Serie «Am Strand» – Folge 4

Ein schmaler Streifen feiner Sand, dann beginnt schon die Stadt Tel Aviv mit ihrer Skyline.

Die konkrete Utopie

Für die einen eine Insel der prallen Lebens­freude. Für andere ein Ort des hirnlosen Hedonismus. Der Strand von Tel Aviv ist eine Enklave in einer fundamentalistischen Welt. «Am Strand», Folge 4.

Von Marko Martin (Text) und Jan Windszus (Fotos), 02.08.2019

Kann ein Strand eine eigene Welt sein, die sich lieben, aber auch abgrundtief hassen lässt? Die Promenade von Tel Aviv ist ein solcher Ort. Gelegen zwischen der jahrtausende­alten Altstadt von Jaffa im Süden und dem abgegrenzten Areal des Orthodoxen­strands im Norden, gerät die viereinhalb Kilometer lange Zone mitunter sogar in politische Debatten, wird zum Schlagwort: «Israel – das ist ja wohl nicht nur die Strand­promenade von Tel Aviv!» Ironischer­weise verbindet dieser Ausruf linke Tel-Aviv-Fans mit rechten Grossstadt­bashern, auswärtige «Israel­kritiker» mit ihren feindlichen Pendants, schwärmerischen Evangelikalen vor allem aus den USA.

Serie «Am Strand»

Von S’Arenal im Westen bis Tripoli im Osten: Es gibt Tausende Strände am Mittelmeer. Einige haben es zu Berühmtheit gebracht. Andere warten auf ihren Durchbruch. Neun Besuche an Sehnsuchts­orten am Wasser. Zur Übersicht.

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S’Arenal, Mallorca

Folge 3

Tripoli, Libanon

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Ostia, Italien

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Sousse, Tunesien

Folge 8

Saint-Tropez, Frankreich

Folge 9

Vlora, Albanien

Wie kommt es, dass ein feinsandiger, sanft gebogener Stadtstrand solche Emotionen freisetzt? Ganz simpel: Gilt den Progressiven dieser Ort als fragile Insel multiethnischer und multisexueller Lebens­freude und Gelassenheit, von dem das restliche, nationalistischer werdende Israel meilenweit entfernt sei, argwöhnen dagegen die Konservativen, dass hier an diesem Strand lediglich hirnloser Hedonismus zelebriert werde, der das ohnehin kleine Land zusätzlich schwäche. Was aber, wenn beide Lager irrten, verfangen in Projektionen, die schon beim ersten Augenschein platzen?

Im Gespräch an der Strandpromenade.
Im Liegestuhl des Hotels Crowne Plaza Tel Aviv Beach, am Horizont die Altstadt Jaffa.

Das Meer bei Jaffa etwa, dem biblischen Joppe, wo der Legende nach der ungehorsame Jona in den Bauch des Wals geriet, nach ein paar Tagen aber wieder unversehrt an Land befördert wurde. Von den steinernen Balkon­brüstungen und Balustraden der verwinkelten Altstadt geht der Blick entlang des Strandes hinüber zu den Skyline­gebäuden von Tel Aviv, in den Nächten ein Band wie ein Diadem unter stahlblauem Himmel.

Der Muezzin ruft Richtung Meer

Seit je wohnen in Jaffa Juden und Araber neben­einander, nicht immer konfliktfrei, doch gemeinsam als israelische Staatsbürger, die sich auf die Einhaltung gemeinsamer Regeln verständigt haben. Auf dem Dach eines strandnahen Gebäudes weht die blauweisse Flagge mit dem David­stern, doch aus dem Minarett daneben ruft eine Muezzin­stimme zum Nachmittags­gebet. Noch steht die Sonne hoch am Himmel, noch sind unten am Strand die ausgebreiteten Bade­tücher von Paaren und Familien besetzt, nicht selten Ketten­rauchende beiderlei Geschlechts, mit der Kippe im Mund gut gelaunt in die anbrandenden Wellen tappend. Nicht unbedingt Adonisse und Dianas unterhalb der Moschee, und nur dem geübten Auge wäre sichtbar, wer hier arabisch ist und wer jüdisch.

Von den muslimischen Strand­leuten wird der Gebetsruf nämlich keineswegs als Aufforderung verstanden, nun schnell ihre Sachen zu packen, über die hier noch sehr schmale Promenade zu eilen und sich in der im 17. Jahr­hundert erbauten Moschee einzufinden, dem ursprünglich exklusiven Gebetshaus der Jaffaer Fischer.

Schattenspender am Tag, Rückzugsort in der Nacht: Illuminierte Palmen.

«Eigentlich könnten ja nun alle zum Beten kommen», sagt Mahé mit freundlichem Gleichmut, obwohl der junge Mann hier lediglich mit zwei Freunden und dem Vorbeter auf dem Teppich kniet und Koran­suren rezitiert, unterhalb der rot blinkenden Digital­tafel der Gebets­zeiten. Trotz eines Schildes am altehrwürdigen Mauerwerk, das ein quer durchgestrichenes Handy zeigt, wird nach dem Gebet wieder mit Smart­phone auf dem Diwan Platz genommen, während der Vorbeter dem herein­geschneiten Fremden aus einer Thermos­kanne Kaffee mit würzigem Kardamom anbietet und eine Schachtel frischer Datteln öffnet, auf der «made in Israel» zu lesen ist. Zum hiesigen Politzwist jedoch nur so viel: «Bei euch in Europa habt ihr Probleme, bei uns im Nahen Osten haben die Probleme uns.»

Tolles Gefühl: Unterwegs mit dem E-Board.
Tolle Aussicht: Der höchstgelegene Pool der Stadt, im 29. Stock des Isrotel Tower.

Mahé, der 32-jährige Fischer-Philosoph, pfeift durch die Zähne, erhebt sich langsam vom Diwan, geht dann bärenhaft-bedächtig auf dem Teppich umher, öffnet ein Fenster zum Strand, hat jedoch noch immer keine Lust auf politische Debatten. «Manchmal ist der Fang, wenn frühmorgens die Boote zurückkommen, so riesig ausgefallen, dass unten am Hafen die Preise purzeln und du nur wenig verdienst. Und manchmal kommst du mit leeren Netzen zurück, dann ists sogar noch schlimmer. Aber, inschallah, hier ist es trotzdem besser als anderswo, und sag: An welchem Ort könnte ich sonst schon beten, in meinem Rücken direkt das Meer?» Fundamentalismus Fehlanzeige. Es scheint, dass dieser schmale Streifen entlang des Mittelmeers tatsächlich eine Art Enklave ist, vielleicht sogar eine konkrete Utopie.

Das junge arabische Ehepaar und seine zahlreichen, mediterran aufgebrezelten Verwandten, die in den ersten Abend­stunden ein paar hundert Meter weiter ein im Alten Hafen ankerndes Boot besteigen, haben es offensichtlich nicht auf Kontemplation abgesehen. Das weisse Brautkleid und die übrigen Fest­gewänder hurtig gelüpft, damit die rechts und links des schmalen Bootsstegs liegenden grün-glitschigen Taue nichts verunreinigen, gehts zum Feiern auf das bereits ein wenig herunter­gekommene Partyschiff von Captain Itzig Avineri.

Vom Aufstieg und Fall des Partykönigs

Dass hier, in Nachbarschaft zum abgesperrten und von der islamistischen Hamas kontrollierten Gazastreifen, Araber und Juden in alsbald aufsteigenden Schwaden von Parfüm und frischem Schweiss bei Speis, alkoholischem Trank und laut schepperndem Ethnopop gemeinsam aufs abendliche Meer hinaustuckern, scheint den Beteiligten weniger Sensation als unspektakuläre Normalität. Überdies sieht sich der silbergrau­haarige Captain Avineri, trotz seines geschätzten Alters von Ende sechzig mit seinen blauen Augen und dem markanten Gesicht noch immer ein charismatischer Beau à la Richard Burton, nicht als Repräsentant einer Ethnie. Doch nicht er, der Tel Aviver Partykönig der 1980er- und 1990er-Jahre!

Ex-Partykönig, Visionär, Bankrotteur oder einfach nur Schwadroneur? Irgendwie sei er alles, sagen die Menschen hier über Itzig Avineri (vor seinem Partyschiff).

«Zu meinen Hoch-Zeiten gehörten mir zehn Clubs, die all das spielten, was in den jeweiligen Szenen angesagt war – Rock, Pop, Punk, Reggae. Und mit dem ‹Allenby 58› gab es sogar den ersten Schwulen­club der Stadt. Schon mal was gehört von Dana International, der Grand-Prix-Siegerin von 1998? Ich hab sie mitproduziert, und dass Offer Nissim heute ein weltweit gefragter DJ-Star ist, der von New York bis Berlin überall auflegt, hat ebenfalls ein bisschen mit mir zu tun: Offer war damals ein blutjunger Barmann, den ich als eine Art Nothilfe ans Mischpult rief und … well, the rest is history.»

Nach diesem autobiografischen Kurzabriss muss Itzig Avineri, dessen schnee­weisse Fantasie­uniform tadellos sitzt, wieder seinen jungmännlichen Angestellten zur Hand gehen, Dutzende Vorspeisen­teller aus der Kombüse an Deck hieven, inmitten der ausgelassen Tanzenden, die beinahe ununterbrochen fotografieren und auf Instagram posten, immer neue Galiläa-Weisswein-Flaschen entkorken und am Mischpult die kreischenden Inter­ferenzen herunter­regeln. Tatsächlich der Ex-Partykönig von Tel Aviv oder doch nur ein begnadeter Schnurren­erzähler, wie sie die Region seit Jonas Walzeiten en masse hervorbringt?

Zum Urlaub mit der Familie immer nur nach Tel Aviv: Yentl (links) und Shir aus Frankreich.

Was indessen offensichtlich ist: Hier geht es nicht zuerst um ethnische Herkunft, sondern darum, was Menschen aus sich machen – und wie sie fallweise dabei auch scheitern. «Der wunderbare Itzig ist beides – Visionär und Bankrotteur. Und er ist nicht etwa Ende sechzig, sondern erst Mitte fünfzig – vom Highlife gezeichnet, haha. Er hat eine geschiedene Frau und einen Sohn, aber keinen einzigen seiner Clubs mehr. Jetzt schippert er auf seinem Seelen­verkäufer eben draussen vor Jaffa herum, lama lo, warum nicht? Offer aber bringt die House-und-Techno-Meute noch immer zum Tanzen, in diesem Club da am Neuen Hafen, im Norden an der Marina. Itzigs, nu, Beziehung mit Offer Nissim ist dagegen schon seit Jahren zu Ende.» Was allerdings hier wohl nie zu Ende geht, ist dies: Gossip im Weltdorf Tel Aviv, in dem trotz Tausender Sonnen­anbeter am Strand jeder Zweite jeden Dritten zu kennen scheint – und dies auch sofort kundtut in einer Mischung aus Zärtlich- und Huschigkeit, vermischt mit ostentativem Stolz über die komprimierte Ansammlung von Biografien, von gebrochenen, aber nicht zerbrochenen Lebensläufen.

Der allzu gebräunte Goldkettchen­alte, der am Hilton Beach, dem Schwulen­strand am nördlichen Ende der Promenade, diese Kurzsuada über Itzig vom Stapel lässt, ist dabei weniger pittoreske Ausnahme als die hiesige Regel.

Auf Sand gebaut

Doch von wegen Harmonie, wie manche der linken Ex-Hippies säuseln, die mit grauer Mähne und Gitarre am steilwandigen Strand­abschnitt gleich hinter Jaffa sitzen oder Angel­ruten ins aufschäumende Wasser werfen. Von wegen auch «Geschichts­vergessenheit», wie das manch fesche Jungrechte ihren jüdischen Bekannten aus New York und Paris lautstark mitteilen, am Gordon Beach oder Frishman Beach, die wie fast alle Strand­abschnitte benannt sind nach den aufs Meer stossenden Seiten­strassen der 2-Millionen-Einwohner-Metropole Tel Aviv.

Im Gegenteil. Die 1909 im damaligen osmanischen Palästina buchstäblich auf Sand­dünen errichtete Stadt hatte mit ihrem weitläufigen Strand nämlich nicht nur eine Beletage der Lebenslust, wo Männer und Frauen im Sand liegen konnten oder Ballspiele machten, freizügige Moden­schauen initiierten oder in den Wellen tollten – auch dann, als in Europa längst die Deportations­züge in die Vernichtungs­lager rollten. Wer es zuvor nach Tel Aviv geschafft hatte, nach 1918 dann bereits Teil des britischen Mandats­gebiets, war zwar in Sicherheit, doch keineswegs angekommen im Konflikt­freien. Just hier am Strand war im Sommer 1933 der links­zionistische, aus Russland stammende Chaim Arlosoroff ermordet worden – ein Politiker des versuchten Ausgleichs zwischen Briten, Juden und Arabern.

Der rechte Drahtzieher des Komplotts befand sich dann im Juni 1948 an Bord des legendären Schiffes Altalena, auf das kein Geringerer als Israels erster Minister­präsident David Ben-Gurion schiessen liess. Israel war soeben als Staat gegründet worden, doch die bewaffneten Freischärler auf der Altalena – sogenannte «Revisionisten», aus deren Reihen später die Likud-Partei entstehen würde, politische Heimat des heutigen Premiers Netanyahu – weigerten sich, das Gewalt­monopol des jungen Staates anzuerkennen. Zusätzliche Pointe: Unter denen, die den damaligen Schiffs­beschuss miterlebten, war auch ein blutjunger Soldat namens Yitzhak Rabin. Israels staatliche Genese als Konzentrat an ebendiesem Strand, wie in einer Nussschale.

Hunde abschnittsweise erlaubt: Strand in den Abendstunden.

Alte Geschichten? Alles andere als das. Wo doch heute auf der Strand­promenade nicht nur ein Gedenk­stein an die Altalena erinnert, sondern auch ihres Kontrahenten gedacht wird – des kleinen, dynamischen und fülligen David Ben-Gurion, 1886 im polnischen Płońsk als David Grün geboren, als Kopfstand machende Strand­installation. Wo doch die Vorfahren nahezu aller hier Badenden, Flanierenden, bejahrten, doch noch immer beeindruckend drahtigen Joggenden oder an den zahlreichen Freiluft­geräten Klimm­ziehenden einst an ebendiesem Strand angekommen waren, auf Flüchtlings­schiffen aus Europa, die bis zur Staats­gründung im Mai 1948 nur unter grössten Schwierigkeiten hatten ankern können, nach Kräften behindert von den Briten, die die Überlebenden des Holocausts mitunter sogar gewaltsam zurück auf Meer schickten.

Surfen für den Frieden

«Mein Grossvater, damals ein ganz junger Mann, war unter denen, die es vom Schiff über ein kleines Beiboot hierher an den Strand geschafft hatten. Das erfuhr ich aber erst, als ich in der Schule einen biografischen Aufsatz über ihn schreiben sollte, im letzten Jahr vor dem Armee­dienst. Er war der einzige seiner polnischen Familie, der die Nazis überlebt hatte, und auf dem Schiff lernte er seine zukünftige Frau kennen, meine rumänische Grossmutter.»

Sein Grossvater kam aus Rumänien und hat seine künftige Ehefrau auf einem Flüchtlingsschiff kennengelernt: Elad, Profisurfer und Sportler aus Leidenschaft.

Elad ist professioneller Surfer, 21 Jahre alt, hat seinen dreijährigen Armee­dienst inzwischen hinter sich – und spricht alles andere als bedeutungsvoll. Eher beiläufig erzählt er diese Familien­geschichte, in den Pausen des Fuss- und Handball­spiels, mit dem er und seine ebenso gestylt-durchtrainierten Kumpel ihre surffreie Zeit verbringen, unterhalb der Treppe eines Beton­konglomerats hinter dem «Carlton». Elad ist Berufs­sportler aus Leidenschaft, und selbstverständlich gibt es zu diesem Kabuff hier – voller Surfbretter und einem Aufkleber, auf dem die Jahreszahl 1957 steht – ebenfalls eine Geschichte: «Der Vater unseres Chefs war damals lifeguard am Strand. Dort lernte er einen Kalifornier kennen, der mit einem schmalen, seltsam geschwungenen Brett aufgetaucht war und damit über den Wellen tänzelte. Der Typ hiess Dorian Paskowitz, Jahrgang 1921, und mit ihm kam das Surfen nach Tel Aviv. Google ihn mal, er ist nämlich in seinen letzten Lebens­jahren mit seinem Projekt ‹Surfing for Peace› sogar nach Gaza gegangen, wo es natürlich auch Surf-Fans gibt, die mit der Hamas nichts am Hut haben! Wir alle sind Dorians Nachfolger, fast eine Art Familie.» Auch das wäre also möglich, hier: Traditions­wahrung und ein Bewusstsein von Kontinuität, das flexibel und entspannt ist, ohne Pathos und auftrumpfendes Tremolo.

Angriffe auf die Lebensfreude

Doch was für eine seltsame Idylle: Dieser Ort, an dem Elad und seine Kumpel Ball spielen, gilt eigentlich als der architektonische Schand­fleck der Strand­promenade, ein im Stil des Sechzigerjahre-Brutalismus erbauter, inzwischen zerbröselnder Komplex aus Gängen und Treppen und einem dubiosen Disco-Ungetüm namens «Pussycat». Trotz des Tarkowski-artig anmutenden Ambientes fehlt jedoch jeder Anhauch von Gefahr oder Drogen­kriminalität; auch weit nach Mitternacht ziehen noch Familien über das Areal auf dem Weg vom Strand hinüber in die Innenstadt. Liegt es womöglich an all den hoch­komplexen Biografien, dass selbst Zugereiste schon nach kurzer Zeit das Gefühl bekommen, entlang dieser wuseligen Promenade gäbe es etwas verblüffend Heimeliges, ja Bergendes?

Der Strand als Ort der Harmonie, obwohl es auch hier immer wieder zu terroristischen Attacken kommt.

Es hätte allerdings auch anders kommen können, gerade hier im identitäts­irren Nahen Osten. Denn auch die Strand­promenade war in der jüngsten Vergangenheit zum Ziel islamistischen Terrors geworden. Eine tödliche Messer­attacke in Jaffa 2015, im Juni 2001 die 21 in die Luft gesprengten Teenager vor dem inzwischen abgerissenen Freizeit­komplex «Dolphinarium», kurz danach drei Tote bei einem Anschlag auf den Strandpub «Mike’s Place».

Was es allerdings zu keiner Zeit und nirgendwo gab, nicht auf der Promenade und nicht in der Stadt: Rache­hetzjagden auf Araber, ethnische Raum­trennungen. Und so kommt es, dass jeden Freitag­abend am Allenby-Strand die Hare-Krishna-Jüngerinnen auftauchen mit Tamburin und Gesang, freundlich-spöttisch beäugt von den arabischen Jugendlichen aus Jaffa, den (jüdischen) Äthiopiern und den (nicht jüdischen) Eritreern, die an dieser Stelle ebenfalls ihren Chill­standort haben, mit Smartphones und Wasser­pfeifen. Arabische Grossfamilien, die Frauen entweder verschleiert oder ketten­rauchend (manchmal beides), junge Soldaten und Soldatinnen der israelischen Armee auf Wochenend­urlaub, multisexuelle Beautys beiderlei Geschlechts, dazu französische Sommer­touristen – die Frauen mit blondiertem Dalida-Haar, die Männer mit goldenen Davidstern­kettchen über der offenen Hemdbrust –, die hier im Unterschied zum Grossraum Paris ihre jüdische Identität nicht verbergen müssen.

Womöglich existiert hier ja doch – trotz der nationalistischer werdenden Innenpolitik der Rechts­regierung von Premier Netanyahu – eine Art Idylle, in der es nicht nach rassistischer Ausgrenzung, sondern nach Parfüm, Meersalz, Sonnenöl und den Grill­gerichten der Strand­restaurants riecht.

Jeder macht sein Ding, niemand ist allein

«Nenn es ganz einfach Trouble­überdruss», sagt Maja mit dem Ball, die jeden Samstag­abend zur Strand­promenade kommt, um auf einer betonierten Freifläche des Gordon Beach ihre Solitär­künste zu vervollkommnen. Von den Zehen­spitzen hoch über die Schien­beine, über Bauch und Becken und von da entlang der Oberarme muss der Ball, ohne den Boden zu berühren. «Oder nenn es Konzentration», sagt sie in einer der Pausen. «Jeder macht hier völlig ungestört sein Ding, doch selbst wenn du nicht zusammen mit einer Gruppe hier auftauchst, bist du nie allein. Da ist nämlich ausser dir immer auch deine Freude und dein freier Wille, genau das zu tun, was du jetzt eben tust. Ist jedenfalls besser als Vergangenheits­storys voller Krieg und Not.»

Maja mit dem Ball, die für keinerlei Team trainiert, liebt das ein wenig enigmatische Sprechen vielleicht auch aus diesem Grund: Als nach dem Zerfall der Sowjetunion in Moldau der Krieg ausbrach, hatte ihre Familie kurz entschlossen die Koffer gepackt und den Sprung in ein neues Leben gewagt. Maja war damals noch ein kleines Mädchen gewesen, doch sind wahrscheinlich die Geschichten von einst noch immer so übermächtig, dass sie – zumindest an Samstag­abenden – eben lieber dies macht: braun gebrannt und im Bikini, dabei völlig gleichmütig gegenüber den bewundernden Blicken um sie herum, mit ihrem Ball exzellieren, auf und ab, auf und ab. Tel Aviver Lebens­lust könnte also auch dies sein: bewusste Abkehr von historischen Zwängen, die andere erfunden hatten, zu anderen Zeiten, in anderen Ländern.

Abseits der hektischen Stadt: Am Lifeguard Tower ist der Strand abends angenehm ruhig.

Bis es dann gegen 19 Uhr Zeit ist, die kleine Freifläche zu räumen. Denn schon ist da ein DJ-Pult aus Sperrholz aufgebaut, hinter dem sich zwei rüstige Seniorinnen mit Schirm­mützen zu schaffen machen. Das Regler­gerät, das sie bedienen, stammt aus prädigitaler Zeit, doch gibt es weder Rauschen noch Pfeifen, bevor die Musik erklingt – israelische Folksongs, jeden Samstag­abend pünktlich um die gleiche Uhrzeit. Und schon zählen die Tanzenden zu Dutzenden, Alte und Junge, einen Kreis bildend und sich die Hände reichend beim Hora-Tanz, einer Musik aus der Frühzeit der Kibbuz-Bewegung. Mit Ausnahme der sehnigen Jogger, die unbeeindruckt weitertraben, bleiben die Promenaden­flaneure stehen, angefixt von einem alter­tümlichen Spektakel, das gleichzeitig jung und ungezwungen wirkt. Einige von ihnen reihen sich für ein paar Lieder ein, denn jetzt hat sich der Kreis geöffnet, wogt die kleine Menge in Schlangen­linien, mit Händen und Armen Arabesken in die Luft zaubernd – alles andere als professionelle Tänzer, weder Elfen noch Epheben, doch voller Freude an der rhythmisch-idealistischen Musik aus den Anfangs­zeiten des Staates.

Toleranter Körperkult vs. Mauer

Verblüffend, gerade hier an diesem Strand, wo trainierte und auch sexualisierte Körperlichkeit derart präsent ist, hat body shaming keinen Platz; selbst 80-Jährige, bereits ziemlich wackelige Paare scheinen beim samstäglichen Massen­tanz ihre Jugend wiederzufinden. Und auswärtige Besucher? Könnten danach ganz einfach zu ihnen hingehen und ihnen zuhören, ihren Flucht- und Ankunfts­geschichten lauschen, ihrer Sorge um das winzig kleine, von aussen, aber auch von innen bedrohte Land.

Und es wäre kein Greisen­gemurmel, denn schliesslich wird hier Rivka Sturman, die 2001 im hohen Alter von 98 Jahren verstorbene Gründerin der Tanz­bewegung, bis heute generations­übergreifend verehrt – als die legendäre Kibbuz-Lady des israelischen Folk Dance, die ihre Kunst einst an der University of Alaska gelehrt hatte. Selbst die Gespräche der blutjungen Trance-Techno-Fans – ein paar Strand­meter weiter und einige Abend­stunden später – sind kein juveniles Renommier­geschwätz. Auch wenn ein paar Joints zu zusätzlicher Redseligkeit anregen – die linde Nachtluft und das sanfte Wellen­rauschen stimulieren nicht nur das Flirten, sondern auch die Reflexion.

Unerwartet an einer maritimen «Highlife-Meile», doch was hier 18-jährige Soldaten selbst dem Auswärtigen ohne Scheu erzählen, ist Teil jenes kontroversen Selbstverständigungs­gesprächs, das die Israelis seit Jahr­zehnten führen: Was macht die vermaledeite Besatzung aus uns, in welcher Verfassung kommt man aus einer schwer bewaffneten Patrouille in Hebron danach hierher an den Strand von Tel Aviv, welche Verrohungen und seelischen Gefährdungen müssen nicht weggetrunken, sondern durcherzählt werden, und vor allem: Was wäre eine praktikable Alternative, gleicher­massen annehmbar für Israelis wie Palästinenser?

Einen Monat lang surfen: Sophia lebt als Designerin in Brooklyn, in Tel Aviv verbringt sie ihre Ferien.

Zwischen jüdischen Ultra­orthodoxen und Säkularen existiert ja bereits ein Modus Vivendi. Ironischer­weise jedoch in Form einer zwei Meter hohen Mauer, die ein Stück ins Meer hinein läuft und den Gay Beach von jenem Strand­abschnitt trennt, an dem sonntags, dienstags und donnerstags ultra­orthodoxe Frauen und an den anderen Wochen­tagen ultra­orthodoxe Männer mit Schläfen­löckchen und in weissem Wams ins Wasser steigen.

Ein heiliger Ort? Von wegen. Eher eine Zone gegenseitigen Respekts, denn mit Einbruch der Dunkelheit sind die Türen im ummauerten Areal für jene offen, die hier eher einen Rückzugs­ort für libidinöse Aktivität suchen – gern auch in Gruppen und entschieden multisexuell. Ärger gibt es höchstens, wenn sich wieder mal ein dick­bäuchiger ultra­orthodoxer Spanner dem Treiben nähert und verscheucht werden muss – am besten mit einem mahnenden Bibelwort, das selbst­verständlich auch die jungen Säkularen zu solchen Gelegenheiten noch immer parat haben.

Nirgendwo ist ein Ort wie dieser

«Bei so etwas bin ich nicht dabei», sagt dagegen Ramir, Bedauern in der Stimme. Wenn es Nacht geworden ist am Strand, hat er mit dem Sherut, dem landes­typischen Sammel­taxi, längst wieder seinen Wohnort im nördlichen Haifa erreicht und ist im Haus seiner Eltern angekommen. «Sieh mich an», sagt der melancholische Muskel­mann, der sich auf seiner Strand­liege am Gay Beach aufgesetzt hat, um seine Geschichte zu erzählen. «Israelischer Araber, Mitte dreissig und noch immer Single. Meine Familie weiss von nichts, und wenn ich für some fun für ein längeres Wochen­ende ins Ausland reise, nach London oder Berlin, bin ich für die dortigen Araber vor allem der Israeli, den sie sofort zutexten mit ihrem aggressiven Halbwissen. Während ich hier für die Juden …» Ramir macht eine resignierte Hand­bewegung, die dem Kräftigen jedoch so filigran gelingt, dass er lachen muss – trotz Einsamkeit und seiner komplexen Identität, die er nur hier am Strand ausleben kann, zumindest teilweise. «Es ist dieses Halb und Halb, manchmal ist die Mischung weniger balanciert. Aber was soll man machen? Das hier ist noch immer der einzige Ort auf der Welt, wo ich …»

Ramir, philosophierender Hair­designer aus Haifa, lässt den Satz in der Schwebe. Zu untypisch und präzedenzlos ist dieser Strand, als dass er sich letztgültig definieren liesse. Vielleicht muss es ja so sein. Auch Frau Irina, die pensionierte Musik­lehrerin, lässt ihre manikürten Finger vieldeutig kreisen, um den hiesigen Kosmos zu beschreiben. «Geboren bin ich in Moskau», sagt sie in einem Englisch, in dem das Russische noch nachrollt, «aber meine Seelen­heimat war immer Israel, und, nun ja, seit dem Zusammen­bruch der Sowjetunion lebe ich mit meiner Familie hier. Einfach war es nie, und doch: Als ich noch Musik unterrichtet habe, sagte ich den Kindern immer: ‹Hört mal, Russland ist grollend wie Rachmaninow, Israel nervös wie Strawinsky, aber Tel Aviv …›»

Bevor alles weggeräumt wird: Eine Touristin nutzt die letzten Minuten auf einem Strandstuhl, ehe er für die Nacht sicher aufbewahrt wird.

Frau Irina lächelt und setzt sich auf ihrem bis ans Wasser geschobenen Plastik­stuhl in Positur, eine Art mütterliche Femme fatale. «Tel Aviv ist prickelnd wie Mozart, weil …» Doch auch sie beendet den Satz nicht. Zeigt stattdessen auf die Skyline hinter ihr und auf die späten Strand­gänger. Gut möglich, dass sich darunter auch ein paar ihrer ehemaligen Schüler befinden.

Vielleicht ist es ja genau das: in den letzten Jahren eilfertig hochgezogene Glasbeton­ungetüme à la Manhattan, doch hier am Strand noch immer eine Schtetlwelt, freilich ohne Angst vor marodierenden Kosaken, ohne den Muff enger Gassen. Meeres­rauschen, Sonne oder mitter­nächtliches Flutlicht, dazu ein polyfoner Klang­teppich aus Lachen und ernsthaftem Reden. Nur zwei, drei Schritte müsste man gehen, denkt der Besucher, und aus den im Sand ausgestreckten Körpern würden in Sekunden Biografien, würden Lebens­geschichten miteinander geteilt ohne Prätention und falsche Scham. Denn tatsächlich, noch immer: nirgendwo anders auf der ganzen Welt ein Ort wie dieser.

Dieser Text erschien unter dem Titel «Tel Aviv ist Mozart» zuerst im Magazin «Mare», Nr. 134.

Zum Autor

Marko Martin, geboren 1970, arbeitet als freier Autor in Berlin.

Zum Fotografen

Jan Windszus, Jahrgang 1976, ist Fotograf und lebt in Berlin. 2018 erhielt er die Bronze­medaille beim Deutschen Fotobuchpreis.

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