Binswanger

Die Ökologie des Verschwendens

Wir müssen sparen, Emissionen abbauen, Ressourcen schonen. Aber müssten wir, uns selbst und der Welt gegenüber, nicht zuallererst die Gross­zügigkeit bejahen?

Von Daniel Binswanger, 07.01.2023

Vorgelesen von Miriam Japp

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Es ist keine neue Erkenntnis, dass die Einhaltung der Klimaziele, das Erreichen der CO2-Neutralität, die Eindämmung des Arten­sterbens auch deshalb eine so ungeheure politische Heraus­forderung darstellen, weil sie an die Grund­lagen unseres Selbst­verständnisses und unserer Werte rühren. Der objektive Zwang zur Mobilisierung gegen die Klima­katastrophe stellt unser gesamtes Welt­verhältnis infrage.

Das bedeutet sicherlich nicht, dass wir bald in Ökodiktaturen leben werden, auch wenn dieses Schreck­gespenst mit den ständigen Warnungen vor dem Ökoterrorismus, der mit der «Letzten Generation» nun vor der Tür stehen soll, in den Medien permanent beschworen wird. Es bedeutet aber, dass wir über das Ethos nachzudenken haben, das einer glaubwürdigen Klima­politik zugrunde liegen muss.

Ein virtuoser, provokanter Essay des Philosophen Byung-Chul Han geht diesen Fragen nach und kommt zu unerwarteten Antworten von grosser Suggestions­kraft. Schon der Titel seines Buches, das man als Ethik für den Klima­aktivismus lesen kann, erscheint wie ein Paradox: «Vita contemplativa».

Das kontemplative Leben ist bekanntlich ein Ideal sowohl der griechischen Philosophie als auch der christlichen Theologie. Aristoteles erblickt im bios theoretikos, dem betrachtenden, der Theorie und Reflexion gewidmeten Leben, das «vollendete Glück», obschon er auch dem tätigen, politischen Leben einen hohen Stellen­wert einräumt. Die scholastische Philosophie, etwa bei Thomas von Aquin, ist in der Nachfolge von Aristoteles zwar auf Ausgleich zwischen aktivem und kontemplativem Leben bedacht, aber das kontemplative Schauen ist das «Ziel des ganzen menschlichen Lebens». Allein in der meditativen Betrachtung, nicht in der Tätigkeit, offenbart sich der Glanz des Himmels­reichs.

Was hat all dies mit Klima­politik zu tun? Eine ganze Menge.

Han entwickelt seinen Begriff der vita contemplativa – im Anschluss an die christliche Theologie, an Heidegger, die deutschen Romantiker, altchinesische Mystik und einen eklektischen Strauss weiterer philosophischer Referenzen – als Gegen­begriff zur spät­kapitalistischen Wirtschafts­ordnung.

Er setzt an beim Lob der Untätigkeit. «Da wir das Leben nur noch auf Arbeit und Leistung hin wahrnehmen, begreifen wir die Untätigkeit als Defizit, das es schnellst­möglich zu beheben gilt», schreibt Han. Dieser Zweck­rationalität der heutigen Lebens­verhältnisse will der aus Südkorea stammende Philosoph, der 2010 mit einer scharfen philosophischen Polemik gegen die «Müdigkeits­gesellschaft» bekannt geworden ist, eine «Politik der Untätigkeit» entgegen­setzen. Diese soll eine «wirklich freie Zeit hervor­bringen». Eine wirklich freie Zeit – und keine «Freizeit», die als Regenerations­phase lediglich integraler Teil des kapitalistischen Produktions­zyklus ist.

In der «Müdigkeits­gesellschaft» gehen alle Mitglieder permanent an die Grenzen ihrer Mobilisierbarkeit, der Burn-out wird zur Universal­pathologie, zum permanent drohenden Leistungs­infarkt. Dem setzt Han ein Ethos des Flanierens, des Schlenderns, des Verweilens entgegen.

Denn alles, was der menschlichen Existenz nach Han einen wirklichen Sinn gibt – die Liebe, das Fest, die Kunst­erfahrung –, hat sein Geheimnis darin, nicht zweck­gerichtet zu sein, kein Ziel zu haben und Zeit zu beanspruchen für nichts als sich selbst. «Das Leben», schreibt Han, «erhält seinen Glanz erst von der Untätigkeit (…) Das wahre Leben beginnt in dem Moment, in dem die Sorge um das Überleben, die Not des schieren Überlebens aufhört. Der letzte Zweck menschlicher Anstrengungen ist die Untätigkeit.»

Wenn wir dem Zwang zu immer noch gesteigerterer Produktion, immer noch präziserer Selbst­vermessung, immer noch hektischerem Konsum entkommen wollen, wenn wir fähig sein wollen, uns auf die Welt einzulassen, müssen wir die Untätigkeit wieder erlernen.

«Das wahre Glück verdankt sich dem Zweck- und Nutzlosen, dem bewusst Umständlichen, dem Unproduktiven, dem Umweg­haften, dem Aus­schweifenden, dem Über­flüssigen, den schönen Formen und Gesten, die zu nichts nutzen und zu nichts dienen», schreibt der Philosoph. Er entwickelt ein eigentliches Ethos des Durch­brechens der Zweck­gerichtetheit: «Das Zeremoniell der Untätigkeit bedeutet: Wir tun zwar, aber zu nichts. Dieses Zu-nichts, diese Freiheit von Zweck und Nutzen ist der Wesens­kern der Untätigkeit. Es ist die Grund­formel des Glücks.»

Und das Zeremoniell der Untätigkeit – hier werden Hans Reflexionen unmittelbar politisch – ist auch ein Korrektiv für unser «instrumentales Natur­verständnis», das die Welt nur als Ressource betrachtet und unseren Zwecken unterwirft.

Etwas überspitzt gesagt: Um die Natur zu schonen, die fossilen Brenn­stoffe im Boden zu lassen, müssen wir zuallererst unser Grund­ethos ändern. Um Ressourcen zu sparen, müssen wir wieder lernen, zu verschwenden: unsere Zeit. Wir müssen die Welt so annehmen, wie sie ist. Bei ihr verweilen. Um sie zu betrachten und zu feiern.

Faszinierend an dieser philosophischen Zivilisations­kritik ist insbesondere, wie sie zwei heute alles dominierende Themen miteinander verschränkt: die Verschwendung der Ressourcen und die Verknappung der Zeit.

Dass der Schutz der Umwelt nur möglich sein wird, wenn wir unser Verhältnis zur Natur modifizieren, ist eine These, die sich bei vielen Denkerinnen der Umwelt­frage findet. Der kürzlich verstorbene Soziologe Bruno Latour hat die These aufgestellt, dass uns das Anthropozän – das vom Menschen geprägte Erdzeitalter – dazu zwingt, den Globus neu zu bewohnen. Wir können die Welt nicht mehr in Zivilisation und Natur unterteilen. Wir können die verschiedenen Biosphären nicht voneinander abgrenzen, weil sie alle ineinander übergreifen: Wir sind im globalen Lockdown.

Der Öko-Philosoph Timothy Morton – der wie Han sehr stark vom Natur­begriff der Romantik beeinflusst ist – fordert, dass die Menschheit eine grössere Intimität gegenüber der Natur entwickeln muss. Sie ist nicht mehr die geschlossene Ganzheit, der wir als souveräne Subjekte gegenüber­stehen. Auch Han plädiert für diese Intimität. Sie ist für ihn jedoch vermittelt durch die Kontemplation. Und sie erfordert Zeit.

Doch Zeit ist inzwischen die knappste aller Ressourcen. Von den Diskussionen über die neue Präferenz für Teilzeitarbeit der Generation Z über die Schwierigkeiten der gleich­berechtigten Kinder­betreuung in heutigen Kleinfamilien bis zum Fluch der permanenten Mobilisierung in der Arbeitswelt: Dass für nichts genügend Zeit da ist, scheint das eherne Gesetz unserer Epoche. Die feministische Journalistin Teresa Bücker hat kürzlich ein neues Buch mit dem Titel «Alle Zeit» veröffentlicht. Es beginnt mit dem Satz: «Warum empfinden wir, dass die Zeit niemals reicht?»

Es gibt heute vermutlich kein prägnanteres gesellschafts­politisches Thema als die Budget­politik der Zeit. Hier treffen sich Fragen der Gleich­berechtigung, der Familien­gestaltung, der Arbeitsmarkt­politik, der Lohnpolitik und der Kaufkraft, der Bildungs- und Gesundheits­politik. Auch hier hätte Byung-Chul Han eine Antwort: Am wichtigsten ist es, die Freiräume zu schaffen, in denen wir Zeit verschwenden. Sonst sind wir die abgehetzten Gefangenen unseres instrumentellen Welt­verhältnisses – und zerstören dadurch nicht nur die Umwelt, sondern auch uns selbst.

Die Republik hat zum Jahres­auftakt einen Essay über die «Teufelskreis­ökonomie» veröffentlicht, ein Plädoyer für generelle Arbeitszeit­verkürzung zur sinnvolleren Gestaltung der Wirtschafts- und Lebens­verhältnisse. Dass Aktivismus sich in Untätigkeit nicht erschöpfen kann, bleibt allerdings evident. Nächste Woche wird die Republik das Klimalabor lancieren (der Begriff Labor ist bekanntlich abgeleitet von Arbeit), ein Projekt, das sich zum Ziel setzt, einen produktiven publizistischen Umgang mit der Klimafrage zu finden.

Dass es mit der Kontemplation nicht getan ist, weiss natürlich auch Byung-Chul Han: «Das menschliche Dasein verwirklicht sich allein in der vita composita, nämlich im Zusammen­wirken von vita activa und vita contemplativa.» Aber er gibt uns eine Warnung mit, die mächtig nachhallen sollte im Raum der aktuellen Debatten: «Vita activa entartet zur Hyper­aktivität und endet im Burnout, nicht nur der Psyche, sondern auch des ganzen Planeten, wenn sie nicht die vita contemplativa in sich aufnimmt.»

Illustration: Alex Solman

Zur Lektüre

Byung-Chul Han: «Vita contemplativa oder von der Untätigkeit». Ullstein, Berlin 2022. 128 Seiten, ca. 37 Franken.

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