Wir sind die Republik – ein neues Modell im Schweizer Journalismus. Unser Online-Magazin arbeitet unabhängig: keine Werbung, keine Klick-Wirtschaft, keine Kompromisse in der Qualität. Wollen Sie unabhängigen Journalismus unterstützen, freuen wir uns, Sie an Bord zu sehen.

Minensuche auf historischem Gelände: Russische Spezialisten in der antiken Oasenstadt Palmyra. Tass/Getty Images

Moskaus Lohn: Phosphat aus Palmyra

Putins Kampfjets halfen Assad, den syrischen Bürgerkrieg zu gewinnen. Nun zeigt sich dieser erkenntlich – und erlaubt russischen Oligarchen lukrative Rohstoffdeals. Unter ihnen: Gennadi Timtschenko, der in Genf als Wohltäter auftritt.

Von Amir Ali, 15.02.2019

Manchmal passt grosse Politik auf eine halbe A4-Seite.

Wie bei einem syrischen Gesetz mit der Nummer 11, datiert auf den 2. April 2018: Das Unternehmen Stroytransgaz Logistics darf, so steht es dort sinngemäss, die Phosphatminen unweit der antiken Stadt Palmyra ausbeuten. Gezeichnet: der Präsident der Republik, Bashar al-Assad.

Diese Facette des Syrienkrieges ist neu. Es geht für einmal nicht um religiösen Fundamentalismus, Menschen auf der Flucht, Zerstörung und Gewalt. Sondern um Rohstoffdeals in Milliardenhöhe, um Russlands Lohn für sein Eingreifen in den Konflikt. Und darum, wie ein russischer Oligarch, der seinen Wohnsitz am Genfersee hat und dort als Kulturmäzen auftritt, am Krieg verdient.

Gesetz Nummer 11 ist öffentlich. Es befindet sich, als schlecht aufgelöstes Foto, auf der Website der syrischen Rohstoffbehörde, des General Establishment of Geology and Mineral Resources.

Der Vertrag dahinter besagt: Über eine Laufzeit von 50 Jahren sollen jährlich 2,2 Millionen Tonnen Phosphat abgebaut werden. Wobei 70 Prozent der Profite an den russischen Konzern gehen und 30 Prozent an den syrischen Staat.

Eine Tonne Phosphat ist derzeit auf dem Weltmarkt 100 bis 130 US-Dollar wert. Der Deal ist also rund 250 Millionen US-Dollar schwer – Jahr für Jahr.

Stroytransgaz ist einer der grössten Baukonzerne der Welt, spezialisiert auf Infrastruktur­projekte: Autobahnen und Atomkraftwerke, Pipelines und Ölplattformen. Für die Fussball-WM 2018 baute die Firma Stadien in Wolgograd und Nischni Nowgorod.

Auf der Website von Stroytransgaz wird der russische Milliardär Gennadi Timtschenko als Hauptaktionär genannt. Er ist ein enger Vertrauter von Präsident Putin und war Gründer des Ölhandelsriesen Gunvor mit Sitz in Genf. Dort bewohnt er mit seiner Frau und den drei Kindern teure Villen am See, jahrelang ist er dort pauschal besteuert.

Viele von Timtschenkos Unternehmen tragen Stroytransgaz im Namen. Auch Stroytransgaz Logistics wird zu seinem Imperium gehören. Auch wenn es nur in Gesetz Nummer 11 und einigen Nachrichtenmeldungen auftaucht. Ein Sprecher verweigert jede Auskunft zu dem Unternehmen.

In Syrien macht Stroytransgaz, der Mutterkonzern, seit 2000 Geschäfte, baute Anlagen und schweisste mehrere hundert Kilometer Pipelines für den Gassektor zusammen. 2011 berichtet eine Zeitung, dass Stroytransgaz über 1 Milliarde Dollar in Syrien investiert habe.

Und nun also Phosphat. Aus Palmyra. Was steckt dahinter?

Aus der syrischen Wüste auf Europas Äcker

Was da abgebaut werden soll, wo eben noch Krieg herrschte, ist ein essenzieller Baustein des Lebens. Ob Pflanzen, Tiere oder Menschen: Phosphor ist Bestandteil ihrer DNA und ermöglicht den Stoffwechsel. Nehmen wir Menschen zu wenig Phosphor auf, werden unsere Knochen weich, und wir bekommen Herzrhythmus­störungen; Kinder wachsen nicht so, wie sie sollten.

Der Export von Phosphat aus Syrien war ein lukratives Geschäft (hier eine Mine nahe Damaskus). Dann kam der Krieg. C. Sappa/De Agostini/Getty Images

Ohne Phosphordünger keine industrielle Landwirtschaft. Auch Pflanzen brauchen das Element, sonst treiben sie weniger Blüten aus und tragen weniger Früchte. Auf Schweizer Böden müssen Bauern für eine Hektare Weizen rund sechzig Kilo reinen Phosphors ausbringen. Ein Teil davon kann durch Mist und Gülle abgedeckt werden. Für den Rest braucht es Phosphat­dünger. In der Natur kommt Phosphor nicht in reiner Form vor, nur in Form von Phosphatverbindungen.

Phosphat ist eine endliche Ressource. Die EU hat es auf eine Liste wichtiger Rohstoffe gesetzt, solche mit «hohem Versorgungs­risiko und grosser wirtschaftlicher Bedeutung». Europa deckt nahezu seinen ganzen Bedarf durch Importe ab: vor allem aus Marokko, aber auch aus Syrien.

2008 exportierte Syrien Phosphat und Phosphat­produkte im Wert von 168 Millionen Euro nach Europa. 2011, als der Bürgerkrieg ausbrach, waren es noch 123 Millionen Euro. Von da an ging es stetig abwärts. Die Kämpfe nehmen zu, die Umsätze sinken.

Sinkende Umsätze

Phosphatexporte in die EU

2004200820122018050100150 Mio. Euro

Quelle: Eurostat

Vor dem Krieg war Syrien der fünftgrösste Phosphatexporteur der Welt. Als die EU nach dem Kriegsausbruch 2011 syrisches Öl und Gas mit einem Embargo belegte, wurde Phosphat zum wichtigsten Rohstoff für das Land – und zu einer bedeutenden Einnahmequelle für das Assad-Regime. Noch 2014, mitten im Bürgerkrieg, machte die syrische Regierung rund 100 Millionen Dollar Umsatz mit Phosphatexporten.

Doch dann geschieht etwas auf den Schlachtfeldern, was den Handel zum Erliegen bringt: Im Mai 2015 erobert der IS das Gebiet rund um die antike Stadt Palmyra und kurz darauf auch die wichtigsten Phosphat­minen des Landes, ganz in der Nähe. Die Exporte in die EU sinken auf null.

Gezerre um die Phosphatminen bei Palmyra

Was die IS-Leute mit den Minen anstellen, ist unklar. Phosphat muss, anders als Rohöl, aufwendig weiterverarbeitet werden, weshalb die Eroberung der Minen für den IS wohl eher symbolischer Natur ist. Französische Terrorismus­experten schätzen, dass rund 10 Prozent der knapp 2,5 Milliarden Euro, die der IS 2015 eingenommen haben soll, aus dem Geschäft mit Phosphat aus irakischen und syrischen Minen stammt.

Im Sommer 2015 verlegt Putin Bomber nach Syrien, um seinem langjährigen Verbündeten Bashar al-Assad beizuspringen. Russische Luftschläge und iranische Milizen am Boden – diese Allianz wendet das Blatt im syrischen Bürgerkrieg. Auch in Palmyra.

Im Frühjahr 2016, nachdem sich Assads Truppen mit russischer Luft­unterstützung Palmyra ein erstes Mal zurückgeholt haben, ist es Zeit für eine Botschaft an die Welt: Ein paar Wochen nachdem die letzten Bomben und Schüsse gefallen sind, erklingen in den Ruinen der antiken Wüstenstadt Bach und Prokofjew. «Gebet für Palmyra» heisst das Konzert.

Die Zivilisation hat gesiegt, und die Welt soll sehen, wem sie das zu verdanken hat: Wladimir Putin lässt sich für eine Ansprache aus Sotschi zuschalten und nennt das Konzert «ein Zeichen der Hoffnung».

«Gebet für Palmyra»: Das Mariinski-Orchester unter der Leitung von Waleri Gergijew (weisse Baseballkappe) am 5. Mai 2016 in Palmyra. Sergei Chirikow/EPA/Keystone
Aus der Ferne ist der russische Präsident ergriffen: Wladimir Putin schaut sich das Konzert aus Palmyra am TV-Gerät an. Michael Klimentjew/Sputnik/Keystone

Es dirigiert, eine weisse Baseballkappe gegen die Wüstensonne auf dem Kopf, Waleri Gergijew, Intendant des weltberühmten Mariinski-Theaters von Sankt Petersburg und Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Und auch in der Schweiz steht er häufig am Dirigentenpult.

Der IS wird danach vorübergehend die Kontrolle über das Gebiet zurückerlangen. Doch im Frühjahr 2017 erobern Regierungs­truppen Palmyra und die Phosphat­minen endgültig zurück.

Nicht nur die Tempel im Weltkulturerbe tragen Spuren der Verwüstung, auch die Industrieanlagen sind zerstört. Videos, die ein syrischer Oppositionssender verbreitet und die offenbar nach der Rück­eroberung der Minen gedreht wurden, zeigen beschädigte Anlagen, leere Gebäude und ein verstaubtes Labor, alles scheinbar fluchtartig verlassen. Unabhängig verifizierbar sind die Aufnahmen nicht.

Der Oligarch verdient nun mit

Ohne Putins Eingreifen wäre für Assad nicht nur der Krieg verloren gewesen. Ohne russische Partner gäbe es auch keinen Wiederaufbau. Die Währung, mit der diese Hilfe abgegolten wird, sind Rohstoffe. Den russischen Bomber­piloten folgen die Ingenieure. Und die Investitionen der Oligarchen.

Im Dezember 2017 lässt Vizepremier Dmitri Rogosin in Moskau verlauten, Russland werde als einziges Land den Syrern dabei helfen, ihren Energiesektor wiederaufzubauen. Genauer: «Die syrische Führung möchte nur mit Russland zusammenarbeiten.»

Verständlich, wenn man bedenkt, dass sich ausser dem Iran und Russland die meisten Länder gegen Assad gestellt haben. Rogosin kündigt Konkretes an: Russland und Syrien würden ein gemeinsames Unternehmen gründen, das in der syrischen Wüste Phosphat abbauen soll.

Kriegsbrüder: Syriens Präsident Bashar al-Assad (links) und Wladimir Putin im Dezember 2011 in Latakia. Kremlin Press Office/Anadolu Agency/Getty Images

Gut möglich, dass der Vizepremier damit den Deal zwischen der syrischen Regierung und Stroytransgaz meint. Denn bereits im Dezember 2016 – ein halbes Jahr bevor Palmyra zurückerobert wird – kauft sich Timtschenkos Unternehmen mit 31,5 Prozent in die Minen ein.

Ist der IS besiegt, soll die russische Firma die Minen instand setzen, die Produktion in Gang nehmen und für die Sicherheit der Anlagen sorgen. Die Anfrage, ob Stroytransgaz in Syrien mit Söldner­firmen zusammenarbeite, blieb unbeantwortet.

Im Frühjahr 2017, kaum ist der IS aus Palmyra vertrieben, macht sich Stroytransgaz Logistics in den Phosphat­minen an die Arbeit. Kurz darauf beginnt der Export: Bereits im August 2017 führt die EU wieder Phosphat­produkte aus Syrien ein.

Im Januar 2018 meldet die syrische Geologie­behörde, am syrischen Hafen von Tartous werde nach zwei Jahren Unterbruch wieder Phosphat verladen. Sobald die Anlagen und Labore vollständig instand gesetzt sind, sollen es drei Millionen Tonnen pro Jahr sein, so wie vor dem Krieg.

Nur verdient heute nicht mehr nur der syrische Staat daran. Sondern auch der russische Oligarch vom Genfersee.

Kein Durchkommen zu Timtschenko

Knapp zehn Minuten fährt man vom Vorort Cologny in die Genfer Innenstadt, immer den Genfersee entlang. Lange Zeit ist es der Arbeitsweg jenes Mannes, der hinter Stroytransgaz steht: Gennadi Timtschenko liess sich mit seiner Familie 2002 als Pauschalbesteuerter in der Schweiz nieder. In Cologny kaufte er damals eine Villa für über 18 Millionen Franken.

So weit verzweigt seine Geschäfte sind, so überschaubar ist Timtschenkos Welt in Genf: Vom Sitz des Ölhandels­unternehmens Gunvor, das Timtschenko mitgegründet hat, sind es nur ein paar Schritte bis zur Fondation Neva, seiner philanthropischen Stiftung.

Timtschenko, 66, gehört zu den Profiteuren des Zusammenbruchs der Sowjetunion. 1991 siedelt er nach Finnland über und arbeitet für ein Unternehmen, das Erzeugnisse der russischen Ölindustrie importiert. Timtschenko nimmt die finnische Staatsbürgerschaft an.

2000 gründet er mit seinem schwedischen Partner Torbjörn Törnqvist die Ölhandelsfirma Gunvor. 2003 öffnet Gunvors Head Trading Office in der Genfer Innenstadt. Energiebranche, Bausektor, Finanz­dienstleister, das sind die Felder, auf denen Timtschenko sich bewegt. Das Magazin «Forbes» schätzt sein Vermögen auf 19 Milliarden US-Dollar.

Gern hätten wir Gennadi Timtschenko gefragt, wie genau der Phosphatdeal mit der syrischen Regierung zustande gekommen sei und welche Rolle Moskau dabei gespielt habe. Mit wie viel Gewinn er als Hauptaktionär von Stroytransgaz rechne und ob er die Gewinne aus seinen Geschäften noch immer in der Schweiz versteuere.

Und wir hätten mit ihm gern über das Verhältnis zwischen Privat­wirtschaft und Staat gesprochen. Was er etwa davon halte, dass Russland mit öffentlichen Geldern einen Krieg finanziert, von dem am Ende einige wenige Geschäftsleute profitieren. Oder davon, dass die Regierung in Damaskus staatseigene Bodenschätze verkauft, um ihren Machterhalt zu finanzieren. Doch es gab für uns kein Durchkommen zu Timtschenko. Und es gibt zwei Gesetze, die klare Antworten verhindern: das Genfer Steuer­geheimnis und ein Gesetz des Schweigens.

Die PR-Abteilung von Stroytransgaz in Moskau reagiert auf mehrere Anfragen nicht. Einen Sprecher der Volga Group, Timtschenkos privater Investitions- und Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Luxemburg, bitten wir um die Bestätigung von Presse­berichten, wonach Timtschenko und seine Familie 50 Prozent an der Stroytransgaz Group halten. Die lapidare Antwort: «Es war noch nie gut, sich auf Presseberichte zu beziehen und diesen voll zu vertrauen.» Sonst nichts.

Öffentlich ist hingegen ein Eintrag auf der Website von Stroytransgaz von 2014, in dem Timtschenko als Hauptaktionär (principal shareholder) bezeichnet wird. Ebenfalls auf der Website aufgeführt ist eine Zweigstelle (affiliate) des Unternehmens in Damaskus.

Einblick in die Firmenstruktur gibt auch die Sanktionsliste des US-Finanz­ministeriums im Zusammenhang mit der Krim-Krise. Aufgelistet sind dort mehrere Unternehmen, die in Zusammenhang mit Timtschenko stehen: die «Stroytransgaz Group (aka Stroytransgaz)», die «Stroytransgaz LLC» und die «Stroytransgaz OJSC» in Moskau; die «Stroytransgaz LLC» im sibirischen Nowy Urengoi; die «Stroytransgaz Holding» auf Zypern und die «Volga Group» in Luxemburg.

Bereits die wenigen öffentlichen Informationen zeigen, wie komplex die Struktur nur schon in dieser einen Firma Timtschenkos ist. Exakt nachzuvollziehen, zu welcher dieser Gesellschaften die in Assads Erlass erwähnte Stroytransgaz Logistics gehört und wie sie den 200-Millionen-Phosphatdeal bekam, bleibt unmöglich.

Timtschenkos Sprecher schreibt: «Es gibt keine Firma namens Stroytransgaz Logistics in der Firmenstruktur von Stroytransgaz JSC.» Auf die Nachfrage, ob Timtschenkos Unternehmen am Phosphat­geschäft mit Syrien beteiligt sei, schweigt der Mann in Moskau.

Von Palmyra nach Verbier

Auf der US-Sanktionsliste landet Timtschenko wegen seiner Nähe zu Putin. Die US-Sanktionen sind offenbar auch der Grund, weshalb sich Timtschenko ab 2014 als Geschäftsmann aus der Schweiz zurückzuziehen beginnt.

Seine Anteile am Genfer Ölhandels­riesen Gunvor verkauft Timtschenko 2014 an seinen Partner – einen Tag bevor bekannt wird, dass ihn die Amerikaner unter Sanktionen stellen. Timtschenkos Freund Putin, so der Verdacht, halte heimlich Anteile am Ölhandels­riesen und könnte Zugriff auf Gunvor-Gelder haben – eine Anschuldigung, die Gunvor und Timtschenko bis heute abstreiten.

Spendierfreudiger russischer Oligarch mit Wohnsitz in Genf: Gennadi Timtschenko, hier im Dezember 2018 bei einem Besuch im Kreml. Wjatscheslaw Prokofjew/Tass/Keystone

Zwar hat sich die Schweiz den amerikanischen Sanktionen nicht angeschlossen. Sie stellt aber sicher, dass jene der EU nicht über den Schweizer Finanzplatz umgangen werden können. Im Lichte dieser Entwicklung erhält eine Aussage Timtschenkos aus seinem Interview mit der NZZ von 2013 eine neue Färbung: «Die Schweiz ist ein souveräner Staat und auch innerhalb Europas ein unabhängiges Land. Deshalb bedaure ich in einem gewissen Sinn allerdings auch die Annäherung der Schweiz an Europa. Ich finde den Beitritt zum Schengen-Abkommen nicht gut. Vor kurzem hat jemand versucht, in meine Villa einzubrechen. Solche Vorkommnisse häufen sich heutzutage.»

Gut möglich, dass Timtschenko auf Nummer sicher gehen wollte und deshalb seine Aktivitäten in der Schweiz eingestellt hat. Seinen Wohnsitz allerdings hat er noch hier, genauso wie seine Ehefrau und zwei seiner drei Kinder. Das zeigen aktuelle Auszüge aus dem Genfer Melde­register. Es bleibt die Frage: Zahlt Timtschenko auch weiterhin Steuern in der Schweiz? Die Genfer Behörden verweisen auf das strikte Steuer­geheimnis. Anfragen beim PR-Kontakt von Timtschenkos Stiftung sowie erneut beim Sprecher der Volga Group bleiben ergebnislos.

Die Fondation Neva ist die letzte offizielle Verbindung des Oligarchen in die Schweiz. Die Stiftung hat sich der Förderung des kulturellen Austausches und der Verbreitung der russischen Kultur im französisch­sprachigen Raum verschrieben. Unter den Partnern, mit denen sie über die Jahre zusammen­gearbeitet hat, ist alles, was Rang und Namen hat: die Universitäten Lausanne und Genf, die EPFL, der Louvre in Paris, die Genfer Victoria Hall und das Orchestre de la Suisse Romande, die Fondation Bodmer, das Gstaad New Year Music Festival unter dem Patronat von Prinz Albert II. von Monaco.

Das grösste Engagement der Stiftung ist aber das Verbier-Festival, dessen Hauptsponsor die Fondation Neva ist. Jeden Sommer steigt in den Walliser Alpen ein zweiwöchiges Fest der klassischen Musik, an der kommenden Ausgabe treten Weltstars wie András Schiff, Joshua Bell und Gilberto Gil auf.

Die musikalische Leitung des Orchesters des Verbier-Festivals hat dieses Jahr Waleri Gergijew übernommen, jener Mann, der in der syrischen Wüste mit einer weissen Baseballkappe auf dem Kopf das «Gebet für Palmyra» dirigierte.

Kriegsgewinne

All dies steckt hinter Gesetz Nr. 11, jenen wenigen Zeilen Verwaltungs­arabisch, erlassen vom Präsidenten der Syrischen Republik, Bashar al-Assad.

Nach sieben Jahren Krieg ist vieles in Syrien zerstört. Hunderte Milliarden Dollar wird der Wiederaufbau kosten, Bahnlinien, Strassen, Industrie­anlagen, Kraftwerke: «Wir wissen, was wir brauchen, und wir wissen, dass unsere russischen Freunde grundsätzlich helfen können», sagte ein hoher Vertreter der staatlichen syrischen Planungsagentur kürzlich gegenüber der «Financial Times», «aber wo das Geld herkommen soll, ist eine offene Frage.»

Und während Präsident Putin die europäischen Staaten und die USA dazu aufruft, sich finanziell am Wieder­aufbau Syriens zu beteiligen, investieren russische Unternehmen bereits in den lukrativsten Sektoren.

Zum Autor

Amir Ali, Jahrgang 1980, ist Co-Leiter des Strassen­magazins «Surprise» in Basel. Letzten Sommer landete ein News­letter in seinem Post­eingang. Beiläufig wurde da erwähnt, dass eine Firma des russischen Oligarchen Timtschenko nun Phosphat aus Syrien exportiert. Ali, der bis 2014 mehrmals aus Syrien berichtet hatte, beschloss, dem nachzugehen. Dabei half ihm, dass er als Sohn eines Ägypters Arabisch spricht.

Jetzt sind Sie dran!

Was gefällt Ihnen an diesem Beitrag? Was gibt es zu ergänzen? Was ist kritikwürdig? Ihre Mitverlegerinnen und die Redaktion freuen sich auf Ihr Wissen und Ihre Perspektive. Reden Sie mit auf unserer Dialogseite.

Da Sie schon hier sind – eine Warnung!

Wir von der Republik wollen Sie als Abonnentin gewinnen. Deshalb sagen wir Ihnen nur ungern, dass Lesen nicht ohne Risiko ist. Schopenhauer warnte, dass gleichsam mit fremdem Kopf denkt, wer liest. Und dadurch allmählich die Fähigkeit verliert, selber zu denken. Sein Schluss: «Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrter: Sie haben sich dumm gelesen.» Deshalb versprechen wir Ihnen, falls Sie uns abonnieren, Ihnen so wenig wie möglich zu liefern: nur das Wesentliche. Und nur im Notfall mehr als drei Texte pro Tag.


Noch nicht überzeugt? Jetzt probelesen

seit 2018