Dienstag, 28. Februar

Guten Tag,
schön, sind Sie da!

Das Parlament hat zwei Initiativen zum Thema Zucker versenkt. Warum uns das nicht mehr, sondern weniger Freiheit beschert:

Aus dem Archiv

Zucker für die Schweiz

Es geht nicht um Zigaretten, sagte uns die Tabak­industrie in den 1970er-Jahren. Es geht nicht um Zucker, sagen uns die Lebensmittel­industrie und der FDP-Präsident heute.

Es geht um Freiheit.

Ungefähr so beginnt ein Artikel, in dem wir vor rund einem Jahr die exzellente Lobby­arbeit der Zucker­händler beschrieben.

Wir Konsumentinnen sollen den Fokus auf der Freiheit behalten. Damit unser Blick nicht dorthin schweift, wo wir lernen könnten, was Tabak und was Zucker in unserem Körper anstellt und was sie unser Gesundheits­system kosten.

Dabei geht es natürlich nicht um Ihre Geburtstags­torte. Geniessen Sie die. Nehmen Sie sich ein zweites, ja, ein viertes Stück. Es geht um Zucker, der da ist, wo er eigentlich nicht hingehört. Und der so tut, als wäre er gar nicht da. In der Salat­sauce, im Müesli. Es geht um das, was langfristig Ihre Leber ruiniert und Ihren Stoff­wechsel gleich dazu.

Gegen diesen Zucker wollten zwei Standes­initiativen vorgehen: eine aus dem Kanton Freiburg, die eine klarere Darstellung der Zucker­menge in Lebens­mitteln und Getränken verlangte. Und eine aus Genf, die die Zucker­menge in industriell hergestellten Produkten begrenzen wollte.

Gestern Montag entschied der Nationalrat, wie 2021 schon der Ständerat, den beiden Initiativen keine Folge zu leisten.

Wer wissen will, wie viel Zucker drin ist, wird sich also auch künftig aufs Klein­gedruckte berufen müssen. Das Problem dabei: Zucker ist eine psycho­aktive Substanz, die abhängig macht. Viele Leute wüssten einfach nicht, wie lang der Beipack­zettel des Zuckers wäre, wenn er denn einen hätte, sagte die Zucker­forscherin Bettina Wölnerhanssen zur Republik. Hier ist es heikel, die Regulierung in gut­eidgenössischer Manier der Eigen­verantwortung zu überlassen.

Ähnlich argumentieren auch manche FDP-Politiker, etwa Jean-Daniel Schumacher, der die Freiburger Standes­initiative lanciert hatte. «Natürlich gehört es zu einem freiheitlichen Land, Dummheiten machen zu dürfen», sagte er zur Republik. «Aber man sollte schon wissen, was eine Dummheit ist und was nicht.» Eine freie Konsumentin sei eben erst einmal eine informierte Konsumentin.

Dass solche Initiativen immer wieder scheitern, hat auch viel damit zu tun, wer in und um Bundesbern für die Zucker­industrie lobbyiert. Nun können Sie sich vermutlich vorstellen, was Olivier Feller, Waadtländer FDP-Nationalrat und Gastro-Suisse-Beirat, heute früh im RTS-Interview zu den beiden abgelehnten Initiativen sagte: «Ich glaube an die persönliche Freiheit der Produzenten und der Konsumenten.»

Das ist nicht falsch: Es geht schon um Freiheit. Aber nicht um Ihre, nicht um jene der Konsumenten. Sondern um die Wirtschafts­freiheit der Lebensmittel­industrie, und dabei um viel Geld. Denn Zucker ist billiger als, sagen wir, die Erdbeeren, die das Joghurt auch süssen könnten. Und der gezuckerte Eistee ist schneller leer getrunken und nachgekauft als der ungesüsste, der nicht abhängig macht.

Die Zuckerfee sät Zweifel

Das Süsse ist überall. Dafür sorgt auch das exzellente Lobbying der Zuckerhändler. Ihre Tricks und wie wir sie kontern könnten. «Die süsse Macht», Teil 2.

Zum ersten Mal war gestern das Klimalabor der Republik auch physisch zu besuchen. Republik-Autor Elia Blülle war als Mitorganisator dabei und zieht Bilanz.

Rückblick: Klimalabor live

Gestern hat in Zürich der erste Live-Event des Klimalabors statt­gefunden, den über 200 Personen besucht haben. Was ich für das Klimalabor mitgenommen habe:

  • Es besteht ein grosses Bedürfnis, über die Lösungen zur Überwindung der Klimakrise nachzudenken – doch wir sollten künftig noch konkreter in die jeweiligen Problem­felder vorstossen, damit man als Leser greifbare Antworten für sich selbst finden kann.
  • Gleichzeitig wünschen sich Teilnehmerinnen auch mehr interdisziplinäre und ganzheitliche Betrachtungen.
  • Mehrfach haben Gäste betont, dass auch Biodiversität und das Artensterben in der Bericht­erstattung über die Klimakrise eine grosse Rolle spielen sollten.
  • Viele Gäste wollten wissen, wann der nächste Klimalabor-Anlass stattfindet. Geplant ist noch keiner, aber auch ich habe grosse Lust auf eine Wiederholung bekommen. Dann ausserhalb von Zürich.

Mit dem Live-Event endet die erste Etappe des Klimalabors. Noch diese Woche startet die zweite Etappe, an der Sie sich wieder aktiv beteiligen können.

Sie sind noch nicht dabei? Kein Problem. Sie können jederzeit einsteigen.

Nicole Rötheli

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Womöglich steht bei Ihnen ein Umzug an, und Sie denken sich: Nicht schon wieder die schweren Möbel schleppen! Nun, Sie können sich glücklich schätzen, sind Sie nicht für den Schreib­tisch von Thomas Mann verantwortlich.

Spotlight

Nächste Station ETH

Der Schreibtisch von Thomas Mann ist schon viel herum­gekommen. Er stand in der Thomas-Mann-Villa in München und begleitete den Autor ab Ende 1933 bei sämtlichen Stationen im Exil, nach Küsnacht, Princeton und Los Angeles und nach dem Krieg wieder zurück in die Schweiz, erst nach Erlenbach, dann auf die andere Seite des Zürich­sees nach Kilchberg, dem letzten Wohnort des Nobelpreisträgers, der 1955 starb. In den vergangenen Jahren hat das legendäre Möbel auch innerhalb Zürichs noch einmal verschiedene Orts­wechsel erlebt und ist ab morgen, umgeben von Manns Privatbibliothek und der sonstigen Einrichtung seines letzten Arbeits­zimmers, im Hauptgebäude der ETH zu sehen.

Nachdem Thomas Manns Erben den Nachlass 1956 der ETH vermachten, war das «Gedenkzimmer» 1961 im Bodmerhaus der Universität Zürich untergekommen – und dort mehr als ein halbes Jahrhundert lang, bis 2016, zu besichtigen. Weil dann die Uni das Haus umfassend zu sanieren begann, musste der Museums­raum zwischenzeitlich auf den ETH-Campus Hönggerberg ausweichen – und ist nun, wie das gesamte Thomas-Mann-Archiv unter der Leitung von Tobias Amslinger, ins ETH-Hauptgebäude gezogen. Heute Abend wird die neue Dauerausstellung eröffnet (Festrede: Dana Grigorcea), danach steht sie Interessierten täglich zwischen 10 und 17 Uhr offen.

Wir haben uns vorab ein Bild gemacht und finden: Besuch definitiv empfehlenswert. Wo das «Gedenk­zimmer» früher ganz auf Aura und Authentizitäts­kult setzte und die Besucher­rolle aufs andächtige Bestaunen der Devotionalien beschränkt war, ist die neue Ausstellung unter dem Titel «Im Schreiben eingerichtet» viel eher als Erfahrungsraum angelegt. Manns mahagoni­furnierter Schreibtisch steht auch dort im Zentrum, aber es geht nicht um die Illusion, ein Zimmer im angeblichen Original­zustand zu betreten, sondern um einen Museums­raum, der sich als Ort des Erkundens und Begreifens inszeniert.

Die Möbel befinden sich im Inneren eines verglasten Kubus, über dessen vier Aussen­seiten Manns Nachlass­bibliothek verteilt ist. In die Regalwände sind Schau­fenster, interaktive Screens und kleine Medienstationen eingelassen. So entstehen vier Themen­bereiche rund um Thomas Manns Schreiben. Die Einführungs­texte sind auf Deutsch oder Englisch zu lesen, ausserdem gibt es die Begleittexte auch in Einfacher Sprache. Der Autor wird in der Schau nicht als einsames Genie, sein Werk nicht als fertiges Produkt präsentiert, sondern Arbeits- und Recherche­prozesse werden sichtbar gemacht.

Eine zweite, temporäre und ebenso sehenswerte Ausstellung hat ebenfalls heute Abend Vernissage. «Thomas Mann. Achtung, Europa!» zeigt die öffentliche Figur und den europäischen Intellektuellen Thomas Mann. Gleich neben seinem Schreibtisch.

ETH Zürich

Vielleicht nicht ganz so literarisch hochstehend, aber wohl häufig auch an Schreib­tischen verfasst: hitzige Wort­meldungen im Republik-Dialog.

Aus dem Dialog

Wenn die Fetzen fliegen

Letzte Woche wurde im Republik-Dialog stellenweise hitzig diskutiert. Etwa zu einem Ravioli-Rezept, zur statistischen Kategorie «Ausländer» oder zur Frage nach der richtigen Form von Hilfe­leistungen an die Ukraine. Eine Verlegerin schrieb überrascht: «Huch. Hier fliegen ja die Fetzen».

Wir finden: Zustimmung, Widerspruch, Kritik, Lob, Fragen, eigene Erfahrungen oder weiterführende Hinweise, all das gehört zum Dialog – solange der Austausch höflich und respektvoll bleibt. Wir lesen bei allen Diskussionen mit. Aber es kann passieren, dass wir einen Schlag­abtausch verpassen oder eine Äusserung übersehen.

Deshalb hier die Bitte: Wenn Ihnen ein Beitrag negativ auffällt, wenn Sie sich unwohl fühlen oder den Eindruck haben, dass der Ton zu kippen droht, dann rufen Sie die Moderation herbei (über die «Flagge»). Im Zweifels­fall lieber einmal zu oft.

Danke fürs Interesse.

Ihre Crew der Republik