Silvia Federici Anfang August dieses Jahres in ihrem Zuhause in Brooklyn, New York.

«Feminismus bedeutet nicht, dass auch Frauen in die Armee gehen, sondern dass Männer es nicht mehr tun»

Die Hexenjagd war ein Massen­mord an Frauen im Dienst der modernen Wirtschafts­ordnung. Die Philosophin Silvia Federici über den letzten Hexen­prozess Europas, unbezahlte Hausarbeit als Grundlage des Kapitalismus und die Gefahr, die vom liberalen Feminismus ausgeht.

Ein Interview von Daniel Ryser (Text) und Sara Messinger (Bilder), 19.08.2023

Vorgelesen von Egon Fässler
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Am Schluss des langen Gesprächs, in dem ich ihr unzählige Fragen gestellt hatte, stellte Silvia Federici auch mir eine Frage, in der Annahme, dass ich als Schweizer Experte für die Schweiz sei.

Worauf sie bei ihrem anstehenden Gespräch im Anna Göldi Museum in Ennenda, einem Ort in der Ostschweizer Gemeinde Glarus, den Fokus legen solle, fragte die New Yorker Professorin für politische Philosophie.

Womöglich darauf, antwortete ich, dass die Ermordung von Anna Göldin als Hexe 1782 kein isoliertes Ereignis war, keine mittel­alterliche Folklore, die nichts mit dem Jetzt zu tun hat, wie wir Schweizerinnen und Schweizer die Dinge gern klein­reden. Sondern sie könnte auf ihre eigene Kern­these eingehen, die sie in ihrem Buch «Caliban und die Hexe» vertreten hat, ihrem einfluss­reichsten Werk aus dem Jahr 2004.

Die Ermordung von Anna Göldin war das Ergebnis des letzten offiziellen Hexen­prozesses in Europa, an dessen Ende die Magd, nachdem sie unter Folter gestanden hatte, Kräfte des Teufels genutzt zu haben, auf dem Glarner Rathaus­platz geköpft wurde. Die Schrift­stellerin Eveline Hasler hat die Geschehnisse 1982 in einem historischen Tatsachen­roman aufgearbeitet: «Anna Göldin. Letzte Hexe».

«Gut, dass Sie das erwähnen», sagte Federici. «Setzen wir Anna Göldin auf die Welt­karte.»

Federici argumentiert in «Caliban und die Hexe», dass es beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus nötig wurde, die Frauen und ihre Gebär­fähigkeit in Kern­familien «einzuhegen», um die wirtschaftliche Produktivität zu steigern. Dazu musste die Häuslichkeit der Frau «natürlich» gemacht werden, als sei das ihr grösster, eigenster Wunsch. Dafür wurde massive Gewalt angewendet, Zehntausende, wenn nicht Hundert­tausende Frauen ermordet. Frauen, die sich nicht einschränken lassen wollten, die auffielen, die nicht passten oder passen wollten und deswegen als Hexen verfolgt wurden.

Die Hexen­jagden, argumentiert Federici, passierten mehrheitlich nicht im dunklen Mittelalter, sondern begannen erst, als sich das Mittelalter dem Ende zuneigte. Sie waren ein Grund­stein für das System, in dem wir heute leben.

Federici gilt als eine der «einfluss­reichsten sozialistischen Feministinnen des letzten Jahrhunderts» («New York Times»), und das vor allem wegen ihres Essays «Lohn für Hausarbeit». Die unbezahlte Haus­arbeit von Frauen, analysierte Silvia Federici in den Siebziger­jahren, «ist eine Form der geschlechts­spezifischen wirtschaftlichen Unter­drückung und eine Ausbeutung, auf der der gesamte Kapitalismus beruht».

Die inzwischen 81-Jährige lebt seit den Siebziger­jahren mit ihrem Partner, dem Philosophen und Marxisten George Caffentzis, in Park Slope im New Yorker Stadt­teil Brooklyn. Ende August kommt sie für drei Termine in die Schweiz, danach weilt sie einige Monate in Italien, wo sie 1942 zur Welt kam.

Drei Auftritte von Federici in der Schweiz

Auf Einladung des Zürcher Theater Spektakel kommt die Philosophin und Theoretikerin Silvia Federici für drei Anlässe in die Schweiz.

Am Samstag, 26. August, untersucht sie am Theater Spektakel unter dem Titel «Zum Lob des Körpers als Terrain des Widerstands» «das widerständige und kreative Potenzial von Körpern und beschreibt, wie sie Ausgangs­punkt für politisches Handeln werden können».

Am 27. August, ebenfalls in Zürich, spricht die New Yorkerin auf Einladung des Vereins Neustart Schweiz im Kino Corso mit Stefania Koller zum Konzept der Commons – selbstverwalteten Ressourcen und Einheiten, die sich den Handlungs­logiken von Markt und Staat entziehen. Einem Thema, zu dem Federici neben anderen feministischen Theoretikerinnen wie der kürzlich verstorbenen Maria Mies oder Veronika Bennholdt-Thomsen viel publiziert hat.

Am Montag, 28. August, tritt Federici im Anna Göldi Museum in Glarus auf. Der Abend über «Gossips, Hexen und Textilien» ist eine Zusammen­arbeit des Glarner Museums und Woman Writing Architecture, des ETH-Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur sowie des Theaters Neumarkt.

Ich unterhielt mich per Videocall mit Silvia Federici.

Eins. Die Hexenjagd

Erst kürzlich las ich das Buch von Eveline Hasler wieder, ein Tatsachen­roman über die Ermordung von Anna Göldin in Glarus. Göldin wurde als Hexe hingerichtet, weil sie einem reichen, einfluss­reichen Glarner unangenehm geworden war.
Ein typisches Muster. Zwar konnten alle Frauen Zielscheibe der Hexen­verfolgung werden. Aber bestimmte Frauen traf die Jagd besonders häufig. Die arme Frau, die fluchte, weil sie nichts zu essen hatte. Die Prostituierte. Die Frau, die eine Affäre mit einem Mann aus einer höheren Klasse hatte. Die Frau, die ausser­eheliche Kinder hatte. Die Hexen­jagd ist ein wichtiger Teil der Umstrukturierung des sozialen Lebens jener Zeit. Man muss die Anschuldigungen, die gegen Frauen erhoben wurden, auch gegen Anna Göldin, in den Kontext jener Zeit stellen, als sich der Feudalismus im Niedergang befand und der Kapitalismus aufstieg.

Das dunkle Mittelalter, wo man diese Hexen­jagden gemeinhin verorten würde, ging gerade zu Ende, als die Jagden begannen.
Anna Göldin wurde 1782 ermordet. Auch andere Frauen wurden noch im späten 18. Jahrhundert hingerichtet. Die Hexen­jagden, die im 15. Jahrhundert begannen, von der Kirche in ihrem Kampf gegen Ketzer stark befeuert, erstreckten sich hauptsächlich über drei Jahrhunderte, vom 16. bis ins 18. Jahrhundert, als der Feudalismus in die Krise geriet und sich der Kapitalismus entwickelte. Man begann den Boden zu einem kommerziellen, handelbaren Gut zu machen, aus Amerika kam Silber nach Europa und wurde in Unmengen in das Geld­system eingespeist. Es war die Zeit der Eroberungen, der Kolonisierung, und Missionare brachten die Hexen­verfolgung nach Amerika, nach Kolumbien, Brasilien, auf die Plantagen in den Vereinigten Staaten. Diese Hexen­jagden waren zentral für die Disziplinierung der Frauen und die Neuorganisation des gesellschaftlichen Lebens: neue Arbeits­disziplin, neue Normen und eine neue Art der Familie – die Kern­familie.

Warum waren die Hexenjagden so zentral?
Für die neue Organisation der Arbeit mussten die Menschen, ihre Gefühle und ihre Sexualität kontrolliert und diszipliniert werden. Sie mussten zum Funktionieren gebracht werden, damit sie in das kapitalistische Arbeits­projekt passten. Die Hexen­jagd gab dem Staat, der kapitalistischen Klasse, die Kontrolle über die Körper der Frauen. Der Kapitalismus disziplinierte die Sexualität zum Zweck der Fortpflanzung. Verhütung und Abtreibung waren bereits damals grosse Themen. Die Hexe war die Frau, die Verhütungs­mittel benutzte, die Kinder tötete, die den Mann impotent machte. Gleichzeitig war sie die Frau voller Sexualität, die den Mann faszinierte.

Man hat die Gesellschaft disziplinieren wollen, damit sie sich nur noch im Rahmen der Kern­familie fortpflanzt?
Es gibt nicht nur die Produktion von Waren, es gibt auch die Produktion von Arbeitenden, von Human­kapital. Die Frauen wurden damit zu einer wichtigen Säule der kapitalistischen Arbeits­organisation. Deshalb gibt es so viele Vorschriften über den Körper der Frauen, über die Sexualität der Frauen, über Abtreibung und Schwanger­schaft: Die Fortpflanzung hat im Kapitalismus einen wirtschaftlichen Wert. Je mehr Kinder geboren werden, desto grösser die Erwerbs­bevölkerung. Damit waren natürlich nicht alle gemeint: Denken Sie zum Beispiel an all die schwarzen Frauen, die in den USA sterilisiert wurden. Auf der einen Seite wurde Abtreibung verteufelt, um die patriarchale Ordnung aufrecht­zuerhalten, auf der anderen Seite wurde schwarzen Frauen die Mutterschaft verweigert.

Und zu Hexen wurden die Frauen, die sich nicht disziplinieren liessen?
Die Hexenjagd diente der Disziplinierung aller Frauen. Wie Anna Göldin in Glarus wurden die Frauen öffentlich auf dem Dorf- oder Stadtplatz enthauptet oder verbrannt. Als Signal an alle anderen. Als Zeichen auch, dass man die Natur gebändigt hatte. Die Hexe war schliesslich die Frau, die magische Kräfte besass, etwas Unkontrollierbares. Der Kapitalismus aber muss die Natur auf eine grosse Maschine reduzieren, muss sie unterwerfen und kontrollieren.

Würden Sie bestimmte Dinge, die heute geschehen – etwa die Kriminalisierung von Abtreibungen in den USA –, als eine Art von moderner Hexenjagd bezeichnen?
Zuerst einmal: Es gibt moderne Hexen­jagden. Und zwar im wortwörtlichen Sinn. Das dürfen Sie nicht übersehen. In verschiedenen Ländern in Afrika, in Papua-Neuguinea, in Osttimor, in Indien werden heute Frauen als Hexen ermordet. Diese Tatsache unterstreicht meine These, dass es einen Zusammen­hang gibt zwischen der Ausbreitung der kapitalistischen Verhältnisse und der Hexen­jagd: Diese Jagden, wo heute Frauen getötet werden, die man beschuldigt, Hexen zu sein, sind verknüpft mit dem Prozess der Globalisierung, mit der Macht­ausdehnung des Internationalen Währungs­fonds und der Weltbank, mit der Entwicklungs­arbeit der Missionare, der Evangelikalen, die von rechts­gerichteten Organisationen in den USA finanziert werden und die noch immer ganz offen über den Teufel sprechen. Auch der Vatikan veranstaltet jedes Jahr Workshops zum Exorzismus, zur Teufels­austreibung.

Und was ist mit der 19-jährigen Amerikanerin, die in Nebraska wegen einer Abtreibung zu einer Gefängnis­strafe von drei Monaten verurteilt wurde?
Wenn man die ersten ökonomischen Schriften des 16. Jahrhunderts liest, aus der Zeit eines technologisch völlig rückständigen Kapitalismus, reden wirklich alle Ökonomen davon, dass es mehr Menschen braucht, mehr, immer mehr. Der Reichtum einer Nation, so die Annahme, baue auf der Anzahl armer Menschen: je mehr Menschen ausgebeutet werden können, desto mehr Reichtum. Das ist heute, im technologisch fortgeschrittenen 21. Jahrhundert, eine andere Diskussion. Aber Abtreibungs­verbote sind ein Angriff auf die Autonomie der Frauen, um die Männer zu beruhigen, dass die patriarchale Ordnung beibehalten wird, dass die Frauen die Haus­arbeit machen und sich unterordnen. Die Frage der Abtreibung hat schliesslich eine Bedeutung, die über die Frage der Fortpflanzung hinausgeht: Männer der herrschenden Klasse interpretieren Abtreibung als eine Kontrolle der Frau über ihr eigenes Leben. Und das sehen sie als gefährlich an.

Federici mit ihrem Ehemann George Caffentzis.

Zwei. Der Wert der Hausarbeit

Sie haben 1972 gemeinsam mit anderen Frauen eine internationale Kampagne für die Bezahlung von Hausarbeit gestartet und dann 1975 den Essay «Lohn für Hausarbeit» veröffentlicht. Damit haben Sie die marxistische Kapitalismus­kritik um die feministische Perspektive erweitert. Wie beseitigten Sie diesen riesigen blinden Fleck?
Eine wichtige Rolle spielte meine Mutter. Ich wuchs in einer kommunistischen italienischen Stadt auf, in Parma in der Emilia-Romagna. Parma war während des Zweiten Weltkriegs eine Partisanen­stadt, wo sich die Partisanen in den Hügeln verschanzten. Und als die Faschisten versuchten, die Stadt einzunehmen, kam es zu einem dreitägigen Stadt­krieg. Parma ist bekannt für seine Barrikaden und für seine antifaschistische Geschichte. Das hat mich politisch geprägt.

Und machte Sie zur Marxistin.
Ich war fasziniert davon, wie Karl Marx so vieles so richtig beschrieben hatte. Bald sprach ich als junge Frau nur noch von den Arbeitern in der Fabrik, bis meine Mutter sagte: «Was redest du ständig vom Fabrik­arbeiter? Was ist mit deinen Tanten? Den Land­arbeiterinnen, den Bäuerinnen, die jeden Tag um vier Uhr aufstehen, um die Familie durchzubringen? Und sich um die Kinder kümmern? Was ist mit meiner täglichen, erschöpfenden Haus­arbeit?» Meine Mutter war die Erste, die diese Ideen in meinen Kopf pflanzte. Als ich schliesslich in den Siebzigern in New York an der Diskussion über den Wert der Haus­arbeit teilnahm, ergab vieles plötzlich Sinn.

Weil Sie vieles von Ihrer Mutter kannten?
Weil sich darin meine eigenen Erfahrungen spiegelten: meine Mutter, die so viel Arbeit leistete, die nicht gewürdigt wurde. Sie kochte, putzte, pflegte die Kranken und den Kontakt zu den Verwandten. Sie hielt die Familie zusammen. Mein Vater war Lehrer. Er war derjenige, der offiziell arbeitete. Und somit war er automatisch der Wichtigste in der Familie.

Auch die Partisanen­stadt Parma wurde beherrscht vom Patriarchat?
Natürlich. Viele Frauen hatten sich ja auch den Partisanen angeschlossen und die meisten wurden am Ende des Krieges ohne Anerkennung nach Hause geschickt. Damals gab es jede Menge marxistische, sozialistische Literatur, die die Unterdrückung der Frauen damit erklärte, dass die Arbeit, die so viel vom Leben der meisten Frauen in Anspruch nahm, keine produktive Arbeit sei. Keine Arbeit, die gesellschaftlichen Reichtum produziere, die zur Kapital­akkumulation beitrage. Diese linke Literatur sagte den Frauen im Grunde genommen, wenn sie nach oben kommen wollten, müssten sie in die Fabrik gehen und Seite an Seite mit den Männern arbeiten.

Aber Sie gelangten zur Überzeugung, dass dem nicht so sei. Und legten somit den Boden für einen feministischen Stand­punkt, der heute allgegenwärtig ist: Die Nichtregierungs­organisation Oxfam berechnete zu Beginn der Pandemie, dass Frauen im Jahr 2019 weltweit unbezahlte Haus­arbeit im Wert von 10,9 Billionen US-Dollar leisteten. Wie gingen Sie vor, um diese Fragen aufs Tapet zu bringen?
Das geht auf die Arbeit zurück, die ich und andere Feminis­tinnen damals in den Siebzigern leisteten, als eine starke feministische Bewegung entstand. Wir begannen darüber nachzudenken, warum Frauen im 20. Jahrhundert, und jetzt im 21. Jahrhundert, sich im Vergleich zu Männern noch immer in einer Position der sozialen Unter­ordnung und Diskriminierung befinden. Also untersuchten wir die Bedingungen, unter denen die Mehrheit der Frauen lebt. Wir stellten fest, dass ein Grossteil der Arbeit, auf die Frauen in unserer Gesellschaft beschränkt waren, die Reproduktions­arbeit war. So entstand 1972 unsere Kampagne und schliesslich mein Essay.

Wie lautete Ihre Analyse?
Dass diese unsichtbare Arbeit wahrscheinlich die produktivste Arbeit in unserer Gesellschaft ist, weil sie nicht nur bestimmte Waren für den Markt produziert, sondern auch Arbeits­kräfte für den Markt hervorbringt. Was wir also als Haus­arbeit bezeichnen, sollte korrekter­weise Produktion von Arbeits­kraft heissen. Weil sie jeden Tag, von Generation zu Generation, die Fähigkeit reproduziert, überhaupt arbeiten zu können. Dass jemand sechs, sieben, acht, neun Stunden in einem Job verbringt, ist nicht etwas, das natürlich vorhanden ist. Es muss hergestellt werden: durch emotionale Arbeit, durch Fort­pflanzung, durch Putzen, durch Kochen, Sexual­arbeit und so weiter. Wir begannen zu begreifen, dass das, was als Haus­arbeit bezeichnet wurde, eigentlich eine besondere Form der kapitalistischen Produktion ist.

Und eine besondere Form der Unterdrückung, wie Sie folgerten.
Es konnte ja tatsächlich sein, dass diese Arbeit unsichtbar gemacht worden war nicht trotz, sondern wegen ihrer immensen Bedeutung für die Akkumulation von Kapital, für das Funktionieren der kapitalistischen Gesellschaft. Dass sie deswegen als eine natürliche Tätigkeit dargestellt werden musste, quasi als etwas, das Tiere tun.

Wurde deshalb die Wichtigkeit dieser Arbeit so lange auch von der politischen Linken nicht erkannt?
Das würde ich so sagen, ja. Gleichzeitig war es ja klar, dass bei einem General­streik der Frauen alles, wirklich alles zum Stillstand kommen würde. Die Schulen, die Fabriken, die Büros. Die Fähigkeit der Menschen, überhaupt zur Arbeit zu erscheinen, ist abhängig von dieser unsichtbaren Haus­arbeit. Eine Arbeit, die zum Teil besonders kompliziert und schwierig ist, wenn zum Beispiel chronische Krankheiten vorhanden sind. Bei Gebrechen von alten Menschen. Bei Krisen in der Familie, in den Gemein­schaften. Die Aufgaben sind immens, und trotzdem gibt es kein Geld, keine Rente, keine Ansprüche, keine soziale Anerkennung. Und Urlaub gibt es auch nicht. Während des Urlaubs arbeitet man statt­dessen doppelt so viel. Und weil die Arbeit nicht anerkannt war, wurden die Frauen abhängig von den Männern. Wie viele Frauen waren aus wirtschaftlicher Not gezwungen, bei ihren gewalt­tätigen Männern zu bleiben!

Immer mehr Frauen arbeiteten schliesslich auch ausserhalb des Hauses.
Diese Entwicklung begann mit der Krise des männlichen Lohns in den Achtzigern. Mit der Prekarisierung der Arbeit arbeiteten immer mehr Frauen ausser Haus, 60 bis 70 Prozent im Schnitt, was den Druck auf die Frauen noch vergrösserte, denn viele Frauen mussten nun versuchen, diese beiden Jobs, diese beiden Leben, unter einen Hut zu bringen. Und dann kam Covid-19 und machte die Dimension der Krise der Frauen sichtbar: Hundert­tausende Haushälterinnen, die unser System am Laufen gehalten hatten, vor allem women of color, viele davon ohne Papiere, verloren ihre Jobs, ohne irgend­welche staatlichen Zuschüsse zu erhalten. Es wurde deutlich, was immer klar war: dass wir unsere Leben und unsere Reproduktion vor allem auf dem Leid von anderen aufbauen. Meistens auf dem Leid von Frauen. Am allermeisten auf dem Leid von women of color, den grössten wirtschaftlichen Verliererinnen der Pandemie.

Drei. Die feministische Perspektive

In «Lohn für Hausarbeit» beschrieben Sie 1975, wer für Sie zur feministischen Bewegung gehört: «Wir wollen und müssen sagen, wir alle sind Hausfrauen, wir alle sind Prostituierte und wir alle sind homosexuell (…) Denn solange wir denken, wir seien etwas Besseres, etwas anderes als eine Hausfrau, akzeptieren wir die Logik der Herrschenden, eine Logik der Trennung.»
Das erste Hindernis, wenn man eine Bewegung aufbaut, ist jenes der Spaltung. Der Kapitalismus schaffte es immer wieder, die Menschen gegeneinander auszuspielen, sodass sie die gemeinsamen Interessen nicht erkannten. Die heraus­ragendste Form der Spaltung in den USA war in meinen Augen die Rassen­trennung.

Inwiefern?
Die weissen Arbeiter wurden zwar auch unterdrückt, aber gegenüber den schwarzen Arbeitern genossen sie Privilegien, also fiel es ihnen schwer, sich zu organisieren. Dann die Trennung nach Geschlechtern: Wer hat Zugang zu bestimmten Einkommens­niveaus, zu bestimmten Arbeits­plätzen, zu bestimmten Macht­niveaus, zu Mobilität? Wer kann nachts ausgehen? Wer ist an ein Haus gebunden? Wer muss ohne Geld arbeiten? Wer muss abhängig sein? Als Nächstes die Spaltung innerhalb der Geschlechter: die gute Frau, die schlechte Frau. Die gute Frau verstand die Ehe auch als wirtschaftliches Geschäft. So hatten es uns unsere Mütter doch eingetrichtert: «Die Liebe dauert nur eine Woche. Du willst einen Mann heiraten, der in der Lage ist, dich zu unterstützen, der zuverlässig ist, der den Gehalts­scheck nach Hause bringt, statt ihn in der Bar zu versaufen.» Die gute Frau gegen die schlechte Frau, also die Prostituierte beispiels­weise, die Sex für Geld anbietet.

Wo verorten Sie denn jene Frauen, die heute sehr erfolgreich sind?
Es gibt heute einige wenige Frauen, die Kapitalistinnen sind. Die über die Macht des Geldes verfügen. Aber sie sind eine Minderheit. Deshalb formulierte ich meinen Aufruf so. Wir sollten anerkennen, dass die Reproduktions­arbeit ein Terrain ist, auf dem die meisten Frauen leben und ausgebeutet werden. Deshalb wollten wir auch die gesellschaftlichen Normen aufheben, die wir verinnerlicht hatten.

Was halten Sie denn vom liberalen Feminismus?
In meinen Augen ist das, was sich liberaler Feminismus nennt, kein Feminismus.

Warum nicht?
Wenn ich von Feminismus spreche, meine ich damit eine Bewegung, die antikapitalistisch ist. Feminismus anerkennt nach meiner Auffassung, dass wir die Lage der Frauen und der ausgebeuteten Arbeitenden nicht ändern können, wenn wir das System nicht ändern. Feminismus anerkennt, dass unser Gesellschafts­system grundsätzlich auf der Ausbeutung menschlicher Arbeit beruht, auf der privaten Anhäufung von Reichtum. Und dass wir zwar gewisse Reformen herbei­führen können, aber keine substanziellen Veränderungen. Deswegen ist liberaler Feminismus letztlich das Gegen­teil von Feminismus. Denn er will das System beibehalten, das uns unterdrückt. Es ist Hillary-Clinton-Feminismus. Ein Witz.

Ein Witz?
Hillary Clinton und ihr Mann haben mit ihrer Politik Frauen und vielen Minderheiten dermassen viel Schaden zugefügt, dass es geradezu grotesk ist, sich Hillary Clinton als Feministin vorzustellen. Ihr Feminismus sagt in erster Linie Folgendes: «Ich will an die Wall Street. Frauen sollen Unter­nehmerinnen sein, sollen Kapitalis­tinnen sein, sollen andere Menschen ausbeuten, wie Männer es tun. Frauen sollen sein wie Männer.» Das soll Feminismus sein? Es ist derselbe Feminismus, der will, dass Frauen in die Armee gehen.

Tun Sie hier nicht dasselbe, was Sie am Kapitalismus kritisieren? Dass er spaltet: gute Frauen, schlechte Frauen?
Es geht mir um den Begriff des Feminismus. Und da sage ich: Das, was sich liberaler Feminismus nennt, ist kein Feminismus. Denn jene Gleich­berechtigung besteht im Wesentlichen darin, dort präsent zu sein, wo die Männer präsent sind. Liberaler Feminismus bedeutet, dass man sein will wie die Männer. Und somit auch Teil des Mechanismus der Spaltung. Das kann nicht das Ziel des Feminismus sein, schon allein deshalb, weil auch die meisten Männer ausgebeutet werden. Feminismus will eine andere Gesellschaft. Bezüglich der Armee, eines Kampfes, den wir leider verloren haben, war meine Linie immer: Wir wollen nicht in die Armee. Und die Männer sollten uns gleich­gestellt werden, nicht wir ihnen. Feminismus bedeutet nicht, dass auch Frauen in die Armee gehen, sondern dass Männer es nicht mehr tun. Feminismus heisst, gegen Kriege zu sein, gegen Armeen. Es heisst, Leben zu produzieren und nicht Tod.

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