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Wenn Polizisten im Quarantäne-Einsatz Selfies schiessen

Während sich der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr als Krisenmanager präsentiert, spitzt sich die Situation in den Asylunterkünften zu.

Von Carlos Hanimann, 02.04.2020

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Mario Fehr setzt sich gerne in Szene. Am Dienstag­mittag veröffentlichte er auf seinem Facebook-Profil ein Bild, das ihn als Krisen­manager im Einsatz zeigt: Der Sicherheits­direktor dankt den Betreuerinnen im Rückkehr­zentrum Adliswil.

In Adliswil sind geflüchtete Familien untergebracht, deren Asylanträge abgewiesen wurden. Vor einer Woche wurde dort der erste Fall einer Covid-19-Erkrankung in einer Asyl­unterkunft des Kantons Zürich gemeldet. Unter den Bewohnern herrsche Panik, berichtete der «Tages-Anzeiger».

Aktivisten, Juristinnen und Ärzte warnen seit Wochen, dass die Situation in den Asyl­unterkünften explosiv sei: Die Menschen lebten viel zu nah aufeinander, Ausweich­möglichkeiten gebe es keine, die hygienischen Verhältnisse seien ohnehin schon prekär, in der akuten Pandemie sei die Lage hochgefährlich.

Trotz der Kritik hüllt sich das Sozialamt, das zu Mario Fehrs Sicherheits­direktion gehört, seit Wochen in Schweigen. Anfragen der Republik (und auch anderer Medien) liess es ins Leere laufen: Man beantworte «in der derzeitigen ausser­ordentlichen Lage keine Medien­anfragen». Die Sicherheits­direktion antwortete gar nicht.

Einzig in einem Schreiben an eine Hilfsorganisation liess die Chefbeamtin des Sozial­amts Mitte März verlauten: «Der Kanton Zürich erfüllt auch in der aktuell ausser­ordentlichen Lage seine gesetz­mässigen Aufgaben im Asylbereich.» Man habe «rechtzeitig Vorsorge­massnahmen getroffen». Kurz: Man habe alles im Griff.

Das ist auch die Botschaft, die Mario Fehr mit seinen Bildern verbreitet: alles in Ordnung, alles im Griff.

Eine andere Sprache sprechen Augenzeugen­berichte und Video­aufnahmen aus einer anderen Notunterkunft des Kantons Zürich, die der Republik zugespielt wurden.

Am Dienstagabend fuhr die Polizei mit mehreren Einsatz­wagen vor den Baracken des Rückkehr­zentrums Glattbrugg vor. In der Notunterkunft leben laut den Bewohnern derzeit etwas mehr als 20 abgewiesene Asylbewerber in mehreren Baracken. Gemäss einem Augen­zeugen war ein junger Mann in die Notunterkunft gebracht worden, der an Covid-19 erkrankt war. Das sorgte für Protest unter den Bewohnern der Notunterkunft, weil sie fürchteten, der Mann könnte die anderen Bewohner der Unter­kunft anstecken.

Der Platz ist in Glattbrugg wie in allen Asyl­unterkünften sehr knapp, die Hygiene­verhältnisse prekär. In den engen 6er-Zimmern mit Kajüten­betten sind derzeit meist 3 Personen untergebracht.

Schlafzimmer im Rückkehrzentrum Glattbrugg.

Wegen des Aufruhrs der besorgten Bewohner riefen die Betreuer der Notunterkunft die Polizei. Um etwa 23 Uhr kam es dann zu einem grossen Polizei­einsatz mit mindestens 3 Fahrzeugen und rund einem Dutzend Polizisten. Mehrere Polizisten zogen sich daraufhin Schutz­anzüge, Atemmasken und Hand­schuhe an, bevor sie den kranken Mann abholten.

Offenbar fanden die beteiligten Polizisten ihren eigenen Einsatz im Quarantäne-Outfit spektakulär. Auf Video­aufnahmen, die der Republik vorliegen, sind 2 Personen in weissen Schutz­anzügen zu sehen, die posieren, um sich von einer Kollegin ablichten zu lassen.

Zweimal leuchtet ein heller Blitz auf – ein Andenken an die Corona-Krise für die Polizisten. Dann prüfen sie die Fotos, ehe die Fotografin auch noch aufs Bild will. Die Polizisten schiessen Selfie um Selfie. In einer anderen Aufnahme hört man, wie die Bewohner der Unter­kunft den Polizisten zurufen: «Wir haben auch Angst um unser Leben.»

Woher der Erkrankte kam und wohin man ihn brachte, darüber gibt es nur Gerüchte: Er soll aus dem Flughafen­gefängnis in die Notunterkunft gebracht worden sein, heisst es unter den Bewohnern. Wohin er gebracht wurde und was nun mit ihm geschieht, ist unklar. Die Polizei gab auf Anfrage keine Auskünfte dazu. Das werde derzeit geklärt.

Die Kantons­polizei Zürich wollte zunächst nur bestätigen, dass es zu einem Polizei­einsatz gekommen und dabei eine Person verhaftet worden sei. Erst auf mehrfaches Nach­fragen sagte ein Sprecher, es gebe tatsächlich einen Hinweis auf eine Erkrankung der verhafteten Person. Aus Gründen des Persönlichkeits­schutzes könne man aber nicht mehr dazu sagen. Wenige Stunden später verschickte die Polizei eine Medien­mitteilung zum Vorfall: Demnach handelte es sich beim Erkrankten um einen 22-jährigen Marokkaner, der sich «aufgrund eines ärztlichen Befunds allein in seinem Zimmer hätte isolieren sollen». Gemäss Darstellung der Polizei habe er sich «nicht an die geltenden Abstands­regeln» gehalten, «die Stimmung vor Ort drohte zu eskalieren», darum habe man den Mann verhaftet.

Auf die Selfies der beteiligten Polizisten angesprochen, sagte ein Sprecher der Kantons­polizei, er habe keine Kenntnis von den Bildern und könne deshalb keinen Kommentar abgeben.

Immerhin scheinen die Geflüchteten trotz der prekären Situation den Humor nicht verloren zu haben. Auf einem Video ist zu sehen, wie sich ein Polizist (mit Schutz­maske) während des Einsatzes abrupt wegdreht – und niest. Worauf man einen Bewohner hört, der warnend ruft: «Achtung, Achtung!»

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