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Das Saint-Tropez der Türkei: Bodrum, gut 150 Kilometer südlich von Izmir – und unendlich weit von Istanbul mit all seinen Problemen.

Die Riviera der Eskapisten

Auf der Halbinsel Bodrum weiss man sich von der türkischen Realität gut abzugrenzen. Egal, wie sehr sie einen einholt. «Am Strand», Folge 1.

Von Solmaz Khorsand (Text) und Jelka von Langen (Bilder), 20.07.2019

Das gute Leben ist möglich, überall und jederzeit, selbst in der Hölle. Man muss nur wissen, wie man sich in dieser Hölle einrichtet. Bahar Buluç zeigt wie. Sie sitzt in der Strandbar ihres Bruders, im «Churchill», und bestellt einen türkischen Kaffee. Um sie herum wuseln die Kellner, servieren Sushi und Burger. Es ist eine angesagte Bar, eine der edleren an der Küste der Altstadt in Bodrum. Buluç, kurze graue Haare, wache Augen, verschmitztes Lächeln, schaut verschwörerisch. Als sie ihren Kaffee ausgetrunken hat, teilt die 56-jährige Übersetzerin das Geheimnis ihrer Landsleute. Was sie hier im äussersten Südwesten der Türkei tun, um sich mit der Hölle aus Istanbul, Ankara und Diyarbakir zu arrangieren. Buluç steckt die Finger in die Ohren, schliesst die Augen und beginnt laut zu singen: «Lalalala.» Dann lacht sie. «So sind wir hier drauf», sagt sie.

Zur Serie «Am Strand»

Von S’Arenal im Westen bis Tripoli im Osten: Es gibt Tausende Strände am Mittelmeer. Einige haben es zu Berühmtheit gebracht. Andere warten auf ihren Durchbruch. Neun Besuche an Sehnsuchts­orten am Wasser. Hier finden Sie den Auftakt zur Serie.

So einfach ist das mit dem guten Leben. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. In Bodrum, dem Saint-Tropez der Türkei, ist das seit Jahr­zehnten die gelebte Praxis. Sollen doch die anderen mit Militär­putsch, Protesten, Terror­anschlägen, inhaftierten Akademikerinnen und einem Präsidenten, der alle Frauen verhüllen will, fertigwerden.

Sie in Bodrum stecken die Finger in die Ohren, schlürfen in Hotpants am Meer ihre bunten Cocktails und sorgen sich höchstens darum, wie lange es noch dauert, bis sie es an die Spitze der Strand­hierarchie geschafft haben.

Zwei von 1,5 Millionen Gästen, die im Jahr nach Bodrum kommen.

Eine berechtigte Sorge auf diesem Land­streifen. Für einen Aussen­stehenden ist die Rang­ordnung nicht gleich zu erkennen. Er zählt ab, wie viele Sterne die Luxus­hotels hier haben, wie viele Pools und Spas, und versucht so zu unterscheiden, wo die Elite haust und wo der Pöbel.

Im Winter leben auf der Halbinsel, die fast so gross ist wie Hamburg, 150’000 Menschen, im Sommer sind es mit Touristen und Zweithaus­besitzerinnen bis zu 1,5 Millionen. Entsprechend ihrem Status haben sie sich über die elf Gemeinden von Bodrum verteilt.

Blick auf den Hafen mit dem mittelalterlichen Kastell St. Peter, erbaut von Kreuzrittern im 15. Jahrhundert.

Im Norden, in der Gemeinde Yalikavak, sonnt sich die chirurgisch verbesserte Schickeria aus den Gross­städten, im Westen, in Gümüşlük, die bekiffte Boheme, im Süden, in Gümbet, dem Baller­mann mit den Schaum­partys, die Billig­touristinnen in Schlauch­kleidern und im Osten, in der Altstadt, auf dem öffentlichen Strand, wo man noch nicht einmal ein Getränk kaufen muss, um sich mit seinem Handtuch unter einen der Stroh­schirme zu legen, die Senioren und Einheimischen aus den umliegenden Betrieben.

Junge Männer üben sich hier unbeholfen im Kraulen, beruhigt, dass kein Mädchen sie hier wegen ihrer linkischen Versuche verurteilt. Grossväter tragen ihre Enkelinnen durchs Meer, um sie so ans Wasser zu gewöhnen. Mütter mit Kopftuch suchen Schutz unter den Schirmen, während ihre Teenager­töchter im Bikini fröhlich planschen. Hie und da liegt in der prallen Sonne ein krebsrotes Touristen­pärchen aus England, während um sie herum dicke Frauen Sonnenblumen­kerne knacken und noch dickere Männer um die Wette rauchen.

Das Prinzip «leben und leben lassen» haben hier alle verinnerlicht.

Die Elite wird man auf diesem 200 Meter langen öffentlichen Strand­abschnitt der Altstadt nicht antreffen. Sie tummelt sich nicht an irgend­welchen Stränden. Die echte Elite schafft sich ihren persönlichen Strand, wo sie will. Auf ihren Booten.

Die Strände in Bodrum sind schön, aber nichts für die wahre Elite. Die schätzt einen ganz persönlichen Strand: Auf ihren Booten.

Bade Yavaş’ Boot liegt derzeit im Hafen. Ungenutzt. Ihr fehlt der Kapitän. Ihr Mann hat keine Zeit, und den Kapitän von seinem Boot will sie sich nicht ausborgen. Das wäre ja noch schöner, ein fremder Typ auf ihrem Deck, der ihr beim Pinkeln zuhören kann. «Auf solchen Booten hört man alles», erklärt sie und zieht an ihrer dünnen Zigarette. Es ist Montag­abend, und die 34-Jährige sitzt im Keci, einem Familien­lokal in einer Seiten­strasse der Altstadt. Ein Teller Oliven, Fetapüree und eine Flasche Weisswein stehen vor ihr. Neben ihr ein leerer Kinder­wagen. Ihr Mann trägt ihre sechs Monate alte Tochter gerade um den Block.

«Ich möchte nie wieder nach Istanbul zurück»: Bade Yavaş, Designerin.

Bis sich ein Kapitän gefunden hat, bleibt Yavaş nichts anderes übrig, als wie die anderen zu einem Strand zu gehen. Erst kürzlich sei sie mit ihrer Schwester an einem gewesen, erzählt sie. Wie weit sie ins Wasser habe reinwaten müssen, um ihren Körper ganz zu kühlen, furchtbar. Einfach nicht dasselbe, wie wenn sie mit ihrem Boot hinaus­fahre und mitten im Meer ins Wasser hinein­springen könne.

Bodrum, das wahre Istanbul

Vor zwölf Jahren zogen ihre Eltern aus Istanbul nach Bodrum, ihr Vater beschäftigt in der Textil­branche, die Mutter passionierte Golferin. Yavaş selbst folgte ihnen vor vier Jahren. Nie hätte sie das gedacht. Geboren und aufgewachsen in Istanbul, ist sie ein echtes Gross­stadtkind. Doch jetzt sagt sie: «Ich möchte nie wieder zurück.» In Bodrum sei das Leben, das es wert sei, gelebt zu werden, erzählt sie. Sie hält ihr Glas Wein mit der einen Hand hoch, die Zigarette mit der anderen und breitet die Arme aus. In Istanbul hatte sie nur Stress. Als Designerin für Hochzeits­kleider arbeitete sie rund um die Uhr. Und wenn sie nicht arbeitete, steckte sie im Stau fest. Und wenn sie nicht im Stau war, war sie Freiwild. «In Istanbul könnte ich so nicht am Abend herum­rennen», sagt sie und zeigt auf ihr Outfit. Sie trägt einen kurzen Jeansrock und ein ärmelloses weisses T-Shirt, das ihre Tattoos auf den Oberarmen zeigt.

In Bodrum können junge Frauen problemlos auch spätnachts unterwegs sein.

Ihr Istanbul ist längst in Bodrum, da, wo Frauen spätnachts in kurzen Röcken unterwegs sein können, schwule Paare unbehelligt händchen­haltend an der Promenade flanieren und sie als Frau zu jeder Tageszeit in jedem Viertel ein Glas Wein trinken kann, ohne schief angeschaut zu werden. Ihr Istanbul, das säkulare, das westliche, das europäische, ist hier. Im anderen hat sich in den 17 Jahren, in denen Präsident Recep Tayyip Erdoğans religiöse Aufschwungs- und Gerechtigkeitspartei, die AKP, an der Macht ist, das hinter­wäldlerische Anatolien breitgemacht. Yavaş spricht sich in Rage, wenn sie an die frommen und «ungebildeten» Anhänger Erdoğans denkt, die ihm blind folgen würden, anstatt dem wahren politischen «Genie» des Landes, Staats­gründer Mustafa Kemal Atatürk, zu huldigen. Sie schüttelt angewidert den Kopf.

Vor sechs Jahren hat Yavaş gegen Erdoğans Regierung demonstriert, damals, als Tausende in Istanbul gegen die Bebauung des Gezi-Parks auf die Strasse gingen. Sie erinnert sich noch zu gut an die Tränengas­granaten, die sich vor ihren Füssen gedreht haben. Mit ihren Händen macht sie die Dreh­bewegung nach. Den Moment wird sie nie vergessen, als sie keine Luft mehr bekam und ihre Schwester fast ohnmächtig wurde. Damals hat sie das Vertrauen in ihren Staat verloren und sich geschworen, nie wieder etwas für dieses Land zu tun.

Eine neue Ära

«Wir haben es geschafft», ruft ihr eine Frau im weissen Leinen­kleid, mit feuer­roten Haaren und gemachter Nase im Vorbei­gehen zu. Sie hebt die Faust und lächelt. Bade Yavaş erwidert ihren Gruss: «Ja, wir haben es geschafft», sagt sie und grinst.

Die Rede ist von Istanbul.

Es ist der Tag nach der wiederholten Bürgermeister­wahl. Ekrem Imamoğlu, der Kandidat der Mitte-links-Opposition, der Republikanischen Volkspartei CHP, wurde zum Ober­bürgermeister der 15-Millionen-Einwohner-Metropole gewählt. Bade Yavaş kann es gar nicht fassen. Einer der ihren hat gewonnen. Und dieses Mal ist es amtlich.

Ob eher ruhig oder eher gesellig: So einfach ist das mit dem guten Leben.

Schon im März konnte sich Imamoğlu mit 14’000 Stimmen Vorsprung gegen den AKP-Mann Binali Yildirim durchsetzen. Erdoğans Regierung erkannte das Resultat nicht an und zwang die Wahl­behörde, das Ergebnis wegen Unregelmässigkeiten zu annullieren. Imamoğlu musste sich am 23. Juni erneut stellen. Er gewann wieder, dieses Mal mit 778’000 Stimmen Vorsprung, ein Erdrutsch­sieg und ein klares Signal an den Präsidenten. Erdoğan, dessen politische Laufbahn in Istanbul ihren Anfang genommen hatte, gratulierte Imamoğlu noch in derselben Nacht. Mit Istanbul, Ankara und Izmir sind nun die drei grössten Metropolen des Landes in der Hand der Opposition. Erdoğan-Gegner sprechen bereits von einer Wende in der Türkei. Nach so vielen Jahren ist die bei Wahlen ewig siegreiche AKP endlich gescheitert, der «Sultan» angeschlagen, seine Tage gezählt. Sie sehen Imamoğlu, den frommen, versöhnlichen Muslim, der gerne mal aus dem Koran zitiert, bereits als ihren nächsten Präsidenten.

«Wir sind europäisch»

Auf Bodrums Strassen teilt man diese Prognosen vollmundig, ausser in einer, in der Çarşi Mahallesi. Hier, unmittelbar hinter dem Kastell St. Peter, dem Wahrzeichen von Bodrum, befindet sich die Regional­verwaltung der Halbinsel. Im ersten Stock des weissen Büro­gebäudes sitzt Ahmet Aras. Seit April ist der 49-Jährige Bürger­meister. Davor war es zehn Jahre lang sein Cousin, Mehmet Kocadon, der reichste Mann von Bodrum, sagt man. In Bodrum mögen sie reiche Bürger­meister, heisst es, denn reiche Bürger­meister würden nicht stehlen.

«Wir sind europäisch»: Bürgermeister Ahmet Aras in seinem Büro mit Blick auf die Çarşi Mahallesi direkt hinter dem Kastell.

Freundlich empfängt Aras’ Mitarbeiter­stab den ausländischen Besuch. Im Vorraum seines Büros warten knapp ein Dutzend Leute, um mit dem Chef zu sprechen. Fünf Minuten habe er Zeit, danach müsse er zu einem Begräbnis, lässt der Sekretär wissen. Also bitte schnell, mahnt er.

Ahmet Aras selbst wirkt entspannt. Er gibt eine kurze Einführung in die breite Souvenir­anrichte an der Wand. Jedes Mitbringsel repräsentiere ein Stück Bodrum, etwa die braunen Miniatur­sandalen, ein Modell der demolierten St.-Nikolaus-Kirche, die Figur eines Schwamm­tauchers oder ein kleines Stoff­kamel, wobei, das sei eher ein Geschenk gewesen. Kamele hätten nicht viel mit Bodrum zu tun, seien sie doch ein klares Symbol des Nahen Ostens. Davon sei Bodrum meilenweit entfernt. «Wir sind europäisch», sagt Aras.

Darauf legt er Wert, weiss er doch, welches Image siebzehn Jahre AKP-Regierung im Ausland verursacht haben. Bodrum, eine CHP-Hochburg, regiert von nationalistischen Sozial­demokraten, ist von Erdoğans geistigem Umbau im Land verschont geblieben. Zum Grossteil. Einige Beobachter meinen zu erkennen, dass sich die Zahl der Moscheen auf der Halbinsel vervielfacht habe, ebenso rufe seit ein paar Jahren der Muezzin eine Spur lauter zum Gebet. So laut, dass er mit dem Bass­gewummer der Clubs mithalten könne.

Ihm sei das nicht aufgefallen, sagt Aras. Das Einzige, was ihm Kopf­zerbrechen bereitet, sind die Preise für Alkohol, die unter der AKP-Regierung in die Höhe geschnellt sind. Für das hedonistische Bodrum ist das schon problematisch.

Generell funktioniere die Zusammen­arbeit mit Ankara recht gut. «Keine Probleme», betont Aras. Ob die Wahl in Istanbul das Ende der Ära Erdoğan einläute? Aras gibt sich bedeckt. Er will nichts prognostizieren. Er freut sich lediglich für seinen Freund Ekrem, den er noch anrufen müsse, um ihm zu gratulieren.

In seinem Wahlkampf hat auch Bodrum mitgemischt. Dezent von der Seiten­linie aus. Via Twitter wollte man die Wähler in Istanbul mobilisieren. Da der zweite Wahl­termin mitten in die langen Sommer­ferien fiel, hat Aras’ Presseteam auf Twitter verkündet, doch bitte an diesem Wochenende in Istanbul zu bleiben, da sich auf der Halbinsel exakt für diesen Zeitpunkt ein Schneesturm ankündige. «Wir haben ihnen nur nahegelegt, zu Hause zu bleiben, nicht, wen sie wählen sollen», stellt die Presse­sprecherin richtig. In Zeiten, in denen jeder falsche Buchstabe als Volks­verhetzung und Terror­propaganda ausgelegt werden kann, sind Nuancen wichtig. Egal, wie weit weg man vom Schuss ist.

Bloss niemandem auf den Schlips treten, lautet die Devise. Selbst in Bodrum. Da hält man es ganz mit dem Kollegen aus Istanbul. Imamoğlu hat sich im Wahlkampf mit Angriffen auf seine politischen Gegner zurück­gehalten. Mit der schmutzigen Seite des Polit­betriebs wollte er nichts zu tun haben.

Aras macht es ähnlich. Am Ende des Gesprächs geht er sogar eine Spur weiter als sein Partei­freund und distanziert sich völlig: «Ich bin kein Politiker, ich bin nur der Bürger­meister für alle hier», sagt er zum Abschied.

Dann muss selbst er lachen.

Ein Ort für Gestrandete, aber nicht alle

In der Gemeinde Gümüşlük, im äussersten Westen von Bodrum, ist man nicht so vorsichtig, zumindest nicht in der Männer­runde von Akif Kurtuluş. Acht Männer sind dabei, die sich einmal die Woche zum Politisieren treffen. Eine illustre Runde von Architekten, Restaurant­besitzern und Journalisten. Wichtig sei man, so wichtig, dass vor jeder Wahl die jeweiligen Kandidaten auf einen Raki – oder mehr – vorbei­schauten, um zu erfahren, wo der Schuh bei den wichtigen Männern drückt.

Kurtuluş, 60, Hemingway-Bart, zog vor acht Jahren aus Ankara nach Gümüşlük. Hier, in der Künstler­enklave, wandelt man stolz auf den Spuren von Cevat Şakir Kabaağaçli, dem Schriftsteller und Dissidenten. 1925 wurde er wegen eines kritischen Zeitungs­artikels aus Istanbul verbannt und nach Bodrum ins Exil geschickt. Damals war es noch ein verschlafenes Fischer­dorf, das man besser unter seinem griechischen Namen Halikarnassos kannte. Cevat Şakir verliebte sich in sein Exil und publizierte fortan nur mehr unter seinem Pseudonym «der Fischer von Halikarnassos».

Romane schreiben statt Prozesse führen: Akif Kurtuluş, Aussteiger.

Noch heute dient der Ort vielen als Exil. Ob vor dem Lärm, dem Verkehr oder der Politik. Früher hat Akif Kurtuluş in Ankara als Anwalt gearbeitet, spezialisiert auf Arbeitnehmer­rechte. Jetzt, im «Exil», kann er sich auf seine Leidenschaft konzentrieren, das Schreiben. Schon zwei Romane und mehrere Gedicht­bände hat er verfasst. Ansonsten schiebt Kurtuluş hier in Gümüşlük eine ruhige Kugel. Einmal die Woche eine Partie Bridge, und wenn es nicht allzu heiss ist, gelegentlich auch etwas Tisch­tennis. Und dazwischen viel Raki mit den Jungs. Pensionisten-Eskapismus eben.

In der Männer­runde gilt er als der Intellektuelle, der nicht nur den Personen­kult rund um Erdoğan kritisiert, sondern auch jenen rund um Staatsgründer Atatürk, den sie hier in Bodrum alle anzuhimmeln scheinen. Die sogenannten Sozial­demokraten von der CHP, wie er sagt, sieht er auch kritisch. Sie seien in manchen Fragen, vor allem was die Minderheiten im Land wie die Kurden und Armenier angehe, genauso fanatisch wie die Rechts­extremen im Landes­inneren, die Leute von der MHP, Türkeis Partei der Nationalistischen Bewegung und der politische Arm der Grauen Wölfe. «Sie müssten sich erst anhören, wie sie hier über die Flüchtlinge reden», sagt Kurtuluş und schüttelt den Kopf.

2015 hat man die Flüchtlinge überall in Bodrum gesehen. Monate­lang haben sie an den Strand­promenaden campiert, Männer, Frauen und Kinder, krank und ausgehungert. Betroffen waren die Einheimischen, aber vor allem genervt. Das Saint-Tropez der Türkei ist kein Ort für Gestrandete. Das gute Leben lässt sich unter solchen Bedingungen nur mit Mühe fortsetzen.

Bodrums Opfer­bereitschaft

Doch am 2. September 2015 konnten selbst die Leute in Bodrum ihre Augen nicht länger verschliessen, als das Meer die Leiche des dreijährigen Aylan Kurdi an ihre Küste spülte. Um sechs Uhr entdeckte die Fotografin Nilüfer Demir den syrischen Jungen mit dem roten T-Shirt und den kurzen blauen Hosen. Sie knipste. Ihr Bild ging um die Welt und wurde zum Symbol der gescheiterten Asyl­politik Europas.

Als das Flüchtlingselend sichtbar wurde: Am 2. September 2015 wird an diesem Strand die Leiche des dreijährigen Aylan Kurdi gefunden, das Bild ging um die Welt.

Gefunden hat sie ihn in Fenerburnu Sitesi, im Südwesten von Bodrum. Es ist ein ruhiger Ort mit Pensionisten und Familien. Sie stammen fast alle aus der Türkei. Aus dem Ausland verirrt sich kaum jemand hierher. Während in der Altstadt die Cafés erst in den frühen Morgen­stunden zusperren, macht in Fenerburnu Sitesi bereits um zehn Uhr abends alles zu.

Unberührt ist es auf dem Abschnitt, auf dem Aylan Kurdi gefunden wurde. Es ist ein kurzer Strand­streifen, ohne Cafés und Liegen. Ein paar Pensionisten schwimmen hier ihre Meter, Touristinnen mit Kopftuch beissen herzhaft in Wasser­melonen, während sich ihre Kinder in tiefe Mulden in den Sand einbuddeln. Nur wenige Einheimische von den Strand­cafés nebenan wissen, was hier vor vier Jahren passiert ist.

Die anderen halten sich längst an Bodrums oberste Prämisse. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Das gute Leben fordert nun einmal seine Opfer.

Zur Fotografin

Jelka von Langen ist an der deutschen Nordseeküste aufgewachsen und lebt mit Freund und Sohn in Berlin. Sie hat an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin studiert.

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