Arielle, du Badass

Meerjung­frauen sind der Alb­traum für Feministinnen. Zu Unrecht, wie Monique Roffeys neuer Roman «Die Meerjung­frau von Black Conch» beweist. Zeit für eine Ehren­rettung.

Von Solmaz Khorsand, 20.12.2022

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Vorgelesen von Jonas Gygax
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Die Meerjungfrau, Grenz­gängerin zwischen den Welten, halb Fisch, halb Frau. Charlie Engman/Trunk Archive

Als Feministin muss man sich fast schämen, eine Schwäche für Meer­jung­frauen zu haben. Für diese erlösungs­bedürftigen Geschöpfe, die sich nach Prinzen verzehren, schlechte Deals mit Meer­hexen eingehen, sich für eine Schwärmerei verstümmeln lassen, und das nur, um einem Mann nahe sein zu können, der zu blind ist, zu begreifen, mit was für einem Wunder er es da zu tun hat.

Pure Selbst­aufgabe für einen Typen – wie soll man das nur gut finden? Schon die wohl berühmteste ihrer Art, Hans Christian Andersens «kleine Meerjungfrau», ruft höchstens Mitleid hervor, wenn nicht sogar Abscheu: dieses elendig deprimierende Wesen, das trotz all seiner Opfer am Ende von seinem Erschaffer noch nicht einmal eine Seele zugestanden bekommt.

Diese verzweifelte Kreatur, die nur dann auf eine unsterbliche Seele zählen kann, wenn der Prinz sie heiratet – und tut er es nicht, zu Meer­schaum wird. Die sich die Zunge abschneiden lässt, nur um in eine Welt zu gelangen, in der sie in absolute Abhängigkeit vom Gutdünken eines Mannes gerät, der darüber bestimmt, ob sie leben darf oder sich vaporisiert. Der die Liebe seines «stummen Findel­kindes» als selbst­verständlich ansieht. Der zu blöd ist, zu erkennen, dass sie es war, die ihm beim Schiff­bruch das Leben gerettet hat.

Und sie, die so selbstlos gehandelt hat, zu unfähig, sich selbst zu retten. Die über so wenig Selbst­erhaltungs­trieb verfügt, dass sie sich nicht auf den Vorschlag ihrer Schwestern einlässt, doch den Angebeteten, der eine andere geheiratet hat, in seiner Hochzeits­nacht zu töten, um sich durch sein Blut wieder zur Meer­jung­frau zu verwandeln. Die lieber selbst stirbt, als ihm das Leben zu nehmen.

Dafür wird sie von Andersen «belohnt», indem er sie zu einem Luft­geist adelt, der nun endlich eine Chance hat auf eine Seele. Aber nur dann, wenn sie so richtig Leistung bringt: 300 Jahre gute Taten, das ist das Eintritts­ticket in «Gottes Reich».

Also bitte. Wer sich auch nur ansatz­weise mit so einer Protagonistin identifiziert, sollte schleunigst therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Zu Poster­girls der Selbst­ermächtigung taugen Meer­jung­frauen nicht, zumal sie zumeist in den vergangenen Jahr­hunderten von Autoren kreiert wurden, die sie irgendwo zwischen liebes­tollem Naivchen und verführerischen Vamps verortet haben, die arglose Fischer in die Untiefen des Wassers ziehen. Projektions­fläche männlicher Fantasien durch und durch.

Es gibt daher reichlich Anlass zu Argwohn und Sorge, wenn sich Kinder – und Erwachsene – für Mermaiding-Schwimm­kurse anmelden, um mit Mono­flosse à la Arielle durchs Becken zu schwimmen. Die Meer­jung­frau würde eine gewisse Sehn­sucht nach «einer traditionellen Frauen­rolle» stillen, erklärt der Soziologe Sacha Szabo vom Institut für Theorie­kultur im deutschen Freiburg in Interviews. Die schutz­bedürftige und macht­lose Meer­jung­frau, die nur durch die Liebe eines Prinzen erlöst werden kann, sei eine willkommene Alternative zu all den modernen Selbst-ist-die-Frau-Entwürfen. Die Meer­jung­frau sei damit «ein Reflex auf die Emanzipation».

Älteste Migrantin der Kultur­geschichte

Unmöglich daher, ein Faible für eine derartige Figur zu haben. Schade. Denn diese Figur ist wunderbar. Weil sie so viel mehr ist. Sie ist Liebende und Rebellin. Abenteurerin und badass. Verbannt, verstossen, gefürchtet und dennoch insgeheim immer wieder herbei­gesehnt. Eine Grenz­gängerin zwischen den Welten, vielleicht gar die älteste Migrantin der Kultur­geschichte. Der Inbegriff des Fremd­gemachten, der Verstörenden, der Unkonventionellen, die in keine Kategorie passt: eine Halb-Halbe, deren Identität so viele Fragen aufwirft. Und vermutlich die einzige Heldin der Welt­geschichte, die für das Retten eines Menschen­lebens auch noch bestraft wird.

Nein, es hat schon Gründe, warum eine wie sie seit der Antike so viele Menschen quer durch alle Kontinente, Kulturen und Jahr­hunderte in ihren Bann zieht.

Jüngstes Beispiel: Monique Roffey. In ihrem neuen Roman «Die Meer­jung­frau von Black Conch», der im vergangenen Herbst auf Deutsch im Tropen-Verlag erschienen ist, schenkt die britisch-trinidadische Autorin ihrem Publikum eine karibische Meer­jung­frau, ein Märchen, das auf jeder Ebene frei­legt, was den Zauber dieser Protagonistin ausmacht.

Inspiriert ist der Roman unter anderem von Pablo Nerudas Gedicht «Fabel von der Sirene und den Betrunkenen» und von schweren hängenden Fischen bei einem Angel­wettbewerb in Tobago; Roffey erzählt die Geschichte der Meer­jung­frau Aycayia. Aus unterschiedlichen Perspektiven lässt sie ihre Charaktere rekonstruieren, was im April 1976 auf der Insel Black Conch, einer fiktionalisierten Version von Tobago, geschehen sein könnte.

Zwei amerikanische Touristen aus Florida, ein Vater-Sohn-Gespann, haben dort mit den Einheimischen eine Meer­jung­frau aus dem Wasser gezogen, die sie für viel Geld verkaufen wollen. Während sie ihren Fang mit den anderen Männern in der Dorf­kneipe feiern, hängt Aycayia verängstigt zum Trocknen am Hafen am Haken. David, ein gutmütiger Fischer, rettet sie. Er kennt die Meer­jung­frau, hat er sie in der Vergangenheit immer wieder mit seinem Gitarren­spiel an die Wasser­oberfläche gelockt. Er versteckt sie in seinem Haus, pflegt ihre Wunden und wird Zeuge davon, wie sie sich wieder in eine Frau verwandelt.

Das Wasser­wesen entstammt einem Mythos, der auf der ganzen Welt beheimatet ist. Charlie Engman/Trunk Archive

Wunderbar plastisch beschreibt Roffey diesen Prozess, wenn Aycayia die Schwimm­häute wie «graurosa Wackel­pudding» in Klumpen zu Boden fallen; wie ihr Salz­wasser aus den Ohren kommt, mit kleinen Wasser­insekten und winzigen Krebsen; wie ihr die stachlige Rücken­flosse abfällt.

Ein Fluch hatte sie vor eintausend Jahren zum Halbfisch werden lassen. Aycayia, eine «rote Frau» mit den vielen Tätowierungen aus dem ausgerotteten indigenen Volk der Taíno, ist einst von den Frauen ihres Dorfs verflucht worden. Sie hatten befürchtet, dass die Unverheiratete, die jeden Antrag ablehnte, weil die Ehe «einen Teil von ihr töten» würde, den Männern, ihren Männern, mit ihrem Tanz und ihrer Stimme den Kopf verdrehen könnte. Prophylaktisch wurde Aycayia zum Fisch gemacht, verbannt ins Meer für alle Ewigkeit. In die Einsamkeit, ins Exil, als Einzige ihrer Art.

Exil = Flucht aus der Heimat
Exil = von zu Hause vertrieben
Ausgestossene, hinausgestossen
Mein Leben war ein Exil von zu Hause

Das Reich des Meeres gross-gross hat eigene Gesetze
Und ein Leben als Meerfrau ist ein Leben am Rand
Ich schau zu und ich bleibe auf Abstand
Bleib weg vom Feuerfisch
Bleib weg von gefrässigen Haien
Aycayia war lang-her mein Name
Süsse Stimme
Hatte Angst vor Männern, vor Frauen noch mehr Angst

Monique Roffey: «Die Meer­jung­frau von Black Conch».

Dass eine Meer­jung­frau selbst erzählt, ist rar. Meist tut das ein Mann, ein Beteiligter oder Unbeteiligter, der sie fürchtet, bewundert oder bemitleidet. Selten kommt sie in der Literatur selbst zu Wort. In Ingeborg Bachmanns Erzählung «Undine geht» (1961) darf sie in einem Monolog eines der wenigen Zeugnisse ablegen. Es ist eine Abrechnung mit all den «Ungeheuern mit Namen Hans», eine herrliche Anklage, die man sich als Leser so oft von ihren Leidens­genossinnen in all den anderen Erzählungen gewünscht hätte, die sich scheinbar blind und naiv ihrem Schicksal ergeben haben und stumpf­sinnig zu sterben bereit waren. Bachmanns Undine ist wütend:

Verräter! Wenn euch nichts mehr half, dann half die Schmähung. Dann wusstet ihr plötzlich, was euch an mir verdächtig war. Wasser und Schleier und was sich nicht festlegen lässt. Dann war ich plötzlich eine Gefahr, die ihr noch rechtzeitig erkanntet, und verwünscht war ich und bereut war alles im Handumdrehen. Bereut habt ihr auf den Kirchen­bänken, vor euren Frauen, euren Kindern, eurer Öffentlichkeit. Vor euren grossen grossen Instanzen wart ihr oft so tapfer, mich zu bereuen und all das zu befestigen, was in euch unsicher geworden war. Ihr wart in Sicherheit. Ihr habt die Altäre rasch aufgerichtet und mich zum Opfer gebracht. Hat mein Blut geschmeckt? Hat es ein wenig nach dem Blut der Hindin geschmeckt und nach dem Blut des weissen Wales? Nach deren Sprachlosigkeit? … Warum sollt ich’s nicht aussprechen, euch verächtlich machen, ehe ich gehe.

Ingeborg Bachmann: «Undine geht».

Die Frau als Besitz

Auch Monique Roffey lässt ihre Meer­jungfrau Aycayia in Vers­form sprechen, weniger anklagend, eher melancholisch. Sie erzählt von dem Leben, wie es einst war als Mensch, von ihrer Angst vor dem Fluch der eifer­süchtigen Frauen, von ihrer Sehn­sucht nach dem Meer, diesem «fühlenden Wesen», in dem sie eine imposante Kreatur mit einem kräftigen Schwanz war, keine kleine, unbeholfene Frau mit einem komischen Gang. Das ist eine, die ihr neues altes Leben nicht voller Dankbarkeit annimmt, sondern eine, die hadert, die zerrissen ist zwischen den Welten. Eine, die weiss, dass die Männer, als sie sie aus dem Wasser zogen, sie zwar aus «der Einsamkeit» entrissen, aber eben auch aus ihrer Sicherheit.

Wie sehr, das wird gleich in einer der ersten Szenen bewusst, die so gewalt­tätig ist, dass man als Leserin unweigerlich einen «Free Willy»-Moment erlebt und sie am liebsten persönlich zurück ins Meer schmeissen möchte. Roffey beschreibt, wie die zwei Amerikaner, der Vater mit Dollar­zeichen in den Augen, den Fisch­haken tiefer in ihr Fleisch rammen, während die Einheimischen spüren, dass sich «das Ganze wie ein Sakrileg» anfühlt, etwas, was sie nicht hätten tun dürfen. Trotzdem verhalten sie sich ihr gegenüber wie Tiere:

Der Alte wollte seinen Schwanz rausholen und auf sie pissen. Die Jüngeren kämpften dagegen an, dass ihnen ein Ständer die Shorts ausbeulte. Sie war wie ein Magnet. Sie war eine Frau – ins Netz gegangen, geschlagen, halbtot, halb­nackt und mädchen­jung. Jeder von ihnen hätte es ihr gern gegeben, absolut.

Monique Roffey: «Die Meer­jung­frau von Black Conch».

Subtil ist in der «Meer­jung­frau von Black Conch» nichts. Die Frau als Besitz, die man «am Haken hat» und mit der man machen kann, was man will. Diese Fremde, die zwar Angst einflösst, aber nicht genug, um sie nicht zu markieren, am Pier auszustellen und zu besudeln. Es ist eine grausame Szene, aber Monique Roffey gelingt es, die Balance zu finden in ihrem Spiel der Gegen­sätze: von Jägern und Gejagten, Gier und Aufopferung, Schwarzen und Weissen, Unter­drückern und Unter­drückten, Gewalt und Liebe.

Klassischer Meerjungfrauen­scheiss, oder?

Bei Roffey ist die Erzählung von der Meer­jung­frau dicht verwoben mit der Geschichte, der Kultur und den Traumata der Karibik. Damit bringt sie ihrem Publikum eines in Erinnerung: Die Meer­jung­frau ist kein exklusives Fabel­wesen einer westlich-europäischen Erzähl­tradition. Sie ist ein Mythos, der auf der ganzen Welt beheimatet ist und der gerade in der Deutung von ihr als Säulen­heilige aller Aussen­seiter, aller Fremd­gemachter, an Tabus rüttelt.

Roffey ist nicht die Erste, die sie als Figur nutzt, um Themen wie Versklavung und Kolonialismus zu verarbeiten. In den vergangenen Jahren haben schon mehrere Autorinnen diesen Weg beschritten. Etwa die walisisch-nigerianische Schrift­stellerin Natasha Bowen mit ihren Fantasy-Romanen «Skin of the Sea» (2021) und «Soul of the Deep» (2022), die ihre Meer­jung­frau in der west­afrikanischen Mythologie verankert.

Ebenso Rivers Solomon mit der afro­futuristischen Erzählung von «The Deep» (2019): ein Text über ein Unterwasser­universum von Nachkommen afrikanischer Sklavinnen, die einst auf einer Reise über den Atlantik ertränkt worden waren und noch vor ihrem Tod ihre Kinder im Meer geboren haben, an das sich diese anpassten. Ein idyllisches Atlantis, das bedroht wird von «Zwei­beinern», die eines Tages beschliessen, nach fossilen Brenn­stoffen am Grund des Ozeans zu graben, und so ihre Existenz in Gefahr bringen.

Auch Monique Roffeys Märchen hat Böse­wichte dieser Art, es sind vor allem die «unter­schiedlichsten Weissen, die einander nur in ihrer Selbst­über­schätzung glichen», sowie ihre schwarzen Hand­langer, die für den richtigen Preis bereit sind, jeden ans Messer zu liefern – auch ein verzaubertes Meer­wesen. Doch sie spielen in diesem Märchen nur eine Neben­rolle. Zentral ist auch hier, was allen Meer­jung­frauen­geschichten gemein ist: die Sehn­sucht, zu lieben und geliebt zu werden.

Kitschig, nicht wahr? Klassischer Meer­jung­frauen­scheiss? Nicht ganz.

Denn Roffey gelingt seltsamerweise in ihrem Roman ausgerechnet das am besten, wofür man so viele ihrer Vorgängerinnen als Sadisten im Namen der Romantik verurteilen würde: Sie macht die Liebe spürbar.

Wenn sie etwa beschreibt, wie der Fischer David sich selbstlos um die verletzte Aycayia kümmert, die sich in seiner Bade­wanne in einen Menschen verwandelt. Wie er jeden Schritt reflektiert, um sie ja nicht einzuengen, sich selbst in all seinen Intentionen infrage stellt und sich dafür geisselt, dass er ihr, sobald sie sich näher­gekommen waren, einen Heirats­antrag gemacht hat: «Ich hatte ihr bloss meine Männer­träume über­gestülpt.»

«Flossen, die tragen nicht allzu weit / Denn man braucht Beine zum Springen, Tanzen.» Charlie Engman/Trunk Archive

Doch das ist nicht die einzige Liebes­geschichte. Auch die Freundschaft zwischen Aycayia und dem gehör­losen Reggie, dem kleinen Sohn eines schwarzen Insel­bewohners und der weissen Guts­herrin Miss Rain, ist geprägt von so viel Respekt und Zuneigung, die keine Ansprüche stellt. Damit liefert Roffey das Puzzle­teil, das so vielen Meer­jung­frauen­geschichten fehlt, wenn diffus von der «Liebe» die Rede ist, die einen alles riskieren lässt. Sie versöhnt so selbst den grössten Zyniker mit diesem nebulösen Konzept, für das sich so viele bereit­willig ins Unglück stürzen. Nicht aus Schwäche oder Abhängigkeit, sondern aus gänzlich freien Stücken – in einem Akt der Selbst­bestimmung also.

Schwarze Arielle

Ja, wir Feministinnen haben der Meer­jung­frau all die Jahre unrecht getan mit unserem harschen Urteil über ein vermeintlich ach so schwaches Geschöpf. Es ist Zeit, Busse zu tun, selbst gegenüber ihrer zucker­süssesten Disney-Version.

Klar, als der Zeichentrick­film «Arielle, die Meer­jung­frau» 1989 auf die Leinwand kam, war das Erste, das Kritikern dabei auffiel, der betörende Muschel­bikini, der noch Jahr­zehnte später pubertierenden Nerds beim Masturbieren half. Doch es wurde vergessen, dass Arielle für Disney-Massstäbe bereits eine kleine Revolution war. Im Vergleich zu ihren fast stummen Vorgängerinnen Schnee­wittchen, Aschen­puttel und Dorn­röschen war sie geradezu emanzipiert: die erste Prinzessin mit viel Text und eigenem Willen, eine rebellische 16-Jährige, die sich gegen ihren Vater auflehnt, eigenständig Verträge mit Riesen­kraken unter­zeichnet und tapfer die Konsequenzen für ihr Handeln trägt.

Im Mai 2023 kommt die Real­verfilmung des Klassikers in die Kinos, mit Halle Bailey in der Haupt­rolle. Der Trailer hat bereits für viel Aufregung gesorgt: einerseits unter Rassistinnen, die sich unter dem Hashtag #NotMyAriel über das «woke» Casting beschwerten – schliesslich sei eine Schwarze historisch nicht akkurat für die Rolle eines Fabel­wesens mit Fisch­schwanz, das mit singenden Krabben spricht. Andererseits unter schwarzen Mädchen. Sie konnten ihr Glück nicht fassen, dass ihre Lieblings­zeichentrick­figur so aussah wie sie. Eine schwarze Meer­jung­frau!

Im Trailer ist Bailey nur wenige Sekunden am Ende zu sehen, wie sie die letzte Zeile aus dem vermutlich berühmtesten Meer­jung­frauen­lied singt, das bis heute kleine und grosse Kinder auf der ganzen Welt in verschiedenen Sprachen auswendig kennen:

Ich möchte fort, bei den Menschen sein
Ich möchte sofort dort mit ihnen tanzen
Möchte mich drehen und …
Wie nennen die das?
Gehen!
Flossen, die tragen nicht allzu weit
Denn man braucht Beine zum Springen, Tanzen
Um zu spazieren und zu …
Wie heisst noch das Wort?
Stehn!

Dort ist man frei, dort ist man froh
Dort scheint das Licht, der Mond
Dort lebt man anders als hier
Drum wünsch ich mir, ein Mensch zu sein

Was ist der Preis? Ich zahl ihn gern
Wär ich am Ziel, am Ziel dort oben

Heute und hier
Wünsche ich mir
Ein Mensch zu sein

«Arielles Traum (ein Mensch zu sein)» aus dem Film «Arielle, die Meerjungfrau».

Das ist die Motivation für ihr Handeln. Dafür nimmt sie jedes Risiko in Kauf. Nicht für einen Prinzen. Er wird nur irgendwann Mittel zum Zweck für ein Leben am Land. Eine Neben­sache. Mehr nicht. Das grosse Ziel ist etwas anderes, das Abenteuer in einer fremden Welt. Ein Leben in Freiheit. Sie will «mehr».

Wenn das mal nicht eine Projektions­fläche ist, auf der es sich auch emanzipiert austoben lässt. Ganz schön badass, liebe Arielle.

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