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Hau den Maulwurf!

01.04.2020

Liebe Leserinnen und Leser

So etwas wie eine Gesellschaft gebe es nicht, sagte die britische Premierministerin Margaret Thatcher einst – sondern nur Individuen und Familien. Es wird selten so deutlich wie in diesem Moment, wie falsch sie lag.

In Krisen wie der jetzigen zeigt sich, wie es um eine Gesellschaft bestellt ist: um die Institutionen, um das Gesundheitswesen, um das Vertrauen und die gegenseitige Rücksichtnahme der Bürgerinnen. Eine effiziente Wirtschaft allein macht noch keinen Staat. Es ist genau umgekehrt, schreibt Republik-Journalistin Olivia Kühni in ihrem neusten Beitrag: «Das Fundament ist ein Staat, der seine Bürgerinnen ernst nimmt und ernst nehmen muss – erst dann kommt der wirtschaftliche Erfolg.»

Sie zeigt auf, wie manche Ökonomen überzeugt waren, dass eine Wirtschaft und damit auch die Gemeinschaft als Ganzes schon irgendwie ihr Gleichgewicht fänden, wenn sich die Politik nur möglichst aus allem raushielte. Dieses Dogma hinterliess insbesondere die USA in einem denkbar schlechten Zustand, um die aktuelle Pandemie-Krise zu bewältigen.

Für die Schweiz ist unsere Autorin deutlich optimistischer. Sie sei nicht «das turbokapitalistische Land, als das sie manchmal gezeichnet wird», und genau das sei ihre Stärke. Die Bürger hätten ihren Auftrag zur Systemstabilität immer ernst genommen und sich allerlei Bockigkeiten geleistet, die aus Effizienzsicht möglicherweise wie eine grosse Dummheit wirkten, aus Sicht von Versorgungssicherheit und Resilienz allerdings ganz und gar nicht.

«Trotzdem: Die Aufgabe ist auch in der Schweiz nicht erledigt», so Kühnis Fazit. «Sie hat gerade erst begonnen. Und die Corona-Krise wird zeigen, wo die Bürger möglicherweise noch viel, viel stärker bocken sollten.»

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

  • Hoffnung für Selbstständige: Taxifahrer und andere Einzelfirmen sollen finanziell unterstützt werden. Bisher können sie keine Kurzarbeit anmelden, und viele erhalten auch keinen Corona-Erwerbsersatz. Der Bund spricht von 270’000 Selbstständigen, die derzeit durch die Maschen fallen. Das soll sich nun ändern. «Hilfe wird kommen», versprach Bundesrat Guy Parmelin vor den Medien – auch für private Haushaltshilfen. Man prüfe, wie «Angestellten auf Abruf und Angestellten in privaten Haushalten Kurzarbeit ermöglicht werden kann». Bis zum kommenden Mittwoch soll ein konkreter Vorschlag auf dem Tisch liegen.

  • Fristverlängerung bei Asylverfahren: Neu muss innerhalb von 30 statt wie bisher 7 Tagen eine Beschwerde gegen einen negativen Asylentscheid eingereicht werden. Ebenfalls auf 30 Tage verlängert werden die Ausreisefristen nach einem negativen Asylentscheid. Betont wird jedoch: Es darf keinen Stillstand im Asylwesen geben, so Justizministerin Karin Keller-Sutter. Flüchtlingsorganisationen hatten zuvor eine Sistierung der Asylverfahren gefordert.

  • Politiker fordern Maskenpflicht: In der Schweiz ist eine Kontroverse um den Nutzen der Masken entbrannt. Zwar steht im Pandemieplan 2018, dass das Tragen von Schutzmasken das Infektionsrisiko reduziert. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) betont aber immer wieder, dass es nicht nachgewiesen sei, dass Gesichtsmasken zusätzlichen Schutz bringen. Hinter dieser Kommunikationsstrategie verberge sich die Tatsache, dass die Schweiz es versäumt habe, genügend Masken für eine Pandemie zu lagern, prangert nun Grünen-Nationalrat Bastien Girod im «Blick» an. Die SVP fordert seit gestern eine Maskenpflicht. Am Montag kommunizierte das BAG, dass eine solche Massnahme für die Schweiz nicht vorgesehen sei.

  • Heiraten nur noch eingeschränkt möglich: Die Zivilstandsämter der Schweiz gewährleisten nur noch den «Grundbetrieb». Beim Heiraten haben nun Personen aus Risikogruppen Priorität. Wer also über 65 Jahre alt ist oder eine Vorerkrankung hat, erhält Vortritt. Bei der Vermählung dabei sein dürfen aber nur noch das Brautpaar, Trauzeugen und allenfalls ein Dolmetscher.

  • Italien lockert Ausgangssperre für Kinder: In Italien dürfen Eltern zumindest ein wenig durchatmen. Die italienische Regierung hat die Ausgangssperre für Kinder unter 12 Jahren aufgeweicht. Auf Druck von Eltern, Lehrern und Kinderärzten darf ein einzelnes Kind mit einem einzelnen Elternteil in der unmittelbaren Nähe der eigenen Wohnung spazieren gehen. Seit knapp einem Monat dürfen Kinder in Italien nicht mehr zur Schule.

Die besten Tipps und interessantesten Artikel

Im Magazin «The Atlantic» ist vor einer Woche ein Artikel erschienen, der in den USA gerade von vielen Menschen gelesen wird. Der Journalist Ed Yong befasst sich darin mit der Frage, wieso das Virus ausgerechnet die USA dermassen unvorbereitet trifft, und er überlegt sich, wie die globale Pandemie zu Ende gehen könnte. Letzteres beantwortet er mit drei möglichen Szenarien:

  • Synchronisierte Kontrolle: Wie bei der Sars-Pandemie im Jahr 2003 könnten Länder auf der ganzen Welt versuchen, das Coronavirus gleichzeitig einzudämmen und so zu eliminieren. Aber da die Pandemie bereits sehr weit fortgeschritten ist und viele Länder gar keine oder nur schwache Gegenmassnahmen ergreifen, scheint dieses Szenario unwahrscheinlich.

  • Herdenimmunität: Je mehr Menschen immun sind, desto mehr Menschen sind gegen eine weitere Ansteckung geschützt. Für das Virus wird es so immer schwieriger, einen Träger zu finden. Zur sogenannten «Herdenimmunität» kommt es automatisch, wenn man gegen die Pandemie nichts unternimmt und sie sich unkontrolliert ausbreiten kann. Das Problem dabei: Sars-CoV-2 ist viel tödlicher als andere Viren. Millionen Menschen würden sterben und die Gesundheitssysteme kollabieren. Also keine gute Idee.

  • Whack-a-mole: Die beste Option von allen, aber auch die langwierigste und komplizierteste. Das Virus ganz unter Kontrolle zu bekommen, ist unrealistisch. Es wird immer wieder ausbrechen, sobald Regierungen ihre Massnahmen lockern. Das dritte Szenario sieht deshalb vor, dass die Welt mit vereinten Kräften lokale Ausbrüche eliminiert, indem sie die mutmasslich betroffenen Menschen testet und Angesteckte isoliert – ein bisschen wie im Spiel whack-a-mole, bei dem man Maulwürfe mit einem Hammer erschlagen muss, sobald sie aus ihren Löchern krabbeln. Dieses Szenario würde so lange andauern, bis ein Impfstoff auf den Markt kommt – und die Herdenimmunität ohne Zigtausende Todesfälle erreicht werden kann.

Was sich daneben auch zu lesen und zu browsen lohnt:

  • Der Amerikanist Michael Butter hat der «Zeit» ein aufschlussreiches Interview gegeben. Auf die Frage, wie Behörden verhindern können, dass Menschen auf Verschwörungstheorien anspringen, antwortet er: «Indem sie diese Unsicherheit offen kommunizieren und nicht vorgaukeln, es sei klar, wie es weitergeht. Und indem Politiker den Eindruck vermeiden, dass es ihnen vor allem darum geht, sich selbst zu profilieren.»

Frage aus der Community: Kann ich mich über die Cornflakes-Packung, die ich gestern im Supermarkt gekauft habe, anstecken?

Die kurze Antwort: Das ist möglich – zumindest nach unserem derzeitigen Kenntnisstand. Aber weniger wahrscheinlich, als dass Sie sich im Kontakt mit einer kranken Person anstecken.

Die ausführliche Antwort: Das Virus Sars-CoV-2 verbreitet sich hauptsächlich über Tröpfchen von Mensch zu Mensch – etwa, wenn eine infizierte Person hustet und winzige Tröpfchen aus der Lunge des Infizierten in Ihre Atemwege gelangen. Nebst dieser Tröpfcheninfektion konnte bisher eine weitere Art der Verbreitung nachgewiesen werden: die sogenannte Schmierinfektion. Sind Ihre Hände kontaminiert, so können Sie sich anstecken, indem das Virus über Ihre Hände in Augen, Nase oder Mund gelangt. Und Ihre Hände werden kontaminiert, wenn Sie kontaminierte Flächen oder Objekte berühren. Unter Laborbedingungen konnte das Virus auf Plastik und auf Stahl bis zu 3 Tage überleben, auf Karton bis zu einem Tag, auf Kupfer bis zu 4 Stunden. Es begann aber schon während dieser Zeit zu zerfallen.

Was tun? Vermeiden Sie es, Ihr Gesicht mit den Händen zu berühren, nachdem Sie die Cornflakes-Packung aus dem Regal genommen haben (es könnte sein, dass eine infizierte Person die Packung aus der Nähe angehustet hat). Waschen Sie Ihre Hände mindestens 20 Sekunden lang mit Seife, sobald Sie zu Hause sind, und wischen Sie die Cornflakes-Packung mit einem desinfizierenden Tuch ab. Oder packen Sie die Cornflakes aus und werfen Sie die Packung weg.

Zum Schluss eine gute Nachricht: Desinfektions­mittel aus der Brennerei

Derzeit sollte niemand unbewaffnet seine vier Wände verlassen. Eine Flasche Desinfektionsmittel gehört in jede Manteltasche. Einmal aufgetragen, killt hochprozentiger Alkohol das Virus von jeder Oberfläche. Das einzige Problem: Kaum hatte die Schweiz ihren ersten Covid-19-Patienten vermeldet, haben die Menschen alle Regale leergeräumt. Seit Wochen fehlt es an Nachschub. Zum Glück naht nun Hilfe von Unternehmern, die in normalen Zeiten zu den natürlichen Feinden des Gesundheitswesens gehören: den Schnapsbrennern. Lokale Brennereien tragen jetzt zur Systemstabilität bei, indem sie nebst Gin oder Absinth neu auch hochprozentigen Alkohol an Apotheken und Arztpraxen verkaufen. Oder Desinfektions­mittel gleich selber herstellen.

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen

Ronja Beck, Marie-José Kolly, Cinzia Venafro und Elia Blülle

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Eine amerikanische Krankenpflegerin hat auf Twitter eine Grafik geteilt, die zeigt, wie man einen Patienten auf das Virus testet. Dabei wird für den Abstrich aus der Nasenhöhle ein Stäbchen in die Nase eingeführt. Ziemlich weit eingeführt. Die Krankenpflegerin schreibt dazu: «So weit müssen wir das Stäbchen nach hinten stossen, um dich zu testen. Es wäre wohl ratsam, dich an die Empfehlungen zu halten und daheim zu bleiben.»

PPPPS: In einer britischen Kleinstadt bei Liverpool organisiert eine Fitnessinstruktorin seit dem Lockdown jeden Tag eine Tanzsession für ihre Nachbarschaft. Immer um 11 Uhr begeben sich Jung und Alt auf die Strasse und legen los. Das Video dazu: unbezahlbar.

PPPPPS: Sars-CoV-2 wird gerne als bunte Kugel mit Stacheln dargestellt. Auf unserer Covid-19-Uhr-Grafik zum Beispiel abwechslungsweise in violetter, oranger und roter Farbe. Wollen Sie wissen, wie es unter dem Elektronenmikroskop tatsächlich aussieht? Etwas grauer.

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