Ein steinernes Gebäude? Nur oberflächlich gesehen. Der von Zvi Hecker erbaute modernistische Häuserkomplex in der eingemeindeten Siedlung Ramot Polin ist nur mit dünnen Steinplatten verschalt. Kunsthistoriker sehen diese absurde Bauweise, die sich zum Schein an veraltete Vorschriften aus der Kolonialzeit hält, als politisches Instrument. Es soll damit markiert werden, was zu Jerusalem gehört.

Jerusalems Gesicht aus Stein

Ein altes Gesetz schreibt vor, dass in Jerusalem Naturstein verbaut werden muss. Der grösste Teil davon stammt ausgerechnet aus der Westbank – und ist heute vor allem eine Fassade, die zeigt, wie politisch Architektur ist.

Von Amir Ali (Text) und Flurin Bertschinger (Bilder), 25.04.2023

Vorgelesen von Jonas Rüegg Caputo
0:00 / 23:54

Journalismus kostet. Dass Sie diesen Beitrag trotzdem lesen können, verdanken Sie den rund 27’000 Leserinnen, die die Republik schon finanzieren. Wenn auch Sie unabhängigen Journalismus möglich machen wollen: Kommen Sie an Bord!

Und im Schlummer von Baum und Stein,
gefangen in ihrem Traum;
liegt die vereinsamte Stadt
und in ihrem Herzen eine Mauer.

Jerusalem aus Gold
und aus Kupfer und aus Licht,
lass mich doch, für all deine Lieder,
die Geige sein.

Strophe und Refrain aus dem Lied «Jerusalem aus Gold» von Naomi Shemer.

«Jerusalem aus Gold» ist so etwas wie die inoffizielle National­hymne Israels. Naomi Shemer, die «first lady of Israeli song», veröffentlichte das Lied 1967, kurz bevor Israel den Sechstage­krieg gewann und das ganze Westjordanland samt Ostjerusalem und der Klage­mauer unter seine Kontrolle brachte.

Sie besingt darin die Rückkehr der Juden an die Klage­mauer, nachdem sie diese während der Jahre unter jordanischer Kontrolle nicht besuchen konnten. Es geht um den Felsen, auf dem Jerusalem steht, und um den Stein, aus dem die Stadt gebaut ist. Um den typischen Stein der Fassaden, der die Stadt im Licht der untergehenden Sonne erleuchten lässt: Jerusalem aus Gold.

Ytav Bouhsira bahnt sich einen Weg durch die Menschen­ströme in Jerusalems Neustadt. Er will seine Stadt erklären. Was in ihr schief­läuft, was man anders machen könnte. Und wie sich das an ihrem Gesicht aus Stein zeigt. Der feingliedrige, hochgewachsene Mann mit runder Brille und ernstem Blick ist Architekt und Dozent an der Bezalel, Jerusalems Kunst­hochschule. Zusammen mit einem Partner berät er zudem Community-Projekte in Sachen Bau und Planung.

«Hier seht ihr den mizzi ahmar, den roten Stein», sagt Bouhsira vor einem Gebäude im Stadt­zentrum, das in der Zeit des britischen Mandats gebaut wurde, kurz nach dem Ersten Welt­krieg. «Der rote Jerusalem-Stein, das ist der klassische, der in den Liedern besungen wird. Den wollten die Briten hier überall sehen.»

Als der erste britische Militär­gouverneur Jerusalems, Ronald Storrs, die Stadt nach dem Ersten Welt­krieg von den geschlagenen Osmanen übernahm, glich Jerusalem, etwas salopp gesagt, einem grossen Flüchtlings­lager. Rund um die historische Altstadt wucherten Slums, gebaut aus Lehm, Holz und Blech. Storrs, in Sorge um den biblischen Geist der Stadt, erliess ein Dekret, und fortan durfte nur noch aus Stein gebaut werden.

Blick über eine Steinmauer der eingemeindeten Siedlung Ramat Shlomo zum nordwestlichen Stadtzentrum von Jerusalem.
Ytav Bouhsira, Architekt und Dozent an der Kunsthochschule Jerusalems, erklärt den Anachronismus des einstigen britischen Steingesetzes.

«Dabei baute man zu der Zeit hier gar nicht mehr aus Stein», sagt Bouhsira. Stein­häuser reparierte man selbst­verständlich mit Stein, aber neue Konstruktionen erstellte man aus Beton und Metall. «Das Gesetz war schon ein Anachronismus, als es eingeführt wurde», so Bouhsira.

Doch es gilt bis heute. Nach dem Sechstage­krieg 1967 legten Politikerinnen und Stadt­planer im Richtplan für Jerusalem fest, dass sich die neu gebauten Viertel weit weg von der Altstadt als natürliche Teile der Stadt anfühlen sollten. Dafür griffen sie auf das Storrs-Dekret zurück, das zwar immer gegolten hatte, nun aber wieder rigoroser angewandt wurde.

Einst waren die Steine der natürliche Baustoff, den man im Boden fand, auf dem man die Stadt baute. Doch heute sind die Stein­brüche auf dem Stadtgebiet, überhaupt im gesamten Israel, nahezu komplett ausgebeutet. Jerusalems Baustellen werden aus der Türkei beliefert, aus Ägypten oder aus China.

Kostbares aus der Westbank

Die meisten Steine aber kommen von den Palästinenserinnen im West­jordanland. Aus dem Süden, der Gegend von Hebron, zum Beispiel aus dem kleinen Ort al-Shuyukh.

Der Palästinenser Ali trägt einen grauen Kapuzen­pulli und Leder­stiefel, auf denen eine Schicht weissen Staubs liegt, wie auf allem hier. Ali arbeitet in der kassara, was so viel bedeutet wie «Brecherei». In dieser riesigen Schredder­anlage zerkleinern er und zwei Kollegen den Abraum aus den Stein­brüchen. Hinten, am Ende des Geländes, kriecht einsam ein Bulldozer auf einem riesigen Haufen Steinstaub herum, aus dem später Zement wird. Ali und seine Kollegen verschwinden in einer Landschaft aus Kratern und Staub­wolken, Maschinen und Lärm.

Eine Luftaufnahme der Steinbrüche bei Jurun al Luz im Westjordanland: Steinblöcke, Krater, Maschinen und viel Staub, so weit das Auge reicht.
In einem Steinbruch der palästinensischen Stadt Beit Fajjar entfernt ein maskierter Arbeiter mit Druckluft den Staub von den abgebauten Steinen – damit Jerusalem mit seinem Gesicht aus hellem Stein im Sonnenlicht golden scheint.
Gelagerte Blöcke von sogenanntem Jerusalem-Stein auf dem Areal der Firma Nassar Stone in Bethlehem, Westjordanland.

«Unsere Tage sind lang. Die Arbeit ist hart, der Lärm, der Staub», erzählt Ali bei einem Gläschen Kaffee im weissen Container, der den Arbeitern als Aufenthalts­raum dient. «Aber es ist eine gute Stelle. Ich würde sie nicht hergeben.» Ali und seine Kollegen aus der kassara stehen am unteren Ende der Stein-Wertschöpfungs­kette. Und doch kommen sie hier mit 2500 Schekeln – umgerechnet etwa 650 Franken – auf den monatlichen Durchschnitts­lohn in den Palästinenser­gebieten.

Stein ist für die Menschen in den Palästinenser­gebieten ökonomisch so wichtig, dass ihn manche auch «das weisse Öl» nennen. Rund 25’000 Arbeitsplätze hingen laut der Union of Stone and Marble Industry 2015 direkt und indirekt am Geschäft mit dem Stein. Vor der Corona-Pandemie wurden damit je nach Schätzung zwischen 400 und 600 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr erzielt – rund ein Viertel des Gesamt­umsatzes der industriellen Produktion Palästinas.

Wie riesige weisse Fettwürfel liegen die Stein­quader in der Landschaft. Vereinzelt am Rand der Strasse, die sich von al-Shuyukh über die Hügel zu den Steinbrüchen hinaufwindet. Oder zu Hunderten versammelt in den Abbau­gruben. Flanke um Flanke tragen die Menschen hier ab, immer tiefer und tiefer. Übrig geblieben ist ein schmaler Grat, der als Strasse für die Lastwagen dient. Links und rechts gehen die Gruben 20, manchmal 30 Meter in die Tiefe, mancherorts brummen Bagger und Caterpillars. Ein Arbeiter ist zu sehen, der den Staub wegbläst, damit man die nächsten Schnitte anzeichnen kann.

Das zentrale Hochland der Westbank ist eine Schatz­kammer: Hier liegt nicht nur ein wichtiger Grundwasser­speicher, sondern auch mitunter der beste Kalk- und Dolomit­stein der Welt. Acht Variationen, von weiss bis pink, gelb bis bernstein­farben.

Das Geschäft mit dem «Jerusalem-Stein»

Die Steinbrüche verlaufen entlang der Oliven­haine, die hier einst standen. Als die Hügel noch Hügel waren. Als Familien ihre Häuser mithilfe der Nachbarn bauten, mit den Steinen, die sie auf ihren Grund­stücken fanden. Heute machen die Familien ihr Geschäft mit dem Stein.

Von den Stein­brüchen kommen die Stein­blöcke in Fabriken wie jene von Akram Bader in der Ortschaft Beit Fajjar, der grössten und modernsten in der Gegend hier. Bader, um die 60, trägt einen kurzen Schnauz, ein Polohemd von Moncler und am Handgelenk eine grosse Uhr. Er spricht mit der bedächtigen Gelassenheit des erfolgreichen Geschäfts­mannes.

Ihm gehören sechs Steinbrüche in der Westbank, Fabriken in der Türkei und in Jordanien. Hier am Hauptsitz in Beit Fajjar hat er vor zwölf Jahren 6,5 Millionen Dollar in ein neues Werkareal investiert, mit Marmor­fräsen aus Italien und einer Aufbereitungs­anlage für das Wasser, das beim Fräsen der Steine in rauen Mengen fliesst.

Akram Bader, Geschäftsmann und Besitzer von Steinbrüchen und Fabriken, in seinem Büro in Beit Fajjar im Westjordanland. Der wichtigste Abnehmer seiner Westbank-Steine ist Israel.

Der Blick aus Baders schlicht eingerichtetem Büro geht über das Tal. Am Horizont der aufgeschnittene Berg, aus dem das Material stammt, das in Platten zerlegt, geschliffen, poliert und fein säuberlich gestapelt auf dem Platz vor der riesigen Fabrik­halle liegt. Tausende Platten und Fliesen, bereit für den Transport zu Baustellen in aller Welt: nach Saudi­arabien, in die Emirate, die USA, nach Europa.

Wichtigster Abnehmer der palästinensischen Steine ist aber Israel. Die genaue Höhe des israelischen Anteils ist nicht zu eruieren. Manche Schätzungen gehen von rund 60 Prozent aus, der Besitzer einer mittelgrossen Steinfabrik in Bethlehem spricht von 75 Prozent.

Dass die Nachfrage so gross ist, liegt zu einem guten Teil an der Millionen­stadt Jerusalem – und ihrem Zwang zum Stein. Was israelisches Marketing seit den 1980er-Jahren als Jerusalem stone weltweit etabliert hat, wird heute fast nur noch in der Westbank aus dem Boden geholt. Jerusalem – unter voller israelischer Kontrolle – wird aus palästinensischem Stein gebaut.

Und so schwer es vielen palästinensischen Stein­unternehmern auch fällt, dass Israel ihr wichtigster Markt ist: Sie sind auf die Einkünfte aus dem Verkauf von «Jerusalem-Stein» dringend angewiesen.

Absurdes Katz-und-Maus-Spiel

Denn das Geschäft ist eingebrochen, nicht erst seit Covid. Weltweit wächst das Angebot, die Margen werden kleiner. Ein Fabrik­besitzer aus Bethlehem erzählt, in den letzten zwei Jahren hätten dort die Hälfte der Betriebe geschlossen. Das Haupt­problem aber ist laut Akram Bader ein anderes: «Die Israeli geben uns schon lange keine Bewilligungen mehr für neue Stein­brüche.»

Die Westbank ist seit einem Abkommen von 1995 in A-, B- und C-Gebiete unterteilt. Die grössten Stein­vorkommen liegen im C-Gebiet, das gut 60 Prozent der Westbank ausmacht und vollständig unter israelischer Kontrolle steht. In diesem Gebiet erteilen die israelischen Behörden faktisch keine neuen Abbau­bewilligungen. Das treibt die Landpreise in den übrigen Gebieten in die Höhe. Und Akram Bader muss seine Arbeiter in den bestehenden Stein­brüchen immer tiefer graben lassen – auch das macht seinen Stein teurer und damit weniger konkurrenz­fähig.

Das wirtschaftliche Potenzial neuer Steinbrüche im C-Gebiet ist immens: Die Weltbank schätzte 2013, dass die palästinensische Steinindustrie ohne die israelischen Restriktionen jedes Jahr gut 240 Millionen Dollar mehr Umsatz machen könnte. An vielen Orten graben palästinensische Bagger illegal im C-Gebiet. Tauchen israelische Patrouillen auf, verschieben die Arbeiter die Maschinen rasch über die Grenze.

Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel in einer absurden Konstellation: Denn am Ende werden illegal abgebaute Steine dazu verwendet, Siedlungen in der Westbank und Stadt­viertel von Jerusalem zu bauen, die nach inter­nationalem Recht ebenfalls illegal sind.

Es fragt sich: Wie lange dauert diese Situation noch an?

Jerusalem Gardens Stone Works in Beit Shemesh: Steinplatten zeigen verschiedene Bearbeitungs­techniken für Oberflächen.
Die Steinfassade der Mamilla Mall in Jerusalem ist durch­nummeriert – damit sie im Falle eines Beschusses wieder richtig aufgebaut werden kann.
Stein an Stein – auch rund um den modernen und verschachtelten Gebäude- und Wohnkomplex Holyland-Park.

Im Laufe der Zeit wurde das britische Gesetz für Jerusalem immer wieder angepasst – bald schon mussten die Häuser nur noch mit Stein verkleidet sein. «Stein wurde zu einem aufklebbaren Bedeutungs­element, um eine visuelle Einheit zwischen neuen Bauten und der Altstadt herzustellen», schreibt der Architekt und Schrift­steller Eyal Weizman in seinem Buch «Hollow Land», das die Zusammen­hänge zwischen Architektur und Besatzungs­politik analysiert.

Der Stein als politisches Instrument

Auf unserem Rundgang führt uns Ytav Bouhsira vor ein mehr­stöckiges Büro­gebäude mitten in der Stadt. Er zeigt auf die Netze, die auf Höhe des ersten Stocks rund um die Fassade gezogen wurden. «Die sind da, damit uns die Steine nicht auf den Kopf fallen», sagt er und lacht.

In den 1970er-Jahren waren für die Verschalung der Häuser Platten erlaubt, die derart dünn waren, dass sie ständig brachen. «Ist das nicht absurd?», fragt Bouhsira. «Wir entfernen uns immer mehr vom Stein selbst. Erst bestimmte er die Bauweise der Menschen hier. Dann wurde er zur Verschalung. Heute ist der Stein ein politisches Instrument, mit dem markiert werden soll, was zu Jerusalem gehört.»

Eine der ganz wenigen Ausnahmen zwischen all den Stein­bauten wurde vor kurzem mitten in der Stadt eröffnet. Der Neubau von Jerusalems Kunst­hochschule Bezalel, nur ein paar Schritte vom Sitz des Bürger­meisters entfernt, besteht fast nur aus Glas. Die Oberflächen der wenigen Beton­strukturen, auf denen das Gebäude ruht – und in denen sich die obligatorischen, bomben­sicheren Schutz­räume befinden –, sind mit einem Stein verkleidet, der so hell und so stark poliert ist, dass er wirkt wie Gips.

Für Stadt­forscher Ytav Bouhsira, der selbst an der Bezalel unterrichtet, ist es der «wichtigste Neubau im Stadt­zentrum seit Jahren». Ein Prestige­projekt mit grossem Budget, umgesetzt durch die japanischen Star­architekten von Sanaa. Das sei das eine – das andere aber sei, wie die Architektinnen die Glas­konstruktion bei der Stadt durchbrachten. «Sie beriefen sich ausgerechnet auf Ronald Storrs», so Bouhsira.

Sie argumentierten: Anhand der Tagebuch­einträge des Militär­gouverneurs sei der Stein für diesen ein landschaftliches Element gewesen, das sich in die Hügel und die Vegetation einfügt. «Stein ist Landschaft, sagten sie, und durch das viele Glas wird man all die Steine drumherum besser sehen.»

Bouhsira sieht im Bezalel-Neubau einen Präzedenz­fall: «Das Gesetz wird sich noch ein, zwei Jahre halten», prophezeit er, «dann werden sie es anpassen müssen.»

Jerusalem ist eine heilige Stadt, vielleicht eine ewige Stadt – aber immer noch eine Stadt. Die Zahl ihrer Einwohnerinnen wächst, es braucht mehr Wohnfläche, mehr Büros. Wie überall auf der Welt wird auch in Jerusalem immer höher gebaut. Im Westen der Stadt ist in den vergangenen Jahren eine Skyline aus Hoch­häusern entstanden.

Wer in die Höhe baut, macht sich das Leben schwer – und die Arbeit teuer, wenn er mit Stein baut.

Blick über Jerusalem. Hinter Talpiot, einem Stadtviertel an der Green Line, liegen die angrenzenden, eingemeindeten palästinensischen Viertel Umm Lisun und Sur Baher. Am Horizont sieht man das Westjordanland.

Mit Stein bauen oder nicht – für manche geht es bei dieser Frage um Kosten, Ästhetik und Statik, für andere um die Existenz. Senan Abdelqader spricht mit Bedacht über sein Leben als Palästinenser in Israel. Und findet doch klare Worte. «Wir leben in einem Apartheid-System», sagt er, und nennt Beispiele: dass es zwei getrennte Verkehrs­systeme gibt, Busse für Araber, Busse für Jüdinnen. Oder dass seine Söhne, junge Männer, sich nicht trauen, in der Öffentlichkeit Arabisch zu sprechen – aus Angst, eine besorgte Bürgerin könnte die Polizei rufen.

Architektur als Form des Widerstands

Abdelqader ist ein grosser, schlanker Mann um die 60, einst ein Vorzeige-Palästinenser. Als Architekt kam er zu internationaler Anerkennung – mit einem Projekt aus Stein, das schliesslich zum Zerwürfnis mit der Jerusalemer Stadt­verwaltung führte. «Wenn du mit Senan arbeitest, bekommst du keine Bau­bewilligung», habe es ab dann geheissen. Seither kommt er nur noch selten nach Jerusalem, er wohnt und arbeitet in einem Friedens­dorf im Landes­inneren, wo Juden und Araberinnen zusammen­leben.

Der Grund für Abdelqaders Schwierigkeiten mit der Stadt­verwaltung heisst Mashrabiya-Haus. Es steht in Beit Safafa, einem arabischen Viertel am südöstlichen Rand Jerusalems, ganz in der Nähe der Autostrasse, die zu den Stein­brüchen von Bethlehem führt. Senan Abdelqader baute das Mashrabiya-Haus vor 20 Jahren, es wurde sein Durchbruch, brachte ihm Lob von internationalen Kritikern ein, führte ihn an die Biennale in São Paulo. Und das Haus zeigt, wie Architektur zu einer Form des Widerstands werden kann.

Der palästinensische Architekt Senan Abdelqader zerwarf sich mit den Jerusalemer Behörden, weil er sich nicht an die Baugesetze hielt.
Sein Mashrabiya-Haus in Beit Safafa, einem palästinensischen Viertel in Jerusalem, steht aber noch heute, wurde gar international prämiert.

Seine Auseinandersetzung mit Stein, sagt Abdelqader, habe naiv begonnen. «Ich komme aus der Mitte von Palästina, bin mit meiner Familie in meter­dicken Stein­wänden aufgewachsen», erzählt er in einem leicht eingerosteten, aber immer noch sehr guten Deutsch – Abdelqader hat in den 1980er-Jahren in Berlin studiert und später auch dort unterrichtet. «Ich kenne Stein als Konstruktions- und Isolations­material. Als etwas, das von uns kommt, weil wir einfach mit dem gearbeitet haben, was da war.»

Als er um die Jahrtausend­wende den Auftrag bekam, im Jerusalemer Viertel Beit Safafa ein Haus zu bauen, erfuhr er von dem alten Gesetz. Natürlich war ihm aufgefallen, dass Jerusalem ganz in Stein gehalten war, er hatte die Ästhetik der Stadt stets als bedrückend empfunden. Bis dahin hatte er das allerdings für eine Art stille Übereinkunft gehalten. «Als ich begriff, dass es etwas von oben Aufgezwungenes ist und nicht von den Leuten selbst kommt, musste ich irgendwas damit machen.» Etwas, das nicht mit dieser «Keramik­technik» arbeitet, wie er sich ausdrückt. «Es ist kein Stein, wenn man ihn einfach so dünn aussen anbringt.»

Hinzu sei ein anderes Gesetz gekommen, das es in den meisten arabischen Gebieten verboten habe, mehr als 50 Prozent des Baulands zu nutzen. Senan Abdelqader antwortete mit einer Hülle aus Stein­blöcken, die das gesamte Grund­stück umfasste. Mit ihrer durchlässigen Struktur erinnert sie an die arabische Mashrabiya-Technik: jalousie­ähnliche Holzgitter-Fassaden, die vor Sonne und neugierigen Blicken schützen.

«Ich interpretierte die Technik der geschnittenen Steine von den Israeli neu. Nicht als etwas Vertechnisiertes, sondern mit rohen Blöcken, echtem Stein, der Stein sein darf», so Abdelqader. In dem «so geschaffenen Spielraum», wie er es nennt, baute er dann zunächst unbemerkt aus Glas und Beton eine Struktur, die viel grösser war als erlaubt.

«Niemand merkte, was ich da drin machte», sagt Abdelqader. Als er den Stadtplaner und andere Behörden­vertreterinnen einlud, um die Baustelle zu besichtigen, waren sie sogar begeistert. Ein palästinensischer Architekt, der Dinge internationaler Anerkennung baut, etwa von der «New York Times» in den höchsten Tönen gelobt wird – «das tat dem Selbstbild der Israeli, eine offene und tolerante Demokratie zu sein, gut».

Schliesslich standen die Behörden vor der Wahl, den international gefeierten Bau abzureissen oder ihn im Nachhinein zu legalisieren. Sie taten Letzteres. Das Mashrabiya-Haus steht bis heute. Und es hat dazu beigetragen, dass die Behörden in der ganzen Gegend die Bebauung auf 100 Prozent des Grundstücks erlaubten.

Aus Stein hat Senan Abdelqader seither nicht mehr viel gebaut. Er findet, Stein sei kein natürliches Material, so wie er heute verwendet werde. «Du musst Hügel zerschneiden, das verursacht Umwelt­katastrophen im grossen Stil», sagt er. Früher sei es erträglich gewesen. Aber heute würden ganze Städte aus Stein gebaut, Modi’in an der Grenze zum Westjordanland etwa, oder eben Jerusalem. «Dafür benutzen sie die Westbank, genau wie für das Wasser. Auch der Stein ist Teil des kolonialistischen Projekts Israel.»

Gebäude sollen Geschichten erzählen

Ob und wie sehr Israel Merkmale des Kolonialismus aufweist, darüber wird viel diskutiert und gestritten. Jedenfalls ist Israel, vielleicht mehr als jeder andere Staat auf der Welt, ein Projekt. Auch ein Bauprojekt.

Der Mann, der dieses Projekt erforscht und beschrieben hat wie kein anderer, sitzt in seinem Büro in der Innen­stadt von Tel Aviv. Es ist ihm nicht anzumerken, dass er eigentlich bereits auf dem Weg zum Flughafen sein müsste, wo er den Abend­flug nach New York nehmen will. Zvi Efrat, ein renommierter Architekt und Autor, spricht mit dem Duktus des Dozenten, der es gewohnt ist, lange Reden zu halten und Argumente ausführen zu können. Und geht es um Israel, den Zionismus und die Architektur, tut er das umso lieber.

Für den Architektur­historiker Zvi Efrat ist Stein viel mehr Kultur als Material.

Der britische Kolonialismus, erklärt Efrat, sei orientalistisch gewesen, mit echtem Interesse an der Kultur des kolonisierten Landes. «Die britischen Architekten nahmen das Lokale auf und führten es weiter», sagt er. Das britische Vermächtnis in architektonischer Hinsicht: die Übertragung der Stein­architektur auf grosse öffentliche Bauten. «Sie haben ihr Schutz­gebiet Palästina natürlich ausgebeutet, wie das Kolonialisten eben tun. Aber sie haben mit dieser Architektur auch Neues eingebracht», so Zvi Efrat. «Die Zionisten können das nicht. Sie verdrängen und ersetzen die Menschen, die vor ihnen da waren.»

Wie ein Symbol dafür steht der Komplex des Israel-Museums, an dem Zvi Efrat und seine Frau Meira Kowalsky mitgearbeitet haben, als sie das ursprünglich aus den 1960er-Jahren stammende Bauwerk in den Jahren 2003 bis 2010 erneuerten. Das Museum – einen Steinwurf vom Parlament, der Knesset, entfernt – ist in seiner verschachtelten Architektur einem arabischen Dorf nachempfunden. «Uns war es bei der Erweiterung wichtig, zu zeigen, dass Stein­architektur nichts zu tun hat mit modernem Bauen. Der Stein ist Fake, und das soll man sehen. Das zeigt so vieles von dem, was nicht stimmt in diesem Land.»

Tradition? Schön und gut, sagt Efrat. «Aber wir nehmen den Stein komplett aus seinem Kontext, eignen ihn uns als simples Material an, das wir einfach auf unsere Gebäude aufkleben können.»

Anfangs sei es für ihn nicht wichtig gewesen, «über Stein zu forschen, um das zionistische Projekt zu beschreiben». Die Zionisten wollten zunächst die weissen Wände der Bauhaus-Architektur, das Mediterrane: «Eine europäische Kultur im Nahen Osten, eine europäische Kolonie», erklärt Efrat. Für Jerusalem interessierten sich zionistische Planer und Architekten kaum. «Sie hatten Angst vor Jerusalem, wussten nicht, wie damit umgehen. Es passte nicht in diesen säkularen, modernen Wohlfahrts­staat, den sie bauten.»

Nach dem Sechstage­krieg 1967 wurde Stein plötzlich zum politischen Mittel. Stein ist für Zvi Efrat kein Material, sondern eine Kultur – eingebettet in Lebensstil und Tradition, in die Familie im Dorf. «Wir haben uns die lokale Kultur jener Menschen angeeignet, die wir verdrängen», sagt er.

«Ein Gesetz der Besatzung, der Aneignung, der Auslöschung», nennt Zvi Efrat die Stein-Vorschrift in Jerusalem. «Wir Architektinnen und Architekten sollten es nicht befolgen. Und wenn wir keine andere Wahl haben, dann sollten unsere Gebäude von diesen Geschichten sprechen. Architektur sollte immer auch die Umstände reflektieren, unter denen sie entsteht.»

Die Häuser und Wände, die Türme und Mauern Jerusalems erzählen viele Geschichten. Doch sie reflektieren nichts als das Sonnen­licht. Den meisten Menschen ist das genug.

Ein modernistischer Gebäude­komplex mit Steinverkleidung von Eldar Sharon in Gilo, einer Siedlung, die von Israel zum Gemeinde­gebiet Jerusalems gezählt wird.

Dieser Beitrag wurde finanziell durch den Medienfonds «real21 – die Welt verstehen» unterstützt.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!