Herr Knutti, sind wir noch zu retten? – «Wenn sich alle so verhalten wie Sie, erreichen wir die Klimaziele nicht»

Bevor in Madrid der Weltklima­gipfel beginnt, im Parlament das CO2-Gesetz verhandelt wird und das Klima kollabiert: ein Treffen mit ETH-Klima­forscher Reto Knutti, um ein paar grundsätzliche Fragen zu klären.

Von Daniel Ryser (Text) und Yves Bachmann (Bilder), 23.11.2019

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«Beim Klimawandel empfinde ich es so: Wir springen im Dunkeln von einem Dach, ohne zu wissen, wie hoch es ist»: Reto Knutti, Klimaforscher an der ETH Zürich.

Darf ich in Zukunft noch fliegen?

Ein bisschen Fleisch essen?

Sind die bereits angerichteten Schäden reparabel?

Was heisst «null CO2» eigentlich?

Wie kamen bisherige Umwelt­regulierungs­massnahmen wie der Katalysator oder Kläranlagen zustande?

Durch staatliche Verbote oder den freien Markt?

Wie beweist man, dass der Klimawandel vom Menschen gemacht ist?

Was bringt die Revision des CO2-Gesetzes?

Warum glauben Linke an den Klimawandel und Rechte nicht?

Was hat das überhaupt mit Politik zu tun?

Sind wir noch zu retten?

Die Antwort auf diese letzte Frage in Kurzform: Es sieht nicht gut aus.

Die etwas ausführlichere Antwort: Wenn nicht viel mehr getan wird als das, was wir im Moment zögerlich anpeilen, wird diese Erde in Teilen bald unbewohnbar sein. Das ist mein Fazit zweier Treffen mit Reto Knutti, der mehrere Uno-Weltklima­berichte mitverfasst hat. Das Bild, das die angeblich so radikale Klima­jugend von unserer künftigen Welt zeichnet, ist quasi sommerliche Blumen­wiese gegen das, was der ETH-Professor beschreibt. Mit den Fakten und den Kapazitäten, die einem der renommiertesten Klima­forscher der Welt halt so zur Verfügung stehen.

In seinem Büro mit herrlichem Blick auf den Zürichsee und die Alpen erzählt Reto Knutti in nüchternem Ton mit angenehmem Berner Ober­länder Dialekt, immer auf Zahlen und Studien verweisend, vom Kollaps, der uns wohl ereilen wird.

Die Liste der blinden Flecken

Hundert Fragen. Ganz banale. Etwa: Was heisst das eigentlich konkret, «null CO2»?

Knutti präsentiert zuerst einmal eine Liste mit «blinden Flecken», die in den aktuellen Debatten ständig vergessen gingen, wie er sagt.

Wenig überraschend: nicht gerade ermunternde Dinge.

Der Permafrost etwa, der gerade dabei ist, aufzutauen und auch CO2 freizusetzen. Nicht in den Berechnungen zum Klima­wandel enthalten, weil man nicht so genau weiss, was, wann und vor allem: wie viel.

Es geht weiter. Knuttis Liste mit den blinden Flecken ist ziemlich lang.

Und ganz ehrlich: Bei Punkt fünf schon starre ich irgendwann leicht apathisch aus dem Fenster und will es gar nicht mehr so genau wissen, weil, nun … whatever.

Immerhin sei ich mit diesem seltsamen Verhalten alles andere als allein, wird der Klima­forscher später sagen.

«Beim Thema Klima agiert der Mensch komplett irrational», sagt er. «Er will es nicht wissen. Wenn ich Ihnen sagen würde: Das Flugzeug, in dem Sie sitzen, wird mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit abstürzen, würden Sie fliegen? Würden Sie nicht. Aber wenn ich Ihnen sage, dass wir mit 95-prozentiger Sicherheit sagen können, dass der Mensch beim Klima­wandel der dominante Faktor ist, schliessen Sie die Augen und machen einfach weiter wie bisher in der Hoffnung, es wird irgendwie verschwinden. Aber es wird nicht verschwinden.»

Die Liste.

«Wir reden bei unseren Klima­prognosen immer davon, was bis im Jahr 2100 passiert sein wird. Was die Leute dabei vergessen: 2100 ist nicht fertig. Wenn wir davon reden, dass sich bis dann die Durchschnitts­temperatur in der Schweiz um 4 bis 7 Grad erhöht haben wird, bedeutet das gleichzeitig, dass wir dann mitten in der Steigung sind und die Temperatur dann noch steigt, wenn wir nichts tun.»

Oder dies: «Der grösste Teil der Folgen des Klima­wandels kann nicht rückgängig gemacht werden. Eine höhere Durchschnitts­temperatur geht nicht einfach zurück, selbst wenn wir die Emissionen auf null bringen. Was kaputt ist, ist kaputt. Wenn die Meere einmal über die Ufer getreten sind, bleibt das so.»

Oder: «Die Zunahme der Schäden verläuft nicht linear. Eine Erhöhung von 1 auf 1,5 Grad ist womöglich kein Problem. Aber ein halbes Grad mehr kann katastrophale Folgen haben. Gewisse Systeme kippen irgendwann einfach. Von einem Grad mehr kann die Land­wirtschaft vielleicht sogar profitieren. Es wächst mehr. Aber dann, bei bloss einem halben Grad mehr und einem trockenen Sommer wie 2018, wächst nichts mehr. Dann ist fertig. Nichts gedeiht mehr. Es ist wie bei Erdbeben: Bei einem kleinen wackelt es nur leicht, bei einem grossen ist die Stadt flach. So verhält es sich auch mit den Kosten der Schäden: Bei kleinen Erwärmungen passiert nicht viel. Und dann schnellen die Kosten plötzlich exponentiell nach oben, und es geht in die Hunderte Millionen oder Milliarden. Wie es eine meiner Kolleginnen beschrieben hat: Sie springen von einem Dach einen Meter hinunter. Ihnen wird nichts passieren. Bei zwei Metern verstauchen Sie sich vielleicht den Fuss. Bei drei Metern brechen Sie sich vielleicht ein Bein. Aber bei fünf oder sechs Metern haben sie nicht ein paar Verstauchungen mehr. Sie sind dann einfach tot. Fertig. Beim Klimawandel empfinde ich es so: Wir springen im Dunkeln von einem Dach, ohne zu wissen, wie hoch es ist.»

Die Sonne scheint, die winterliche Stadt schlummert und qualmt vor sich hin, wir trinken den zweiten Kaffee, und ich frage Knutti, ob die Lage, unwissenschaftlich gesprochen, eigentlich nicht einfach ultraverschissen sei.

«Dann sind Dutzende, wenn nicht Hunderte von Städten auf der Welt weg. Es gibt sie dann einfach nicht mehr.»

«Naturwissenschaftlich gesprochen: Viele Systeme reagieren nicht graduell. Sie reagieren irgendwann sehr heftig. Wenn man ein Weinglas abtrocknet und ein wenig Druck gibt, passiert nichts. Wenn man zu viel Druck gibt, ist das Glas irgendwann kaputt. Und zwar unwider­ruflich kaputt. Viele Systeme haben Kipp­punkte, wo die Auswirkungen massiv und irreparabel werden. Sie als Journalist können es ‹ultra­verschissen› nennen. Ich als Natur­wissenschaftler nenne es die Charakteristik des Systems.»

Knutti sagt, aus der Sicht eines älteren Schweizers, der sich nur für sich selbst interessiere, gebe es kein Problem. «Der Klima­wandel wird uns in der Schweiz in den nächsten zwanzig Jahren nicht massiv treffen. Es wird ab und zu etwas kosten. Starke Nieder­schläge, Über­schwemmungen. Hin und wieder wird es sehr heiss, dann kostet es für die Land­wirtschaft ein paar Milliarden. Für meine kleine Tochter sieht es anders aus.»

Eine durchschnittliche Erhöhung von weltweit 5 Grad, wie es bis zum Ende des Jahrhunderts prognostiziert werde, bedeute massivste Veränderungen. «5 Grad in die andere Richtung, als Vergleich, das war die letzte Eiszeit. Etwa zwei Drittel der Schweiz waren damals von Eis bedeckt. Die Gletscher sind über das Aaretal und den Thunersee bis nach Bern gekommen. Der Uetliberg hat knapp aus dem Eis hervor­geschaut. Das ist der Massstab der Veränderungen, wenn wir von 5 Grad sprechen.»

Das Gegenteil der Eiszeit: Grönland schmilzt.

Anstieg des Meeres­spiegels: bis zu 6 Meter.

Teile der Antarktis schmelzen.

Anstieg des Meeres­spiegels: theoretisch bis zu 60 Meter.

Immerhin: Letzteres dauert ein paar hundert bis tausend Jahre.

«Ist das schlimm? Ist das nicht schlimm? Reden wir von uns? Von unseren Enkeln? Wenn uns nur unser eigenes Leben in den nächsten zehn, zwanzig Jahren interessiert, dann sage ich klar: Vergesst den Klima­wandel. Dann spielt er keine Rolle. Wenn die einzige Perspektive die ist, mit der Aktie, die ich kaufe, im nächsten Quartal Geld zu verdienen, oder wenn es mir in der Politik nur darum geht, in den nächsten vier Jahren wieder­gewählt zu werden, dann ist die kurzfristige Perspektive selbst­verständlich eine Option. Es ist keine moralische Haltung, die ich teilen würde, aber man kann sie haben. Es ist aber auch ein Fakt, dass Teile von Grönland und der Antarktis dann schmelzen werden. Dann sind Dutzende, wenn nicht Hunderte von Städten auf der Welt weg. Es gibt sie dann einfach nicht mehr.»

Meine Reisen: Bin ich das Problem, Herr Knutti?

Während Knutti spricht, Kreise zeichnet, Statistiken zitiert, Berichte weiterleitet, denke ich an vergangene und kommende Termine in meiner Agenda.

Den Urlaub in Mexiko von letztem Jahr.

Oder den runden Geburtstag einer Freundin Ende 2020, den wir alle zusammen in New York feiern wollen.

«Da muss ich unbedingt hin», sage ich.

Dass ich nach wie vor ziemlich regelmässig Fleisch esse, das sage ich auch.

«Wenn sich alle so verhalten wie Sie, werden wir die Klimaziele verfehlen», sagt Knutti. «Es geht mir nicht darum, zu moralisieren. Wir befinden uns alle in diesen Widersprüchen. Wenn ich in der Wissenschaft auf dieser Ebene arbeiten will, ist es unumgänglich, dass ich hin und wieder zu Kongressen fliege. Aber dennoch: Was bis 2050 gefordert ist, ist null CO2. Das heisst nicht: ein bisschen sparen. Null bedeutet null. Den Verbrennungs­motor gibt es dann nicht mehr. Fliegen gibt es nicht mehr, ausser es gelingt uns, synthetisches Kerosin als Alternative auf den Markt zu bringen oder CO2 zu sequestrieren. Eine Ölheizung gibt es nicht mehr. Wir werden unser Leben umstellen müssen.»

Aber wie sollen wir das tun? Wer wird das richten?

Der Markt? Der Staat? Karl Marx?

Kürzlich, auf einer längeren Wahlkampf­recherche für die Republik, fiel mir auf, wie wenig man eigentlich vom Thema weiss, der durchschnittliche Journalist einerseits; andererseits aber auch und vor allem die durchschnittliche Nationalrats­kandidatin von links bis rechts, die betreffend Klima im Wahlkampf ziemlich grosse Töne anschlug und im Parlament nun die entsprechenden Gesetze beraten und absegnen soll: Wie war das nochmals damals mit dem Katalysator? Wer hat den eingeführt?

Ja, blöde Frage irgendwie. Klingt sehr unvorbereitet.

Blöd aber auch, dass sie spontan niemand beantworten konnte.

Man sass da, die Journalisten, die Politikerinnen – und mutmasste, wie das damals gewesen sein könnte.

«Man hat kein einziges der Umwelt­probleme durch Eigen­verantwortung gelöst, durch den freien Markt, durch spontane Innovation», sagt Knutti jetzt.

«Nennen Sie irgendwas», sagt er.

«Den Katalysator?», sage ich.

«Es ist egal, welches Beispiel Sie wählen: Katalysator, Partikel­filter, Klär­anlagen, FCKW: Veränderungen gab es nur, wenn der Staat Regeln aufgestellt hat. Früher hat man den Abfall in den Wald geworfen, die Munition in den See und den Atommüll ins Meer. Heute muss der Abfall gesammelt, verbrannt oder recycelt werden. Früher liess man das Abwasser einfach in unsere Seen fliessen. Heute braucht jedes Haus Abwasser­leitungen. Wer würde Klär­anlagen infrage stellen? Gegen die schlechte Luftqualität, das Wald­sterben, den sauren Regen wurden Partikel­filter und Katalysatoren eingeführt. Es gibt Luftreinhalte­verordnungen, Schadstoff­tests für Autos. Man kann nicht mehr einfach einen grossen Kamin aufstellen und Rauch rauslassen. Man hat FCKW verboten wegen des Ozonlochs, und Atom­kraftwerke dürfen die Wasser­temperatur des Flusses, den sie zum Kühlen brauchen, nicht über einen Grenzwert erwärmen, weil sonst die Fische sterben. Man kann argumentieren: Es kann ja auch nicht jeder bauen, wie er will. Oder es kann auch nicht jeder fahren, wie er will. Für die Gesellschaft ergeben diese Regeln durchaus Sinn: Freiheit, solange nicht andere dadurch zu Schaden kommen. Wie man das jetzt immer bewerten will, eine Sache ist mit Blick in die Vergangenheit klar: Ohne Anreize oder Zwang ist im Umwelt­bereich selten etwas passiert. Wenn die Fossilen wenig kosten, die Schäden vom Steuer­zahler übernommen werden und der Staat nicht lenkend eingreift, gehen die Emissionen rauf, rauf, rauf.»

Was tun?

2019 sei ein komplett verrücktes Jahr gewesen, sagt der ETH-Professor: Die Zahl der Anfragen von Medien, für Vorträge und aus der Öffentlichkeit habe sich verfünffacht. Dabei seien die Fakten seit zwanzig Jahren bekannt: «Es ist nicht so, dass die Klima­forschung plötzlich sagt: Jetzt ist Welt­untergang, und deshalb braucht es jetzt Veränderungen. Aus irgend­einem Grund aber, den niemand so ganz genau versteht, hat sich die Wahrnehmung in der Gesellschaft verändert. Die Streik­bewegungen waren entscheidend. Und in der Schweiz hat sicher der Hitzesommer 2018 vielen Leuten vor Augen geführt, dass der Klima­wandel nicht irgendein Zukunfts­hirngespinst ist.»

Die «Weltwoche» wiederum nannte den prominent auftretenden Forscher:

«Klima-Apokalyptiker»,
«Seher»,
«Druiden»,
«Propheten»,
«Papst»,
«modernen Klima-Schamanen»,
«Klima-Alarmisten».
Und die Klima­forschung als solche eine «Intensiv-Mode».

Und das ist ja schon ein interessanter Punkt: Warum eigentlich, Reto Knutti, ist dieses Kollektiv­problem Klima zu einer derartigen Links-rechts-Geschichte geworden? Was antwortet er Menschen, die der Meinung sind, wir in der kleinen Schweiz könnten gegen diesen globalen Klima­wandel sowieso nichts unternehmen, drum quasi weitermachen?

«Sie sprechen zwei verschiedene Dinge an», sagt Knutti. «Das müssen wir auseinandernehmen.»

Kein Problem. Wir haben Zeit.

Also, erstens.

Klimapolitik sei nicht wegen der wissenschaftlichen Fakten zu einer derartigen Links-rechts-Geschichte geworden, «sondern weil sich die vorgeschlagenen Massnahmen umgehend politisch einreihen. Auf der einen Seite steht ein gesamt­gemeinschaftliches Handeln mit Regulierungen, welches das Wohl der Gesellschaft als Ganzes und zukünftiger Generationen in den Vorder­grund stellt. Es passt in das Narrativ der Linken. Auf der anderen Seite passen die vorgeschlagenen Lösungen überhaupt nicht zu den neoliberalen Strömungen, die auf maximale Freiheit und minimalen Staat setzen, auf Individualisierung und Profit­maximierung. Viele der vorgeschlagenen Lösungen erfordern zwingend, dass man Regeln setzt. Dass es eben schon heute kostet und nicht erst für meine Kinder, und für die dann vermutlich doppelt so viel. Dass es einen Preis hat. Dass quasi bestraft wird, wer verschmutzt. Das ist letztlich eine hochpolitische Unterteilung.»

«Wenn uns nur unser eigenes Leben in den nächsten zehn, zwanzig Jahren interessiert, dann sage ich klar: Vergesst den Klimawandel.»

Daten aus den USA zeigten, wie die Frage des Klima­wandels dort kaum noch eine Frage wissenschafts­basierter Fakten sei, sondern mehrheitlich eine Ideologie­frage. «Wissenschaft ist zu einer Art Religion geworden: Die Demokraten glauben immer mehr daran, die Republikaner immer weniger», sagt Knutti.

Zweitens.

Der Punkt, dass wir kleinen Schweizer in der grossen Welt sowieso keinen Unterschied machen.

«Die Uno kennt das Prinzip der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung», sagt Knutti. «Jeder muss einen Beitrag leisten. Und jene, die mehr verursachen, sollen mehr beitragen. Es kann keine Trittbrett­fahrer geben. Das Prinzip der Steuer­progression: Jene, die mehr können, sollen mehr beitragen. Die Schweiz verfügt über mehr Intelligenz, mehr Technologie und mehr Geld pro Kopf als vermutlich alle anderen Staaten, also könnte man es auch umdrehen: Wenn wir es nicht machen, wer sonst? Drittens gibt es nicht nur die Emissions­reduktionen und die Anpassungen. Der dritte Pfeiler des Pariser Abkommens ist der Finanz­ausgleich für die Entwicklungs­länder, damit diese ihre Risiken vermindern und jene Fehler vermeiden, die wir begangen haben, und von Anfang an auf saubere Technologien setzen. Hundert Milliarden pro Jahr sind dafür nötig. Hier könnte die reiche Schweiz einen wichtigen Beitrag leisten. Das Netzwerk Alliance Sud hat eine Zahl genannt: Eine Milliarde pro Jahr, meint sie, wäre ein angemessener und realistischer Beitrag.»

Die kleine Schweiz, sagt Knutti, könne natürlich nicht im Allein­gang die Welt verändern. «Wir müssen uns keine Illusionen machen», sagt er. «Aber bloss weil wir klein sind zu sagen, es interessiert uns nicht, wäre ein problematisches Signal. Die Schäden im Ausland werden sowieso auf unseren Wirtschafts­standort zurück­fallen. Und wir, der Westen, haben das Problem letztlich verursacht. Also stehen wir auch in der Verantwortung.»

«Die CO2-Gesetzesrevision ist ungenügend»

Okay, nächste Frage, bevor wir den Experten zum anstehenden CO2-Gesetz befragen. Und jetzt wird das Niveau womöglich wirklich unterste Schublade, aber trotzdem noch einmal, weil das Thema ja überall so präsent ist, auch gerade und immer wieder in der Republik, und deshalb gewisse Dinge vorausgesetzt sind, obwohl dann am Schluss auch gar niemand so genau Bescheid weiss über die Grund­lagen: Wie macht man das eigentlich fest, dass der Klima­wandel vom Menschen gemacht ist?

Sobald man sich nämlich journalistisch mit dem Thema befasst, wird man belagert von engagierten Zeitgenossen mit offensichtlichen Google-Alerts, die einen mit seltsamen Youtube-Videos bombardieren, in denen es heisst, dass es den Klima­wandel nicht gibt und die Mond­landung im Übrigen auch nicht, und die Kondens­streifen am Himmel würden uns alle vergiften.

«Wir wissen seit über hundert Jahren, dass mehr CO2 in der Luft zu wärmeren Temperaturen führt. Das ist Grundlagen­physik», sagt Knutti. «Damals, 1896, hat noch niemand vom Klima­wandel geredet. Wir wissen heute, dass der Mensch dieses CO2 durch die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle ausstösst. Das kann man messen. Nach dem Ausschluss­prinzip wissen wir, dass es keine andere Erklärung für die Erwärmung gibt: Das Problem liegt weder bei der Sonne noch bei den Vulkanen. Und anders als beim Muster der Sonnen­aktivität, wo es oben und unten in der Atmosphäre wärmer würde, verhält sich das beim CO2 anders: wärmer unten, kälter oben. Das CO2 hat einen Finger­abdruck, den man zuordnen kann.»

Die Studien des Weltklimarats belegen, dass der Mensch zu folgendem Prozent­satz der dominante Faktor beim Klimawandel ist:

95 Prozent.

Die Schweiz steht in Sachen CO2-Fussabdruck pro Person in der Welt auf:

Platz 14.

Was nun, Herr Knutti?

Der Bundesrat will bis 2050 eine klimaneutrale Schweiz. «Bis spätestens dann müssen wir wegkommen von allen fossilen Brenn- und Treibstoffen. Das heisst: Das erste Etappenziel, bis 2020 eine Reduktion um 20 Prozent CO2-Ausstoss gegenüber 1990, werden wir vermutlich knapp verfehlen. Wir werden Zertifikate zukaufen müssen.»

Okay, sorry. Stopp.

Zertifikate für Klima­kompensation? Ist das nicht komplett verlogen, quasi Ablasshandel?

«Die Idee hinter den Kompensationen ist, dass es dem Klima egal ist, ob ich eine Tonne CO2 hier vermeide oder in Indien. Wenn es zehnmal mehr kostet, eine Tonne in der Schweiz zu sparen, als in Indien, ist es dann nicht sinnvoller, sie dort zu vermeiden, weil man mit demselben Geld viel mehr erreichen kann? In Indien wird zum Teil noch über dem offenen Feuer gekocht, während man in der Schweiz inzwischen schon sehr effizient ist. In anderen Ländern kann man mit wenig Geld mehr Zertifikate zur Kompensation kaufen. Das ist die Argumentation hinter den Kompensationen und die Sichtweise des rechten Teils des Parlaments, während die linke Seite unter anderem argumentiert, Kompensationen würden das Problem nur aufschieben. Und tatsächlich ist es ja auch so: Wenn wir 2050 weltweit auf null sein müssen, sind Ausland­kompensationen nicht mehr möglich. Deshalb ist es tatsächlich gefährlich, darauf zu setzen. Man könnte in der Tat sagen, dass wir unsere Verantwortung nicht wirklich wahrnehmen, wenn wir einerseits jedes Jahr Milliarden für fossile Brennstoffe nach Saudi­arabien schiessen und gleichzeitig Milliarden für Kompensationen nach Indien.»

Nächste Etappe auf dem Weg in eine klimaneutrale Schweiz: In der Frühlings­session steht die (eigentlich ursprünglich für die Winter­session geplante) Revision des CO2-Gesetzes an. Der Ständerat hat vorgeschlagen, den Ausstoss bis 2030 zu halbieren, sodass man 2050 sauber auf null ist. Einfache Rechnung. Kein Problem?

«Die Revision, die auf dem Tisch liegt, ist ungenügend», sagt der Klimafachmann.

«Warum?»

«Weil bei einer genauen Betrachtung die Rechnung nicht aufgeht. Von den 50 Prozent Reduktion passieren nur zwei Drittel in der Schweiz. Dann sind wir letztlich bloss bei 30 Prozent effektiver Inland­reduktion, oder einem Prozent ab 2030 pro Jahr. Der Rest ist Ausland­kompensation. Wenn die Kompensation wegfällt, heisst das: 70 Prozent Inland­reduktion in den verbleibenden zwanzig Jahren ab 2030, also 3,5 Prozent pro Jahr. Wir verlagern das Problem auf die nächste Generation.»

Offensichtlich nur Probleme, Probleme, Probleme.

Zu wenig Konsequenz. Zu wenig Wille. Oder auch die Frage der sozialen Verträglichkeit: Kaufen sich die Reichen einfach frei? Was rettet uns? Zum Beispiel verdreifachte Flugpreise? Aber ist das politisch mehrheits­fähig? Oder eben Alternativen durch Innovation? Bei der Fliegerei zum Beispiel die Umstellung auf synthetisches Kerosin, für das es irgendwann dringend einen Markt geben muss, weil wir ansonsten, wenn man die Uno-Ziele ernst nimmt, 2050 ein komplettes Grounding erleben?

Nie mehr shoppen in New York.

«Wenn die Airlines jetzt anfangen, in alternative Treibstoffe zu investieren, dann wird das nicht passieren. Aber sie müssen es halt wirklich wollen oder dazu gezwungen werden.»

Und wo sind eigentlich all die Nachtzüge hin?

Und wie beeinflusst das eine Politik, wenn der Präsident der grössten Schweizer Partei gleichzeitig Präsident der Dach­organisation der Schweizer Brennstoff­händler ist?

«Es ist schon so», sagt Knutti dann. «Das neue CO2-Gesetz mit gewissen Preis­aufschlägen hier und Lenkungs­abgaben dort ist aus wissenschaftlicher Sicht ungenügend. Denn damit werden wir die Klimaziele nicht erreichen. Aber es ist aus politischer Sicht womöglich das Beste, was heute realisierbar und potenziell mehrheits­fähig ist. Deshalb ist es trotzdem begrüssens­wert, weil die meisten angerichteten Schäden eben nicht rückgängig zu machen sind. Lieber anfangen und nachbessern, als gar nichts tun.»

Einerseits müsse man sich trotz der Wahlen keine Illusionen machen, weil die realpolitische Ebene eine andere sei als die wissenschaftliche Realität. Andererseits gebe es viele Möglichkeiten, einen Anfang zu machen. «Wir wussten noch nie so viel über das anstehende Problem», sagt Knutti. «Und wir hatten noch nie so viele Möglichkeiten, es anzugehen.»

Letztlich sei es für ihn als Wissenschaftler nicht die Aufgabe, Politik zu machen. «Aber es ist unsere Aufgabe, zu kommunizieren, was Sache ist. Nicht einfach Zahlen zu liefern, welche die Leute ratlos zurücklassen. Sondern die Zahlen auch zu erklären. Wenn das nicht mehr stattfinden kann, kann man sich fragen, wozu es uns gibt. Wenn wir der Meinung sind, dass es eine potenzielle Gefahr gibt, sollte es nicht nur erlaubt sein, die Gesellschaft darauf hinzuweisen. Wir sollten dazu verpflichtet sein.»

Und dann erzählt der ETH-Klimaforscher von Italien.

Am frühen Morgen des 6. April 2009 bebte im italienischen L’Aquila die Erde. Das Städtchen wurde zerstört. 308 Menschen starben. Der Staat stellte daraufhin mehrere Seismologen vor Gericht. Sie hätten die Bevölkerung nicht genügend vor den Gefahren gewarnt. «Das will ich mir nicht vorwerfen lassen müssen», sagt Knutti.

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