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Twitter, wirst Du jetzt wieder hässlich?

Ein schwerreicher Dummschw@zer kauft Twitter. Ein trauriger Brief der Autorin an ihr Lieblings­netzwerk.

Von Adrienne Fichter, 27.04.2022

Synthetische Stimme
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Liebes Twitter

Was haben wir alles miteinander durchgestanden. Wer Dich aufruft, findet die am miesesten gelaunten, deprimierendsten und amüsantesten Stimmen der Zeit­geschichte. Wir mussten die Tobsuchts­anfälle eines Ex-Präsidenten aushalten, Kriegs­erklärungen und Ankündigungen, die Börsen­kurse abstürzen liessen. Aber fast immer fanden wir auch intelligenten Humor und bei allem omnipräsenten Zynismus sogar etwas Mitgefühl bei Dir vor.

Jahrelang hast Du versucht, die Geschäfts­modelle von Facebook und Google zu kopieren. Und bist kläglich daran gescheitert. Es gelang Dir nie, uns Nutzerinnen auf Schritt und Tritt im Netz zu verfolgen und passende Werbung anzuzeigen, trotz allerlei Kooperationen mit Daten­händlerinnen. Wahrscheinlich wolltest Du das im Herzen selber auch nie. Du hast den dilettantischsten Überwachungs­kapitalismus betrieben, den ich je erlebt habe.

Der Wall Street und Deinen Shareholdern gefiel das nicht.

Wir aber waren glücklich.

Wir – das sind verglichen mit Deiner Konkurrenz vielleicht nicht so viele (217 Millionen) wirklich aktive Nutzer. Dafür aber ganz bestimmte.

Die Forscherinnen lieben Dich, weil Du mit Deinen technischen Schnitt­stellen so viele gute Daten­analysen zulässt. Bei keinem anderen Netzwerk konnte das Desinformations­geschehen so gut rekonstruiert werden wie bei Dir – ob es sich nun um die Tweets der amerikanischen Alt-Right, um saudiarabische Bots oder russische Troll­kampagnen handelte. Das machte Dich viel «nackter» als Zuckerbergs geschlossene Plattform. Und es bescherte Dir viel Ärger – und mehrere Unter­suchungs­ausschüsse in Washington.

Die Journalisten lieben Dich, weil sie hier ihre Scoops verkünden und sich gegenseitig anpflaumen können. Und darüber streiten, wer denn nun die bessere Story gemacht hat. (Ach ja, und viele ihrer Quellen finden sie auch gleich bei Dir.)

Die Politikerinnen lieben Dich, weil sie hier pointierte und unterkomplexe Statements von sich geben können. Und weil sie hier «Nähe» vorgaukeln können, ohne einen richtigen Dialog mit Wählerinnen führen zu müssen. (Manche taten es doch, was ihnen sichtlich nicht gut bekam.)

Bei Dir gilt immer noch: Text first und Bling-Bling (sprich: Video, Bild und GIF) second.

Wir alle mögen Dich, weil Du in Zeiten von Tiktok noch als eine der letzten öffentlichen Arenen verblieben und Dir dabei stets treu geblieben bist: keine Filter, keine geschlossene App. Du hast der «Messengerisierung» getrotzt, Direkt­nachrichten zwischen den Usern sind bei Dir vor allem Dekoration. Und Du hast im Gegensatz zu Facebook keine grossen algorithmischen Eingriffe in den Nachrichten­strom gemacht, die uns zu sehr in Echo­kammern haben abdriften lassen. Nicht unbedingt, weil Du das so wolltest. Sondern weil wir Dich daran gehindert haben. Wir wollten weder Audio­räume (kopiert von Clubhouse) noch fancy kurze Videos (Übernahme von Vine) noch sich selbst löschende Kurz­nachrichten (geborgt von Snapchat).

Du probiertest einiges aus, wenig hat sich bei uns durch­gesetzt. Weil wir konservativ sind.

Wir wollen eigentlich einfach nur unsere 280 Zeichen Text (und die Nachrichten bitte dann in chronologischer Reihen­folge, ohne «Qualitäts­filter»). Die Angehörigen der Generation Z, die Post-Millennials, können deswegen nichts mit Dir anfangen. Aber wir, die hier sind, sind Dir treu geblieben und seit Deiner Geburt 2007 mit Dir älter geworden.

Und nun gehörst Du also einem reichen weissen, hetero­sexuellen Cis-Mann, der genügend Dollar für Dich hinblätterte. Einfach so, because he can.

Er hat sich die weltweit wichtigste digitale Polis und öffentliche Kommunikations­infrastruktur für Aktivisten, Präsidentinnen, soziale Bewegungen und Oppositionelle mal eben geschnappt. Ohne irgendeine Due Diligence nach rechts­staatlichen oder demokratischen Mass­stäben. Und das konfrontiert uns – die wir stets von Genossenschaften und Stiftungen träumen, die Dich übernehmen sollen – gnadenlos mit der Realität: Trotz allem bist Du eben ein privat­wirtschaftliches Unternehmen, das Geld verdienen muss.

Der weisse Mann – berühmt dafür, dass er alles besser weiss und technischem Solutionismus mehr vertraut als der langjährigen Expertise von Wissenschaftlerinnen – kann Dich jetzt nach seinem Gusto umgestalten. Kein einziges europäisches oder amerikanisches Gesetz konnte diesen Deal verhindern – weder der geplante «Digital Markets Act» noch der «Platform Competition und Opportunity Act».

Der weisse Mann hat dabei viel mit Dir vor, und es sind leider nicht nur vielversprechende Pläne: Er rüttelt an Deinem einzigartigen Wesen, an sakrosankten Eigenschaften, etwa an den 280 Zeichen. (Seine bisher einzigen guten Ideen waren, Dich werbefrei und Deine Algorithmen Open Source zu machen.)

Und er will die vermeintlich beschnittene Rede­freiheit wieder stärken. Das sind keine guten Nachrichten für Menschen, die anders sind als er: Frauen, LGBTQ, People of Color. Für diese sozialen Gruppen warst Du eben nicht immer ein Ort of pleasure. Doch Du hast Fortschritte gemacht in der letzten Zeit. Du hast einen Mute-Button eingeführt (belästigende Stimmen konnten damit ausgeschaltet werden), Du hast Richt­linien erweitert, Hassprediger verbannt, und Dein neuer Noch-CEO liess Dich mit strengerer Hand moderieren (manchmal auch mit einigen Kollateral­schäden, aber immerhin). Diese zaghaften Errungenschaften scheinen nun auf dem Spiel zu stehen.

Doch es gibt Hoffnung, dass der weisse Mann nicht alles mit Dir anstellen kann: Wir können auf Europa zählen.

Letzte Woche kritisierte ich mit meinem Kollegen einige der geplanten Vorstösse von Brüssel für eine Big-Tech-Regulierung – kurz nach der Publikation überrumpelte uns der Durchbruch eines anderen Mammut­regelwerks, das das Potenzial zum «Grund­gesetz des Internets» hat: der «Digital Services Act». Ein Regel­werk, das man vielleicht die #LexMusk nennen könnte. Es soll Hassrede ein für alle Mal regulieren. Nicht die Inhaber von Social Media bestimmen bald, was justiziabel ist und was gecancelt werden soll, sondern europäische Gesetze, zivil­gesellschaftliche Organisationen und externe Experten. Mit Beschwerde­wegen und Begründungen für jede Einzelne.

Der weisse Mann, dem Du jetzt gehörst, wird in Europa also nicht die Deutungs­hoheit über die Meinungs­freiheit haben. Sondern Brüssel.

Und was wird nun mit uns?

Wahrscheinlich das: Wir beschweren uns über die News, dass Du nun dem weissen Mann gehörst. Wir eröffnen aus Protest für ein, zwei Wochen neue Benutzer­konten auf Mastodon, Matrix und wie all diese dezentralen, tollen Netzwerke heissen … bis wir verzweifeln an deren Benutzer­unfreundlichkeit und den fehlenden Netzwerk­effekten (weil wir vergeblich nach unseren mies gelaunten, deprimierten und amüsanten twitternden Kollegen suchen). All das, nur um dann wieder reumütig zu Dir zurück­kehren. Und darauf zu warten, zu erfahren, was der weisse Mann wirklich mit Dir vorhat.

Um mit 280 Zeichen dagegen anzukämpfen.

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