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Schule des Lebens

04.02.2021

Liebe Leserinnen und Leser

Es hat eine Weile gedauert, und wir stecken zugegebenermassen ziemlich im Schlamassel. Aber immerhin sind wir inzwischen als Gesellschaft so weit, schreibt Republik-Journalist Simon Schmid: Die meisten von uns haben die wichtigsten Lektionen aus der Krise gelernt.

Sie sind:

  1. Vorausschauendes Handeln zahlt sich aus. Von allen Einsichten ist dies die allerwichtigste. Wenn man mit Prozessen konfrontiert ist, die sich selbst verstärken, darf man keine Zeit verlieren. Sonst geraten diese Prozesse ausser Kontrolle, werden unumkehrbar. Und der Schaden nimmt grosse Ausmasse an.

  2. Vorausschauendes Handeln ist billiger. Nochmals dieselbe Erkenntnis, in anderen Worten. Es gibt keinen Widerspruch zwischen Krisenbekämpfung und Wirtschaft: Wenn wir uns zum Nichtstun entscheiden, sind die langfristigen Kosten höher, als wenn wir früh und entschieden eingreifen.

  3. Hören wir auf die Wissenschaft. Wenn 99 Prozent der Fachleute der Ansicht sind, dass wir eine Gefahr ernst nehmen sollten, dann sollten wir diese Gefahr ernst nehmen. Und nicht so tun, als gäbe es in der Fachwelt zwei gleichberechtigte Lager, denen man gleichermassen Gehör schenken müsse.

  4. Es braucht Solidarität. Und Regeln. In Situationen, in denen mein Wohlergehen von deinem Verhalten abhängt, bringt uns Eigenverantwortung nicht weiter. Dann wird unsere individuelle Wohlfahrt zu einem öffentlichen Gut. Und es braucht klare Anreize und Anweisungen, um sie zu maximieren.

  5. Gemeinsam können wir Grosses erreichen. Hätten Sie gedacht, dass Unternehmen innert kürzester Zeit Technologien entwickeln und Produkte auf den Markt bringen können, die das Potenzial haben, die Menschheit zu retten? Nun, sie können das – wenn Staaten den Mumm haben, Geld in die Hand zu nehmen und die dafür nötigen Investitionen konsequent zu fördern.

  6. Klare Ziele formulieren. Klare Regeln kommunizieren. Nichts ist in einer Krise hinderlicher als ein Wirrwarr von Meinungen. Klare, gut begründete Ansagen bringen hingegen Ordnung in den Diskurs und werden von einer Mehrheit der Leute akzeptiert – besser, als man im Vorfeld vielleicht dachte.

  7. Keine Schädigung ohne Entschädigung. Im Ernst: Wie kann man auf die Idee kommen, Leute würden politische Beschlüsse unterstützen, wenn sie dadurch finanziellen Schaden erleiden? Selbstverständlich müssen die Verliererinnen von Krisenmassnahmen angemessen entschädigt werden.

  8. Veränderungen sind möglich. Wir können unseren Berufsalltag auch anders organisieren. Wir können auch anderswo Ferien machen. Wir können uns an gewisse Einschränkungen gewöhnen, auf manche Dinge verzichten. So seltsam das Neue zu Beginn oft scheinen mag: Irgendwann gewöhnt man sich daran, es wird normal. Und man entdeckt sogar gute Seiten daran.

Die Lektionen sind offensichtlich. Wir müssen sie nur beherzigen. Zum Beispiel so:

  • Wir bekämpfen die globale Erwärmung nicht erst in zehn Jahren, wenn es schon fast zu spät ist, sondern heute.

  • Wir setzen ein klares Ziel: Netto null Treibhausgase, am besten bis 2040 oder noch früher.

  • Wir hören auf, so zu tun, als wäre dies wissenschaftlich umstritten oder als würde aus reiner Eigenverantwortung etwas passieren.

  • Wir führen hohe Steuern auf Benzin und andere fossile Rohstoffe ein und verbieten Öl- und Gasheizungen möglichst bald.

  • Wir sorgen dafür, dass Tankwartinnen, Kohlearbeiter und alle anderen Betroffenen eine alternative Perspektive erhalten.

  • Wir setzen Geld dafür ein, Häuser zu renovieren, Solarkraftwerke zu bauen, Wälder aufzuforsten und CO2-Filteranlagen zu bauen.

  • Wir gewöhnen uns daran, uns vegetarisch zu ernähren und unsere Ferien öfter im eigenen Land zu verbringen.

Zugegeben: Die Lage ist mies. Und es könnte gut sein, dass sie noch mieser wird. Aber wir wissen sehr gut, wie wir die Klimakrise lösen können.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Der Kanton Waadt beginnt morgen mit Massentests. Prioritär werden diese zunächst in Skigebieten durchgeführt wie in Villars, Les Diablerets und Leysin. An den Skistationen können sich sowohl Anwohner und Angestellte wie auch Touristinnen kostenlos testen lassen. Die Waadt folgt damit dem Vorreiter Graubünden, der als erster Kanton gross angelegte Tests durchgeführt hat.

Zug verpflichtet Schüler und Lehrpersonen zu regelmässigen Tests. Diese beginnen nach den Sportferien ab der Sekundarstufe an Schulen der Gemeinden und des Kantons, teilte der Kanton Zug mit. Lehrpersonen aller Stufen wird das Tragen einer FFP2-Maske empfohlen.

Die Schnitzelbängg der Basler Fasnacht werden nun doch im Fernsehen übertragen. Gestern hatte es bei den Fasnachts-Liebhaberinnen in Basel-Stadt Unverständnis und Empörung darüber gegeben, dass die beliebten traditionellen und humorvollen Verse aufgrund des Singverbots nicht übertragen werden sollen. Nun macht der basel-städtische Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger seinen Entscheid rückgängig und erteilt Telebasel eine Ausnahmebewilligung für die Aufzeichnung.

In Grossbritannien wird getestet, ob sich Impfstoffe mischen lassen. Bisher galt: Sowohl die erste wie auch die zweite Dosis müssen vom selben Impfstoff sein. Manche Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Effektivität von Mischungen womöglich grösser sein könnte, wie dies bei Ebola und anderen Krankheiten der Fall war. Zudem würde es die Logistik bei Lieferschwierigkeiten oder fehlenden Impfdaten vereinfachen. Die Resultate der Studie werden im Sommer 2021 erwartet.

Und zum Schluss: Reif für die Insel?

Leuchtend blaues Meer, Strände und Gewürzmärkte: Sansibar ist ein Sehnsuchtsort. Die Inselgruppe ist eine autonome Region des ostafrikanischen Tansania. Nebst landwirtschaftlicher Produktion macht der Tourismus einen grossen Teil der lokalen Wirtschaft aus, und er wird entsprechend von der Regierung vorangetrieben. Der Preis dafür: Umweltschäden wie Wasserverschmutzung und Überfischung, prekäre Arbeitsbedingungen und erhöhte Lebensmittelpreise. Doch für viele Menschen sind die Einkünfte aus der Tourismusindustrie wichtig (auch wenn diese oft nicht fürs tägliche Leben ausreichen und touristische Anlagen der lokalen Bevölkerung wichtige Zugänge zum Meer versperren).

Während auf der nördlichen Halbkugel der Welt Lockdowns und der graue Winter vielen Menschen zu schaffen machen, locken auf der Inselgruppe im Indischen Ozean die Sonne und Temperaturen um die 30 Grad Celsius. Und Fluggesellschaften bieten derzeit Spottpreise an. Kein Wunder, liegt die Versuchung nahe, sich eine Auszeit zu gönnen – vielleicht gar inklusive barfüssigen Tanzens an einer Vollmond­party am Strand von Sansibar? Schliesslich gilt die Inselgruppe seit dem Frühsommer als coronafrei, in der ersten Welle hatte sie sich noch gegenüber Touristinnen abgeriegelt.

Doch der Schein trügt: Im Juni hörte die Regierung Tansanias auf, die Daten über Fälle zu publizieren. Auf die Schnelle ist derzeit auf der Tourismus-Website Sansibars kein Hinweis auf das Coronavirus zu finden. Bei der Einreise wird auch kein Test verlangt und schon gar keine Quarantäne angeordnet. Lediglich die Temperaturmessung beim Flughafen ist vorgeschrieben (was leider nichts nützt, wenn ein Sars-CoV-2-Infizierter keine Symptome hat). Und es gibt keine Maskenpflicht – sondern sogar Berichte, gemäss denen lokale Polizeibehörden die Leute auffordern, ihren Mund-Nasen-Schutz auszuziehen. (Mehr sehen Sie in diesem Videobericht des «Spiegels».) Und auch von einer Impfkampagne will Tansanias Präsident John Magufuli nichts wissen – er fordert die Bevölkerung auf, sich mit traditionellen Heilmitteln zu schützen.

Die Menschen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, haben Angst davor, über mögliche Krankheitsfälle und Ansteckungen zu berichten. (Kein Wunder: Die Pressefreiheit ist hier nicht gewährleistet.) Trotzdem ist ziemlich klar, dass das Virus auf Sansibar zirkuliert, vor einigen Tagen wurde etwa Sansibars Vizepräsident Seif Sharif Hamad positiv getestet.

Dass das Virus auch von Reisenden eingeschleppt und verbreitet wird, ist mittlerweile global bekannt. Wenn dies auf einer Inselgruppe wie Sansibar ohne jegliche Vorsicht geschieht, wo zudem die Gesundheitsversorgung schwach ist, braucht es nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was das für die lokale Bevölkerung bedeuten könnte.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund. Und buchen Sie keinen Flug nach Sansibar.

Marguerite Meyer und Simon Schmid

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Vielleicht haben wir ein bisschen einen Tunnelblick, weil die Republik-Mitarbeitenden Jobs haben, die auch im Homeoffice gehen. Wohl auch deswegen lag diese Woche ein bisschen der Fokus darauf (zum Beispiel mit den hier gesammelten Tipps und Tricks). Wir wissen, dass längst nicht alle Leserinnen dieses Newsletters im Homeoffice arbeiten können. Dennoch dürften viele bereits die eine oder andere Videositzung mitgemacht haben. Oder zumindest Einschaltungen im TV gesehen haben. Prominent sichtbar bei allen Varianten: die eindrucksvollen, chaotischen und seltsamen Bücherwände hinter den Sprechenden. Was sagen diese über ihre Besitzer aus? Der Twitter-Account «Bookcase Credibility» nimmt die verschiedensten Bücherwände aufs Korn: nicht wirklich wissenschaftlich fundiert, dafür aber mit viel Humor. Viel Spass beim Scrollen!

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