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Einfach so

16.12.2020

Liebe Leserinnen und Leser

Kindness – das Wort lässt sich nicht präzise auf Deutsch übersetzen. Kindness ist irgendwo zwischen Freundlichkeit und Güte angesiedelt, mit einer Prise innerer Grosszügigkeit und Menschenliebe. Und ohne die Erwartung einer Gegenleistung oder von Dankbarkeit.

Item. Manchmal geht sie vergessen im Alltag, vor lauter eigenen Sorgen. Journalistin Anna Miller hat eine kleine Ode geschrieben an die kindness:

«Ich habe vor ein paar Monaten damit begonnen, Menschen ihren Kaffee zu zahlen oder ihr Bier oder was auch immer sie gerade trinken, weil das bisher immer Schönstes in mein Leben brachte, einen Moment puren Glücks, und deshalb mache ich das jetzt öfter. Die Leute sitzen dann an ihren Tischen und denken sich nichts weiter, und ich sage dem Kellner ein bisschen verstohlen, dass ich die Rechnung dieses Herrn oder dieser Dame übernehme, und dann zeigen wir kurz zum Tisch rüber, damit er weiss, wen ich meine, der Kellner nickt und lächelt, und wir haben einen Pakt geschlossen, das alleine macht schon unglaublich viel Spass.

Ich freue mich dann immer, und alle freuen sich irgendwann mit, und, falls es Sie beruhigt, die Forschung freut sich sogar mit mir, denn der random act of kindness, einfach mal nett sein und nichts weiter, macht nachweislich das Leben besser und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Beschenkte dann auch nett ist und wir alle vielleicht doch noch die Welt retten. Das geht so weit, dass einer der besten Epidemiologen – er berät dieser Tage den neuen US-Präsidenten – während der Pandemie eine Website aufgeschaltet hat, genau dazu. Jeden Tag reichen da Menschen ihre Geschichten ein, und er liest sie dann in seinem Podcast vor. Eine pandemic of kindness nennt er das, und es sei etwas vom Besten, was man tun könne, sagt er.

Irgendwann fliegt die Sache übrigens immer auf, der Beschenkte realisiert spätestens beim Bestellen der Rechnung, dass er nichts zahlen muss, ich bin dann schon gegangen, manchmal auch nicht, und dann sehe ich, wie die Person oft ganz irritiert ist und nicht versteht, was das soll, sie versteht nicht und fragt dann, wirklich, ich? Und ich sage dann ja; ja, Sie, und dann fragt sie: Warum bloss?, und ich: Einfach so.

Einfach so, einfach so, das ist nichts, was wir uns gewohnt sind, warum auch einfach so? Es hat doch alles seinen Preis im Leben, alles fordert seinen Tribut. Nichts gibt es gratis, jede Freundlichkeit in einer Hotellobby doch nur noch, weil das Hotel sonst ein schlechtes Rating kriegt, jedes Werbegeschenk, damit man Kunde bleibt, bei uns Frauen sind Drinks an einer Bar, die wir nicht selbst bezahlen, meistens irgendwie sexuell gemeint; und sowieso, lieber schlägt man aus, sich helfen zu lassen, als irgendjemandem was zu schulden, lieber allein als dann auf ewig schlecht begleitet; lieber die Weinkiste selbst in den sechsten Stock tragen als die Nachbarn spontan rausklingeln; lieber selber googeln als nach dem Weg fragen, ja keine Abhängigkeiten schaffen, erst recht nicht gegenüber Fremden.

Also spendiere ich jetzt Kaffeeportionen und manchmal ein Bier, jedenfalls, solange noch irgendetwas aufhat in diesem Land. Ich suche mir einfach jemanden aus und bezahle die Rechnung, zugegebenermassen auch, um genau mit dieser Erwartung zu brechen, mit dieser Frage nach dem Haken, der Frage nach dem Warum, der Frage nach der Grenzüberschreitung, nach dem Einverleiben des anderen, weil man sich einen Kredit erarbeitet hat, einen Vorsprung, und die andere nun ewig in der Schuld steht – und dann passiert, zum Wunder aller, eben mal: nichts.

Du musst gar nichts, verstehst du, ich stelle keinen Anspruch an dich, an deine Dankbarkeit, an deinen Augenkontakt, ich stelle keinen Anspruch darauf, deinen Körper zu ertasten oder dich lieben zu müssen; ich muss kein Gespräch mit dir führen und brauche nichts über dich zu wissen, ich weiss bloss, dass wir beide hier sitzen, zur gleichen Zeit in der Geschichte im gleichen Raum, ganz physisch, wir atmen gerade die gleiche abgestandene, vielleicht mit Viren verpestete Luft ein; und vielleicht sterbe ich früher als du und vielleicht du früher als ich, wer weiss das schon, ich finde, das macht uns doch zu Komplizen, frohen Kaffee allerseits, stossen wir aufs Leben an, die Rechnung geht auf mich.»

Kindness ist auf Deutsch vielleicht nicht so leicht zu übersetzen. Leben lässt sie sich aber eigentlich sehr einfach. Es muss auch nicht immer ein Kaffee sein, manchmal reicht ein gutes Wort.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Das Vertrauen der Schweizer Bevölkerung in die Wissenschaft und die Forschung ist während Corona gestiegen. Dies zeigt das Wissenschaftsbarometer Schweiz. Am meisten Vertrauen gibt es für Ärztinnen und das Gesundheitspersonal. 72 Prozent wünschen sich, dass die Politik Entscheidungen auf der Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen trifft. Doch ein Teil der Bevölkerung ist auch sehr skeptisch: Rund 20 Prozent glauben, dass die Corona-Todeszahlen absichtlich übertrieben würden. Und 9 Prozent bezweifeln die Existenz des Virus.

Das Covid-19-Gesetz muss in die Einigungskonferenz des Parlaments. Dieses konnte sich nicht auf das Referenzdatum für Lohnkürzungen in Sportclubs einigen, die finanzielle Hilfe beanspruchen. Auch umstritten war die Kurzarbeitsentschädigung: Der Nationalrat will Tiefstlöhne bis 3470 Franken zu 100 statt zu 80 Prozent entschädigen. Lange war die Linke mit dem Anliegen nicht durchgekommen. Die Rechte und der Ständerat stimmten nun zu, weil es neu eine auf vier Monate bis März 2021 befristete Lösung ist.

Im palästinensischen Gazastreifen erklimmt die Zahl der Neuinfektionen einen Höchstwert. Innert 24 Stunden seien 935 Fälle registriert worden, teilte die regierende Hamas mit. Dabei liege die Positivitätsrate bei 45 Prozent. Die Zahl der Fälle hat im abgeriegelten Gebiet zugenommen. Rund 2 Millionen Menschen leben auf sehr engem Raum bei schlechter medizinischer Versorgung.

Mindestens ein Fünftel der Weltbevölkerung muss bis 2022 auf einen Impfstoff warten. Wohlhabendere Nationen haben bereits mehr als die Hälfte der potenziellen Impfdosen reserviert, obwohl sie nur 14 Prozent der Weltbevölkerung stellen. Es bestehe die Gefahr, dass ärmere Länder abgehängt würden, so die Forscherinnen der Studie von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health.

Und zum Schluss: Was ist los mit der Schweiz?

Zwar leben wir im Land der Vorsicht und der Versicherungen, trotzdem nimmt die Schweiz immer mehr Corona-Ansteckungen in Kauf. Sie ist reich und geizt mit den Hilfsgeldern. Warum versagen so viele Deutschschweizer Kantone? Wieso werden Frauen nun erst recht benachteiligt? Weshalb hasst die Schweiz Wahrheiten so sehr?

Diesen Fragen gehen im Republik-Podcast «Im Gespräch» Roger de Weck, Kabarettistin Patti Basler und Republik-Feuilletonchef Daniel Binswanger nach. Lustvoll, ernsthaft, humorvoll und Erklärungen suchend.

«Dieses Land ist mir ein Rätsel geworden», eröffnet de Weck das Gespräch. Und Basler stellt die Frage in den Raum: «Ich frage mich, ob die Menschen wirklich abgestumpft sind oder ob sie das bewusst verdrängen.» Sind wir ein Land, das Wahrheiten ganz besonders schlecht verträgt? «Das hat wohl auch mit dieser Burgfrieden-Mentalität zu tun», so Binswanger.

Ein Gespräch über unser befremdliches Land, dessen unsympathische Seiten in der Krise besonders hervorzustechen scheinen. Und ein Gespräch, das ganz persönlich zum Nachdenken anregt.

Bleiben Sie umsichtig. Bleiben Sie freundlich. Und bleiben Sie gesund.

Marguerite Meyer

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Arbeiten Sie im Homeoffice? Oder finden Sie das Grau des Himmels betrüblich? Hätten Sie gerne ein bisschen akustische Stimmung (ohne nervende Musik)? Die Autorin dieses Newsletters hatte zuerst darüber gelacht, es dann aber mal ausprobiert: Geräuschkulissen-Videos auf Youtube. Bisheriger Favorit fürs Arbeiten (direkt über die Kopfhörer): Edwardian Library. Und beim Lesen am Abend (in Ermangelung eines eigenen Feuers): Victorian Cottage. Und wenn einem tagsüber die Sonne etwas fehlt: ein osmanischer Garten in Syrien im 18. Jahrhundert.

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