Aus der Arena

Cédric Wermuths PR-Stunt: Vom «Ladykiller» zum zweifachen «Frauenförderer»

Von Dennis Bühler, 23.10.2019

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Der Aargauer Sozialdemokrat Cédric Wermuth zieht seine Ständerats­kandidatur zurück. Er tut dies zugunsten der grünen Kandidatin Ruth Müri, deren Partei sich dafür im zweiten Wahlgang für den freien Sitz im Aargauer Regierungsrat hinter Wermuths SP-Kollegin Yvonne Feri schart. Nicht seine politische Karriere stehe im Vordergrund, sagte er an der Medienkonferenz, es gehe um die Verantwortung für das Ganze: «Die Kräfte für die soziale und ökologische Wende müssen gebündelt werden».

Wermuth schlägt mit diesem ausgebufften PR-Stunt zwei Fliegen mit einer Klappe: Er verhindert, dass ihm künftig ein Verlierer-Image anhaftet – im zweiten Wahlgang hätte er gegen Thierry Burkart (FDP) und Hansjörg Knecht (SVP) bloss minimale Chancen gehabt (Müri dürfte gar keine haben); noch entscheidender ist aber, dass sich der 33-Jährige so als Frauen­förderer inszenieren kann.

Seit Wermuth im September 2018 gegen Yvonne Feri antrat, die nach Pascale Bruderers Rücktritts­ankündigung ebenfalls gerne für den frei werdenden Aargauer Ständerats­sitz kandidiert hätte, eilt ihm der Ruf eines Ladykillers voraus. Nach einem heftigen, öffentlich ausgetragenen Schlagabtausch besiegte der Mann die Frau bei der partei­internen Ausmarchung deutlich.

Am Tag danach präsentierten die Frauen­organisation Alliance F und Operation Libero die Kampagne «Helvetia ruft», die am vergangenen Sonntag mutmasslich mitgeholfen hat, den Anteil Frauen im Nationalrat von 32 auf 42,5 Prozent zu erhöhen. Und Wermuth sagte, er müsse nun beweisen, dass er feministische Themen im Wahlkampf einbringen könne.

Von den Frauen sprach der ehemalige Juso-Präsident in den letzten Monaten dann aber deutlich weniger als von sich selbst. Mit Campaigning nach US-Vorbild stilisierte sich Cédric Wermuth im Wahlkampf zur Leitfigur einer von ihm höchstselbst ausgerufenen linken Bewegung. Wermuth führte einen der aufwendigsten Wahlkämpfe der Schweiz.

Damit schaffte er es in der Ständeratswahl zwar nur auf Rang drei, bescherte seiner Partei aber einen Erfolg: Während die SP landauf, landab verlor, erhöhte sie ihren Wähler­anteil im Aargau und gewann einen Nationalrats­sitz hinzu. Wermuth erkannte: Mehr liegt im konservativ-bürgerlichen Kanton nicht drin. Deshalb nahm er sofort wieder sein eigentliches Ziel in den Fokus: Wermuth strebt schon seit Jahren nach dem Parteipräsidium.

Aus dem vermeintlich selbstlosen Akt, sich zugunsten zweier Frauen aus dem Rennen zu nehmen, spricht das Kalkül, seine Wahl­chancen zu steigern, wenn SP-Chef Christian Levrat in den nächsten Wochen wie erwartet seinen Rücktritt erklären sollte.

Zwar sagte der neue Bündner SP-Nationalrat Jon Pult – einer der künftigen Meinungs­führer der Partei – am Montag­abend in der Nachwahl­sendung des Schweizer Fernsehens, für ihn komme bloss eine Präsidentin infrage. Doch davon wird sich Wermuth kaum bremsen lassen.

Notfalls wird er gemeinsam mit einer Frau antreten und sich mit einem Co-Präsidium zufriedengeben. Um dann doch im Mittelpunkt zu stehen.

Wermuths Verzicht auf den zweiten Wahlgang zeugt von seiner strategischen Brillanz. Es ist der Akt eines mit allen Wassern gewaschenen Politikers: wendig, opportunistisch, aufs eigene Überleben bedacht.

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