nähre das nur falsche Erwartungen und bringe auch viel Leid in die Welt. «Natürlich könnte man das mal probieren, aber ich denke, ich würde mich selbst nicht ernst nehmen und mir wohl nicht glauben in einer solchen Rolle.»

Im kommenden Jahr sind zwei Filme geplant, dazu eine Regie­arbeit im Theater gemeinsam mit Tom Schneider, und 2025 wird sie auch erneut für die Bühne mit Johan Simons zusammenarbeiten. Den Niederländer nennt Sandra Hüller als den Theater­regisseur, der sie am meisten prägte. Die Arbeit mit ihm sei frei von Druck und Macht­gehabe, dafür sei umso mehr die eigenständige Mitarbeit der Darstellerinnen gefragt. Deswegen arbeite sie auch so gut mit Justine Triet, an deren Seite Dreharbeiten eher einem Theater­prozess ähneln. In der Zusammen­arbeit mit ihr existiere immer die Zeit, die Figuren zu entwickeln, Fehler zu machen und neu zu beginnen.

«Das ist der Umgang, der mich im Arbeits­umfeld interessiert – ein respektvoller, vertrauensvoller mit niedriger Hierarchie», sagt sie. «Ich bin überzeugt, dass Arbeit besser funktioniert, wenn niemand versucht, die anderen zu unterdrücken.»

Es klopft an der Tür des Salons. Die Kaffee­tasse ist noch beinahe voll. Die Zeit um.

Sandra Hüller verabschiedet sich, geht ein paar Schritte, streckt sich, begrüsst die Nächsten.

Zur Autorin

Jana Avanzini ist freie Journalistin, Texterin und Theater­macherin.

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