Debatte

Braucht die Schweiz einen «Green New Deal»?

Das Europäische Parlament ruft den Klimanotstand aus – und das Schweizer Parlament verschiebt das CO2-Gesetz auf den Frühling. Zeit, etwas grösser zu denken? Diskutieren Sie mit.

Von Ihrem Expeditionsteam, 04.12.2019

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Ist die Demokratie zu lahm für entschiedenen Klima­schutz? Darüber haben wir mit Ihnen vor den eidgenössischen Wahlen debattiert.

Seither ist einiges passiert. Die Grünen und Grünliberalen haben im Parlament massiv zugelegt. Erstere erheben nun Anspruch auf einen Sitz im Bundesrat. Die neu gewählten Co-Chefs der deutschen SPD wollen die Koalitions­regierung zu schärferen Klima­massnahmen drängen. Das Europäische Parlament hat den Klimanotstand ausgerufen. In Madrid ist die nächste Uno-Klimakonferenz angelaufen.

Und das Schweizer Parlament hat die Debatte über das neue CO2-Gesetz auf die Frühlingssession verschoben.

Lösen wir uns für einen Moment von der Aktualität. Mit Jonathan Safran Foer, Jeremy Rifkin und Naomi Klein haben gleich drei internationale Bestseller-Autoren neue Bücher zum Thema Klimaschutz vorgelegt. Daniel Graf stellt sie vor und arbeitet heraus, was die drei Werke einerseits gemeinsam haben – und was Sie fundamental unterscheidet.

Einig sind sich alle drei: Es braucht eine fundamentale grüne Transformation von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Einen grossen «Green New Deal» (angelehnt an US-Präsident Roosevelts Reformen der 1930er-Jahre).

Solch ein Totalumbau widerstrebt dem Schweizer System. Wirklich epochale Projekte sind in der Schweizer Politik selten. Hierzulande wird austariert, es werden in jahrelangen Prozessen verschiedene Interessen in Gesetzes­vorlagen destilliert. Allzu Radikales scheitert zuverlässig an Referenden.

Wäre ein «Green New Deal» auch in der Schweiz denkbar? Braucht es so ein übergeordnetes Projekt überhaupt? Und wenn ja: Wie könnte das aussehen? Eine Revision der Verfassung, die den Klimaschutz als Leitstern hat? Ein achter Bundesrat mit Klimadepartement? Ganz etwas anderes?

Wir freuen uns auf Ihre Meinung zur Debatte.

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R. O.
Verlegerin
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Und wie werden wir genug Schnauf gehabt haben, die grosse Transformation zu erwirken?
Noch ein Buchtipp.

https://nachhaltigeraktivismus.org/

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"Mieterin" - In unserer Gemeinde bieten wir speziell für Mieter die Möglichkeit sich an einer Solaranlage zu beteiligen. Das verbessert zwar das Klima, aber in den CO2 Rechnern kann man das (noch) nicht erfassen.
Das frustriert mich auch und deshalb plane ich, mir meinen eigenen CO2 Rechner zu erstellen. Diesen werde ich aber auf open data und open source basierend aufbauen, so dass ihn jeder nach seine Bedürfnissen anpassen kann.

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Gerne möchte ich in unserem Zusammenhang auf die Nobelpreisrede hinweisen, die Olga Tokarczuk gestern gehalten hat, und die man hier nachhören und im polnischen Original oder auf Englisch auch herunterladen kann. Es ist natürlich eine Rede über Literatur, aber im Hintergrund spielt die Klimakrise immer schon eine Rolle. Sie taucht als Thema erst ganz am Ende explizit auf, aber Tokarczuk ruft das Thema schon vorher auf in unseren Köpfen. Zwei Dinge scheinen mir für unsere Debatte besonders interessant.

1.) Tokarczuk fragt nach den Möglichkeiten eines vielstimmigen Erzählens und entwirft eine Utopie von einem Erzählen in der «vierten Person», was man vielleicht so deuten darf: ein Sprechen, das alle Perspektiven auf ein Thema einfangen würde statt die eigene Sichtweise zu verabsolutieren. Das scheint mir insofern zu unserer Diskussion zu passen, als sich meines Erachtens gezeigt hat, dass nie eine einzelne Autorin die eine All-in-One-Lösung präsentiert, die man dann nur anzuwenden braucht; sondern dass es darum geht, unterschiedliche Zugänge zu einem gemeinsamen Ziel zu diskutieren und die Kraft der vielen komplementären Perspektiven zu nutzen. Mich persönlich freut besonders, dass auch der Dialog hier genau das vorgeführt hat.

2.) Tokarczuk macht mit grossem Nachdruck darauf aufmerksam, dass Information allein nicht reicht, sondern dass echte Erkenntnis und die Motivation zur Veränderung noch etwas anderes braucht: Erfahrung. Wir müssen eine Erkenntnis erfahren, als Erkenntnisvorgang; blosse Fakten bleiben für uns leer und abstrakt. Genau darin sieht sie die grosse Stärke von Erzählungen: Sie nehmen uns mit auf einen Erkenntnisweg. Sie haben Dauer – und in dieser Zeitspanne passiert etwas mit uns als Leserin. Das aber lässt sich auf gute Sachbücher übertragen. Denn Sachbücher, das wird oft missverstanden, sind nicht das Gegenteil von Erzähltexten. Non-Fiction heisst nicht, dass es um blosse Faktensammlungen oder eine einzige Kaskade von Argumenten geht. Sie reduzieren ein Problem nicht auf eine Liste von Fakten oder To-Dos. Sondern sie rufen in uns überhaupt erst den Prozess des Erkennens auf. Deshalb ist es kurzsichtig, Sachbücher auf «ihre These» oder zwei, drei «Hauptaussagen» reduzieren zu wollen. Gute Sachbuchautor_innen sind vor allem gute Erzähler ihres Themas. Im Durchgang durch den Text lassen sie uns als Leser einen Erkenntnisvorgang mitvollziehen. Und das bedeutet auch: Wer immer nur die Abkürzung nimmt, bringt sich selbst um das Beste.

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M. S.
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Ein mehrstimmiges Sprechen und wechselseitiges Zuhören, Verständigen und gemeinsames Handeln von Zivilgesellschaft und Politik ist bzw. wäre auf der Grundlage der UN-Agenda2030 mit ihrem mehrdimensionalen und wirkungsorientierten Ansatz der 17 Nachhaltigkeitsziele sehr vielversprechend möglich. Es könnte dadurch die Sektor -, Gärtchen- und auch Stakeholder-spezifische Interessenpolitik (WEF-Akteure) überwunden werden, weil Zusammenhänge wie Armutsbekämpfung, Gleichberechtigung, nachhaltige Produktions-, Distributions- und Konsumptionskreisläufe, Digitalisierung , Klimaziele und vieles mehr gesamthaft in den Blick geraten. „Als Gesellschaft neu darüber nachzudenken, was ein gutes Leben ausmacht.“ (N. Häring).

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kurzer einwurf vom seitennrand: ich bedanke mich bei allen, die hier zur diskussion beigetragen haben, und auch für die vorlage des feuilletons, daniel. ich kann auch nichts wirklich neues beitragen – alles wesentliche ist bereits gesagt, und besser als ich es sagen könnte – aber ich möchte nicht ungesagt lassen, wie wohltuend ich den nahezu vollständigen verzicht auf persönliche eitelkeiten der diskutant·innen empfinde. merci.

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T. F.
Meeresbiologe, Fotograf
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Graeme Maxton ist Schotte, Ökonom und war von 2014 bis 2018 Generalsekretär der Club of Rome. In seinem jüngsten Buch formuliert er auf den Seiten 97 bis 103, was bis wann getan sein muss, wenn die menschliche Zivilisation weiter existieren will. Wer das gelesen hat, weiss erstens, warum die Klimaforscher täglich sagen, dass alle bisherigen Massnahmen völlig ungenügend sind. Zweitens ist man nach der Lektüre vielleicht nicht mehr so sicher, ob man die Abwendung des ökologischen Kollapses immer noch will. Ich werfe das hier mal ein, damit wir alle wissen, wovon wir in dieser Debatte wirklich reden. Graeme Maxton «Change!»

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Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das stimmt, was dort steht. Beispiel: "Skies without planes" - Also keine Flugzeuge mehr? Menschen können sehr kreativ sein, wenn sie wollen. Wenn es sich lohnen würde, könnte man in kurzer Zeit power-to-fuel Anlagen bauen, mit denen Flugzeuge wirklich CO2 neutral fliegen würden. Und die Kosten sind offenbar viel kleiner, als ich vermutet habe und zwar bei CHF 2 bis 5 pro Liter (statt ca. CHF 0.40). Die Flugpreise würden sich damit etwa verdoppeln, aber wären immer noch deutlich günstiger als vor 20 Jahren. Also für mich ist das OK, da ich sowieso lokal kompensiere und daher eine ähnlichen Preis zahlen.

https://ethz.ch/en/news-and-events/…inery.html

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T. F.
Meeresbiologe, Fotograf
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Graeme Maxton macht weiter hinten im Buch diverse interessante Vorschläge. Auch zur «Flugmeile 2.0.»

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J. B.
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Danke für die Massnahmenliste. Sie deckt sich mit vielen anderen Listen dieser Art.
Was jedoch in den meisten dieser Listen fehlt ist ein Hinweis auf die wirklichen Beharrungskräfte, welche zu den grossen Verlierern zählen würden, würden die Listen auch nur ansatzweise umgesetzt. Es ist unsere Wirtschaftssystem, und als Teil davon das sehr mächtige Finanzsystem. Dabei ist es wirklich das System und nicht ein paar mächtige Personen, die das alles steuern. Daher ist es so schwer greifbar. Dieses Problem ist als erstes zu lösen oder mindestens zu beachten, sonst sind alle anderen Bemühungen umsonst.

System Change, not Climate Change!

Eine Methode, die eine spürbare Gegenkraft ergeben würde, wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen, am besten global. Es würde viel Macht aus dem anonymen, nicht greifbaren, aber höchst asozialen System zu den Menschen verlagern.

Eine andere Möglichkeit wäre eine rasche Einführung einer 20-Stunden Woche. Hier würde sich "das System" am meisten wehren, weil es dann nämlich droht, zusammen zu brechen, da eine Schrumpfung des Systems nicht vorgesehen ist.

Oder nochmals anders gesagt: Die Massnahmenlisten müssen auf der Systemebene angepackt werden, sonst werden die Gegenkräfte so gross, dass am Ende nicht viel passiert. (Wenn man unsere oder die deutschen Umweltmassnahmen genauer anschaut, stellt man fest, dass keine einzige das Wirtschaftswachstum angreift. Daher sind die Massnahmen so zahnlos.)

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T. F.
Meeresbiologe, Fotograf
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Sie sagen es Herr B. Das Geldsystem erzwingt den Wachstumszwang und Wachstum ist auf dieser Erde endlich. Wer in 1 Stunde diese systemischen Zwangsjacke (die in den kommenden 30 Jahren zuerst sich selbst und dann unter unvorstellbarem Leiden die menschliche Zivilisation auslöschen wird) begreifen will, dem sei «Geld verstehen» von Christoph Pfluger empfohlen.

Das Gute nach der Lektüre: Wir haben wiederum verstanden, dass wir dieses System entweder freiwillig radikal ändern müssen oder abwarten können, bis sich die Änderung unkontrolliert von selbst einstellt. Wobei auch hier die zweite Option um Potenzen leidvoller sein wird als die freiwillige Variante.

Auch das übrigens ein Büchlein mit 36 Seiten, das von allen Politiker*innen, Managern … gelesen werden muss.

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Lieber T. F., vielen herzlichen Dank für den Buchhinweis und die Seitenangaben mit dem konkreten Massnahmenkatalog. Das ist die Stärke vieler aktueller Bücher zum Thema: Sie geben Kontext, ordnen ein, erklären anschaulich und tiefgründig; aber sie enthalten auch sehr konkrete Vorschläge und präsentieren sie übersichtlich und pointiert.
Mit der rhetorisch zugespitzten Formulierung, ob man die Abwendung des Kollapses dann noch will, verweisen Sie auf eine in der Tat wohl unausweichliche Einsicht: dass es Veränderungen braucht, die auch unsere Gewohnheiten durchrütteln. Wir müssen uns klarmachen, dass dies eine Ausgangseinsicht gegen den Selbstbetrug ist – und nicht ein Gegenargument. Denn dass es so wie bisher nicht weitergehen wird, das steht sowieso schon fest. Wenn wir die Veränderung nicht gestalten, tut es die 3- oder 4- oder 5-Graderwärmung. Exakt diese Alternativen haben übrigens Luisa Neubauer und Alexander Repenning im Blick, wenn sie den Schlusssatz ihres Buches doppeldeutig formulieren: «Der Wandel wird kommen.»

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T. F.
Meeresbiologe, Fotograf
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So ist es. Die Frage, ob wir die von Maxton postulierten Massnahmen wollen, die stellt sich nicht. Wir können uns nur entscheiden, ob wir sie freiwillig umsetzen oder ob wir warten, bis sie sich von selbst realisieren. Physik und Biologie verhandeln nicht. Garantiert!

Wer auch immer das hier liest: Bitte geben Sie Maxtons Buch an Frau Gössi, Herrn Pfister, Herrn Rösti, allen Bundesräten, allen Bankern, allen Gemeindepräsidenten, allen Entscheidungsträgern in Ihrem Umfeld. Beharren Sie darauf, dass diese Menschen das Buch lesen!

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Daniel Häni
Unternehmer
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Wir brauchen einen neuen Steuergrundsatz!

Bisher gilt die «wirtschaftliche Leistungsfähigkeit» als wichtigstes Mass für die Besteuerung. (BV Art. 127). Ist dieser Steuergrundsatz noch richtig? Warum besteuern wir hauptsächlich die Leistung und nicht den Verbrauch von Leistung? Was könnte der richtungsweisende Steuergrundsatz für das 21. Jahrhundert sein? Ist es noch richtig, dass belastet wird, wer die Leistung hervorbringt? Und belohnt wird, wer viel verbraucht? Wie könnte der wirtschaftliche Verbrauch und der ökologische Fussabdruck zum Mass der Besteuerung werden? Wie müsste eine progressive Verbrauchssteuer aussehen?

Ich schlage vor die Bundesverfassung an dieser Stelle zu ändern und neu den wirtschaftlichen Fussabdruck als massgebend heranzuziehen. Eine progessive Verbrauchsteuer wäre der gesunde Boden für einen «New Green Deal».

Wer kann das auch so sehen? Ich bin gespannt auf eure Anregungen.

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Bei der Umweltschäden geht es nicht um Steuern, sondern um das Verursacherprinzip. Wer zum Beispiel den Boden mit Öl verschmutzt, muss den Schanden auf eigene Kosten beseitigen und meistens zusätzlich eine Busse zahlen. Der einzige Grund, warum wir das mit der Luft nicht machen, ist, dass der Schaden nicht so offensichtlich ist und nicht lokal ist. Aber der Schaden ist trotzdem da und sollte beseitigt bzw. belastet werden. Das kostet derzeit ca. CHF 1000 pro Tonne.

https://sz-magazin.sueddeutsche.de/…nzin-85859

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Lieber Daniel, ich bin mir nicht sicher, ob ich Dich richtig verstanden habe. Willst Du wirklich den Verbrauch von Leistung besteuern oder den Verbrauch für Leistung? Im ersten Fall wäre es eine Steuer auf Produkte und Dienstleistungen, im zweiten den (Ressourcen-)Verbrauch, um diese Produkte und Dienstleistungen zu erstellen. Das ist meiner Ansicht nach ein erheblicher Unterschied.

Eine Steuer auf den Verbrauch für Leistung, also auf Ressourcen, hat den entscheidenden Vorteil, dass Produkte im Vorteil sind, die mit wenig Ressourcen erstellbar sind. Im Übrigen muss die Steuer auf Ressourcen an der Quelle erhoben werden, denn dann wird auch Recycling attraktiver.

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Lieber Josef, an diesem Punkt ist Zweiteres gemeint: eine Ressourcensteuer. Der andere Aspekt meines Arguments betrifft eine ganz andere Ebene, nämlich die Besteuerung von Einkommen und Vermögen mit einer differenzierten Progression.

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Lieber Herr Häni, vielen Dank für diese Anregung. Mir leuchtet der Gedanke einer Verbrauchssteuer sehr ein. Allerdings sehe ich keinen Grund, sie zum einzigen Prinzip zu machen und die Besteuerung nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit zu ersetzen – ganz im Gegenteil. Es müsste doch um die Komplementarität beider Prinzipien gehen. Die Besteuerung nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit (was nicht dasselbe ist wie «Leistung»!) ist der solidarische Minimalkonsens einer Gesellschaft, und angesichts der derzeitigen Verhältnisse besteht ohnehin bereits eine Steuerprogression, die die realen Ungleichheitsrelationen kaum adäquat abbildet. Etwas Zweites: Damit Verbrauchssteuern nicht ihrerseits sozial ungerecht werden, braucht es adäquate Rückverteilungsmassnahmen, wie das J. B. meines Erachtens völlig zurecht betont. In der Schweiz gibt es dazu etwa den Vorschlag von Beat Ringger mit dem Namen «Klimabonus». Die neuen SPD-Vorsitzenden in Deutschland etwa schlagen ganz ähnlich eine «Klimaprämienpauschale» vor. Also mein Fazit zu Ihrem Vorschlag wäre: Das eine tun, aber das andere nicht lassen. Vielen Dank nochmals!

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Ich bin schon lange Verfechter einer Ressourcensteuer, je weniger erwünscht, umso teurer. Dazu gehören nicht nur fossile Energien, sondern auch Lärm, Feinstaub, Flächenverbrauch und viele andere unerwünschte oder endliche Dinge.
Progressiv und sozialförderlich liesse es sich gestalten, indem man einen Teil pro Kopf rückverteilt.

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Ja, ich bin auch für eine "Ressourcensteuer". Wenn man die "Ressourcensteuer" pro Kopf rückverteilt, also zum Beispiel über die Krankenversicherungsprämie in der Schweiz, dann ist wohl der Name "Lenkungsabgabe" besser.

Ich habe für mich mal eine Überschlagsrechnung für die Klimagase gemacht und komme auf ca. CHF 300 pro Monat. Nur kann ich das leider nicht genau berechnen, weil mir viele Angaben fehlen. So weiss ich zum Beispiel beim Kauf nicht, wie lange ein Schweizer Apfel im Kühlhaus gelegen ist und woher das Kühlhaus seinen Strom bezogen hat.

Und mit der Einführung von Lenkungsabgaben sollte man auch das Mass für die Wirtschaftliche Entwicklung anpassen, denn hohe Lenkungsabgaben würden sonst ein hohes Wirtschaftswachstum suggerieren. Statt des "Bruttoinlandsprodukt" sollte man wohl besser den Bruttosozialnutzen als Basis nutzen.

https://www.quora.com/How-we-can-ca…n-Zielonka

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Rolf Müller
Intellektueller Landarbeiter
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Interessante, sehr humorig und hintergründig geschriebene Bücher-Vorstellung!
Bei allen "Lösungswegen" fällt immer wieder auf, dass die AnbieterInnen dieser jeweiligen "Lösungen" auf ihren Lieblings-Steckenpferden herumreiten, wie zum Beispiel "Gesunde Ernährung", "demokratische Selbstverwaltung", oder "Selbstregulierung durch den Markt", und so weiter.
Ausserdem hält sich jedeR "LösungsanbieterIn" für sich selber eine prominente Rolle beim Umsetzungsprozess bereit und fordert "mehr Mittel!" für diesen Umsetzungsprozess und für die eigene Hauptrolle darin.
Entspanntes "Nichts Tun" kommt offenbar in unserer durch und durch "amerikanisierten" und auf stressige Hektik getrimmten "Fit für die Zukunft!"-Hochleistungsaktivismus überhaupt nicht in Frage!
Dabei wäre doch "Nichts Tun" und regional-saisongerecht zu Hause und am Wohnort bleiben, etwas in der Gegend herumspazieren und einfach nur schauen überaus Energie sparend!
Aber das ist halt nicht "sexy"...
Viel toller und beeindruckender ist es doch, an internationalen Klima-Kongressen teilzunehmen, gewichtige Reden zu halten und von Termin zu Termin zu fliegen, um mit gewichtigen und mächtigen Persönlichkeiten und Stars die "Rettung der Welt!" voranzutreiben, so wie uns das in den Action-Filmen mit James Bond 007 als Vorbild zum Nacheifern ins Unterbewusstsein eingeimpft wurde.
Jetzt sollen also die Rindviecher schuld sein am Klimawandel.
Geht's eigentlich noch?!
Im Namen dieser wunderbaren (notabene in Indien heiligen!) Gross-Wiederkäuer erkläre ich Einspruch!
Wer schon mal in den tiefen Blick von Kuh-Augen eingetaucht ist, wie in einen tiefen und dunklen See, und wer die Hemmungslosigkeit und Freiheit von Rindern kennen und lieben gelernt hat, kommt von dieser Faszination nicht mehr los!
Kühe machen impulsiv und oft in Zeitlupe genau das, was ihnen als Nächstes in den Sinn kommt.
Wenn sie fressen wollen (und sie müssen VIEL fressen, täglich Berge von Gras!), dann fressen sie.
Wenn sie brunzen, oder scheissen ("pfluttern", wie der Volksmund sagt) müssen, dann scheissen sie, gleichgültig, wo sie gerade stehen und was gerade hinter ihnen steht...
Ausfallschritte passieren ohne Vorankündigung, plötzlich, ruppig und entschlossen.
Und jede Kuh ist ein Individuum mit gewissen Spezialitäten und mit eigenem Sozialleben innerhalb der Herde.
Also, wenn irgendjemand die Rinder schlecht redet und aus dieser Welt schaffen will, dann werde ich mich als mit Rindern symbiotisch verbundener "Chüeni" aufs Heftigste dagegen wehren!
Am heftigsten werde ich Widerstand leisten, wenn es um die von mir persönlich mit betreuten Kühe und Kälber geht!
Aber Massentierhaltungen können meinetwegen schon morgen in Getreide- und Gemüsefelder umgewandelt werden.
Was die Massentierhalter und die konsumierenden Massen dazu sagen, möchte ich jetzt gar nicht so genau wissen.
...

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Lieber Herr Müller, besten Dank. Viele interessante Gedanken! Bei einer Sache bin ich nicht 100% sicher, ob ich Sie richtig verstehe, die Sache mit den Rindern. Nur für den Fall, dass an diesem Punkt Unklarheit herrschen sollte: Natürlich würde Jonathan Safran Foer niemals behaupten, die Rinder hätten «Schuld» (im Sinne des Wortes). Die Verantwortung für steigenden Fleischkonsum und Massentierhaltung, verbunden mit einer gigantischen Entwaldung für Weideflächen und Futtermittelanbau, tragen selbstverständlich wir Menschen. Foer würde ähnlich respektvoll über die Tiere sprechen wie Sie – und wahrscheinlich dazusagen, einer der Wege, diesen Respekt zum Ausdruck zu bringen, wäre, sie nicht aufzuessen; schon gar nicht nach wenigen Monaten Lebenszeit in der Mast, wenn die Tiere sonst eine Lebenserwartung von 20 Jahren haben.

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Rolf Müller
Intellektueller Landarbeiter
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Die "Nutztier-Haltung" ist eine heikle Gratwanderung zwischen der Liebe zum Tier, das ja in einer artgerechten Haltung liebevoll gehegt und gepflegt und mit allerbestem Futter versorgt wird, und der Selbst-Liebe, die dafür sorgt, dass wir UNS SELBST gut und vollwertig ernähren, mit einer vollwertigen Kost, inklusive Fleisch und Milchprodukte.
Wir leben also mit den Rindern in einer historisch lange gewachsenen Symbiose-Beziehung, von der beide Partner profitieren, aber auch gegenseitig verpflichtend vereinnahmt werden.
Das Töten und Essen ist ein winzig kleiner Aspekt dieser hoch entwickelten Symbiose-Beziehung, der aber von Vegetariern und Veganern immer wieder auf das allergrösste Interesse stösst!
Warum das so ist, ist für mich schwer nachzuvollziehen.
Für mich ist dieser eine, grässliche Tag der Schlachtung eher etwas zum Verdrängen. Über die anderen 364 Tage im Jahr der Haltung eines Tieres spreche ich viel lieber...

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Rolf Müller
Intellektueller Landarbeiter
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· editiert

...
Aber vermutlich werden in deren Gehirnen ähnliche Prozesse ablaufen, wie in meinem eigenen, nach dem Motto: "Wo ein starker Wille ist, da entstehen auch sehr viele passende Argumente dazu!"
Wer will schon sein ganzes lebenslang angesammeltes Know How und seine "enorme Wichtigkeit im Rahmen eines grossen Ganzen" aufgeben und seine Existenz und seine gesellschaftliche Rolle auch gleich mit auflösen?
Niemand.
Darum müssen allfällige Lösungen "anschlussfähig" sein!
Auch wenn die Zeit drängt, hilft Radikalität wenig und ist sogar kontraproduktiv!
Für die Rindviehhaltung könnten Bio-Richtlinien automatisch die Zahl der Tiere reduzieren, ohne dass die Tierhalter gleich arbeitslos werden müssten.
Gleichzeitig würde dadurch der Preis für Rindfleisch auf ein höheres Niveau steigen, so dass sich die Landwirtschaft auch finanziell wieder mehr lohnen würde und die KonsumentInnen eine bessere Qualität bekämen.
Die Umweltbelastungen und Krankenkassen-Kosten würden mit qualitativ verbesserter Lebensmittelversorgung sinken, so dass Steuern und Prämien gesenkt werden könnten.
Und so weiter!
Durch leichtes Drehen an einzelnen Stellschrauben können fruchtbare Dynamiken in Richtung Nachhaltigkeit in Gang gesetzt werden, was bei einzelnen "Öko-Individuen" bereits passiert, gelingt und weitere Kreise zieht, aber leider noch nicht auf der Ebene Nationalstaat und Supra-Nationalstaat angekommen ist.
Wenn wir die Öl- und Kohleindustrie ersetzen wollen und diese sich (selbstverständlich!) mit Händen und Füssen gegen ihr eigenes Verschwinden von der Bildfläche sträubt, so dass sie in ihrer existentiellen Verzweiflung sogar den wissenschaftlich eindeutig belegten Zusammenhang zwischen Weltklima-Erwärmung und CO2-Ausstoss leugnet, hilft es nicht, diese Leute missionarisch für eine "Green Economy" bekehren zu wollen!
Wir müssen ihren Tankstellennetzen und ihren Raffinerien "grüne Treibstoffe" zur Verfügung stellen, so dass sie weitgehend so weiter funktionieren können, wie sie bisher funktioniert haben, nur jetzt eben "grün".
Und diese "grünen Treibstoffe" erhalten wir mit Wasserstoff, Bio-Gas und "erneuerbarem Methan und Kerosin".
"Grüne Kraftstoffe" generieren wir mittels Elektrolyse mit Strom von Sonne und Wind.
Besonders interessant sind dabei die Solarthermischen Grosskraftwerke in Wüsten- und Halbwüstengegenden.

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Rund 10% der Nationalbank-Bilanzsumme, die zwischen 2009 und 2019 von 50 auf 750 Milliarden CHF aufgebläht wurde, reichen aus, um Solarkraftwerke zu erstellen, die mehr Strom zu produzieren als die Schweiz braucht - inklusive Elektromobilität.
Variante a) z.B. in Tunesien, ergänzt mit gigantischer Power-to-Gas Anlage. Das Solargas gelangt über die vorhandene Gas-Pipleine in die Schweiz, und tausende Tunesier und potentielle Migranten würden in einem solchen Giga-Projekt einen Job finden.

Um der Aufwertung vom CHF entgegen zu wirken, muss massiv im Ausland investiert (oder eingekauft) werden. Anstatt dass wir Schweizer via Nationalbank grösste Aktionäre bei Apple, Microsoft und Starbucks sind, können die Milliarden in Solaranlagen investiert die Schweiz "problemlos" CO2-frei machen. Falls das Giga-Projekt nicht wirtschaftlich wäre - was ich nicht annehme - würde schlimmstenfalls der CHF geschwächt - was zumindest vorerst ja das Bestreben der Notenbank ist...

Variante b) - Hochalpine PV ist ebenso ertragsreich wie PV in der Sahara. Wenn die Solarparks in den Schweizer Alpen gebaut werden, entfällt zwar der Aspekt, dass durch Jobs in Nordafrika der Migrationsdruck sinkt. Aber einigen mögen inländische Kraftwerke lieber sein - sofern dies landschaftlich akzeptiert wird... Dass damit inländische Jobs entstehen, steht dem Währungsschwächungsaspekt entgegen; aber immerhin würden für ein paar Milliarden PV-Module importiert, womit auch ein Beitrag zur CHF-Stabilisierung geleistet würde.

Wir haben die Technik und die fragwürdig angelegten Nationalbank-Milliarden verfügbar - was spricht dagegen? (Mehr zum global- und volkswirtschaftlichen Kontext auf www.ibee-studer.net/ökonomik)

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(unsichtbar)
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Damit die „Vision“ etwas greifbarer wird: Investition in ca 50 GWp PV, das beansprucht eine Fläche von ca 20 x 20 km. 2018 wurden weltweit rund 100 GW PV installiert; eine Aufteilung vom Projekt auf 5 Jahre x je 10 GW wäre denkbar.
Wenn zudem rund 25 Milliarden CHF in eine dazugehörige Power-to-Gas Anlage (Wasserstoffproduktion) investiert wird, haben wir noch immer kaum 10% der Nationalbank-Bilanzsumme beansprucht. Die kleine Schweiz würde damit einen global beachtenswerten Meilenstein setzen - und seine saubere Energiezukunft sichern.

Da die Nationalbank angeblich nicht gezielt-strategisch investieren darf (?), sollte aus einem Teil vom Nationalbank-Portfolio wohl ein Staatsfond geschaffen werden.

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Ja, den Klimawandel zu verhindern ist günstiger als viele meinen (ca. 3% der Wirtschaftsleistung), aber warum nur ein einzelnes Projekt? Bei vielen kleinen unterschiedlichen Projekten ist das Kosten/Nutzen Verhältnis sehr wahrscheinlich besser.

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Sehr interessanter Bericht und eine noch viel interessantere Diskussion. Die erwähnten Bücher kann ich jedem empfehlen.

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Lieber Herr Gribi, Ihre Einschätzung zur Diskussion teile ich voll und ganz und möchte mich bei dieser Gelegenheit nochmals sehr bei allen Teilnehmenden bedanken. Was kein Abschluss-Statement sein soll!

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T. F.
Meeresbiologe, Fotograf
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Ich werfe auch noch ein Buch, es ist mit seinen 35 Seiten eher ein Büchlein, in die engagierte Debatte, weil es ein fundamental wichtiges Buch ist: «Geld verstehen» von Zeitpunkt-Verleger Christoph Pfluger. Pfluger legt darin nach 30 Jahren Arbeit am Thema schlüssig dar, warum unser Geldsystem den ökologischen und ökonomischen Kollaps bewirkt. Und er macht Vorschläge, wie wir aus dieser tödlichen Falle kommen. Es kann bei der edition Zeitpunkt bestellt oder hier online gelesen werden. Sollte es vergriffen sein, ich habe noch welche vorrätig.

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Weiteres "Hinkebein" von Foers USA-Vergleich im Kampf gegen die Nazis: damals ging es um einen zeitlich begrenzten Einsatz, der Aussicht hatte, zu sowas wie dem Vorzustand oder was noch besserem zurück zu kehren, wenn die riesige Aufgabe geschafft wäre. Bei der Klimakatastrophe aber müssten wir verwöhnten Reichen uns sehr rasch nicht nur vorübergehend einschränken und anstrengen, sondern ziemlich null Komma plötzlich ganz definitiv. Ich zumindest glaube nicht an die technologischen Deus ex Machina Lösungen zur bequemen doch-noch-Besitzstandswahrung.
Trotzdem: motivierende Beispiele von Grossen, das wir wider Erwarten gemeinsam geschafft haben, tun not, auch wenn sie etwas hinken!

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Lieber Herr Graf, ich möchte der „Literaturliste“ zu dem sehr inspirierenden Artikel gerne einen Titel beifügen, der zwar wohl nicht diesen Herbst erschienen ist (aber dtsch. 2019) und auch nicht zu den „hochkarätigen“ Bestsellern gehört, der aber der Debatte m.A.n. einen brisanten Aspekt besteuert, den des Ökofeminismus: Vandana Shiva. Eine andere Welt ist möglich. Aufforderung zum zivilen Ungehorsam, beschreibt in klaren Worten aus ihrer Perspektive als Aktivistin, Physikerin und Dr. in Wissenschaftstheorie den “ausbeuterischen Kern des Systems”: “Ausbeutung der Natur, die Herrschaft über Frauen und über die Kulturen der Dritten Welt” gehen Hand in Hand; sie beschreibt sehr anschaulich und anhand konkreter, erlebter Beispiele wie die Mechanismen des Marktes der Umwelt, den Frauen und den “Ländern des Südens” schaden; ein sehr nahbares Bespiel für die komplexen Zusammenhänge mit denen wir es zu tun haben. Thanks for your attention.

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Sehr herzlichen Dank, liebe Frau H. Ich kenne das Buch bisher nicht, aber wie ich sehe, ist es bei dem sehr unterstützenswerten Oekom Verlag erschienen, wo es auch eine Leseprobe gibt. Gerne teile ich also den Link zur Verlagsseite: https://www.oekom.de/buch/eine-ande…3962381349

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H. K.
Leser, Mediziner
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Welche Rolle spielt das "Nutztier" Mensch mit seinem Methanausstoss?

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M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
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Hüstel, laut einer Studie produziert eine Kuh pro Tag durchschnittlich 200 bis 300 Liter Methan. Der Mensch nur etwa 600 Milliliter.

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M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
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Ein Gedanke noch zur gereizten Frage "sind dann die CO2-Moleküle die Nazis oder was?", die mich in anderer Form auch schon beschäftigte.

Dass erst ein gemeinsamer Feind der gesamten Menschheit diese zu einen und zu Übermenschlichem zu motivieren vermag, gilt ja bereits als Cliché in Film und Literatur.

Aber natürlich auch in der Politik.

Man denke dabei an die berühmt-berüchtigten Worte Carl Schmitts:

Die spezifische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von Freund und Feind.

Das Vertrackte im Fall der Klimakatastrophe ist aber, dass "der Feind", wenn es einen gibt, nicht "die Natur" oder "das Klima" ist, sondern "wir selbst" und unsere gesamte "imperiale Lebensweise".

Wir müssen also gegen uns selbst handeln. Wie anstrengend.

Eine letzte Assoziation: Wir kämpfen gegen den Teufel in uns und in der Welt, um in der Apokalypse gerettet zu werden - oder auszusterben.

Erneut - ein Cliché.

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Als Mitgründer der "Eltern fürs Klima" wende ich mich immer wieder klar dagegen, dass die Leute ihre Energie und Zeit gross in die Selbstoptimierung stecken, bevor sie politisch aktiv werden. Weshalb?
Die Vergleiche zur Bevölkerung in den USA während des Weltkriegs, die kollektiv Benzin sparte, die Beleuchtung reduzierte usw. treffen auf die momentane Situation leider noch nicht zu: All diesen freiwilligen Änderungen der US-Bevölkerung ist ein breiter Konsens vorangegangen, dass die Regierung alles ihr Mögliche unternimmt, um den Krieg zu gewinnen, dass alle am selben Strang ziehen. Hätte es etwas gebracht, wenn einzelne einfach mal damit begonnen hätten, das Licht zu reduzieren, ohne sich davor zu versichern, dass die Regierung eine gewaltige Militärmaschinerie gegen die Aggressoren zur Verfügung stellt? Nein - es hatte erst einen positiven Effekt, als man gemeinschaftlich festlegte, dass man zusammen handelt.
Diesen Punkt müssen wir in der Klimadebatte so schnell es nur geht erreichen. Dafür müssen wir auf die Strasse gehen, Forderungen stellen - und nicht in erster Linie bei uns selber anfangen. So unschön das tönt - das ist der Weg, dem Klima und nicht nur dem eigenen Gewissen zu helfen.

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"Forderungen stellen ..." - Und welche sind das konkret? Ich würde vorschlagen:

  1. Alle Klimagasemissionen in der Emissionszertifikatehandel mit einbeziehen.

  2. Die Menge der Emissionszertifikate jedes Jahr um mindestens 10% reduzieren

  3. Solange die Zertifikate weltweit noch nicht an der Quelle erhoben werden, "graue" Emissionen durch Warenimporte an den Grenzen erheben. (Und beim Export zurückerstatten, um nicht unnötige Verlagerungen zu verursachen).

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Lieber Herr H., vielen Dank. Wie ja auch in meinem Text steht, teile ich mit Ihnen die Ansicht, dass politische Lösungen vollkommen unabdingbar sind. Und dass die bisherigen Antworten, auch zum Beispiel seitens der einst als Klimaweltmeister gefeierten (und von Rifkin weiterhin über den grünen Klee gelobten) deutschen Bundesregierung, nicht ansatzweise ausreichen. Was mir allerdings nicht recht einleuchtet: Warum muss das Wichtigste auch das Erste und Einzige sein? Warum so vehement auf einer zeitlichen Reihenfolge beharren? Oder konkreter: Was hindert uns daran, zusätzlich zu dem Hindrängen auf politische Lösungen auch schon das zu tun, was man als richtig erkannt hat? Ich sehe einfach den Ausschlussmechanismus nicht. Vielmehr - das betont Foer zurecht - helfen konkrete Alltagshandlungen gegen das Gefühl der Macht- und Tatenlosigkeit, verstärken einen Solidarisierungseffekt, den es natürlich auch auf die Strasse zu tragen gilt, und können der Politik und der Wirtschaft zeigen, dass mündige Bürgerinnen und Kunden das Problem verstanden haben und Konsequenzen ziehen. Diese Dinge muss man nicht gegeneinander ausspielen. Schon deshalb nicht, weil wir nicht glauben sollten, unser Leben könne einfach dasselbe bleiben. Insofern kann ich Frau J. Einwand sehr gut nachvollziehen und denke, es macht überhaupt keinen Sinn, in eine Konkurrenzdebatte um die noch schlauere Lösung zu gehen. Machen wir einfach auf möglichst vielen Ebenen, was wir mit guten Gründen als sinnvoll erkennen. Zum Beispiel sich bei "Eltern fürs Klima" engagieren - finde ich grossartig.

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Lieber Herr Graf, ich plädiere nicht dagegen, dass man macht, was man kann... ich mache das selber zu einem recht hohen Grad auch. Aber ich fordere es sehr bewusst nicht (mehr) von anderen ein. Ich erlebe es einfach zu oft, dass Leute finden, sie seien nicht berechtigt an Klimademos teilzunehmen oder politische Forderungen zu stellen, weil sie selber ja noch Klimasünder seien. Ich zeige auf, dass dieser Fokus auf den eigenen Fussabdruck dazu führte, dass Leute zum Schluss kamen, dass sie kein Anrecht hätten, nach Veränderungen zu rufen. Der Fokus auf den persönlichen Fussabdruck lähmt uns also - einige gehen noch einen Schritt weiter und sagen, dass viele Klimaleugner die Krise leugnen, weil sie so ihr schlechtes Gewissen in den Griff kriegen - denn dass sich das Klima gerade rasant ändert, das entgeht auch diesen Leuten nicht. Nur ertragen sie es nicht, sich schuldig zu fühlen - und negieren dann lieber die Krise.
Machen Sie selber den Versuch: Gehen Sie an einen Tisch mit Bekannten und starten Sie eine Diskussion über das Klima. Die erste Reaktion ist meist ein Rechtfertigen - ja ich weiss, ich habe ein Auto - ja ich weiss, ich habe etwas in Plastik verpacktes gegessen... Anstatt wie bei anderen Themen "wir gegen sie" handeln, ist es beim Klima ein "wir gegen uns" - wir schauen den Nachbarn schräg an, weil er SUV fährt, die Kollegin wird zurechtgewiesen, weil sie in den Urlaub flog. Diese Leute verhalten sich künftig kaum viel besser, aber sie werden sich politisch eher weniger für das Klima engagieren - weil wir ihnen vermitteln, "Du bist einer von denen, die wir bekämpfen". So gewinnt man nicht. So hat man noch kein Problem gelöst.
Ich weiss, moralische Wertvorstellung verlangen danach, die Kollegin und den Nachbarn für das schädliche Verhalten zu verurteilen. Aber es lenkt ab - so stark, dass wir jetzt vor der grössten Katastrophe stehen und noch immer nicht in die Gänge kommen. Und diese Katastrophe passieren zu lassen, ist die allergrösste moralische Schuld, die wir auf uns ziehen können. Deshalb sollten wir alles tun, was dem Klima hilft. Die Klimakrise wäre zu vermeiden - wenn wir in den Kampf ziehen - Wir gegen diejenigen, die uns seit Jahrzehnten anlügen, uns mit gekauften Thinktanks, Politiker*innen, Lobbyisten verwirren, uns von den Lösungen dieser lösbaren Krise abhalten. Und nicht in den Kampf gegen den dazu im Vergleich unschuldigen, aber halt viel sichtbareren Nachbarn oder uns selber.

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Lieber Herr H., ich glaube nicht, dass es in der Klimadebatte eine einzig richtige und wahre Lösung gibt. Sie stellen 'Selbstoptimierung' 'politischer Aktivität' gegenüber, wie wenn es nur das eine oder das andere gäbe. (Abgesehen davon, dass 'Selbstoptimierung' für mich etwas anderes bedeutet, aber das lassen wir mal beiseite. Ich verstehe, was Sie meinen). Weshalb nicht das eine tun und das andere nicht lassen, 'sowohl-als auch' statt 'entweder-oder'? Das eigene (Enegie)Konsumverhalten hinterfragen und im gewünschten Sinn verändern, i.e. minimieren, und auf der anderen Seite in derjenigen Art politisch aktiv werden, die einem persönlich am meisten liegt? Nicht alle sind in allem gleich gut.
Etwas vom ersten, was wir m.E. dringend über Bord werfen sollten, weil es als unnötiger Ballast ein Vorwärtskommen erschwert und Energie in endlosen Streitereien vergeudet, ist das Denken in schwarz-weissen Kategorien.

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Liebe Frau J. Seinen Fussabdruck zu reduzieren ist sicher nie falsch - völlig einverstanden. Aber bei der Priorisierung gibt es meiner Ansicht nach schon richtig und falsch - so ist es sicher kein Zufall, dass die Erdöllobby seit Jahrzehnten erfolgreich den Umweltschutz an die Individuen delegieren will. Oder um wieder das im Artikel verwendete Beispiel des Weltkriegs in den USA zu verwenden: Es gab auch da ein richtig oder falsch: es wäre völlig falsch gewesen, seine Energie darauf zu verwenden, die Lichter zu löschen, so lange die Regierung nicht die Verteidigung organisiert. Man musste zu dieser Zeit die Regierung ins Boot holen, wenn man von der Bedrohung wusste. Genau so muss jetzt die Regierung zum ernsthaften Handeln gebracht werden - und dann alle an der Lösung mithelfen.

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Wir Schweizer sind die Lieblingskinder des lieben Gottes. Wir können tun und lassen, was wir wollen, es kommt immer gut heraus. Für uns. Wir werden von Kriegen verschont, wir haben die höchsten Vermögen, am meisten Milliardäre, das sauberste Wasser, den grünsten Strom, den besten Käse, wir sind einfach die Besten, und deshalb brauchen wir uns um diese Klimahysterie nun wirklich nicht zu kümmern. Dieses Thema geht die winzige Schweiz absolut nichts an und, wie schon gesagt, für uns kommt es immer gut heraus.

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Vielen Dank Daniel Graf, dass Sie speziell mit diesem Beitrag aus der Feuilleton-Nische hervorkommen, sind doch Ihre inhaltliche und sprachliche Kompetenz für mich in diesem sehr aktuellen Thema noch relevanter!
Der Vergleich der 3 Bücher verweist auf eine Schlüsselthematik in der Klimadiskussion. Alle drei Autoren haben in unterschiedlicher Weise recht: Froer weil er uns mit grosser Dringlichkeit in persönliche Verantwortung nimmt, Rifkin weil er ökonomische Potentiale aufzeigt (Pensionskasse!!) und Klein die Notwendigkeit politisch-staatlichen Handelns. Alle drei müssen gleichzeitig zusammenwirken, das ist der Kern eines Green New Deals.
Hier ein weiterer Schlüsselaspekt im Zitat aus Daniel Grafs Beitrag:

Und Foer zeigt am historischen Grossbeispiel, dass es selbst für massivste Einschnitte breiten gesellschaftlichen Zuspruch geben kann, wenn sie überzeugend begründet, fair auf sämtliche Gesellschafts­schichten verteilt und mit einem Zukunfts­versprechen für alle verbunden sind.

Danke für Input und Debatte.

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Lieber Herr Messmer, vielen herzlichen Dank – freut mich natürlich. Wenn ich trotzdem an einer Stelle widersprechen (oder vielleicht besser: einem möglichen Missverständnis vorbeugen) darf: Wir haben uns im Feuilleton nie als Nischen-Veranstaltung verstanden. Wenn Sie einmal systematisch durch unsere Beiträge gehen, werden Sie feststellen, dass wir von Essays über Interviews und Rezensionen bis hin zum Buchclub immer wieder sehr explizit politische und gesellschaftliche Debatten aufgreifen. Und dass wir auch da, wo die Fragestellungen im engeren Sinne ästhetische sind, versuchen in fast allen Texten klarzumachen, wo die aktuelle Relevanz und die Bezüge zur Gegenwart liegen. Denn Kunst in ihren unterschiedlichsten Spielarten ist nach unserem Verständnis genau das: kritische Auseinandersetzung mit virulenten Themen und Fragen, die uns angehen. Klar, das ist dann natürlich vermittelter, indirekter, oft vielleicht auch fordernder als etwa bei einem Debatten-Sachbuch. Aber dadurch, wenn es gelingt, auch partizipativer, erfahrungsorientierter, überraschender, unkonventioneller; augenöffnend auf eine involvierende Weise. Ich sehe nicht den geringsten Anlass, warum wir uns zwischen feuilletonistischen und nicht-feuilletonistischen Perspektiven entscheiden oder überhaupt eine solche Dichotomie aufmachen sollten. Ein Glück, gibt es beides! Kritische Reflexion der Gegenwart, das schliesst für uns unbedingt auch die kritische Reflexion der Künste mit ein. Diese zu vermitteln und möglichst greifbar zu machen, so, denke ich, verstehen wir unsere Aufgabe bei der Republik.

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Danke für Ihre Antwort, die ich gut verstehe. Ich verfolge Ihre Beiträge immer sehr gerne und finde sie alle relevant. Mich besorgt Aber eben besonders die Klimathematik resp. vielmehr die viel grundsätzlichere Frage der heute notwendigen Systemveränderung und ich wünsche mir gerade Ihre feinsinnige, sehr vernetzte und klare Perspektive in solchen Fragen. Deshalb meine nicht ganz angemessene Nischenpolemik.
Herzlich
Arnold Messmer

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(unsichtbar)
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Vielen Dank, Daniel Graf, für diese Einschätzung der aktuellen Literatur zur Klimakrise. Bei Ihrem Hinweis auf das Buch von Beat Ringger vermisse ich allerdings eine Auseinandersetzung mit seinen Vorschlägen zu einem System Change-Klimaprogramm. Z.B.: Die zweite Spur der Autobahn wird für Busse und andere Formen des öffentlichen Verkehrs reserviert. Das wäre ein massiver Anreiz, vom Auto auf den ÖV umzusteigen! Und zudem ein wirksamer Beitrag zur Senkung des CO2-Ausstosses.

Das ist nur einer von insgesamt 27 Vorschlägen bzw. Forderungen. Wenn's konkret werden soll, dann bietet das Klimaprogramm eine Menge nützlicher (und selbstverständlich auch provokativer) Ideen.

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Lieber Herr S., besten Dank! Sie merken ja an meinem Text, dass ich die Lektüre von Beat Ringgers Buch sehr empfehle. Dass die Ausführungen dazu hier eher knapp gehalten sind, hat also schlicht einen pragmatischen Grund: Irgendwo muss man einen - ohnehin schon umfangreichen - Text ja begrenzen. Und da man Beat Ringgers Buch kostenlos herunterladen (oder sich zu einem sehr fairen Preis als Taschenbuch kaufen) kann und dort alle 27 Vorschläge luzide aufgelistet hat, wollte ich nicht den Text quasi verdoppeln, sondern vor allem ein paar Grundgedanken erfassen und aufzeigen, inwiefern sein Buch sich sehr direkt in den Diskurs um Klimagerechtigkeit einfügt, den derzeit viele hochkarätige Autor_innen führen. Haben Sie übrigens unseren zweiten, kurzen Überblickstext zur aktuellen Klimaliteratur entdeckt? Dort findet sich u.a. auch der Link zu Beat Ringgers digitaler Buchfassung:

https://www.republik.ch/2019/12/04/…des-jahres

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Lieber Herr Graf! Vielen Dank für den Hinweis! Diese Zusammenschau hatte ich jetzt noch nicht entdeckt.

Noch erwas anderes: Vielleicht wäre es sinnvoll, auch einmal einen Blick in die jüngere Vergangenheit zu werfen. Das Thema der ökologischen Krise ist ja nicht neu, sondern wird seit mehr als 40 Jahren diskutiert. Welche Vorschläge wurden im Verlauf dieser Jahrzehnte entwickelt und diskutiert - und bei welchen würde es sich lohnen, noch einmal darauf zurück zu kommen?

Mein "Favorit" ist die Idee der Schaffung eines Ökologischen Rates als eines neuen Verfassungsorgans mit eigenen Kompetenzen (z.B. einer Vetomacht bei Beschlüssen der anderen Kammern, die entscheidende Auswirkungen auf die Lebensgrundlagen haben). Die Idee wurde vom einstigen DDR-Dissidenten Rudolf Bahro 1987 in einem Buch lanciert, fand aber damals kaum Resonanz. Jetzt wäre es an der Zeit, den Gedanken einer Neuinstitutionalisierung unseres Staatswesens wieder aufzugreifen.

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Ziemlich sicher brennt es so sehr und läuft uns die Zeit so rasch davon, dass ich Diskussionen, welche Aspekte und möglichen Angriffspunkte gegen den Klimawandel nun die richtigeren oder wichtigeren seien, höchstens akademisch interessant finde. Entscheidend ist: wie kommen wir Menschen (da ist Politik und Wirtschaft mitgemeint, trotz Eigendynamiken immer noch menschengemacht) in wirkliche Bewegung, raus aus der Erstarrung oder Trägheit oder Verleugnung oder Ignoranz?Möglichst viele, möglichst rasch, alle in mindestens ähnlicher Richtung? Und da ist es nur oberflächlich gesehen irritierend, wenn es scheinbar total verschiedene Herangehensweisen gibt. Realistisch betrachtet (wie funktionieren wir Menschen?) ist das sogar dringend nötig: man muss Menschen ansprechen, die an unterschiedlichsten (geographischen, finanziellen, kulturellen, ethischen, weltanschaulichen, psychologischen...) Orten stehen. Das kann gar nicht gelingen mit nur einer Art von Message, welche für sich maximalen Wahrheitsanspruch erhebt. Sowieso haben wir mit solchen Wahrheitsansprüchen ja geschichtlich keine guten Erfahrungen gemacht... Zudem, bei einigen dringlichen Massnahmen würde ja unter den "Klimabewegten" relative Einigkeit herrschen, obwohl Leute aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommend zu diesen Folgerungen gekommen sind.

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"... wie kommen wir Menschen ... in wirkliche Bewegung ..." - Geld hat bisher auch international ganz gut funktioniert, um Menschen in Bewegung zu setzen. Also z.B. CHF 1000 pro Tonne CO2 äquivalent Emission an der Quelle (oder beim Warenimport) erheben und die Menschen werden sich ganz schnell ganz viele Lösungen einfallen lassen, um Klimagasemissionen zu vermeiden. Das kostet vermutlich weniger als 3% der Wirtschaftsleistung, aber kann durch die nötigen Investitionen auch zu einem deutlichen Wirtschaftswachstum führen und vielleicht sogar die Zinsen wieder in den positiven Bereich bringen.

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Für was brauchen wir Wirtschaftswachstum? Leiden wir an einem materiellen Mangel? Leiden wir nicht viel mehr an einem Mangel an Zeit und Musse?

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M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
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Sehr geehrte V. H., Sie sprechen einen sehr wichtigen Punkt an.

[W]ie kommen wir Menschen [...] in wirkliche Bewegung, raus aus der Erstarrung oder Trägheit oder Verleugnung oder Ignoranz? Möglichst viele, möglichst rasch, alle in mindestens ähnlicher Richtung?

Die Soziologin Kari Marie Norgaard forschte dazu und fordert:

Resistance at individual and societal levels must be recognized before real action can be taken to effectively address threats facing the planet from human-caused contributions to climate change.

In ihrem Buch Living in Denial. Climate Change, Emotions, and Everyday Life beschreibt Sie aufgrund ihrer qualitativen Forschung in einem norwegischen Dorf das Problem als socially organized denial. Einem sozialen Pendant des psychic numbing oder
der emotionalen Taubheit.

Das heisst:

[I]nformation about climate science is known in the abstract but disconnected from political, social, and private life [...].

Our response to disturbing information is very complex. We negotiate it. We don't just take it in and respond in a rational way [...].

Sie fordert deshalb, dass der Fokus nicht nur auf den Naturwissenschaften liegt, sondern auch auf den Sozialwissenschaften. Wobei bei letzteren der Fokus wiederum nicht alleine auf den Individuen liegen darf, sondern inter- und transdisziplinär auf das Wechselspiel - also die positive Rückkopplung - von Individuen, Kultur und Gesellschaft gelegt werden soll.

In einem Arbeitspapier für die World Bank Policy Research stellt sie die zentrale Forderung:

In order to counter the fact that people don’t like to feel powerless, we must not only design policies in which citizens appear more powerful, but we also need to provide a playing field upon which their actions actually do matter.

Und zeigt auch verschiedene (Leitlinien für) policies auf.

Wen wunderts dann, dass sie von einem prominenten US-konservativen Moderator böse angegangen und von seinen follower gemobbt worden ist?

Wie dem auch sei. Ich kann Ihnen ihr Buch nur sehr empfehlen.

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Vielen Dank, lieber Michel, für diesen Buchhinweis! Das klingt in der Tat nach einem wichtigen Buch (ich kannte es nicht).

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Liebe Frau H., vielen herzlichen Dank. Sie formulieren sozusagen die Motivation für diesen Überblickstext: Es wäre ganz sicher falsch, bei einem Problem dieses Ausmasses zu denken, es könne die eine allwissende Stimme geben, die den Königsweg aufzeigt. Stattdessen kommt es darauf an, kluge und konstruktive Lösungen und Ideen aus unterschiedlichen Perspektiven und Ansätzen zusammenzudenken, miteinander zu konfrontieren und die Ideen kontinuierlich weiterzudenken – ohne mit dem Anfangen und Verändern zu warten, bis man eine All-in-One-Solution hat. Diese Pluralität bildet der Buchmarkt derzeit sehr schön ab – und erfreulicherweise tut es auch die Diskussion hier im Thread. Danke dafür!

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T. F.
Meeresbiologe, Fotograf
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Richtig, Frau H. Weil uns die Zeit zerrinnt, müssen wir unkonventionalle Ansätze wagen. Vor allem brauchen wir motivierende Überzeugungsarbeit. Hier ein konkrter Vorschlag an unser neues Parlament: Schaut euch bitte noch vor der Bundesratswahl den Film «Tomorrow. Die Welt ist voller Lösungen» im Plenum an. Es gibt keine überzeugendere Motivation zum über der ganzen Legislatur stehenden Thema.

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M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
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· editiert

Foer zeigt, dass es nur mit Bottom-up-Approaches im Zusammenhang mit Top-down-Approaches geht. Nicht nur beim Essen.

Rifkin - den ich aufgrund seines marktschreierischen Habitus am wenigsten mag - hat dahingehend recht, dass wir gegenwärtig Marktakteure nur mit dem Preis als Signal- und Anreizssystem in die richtige Richtung bewegen können. Doch die Rahmenbedingungen müssen von der Politik und diese von der Gesellschaft bestimmt werden.

Auch ist sein Hinweis auf die Pensionskassen wichtig, da diese an und für sich langfristig denken und in nachhaltige Anlagen investieren müssten. Doch in der Schweiz bewegt sich bei diesen langsam etwas und bei der Nationalbank noch nichts.

Meine Sympathien liegen wenig überraschend bei Klein und Konsorten mit ihrem Primat der Politik und der Gesellschaft und der sozial-ökologischen Grossen Transformation, welche nur einher gehen kann mit einer sozial gerechteren Steuer­politik und globalen Klimagerechtigkeit.

Bei letzterer wird es neben Eindämmung und Kompensation der Klimaschäden in den Ländern des globalen Südens auch um die weltweit legalisierte Aufnahme von Klimaflüchtlingen gehen.

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Lieber Michel, vielen Dank. Du benennst den ganz entscheidenden Punkt bei Foer – den er vor allem erzählerisch und kaum theoretisch entfaltet. Die Theorie bildet eher den Reflexionshorizont im Hintergrund, als dass es sich nach vorne drängen würde. Das macht sein Buch extrem zugänglich, obwohl es fraglos zu den intellektuellsten Klima-Büchern überhaupt gehört. Was ich an seinem Ansatz besonders mag (und Du bringst das auf den Begriff), ist der Blick auf eine gesamtgesellschaftliche Dynamik, ein Wechselspiel zwischen Bürgern und politischen Entscheidungsträgerinnen. Denn die Forderung nach einer politischen Lösung, die jahrelang ein wichtiges Argument war gegen das Primat der Ökonomie oder gegen apolitischen Privatismus, ist zwar heute noch immer uneingeschränkt richtig. Aber sie darf nicht isoliert betrachtet werden, nicht als Delegierungsstrategie, mit der wir sagen: Ihr Politiker seid jetzt dran - meldet Euch, wenn Ihr die Aufgabe gelöst habt, wir konsumieren mal in der Zwischenzeit ungehemmt weiter. Denn genau dadurch kippt der Ruf nach der Politik in ein letztlich apolitisches «Not in my backyard». Diese Haltung aber wird weder innergesellschaftlich noch im globalen Massstab jene Glaubwürdigkeit haben, die es braucht, um andere zu überzeugen. Und nicht zuletzt vielleicht auch: um sich wechselseitig zu motivieren. Menschen sind Herdentiere – das ist häufig das Problem. Wir müssen zusehen, dass es ein Teil der Lösung wird.

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Das unterschreibe ich ohne Vorbehalt und darauf sollte auch mein Post weiter unten hinweisen: solange es den Theoretikern nicht gelingt, ihre Ideen in eine Sprache zu fassen, die der Mann und die Frau von der Strasse genauso versteht wie die Entscheidungsträger*innen in der Politik, werden auch die besten Ideen keine Chance haben. Das Abstraktionsniveau ist viel zu hoch. Pardon, ich möchte niemandem zu nahe treten, aber ich glaube, es würde sich enorm lohnen, an der Vermittelbarkeit der eigenen Ideen ebenso zu feilen wie an den theoretischen Inhalten.

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M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
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In der Einleitung zur Debatte wird die Frage gestellt: "Braucht es so ein übergeordnetes Projekt überhaupt? Und wenn ja: Wie könnte das aussehen?"

Dabei wird auch die Frage virulent: "Wäre ein «Green New Deal» auch in der Schweiz denkbar?" Denn: "Solch ein Totalumbau widerstrebt dem Schweizer System."

Doch nicht nur das soziale und politische System ist überaus träge, sondern auch das Leben Einzelner, die in ihren Alltagsroutinen festhängen.

Wir werden Zeugen und Akteure sein eines (Selbst-)Experiments globalen Ausmasses, in der sich die Frage stellt, ob wir innert kurzer Zeit zwei kategorischen Imperativen folgen können:

Die Alternativen wären:

Mit katastrophalen Konsequenzen.

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Hallo Herr Robosura
Einmal mehr eine brillante Analyse.
Es fehlen mir zu diskutierende Handlungsoption.
Leutchtendes Beispiel für einen solchen Journalismus sind die früheren Landbot Redaktoren Friedich Abert Lange und Salomon Beutler um 1869.

Hier meine zu diskutierenden konkreten Handlungsoptionen:

  • Einführung einer Klima-Gutschrift finanziert durch Ressourcen-Lenkungsabgaben und eine Microsteuer

  • Einführung einer Microsteuer und Abschaffung der meisten anderen Steuern und Abgaben.

  • Nutzung der Möglichkeiten unserer parizipativen Demokratie und keine Abtretung an unsere Räpresentanten

  • Überarbeitung der Schweizer Verfassung im Sinne der Präambel der Schweizer Bundesverfassung

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T. F.
Meeresbiologe, Fotograf
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Es ist ganz einfach: Wenn wir nicht umdenken wollen, werden wir umdenken müssen. Physik und Biologie lassen nicht mit sich diskutieren.

Die Frage ist, wer sind «wir»? Diejenigen von «uns», die sich dem «Green New Deal» mit ihrer politischen oder wirtschaftlichen Macht widersetzen, werden von den wirklich katastrohalen Folgen ihrer Verweigerung nicht betrofen sein, weil sie in 50 Jahren nicht mehr am Leben sind. Das ist die Krux: Wir müssen EntscheidungsträgerInnen zum Handeln bewegen, die nicht einsehen wollen, dass sie handeln müssen, weil sie persönlich vom Nichthandeln nicht betroffen sein werden. Alles was dringenst getan werden müsste, ist für diese EntscheidungsträgerInnen mit einem persönlichen Verlust verbunden und daraum weigern sie sich.

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M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
·
· editiert

Hm, mit anderen Worten: "Ok, not ok Boomer"? ;-)

So könnte man ihre Aussage verstehen:

Das ist die Krux: Wir müssen EntscheidungsträgerInnen zum Handeln bewegen, die nicht einsehen wollen, dass sie handeln müssen, weil sie persönlich vom Nichthandeln nicht betroffen sein werden.

Das (Deutsch-)Schweizer Wort des Jahres "Klimajugend" verweist auch auf einen möglichen Generationenkonflikt hin. Aktuelle Initiativen und Ideen zur Senkung oder Guillotinierung des Stimmalters ebenfalls. Ich selbst - trotz Gen X/Y or whatever - wäre dabei etwas vorsichtiger.

Mitglieder der älteren Generation waren gerade aufgrund ihres Alters, ihrer Lebenserfahrung und Weisheit (grosses Wort ich weiss), ehemals Teil des sog. "Senats", "Ältestenrats" oder "Rat der Weisen".

Da sie nicht mehr zur jungen, aktiven und aufstrebendem Bevölkerung gehörten, die sich um eigene Sicherheit, Erfolge und Familie kümmern müssten, könnten sie - nicht zuletzt für ihre eigenen Kinder und Kindeskinder - weitsichtiger, langfristiger und weiser denken und entscheiden können. So weit die Idealvorstellung.

Grenzenloses Macht- und Profitstreben bis weit über die damalige Lebenserwartung hinaus und der Verlust des Solidaritäts- und Verwantwortungsgefühls widerstreben wohl der Altersweisheit wie auch der Nachhaltigkeit.

Dennoch: Letzten Endes geht es nur gemeinsam.

Die Antwort auf den Generationenkonflikt kann deshalb nur die "intergenerationelle Gerechtigkeit" sein.

Mein frührer Professor in Philosophie Prof. Dr. Lukas Meyer lehrte an der Uni Bern mal "Intergenerationelle Gerechtigkeit". Passenderweise erscheint demnächst sein Buch "Klimagerechtigkeit".

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T. F.
Meeresbiologe, Fotograf
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Ja, es braucht den «Green New Deal»! Die Frage lautet jedoch: Bis wann müssen die dringensten Massnahmen des «Green New Deal» realisiert sein? Und die Antwort lautet: Spätestens in 8 Jahren. In den kommenden zwei Legislaturen müssen wir die Gesellschaft dekarbonisieren, aus der pestizidbasierten Landwirtschaft aussteigen, unser schuldenbasiertes Geldsystem umbauen, Kostenwahrheit bei allen Produkten durch Internalisierung externer Effekte herstellen … Wir müssen in kürzester Zeit all die in den letzten 100 Jahren erschaffenen und in den letzten 30 Jahren wider besseren Wissens ins Selbstzerstörerische vervielfachten Handlungsweisen, die unsere Biosphäre kollabieren lassen, umbauen. Wir müssen den ökologischen und ökonomischen und sozialen Kollaps zumindest abschwächen; zum Aufhalten ist es zu spät. Das ist mit normalen demokratischen Prozessen und Konzepten ind so kurzer Zeit nicht zu schaffen. Aber wie dann?

Vorschlag 1: Freiwillig. Wir vereinbaren, dass wir als Gesellschaft unseren CO2-Ausstoss innert eines Jahres mit freiwilliggen Massnahmen um 10 % reduzieren. Bund, Kantone, Unternehmen und Private. Jeder in seinem ganzen Einflussbereich; also unter Einschluss des importierten grauen CO2. Schaffen wir es so, 10 % zu reduzieren, geht es im Folgejahr in die nächste Runde, bei der wir wieder 10 % freiwillig einsparen. Das machen wir solange, bis wir entweder karbonfrei sind oder bis wir das Ziel einmal nicht erreichen. Erreichen wir das Ziel einmal nicht mit freiwilligen Massnahmen, treten sofort Verbote, neue Steuern, Zwangsmassnahmen in Kraft, die uns zwingen, die Reduktionsziele zu erreichen. Das wäre mein prefäriertes Vorgehen.

Vorschlag 2: Expertenrat. Wir setzen einen Expertenrat ein. Dieser sagt dem Bundesrat, was jetzt sofort zu tun ist. Der Bundesrat setzt diese Massnahmen unter Notrecht um. Der Expertenrat besteht aus Naturwissenhaftlern aller Fachrichtungen, Ökonomen, Soziologen, Psychologen und guten Werbern.

Vorschlag 1 und 2 lassen sich kombinieren.

Eines ist klar: Der ökologische, ökonomische und soziale Kollaps ist in vollem Gange. Die Politik ist nicht fähig, dies zu erkennen und adäquat darauf zu reragieren. ohne «Green New Geal» schaffen wir in der Schweiz und auf diesem Planeten einsen Zustand, den niemand erleben will.

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Ich versuche für mich den Vorschlag 1 umzusetzen, aber ich weiss leider gar nicht, wie viel CO2 ich genau verursache und daher auch nicht, wie ich mehr einsparen kann. Die Migros hatte vor ein paar Jahren, mal 900 CO2-neutrale Produkte im Programm, hat dies aber, nach eigenen Angaben, wegen der geringen Lenkungswirkung wieder eingestellt. Auch mit Hilfe von eaternity.org konnte ich die Mirgos bisher nicht dazu bewegen, die CO2 Emissionen pro Produkt auszuweisen, weil dies zu aufwendig sei.
Ich bin daher zu den Schluss gekommen, dass die beste Lösung ist, alle Klimagase an der Quelle mit einer Lenkungsabgabe zu versehen, indem der Emittent Zertifikate ersteigern muss. So lässt sich auch ganz einfach die Menge der Klimagas steuern und der Markt wird für die kostengünstigste Umsetzung sorgen.

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T. F.
Meeresbiologe, Fotograf
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Es gibt diverse Footprint-Rechner: Ecospeed, myclimat, WWF und weitere.

Persünlich reduzieren Sie Ihren ökologischen Fussabdruck, indem Sie nur das kaufen, was Sie wirklich(!) brauchen, nur regionale, saisonale, ökologisch nachhaltige Produkte kaufen, für Kurzstrecken das Velo benützen (der Kaltstart eines PKw produziert soviel Schadstoffe wie 500 km Fahrt auf der Autobahn, weil der Kat. noch nicht heiss ist), Ihren Fleisch- und Milchproduktekonsum massiv reduzieren, in den Läden das Personal auf nicht klimafreundliche Produkte ansprechen, nicht fliegen …

Generell müssen alle externen Effekte in allen Produkten internalisiert werden.

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Lieber T. F., vielen herzlichen Dank – sehr anregend, wie ich finde! Das Interessante an Vorschlag 1 ist auch, dass er auf kontinuierliche Steigerung angelegt ist und dennoch den Appeal der Machbarkeit ausstrahlt. Es wird jedenfalls auch auf psychologische Faktoren ankommen. Aber warum nicht trotzdem schon jetzt mit einer neuen Steuerpolitik beginnen? Das Stichwort Kostenwahrheit/Lenkungsabgaben, das Sie nennen, ist ein wichtiger Punkt. Aber im Sinne der Klimagerechtigkeit muss es auch mit einer Steuerprogression bei Einkünften und Vermögen einhergehen, die der massiven Ungleichheit innerhalb und zwischen den Gesellschaften Rechnung trägt. Da wäre ich ganz bei der Position, die Michel Rebosoura hier im Thread vertritt (und die Autor_innen wie Klein, Neubauer/Repenning oder Beat Ringger starkmachen). Eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung dieses Ausmasses bedeutet auch: Die Stärkeren müssen unweigerlich mehr beitragen. Insofern würde ich die doppelte Hoffnung auf Freiwilligkeit, aber insbesondere auch auf die Politik noch nicht aufgeben wollen.

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T. F.
Meeresbiologe, Fotograf
·

Lieber Herr Graf
Ich bin natürlich ganz bei Ihnen und mit allem einverstanden, was Sie sagen. Allein der Umstand, dass der Grad an Zerstörungspotential bestens mit persönlichem Reichtum korreliert. Je reicher man ist, desto mehr steht man in der Pflicht. Das gilt weltweit, sowohl bezogen auf Individuen wie auf Staaten. Der gültige Umkehrschluss ist, dass, wer arm ist, viel weniger CO2 (natürlich geht es nicht nur um CO2 aber es ist eine gute Währung) einsparen kann und muss.

Mein Vorschlag, die notwendigen Paradigmenwechsel freiwillig zu realisieren ist einerseits provokativ, weil er von den Mächtigen den Wirkungsbeweis ihrer neoliberalen Grundwerte wie Selbstverantwortung, Innovation und eben Freiwilligkeit statt straatlichem Zwang einfordert. Er ist aber auch pragmatisch, weil wir im Prinzip sofort damit beginnen könnten. Das Einzige, was wir bräuchten, wäre die Zustimmung der Gesellschaft (nicht nur der StimmbürgerInnen) zu diesem Vorgehen. Keine neuen, langwierig geschaffenen, kompromissbehafteten und darum wirkungslose Gesetze sind nötig. Ein gesamtgesellschaftliches Ja genügt. Natürlich müssen wir dann alle notwendigen Informationen auf dem Silbertablett darreichen und hinderliche Monopole aufheben. Alle müssen problemlos erkennen, welche Massnahmen sie in ihrem gesamten Einflussbereich umsetzen können um das jährliche Reduktionsziel zu erreichen. Möglicherweise ist die Schaffung dieses Konsens nicht eine politische sondern eine soziale Marketingaufgabe. Es braucht wohl geschickte Werber, die uns die Paradigmenwechsel schmackhaft machen und ein «Wir-Gefühl» erzeugen. Das müsste machbar sein, denn das Gegenteil davon, das Angstmachen und uns zu mehr Konsum manipulieren geht auch.

An Stelle von Lenkungsmassnahmen und Verpflichtungen könnte man Anreize schaffen. Belohnungen, die man erhält, wenn man sein Reduktionsziel erreicht. Damit sollte man aber nicht lange experimentieren, wenn es nicht wirkt; wir haben dafür keine Zeit mehr.

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Ich wollte den Autor schon loben für die hervorragende Zusammenfassung der drei Autoren. Doch dann taucht der Begriff Arbeitsplatz auf. Selbstverständlich müssen wir den Menschen die Angst nehmen, den Arbeitsplatz zu verlieren. Doch müssen wir darüber hinaus denken, wenn wir die Klimakrise lösen wollen.

Wir brauchen auf lange Sicht eine viel effizientere Gesellschaft. Dies ist auch möglich, doch Effizienz heisst auch, gleicher Wohlstand mit weniger Ressourcen, weniger Arbeit und als Folge davon ein geringeres BIP. Selbst kritische Ökonomen erklären uns jedoch, dass eine Schrumpfung der Wirtschaft nicht möglich sei, wenn schon, dann aber nur in Form von schwer kontrollierbaren Krisen. Das bedeutet, dass sowohl Politik wie Wirtschaft das BIP unter allen Umständen oben halten will. Das endet dann in einem Rebound-Effekt, der jede Anstrengung torpediert, die Klimakrise zu meistern. Dies ist besonders stossend in Überflussgesellschaften wie der Schweiz, wo ein zusätzliches Wachstum keinen gefühlten Wohlstandgewinn mehr bringt.

Unser Wohlstand besteht jedoch nicht aus Arbeitsplätzen und BIP, sondern aus Gütern und Dienstleistungen, die wir auf mehr oder weniger effiziente Art den Menschen zugänglich machen. Unter anderem durch Roboter, KI und erneuerbare Energien. Wir benötigen daher dringend ein System, welches die Güterverteilung anders regelt, als über einen bezahlten Arbeitsplatz.

Die Schweiz könnte hier vorangehen und zeigen, dass Wohlstand auch bei einem schrumpfenden BIP möglich ist. Politisch ist dies aktuell noch schwer vorstellbar. Keine einzige Partei getraut sich aktuell da ran. Aber fangen wir doch wenigstens mal damit an, das Thema bezahlte Arbeit anders zu denken.

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"... schrumpfenden BIP ..." - Da stelle ich mal die Frage, ob das BIP noch der richtige Indikator ist. Vielleicht sollte wir lieber den "Brutto Inlands Nutzen" messen.

Beispiel Wikipedia: Im Jahr 2001 hat Brockhaus Enzyklopädien für 60 Millionen EUR im Jahr verkauf. Wenn wir annehmen, dass die 300'000 Käufer die Bücher 100 mal pro Jahr genutzt haben, so hat jede Nutzung 50 cent gekostet. Jetzt wird das Deutsche wikipedia ca 5 Millarden mal im Jahr abgerufen. Damit hat sich der "Nutzen" im Bereich Nachschlagewerke um 200% pro Jahr erhöht und das in 18 Jahren in Folge.

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M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
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Eine Möglichkeit wäre, die Effizienz- und Steuergewinne durch die sozial-ökologische und digitale Transformation hin zu einer Postwachstumsgesellschaft mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen zu koppeln. Erst recht während der Übergangszeit der Umschulung. Etwa durch demokratisierte digitale und automatisierte Infrastruktur.

Das BGE würde in dieser turbulenten Zeit des Wandels ausreichend Sicherheit geben, um angstbefreit kreativ eine Zukunft zu gestalten. Manche sprechen dabei von Futurabilität oder von Zukunftskunst.

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Danke M. R., kompakter könnte man es nicht zusammen fassen, auf was es ankommt. Das Interessante ist ja, dass die SchweizerInnen bereits seit Jahren ein Grundeinkommen haben. Nur ist es so lächerlich winzig, dass es die meisten SchweizerInnen gar nicht mal wissen (siehe Krankenkassenprämienberechnung, die man Ende Jahre bekommt). Jetzt müsste man lediglich noch die Zahlen etwas anpassen.
Wir müssen uns aus dem Erpresserischen zur bezahlten Arbeit befreien. Meiner Ansicht nach müssen wir diese Diskussion an den Anfang stellen, wenn wir das Klimaziel erreichen wollen. Alle technischen Lösungen laufen sonst ins Leere, respektive enden im Reboundeffekt und damit ohne klimarelevanten Erfolg.
Was kann die Schweiz tun, ist ja die einleitende Frage zu dieser Diskussion: Im ganzen Themenkreis die riesigen Chancen sehen wäre mal ein erster wichtiger Schritt.

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B. J.
· editiert

Die Schweiz könnte hier vorangehen und zeigen, dass Wohlstand auch bei einem schrumpfenden BIP möglich ist. Politisch ist dies aktuell noch schwer vorstellbar. Keine einzige Partei getraut sich aktuell da ran. Aber fangen wir doch wenigstens mal damit an, das Thema bezahlte Arbeit anders zu denken.

Für ökonomisch Ungebildete ist das schwer zu verstehen. Könnten Sie hier etwas konkreter werden? Wie könnte man das Thema bezahlte Arbeit anders denken?

Nachtrag: während ich an meinem Post am herumdenken war, haben andere schon einiges geschrieben. Trotzdem wäre ich froh um Konkretisierungen. Danke.

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Unser Wohlstand basiert nicht auf Arbeitsplätzen, sondern auf Ressourcen, die wir auf mehr oder weniger effektive Weise in Produkte und Dienstleistungen verwandeln. Das BIP ist deshalb nicht das Mass für Wohlstand, sondern für die Effektivität, wie wir Wohlstand erzeugen. Paradoxerweise kann in dieser Formel der Wohlstand sogar grösser sein, wenn das BIP kleiner wird, wenn wir nämlich die Effektivität verbessern.
Menschen "in der Arbeit" zu halten geht dann nur, wenn man die Effektivität wieder senkt und/oder noch mehr Überfluss produziert. Und das killt letztlich das Klima.

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Lieber Herr B., zunächst mal vielen Dank für die Blumen. Mir gefällt, dass Sie auch beim Thema Arbeit neue Denkmodelle durchspielen. Die Idee einer Arbeitsplatzgarantie scheint mir in Naomi Kleins Konzept dennoch stringent. Es geht dabei ja um Gerechtigkeitsfragen und darum, dass man die Interessen der im fossilen Sektor Beschäftigten nicht einfach übergehen kann – sondern sie bei der grünen Transformation mitnehmen muss, will man nicht sozialen Unfrieden stiften. Anders gesagt: Solange unsere Gesellschaft Arbeit im Wesentlichen so organisiert wie heute, muss auch die Sozialpolitik dem angemessen sein. Mit dem Grundgedanken, dass das BIP als Glücksindikator eine problematische Grösse ist und wir uns angesichts der Lage dringend vom Wachstums-Fetisch als absolutem Wert verabschieden sollten – darin sind wir uns (und Sie sich mit Naomi Klein) dann wieder ziemlich einig, scheint mir.

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Hallo Herr Graf
Vielen Dank für die Zusammenfassung der drei Bücher.
Meiner Ansicht wird keine sauber Problemanalyse gemacht und als Folge davon kommt es zu nicht stringenten Lösungsansätzen.
Meine Analyse sieht etwas anders aus. Das Hauptproblem sehe ich in unserem verschwenderischen Umgang mit Ressourcen. Ein Fleischproduktion basierend auf dem Import von Futtermittel ist vor allem eine riesige Verschwendung von Ressourcen (Entschwendungspotential > 80%). Das gleich gilt für Verkehr, der auf der Basis von Treibstoffen basiert (Enstschwendungspotential > 80%). Auch beim Strom wird von der Bereitstellung, über die Speicherung bis zur Gewinnung von Nutzen (Licht, Wärme, Kühlung, Produktionsprozesse, Datenspeicherung und Datenverschiebung) der grösste Teil verschwendet (Entschwendungspotential >40%). Die Lösung ist die Einführung einer Klima-Gutschrift finanziert durch Ressourcen-Lenkungsabgaben.
Um die Akzeptanz zu erhöhen ist vor allem von der Klima-Gutschrift zu sprechen.
10 vor 10 hat es in einer Ihrer Sendungen fertig gebracht, im Rahmen der CO2-Abgabe nur über die Belastung zu berichten aber kein Wort über die Rückerstattung.
Gegen diese Art der Berichterstattung habe ich beim SRF Beschwerde eingelegt.

Ein zweites Problem ist, dass unsere Steuer und Abgabesystem weitgehend auf der Idee basieren Vermögen und Einkommen von Stärkeren an Schwächer zu verschieben. Wobei als Schwach bezeichnet wird, wer keine bezahlten Arbeit nachgehen kann oder es im Alter nicht mehr gehen soll. Nicht anerkannt als Schwache sind die Minderheit der Systemverweigerer. Sie werden mit erheblichen Druck angehalten sich ein Einkommen zu verschaffen, selbst im Wissen, dass sie damit einen Beitrag leisten zur Zerstörung unserer Lebensgrundlagen.
Es spielt keine Rolle, dass ein grosser Teil der Vermögens reines "Spielgeld" ist. Auch dass die Vermehrung von Vemögen und Einkommen meistens einher geht mit dem Raubbau an unseren Ressourcen und der zerstörung unserer Lebensgrundlagen wird kaum thematisiert. Man kämpft immer noch für einen Grundlohn und nicht für ein Grundeinkommen. Doch auch für dieses Problem gibt es eine Lösung, die Einführung von Microsteuern auf Finanztransaktionen und die Abschaffung aller anderen Bundessteuern und der meisten Abgaben, die vor allem zu Lasten der Schwächsten gehen.
In ihrem Schlusssatz bringen sie es auf den Punkt.
Wir sollten aufhören unsere Probleme an unsere Repräsentaten zu delegieren. Es geht darum neue durchschlagende Ideen zu generieren und in einer partizipativen Demokratie breit zu diskutieren und um zu setzen. Wenn wie dies tun, sind wir durchaus in der Lage mit der parizipativen Demokratie sehr schnell zu Lösungen zu kommen.

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Danke Herr Graf für die schnelle Reaktion. Ich bin (fast) vollständig einig mit Ihnen, dass wir die Menschen, welche den Arbeitsplatz verlieren, nicht im Regen stehen lassen können. Mir geht es gerade auch um die Gerechtigkeit.
Wenn wir die Gerechtigkeit jedoch an einem Recht auf Arbeit fest machen, schränken wir den Lösungsraum unnötig ein und verfehlen darüber hinaus das Ziel, nämlich die Klimakrise zu meistern. Wir müssen darüber diskutieren, ob es nicht andere Formen der Gerechtigkeit gibt. Zum Beispiel einem Recht auf eine Grundversorgung, die zunächst mal nicht viel mit dem Arbeitsplatz zu tun hat. Das Ziel ist eine effiziente Gesellschaft, wegen dem Klima, aber auch, um uns aus dem Hamsterrad zu befreien.

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