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Aus der Redaktion

Depressiv – was soll ich tun?

Die vielen Reaktionen zeigen: Unsere Texte über die Volkskrankheit Depression bewegen die Leserinnen. Wie es jetzt weitergeht.

Von Olivia Kühni und Ivo Scherrer, 01.07.2019

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Es gibt journalistische Texte, die treffen ins Herz – und den Geist der Zeit. Seit Ivo Scherrer seine Beiträge zur Volkskrankheit Depression und deren Kosten veröffentlichte, melden sich täglich Dutzende Leser bei ihm: mit einem Dank dafür, dass er offen über ein Leiden schrieb, das in unterschiedlicher Form auch ihr Leben prägt.

Manchmal fühle man sich nirgends mehr in seinem Kopf zu Hause, schreibt etwa einer von ihnen: «Da ist kein Ort mehr, wo es gut ist.»

Was fast alle Rückmeldungen gemeinsam haben: Unsere Leserinnen wollen wissen, wie und wo sie Hilfe bekommen. Einige für sich selber, sehr viele aber auch für ihre Brüder, Mütter, Ehefrauen, Freunde.

Die Frage, wer in der Schweiz Hilfe bekommt – oder eben nicht –, ist auch eine politische. Sich selber oder andere durch eine psychische Krankheit zu bringen, braucht Ressourcen, Kraft und Wissen – und wie so oft ist dieses Wissen nicht für alle im gleichen Mass zugänglich.

Genau diesen Fragen wollen wir uns als Nächstes widmen: Was kann nach heutigem Wissens­stand wirklich helfen bei depressiven Leiden? Wie unterstützt man die Angehörigen am besten? Wo gibt es gute Behandlungen, wer bezahlt dafür – und wem bleibt aus welchen Gründen dieser Zugang verwehrt?

Wir schätzen es, wenn Sie uns Ihre Erfahrungen dazu schildern:

  • Was hat Ihnen oder einem Nächsten geholfen?

  • Welche Erfahrungen haben Sie dabei mit Fachstellen, Spitälern, Ämtern gemacht?

  • Welche Fragen konnten Sie dabei nicht klären – wozu möchten Sie dringend mehr erfahren?

Das Thema umfasst viele Facetten, und wir werden nicht auf alle Fragen und jede Erfahrung eingehen können. Auf einige aber schon. Sie hören von uns.

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Ich wurde per Zufall einem Psychiater zugeteilt, der mir sehr entspricht. Er arbeitet vor allem mit dem emotionsfokussierten Ansatz von Leslie Greenberg. Antidepressiva werden unterstützend eingesetzt. Was mir hilft:

  • Die Sitzungen beim Psychiater

  • Die Medikamente

  • Joggen

  • Yoga

  • Zeit für mich

  • Die Unterstützung von Partner, Freunden und Arbeitskollegen, von Vorgesetzten

  • 10 Tage in der Krisenintervention (im Rückblick sehe ich diese Zeit als extrem positiv)

  • Skills-Ketten (starke Reize wie Kälte, Duschen, Noppenball zum Drücken...), um aus den schlimmsten Anspannungszuständen rauszufinden, ohne mich zu verletzen oder mir etwas anzutun

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Vielen Dank fürs teilen. Haben Sie Fragen, denen wir Ihrer Ansicht nach nachgehen sollten?

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Fragen, über die ich vor der Depression und der Therapie gerne mehr gewusst hätte:

  • Wann ist eine stationäre Behandlung angebracht? Was passiert da genau? Ich habe zu lange gewartet, habe mich mit aller Kraft dagegen gewehrt. Hätte ich mehr darüber gewusst, hätte ich wohl früher davon profitieren können.

  • Depression ist nicht immer gleich arbeitsunfähig und tagelang nur im Bett liegen. Ausser 3-4 Wochen habe ich normal gearbeitet, die Kinder betreut und den Haushalt gemacht. Einige Leute in meinem Umfeld wollten mir deswegen nicht glauben, dass ich effektiv krank bin. Ich bin sicher nicht die einzige in diesem Fall, da würde es helfen, wenn das bekannter wäre.

  • Nicht immer führt Depression auch zu Selbstverletzung, Essstörung und Suizidgedanken, oder gar zu Suizid. Aber leider doch oft. Wenn ich anderen davon erzähle, merke ich, dass diese Zusammenhänge völlig im Dunkeln sind, zB dass ich mir in den dunklen Stunden den Tod wünsche, nicht weil mein Leben so schlecht ist, sondern weil der Schmerz so unerträglich ist, dass ich zu allem bereit wäre, auch zum Suizid, um diesen seelischen Schmerz nicht mehr spüren zu müssen.

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Eine erste Anlaufstelle bei Notfällen wäre hilfreich. Bei mir damals konnte das Aerztephon nicht weiterhelfen und die dargebotene Hand ist oft überlastet.

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Was mir und meinen Klienten half, ist zu Beginn eine Therapeutin, ein Therapeut mit dem es menschlich stimmt, mit dem man sich gut versteht, sich verstanden fühlt. Gleichzeitig braucht es ehrliche, menschliche Kontakte, Gemeinsamkeit, statt Einsamkeit. Eine sinnvolle, interessante Arbeit. Der Austausch mit anderen Erfahrenen und Angehörigen. Hierfür gibt es Selbsthilfegruppen oder das «trialogische Seminar Depression», wo sich Erfahrene, Angehörige und Fachpersonen, auf Augenhöhe, ihre persönlichen Erfahrungen austauschen. Siehe Selbsthilfe Schweiz oder Pro Mente Sana.
In der Nord-Westschweiz gibt es vermutlich für alles und jedes eine Fachstelle oder eine Stiftung. Die richtige, die zuständige Stelle zu finden ist leider oft eine «Mission impossible». Darum versuchen wir in einer Arbeitsgruppe, nach Wegen diese Informationen zu bündeln und den Suchenden zur Verfügung zu stellen. Ein Haken an all diesen Fachstellen ist, dass in den Fachstellen meist «Gesunde», im Namen der «Kranken» sprechen. Das wollen wir mit dieser Arbeitsgruppe ebenfalls ändern. Betroffene / Erfahrene sollen sich selber vertreten und aktiv werden können.
Ämter fühlen sich als übermächtige Gegner an, die sich nicht um die Probleme, um die Handicaps der Erfahrenen scheren. So ging ich einst mit einer EL (Ergänzungsleistungen)-Verfügung zu einer «kostenlosen» Rechtsberatung, zahlte die fälligen 150.- und fragte, ob die Verfügung korrekt sei. Die Antwort der Juristin war simpel. «EL-Regelungen sind so kompliziert, das übersteigt die Möglichkeiten der kostenlosen Rechtsberatung.»
Da das Leben jedes Jahr teurer wird, die IV-Rente aber nicht steigt, wunderte ich mich warum ich immer weniger EL bekomme. Ich fragte nach an was das liege, ob ich nicht alle Belege beigebracht hätte und ob man mir die in juristischem Amtsdeutsch verfassten Belehrungen, die mir als Dyslexiker nicht zugänglich sind, auch verständlich zugänglich machen könne. Darauf wurden mir genau diese unverständlichen Texte zugestellt: «wenn Sie damit nicht klar kommen, wenden Sie sich bitte an das Behindertenforum.»
Da ich meine Depression längst überwunden hatte und wieder Arbeitsfähig bin, beantragte ich 12 Jahre lang, Wiedereingliederungsmassnahmen bei der IV. Um selber wieder Arbeit zu finden, war ich zu viele Jahre weg vom Arbeitsmarkt und mit Psychiatrie-Erfahrung, eh fast unmöglich, Arbeit zu finden. 12 Jahre brauchte es ein Gutachten, um meine Anträge auf Wiedereingliederung zu bearbeiten. So ein Gutachten kostet mehr, als ich im Jahr Rente erhalte. 12 Mal wurde der Antrag unbegründet abgeschmettert. Beim letzten Mal stieg ich auf die Barrikaden. Ein IV-Sachbearbeiter rief mich daraufhin an und sagte: «Ich verstehe ja, dass Sie irgendeine Beschäftigung brauchen, aber bitte, stellen Sie keine Anträge mehr. Sie haben einfach keine Chance, wie werden Sie niemals wiedereingliedern.» Weshalb, dürfe er mir zu meinem eigenen Schutz nicht sagen. Die Gutachten dürfe er mir auch nicht geben.
Der Kinofilm GLEICH UND ANDERS zeigt übrigens viel über das Leben von Menschen mit einer psychischen Einschränkung und über das Hindernisreiche meistern ihres Lebens.

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B. W.
Verleger
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In meinem Leben hatte ich öfters Phasen von mehreren Tagen, wo die Energie und Glauben an mir selber gefehlt hat und wo Unsicherheit mich gelähmt hat. Diese Tage waren nicht schwarz sondern grau, manchmal dunkelgrau. Auch war ich dysfunktional beruflich und in Liebesbeziehungen. Vor über zwanzig Jahre fing ich mit einer Therapie bei einer Psychologin - unter der Aufsicht einer Psychiaterin, damit die Krankenkasse zahlte - an, worin es ging, Störungen in meinem gegenwärtigen Alltag auf Assoziationen zu Missständen in meinen Familienverhältnissen als Kind zurückzuführen. Das Verständnis, woher die negativen Gedanken stammten, hat mir geholfen, die negative Gedanken zu "managen" damit sie meinen Alltag nicht mehr oder mindestens weniger beeinträchtigten. Die Therapie dauerte sieben Jahre, währenddem ich die Technik zur Selbstbefragung mich aneignen konnte. In den letzten sechzehn Jahren habe ich für mich weitergemacht. Es kostete viel an Trauer und Wut, die schlechten Erinnerungen an meiner Familie und was geschehen ist, welche ich blockiert hatte, wachzurufen, hat sich aber gelohnt, indem mein Alltag jetzt viel positiver abläuft. Gerne würde ich mich mit Leute zu dieser Art von wachsendem Selbstbewusstsein ("self-awareness") austauschen.

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Es gibt das Buch von Joachim Bauer „ Gedächtnis des Körpers“, welches Ihnen vielleicht im Weiterkommen Ihrer Fragen dienlich sein könnte. Zumindest ist es ein interessanter Ansatz im Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Körper und Geist.

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B. J.
· editiert

Was mich interessieren würde, auch wenn es nur indirekt mit dem Thema psychische Krankheit zu tun hat, wären die Gewinnströme im Handel mit Psychopharmaka, die Margen zwischen Produktion und EndverbraucherIn, vielleicht auch die Veränderungen im Verbrauch der letzten Jahre etc.
Mein (subjektiver) Eindruck ist, dass Indikationen und Altersgrenzen, vielleicht seit dem Aufkommen von Generika?, ständig ausgeweitet werden, was ökonomisch ja auch Sinn machen würde: es sind mehr Produkte da, also müssen auch die Absatzmöglichkeiten zunehmen. Vielleicht liesse sich anhand einiger Klassiker aufzeigen, wie die Marktmechanismen hier spielen.
Was mir bspw. auffällt, ist, dass Mediziner_innen oft dazu neigen, immer das Neueste zu verschreiben. Warum ist das so? Sind die Margen hier grösser? Oder die unerwünschten (Neben)Wirkungen einfach noch weniger bekannt, so dass Patient_innen nicht über allzuviel Unangenehmes informiert werden müssen?
Meines Wissens sind die vorgeschriebenen Testphasen recht kurz, bevor ein Medikament auf den Markt geworfen werden darf. Wird hier möglicherweise nach der Markteinführung noch so etwas wie 'Feldforschung' betrieben?
Das Thema ist komplex und dürfte anspruchsvoll zu recherchieren sein, aber vielleicht interessiert es auch noch andere.

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Zu einer Depression ist es bei mir zum Glück nie gekommen. Mir hat es in Zeiten von arbeitsbedingten psychologischen Schwierigkeiten sehr geholfen, dass ich mir jederzeit eine Kündigung finanziell gut leisten konnte. Wenn man ein bisschen über den Tellerrand des Gesundheitssystems denkt: hat man eigentlich bei Experimenten zum bedingungslosen Einkommen (und ähnliches) untersucht, ob es Auswirkungen auf die psychologische Gesundheit hat?

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Das wichtigste ist die Bewegung in der Natur, wenn man depressiv ist. "Forscher vermuten, dass Sport ähnlich wie ein Antidepressivum wirkt: Viel Bewegung lässt den Serotoninspiegel steigen, verbessert die Übertragung von Neurotransmittern und begünstigt das Wachstum neuer Nervenzellen im limbischen System. Die Forscher sehen deshalb im Sport eine gute Ergänzung zu den anderen Verfahren." (avogel.ch)
Mir hat Sport jedenfalls sehr gut geholfen.

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  1. Sehr hilfreich:
    Ein kurzer Psychiaufenthalt in Australien (Lismore, von Byron Bay - via Nimbins Hippiemuseum, quasi - aus hingelangt) - in einem oval angelegten Spitaltrakt mit hellem durchgängigem Rundgang, an dem die leicht gerundeten Zimmer lagen, mitten im australischen, heissen Sommer; vor einem der Fenster mein Lieblingsbaum, in der Mitte Gras und einige der australischen Viecher, die locker über die Wände rein und raus jonglieren oder klettern. - Und dort die besten zwei Sätze von Betreuerinnen in einer solchen Situation, die, für mich jedenfalls, möglich waren:

  • Oh yes, we like people to help themselves !!! (und dies über den ganzen Raum, ca 6-8 Stuhlreihen, hinweg, als Antwort auf lediglich leicht hochgezogene Augenbrauen [der auslöser war gewesen: over there, in those cupboards, there’s fresh linen, so just help yourselves, when you feel like changing yours - in mir schoss der gedanke hoch: oh, i’m alright, then!]; das war mindestens so phänomenal wie die Worte selber).

  • Und: Hi, I’m Linda (so glaube ich hiess sie), I’m the social worker here and I’d like to get to know you a bit better [better!, wir sahen uns grad, seit ca. 30 sekunden, das erste mal in unserem, diesseitigen jedenfalls, leben]; may I ask you: what was, so far, your greatest success, in life? [success !!! und dann noch greatest ! - war grad anderthalb tage in einem wachen albtraum gefangen und kaum mehr ansprechbar gewesen!] (Was dieser simple Satz weshalb und wie ausgelöst, welche Geschichte das raufgeholt hat, und wie unglaublich treffende Brücken zurück ins Wachleben die Rückfragen waren, würden einen Geschichtenband füllen - und kommt mir noch immer - vor endgültigem Absaufen - immer wieder in den Sinn.
    Oder anders: Die paar Begegnungen (eine dritte, fast ebenso spezielle, kam noch dazu) tragen mich bis heute. Durch jedes Gewitter, jeden Misstritt in klippenreichem Gelände, alle noch so heftigen Wogen.

  1. hilfreich: Jahre später die Lektüre eines wissenschaftlichen Essays (sowie eine Zeit lang, arbeitsbedingt, wöchentliche Gespräche mit dem zugehörigen Autor), die mich 24/7 forderte, bevor ich sie verdaut hatte, die u.a. die Symptome von Opfern schwerer Gewalt beschrieben hat, und die, wieder u.a., eine nichtkörperliche neue Art einer Foltermethode beschrieb, die nicht mehr beweisbar, da nichts davon mehr je konkret sichtbar ist oder wird - eine Art doppelter Folter also, und auf Langzeit wirksam. - Nach der inneren Verarbeitung des Textes war ich (nach vierzig chronisch depressiven Jahren) einige Jahre richtig befreit und (auch körperlich wieder, wie bis 12 schon mal) plötzlich viel leichter unterwegs - bis zum Tod des Vaters, wo die Familienstrukturen erneut, und massiver noch, zuschlugen (durchaus im mehrfachen Sinn).
    Trotzdem tragen die beiden Sätze aus Australien (und ein sehr gutes Gedächtnis für meine Albtraumbilder, durch die ich mich über Jahre durchgearbeitet habe) noch immer.

  2. hilfreich: p.Z. endlich auf eine Traumatherapeutin zu treffen und später nochmal auf eine Fachperson, die sich, eine Weile lang wenigstens, auf ein Gespräch wirklich einliess.

  3. hilfreich: der (s. No 1, oben) wache Albtraum selber bzw. dessen Bilder - genau wie im Träumen eine volle Flut davon, in kürzester Zeit. Eingreifen in die Bilder-Gedanken ging nicht mehr; aber genau abspeichern (und später über mehrere Jahre da hindurchpflügen), das ging noch. Und hat mich wohl gerettet. Aus ganz vielem gerettet.
    5., 6., 7., 8. hilfreich: und vielleicht mehr noch - oder einfach als Ausdruck dessen, was das Leben ohne die 40 depressiven Jahre stattdessen hätte sein können - dies seit nun bereits etwa acht Jahren, in eine Welt einzutauchen in einer (inneren) Wucht, und mit einer anhaltenden Faszination, die ich nicht für möglich gehalten hätte ... und die (lustigerweise) sich anfühlt so ein wenig wie das Game mit der Archäologin, über das ich vorher etwas weiter oben oder unten in der R gelesen, und wo ich vorher schon einen Kommentar geschrieben habe.
    Aber so richtig easy - oder auch „erfüllt“ - fühlt sich mein Leben des Öftern mal nach wie vor nicht an. Ohne Kämpfe noch weniger. Aber wenigstens in der Zwischenzeit irgendwie lebbar. Und sogar mit Zukunftshoffnung und ganzen Sprühregen von Begeisterung zwischen den graueren Momenten lebbar. !
    Mehr zu erwarten wäre vielleicht einfach Hybris. Oder so.
    Voilà. (Und xie xie [sjesje] — Ihr habt gefragt. Selber schuld also für einmal.)
    Hoffentlich kommt nun endlich das Gewitter. Guetnacht!

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Was, wenn die Familie das Negative nicht mehr tragen mag, kann? Wenn die Lebensfreude der Nächsten zu sehr getrübt wird? Wie lernt man sich abgrenzen ohne sich abzuwenden?

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Finde ich auch eine wichtige Frage.
Für mich persönlich ist es wichtig, meine Rolle genau zu erkennen. Als Freundin oder als Tochter bin ich nicht Therapeutin. Die andere Person in ihrem Leiden wahrnehmen, respektieren und aushalten ohne den Anspruch, dass es ihr deshalb besser gehen muss. Und trotzdem nah bleiben.
Würden wir bei einem physisch Kranken auch machen.
Und wenn es zu viel wird auch mal ganz bewusst und ohne schlechtes Gewissen etwas für sich alleine machen, das einem gut tut.
Oder für sich selber professionelle Hilfe annehmen.

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B. J.
· editiert

Ergänzend: für Angehörige, die in der Behandlung ja oft ein bisschen verloren gehen, vielleicht hilfreich: Vereinigung von Angehörigen psychisch Kranker VASK . Auch für Betroffene selber können begleitete oder unbegleitete Selbsthilfegruppen eine wichtige Unterstützung sein. Die Erfahrung ist in der Regel wohltuend, nicht als EinzigeR mit diesen spezifischen Problemen kämpfen zu müssen. Gruppen hängen aber stark von ihrer jeweiligen Zusammensetzung ab und man muss ausprobieren, was zu einem passt.
Aus meiner Sicht empfehlenswerte Literatur v.a., aber nicht nur zum Thema Depression: Daniel Hell.

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Was mir geholfen hat:
Kurzform: eine Therapie bei einem Psychiater kombiniert mit dem Einsatz von Antidepressiva (Escitalopram), die Lektüre zahlreicher Selbsthilfebücher, der Besuch einer spezialisierten Klinik für Betroffene eines Burnouts/Erschöpfungsdepression und zahlreiche Gespräche mit Personen, die mir nahe stehen. Was mir damals KONKRET geholfen hat war das wohl die Einsicht, dass ich nicht mehr so weitermachen kann, wie bisher und mein Leben verändern musste.

Ich kann mir gut vorstellen, dass das eine sehr individuelle Angelegenheit ist und was mir geholfen hat, nicht automatisch anderen auch hilft. Aber der Vollständigkeit halber trotzdem eine Liste:

  • Medikamentöse Behandlung als Stimmungsstabilisator

  • Mehr Bewegung (Ausgiebige Spaziergänge, Jogging, Krafttraining, Schwimmen)

  • Sich Zeit nehmen und geben; lernen, "Nein" zu sagen. Eine Depression zu kurieren braucht Zeit

  • Yoga- und Atemübungen: lernen, sich mit seinem Körper (wieder) zu verbinden und auf dessen Signale zu achten

  • Genug und v.A. qualitativ hochwertiger Schlaf. Spätestens um Mitternacht ins Bett gehen und ab 22h in keine Bildschirme mehr starren

  • Keine Scham davor, offen mit seiner Erkrankung umzugehen und sie in seinem Umfeld zu thematisieren. Mit Freunden und Familie Dinge unternehmen und sich nicht verkriechen.

  • Auf Ernährung achten (Industriell gefertigte Lebensmittel meiden, insbes. Zucker. Sich von frischer Nahrung statt von convenience food ernähren)

  • In der Psychotherapie uneingeschränkte Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und dem Therapeuten, sowie die Bereitschaft, sein Leben zu ändern. Man kommt nur voran, wenn es weh tut

  • Lernen, lernen, lernen. Mir persönlich hat es sehr geholfen, mehr über meine Krankheit zu erfahren. Wissen hilft, wieder Herr über eine Lage zu werden, die einem aus den Händen geglitten ist

Erfahrungen mit Fachstellen, Spitälern, Ämtern:
Verlief bei mir glücklicherweise unkompliziert. Der Aufenthalt in der Klinik (6 Wochen) wurde von der Krankenkasse zum einem Grossteil übernommen und ich erhielt während rund einem Jahr eine Lohnfortzahlung (war so lange krank geschrieben). Rückblickend bewerte ich den Aufenthalt in der Klinik als sehr positiv. Er gab mir damals wieder Energie zurück, um notwendige Veränderungen in meinem Leben anpacken zu können. Mit meinem Psychiater habe ich viel Glück und es ist nicht selbstverständlich, dass man gleich beim ersten Anlauf jemanden findet, mit dem man harmoniert. Ich habe sicherlich vom Rat einer guten Kollegin profitiert, die ebenfalls eine schwierige Zeit durchgemacht und mit diesem Psychiater gute Erfahrungen gemacht hat.

Welche Fragen ich nicht klären konnte bzw. wozu ich dringend mehr erfahren möchte: mittlerweile konnte ich sie klären, aber brauchte recht lange für eine eigentlich banale Frage: was geschieht bloss mit mir? Warum habe ich plötzlich all diese körperlichen Symptome? Und warum bessert es nicht?

Zwei Erkenntnisse waren zentral für die Antwort auf meine Fragen:

  1. Eine Depression ist ein vielschichtiges Phänomen. Es ist nicht einfach nur so, dass man schwer betrübt ist und keine Lebensfreude mehr empfindet. Bei mir z.B. kamen Angstzustände dazu, die sich auf der körperlicher Ebene niederschlugen (Verspannungen, schneller Herzschlag, Atemnot, Schwächegefühle, Taubheitsgefühle), was wiederum in mir die Befürchtung weckte, womöglich an einer schlimmen Krankheit zu leiden, was wiederum die Depression befeuerte. Man kommt so schnell in einen Teufelskreis von sich gegenseitig verstärkenden Symptomen.

  2. Aus Punkt 1 wird ersichtlich, dass Körper und Geist eng miteinander zusammenhängen (sorry René Descartes). Auf den Körper zu achten ist bei der Prävention von Depressionen von nicht zu unterschätzender Bedeutung: Zu wenig Schlaf, schlechte Ernährung und zu wenig Bewegung, können am Anfang einer Depression stehen. Aber wiederum hat unser Denken auch einen Einfluss auf den Körper: z.B. ist Stress nicht per se schlecht; entscheidend ist, wie wir ihn bewerten. Unser Denken, d.h. die Bewertung von Geschehnissen und wie wir uns selbst und unser Leben sehen, schlägt sich auf körperlicher Ebene nieder via dem Aussenden unterschiedlicher Botenstoffe. Wer z.B. in allem rasch eine Bedrohung sieht, neigt zu einer stärkeren Ausschüttung von Cortisol, was den Körper wiederum in einen Alarmzustand versetzt und, wenn dies zum Dauerzustand wird, an dessen Ende eine Erschöpfungsdepression stehen kann.

Ich persönlich würde gerne noch mehr über die Wechselwirkung zwischen Geist und Körper bei der Entstehung einer Depression erfahren und denke, dass es für das Gesundheitswesen zuträglich wäre, wenn das öffentliche Bewusstsein diesbezüglich gestärkt wird, denn wir stehen immer noch (zu) sehr in einer cartesischen Tradition, die Körper und Geist als zwei getrennte Welten versteht.

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Falls die psychischen Leiden die Folge einer Straftat (wie etwa sexualisierter oder häuslicher Gewalt) sind, dann können die Betroffenen sich an die kantonale Opferhilfe wenden. Die Opferhilfe kann beispielsweise die Finanzierung einer Psychotherapie übernehmen, was ungemein wertvoll sein kann. Ich kenne die Hilfe der Opferhilfe aus eigener Erfahrung und kann deshalb allen Betroffenen empfehlen, diese Möglichkeit zu prüfen.

Die Frage, ob ein psychisches Leiden die Folge einer Straftat ist, habe ich dabei als eine offene Frage der therapeutischen Argumentation erlebt. Bei mir waren Panikattacken der akute Grund, weshalb ich eine Psychotherapeutin aufsuchte. In der Therapie ging es dann schnell um tieferliegende Erfahrungen, wo letztlich auch Straftaten reinspielten. Die "kausale Verbindung" zwischen dem Damals und dem Heute aufzuzeigen war dann Aufgabe meiner Therapeutin.

Eine Psychotherapie hätte ich mir ohne die Opferhilfe nicht leisten können und zu einem Psychiater wollte ich nicht. Dies als Tipp; bon courage!

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Ich habe meinen gut bezahlten Job vor gut 4 Jahren gekündigt, weil ich die Schikanen nicht mehr ausgehalten habe und nicht mehr schlafen konnte. Danach bin in ein tiefes Loch gesunken, zerfressen von Selbstvorwürfen und Minderwertigkeitsgefühlen. Ich fand einen sehr guten Psychiater, der mir heraushalf. Antidepressiva halfen vorerst, wieder am Leben Freude zu haben, die ich nach ca. einem Jahr absetzen konnte. Mir hat geholfen, danach verschiedene Arbeitgeber zu haben und dadurch nicht von einem abhängig zu sein. Seit 1,5 Jahren bin ich teilpensioniert bin. Finanziell bin ich glücklicherweise von Lohnarbeit nicht mehr unbedingt abhängig und dadurch fühle ich mich freier.

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Es gibt ja auch Depressionen, die eine verständliche Reaktion auf eine sehr schwierige Lebenssituation sind. In solchen Fällen kann man sich sagen: Immer am Montag mache ich mir Sorgen! Und dann das auch durchziehen: Am Montag ist Sorgentag. Unangenehme Korrespondenz, Formulare ausfüllen, die nächsten Schritte beim Anwalt - alles wird am Montag durchdacht und wenn möglich auch durchgeführt. Fast alles hat eine Frist von mehr als einer Woche, daher lässt sich das Prinzip recht gut durchhalten. Aber man muss natürlich planen und aufpassen, dass man keine Frist verpasst... - Für wirklich Depressive ist das wohl kaum möglich, aber als Vorbeugung taugt es sehr gut, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen.

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Warum wurde eigentlich der Schwerpunkt Depression gewählt? Ist diese gegenüber Traumatas, Angstörungen, Bipolare Störung, Selbstverletzung, Bulimie, Sucht etc. derart weit verbreitet, dass man Depression als "Hauptproblem" benennen kann?
Nebst der Depression, ist mir in meinem Leben das Aufgezählte alles schon begegnet. Man kann sich diesen Personen annehmen, hat oft das Gefühl gegen Windmühlen anzukämpfen, dennoch ist es meine Erfahrung, etwas bewirken zu können, wenn man Zugang findet. Einfühlen, Mitgefühl und Verständnis sind wichtig, gerade auch für irrationale Handlungen wie Selbstverletzung. Tut man es, lädt man aber auch sich selber viel Ballast auf. Denn gerade bei Traumatas, sind die dahinterliegenden Geschichten, nie ein Spiegel der heilen Welt, an welcher man sich eigentlich gerne festklammern würde und es kann passieren, dass man diese dann auch zu hören kriegt.
Gerade auch in der Arbeitswelt hat man grundsätzlich zu funktionieren und hat oft keine Zeit, sich Probleme anderer anzunehmen. Im Gegenteil, man ist gerne damit beschäftigt, die eigenen Probleme in den Hintergrund zu wischen und so bleibt sich oft jeder selbst der Nächste.

Was mich freuen würde, wäre etwas über Sinn oder Unsinn von Medikation und deren Alternativen zu erfahren.

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Sie haben Recht, nach der Statistik sind Angststörungen mehr als doppelt so häufig wie mittlere und schwere Depressionen. Vermutlich ist es aber sinnvol, ein solches Thema einschränkend zu behandeln.

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Was hat Ihnen oder einem Nächsten geholfen?

Ich habe ein Kind verloren, welches mit seinen Depressionen nicht mehr zu Recht kam.
Geholfen hat uns ein möglichst geregelter Alltag. Das betraf die ärztliche Unterstützung, wesentlich auch berufliche Sicherheit, geregelte Freizeit, Sport, familiäre menschliche als auch finanzielle Unterstützung.

Welche Erfahrungen haben Sie dabei mit Fachstellen, Spitälern, Ämtern gemacht?

Unsere Geschichte lief vor 20 - 30 Jahren. Vor allem die Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Ämtern und Spitälern war wesentlich komplizierter als heute, es wurde alles stets fast kriminell ausgelegt und interpretiert. So zum Beispiel Drogenkonsum.

Welche Fragen konnten Sie dabei nicht klären – wozu möchten Sie dringend mehr erfahren?

Damals ging es auch um rechtliche Fragen. Es war nicht nur von Kanton zu Kanton schwer, einheitliche Rechtsgrundsätze zu finden. Um eine Schuldfrage der Polizei zu beweisen, hätten wir an den Europäischen Gerichtshof müssen, was so kompliziert bzw. für normale Bürger unmöglich war, dass man besser aufgab.
Es kam zu einem Tötungsdelikt, wofür sich die Polizisten bis heute nicht entschuldigen mussten, obwohl der lagebedingte Erstickungstod auf Grund falschen Polizisten Verhaltens eintrat und bewiesen war.
Schliesslich wurde das gesamte Korps der Polizei dafür verantwortlich gemacht, die Ausbildung der Polizisten zu verbessern. Was auch geschah.

Beim ganzen sollte das Leben und Wohl der betroffenen Personen so geschützt sein, dass daraus keine rechtliche Frage wird, sondern ein menschliches und medizinisches Anliegen bleibt, welches man gemeinsam lösen kann!

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Grüezi Frau A.,
Es sind oft die empfindlichen Seelen, welche ein unglaublich grosses Geschenk für die Welt darstellen. Sie dürfen trotz all der dahinterliegenden Tragik und Trauer, stolz sein, eine davon gekannt, begleitet und aufgezogen zu haben. Das war ganz bestimmt nicht umsonst. Ich wünsche Ihnen dieses Wissen.

Ich habe mehrere Suizide in meinem Umfeld erlebt und manchmal, muss man Anderen verzeihen, zugestehen, dass innerhalb des falschen Kontextes gehandelt wurde, um das Andenken eines Menschen in gebührender Form überhaupt wahren zu können.
Wie das bei Ihnen war und ist, wage ich nicht im geringsten zu beurteilen. Es ist einfach der Weg, den ich für mich gefunden habe. Auch wenn Suizid nicht dasselbe ist, was ihrem Kind zugestossen ist.
Ganz bestimmt ist es aber unglaublich Schmerzhaft, auf diese Weise einen geliebten Menschen zu verlieren, welcher der Welt ganz bestimmt noch so vieles hätte geben können. Solche Geschichten, tuen mir jedesmal von Neuem im Herzen weh.
Alles Gute!

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hallo A. P., Liebe ist die beste Antwort, ihre guten Worte trösten echt, der einzige Weg, verzeihen zu lernen.
Doch auch eine einheitliche Rechtsprechung kann hin und wieder Unheil verhüten. Fehler sind menschlich, eine Geste der Entschuldigung wäre so wichtig, kostet nichts und wird nicht bestraft!
Besten Dank
R. A.

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