Wer ist schuld, dass das Ei wegmusste? Man wird ja noch fragen dürfen. @jenniferdaniel/twitter

Warum Halb­wahrheiten gefährlicher sind als Lügen

Wie lassen sich Verschwörungs­erzählungen und Fake News entlarven, die unsere Gesellschaft vergiften? Die Basler Literatur­wissenschaftlerin Nicola Gess hat eine Anleitung geschrieben für den Umgang mit Menschen, die gegen Fakten resistent geworden sind.

Von Daniel Ryser, 26.03.2021

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Stimmt es, dass sich militante Veganer bei Apple und Google beschwert haben, sie sollen aus den Salat-Emojis Poulet und Eier entfernen? Und Google und Apple lenkten ein? Spaghetti-Rückgrat, um im Genre zu bleiben.

Roger Köppel via Twitter, 20. März 2021

Antwort: Nein.

Doch ob es stimmt oder nicht, darauf kommt es bei diesem Tweet nicht an. Das lernt man in einem Buch, um das es hier geht: «Halb­wahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit» der Basler Literatur­professorin Nicola Gess.

Von Roger Köppel ist darin zwar nicht die Rede, aber von der Methode, deren er sich bedient. Gess beschreibt sie unter anderem anhand von Uwe Tellkamp, einem deutschen Schriftsteller («Der Turm»), der nach weit rechts wegkippt und dann beginnt, sich eine eigene Realität zusammen­zuzimmern.

2018 verliest Tellkamp im Dresdner Kulturpalast an einer Podiums­diskussion ein Statement zur Frage, ob in Deutschland die Meinungs­freiheit bedroht sei. Tellkamp bejaht diese Frage: In Deutschland herrsche eine «Gesinnungs­diktatur». Als Beleg führt er etwa eine Aussage von «Zeit»-Heraus­geber Josef Joffe an, der ein paar Monate nach Trumps Wahl in einer Fernseh-Talkshow auf die Frage, wie man Donald Trump möglichst bald wieder loswerden könne, gesagt habe: «Mord im Weissen Haus.»

Diesen Satz gibt es wirklich. Joffe hat ihn tatsächlich gesagt. Bloss: in einem völlig anderen Kontext und mit einer völlig anderen Bedeutung. Konkret hatte im ARD-«Presseclub» eine Anruferin die Frage gestellt, was nötig wäre, damit ein Amtsenthebungs­verfahren gegen Donald Trump ausgelöst würde, und Joffe hatte die Antwort einer anderen Teilnehmerin, dass da schon sehr viel passieren müsse, ergänzt mit dem Beispiel: «Mord im Weissen Haus.»

Isoliert, dem Kontext entrissen, dem Sinn entstellt, dient der Satz dem Schrift­steller Tellkamp als Beleg für die These, in Deutschland herrsche eine «Gesinnungs­diktatur», die solche Mordaufrufe unwidersprochen lasse. Und damit stecken wir eigentlich schon tief drin im Essay von Literatur­wissenschaftlerin Gess, der eine Anleitung ist zum Verstehen, was um uns herum gerade in rasantem Tempo passiert – mit den «Fake News», den «alternativen Fakten», den Verschwörungs­theorien, der Resistenz gegen jegliche Fakten, dem lauten Gebrüll anekdotischer Evidenzen.

Sind solche Halbwahrheiten erst einmal in die Welt gesetzt, entwickeln sie in Kommentar­spalten oder sozialen Netz­werken ein Eigenleben und erschaffen eine alternative Realität.

Und das passt dann auch zum Veganer-Tweet von SVP-Nationalrat Köppel, der dieser Logik folgt: eine Frage in die Runde werfen, auch wenn der Inhalt falsch ist, eine These unterstellen («Spaghetti-Rückgrat») und die Dinge sich selbst überlassen.

Man ahnt also schon, wenn man Gess gelesen hat, was auf Köppels Veganer-Tweet für Reaktionen folgen, und man wird nicht enttäuscht (auch wenn die Resonanz sich in diesem Fall letztlich in Grenzen hält).

Köppel bedient sich bei seinem Tweet des Fakts, dass es die Salat-Emojis gibt und dass Google tatsächlich 2018 das Ei vom Google-Emoji-Salat entfernen liess, um damit auch Veganerinnen anzusprechen. Dies aber nicht, weil es zuvor Proteste von militanten Veganern gegeben hätte. Proteste gab es vielmehr danach, und zwar von Vertretern der Eierlobby, die sich um ihr Ei betrogen fühlten. Ein Poulet auf irgendeinem Salat hat es nie gegeben. Und das Salat-Emoji von Apple war sowieso immer schon vegan. Aber ob die Geschichte nun stimmt oder nicht, darum geht es bei Köppels Tweet nicht, entscheidend ist der Zusatz: «Spaghetti-Rückgrat, um im Genre zu bleiben».

Kurz: Konzerne knicken ein vor der Diktatur der wokens.

Leserkommentare würden häufig ausbauen, was der Verfasser der Halbwahrheit vorgebe, erklärt Gess in ihrem Buch: Sie steigern die Empörung, fördern die Identifizierung über einen gemeinsamen Feind.

Schnell geht es in den Reaktionen auf Köppels Tweet darum, dass die Emoji-Menschen zu Beginn ja einfach weiss gewesen seien – und jetzt plötzlich all diese Farben. Oder das Pistolen-Emoji: Am Anfang ein richtiger Revolver, jetzt eine grüne Wasser­pistole. «Hier werden woke-Trends sehr deutlich abgebildet», schreibt jemand. Das passt zum «Katastrophen­narrativ», wie es Gess in ihrem Buch beschreibt, das zentral sei für solche Erzählungen vom Nieder­gang der guten alten Welt, von der «Gesinnungs­diktatur», gekoppelt an ein «Helden­narrativ» über all diejenigen, die sich nicht unterkriegen lassen vom vermeintlichen Mainstream, die Widerstand leisten mit alternativen Medien, Buch­handlungen, Verlagen.

Während sie sich selbst als mutige Kritiker feiern, spricht Gess von einer «aus dem Ruder geratenen Tugend des Misstrauens», ein Misstrauen, «das sich nur gegen diejenigen Positionen richtet, die zu den eigenen Überzeugungen nicht passen wollen».

«Dieser vermeintliche Skeptizismus ist letztlich nichts anderes als ein Unwille, den sicheren Grund und Boden der eigenen Welt­anschauung zu verlassen», sagt die Professorin im Gespräch mit der Republik. Und ähnlich schreibt sie es in ihrem Essay, einer Handlungs­anleitung zum Erkennen und Abwehren von solchen «Manipulationen von Wirklichkeit», von «Halb­wahrheiten», auf die viele «Fake News» und Verschwörungs­theorien zurück­greifen, um überzeugend zu wirken. Halbwahrheiten als eine bestimmte Art von Falsch­aussagen, die immer auch irgend­etwas Wahres enthalten – nur: Wo beginnt dann die Fiktion?

Im Möglichkeitsraum der Manipulation

Es ist auf den ersten Blick eine erstaunliche Erkenntnis und auf den zweiten Blick dann irgendwie überhaupt nicht: «Spiegel»-Reporter Claas Relotius, der im Dezember 2018 als Fälscher und Hochstapler aufflog und seither in rechten Kreisen und unter Verschwörungs­theoretikern als Synonym und Sinnbild für die «Lügen­presse» gilt – sein Handwerk unterscheidet sich in gewisser Weise nicht von jenem des rechten Schrift­stellers Uwe Tellkamp; oder von dem des Bloggers und Youtubers Ken Jebsen, dem Star der deutsch­sprachigen Verschwörungs­theoretiker-Szene, dessen Erfolg als «alternatives Medium» auf der Behauptung basiert, dass man ebenjenen «Relotius»-Mainstream-Medien nicht mehr trauen könne.

Das Handwerk dieser drei Männer ist in einem Punkt deckungs­gleich (auch wenn sich ihr Publikum und ihre Motive zum Teil stark unterscheiden): Die Jebsen-Anhängerinnen, die «Lügen­presse» schreien, fallen offensichtlich auf dieselben Tricks rein, mit denen Relotius das «Spiegel»-Publikum erfreut und getäuscht hat und mit denen Tellkamp eine «Gesinnungs­diktatur» konstruiert.

«Alle drei operierten dabei mit Halbwahrheiten», sagt Nicola Gess, «die Sachverhalte werden grob umgedeutet oder in falsche Zusammen­hänge gestellt, wesentliche Informationen einfach weggelassen oder durch fiktive Zusätze ergänzt.»

«Halbwahrheiten schlagen die Brücke von einem fakten­basierten Diskurs in ein Universum der Spekulation und der Fiktion, in dem nicht mehr die Unter­scheidung von wahr und falsch der Massstab ist, sondern ganz andere Kriterien wichtig sind, zum Beispiel, ob die Geschichte glaubwürdig und für mich oder mein Publikum passend ist.»

Nicola Gess’ Buch über Halbwahrheiten erscheint in der Verlagsreihe «Fröhliche Wissenschaft». Fake News? Nein. Philipp von Ditfurth

Und so erhält die Leserin Geschichten, die sie vielleicht erfreuen oder in ihrer Meinung bestätigen oder ihr die Welt erklären. Bei Relotius ist es die schöne Reportage, die runde Geschichte, wo im Hintergrund immer ein zur Szene passendes Lied läuft, von berührenden Schicksalen in Kriegsgebieten.

Bei Tellkamp werden in Satzcollagen, wo dann letztlich gar nicht mehr klar ist, wer da eigentlich spricht, «Belege» für die «Gesinnungs­diktatur» aneinander­gereiht. Und bei Jebsen haben die Ohnmächtigen das Gefühl, ihre Handlungs­macht zurückzuerhalten, weil es bei ihm eben nicht ein Virus ist, dem wir manchmal hilflos und häufig ratlos gegenüber­stehen, sondern es sich in Wirklichkeit um eine Verschwörung von Mächtigen handelt, der man sich entgegen­stellen kann.

«Jebsens Zuschauerinnen haben vorher das Gefühl, sie verstehen gar nichts. Und danach haben sie alles geschnallt», sagt Gess. «Das ist es, was seine Verschwörungs­erzählungen leisten: Sie erklären die Welt.»

Und was dabei nicht passt, das wird passend gemacht.

Aber nicht nur auf der Seite der Geschichten­erzähler, sondern auch auf der anderen Seite, bei den Lesern und Anhängerinnen: Gess beschreibt das psychologische Phänomen des «motivierten Denkens». Ein Denken, das auch zentral sei für das Funktionieren von Verschwörungs­theorien: Man glaubt nur noch, was man glauben will.

«Normalerweise ist es ja so: Man geht von bestimmten Beobachtungen, Ereignissen, Tatsachen aus, und auf dieser Grundlage bildet man sich eine bestimmte Haltung zu einer Situation», sagt Gess. «Beim motivierten Denken läuft es umgekehrt. Man hat schon eine Haltung zu einer bestimmten Situation entwickelt, zu einem bestimmten Ereignis. Und jetzt akzeptiert man nur noch die Fakten, die diese Haltung unterstützen.»

Die gegenwärtige Situation, sagt Gess, würde die Anfälligkeit sowohl für eine Art magisches Denken (der ehemalige US-Präsident Trump beispiels­weise, der empfahl, gegen Covid-19 Bleich­mittel zu trinken) wie auch für motiviertes Denken stark befeuern.

«Pandemiezeiten waren immer schon Treiber von Anekdoten und Gerüchten, die ein Vakuum füllen, das Wissens- und Vertrauens­krisen wie die jetzige entstehen lassen», sagt Gess. «Woher kommt das Virus? Wie gefährlich ist es? Wie steckt man sich an? Es fehlt an Wissen, um in der Situation eine Orientierung zu bekommen, um ein Gefühl von Sicherheit zu gewinnen. Wenn dieser Mangel zusammen­fällt mit einer Krise des Vertrauens in die Expertinnen oder die politischen Vertreter, die in dieser Wissens­krise Orientierung geben müssten, dann entsteht ein Vakuum, das dann einen sehr grossen Spielraum bietet für Manipulationen, für Desinformationen, in dem Halbwissen, Gerüchte und Halbwahrheiten blühen.»

Dieses Vakuum, sagt Gess, habe der deutsche Verschwörungs­theoretiker Ken Jebsen im letzten Frühjahr genutzt, um im deutsch­sprachigen Raum Covid-19-Verschwörungs­theorien zu verbreiten, und dabei habe er «sehr geschickt» auf Halb­wahrheiten zurückgegriffen.

Ken Jebsen entschlüsselt

Am 4. Mai 2020 veröffentlichte der 55-jährige Ex-Journalist Jebsen ein Video mit dem Titel «Gates kapert Deutschland», das innerhalb von drei Tagen 5 Millionen Mal abgerufen wurde. (Inzwischen wurde Jebsens Youtube-Kanal KenFM, mit dem er Hundert­tausende Follower erreicht hatte, von Youtube dauerhaft gesperrt, nachdem er dreimal gegen die Community-Richtlinien zu medizinischen Fehl­informationen über Covid-19 verstossen hatte.)

«Ken Jebsen hatte eine Verschwörungs­theorie im Kopf», sagt Gess. «Dass Bill Gates und seine Frau und mit ihnen zusammen möglicher­weise auch noch andere Teile einer ‹globalen Elite› die Weltherrschaft anstreben, eine neue Weltordnung etablieren wollen und ihnen Corona dafür als Instrument dient. Das ist der Ausgangs­punkt. Motiviertes Denken bedeutet nun, dass die Theorie von ihren Anhängern nicht ernsthaft falsifiziert wird. Das unter­scheidet sie auch von wissenschaftlichen Theorien. Stattdessen werden nur diejenigen Ereignisse oder Tatsachen wahrgenommen, die diese Theorie stützen könnten.»

«Mich hat dann vor allem interessiert: Wie setzt Jebsen Halb­wahrheiten ein, um seine Verschwörungs­theorie zu plausibilisieren?», sagt Gess.

Der Star unter den grundsätzlich mal Schuldigen: Bill Gates (Demonstration gegen Corona-Auflagen in Berlin, Oktober 2020). Paul Zinken/dpa/keystone

Das Video «Gates kapert Deutschland» komme seriös daher: Jebsen wirke darin wie ein «Tagesschau»-Sprecher. Im Gegensatz zu anderen Videos, wo er sich zum Teil auch mal absurd verkleide (und sich an einen harten Kern der Anhängerschaft wende), sei dieses Video von Anfang an darauf ausgerichtet gewesen, ein möglichst breites Publikum zu erreichen.

«Jebsen greift darin die Halbwahrheiten-Geschichte auf, das Ehepaar Gates habe die WHO gekauft, habe sich in die deutsche Regierung eingekauft und habe auch den ‹Spiegel› und andere deutsche Medien gekauft, damit die alle das tun, was das Ehepaar Gates will. Der faktische Anteil dieser Behauptung ist gering. Das haben Fakten­checker schnell gezeigt. Die WHO beispiels­weise finanziert sich zu einem Viertel aus Pflicht­beiträgen der Mitglieds­staaten und zu etwa drei Vierteln aus Spenden von Regierungen und Stiftungen und auch privaten Geldgebern. Zu diesen privaten Spendern gehört auch die Gates-Foundation. Immerhin stammen aktuell 10 Prozent der Mittel der WHO von ihr. Die Gates-Stiftung ist also in der Tat eine grosse Einzel­quelle der WHO. Und das meine ich, wenn ich sage, Ken Jebsen hat sein Beispiel geschickt gewählt: Denn nur deshalb, weil die Gates-Stiftung in der Tat signifikant zur Finanzierung der WHO beiträgt, kann er daraus eine überzeugende Halbwahrheit stricken.»

Es bleibe aber natürlich falsch, aus diesen 10 Prozent zu folgern, dass Gates die WHO gekauft habe oder sie komplett kontrollieren könne. «Aber die 10 Prozent statten seine Halbwahrheit trotzdem mit einer Glaubwürdigkeit aus, die entscheidend ist für ihr Gelingen», sagt Gess.

«Auf dieses Video stossen nun primär Leute, die schon eine gewisse Bereitschaft mitbringen, Jebsen in seinen Erklärungen zu folgen.» Wenn man dann dennoch sage, man wolle zuerst einmal prüfen, was der Mann da erzähle, und im Netz womöglich nach den Begriffen Gates und WHO und Finanzierung suche, dann stosse man eben tatsächlich darauf, dass Gates zur Finanzierung der WHO beitrage. «Und dieser vermeintliche Beleg genügt dann häufig, um den ganzen übertriebenen, dekontextualisierten und zu grossen Teilen frei hinzuerfundenen Rest auch zu glauben.»

Als «Brandbeschleuniger» würden dabei die sozialen Netzwerke eine wichtige Rolle spielen, «insofern sie sich für die Entstehung und Verbreitung von Halb­wahrheiten enorm anbieten», weil die Formate bereits von sich aus auf Verkürzung von Aussagen angelegt seien, auf die Pointierung von Aussagen, auf die Kommunikation von Emotionen. «Und wenn man das dann auch noch in einen grösseren Kontext stellt, dann landet man beim Plattform-Kapitalismus, wo eben nicht die Richtigkeit einer Information belohnt wird, sondern Aufmerksamkeit und Traffic, den eine Information erzeugt. Da rücken also ganz andere Kriterien in den Vorder­grund als die Unterscheidung von wahr und falsch», sagt Nicola Gess.

Vom Ende der demokratischen Prozesse

Im Essay von Gess finden sich unzählige Beispiele, wo aus Nonsens im Netz eine vermeintliche Wahrheit wird, wo Sätze aus dem Kontext gerissen und komplett in ihr Gegenteil verdreht und via soziale Netzwerke millionenfach unkritisch geteilt und weitergeschrieben werden. Aus der Meldung, dass die USA ihre Streitkräfte in Europa vergrössern wollten, schiesst via eine «Donbass News Agency» eine solche Falsch­meldung um die Welt, wonach die USA dabei seien, Tausende Panzer nach Europa zu schicken als Teil laufender «Nato-Kriegs­vorbereitungen mit Russland».

Oder Donald Trump natürlich, ein Beispiel unter Hunderten, der Ende 2016 verkündet, bei den damaligen US-Präsidentschafts­wahlen habe es aufseiten der Demokraten millionenfachen Wahlbetrug gegeben, der nun offiziell untersucht werde. Als Quelle für seine Behauptung gab der damalige US-Präsident den deutschen Golfer Bernhard Langer an, ein vermeintlich «sehr guter Freund» von Trump, der in einem Wahllokal in Florida abgewiesen worden sei, während hinter ihm und vor ihm eine ganze Schlange von Menschen angestanden sei, «die nicht aussahen, als sollten sie wählen dürfen»: also illegale Einwanderer, die Clinton wählten, und der Golf-Profi aber, der Trump wählen wollte, wurde weggeschickt.

Die Geschichte ging um die Welt. Bloss: Er sei gar kein Freund von Donald Trump, liess Langer daraufhin verlauten. Und er habe diese Geschichte nur als Gerücht gehört und sie auch als solches Gerücht jemandem weiter­erzählt, der sie dann jemandem erzählt habe, der im Weissen Haus arbeite. Das sei aber auch schon alles. Und im Übrigen sei er nirgendwo zum Wählen angestanden, er besitze nämlich gar keinen amerikanischen Pass.

«Mit Hannah Arendt lässt sich sagen: Halbwahrheiten desorientieren den menschlichen Wirklichkeits­sinn», sagt Gess. «Dieser Wirklichkeits­sinn ist abhängig von Tatsachen­wahrheiten. Die natürlich nicht einfach gegeben sind, sondern durch bestimmte Prüfprozesse validiert und in dieser Form etabliert werden. Diese Tatsachen­wahrheiten geben bei Arendt der diskursiven Meinungs­bildung den Gegenstand vor, die für sie das Wesen demokratischer Politik ausmacht.»

«Darüber verständigen wir uns», sagt Gess weiter. «Zugleich setzen die Tatsachen­wahrheiten der diskursiven Meinungs­bildung klare Grenzen, denn sie schützen sie vor der Neigung zu Spekulationen. Und genau diese Grenzen überschreitet die Halbwahrheit. Sie steht zwar mit einem Fuss noch im Bereich der Tatsachen­wahrheit, in der gemeinsam geteilten Wirklichkeit. Aber sie öffnet zugleich die Tür zu einem Universum, in dem jeder und jede sich die Wirklichkeit so zurecht­biegen kann, wie es ihm oder ihr passt. Und so destabilisiert die Halbwahrheit den Grund, auf dem wir stehen. Sie destabilisiert den Wirklichkeits­sinn, der für Arendt die Grundlage ist für das Funktionieren demokratischer Prozesse.»

«Halbwahrheiten dienen als Türöffner für eine postfaktische Politik, die latent antidemokratisch ist», sagt Gess. «Insofern würde ich sagen: Die Konjunktur der Halbwahrheiten ist ein Krisen­phänomen und vielleicht auch ein Schwellen­phänomen. Ein autoritärer oder totalitärer Staat ist auf Halb­wahrheiten nicht mehr angewiesen.»

«Die Überzeugung, dass Wahrheit ohnehin nichts als die Funktion einer sich durch­setzenden Macht ist, passt zur Ideologie eines autoritären oder totalitären Macht­staates», sagt Gess. «In einem totalitären Staat, der seine Wahrheit gewaltsam setzt, ist die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge irrelevant geworden. Denn niemand wird die Lüge infrage stellen aus Angst vor Repression. Je mächtiger ein totalitärer Apparat ist, desto krasser können die Lügen sein. Daraus lässt sich durchaus auch etwas über das Demokratie­verständnis der Anhänger von Donald Trump ableiten: Die Trump-Anhänger, die bereitwillig auch noch die krassesten Lügen geglaubt haben, haben Trump damit performativ in seinem Macht­anspruch bestätigt. Das heisst: Sie haben ihm die Macht gegeben, Wahrheit zu setzen.»

Zum Kern des Problems

Wie kommt man diesen Erzählungen, die unsere Gesellschaften vergiften, auf die Spur, Nicola Gess?

«Zum Ersten finde ich, dass es wichtig ist, überhaupt einmal auf Halb­wahrheiten und ihre Logik aufmerksam zu werden. Dann lassen sie sich leichter identifizieren. Dann geht es darum, die Fakten zu prüfen. Das ist unerlässlich. Dass versucht wird, die Spreu vom Weizen zu trennen: Gibt es irgend­etwas an dieser Aussage, was stimmt? Was einen realen Gehalt hat? Und was ist es, was die Aussage verfälscht und dann eben das Ganze zu einer Falsch­aussage macht? Denn das Perfide an Halb­wahrheiten ist ja, dass sie über diesen einen Fuss in der Realität schwerer zu widerlegen sind. Es sind nicht einfach plumpe Lügen.»

Und dann? Was bringt die Erkenntnis im Umgang mit Menschen, die sowieso nur das hören wollen, was ihre These stützt? Die gegen Fakten resistent sind und sich nicht dafür interessieren, wenn man ihnen darlegt, was an der vorgelegten Behauptung alles falsch ist?

«Wenn man Halbwahrheiten mit einem Fakten­check widerlegen will, folgt das meist dem Muster ‹Ja, das und das stimmt zwar, aber das und das stimmt eben nicht›; und diese Steigerung der Komplexität führt schon einmal dazu, dass viele Leute abschalten. Ich schlage deshalb ergänzend einen Fiktions­check vor. Denn Halb­wahrheiten und die Kontexte, in denen sie zum Einsatz kommen, funktionieren letztlich nicht nach der Logik eines fakten­basierten Diskurses und nach dem Code wahr oder falsch. Sondern sie richten sich danach, ob etwas passend ist, glaubwürdig, emotional ansprechend, kohärent. Man muss diese Dimension in den Blick bekommen, die viel mehr mit der Logik von Geschichten zu tun hat. Man muss sozusagen nicht die faktische, sondern die fiktive Seite der Halb­wahrheit in den Blick nehmen und damit an die eigentlichen Beweg­gründe heran­kommen, die die Leute dazu verleiten, diese Geschichten zu glauben. Das schafft einen anderen Zugang.»

Das müsse nicht automatisch bedeuten, dass sich die Einzelne vom Gegenteil überzeugen lasse. «Aber ich bin ohnehin überzeugt, dass die Konjunktur der Halb­wahrheiten nicht nur ein Diskurs­problem ist. Das Problem wird nicht gelöst, indem der Diskurs bereinigt wird», sagt Gess. «Letztlich weist die Konjunktur von Halb­wahrheiten auf eine Krisen­situation hin, deren Ursachen das eigentliche Problem sind. Was ist das für eine Gesellschaft, in der dieser postfaktische Diskurs so prominent wird? Was sind das für Strukturen, die das begünstigen? Was ist das für ein Imaginäres, in dem sich die Leute bewegen?»

«Die dunkle Seite der Sozialkritik»

Das Imaginäre, in dem sich die Leute bewegen: Es gibt da diesen Moment im Buch von Nicola Gess, in dem sie beschreibt, wie sich der Verschwörungs­theoretiker Ken Jebsen in die Figur des Jokers verwandelt. Dabei verlässt er die Ebene des seriösen Nachrichten­sprechers und wird zur brutalen Rächer­figur aus den «Batman»-Filmen, «wo er gewisser­massen die Fiktionalität seiner Verschwörungs­theorie geradezu ausstellt, indem er sich in einen fiktiven Charakter verwandelt».

Diese Verwandlung, sagt Gess, sei «sehr interessant», weil sie etwas darstelle, was bei den meisten Verschwörungs­theorien eine grosse Rolle spiele: «Eine Sehnsucht nach agency, nach Handlungs­macht: raus aus der Ohnmacht – die hier in blinde Gewalt umschlägt.»

Diese Ambivalenz verkörpere der Joker ja: das Opfer, das schliesslich zum Täter werde, zum Rächer und Mörder, der Angst und Schrecken verbreite.

«Der vermeintliche Opfer­status resultiert beim Joker aus einer Art narzisstischer Kränkung heraus. Der Joker, so lernen wir in der jüngsten Verfilmung von Todd Phillips, wollte ein erfolgreicher Entertainer werden, und weil ihm das verwehrt wurde, will er nun die Gesellschaft vernichten. Eine Figur, in der daneben aber auch die Sehnsucht nach Selbst­ermächtigung zum Ausdruck kommt, zugleich ein Ausdruck von Wut, ein Ausdruck von Rache. Und natürlich drängt sich die Frage auf: Wieso greift Jebsen gerade diese Figur für sich heraus? Und inwiefern ermöglicht es die Figur des Jokers, Ken Jebsen und seine Verschwörungs­theorien genauer zu verstehen?»

Nur eines von vielen Gesichtern: Joaquin Phoenix als Joker in Todd Phillips’ gleichnamigem Film. Niko Tavernise/Warner Bros. Pictures/ap/keystone

Die Rolle der narzisstischen Kränkung: Inwiefern spielt sie eine Rolle? Inwiefern ist sie ein Motor für Verschwörungs­theoretiker? Inwiefern spielt es eine Rolle, dass es nachweislich insbesondere Männer mittleren Alters sind, von denen die sogenannten Alternativ­medien rezipiert und geteilt werden? Und warum sind die Beispiele im Buch von Gess eigentlich alles Männer?

Letzteres, sagt sie, die an der Universität Basel vor kurzem ein Seminar zu «Krisen der Männlichkeit» gehalten hat, sei ihr beim Schreiben so gar nicht so bewusst gewesen. Denn natürlich gebe es ja auch Frauen wie Kellyanne Conway, die ehemalige Beraterin von Donald Trump und Urheberin des Begriffs «alternative Fakten».

«Aber wenn man spezifisch nach rechts­populistischen Kontexten fragt, dann ist es dort zumindest so, dass Männer hier nicht nur besonders prominent vertreten sind, sondern auch Themen wie Antifeminismus, Antigenderismus. Und dass eine bestimmte antiquierte Vorstellung von Männlichkeit einen grossen Anteil dieser Bewegung ausmacht. Das sind Positionen, die in der heutigen Gesellschaft schwer argumentativ zu begründen sind. Womöglich ist es da schon fast notwendig, auf postfaktische Diskurs­strategien auszuweichen, um solche Positionen vertreten zu können.»

Gess schreibt in «Halbwahrheiten» auch von «Verschwörungs­theorien als der dunklen Kehrseite eines kritisch analytischen Blicks auf den modernen Staat und seine Institutionen».

«Auf die Frage, warum man sich in einer Gesellschaft ohnmächtig und fremd­bestimmt fühle, würde eine sozial­kritische Analyse Institutionen in den Blick nehmen, die in mein Leben eingreifen», sagt Gess. «Sie würde wirtschaftliche Strukturen, bestimmte Diskurse in den Blick nehmen. Verschwörungs­theorien hingegen gehen anders vor: Sie reetablieren schlicht die vermisste Autonomie, indem sie den wahrgenommenen Missstand auf das Handeln einer Gruppe böser Individuen zurückführen: die Verschwörer. Die sind schuld daran, dass ich mich ohnmächtig fühle.»

Gleichzeitig verspreche die Verschwörungs­theorie, dass man auf die Entlarvung und Bestrafung dieser Individuen zielgerichtet hinarbeiten könne. Man sei jetzt selbst eine Gruppe von Individuen, die das Spiel durchschaut habe. «Der wahrgenommene Autonomie­verlust könnte ein Ausgangs­punkt sein, eine Sozialkritik zu entwickeln, eine kritische Gesellschafts­theorie, die sich fragt: Was sind das für Strukturen, die dazu führen? Aber das macht die Verschwörungs­theorie nicht. Stattdessen imaginiert sie eine Situation, die uns die vermeintlich verloren gegangene Autonomie imaginär wieder beschafft. Und zwar auf beiden Seiten. Die Verschwörer werden imaginiert als super­mächtig, die autonom und frei sind und die in ihrer Autonomie und Freiheit die Gesellschaft steuern können. Ihre Gegner wiederum sind nun ebenfalls autonom, jetzt, wo sie das Spiel durchschaut haben und damit die Möglichkeit haben, sich als Gruppe von Einzelnen zusammenzutun und gegen die Verschwörer vorzugehen.»

Verschwörungstheorien als Protest­form der Vereinzelung. Als Ausdruck von individualistischen Kränkungen. Quasi letztlich eine Art von neoliberaler Gesellschaftskritik.

Und somit landen wir wieder beim Joker.

Wo in der Vorgeschichte, in der Erniedrigung jenes Mannes, der ein berühmter Entertainer werden wollte, womöglich auch ein Moment von Sozial­kritik drinstecke, ein Moment, das dann aber individualisiert werde als die Erzählung einer narzisstischen Kränkung und wo der Verlust dieser Handlungs­fähigkeit in blinder Gewalt kompensiert werde.

Und das, sagt Gess, sei keine Sozialkritik.

Zum Buch

Nicola Gess: «Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit». Matthes & Seitz, Berlin 2021. 157 Seiten, ca. 21 Franken.

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